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Das Nibelungenlied

Karl Simrock: Das Nibelungenlied - Kapitel 26
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authorKarl Simrock
titleDas Nibelungenlied
publisherWeltbild Verlag
editorAndreas Heusler
translatorKarl Simrock
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Sechsundzwanzigstes Abenteuer

Wie Dankwart Gelfraten erschlug

Als sie nun alle waren · gekommen an den Strand,
Da fragte König Gunther · »Wer soll uns durch das Land
Die rechten Wege weisen · daß wir nicht irre gehn?«
Da sprach der starke Volker · »Laßt mich das Amt nur versehn.«

»Nun haltet an,« sprach Hagen · »sei's Ritter oder Knecht:
Man soll Freunden folgen · das bedünkt mich recht.
Eine ungefüge Märe · mach' ich euch bekannt:
Wir kommen nimmer wieder · heim in der Burgunden Land.

»Das sagten mir zwei Meerfraun · heute morgen früh,
Wir kämen nimmer wieder · Nun rat' ich, was man tu':
Waffnet euch, ihr Helden · ihr sollt euch wohl bewahren:
Wir finden starke Feinde · und müssen drum wehrhaft fahren.

»Ich wähnt' auf Lug zu finden · die weisen Meerfraun:
Sie sagten mir, nicht Einer · werde wiederschaun
Die Heimat von uns allen · bis auf den Kapellan;
Drum hätt' ich ihm so gerne · heut' den Tod angetan.«

Da flogen diese Mären · von Schar zu Schar einher.
Bleich vor Schrecken wurden · Degen kühn und hehr,
Als sie die Sorge faßte · vor dem herben Tod
Auf dieser Hofreise · das schuf ihnen wahrlich Not.

Bei Möringen waren · sie über Flut gekommen,
Wo dem Fährmann Elsen · das Leben ward benommen.
Da sprach Hagen wieder · »Da ich mir so gewann
Unterwegs Feinde · so greift man sicherlich uns an.

»Ich erschlug den Fährmann · heute morgen früh;
Sie wissen nun die Kunde · Drum eilt und greifet zu,
Wenn Gelfrat und Else · heute hier besteht
Unser Ingesinde · daß es ihnen übel ergeht.

»Sie sind gar kühn, ich weiß es · es wird gewiß geschehn.
Drum laßt nur die Rosse · in sanftem Schritte gehn,
Daß nicht jemand wähne · wir flöhn vor ihrem Heer.«
»Dem Rate will ich folgen« · sprach der junge Geiselher.

»Wer zeigt nun dem Gesinde · die Wege durch das Land?«
Sie sprachen: »Das soll Volker · dem sind hie wohlbekannt
Die Straßen und die Steige · dem stolzen Fiedelmann.«
Eh' man's von ihm verlangte · kam er gewaffnet heran,

Der schnelle Fiedelspieler · den Helm er überband;
Von herrlicher Farbe · war all sein Streitgewand.
Am Schaft ließ er flattern · ein Zeichen, das war rot.
Bald kam er mit den Königen · in eine furchtbare Not.

Gewisse Kunde hatte · Gelfrat nun bekommen
Von des Fergen Tode · da hatt' es auch vernommen
Else der starke · beiden war es leid.
Sie besandten ihre Helden · die traf man balde bereit.

Darauf in kurzen Zeiten · nun hört mich weiter an,
Sah man zu ihnen reiten · denen Schade war getan,
In starkem Kriegszuge · ein ungefüges Heer:
Wohl siebenhundert stießen · zu Gelfrat oder noch mehr.

Als das den grimmen Feinden · nachzuziehn begann,
Die Herren, die es führten · hüben zu jagen an
Den kühnen Gästen hinterdrein · Sie wollten Rache haben:
Da mußten sie der Freunde · hernach noch manchen begraben.

Hagen von Tronje · richtete das ein
(Wie konnte seiner Freunde · ein bessrer Hüter sein?),
Daß er die Nachhut hatte · und die ihm Untertan
Mit Dankwart seinem Bruder · das war gar weislich getan.

Ihnen war der Tag zerronnen · den hatten sie nicht mehr.
Er bangte vor Gefahren · für seine Freunde sehr.
Sie ritten unter Schilden · durch der Baiern Land:
Darnach in kurzer Weile · die Helden wurden angerannt.

Beiderseits der Straße · und hinter ihnen her
Vernahm man Hufe schlagen · die Haufen eilten sehr.
Da sprach der kühne Dankwart · »Gleich fallen sie uns an:
Bindet auf die Helme · das dünkt mich rätlich getan.«

Sie hielten ein mit Reiten · als es mußte sein.
Da sahen sie im Dunkel · der lichten Schilde Schein.
Nicht länger stille schweigen · mochte da Herr Hagen:
»Wer verfolgt uns auf der Straße?« · Das mußte Gelfrat ihm sagen.

Da sprach zu ihm der Markgraf · aus der Baiern Land:
»Wir suchen unsre Feinde · denen sind wir nachgerannt.
Ich weiß nicht, wer mir heute · meinen Fergen schlug:
Das war ein schneller Degen · mir ist leid um ihn genug.«

Da sprach von Tronje Hagen · »War der Ferge dein?
Er wollt' uns nicht fahren · alle Schuld ist mein:
Ich erschlug den Recken · fürwahr, es tat mir not:
Ich hatte von dem Degen · schier selbst den grimmigen Tod.

»Ich bot ihm zum Lohne · Gold und Gewand,
Daß er uns überführe · Held, in euer Land.
Darüber zürnt' er also · daß er nach mir schlug
Mit starker Ruderstange · da ward ich grimmig genug.

»Ich griff nach dem Schwerte · und wehrte seinem Zorn
Mit einer schweren Wunde · da war der Held verlorn.
Ich steh' euch hier zur Sühne · wie es euch dünke gut.«
Da ging es an ein Streiten · sie hatten zornigen Mut.

»Ich wußte wohl,« sprach Gelfrat · »als hier mit dem Geleit
Gunther zog vorüber · uns würde tun ein Leid
Hagen von Tronje · Nun büßt er's mit dem Leben:
Für des Fergen Ende · soll er selbst hier Bürgschaft geben.«

Über die Schilde neigten · da zum Stich den Speer
Gelfrat und Hagen · sich zürnten beide schwer.
Dankwart und Else · zusammen herrlich ritten:
Sie erprobten, wer sie waren · da wurde grimmig gestritten.

Wer je versuchte kühner · sich und die Gunst des Glücks?
Von einem starken Stoße · sank Hagen hinterrücks
Von der Mähre nieder · durch Gelfratens Hand.
Der Brustriem war gebrochen · so ward ihm Fallen bekannt.

Man hört' auch beim Gesinde · krachender Schäfte Schall.
Da erholte Hagen · sich wieder von dem Fall,
Den er auf das Gras getan · von des Gegners Speer:
Da zürnte der von Tronje · wider Gelfraten sehr.

Wer ihnen hielt die Rosse · das ist mir unbekannt.
Sie waren aus den Sätteln · gekommen auf den Sand,
Hagen und Gelfrat · nun liefen sie sich an.
Ihre Gesellen halfen · daß ihnen Streit ward kund getan.

Wie heftig auch Hagen · zu Gelfraten sprang,
Ein Stück gar gewaltig · der edle Markgraf schwang
Ihm vom Schilde nieder · das Feuer stob hindann.
Da wäre schier erstorben · König Gunthers Untertan.

Er rief mit lauter Stimme · Dankwarten an:
»Hilf mir, lieber Bruder! · Ein schneller starker Mann
Hat mich hier bestanden · der läßt mich nicht gedeihn.«
Da sprach der kühne Dankwart · »So will ich denn Schiedsmann sein.«

Da sprang der Degen näher · und schlug ihm solchen Schlag
Mit einer scharfen Waffe · daß er tot da lag.
Else wollte Rache · nehmen für den Mann:
Doch er und sein Gesinde · schied mit Schaden hindann.

Sein Bruder war erschlagen · selber ward er wund.
Wohl achtzig seiner Degen · wurden gleich zur Stund'
Des grimmen Todes Beute · da mußte wohl der Held
Gunthers Mannen räumen · in geschwinder Flucht das Feld.

Als die vom Baierlande · wichen aus dem Wege,
Man hörte nachhallen · die furchtbaren Schläge:
Da jagten die von Tronje · ihren Feinden nach;
Die es nicht büßen wollten · die hatten wenig Gemach.

Da sprach beim Verfolgen · Dankwart der Degen:
»Kehren wir nun wieder · zurück auf unsern Wegen
Und lassen wir sie reiten · sie sind vom Blute naß.
Wir eilen zu den Freunden · in Treuen rat' ich das.«

Als sie hinwieder kamen · wo der Schade war geschehn,
Da sprach von Tronje Hagen · »Helden, laßt uns sehn,
Wen wir hier vermissen · oder wer uns verlorn
Hier in diesem Streite · ging durch Gelfratens Zorn.«

Sie hatten vier verloren · der Schade ließ sich tragen.
Sie waren wohl vergolten · dagegen aber lagen
Deren vom Baierlande · mehr als hundert tot.
Den Tronejern waren · von Blut die Schilde trüb und rot.

Ein wenig brach aus Wolken · des hellen Mondes Licht;
Da sprach wieder Hagen · »Hört, berichtet nicht
Meinen lieben Herren · was hier von uns geschah:
Bis zum Morgen komme · ihnen keine Sorge nah.«

Als zu ihnen stießen · die da kamen von dem Streit,
Da klagte das Gesinde · über Müdigkeit:
»Wie lange sollen wir reiten?« · fragte mancher Mann.
Da sprach der kühne Dankwart · »Wir treffen keine Herberg' an.

»Ihr müßt alle reiten · bis an den hellen Tag.«
Volker der schnelle · der des Gesindes pflag,
Ließ den Marschall fragen · »Wo kehren wir heut' ein?
Wo rasten unsre Pferde · und die lieben Herren mein?«

Da sprach der kühne Dankwart · »Ich weiß es nicht zu sagen:
Wir können uns nicht ruhen · bis es beginnt zu tagen;
Wo wir es dann finden · legen wir uns ins Gras.«
Als sie die Kunde hörten · wie leid war etlichen das!

Sie blieben unverraten · vom heißen Blute rot,
Bis daß die Sonne · die lichten Strahlen bot
Dem Morgen über Berge · wo es der König sah,
Daß sie gestritten hatten · sehr im Zorne sprach er da:

»Wie nun denn, Freund Hagen? · Verschmähtet ihr wohl das,
Daß ich euch Hilfe brächte · als euch die Ringe naß
Wurden von dem Blute? · Wer hat euch das getan?«
Da sprach er: »Else tat es · der griff nächten uns an.

»Seines Fergen wegen · wurden wir angerannt.
Da erschlug Gelfraten · meines Bruders Hand.
Zuletzt entrann uns Else · es zwang ihn große Not:
Ihnen hundert, uns nur viere · blieben da im Streite tot.«

Wir können euch nicht melden · wo man die Nachtruh' fand.
All den Landleuten · ward es bald bekannt,
Der edeln Ute Söhne · zögen zum Hofgelag.
Sie wurden wohl empfangen · dort zu Passau bald hernach.

Der werten Fürsten Oheim · der Bischof Pilgerin,
Dem wurde wohl zumute · als seine Neffen ihn
Mit soviel der Recken · besuchten da im Land:
Daß er sie gerne sähe · ward ihnen balde bekannt.

Sie wurden wohl empfangen · von Freunden vor dem Ort.
Nicht all' verpflegen mochte · man sie in Passau dort:
Sie mußten übers Wasser · wo Raum sich fand und Feld:
Da wurden aufgeschlagen · Hütten für sie und Gezelt.

Sie mußten da verweilen · einen vollen Tag
Und eine Nacht darüber · Wie schön man sie verpflag!
Dann ritten sie von dannen · in Rüdigers Land;
Dem wurden auch die Mären · darnach in Eile bekannt.

Als die Wegemüden · Nachtruh' genommen
Und sie dem Lande waren · näher gekommen,
Sie fanden auf der Marke · schlafen einen Mann,
Dem von Tronje Hagen · ein starkes Waffen abgewann.

Eckewart geheißen · war dieser Ritter gut.
Der gewann darüber · gar traurigen Mut,
Daß er verlor das Waffen · durch der Helden Fahrt.
Rüdgers Grenzmarke · die fand man übel bewahrt.

»O weh mir dieser Schande!« · sprach da Eckewart.
»Schwer muß ich beklagen · der Burgunden Fahrt.
Als ich verlor Siegfrieden · hub all mein Kummer an;
O weh, mein Herr Rüdiger · wie hab' ich wider dich getan!«

Gar wohl hörte Hagen · des edeln Recken Not:
Er gab das Schwert ihm wieder · dazu sechs Spangen rot.
»Die nimm dir, Held, zu Lohne · willst du hold mir sein;
Du bist ein kühner Degen · liegst auf der Mark du auch allein.«

»Gott lohn' euch eure Spangen« · sprach da Eckewart;
»Doch muß ich sehr beklagen · zu den Heunen eure Fahrt.
Ihr erschlugt Siegfrieden · hier trägt man euch noch Haß:
Daß ihr euch wohl behütet · in Treuen rat' ich euch das.«

»Nun mög' uns Gott behüten« · sprach Hagen entgegen,
»Keine andre Sorge · haben diese Degen
Als um die Herberge · die Fürsten und ihr Lehn,
Wo wir in diesem Lande · heute Nachtruh' sollen sehn.

»Verdorben sind die Rosse · uns auf den fernen Wegen,
Die Speise gar zerronnen« · sprach Hagen der Degen:
»Wir finden's nicht zu Kaufe · es wär' ein Wirt uns not,
Der uns heute gäbe · um seine Ehre sein Brot.«

Da sprach wieder Eckewart · »Ich zeig' euch solchen Wirt,
Daß niemand euch im Hause · so gut empfangen wird
Irgend in den Landen · als hier euch mag geschehn,
Wenn ihr schnelle Degen · wollt zu Rüdigern gehn.

»Der Wirt wohnt an der Straße · der beste allerwärts,
Der je ein Haus besessen · Milde gebiert sein Herz,
Wie das Gras mit Blumen · der süße Maimond tut,
Und soll er Helden dienen · so ist er froh und wohlgemut.«

Da sprach der König Gunther · »Wollt ihr mein Bote sein,
Ob uns behalten wolle · bis an des Tages Schein
Mein lieber Freund Rüdiger · und die mir Untertan?
Das will ich stets verdienen · so gut ich irgend nur kann.«

»Der Bote bin ich gerne« · sprach da Eckewart.
Mit gar gutem Willen · erhob er sich zur Fahrt,
Rüdigern zu sagen · was er da vernommen.
Dem war in langen Zeiten · so liebe Kunde nicht gekommen.

Man sah zu Bechlaren · eilen einen Degen,
Den Rüdger wohl erkannte · er sprach: »Auf diesen Wegen
Kommt Eckewart in Eile · Kriemhildens Untertan.«
Er wähnte schon, die Feinde · hätten ihm ein Leid getan.

Da ging er vor die Pforte · wo er den Boten fand.
Der nahm sein Schwert vom Gurte · und legt' es aus der Hand.
Die Märe, die er brachte · verschwieg er länger nicht
Dem Wirt und seinen Freunden · bald gab er ihnen Bericht.

Er sprach zum Markgrafen · »Mich hat zu euch gesandt
Gunther der König · aus Burgundenland
Und Geiselher sein Bruder · und auch Gernot;
Jeglicher der Recken · euch seine Dienste her entbot.

»Dasselbe tut auch Hagen · Volker auch zugleich,
Mit Fleiß und rechter Treue · dazu bericht' ich euch,
Was des Königs Marschall · euch durch mich entbot,
Es sei den guten Degen · eure Herberge not.«

Mit lachendem Munde · sprach da Rüdiger:
»Nun wohl mir dieser Märe · daß die Könige hehr
Meinen Dienst verlangen · dazu bin ich bereit.
Wenn sie ins Haus mir kommen · des bin ich höchlich erfreut.«

»Dankwart der Marschall · hat euch kund getan,
Wer euch zu Hause · noch heute zieht heran:
Sechzig kühner Recken · und tausend Ritter gut
Mit neuntausend Knechten« · Da ward ihm fröhlich zumut'.

»Wohl mir dieser Gäste« · sprach da Rüdiger,
»Daß mir zu Hause kommen · diese Recken hehr,
Denen ich noch selten · hab' einen Dienst getan.
Entgegen reitet ihnen · sei's Freund oder Untertan.«

Da eilte zu den Rossen · Ritter so wie Knecht:
Was sie der Herr geheißen · das dauchte alle recht.
Sie brachten ihre Dienste · um so schneller dar.
Noch wußt' es nicht Frau Gotlind · die in ihrer Kammer war.

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