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Das Nibelungenlied

Karl Simrock: Das Nibelungenlied - Kapitel 27
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authorKarl Simrock
titleDas Nibelungenlied
publisherWeltbild Verlag
editorAndreas Heusler
translatorKarl Simrock
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Siebenundzwanzigstes Abenteuer

Wie sie nach Bechlaren kamen

Hin ging der Markgraf · wo er die Frauen fand,
Sein Weib und seine Tochter · Denen macht' er da bekannt
Diese liebe Märe · die er jetzt vernommen,
Daß ihrer Frauen Brüder · zu ihrem Hause sollten kommen.

»Viel liebe Traute« · sprach da Rüdiger,
»Ihr sollt sie wohl empfangen · die edeln Kön'ge hehr,
Wenn sie und ihr Gesinde · vor euch zu Hofe gehn;
Ihr sollt auch freundlich grüßen · Hagen in König Gunthers Lehn.

»Mit ihnen kommt auch einer · mit Namen Dankwart;
Ein andrer heißt Volker · an Ehren wohlbewahrt.
Die sechse sollt ihr küssen · ihr und die Tochter mein,
Und sollt in höf'schen Züchten · diesen Recken freundlich sein.«

Das gelobten ihm die Frauen · und waren's gern bereit.
Sie suchten aus den Kisten · manch herrliches Kleid,
Darin sie den Recken · entgegen wollten gehn.
Da mocht ein groß Befleißen · von schönen Frauen geschehn.

Gefälschter Frauenzierde · gar wenig man da fand;
Sie trugen auf dem Haupte · lichtes goldnes Band,
Das waren reiche Kränze · damit ihr schönes Haar
Die Winde nicht verwehten · das ist meiner Treue wahr.

In solcher Unmuße · lassen wir die Fraun.
Da war ein schnelles Reiten · über Feld zu schaun
Von Rüdigers Freunden · bis man die Fürsten fand.
Sie wurden wohl empfangen · in des Markgrafen Land.

Als sie der Markgraf · zu sich kommen sah,
Rüdiger der schnelle · wie fröhlich sprach er da:
»Willkommen mir, ihr Herren · und die in euerm Lehn!
Hier in diesem Lande · seid ihr gerne gesehn.«

Da dankten ihm die Recken · in Treuen ohne Haß.
Daß sie willkommen waren · wohl erzeigt' er das.
Besonders grüßt' er Hagen · der war ihm längst bekannt;
So tat er auch mit Volkern · dem Helden aus Burgundenland.

Er begrüßt' auch Dankwarten · Da sprach der kühne Degen:
»Wollt ihr uns hier versorgen · wer soll dann verpflegen
Unser Ingesinde · das wir mitgebracht?«
Da begann der Markgraf · »Dafür habt geruhige Nacht,

»Ihr und euer Gesinde! · Was ihr in das Land
Mit euch geführet habet · Roß und Gewand,
Ich schaff' ihm solche Hüter · nichts geht davon verloren,
Das euch zu Schaden brächte · nur um einen halben Sporen.

»Spannet auf, ihr Knechte · die Hütten in dem Feld!
Was ihr hier verlieret · dafür leist' ich Entgelt:
Zieht die Zäume nieder · und laßt die Rosse gehn.«
Das war ihnen selten · von einem Wirt noch geschehn.

Des freuten sich die Gäste · Als das geschehen war
Und die Herrn von dannen ritten · legte sich die Schar
Der Knecht' im Grase nieder · sie hatten gut Gemach.
Sie fanden's auf der Reise · nicht besser vor oder nach.

Die Markgräfin eilte · vor die Burg zu gehn
Mit ihrer schönen Tochter · Da sah man bei ihr stehn
Die minniglichen Frauen · und manche schöne Maid:
Die trugen viel der Spangen · und manches herrliche Kleid.

Das edle Gesteine · glänzte fern hindann
Aus ihrem reichen Schmucke · sie waren wohlgetan.
Da kamen auch die Gäste · und sprangen auf den Sand.
Hei! was man edle Sitten · an den Burgunden fand!

Sechsunddreißig Mägdelein · und viel andre Fraun,
Die wohl nach Wunsche waren · und wonnig anzuschaun,
Gingen den Herrn entgegen · mit manchem kühnen Mann.
Da ward ein schönes Grüßen · von edeln Frauen getan.

Die junge Markgräfin küßte · die Kön'ge alle drei;
So tat auch ihre Mutter · Hagen stand dabei.
Den hieß ihr Vater küssen · da blickte sie ihn an:
Er dauchte sie so furchtbar · sie hätt' es lieber nicht getan.

Doch mußte sie es leisten · wie ihr der Wirt gebot.
Gemischt ward ihre Farbe · bleich und auch rot.
Auch Dankwarten küßte sie · danach den Fiedelmann:
Seiner Kraft und Kühnheit wegen · ward ihm das Grüßen getan.

Die junge Markgräfin · nahm bei der Hand
Geiselher den jungen · von Burgundenland;
So nahm auch ihre Mutter · Gunthern den kühnen Mann.
Sie gingen mit den Helden · beide fröhlich hindann.

Der Wirt ging mit Gernot · in einen weiten Saal.
Die Ritter und die Frauen · setzten sich zumal.
Man ließ alsdann den Gästen · schenken guten Wein:
Gütlicher bewirtet · mochten Helden nimmer sein.

Mit zärtlichen Augen · sah da mancher an
Rüdigers Tochter · die war so wohlgetan.
Wohl kost' in seinem Sinne · sie mancher Ritter gut;
Das mochte sie verdienen · sie trug gar hoch ihren Mut.

Sie gedachten, was sie wollten · nur könnt' es nicht geschehn.
Man sah die guten Ritter · hin und wieder spähn
Nach Mägdelein und Frauen · deren saßen da genug.
Dem Wirt geneigten Willen · der edle Fiedeler trug.

Da wurden sie geschieden · wie Sitte war im Land:
Zu andern Zimmern gingen · Ritter und Frau'n zur Hand.
Man richtete die Tische · in dem Saale weit
Und ward den fremden Gästen · zu allen Diensten bereit.

Den Gästen ging zuliebe · die edle Markgräfin
Mit ihnen zu den Tischen · die Tochter ließ sie drin
Bei den Mägdlein weilen · wo sie nach Sitte blieb.
Daß sie die nicht mehr sahen · das war den Gästen nicht lieb.

Als sie getrunken hatten · und gegessen überall,
Da führte man die Schöne · wieder in den Saal.
Anmut'ge Reden · wurden nicht gescheut:
Viel sprach deren Volker · ein Degen kühn und allbereit.

Da sprach unverhohlen · der edle Fiedelmann:
»Viel reicher Markgraf · Gott hat an euch getan
Nach allen seinen Gnaden · er hat euch gegeben
Ein Weib, ein so recht schönes · dazu ein wonnigliches Leben.

»Wenn ich ein König wäre« · sprach der Fiedelmann,
»Und sollte Krone tragen · zum Weibe nähm' ich dann
Eure schöne Tochter · die wünschte sich mein Mut.
Sie ist minniglich zu schauen · dazu edel und gut.«

Der Markgraf entgegnete · »Wie möchte das wohl sein,
Daß ein König je begehrte · der lieben Tochter mein?
Wir sind hier beide heimatlos · ich und mein Weib:
Was hilft große Schönheit · unsrer guten Tochter Leib?«

Zur Antwort gab ihm Gernot · der edle Degen gut:
»Sollt' ich ein Weib mir wählen · nach meinem Sinn und Mut,
So wär' ich solches Weibes · stets von Herzen froh.«
Darauf versetze Hagen · in höfischen Züchten so:

»Nun soll sich doch beweiben · mein Herr Geiselher:
Es ist so hohen Stammes · die Markgräfin hehr,
Daß wir ihr gerne dienten · ich und all sein Lehn,
Wenn sie bei den Burgunden · unter Krone sollte gehn.«

Diese Rede dauchte · den Markgrafen gut
Und auch Gotelinde · wohl freute sich ihr Mut.
Da schufen es die Helden · daß sie zum Weibe nahm
Geiselher der edle · wie er es mocht' ohne Scham.

Soll ein Ding sich fügen · wer mag ihm widerstehn?
Man bat die Jungfraue · hin zu Hof zu gehn.
Da schwur man ihm zu geben · das schöne Mägdelein,
Wogegen er sich erbot · die Wonnigliche zu frein.

Man beschied der Jungfrau · Burgen und auch Land.
Da sicherte mit Eiden · des edeln Königs Hand
Und Gernot der Degen · es werde so getan.
Da sprach der Markgraf · »Da ich Burgen nicht gewann,

»So kann ich euch in Treuen · nur immer bleiben hold.
Ich gebe meiner Tochter · an Silber und an Gold,
Was hundert Saumrosse · nur immer mögen tragen,
Daß es des Bräutigams Freunden · nach Ehren möge behagen.«

Da wurden diese beiden · in einen Kreis gestellt
Nach dem Rechtsgebrauche · Mancher junge Held
Stand ihr gegenüber · in fröhlichem Mut;
Er gedacht' in seinem Sinne · wie noch ein Junger gerne tut.

Als man begann zu fragen · die minnigliche Maid,
Ob sie den Recken wolle · zum Teil war es ihr leid;
Doch dachte sie zu nehmen · den waidlichen Mann.
Sie schämte sich der Frage · wie manche Maid hat getan.

Ihr riet ihr Vater Rüdiger · daß sie spräche ja,
Und daß sie gern ihn nähme · Wie schnell war er da
Mit seinen weißen Händen · womit er sie umschloß,
Geiselher der junge! · Wie wenig sie ihn doch genoß!

Da begann der Markgraf · »Ihr edeln Kön'ge reich,
Wenn ihr nun wieder reitet · heim in euer Reich,
So geb' ich euch, so ist es · am schicklichsten, die Magd,
Daß ihr sie mit euch führet« · Also ward es zugesagt.

Der Schall, den man hörte · der mußte nun vergehn.
Da ließ man die Jungfrau · zu ihrer Kammer gehn
Und auch die Gäste schlafen · und ruhn bis an den Tag.
Da schuf man ihnen Speise · der Wirt sie gütlich verpflag.

Als sie gegessen hatten · und nun von dannen fahren
Wollten zu den Heunen · »Davor will ich euch wahren,«
Sprach der edle Markgraf · »ihr sollt noch hier bestehn;
So liebe Gäste hab' ich · lange nicht bei mir gesehn.«

Dankwart entgegnete · »Das kann ja nicht sein:
Wo nähmt ihr die Speise · das Brot und auch den Wein,
Das ihr doch haben müßtet · für solch ein Heergeleit?«
Als das der Wirt erhörte · er sprach: »Die Rede laßt beiseit'.

»Meine lieben Herren · ihr dürft mir's nicht versagen.
Wohl geb' ich euch die Speise · zu vierzehen Tagen,
Euch und dem Gesinde · das mit euch hergekommen.
Mir hat der König Etzel · noch gar selten was genommen.«

Wie sehr sie sich wehrten · sie mußten da bestehn
Bis an den vierten Morgen · Da sah man geschehn
Durch des Wirtes Milde · was weithin ward bekannt:
Er gab seinen Gästen · beides Ross' und Gewand.

Nicht länger mocht' es währen · sie mußten an ihr Ziel.
Seines Gutes konnte · Rüdiger nicht viel
Vor seiner Milde sparen · Wonach man trug Begehr,
Das versagt' er niemand · er gab es gern den Helden hehr.

Ihr edel Ingesinde · brachte vor das Tor
Gesattelt viel der Rosse · zu ihnen kam davor
Mancher fremde Recke · den Schild an der Hand,
Da sie reiten wollten · in des König Etzels Land.

Der Wirt bot seine Gaben · den Degen allzumal,
Eh' die edeln Gäste · kamen vor den Saal.
Er konnte wohl mit Ehren · in hoher Milde leben.
Seine schöne Tochter · hatt' er Geiselhern gegeben;

Da gab er Gernoten · eine Waffe gut genug,
Die hernach in Stürmen · der Degen herrlich trug.
Ihm gönnte wohl die Gabe · des Markgrafen Weib;
Doch verlor der gute Rüdiger · davon noch Leben und Leib.

Er gab König Gunthern · dem Helden ohne Gleich,
Was wohl mit Ehren führte · der edle König reich,
Wie selten er auch Gab' empfing · ein gutes Streitgewand.
Da neigte sich der König · vor des milden Rüdger Hand.

Gotelind bot Hagnen · sie durfte es ohne Scham,
Ihre freundliche Gabe · da sie der König nahm,
So sollt' auch er nicht fahren · zu dem Hofgelag
Ohn' ihre Steuer · der edle Held aber sprach:

»Alles, was ich je gesehn« · entgegnete Hagen,
»So begehr' ich nichts weiter · von hinnen zu tragen
Als den Schild, der dorten · hängt an der Wand:
Den möcht' ich gerne führen · mit mir in der Heunen Land.«

Als die Rede Hagens · die Markgräfin vernahm,
Ihres Leids ermahnt' er sie · daß ihr das Weinen kam.
Mit Schmerzen gedachte · sie an Nudungs Tod,
Den Wittich hatt' erschlagen · das schuf ihr Jammer und Not.

Sie sprach zu dem Degen · »Den Schild will ich euch geben.
Wollte Gott vom Himmel · daß der noch dürfte leben,
Der einst ihn hat getragen! · er fand im Kampf den Tod.
Ich muß ihn stets beweinen · das schafft mir armem Weibe Not!

Da erhob sich vom Sitze · die Markgräfin mild:
Mit ihren weißen Händen · hob sie herab den Schild
Und trug ihn hin zu Hagen · der nahm ihn an die Hand.
Die Gabe war mit Ehren · an den Recken gewandt.

Eine Hülle lichten Zeuges · auf seinen Farben lag.
Bessern Schild als diesen · beschien wohl nie der Tag.
Mit edelm Gesteine · war er so besetzt,
Man hätt' ihn im Handel · wohl auf tausend Mark geschätzt.

Den Schild hinwegzutragen · befahl der Degen hehr.
Da kam sein Bruder Dankwart · auch zu Hofe her.
Dem gab reiche Kleider · Rüdgers Kind genug,
Die er bei den Heunen · hernach mit hohen Ehren trug,

Wieviel sie der Gaben · empfingen insgemein,
Nichts würd' in ihre Hände · davon gekommen sein,
War's nicht dem Wirt zuliebe · der es so gütlich bot.
Sie wurden ihm so feind hernach · daß sie ihn schlagen mußten tot.

Da hatte mit der Fiedel · Volker der schnelle Held
Sich vor Gotelinde · höfisch hingestellt.
Er geigte süße Töne · und sang dazu sein Lied:
Damit nahm er Urlaub · als er von Bechlaren schied.

Da ließ die Markgräfin · eine Lade näher tragen.
Von freundlicher Gabe · mögt ihr nun hören sagen:
Zwölf Spangen, die sie aus ihr nahm · schob sie ihm an die Hand:
»Die sollt ihr führen, Volker · mit euch in der Heunen Land

»Und sollt sie mir zuliebe · dort am Hofe tragen:
Wenn ihr wiederkehret · daß man mir möge sagen,
Wie ihr gedient mir habet · bei dem Hofgelag'.«
Wie sie ihn gebeten · so tat der Degen hernach.

Der Wirt sprach zu den Gästen · »Daß ihr nun sichrer fahrt,
Will ich euch selbst geleiten · so seid ihr wohl bewahrt,
Daß ihr auf der Straße · nicht werdet angerannt.«
Seine Saumrosse · die belud man gleich zur Hand.

Der Wirt war reisefertig · und fünfhundert Mann
Mit Rossen und mit Kleidern · die führt' er hindann
Zu dem Hofgelage · mit fröhlichem Mut;
Nach Bechelaren kehrte · nicht Einer all der Ritter gut.

Mit minniglichen Küssen · der Wirt von dannen schied;
Also tat auch Geiselher · wie seine Zucht ihm riet.
Sie herzten schöne Frauen · mit zärtlichem Umfahn:
Das mußten bald beweinen · viel Jungfrauen wohlgetan.

Da wurden allenthalben · die Fenster aufgetan,
Als mit seinen Mannen · der Markgraf ritt hindann.
Sie fühlten wohl im Herzen · voraus das herbe Leid:
Drum weinten viel der Frauen · und manche waidliche Maid.

Nach den lieben Freunden · trug manche groß' Beschwer,
Die sie in Bechelaren · ersahen nimmermehr.
Doch ritten sie mit Freuden · nieder an dem Strand
Dort im Donautale · bis in das heunische Land.

Da sprach zu den Burgunden · der milde Markgraf hehr,
Rüdiger der edle · »Nun darf nicht länger mehr
Verhohlen sein die Kunde · daß wir nach Heunland kommen.
Es hat der König Etzel · noch nie so Liebes vernommen.«

Da ritt in Eil' der Bote · ins Österreicherland:
So ward es allenthalben · den Leuten bald bekannt,
Daß die Helden kämen · von Worms über Rhein.
Dem Ingesind' des Königs · konnt' es lieber nicht sein.

Die Boten vordrangen · mit diesen Mären,
Daß die Nibelungen · bei den Heunen wären:
»Du sollst sie wohl empfangen · Kriemhild, Fraue mein:
Nach großen Ehren kommen · dir die lieben Brüder dein.«

Kriemhild, die Fraue · an ein Fenster ging:
Sie spähte nach den Brüdern · wie Freund den Freund empfing.
Aus ihres Vaters Lande · sah sie manchen ziehn heran.
Auch Etzel hört' die Märe · vor Freud' zu lachen er begann.

»Nun wohl mir dieser Freude!« · sprach da Kriemhild.
»Hier bringen meine Freunde · gar manchen neuen Schild
Und Panzer glänzend helle · wer nehmen will mein Gold
Und meines Leids gedenken · dem will ich immer bleiben hold.«

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