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Das Nibelungenlied

Karl Simrock: Das Nibelungenlied - Kapitel 14
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authorKarl Simrock
titleDas Nibelungenlied
publisherWeltbild Verlag
editorAndreas Heusler
translatorKarl Simrock
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Vierzehntes Abenteuer

Wie die Königinnen sich schalten

Es war vor einer Vesper · als man den Schall vernahm,
Der von manchem Recken · auf dem Hofe kam:
Sie stellten Ritterspiele · der Kurzweil willen an.
Da eilten es zu schauen · Frauen viel und mancher Mann.

Da saßen beisammen · die Königinnen reich
Und gedachten zweier Recken · die waren ohne Gleich.
Da sprach die schöne Kriemhild · »Ich hab' einen Mann,
Dem wären diese Reiche · alle billig untertan.«

Da sprach zu ihr Frau Brunhild · »Wie könnte das wohl sein?
Wenn anders niemand lebte · als er und du allein,
So möchten ihm die Reiche · wohl zu Gebote stehn:
So lange Gunther lebte · so könnt' es nimmer geschehn.«

Da sprach Kriemhild wieder · »Siehst du, wie er steht,
Wie er da so herrlich · vor allen Recken geht,
Wie der lichte Vollmond · vor den Sternen tut!
Darob mag ich wohl immer · tragen fröhlichen Mut.«

Da sprach wieder Brunhild · »Wie waidlich sei dein Mann,
Wie schön und wie bieder · so steht ihm doch voran
Gunther, der Recke · der edle Bruder dein:
Der muß vor allen Königen · das wisse du wahrlich, sein.«

Da sprach Kriemhild wieder · »So wert ist mein Mann,
Daß er ohne Grund nicht · solch Lob von mir gewann.
An gar manchen Dingen · ist seine Ehre groß.
Glaubst du das, Brunhild? · er ist wohl Gunthers Genoß!«

»Das sollst du mir, Kriemhild · im Argen nicht verstehn;
Es ist auch meine Rede · nicht ohne Grund geschehn.
Ich hört' es Beide sagen · als ich zuerst sie sah,
Und als des Königs Willen · in meinen Spielen geschah,

»Und da er meine Minne · so ritterlich gewann,
Da sagt' es Siegfried selber · er sei des Königs Mann:
Drum halt' ich ihn für eigen · ich hört' es ihn gestehn.«
Da sprach die schöne Kriemhild · »So wär' mir übel geschehn.

»Wie hätten so geworben · die edlen Brüder mein,
Daß ich des Eigenmannes · Gemahl sollte sein?
Darum will ich, Brunhild · gar freundlich dich bitten,
Laß mir zu Lieb die Rede · hinfort mit gütlichen Sitten.«

Die Königin versetzte · »Sie lassen mag ich nicht:
Wie tat ich auf so manchen · Ritter wohl Verzicht,
Der uns mit dem Degen · zu Dienst ist untenan?«
Kriemhild die schöne · hub da sehr zu zürnen an.

»Dem mußt du wohl entsagen · daß er in der Welt
Dir irgend Dienste leiste · Werter ist der Held
Als mein Bruder Gunther · der Degen unverzagt,
Erlaß mich der Dinge · die du mir jetzo gesagt.

»Auch muß mich immer wundern · wenn er dein Dienstmann ist
Und du ob uns Beiden · so gewaltig bist,
Warum er dir so lange · den Zins versessen hat;
Deines Übermutes · war ich billig nun satt.«

»Du willst dich überheben« · sprach da die Königin:
»Wohlan, ich will doch schauen · ob man dich fürderhin
So hoch in Ehren halte · als man mich selber tut.«
Die Frauen waren beide · in sehr zornigem Mut.

Da sprach wieder Kriemhild · »Das wird dir wohl bekannt:
Da du meinen Siegfried · dein Eigen hast genannt,
So sollen heut die Degen · der beiden Kön'ge sehn,
Ob ich vor der Königin · wohl zur Kirche dürfe gehn.

»Ich lasse dich wohl schauen · daß ich edel bin und frei,
Und daß mein Mann viel werter · als der deine sei.
Ich will damit auch selber · nicht bescholten sein:
Du sollst noch heute sehen · wie die Eigenholde dein

»Zu Hof geht vor den Helden · in Burgundenland.
Ich will höher gelten · als man je gekannt
Eine Königstochter · die noch die Krone trug.«
Unter den Frauen hob sich · der Haß da grimmig genug.

Da sprach Brunhild wieder · »Willst du nicht eigen sein,
So mußt du dich scheiden · mit den Frauen dein
Von meinem Ingesinde · wenn wir zum Münster gehn.«
»In Treuen,« sprach da Kriemhild · »also soll es geschehn.«

»Nun kleidet euch, ihr Maide« · hub da Kriemhild an:
»Ob ich frei von Schande · hier nicht verbleiben kann,
Laßt es heute schauen · besitzt ihr reichen Staat;
Sie soll es noch verleugnen · was ihr Mund gesprochen hat.«

Ihnen war das leicht zu raten · sie suchten reich Gewand.
Wie bald man da im Schmucke · viel Frauen und Maide fand!
Da ging mit dem Gesinde · des edeln Königs Gemahl;
Da ward auch wohl gezieret · die schöne Kriemhild zumal

Mit dreiundvierzig Maiden · die sie zum Rhein gebracht:
Die trugen lichte Zeuge · in Arabien gemacht.
So kamen zu dem Münster · die Mägdlein wohlgetan.
Ihrer harrten vor dem Hause · die Siegfrieden Untertan.

Die Leute nahm es wunder · warum das geschah,
Daß man die Königinnen · so geschieden sah,
Und daß sie beieinander · nicht gingen so wie eh.
Das geriet noch manchem Degen · zu großen Sorgen und Weh.

Nun stand vor dem Münster · König Gunthers Weib.
Da fanden viel der Ritter · genehmen Zeitvertreib
Bei den schönen Frauen · die sie da nahmen wahr.
Da kam die Fraue Kriemhild · mit mancher herrlichen Schar.

Was Kleider je getragen · eines edeln Ritters Kind,
Gegen ihr Gesinde · war alles nur wie Wind.
Sie war so reich an Gute · dreißig Königsfraun
Mochten die Pracht nicht zeigen · die da an ihr war zu schaun.

Was man auch wünschen mochte · niemand konnte sagen,
Daß er so reiche Kleider · je gesehen tragen,
Als da zur Stunde trugen · ihre Mägdlein wohlgetan.
Brunhilden war's zu Leide · sonst hätt' es Kriemhild nicht getan.

Nun kamen sie zusammen · vor dem Münster weit.
Die Hausfrau des Königs · aus ingrimmem Neid
Hieß da Kriemhilden · unwirsch stille stehn:
»Es soll vor Königsweibe · die Eigenholde nicht gehn.«

Da sprach die schöne Kriemhild · zornig war ihr Mut:
»Hättest du noch geschwiegen · das wär' dir wohl gut!
Du hast geschändet selber · deinen schönen Leib:
Mocht' eines Mannes Kebse · je werden Königes Weib?«

»Wen willst du hier verkebsen?« · sprach des Königs Weib.
»Das tu' ich dich«, sprach Krimhild · »deinen schönen Leib
Hat Siegfried erst geminnet · mein geliebter Mann:
Wohl war es nicht mein Bruder · der dein Magdtum gewann.

»Wo blieben deine Sinne? · Es war doch arge List:
Was ließest du ihn minnen · wenn er dein Dienstmann ist?
Ich höre dich,« sprach Kriemhild · »ohn' alle Ursach klagen.«
»In Wahrheit,« sprach da Brunhild · »das will ich Gunthern doch sagen.«

»Wie mag mich das gefährden? · Dein Übermut hat dich betrogen:
Du hast mich mit Reden · in deinen Dienst gezogen.
Das wisse du in Treuen · es ist mir immer leid:
Zu trauter Freundschaft bin ich · dir nimmer wieder bereit.«

Brunhild begann zu weinen · Kriemhild es nicht verhing,
Vor des Königs Weibe · sie in das Münster ging
Mit ihrem Ingesinde · Da hub sich großer Haß;
Es wurden lichte Augen · sehr getrübt davon und naß.

Wie man da Gott auch diente · oder jemand sang,
Brunhilden währte · die Weile viel zu lang.
Ihr war allzutrübe · der Sinn und auch der Mut;
Des mußte bald entgelten · mancher Degen kühn und gut.

Brunhild mit ihren Frauen · ging vor das Münster stehn.
Sie gedacht': »Ich muß von Kriemhild · mehr zu hören sehn,
Wes mich so laut hier zeihte · das wortscharfe Weib:
Und wenn er sich's gerühmt hat · geht's ihm an Leben und Leib!«

Nun kam die edle Kriemhild · mit manchem kühnen Mann.
Da begann Frau Brunhild · »Haltet hier noch an.
Ihr wolltet mich verkebsen · laßt uns Beweise sehn,
Mir ist von euern Reden · das wisset, übel geschehn.«

Da sprach die Fraue Kriemhild · »Was laßt ihr mich nicht gehn?
Ich bezeug' es mit dem Golde · an meiner Hand zu sehn.
Das brachte mir Siegfried · nachdem er bei euch lag.«
Nie erlebte Brunhild · wohl einen leidigern Tag.

Sie sprach: »Dies Gold das edle · das ward mir gestohlen
Und blieb mir lange Jahre · übel verhohlen:
Ich komme nun dahinter · wer es hat genommen.«
Die Frauen waren beide · in großen Unmut gekommen.

Da sprach wieder Kriemhild · »Ich will nicht sein der Dieb.
Du hättest schweigen sollen · wär' dir Ehre lieb.
Ich bezeug' es mit dem Gürtel · den ich umgetan,
Ich habe nicht gelogen · wohl wurde Siegfried dein Mann.«

Von Niniveer Seide · sie eine Borte trug
Mit edelm Gesteine · die war wohl schön genug.
Als Brunhild sie erblickte · zu weinen hub sie an.
Das mußte Gunther wissen · und alle die ihm untertan.

Da sprach des Landes Königin · »Sendet her zu mir
Den König vom Rheine · hören soll er hier,
Wie sehr seine Schwester · schändet meinen Leib:
Sie sagt vor allen Leuten · ich sei Siegfriedens Weib.«

Der König kam mit Recken · als er weinen sah
Brunhild seine Traute · gütlich sprach er da:
»Von wem, liebe Fraue · ist euch ein Leid geschehn?«
Sie sprach zu dem König · »Unfröhlich muß ich hier stehn.

»Aller meiner Ehren · hat die Schwester dein
Mich berauben wollen · Geklagt soll dir sein,
Sie sagt: ich sei die Kebse · von Siegfried, ihrem Mann.«
Da sprach der König Gunther · »So hat sie übel getan.«

»Sie trägt hier meinen Gürtel · den ich längst verloren,
Und mein Gold das rote · Daß ich je ward geboren,
Des muß mich sehr gereuen · befreist du, Herr, mich nicht
Solcher großen Schande · ich minne nie wieder dich.«

Da sprach König Gunther · »So ruft ihn herbei:
Hat er sich's gerühmet · das gesteh' er frei,
Er woll' es denn leugnen · der Held von Niederland.«
Da ward der kühne Siegfried · bald hin zu ihnen gesandt.

Als Siegfried der Degen · die Unmutvollen sah
Und den Grund nicht wußte · balde sprach er da:
»Was weinen diese Frauen? · das macht mir bekannt:
Oder wessentwegen · wurde hier nach mir gesandt?«

Da sprach König Gunther · »Groß Herzleid fand ich hier.
Eine Märe sagte · mein Weib Frau Brunhild mir:
Du habest dich gerühmet · du wärst ihr erster Mann.
So spricht dein Weib Kriemhild · hast du, Degen, das getan?«

»Niemals,« sprach da Siegfried · »und hat sie das gesagt,
Nicht eher will ich ruhen · bis sie es beklagt,
Und will davon mich reinigen · vor deinem ganzen Heer
Mit meinen hohen Eiden · ich sagte solches nimmermehr.«

Da sprach der Fürst vom Rheine · »Wohlan, das zeige mir!
Der Eid, den du geboten · geschieht der allhier,
Aller falschen Dinge · laß' ich dich ledig gehn.«
Man ließ in einem Ringe · die stolzen Burgunden stehn.

Da bot der kühne Siegfried · zum Eide hin die Hand.
Da sprach der reiche König · »Jetzt hab ich wohl erkannt,
Ihr seid hieran unschuldig · und sollt' des ledig gehn:
Des euch Kriemhild zeihte · das ist nicht von euch geschehn.«

Da sprach wieder Siegfried · »Und kommt es ihr zugut,
Daß deinem schönen Weibe · sie so betrübt den Mut,
Das wäre mir wahrlich · aus der Maßen leid.«
Da blickten zueinander · die Ritter kühn und allbereit.

»Man soll so Frauen ziehen« · sprach Siegfried der Degen,
»Daß sie üpp'ge Reden · lassen unterwegen;
Verbiet es deinem Weibe · ich will es meinem tun.
Solchen Übermutes · in Wahrheit schäm' ich mich nun.«

Viel schöne Frauen wurden · hier im Gespräch entzweit.
Da erzeigte Brunhild · solche Traurigkeit,
Daß es erbarmen mußte · die in Gunthers Lehn.
Von Tronje Hagen sah man · zu der Königin da gehn.

Er fragte, was ihr wäre · da er sie weinend fand.
Sie sagt' ihm die Märe · Er gelobt' ihr gleich zur Hand,
Daß es büßen sollte · der Kriemhilde Mann,
Oder man treff' ihn nimmer · unter Fröhlichen an.

Über die Rede kamen · Ortwein und Gernot.
Allda die Herren rieten · zu Siegfriedens Tod.
Dazu kam auch Geiselher · der schönen Ute Kind;
Als er die Rede hörte · sprach der Getreue geschwind:

»Ihr viel wackern Helden · warum tut ihr das?
Siegfried verdiente · ja niemals solchen Haß,
Daß er darum verlieren · Leben sollt' und Leib:
Auch sind es viel Dinge · um die wohl zürnet ein Weib.«

»Sollen wir Gäuche ziehen?« · sprach Hagen entgegen:
»Das brächte wenig Ehre · solchen guten Degen.
Daß er sich rühmen durfte · der lieben Frauen mein,
Ich will des Todes sterben · oder es muß gerochen sein.«

Da sprach der König selber · »Er hat uns nichts getan
Als Liebes und Gutes · leb' er denn fortan!
Was sollt' ich dem Recken · hegen solchen Haß?
Er bewies uns immer Treue · gar williglich tat er das.«

Dann begann der Degen · von Metz Herr Ortewein:
»Wohl kann ihm nicht mehr helfen · die große Stärke sein.
Will es mein Herr erlauben · ich tu' ihm alles Leid.«
Da waren ihm die Helden · ohne Grund zu schaden bereit.

Dem folgte doch niemand · außer daß Hagen
Alle Tage pflegte · zu Gunther zu sagen:
Wenn Siegfried nicht mehr lebte · ihm würden untertan
Manches Königs Lande · Da hub der Held zu trauern an.

Man ließ es bewenden · und ging dem Kampfspiel nach.
Hei! was man starker Schäfte · vor dem Münster brach
Vor Siegfriedens Weibe · bis hinan zum Saal!
Mit Unmut sah es mancher · dem König Gunther befahl.

Der König sprach: »Laßt fahren · den mordlichen Zorn.
Er ist uns zu Ehren · und zum Heil geborn;
Auch ist so grimmer Stärke · der wunderkühne Mann,
Wenn er's inne würde · so dürfte niemand ihm nahn.«

»Nicht doch,« sprach da Hagen · »da dürft ihr ruhig sein:
Wir leiten in der Stille · alles sorglich ein.
Brunhildens Weinen · soll ihm werden leid.
Immer sei ihm Hagen · zu Haß und Schaden bereit.«

Da sprach der König Gunther · »Wie möcht' es geschehn?«
Zur Antwort gab ihm Hagen · »Das sollt ihr bald verstehn:
Wir lassen Boten reiten · her in dieses Land,
Uns offnen Krieg zu künden · die hier niemand sind bekannt.

Dann sagt ihr vor den Gästen · ihr wollt mit euerm Lehn
Euch zur Heerfahrt rüsten · Sieht er das geschehn,
So verspricht er euch zu helfen · dann geht's ihm an den Leib,
Erfahr' ich nur die Märe · von des kühnen Recken Weib.«

Der König folgte leider · seines Dienstmanns Rat.
So huben an zu sinnen · auf Untreu und Verrat,
Eh' es wer erkannte · die Ritter auserkoren:
Durch zweier Frauen Zanken · ging da mancher Held verloren.

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