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Das Nibelungenlied

Karl Simrock: Das Nibelungenlied - Kapitel 23
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typepoem
authorKarl Simrock
titleDas Nibelungenlied
publisherWeltbild Verlag
editorAndreas Heusler
translatorKarl Simrock
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Dreiundzwanzigstes Abenteuer

Wie Kriemhild ihr Leid zu rächen gedachte

In gar hohen Ehren · das ist alles wahr,
Wohnten sie beisammen · bis an das siebte Jahr.
Eines Sohns war genesen · derweil die Königin:
Das schien König Etzel · der allergrößte Gewinn.

Bis sie es erlangte · ließ sie nicht ab davon,
Die Taufe mußt' empfangen · König Etzels Sohn
Nach christlichem Brauche · Ortlieb ward er genannt.
Darob war große Freude · über Etzels ganzem Land.

Der Zucht, deren jemals · zuvor Frau Heike pflag,
Fliß sich Frau Kriemhild · darauf gar manchen Tag.
Es lehrte sie die Sitte · Herrat die fremde Maid;
Die trug noch in der Stille · um Heike schmerzliches Leid.

Von Heimischen und Fremden · gestanden allesamt,
Besser und milder · hab' eines Königs Land
Nie eine Frau besessen · das hielten sie für wahr.
Des rühmten sie die Heunen · bis an das dreizehnte Jahr.

Nun wußte sie, daß niemand · ihr feindlich sei gesinnt,
Wie oft wohl Königinnen · der Fürsten Recken sind,
Und daß sie täglich mochte · zwölf Kön'ge vor sich sehn.
Sie vergaß auch nicht des Leides · das ihr daheim war geschehn.

Sie gedacht auch noch der Ehren · in Nibelungenland,
Die ihr geboten worden · und die ihr Hagens Hand
Mit Siegfriedens Tode · hatte gar benommen,
Und ob ihm das nicht jemals · noch zu Leide sollte kommen.

»Es geschah', wenn ich ihn bringen · möcht' in dieses Land.«
Ihr träumte wohl, ihr ginge · oftmals an der Hand
Geiselher, ihr Bruder · sie küßt' ihn allezeit
In ihrem sanften Schlafe · das ward zu schmerzlichem Leid.

Der üble Teufel war es wohl · der Kriemhilden riet,
Daß sie ihre Freundschaft · mit König Gunther schied,
Den sie zur Sühne küßte · in Burgundenland.
Aufs neu' begann zu triefen · von heißen Tränen ihr Gewand.

Es lag ihr an dem Herzen · beides, spat und früh,
Wie man mit Widerstreben · sie doch gebracht dazu,
Daß sie minnen mußte · einen heidnischen Mann:
Die Not hatt' ihr Hagen · und Herr Gunther angetan.

Von diesem Vorsatz wurde · ihr Herze selten kalt:
Sie dachte : »Ich bin so mächtig · und hab so viel Gewalt,
Daß ich meinen Feinden · mag schaffen Herzeleid:
Dazu war' ich dem Hagen · von Tronje gerne bereit.

»Nach den Getreuen jammert · noch oft die Seele mein;
Doch die mir Leides taten · möcht' ich bei denen sein,
So würde noch gerochen · meines Friedels Tod.
Kaum kann ich es erwarten« · sprach sie in des Herzens Not.

Es liebten sie alle · die dem König Untertan,
Die Recken Kriemhildens · das war wohltgetan.
Ihr Kämmerer war Eckewart · drum ward er gern gesehn:
Kriemhildens Willen · konnte niemand widerstehn.

Sie gedacht' auch alle Tage · »Ich will den König bitten,«
Er möcht' ihr vergönnen · mit gütlichen Sitten,
Daß man ihre Freunde · brächt' in der Heunen Land.
Den argen Willen niemand · an der Königin verstand.

Als eines Nachts Frau Kriemhild · bei dem König lag,
Umfangen mit den Armen · hielt er sie, wie er pflag
Der edeln Frau zu kosen · sie war ihm wie sein Leib,
Da gedachte ihrer Feinde · dieses herrliche Weib.

Sie sprach zu dem König · »Viel lieber Herre mein,
Ich wollt' euch gerne bitten · möcht' es mit Hulden sein,
Daß ihr mich sehen ließet · ob ich verdient den Sold,
Daß ihr meinen Freunden · wäret inniglich hold.«

Da sprach der mächt'ge König · arglos war sein Mut:
»Des sollt ihr innewerden · was man den Helden tut
Zu Ehren und zugute · mir geschieht ein Dienst daran,
Da ich von Weibesminne · nie bessre Freunde gewann.«

Noch sprach zu ihm die Königin · »Ihr wißt so gut wie ich,
Ich habe hohe Freunde · darum betrübt es mich.
Daß mich die so selten · besuchen hier im Land:
Ich bin allen Leuten · hier nur als freundlos bekannt.«

Da sprach der König Etzel · »Viel liebe Fraue mein,
Däucht' es sie nicht zu ferne · so lud' ich überrhein,
Die ihr da gerne sähet · hieher zu meinem Land.«
Sie freute sich der Rede · als ihr sein Wille ward bekannt.

Sie sprach: »Wollt ihr mir Treue · leisten, Herre mein,
So sollt ihr Boten senden · gen Worms überrhein.
So entbiet' ich meinen Freunden · meinen Sinn und Mut:
So kommen uns zu Lande · viel Ritter edel und gut.«

Er sprach: »Wenn ihr gebietet · so lass' ich es geschehn.
Ihr könntet eure Freunde · nicht so gerne sehn,
Der edlen Ute Kinder · als ich sie sähe gern:
Es ist mir ein Kummer · daß sie so fremd uns sind und fern.«

Er sprach: »Wenn dir's gefiele · viel liebe Fraue mein,
So wollt' ich gerne senden · zu den Freunden dein
Meine Fiedelspieler · gen Burgundenland.«
Die guten Spielleute · ließ man bringen gleich zur Hand.

Die Knappen kamen beide · wo sie den König sahn
Sitzen bei der Königin · Da sagt' er ihnen an,
Sie sollten Boten werden · nach Burgundenland.
Auch ließ er ihnen schaffen · reiches herrliches Gewand.

Vierundzwanzig Recken · schnitt man da das Kleid.
Ihnen ward auch von dem König · gegeben der Bescheid,
Wie sie Gunthern laden sollten · und die ihm Untertan.
Frau Kriemhild mit ihnen · geheim zu sprechen begann.

Da sprach der reiche König · »Nun hört, wie ihr tut:
Ich entbiete meinen Freunden · alles, was lieb und gut,
Daß sie geruhn zu reiten · hieher in mein Land.
Ich habe noch gar selten · so liebe Gäste gekannt.

»Und wenn sie meinen Willen · gesonnen sind zu tun,
Kriemhilds Verwandte · so mögen sie nicht ruhn
Und diesen Sommer kommen · zu meinem Hofgelag',
Da meiner Schwäger Freundschaft · mich so sehr erfreuen mag.«

Da sprach der Fiedelspieler · der stolze Schwemmelein:
»Wann soll euer Gastgebot · in diesen Landen sein?
Daß wir's euern Freunden · am Rhein mögen sagen.«
Da sprach der König Etzel · »In der nächsten Sonnenwende Tagen.«

»Wir tun, was ihr gebietet« · sprach da Werbelein.
Kriemhild ließ die Boten · zu ihrem Kämmerlein
Führen in der Stille · und besprach mit ihnen da,
Wodurch noch manchem Degen · bald wenig Liebes geschah.

Sie sprach zu den Boten · »Ihr verdient groß' Gut,
Wenn ihr besonnen · meinen Willen tut
Und sagt, was ich entbiete · heim in unser Land:
Ich mach' euch reich an Gute · und geb' euch herrlich Gewand.

»Wen ihr von meinen Freunden · immer möget sehn
Zu Worms an dem Rheine · dem sollt ihr's nie gestehn,
Daß ihr mich immer sähet · betrübt in meinem Mut;
Und entbietet meine Grüße · diesen Helden kühn und gut.

»Bittet sie zu leisten · was mein Gemahl entbot,
Und mich dadurch zu scheiden · von all meiner Not.
Ich scheine hier den Heunen · freundlos zu sein.
Wenn ich ein Ritter wäre · ich käme manchmal an den Rhein.

»Und sagt auch Gernoten · dem edeln Bruder mein,
Daß ihm auf Erden niemand · holder möge sein:
Bittet, daß er mir bringe · hieher in dieses Land
Unsre besten Freunde · so wird uns Ehre bekannt.

»Sagt auch Geiselheren · ich mahn' ihn daran,
Daß ich mit seinem Willen · nie ein Leid gewann:
Drum sähn ihn hier im Lande · gern die Augen mein;
Ich hätt' ihn hier gar gerne · wegen der großen Treue sein.

»Sagt auch meiner Mutter · wie mir Ehre hier geschieht;
Und wenn von Tronje Hagen · der Reise sich entzieht,
Wer ihnen zeigen solle · die Straßen durch das Land?
Die Wege zu den Heunen · sind von frühauf ihm bekannt.«

Nun wußten nicht die Boten · warum das möge sein,
Daß sie diesen Hagen · von Tronje nicht am Rhein
Bleiben lassen sollten · Bald ward es ihnen leid:
Durch ihn war manchem Degen · mit dem grimmen Tode gedräut.

Botenbrief und Siegel · ward ihnen nun gegeben:
Sie fuhren reich an Gute · und mochten herrlich leben.
Urlaub gab ihnen Etzel · und sein schönes Weib;
Ihnen war auch wohlgezieret · mit guten Kleidern der Leib.

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