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Das Nibelungenlied

Karl Simrock: Das Nibelungenlied - Kapitel 29
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typepoem
authorKarl Simrock
titleDas Nibelungenlied
publisherWeltbild Verlag
editorAndreas Heusler
translatorKarl Simrock
correctorreuters@abc.de
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Neunundzwanzigstes Abenteuer

Wie er nicht vor ihr aufstand

Da schieden auch die beiden · werten Recken sich,
Hagen von Tronje · und Herr Dieterich.
Über die Achsel blickte · Gunthers Untertan
Nach einem Heergesellen · den er sich bald da gewann.

Neben Geiselheren · sah er Volkern stehn,
Den kunstreichen Fiedler · den bat er mitzugehn,
Weil er wohl erkannte · seinen grimmen Mut:
Er war an allen Tugenden · ein Ritter kühn und auch gut.

Noch ließ man die Herren · auf dem Hofe stehn.
Die beiden ganz alleine · sah man von dannen gehn
Über den Hof hin ferne · vor einen Pallas weit:
Die Auserwählten scheuten · sich vor niemandes Streit.

Sie setzten vor dem Hause sich · genüber einem Saal,
Der war Kriemhilden · auf eine Bank zutal.
An ihrem Leibe glänzte · ihr herrlich Gewand;
Gar manche, die das sahen · hätten gern sie gekannt.

Wie die wilden Tiere · gaffte sie da an,
Die übermüt'gen Helden · mancher Heunenmann.
Da sah sie durch ein Fenster · Etzels Königin:
Das betrübte wieder · der schönen Kriemhilde Sinn.

Sie gedacht' ihres Leides · zu weinen hub sie an.
Das wunderte die Degen · die Etzeln Untertan,
Was ihr bekümmert hätte · so sehr den hohen Mut.
Da sprach sie: »Das tat Hagen · ihr Helden kühn und auch

Sie sprachen zu der Frauen · »Wie ist das geschehn?
Wir haben euch doch eben · noch wohlgemut gesehn.
Wie kühn er auch wäre · der es euch hat getan,
Befehlt ihr uns die Rache · den Tod müßt' er empfahn.«

»Dem wollt' ich immer danken · der rächte dieses Leid-,
Was er nur begehrte · ich war' dazu bereit.
Ich fall' euch zu Füßen« · so sprach des Königs Weib:
»Rächt mich an Hagen · er verliere Leben und Leib.«

Da rüsteten die Kühnen · sich, sechzig an der Zahl:
Kriemhild zu Liebe · wollten sie vor den Saal
Und wollten Hagen schlagen · diesen kühnen Mann,
Dazu den Fiedelspieler · das ward einmütig getan.

Als so gering den Haufen · die Königin ersah,
In grimmem Mute sprach sie · zu den Helden da:
»Von solchem Unterfangen · rat' ich abzustehn:
Ihr dürft in so geringer Zahl · nicht mit Hagen streiten gehn.

»So kühn auch und gewaltig · der von Tronje sei,
Noch ist bei weitem stärker · der ihm da sitzet bei,
Volker der Fiedler · das ist ein übler Mann:
Wohl dürft ihr diesen Helden · nicht zu so wenigen nahn.«

Als sie die Rede hörten · rüsteten sich mehr,
Vierhundert Recken · Der Königin hehr
Lag sehr am Herzen · die Rache für ihr Leid.
Da wurde bald den Degen · große Sorge bereit.

Als sie ihr Gesinde · wohlbewaffnet sah,
Zu den schnellen Recken · sprach die Königin da:
»Nun harrt eine Weile · ihr sollt noch stille stehn.
Ich will unter Krone · hin zu meinen Feinden gehn.

»Hört mich ihm verweisen · was mir hat getan
Hagen von Tronje · Gunthers Untertan.
Ich weiß ihn so verwegen · er leugnet's nimmermehr:
So will ich auch nicht fragen · was ihm geschehe nachher.«

Da sah der Fiedelspieler · ein kühner Spielmann,
Die edle Königstochter · von der Stiege nahn,
Die aus dem Hause führte · Als er das ersah,
Zu seinem Heergesellen · sprach der kühne Volker da:

»Nun schauet, Freund Hagen · wie sie dorther naht,
Die uns ohne Treue · ins Land geladen hat.
Ich sah mit einer Königin · nie so manchen Mann
Die Schwerter in den Händen · also streitlustig nahn.

»Wißt ihr, Freund Hagen · daß sie euch abhold sind?
So will ich euch raten · daß ihr zu hüten sinnt
Des Lebens und der Ehre · fürwahr, das dünkt mich gut:
Soviel ich mag erkennen · ist ihnen zornig zumut.

»Es sind auch manche drunter · von Brüsten stark und breit:
Wer seines Lebens hüten will · der tu' es beizeit.
Ich glaube, unter Seide · sie lichte Panzer tragen.
Was sie damit meinen · das kann ich niemandem sagen.«

Da sprach im Zornmute · Hagen, der kühne Mann:
»Ich weiß wohl, das wird alles · wider mich getan,
Daß sie die lichten Waffen · tragen an der Hand;
Vor denen aber reit' ich · noch in der Burgunden Land.

»Nun sagt mir, Freund Volker · denkt ihr mir beizustehn,
Wenn mit mir streiten wollen · die in Kriemhilds Lehn?
Das laßt mich vernehmen · so lieb als ich euch sei.
Ich steh' euch mit Diensten · immer wieder treulich bei.«

»Sicherlich, ich helf' euch« · so sprach da Volker.
»Und sah ich uns entgegen · mit seinem ganzen Heer
Den König Etzel kommen · all meines Lebens Zeit
Weich' ich von eurer Seite · aus Furcht nicht eines Fußes breit.«

»Nun lohn' euch Gott vom Himmel · viel edler Volker!
Wenn sie mit mir streiten · wes bedarf ich mehr?
Da ihr mir helfen wollet · wie ich jetzt vernommen,
So mögen diese Recken · fein behutsam näher kommen.«

»Stehn wir auf vom Sitze« · sprach der Fiedelmann,
»Vor der Königstochter · so sie nun kommt heran.
Bieten wir die Ehre · der edeln Königin!
Das bringt uns auch beiden · an eignen Ehren Gewinn.«

»Nein! wenn ihr mich lieb habt« · sprach dawider Hagen.
»Es möchten diese Degen · mit dem Wahn sich tragen,
Daß ich aus Furcht es täte · und dächte wegzugehn:
Von dem Sitze mein' ich · vor ihrer keinem aufzustehn.

»Daß wir es bleiben lassen · das ziemt uns ganz allein.
Soll ich dem Ehre bieten · der mir feind will sein?
Nein, ich tu es nimmer · solang' ich leben soll:
In aller Welt, was kümmr' ich · mich um Kriemhildens Groll?«

Der vermessne Hagen legte · über die Schenkel hin
Eine lichte Waffe · aus deren Knaufe schien
Mit hellem Glanz ein Jaspis · grüner noch als Gras.
Wohl erkannte Kriemhild · daß Siegfried einst sie besaß.

Als sie das Schwert erkannte · das schuf ihr große Not.
Der Griff war von Golde · der Scheide Borte rot.
Ermahnt war sie des Leides · zu weinen hub sie an;
Ich glaube, Hagen hatt' es · auch eben darum getan.

Volker der kühne · zog näher an die Bank
Einen starken Fiedelbogen · mächtig und lang,
Wie ein Schwert geschaffen · scharf dazu und breit.
So saßen unerschrocken · diese Recken allbereit.

Die kühnen Degen beide · dauchten sich so hehr,
Aus Furcht vor jemandem · wollten sie nimmermehr
Vom Sitz sich erheben · Ihnen schritt da vor den Fuß
Die edle Königstochter · und bot unfreundlichen Gruß.

Sie sprach: »Nun sagt, Herr Hagen · wer hat nach euch gesandt,
Daß ihr zu reiten wagtet · her in dieses Land,
Da ihr doch wohl wußtet · was ihr mir habt getan?
Wart ihr bei guten Sinnen · ihr durftet's euch nicht unterfahn.«

»Nach mir gesandt hat niemand« · sprach er entgegen,
»Her zu diesem Lande · lud man drei Degen,
Die heißen meine Herren · ich steh' in ihrem Lehn;
Bei keiner Hof reise · pfleg' ich daheim zu bestehn.«

Sie sprach: »Nun sagt mir ferner · was tatet ihr das,
Daß ihr es verdientet · wenn ich euch trage Haß?
Ihr erschlugt Siegfrieden · meinen lieben Mann,
Den ich bis an mein Ende · nicht genug beweinen kann.«

»Wozu der Rede weiter?« · sprach er, »es ist genug:
Ich bin halt der Hagen · der Siegfrieden schlug,
Den behenden Degen · wie schwer er das entgalt,
Daß die Frau Kriemhild · die schöne Brunhilde schalt!

»Es wird auch nicht geleugnet · reiche Königin,
Daß ich an all dem Schaden · dem schlimmen, schuldig bin,
Nun räch' es, wer da wolle · Weib oder Mann.
Ich müßt' es wahrlich lügen · ich hab' euch viel zu Leid getan.«

Sie sprach: »Da hört ihr, Recken · wie er die Schuld gesteht
An all meinem Leide ! · Wie's ihm deshalb ergeht,
Darnach will ich nicht fragen · ihr Etzeln Untertan.«
Die übermüt'gen Degen · blickten all einander an.

War' da der Streit erhoben · so hätte man gesehn,
Wie man den zwei Gesellen · müss' Ehre zugestehn:
Das hatten sie in Stürmen · oftmals dargetan.
Was jene sich vermessen · das ging aus Furcht nun nicht an.

Da sprach der Recken einer · »Was seht ihr mich an?
Was ich zuvor gelobte · das wird nun nicht getan.
Um niemands Gabe lass' ich · Leben gern und Leib.
Uns will hier verleiten · dem König Etzel sein Weib.«

Da sprach ein andrer wieder · »So steht auch mir der Mut.
Wer mir Türme gäbe · von rotem Golde gut,
Diesen Fiedelspieler · wollt' ich nicht bestehn
Der schnellen Blicke wegen · die ich hab' an ihm ersehn.

»Auch kenn' ich diesen Hagen · von seiner Jugendzeit:
Drum weiß ich von dem Recken · selber wohl Bescheid.
In zweiundzwanzig Stürmen · hab' ich ihn gesehn;
Da ist mancher Frauen · Herzeleid von ihm geschehn.

»Er und der von Spanien · traten manchen Pfad,
Da sie hier bei Etzeln · taten manche Tat
Dem König zuliebe · Das ist oft geschehn:
Drum mag man Hagen billig · große Ehre zugestehn.

»Damals war der Recke · an Jahren noch ein Kind
(Die damals Junge waren · wie grau die heute sind!):
Nun kam er zu Sinnen · und ist ein grimmer Mann;
Auch trägt er Balmungen · den er übel gewann.«

Damit war's entschieden · niemand suchte Streit.
Das war der Königstochter · im Herzen bitter leid.
Die Helden gingen wieder · wohl scheuten sie den Tod
Von den Helden beiden · das tat ihnen wahrlich not.

Wie oft man verzagend · manches unterläßt,
Wo der Freund beim Freunde · treulich steht und fest!
Und hat er kluge Sinne · daß er nicht also tut,
Vor Schaden nimmt sich mancher · durch Besonnenheit in

Da sprach der kühne Volker · »Da wir nun selber sahn,
Daß wir hier Feinde finden · wie man uns kund getan,
So laß uns zu den Königen · hin zu Hofe gehn,
So darf unsre Herren · mit Kampfe niemand bestehn.«

»Gut, ich will euch folgen« · sprach Hagen entgegen.
Da gingen hin die beiden · wo sie die zieren Degen
Noch harrend des Empfanges · auf dem Hofe sahn.
Volker der kühne · hub da laut zu reden an.

Er sprach zu seinen Herren · »Wie lange wollte ihr stehn
Und euch drängen lassen? · ihr sollt zu Hofe gehn
Und von dem König hören · wie der gesonnen sei.«
Da sah man sich gesellen · der kühnen Helden je zwei.

Dietrich von Berne · nahm da an die Hand
Gunther den reichen · von Burgundenland;
Irnfried nahm Gernoten · diesen kühnen Mann;
Da ging mit Rüdigeren · Geiselher zu Hof heran.

Wie bei diesem Zuge · gesellt war jeglicher,
Volker und Hagen · die schieden sich nicht mehr
Als noch in Einem Kampfe · bis an ihren Tod.
Das mußten bald beweinen · edle Fraun in großer Not.

Da sah man mit den Königen · hin zu Hofe ziehn
Ihres edeln Ingesindes · tausend Degen kühn;
Darüber sechzig Recken · waren mitgekommen:
Die hau' aus seinem Lande · der kühne Hagen genommen.

Hawart und Iring · zwei Degen auserkannt,
Die gingen mit den Königen · zu Hofe Hand in Hand;
Dankwart und Wolfhart · ein teuerlicher Degen,
Die sah man großer Hofzucht · vor den übrigen pflegen.

Als der Vogt vom Rheine · in den Pallas ging,
Etzel der reiche · das länger nicht verhing:
Er sprang von seinem Sitze · als er ihn kommen sah.
Ein Gruß, ein so recht schöner · nie mehr von Kön'gen geschah.

»Willkommen mir, Herr Gunther · und auch Herr Gernot
Und euer Bruder Geiselher · die ich hieher entbot
Mit Gruß und treuem Dienste · von Worms Überrhein,
Und eure Degen alle · sollen mir willkommen sein.

»Laßt euch auch Willkommen · ihr beiden Recken, sagen,
Volker der kühne · und dazu Herr Hagen,
Mir und meiner Frauen · hier in diesem Land:
Sie hat euch manche Botschaft · hin zum Rheine gesandt.«

Da sprach von Tronje Hagen · »Das haben wir vernommen.
War' ich um meine Herren · gen Heunland nicht gekommen,
So war' ich euch zu Ehren · geritten in das Land.«
Da nahm der edle König · die lieben Gäste bei der Hand

Und führte sie zum Sitze · hin, wo er selber saß.
Da schenkte man den Gästen · fleißig tat man das,
In weiten goldnen Schalen · Meth, Moraß und Wein
Und hieß die fremden Degen · höchlich willkommen sein.

Da sprach König Etzel · »Das muß ich wohl gestehn,
Mir könnt' in diesen Zeiten · nichts Lieberes geschehn
Als durch euch, ihr Recken · daß ihr gekommen seid;
Damit ist auch der Königin · benommen Kummer und Leid.

»Mich nahm immer wunder · was ich euch wohl getan,
Da ich der edeln Gäste · so manche doch gewann,
Daß ihr nie zu reiten · geruhtet in mein Land;
Nun ich euch hier ersehen hab' · ist mir's zu Freuden gewandt.«

Da versetzte Rüdiger · ein Ritter hochgemut:
»Ihr mögt sie gern empfahen · ihre Treue die ist gut:
Der wissen meiner Frauen · Brüder schön zu pflegen.
Sie bringen euch zu Hause · manchen waidlichen Degen.«

Am Sonnewendenabend · waren sie gekommen
An Etzels Hof, des reichen · Noch selten ward vernommen,
Daß ein König seine Gäste · freundlicher empfing.
Nun war auch Zeit zum Essen · Etzel zu Tisch mit ihnen ging.

Ein Wirt bei seinen Gästen · sich holder nie betrug.
Zu trinken und zu essen · bot man da genug:
Was sie nur wünschen mochten · das wurde gern gewährt.
Man hatte von den Helden · viel große Wunder gehört.

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