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Das Naturforscherschiff

Sophie Wörishöffer: Das Naturforscherschiff - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Wörishöffer
titleDas Naturforscherschiff
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1941
printrunVierzehnte Auflage
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel

Nach Ceylon. Im Urwalde. Die Elefantentränke. Der Überfall des Tigers. Die Tempelruinen. Das Dorf der Singhalesen. Die jungen Tiger und die Ziegenamme. Ratten und Schlangen. Singhalesischer Pfannkuchen. Das Diamantfeld.

—————

 

Die Reise nach Ceylon wurde schnell und glücklich beendet; man fuhr am Hafen von Galle und an dem von Kolombo vorüber bis zur äußersten Nordspitze, die freilich nur eine Landung im Boot gestattete. Dafür versprach aber auch der gänzliche Mangel an Kultur und an irgend einem gebahnten Wege die beste Jagdbeute. Vor der Hand mußte man sich ohne Führer behelfen; die Küste war flach und stark mit Sandsteinstrecken versetzt, dazwischen aber lagen schöne, fruchtbare Täler und ragende Wälder, in denen Palmen von unglaublicher Höhe und zu vielen Tausenden alles andere gleichsam als nebensächlich erscheinen ließen. Stämme von dreißig bis vierzig Meter waren die unbedeutendsten und bildeten das, was in einem deutschen Walde Unterholz heißt, hier noch mit einer Fülle von Sträuchern und Ranken jeder Ausdehnung um den Platz streitend.

Da keine Pferde zu haben waren, marschierte der kleine Zug auf Schusters Rappen in die grüne Wildnis hinein. Jeder Mann hatte seine Wolldecke, seinen Leinensack mit Lebensmitteln, Korbflasche, Pulverhorn, Schrotbeutel und Messer bei sich, und war außerdem mit mancherlei Kleinigkeiten zum Verschenken, mit etwas Branntwein und ein paar kleinen Taschenpistolen, sowie mit Feuerzeug und Wachskerzen versehen. Der Doktor, Holm, zwei Matrosen, die Knaben und Rua-Roa bildeten einen wohlausgerüsteten Entdeckungszug. Sie wollten womöglich die Insel quer durchschneiden, zuerst das Tiefland kennen lernen und dann die Gebirgspartie. Etwa vier bis sechs Wochen waren für diese Reise in Aussicht genommen.

Schon gleich nachdem die ersten tausend Schritte zurückgelegt, entfaltete sich das bunteste, einheimische Tierleben. Auf den unscheinbaren Blüten der Zimtpflanze wiegten sich große, ganz weiße Schmetterlinge; Papageien und Nashornvögel bevölkerten das Dickicht, schlanke Genettkatzen glitten wie Schatten in einiger Entfernung vorüber, und Stachelschweine in beträchtlicher Anzahl lagen faul zusammengerollt unter Blumen. Es waren dies die echten, in Deutschland fehlenden mit den schöngefärbten, großen Stacheln, die auch in allen Häfen der Insel von den Eingebornen zum Verkauf ausgeboten werden; unsere Freunde töteten daher sogleich zwei der schönsten Exemplare um sich ihrer Stacheln zu bemächtigen; die Jagd nahm so recht frei und unbeschränkt wieder ihren Anfang; alle Herzen schlugen froher, die Gefahr schärfte alle Sinne und lockte mit geheimnisvollem Zauber.

Es ist äußerst angenehm, sich nach bestandenem Abenteuer schwelgend in Sicherheit und Fülle aller Naturreize ausruhen zu dürfen, aber dennoch hat auch der Kampf um neue Güter, neue Genüsse sein unendlich Verführerisches. Wer nichts einsetzt, der kennt auch nicht das Hochgefühl des Sieges, wer nicht mit Mühe errang, der erfährt nie die echte Freude des Besitzes. –

Auf jedem Schritt wurden Schätze entdeckt, und als man sich zum ersten, durch manche frischgepflückte Frucht noch verschönerten Mahl ins Grüne setzte, da schmeckte allen die gewohnte derbe Schiffskost wie etwas ausgesucht Feines. Würziger Hauch wehte über all diese Blütenpracht dahin, Vögel sangen in den Zweigen und große Käfer schlüpften durch das Gras. »Nur entsetzlich viel kriechende Tiere scheint es zu geben,« meinte Franz; »ich fühle das Krabbeln am ganzen Körper.«

»Ich auch!« rief der Doktor. »Aber merkwürdig, in der Luft fliegt nichts.«

»Die Bestien stechen!« mischten sich jetzt zugleich Holm und Hans in diese delikate Unterhaltung. »Ich glaube, auf meinem Rücken allein sitzt ein ganzes Schock.«

Rua-Roa griff unter die weiten Falten seiner Leinenjacke und brachte dann die fünf Finger ziemlich durchnäßt wieder hervor. »Blut!« sagte er voll Erstaunen.

Alle andern waren bereits beschäftigt, Stiefel und Röcke abzuwerfen; das Brennen in der Haut wurde unerträglich, das Krabbeln wie von tausend kleinen Füßchen reizte ärger als der stärkste Schmerz. Nachdem Franz die Schulter entblößt, zeigten sich nicht weniger als Hunderte von ganz dünnen, an Größe einer länglichen Wanze gleichenden, schwarzbraunen Würmern; alle diese häßlichen Geschöpfe hingen am Körper des Knaben wie – Blutegel! was sie tatsächlich auch waren. Sobald einer gewaltsam entfernt wurde, quoll das Blut aus der Wunde.

Holm lachte. »Rückwärts! Rückwärts, Don Rodrigo!« rief er lustig, »hier heißt es Fersengeld geben, hier hilft nur das Hasenpanier zum Siege. Nehmt alles, was wir besitzen, und laßt uns aus dem Gebiet der Sandegel so schnell als nur möglich dort hinab an das Ufer flüchten. Die schwarzen Gesellen leben, wo sie einmal sind, zu Myriaden, abschütteln kann man sie nicht.«

»Am besten ist es, wir baden uns,« rief Franz. »Das Brennen macht ganz ungeduldig.«

»Und wie die Dinger anschwellen! sie saugen uns leer, wenn wir es gestatten.«

Die ganze kleine Gesellschaft machte sich auf und trug Lebensmittel und Gepäck zum Flußufer, wo Holm den Boden, nachdem er ihn untersucht hatte, für frei erklärte. Und dann umspülte das frische Wasser die brennenden Hautwunden, während jedesmal drei von den Männern Wache hielten, und drei die festgeklammerten Egel zum Ertrinken zwangen. Das war ein Aderlaß in aller Form, sogar die Hemden mußten gewaschen und zum Trocknen auf die nächsten Büsche gehängt werden; dennoch erregte das kleine Abenteuer auch allgemeine Heiterkeit, es bildete den Anfang zu neuen Erlebnissen; daher mußte es mit in den Kauf genommen werden, wenn selbst ein wenig Blut geflossen war. An den Ufern zeigten sich scharenweise die schönen roten Flamingos; Hasen eilten mit den bekannten langen Sätzen über das Flachland dahin, weiße Kakadus wiegten sich auf den Palmen, überall lagen Kokosnüsse reif am Boden, Pfefferpflanzen kletterten von Stamm zu Stamm. Undurchdringliche Dickichte zwangen die Wanderer zum Umkehren. Hierher mochten nur selten Menschen gekommen sein, keine Spur eines Weges ließ sich erkennen, nichts deutete auf die Nähe einer Ansiedelung, mehr als einmal dagegen drang das ferne Brüllen des Tigers zu den Ohren der Weißen, oder stampfte im Galopp eine Büffelherde vorüber, aufgescheucht durch das Erscheinen menschlicher Wesen in ihren Weidegebieten, Hunderte an der Zahl, ziemlich klein und gedrungen, aber von wildem, bösartigem Aussehen. Die Jäger gingen solchen herankommenden Herden aus dem Wege, um nicht angegriffen zu werden; einen der Nachzügler aber schossen sie aus dem Hinterhalt und schnitten einen tüchtigen Braten ab, der abends am mitgebrachten Spieß geröstet werden sollte. An einer passenden Stelle, wo überhängende Zweige ein dichtes Dach bildeten, wo eine Quelle sprudelte und der Rücken durch eine Felswand gedeckt war, wurde Halt gemacht. Zelte von Leinen, bequem und ohne Regelmäßigkeit zwischen den Bäumen ausgespannt, ein von Kriechtieren gesäuberter Boden und ein paar Wolldecken gaben unter dem milden Himmel ein prächtiges Nachtlager, während vor den Zelten ein Feuer hell und behaglich aufloderte. Das Büffelfleisch wurde am Spieße gebraten, frische Früchte gepflückt und dann ein Nachtessen eingenommen, so köstlich wie nur Jäger im grünen Walde es kennen. Der Rücken war gedeckt, ein feindlicher Angriff nicht möglich, ohne im voraus bemerkt zu werden; das Wetter hatte sich von heißer Mittagsglut zu linder Wärme herabgestimmt, Mücken spielten in der klaren Luft, und auf den Zweigen saßen große, rote Papageien, die neugierig mit schiefgehaltenen Köpfen herabsahen. Jene große Gattung, deren Rücken in Purpur und Blau schimmert, wechselte mit dem schneeweißen Kakadu und dem kleineren, rosa überhauchten Verwandten; Gesellschaftsvögel flatterten dazwischen, und auch den schönen Nashornvogel von der Westküste Afrikas sahen die Reisenden hier wieder. Nur die Affen fehlten, und dadurch ging ein großer Teil der sonst gewohnten Unterhaltung verloren.

Franz und ein Matrose hatten den ersten Teil der Nachtwache übernommen, die anderen schliefen in den Zelten. Fast Tageshelle lag auf der Umgebung, in weitem Blau schimmerten die Sterne, lächelnd sah der Vollmond herab auf das farbenprangende Landschaftsbild; leise flüsternd unterhielten sich der Matrose und der Knabe von Hamburg, ihrer beiderseitigen Heimat, – da knisterte es seitwärts in den Zweigen, so daß die Aufmerksamkeit der jungen Leute erregt wurde. Was würden sie sehen? – Einen Tiger? – Wilde? –

Aber nein. Es waren die zierlichen, schöngefleckten Axishirsche, welche hier in ganzen Trupps an die Quelle kamen, um zu trinken. Schlank wie Rehe, mit großen sprechenden Augen, das Geweih zurückgeworfen, zeigten sie sich dem überraschten Blick, ebensowenig furchtsam wie die Papageien, ebensowenig gewöhnt, Menschen in ihren Wäldern zu sehen wie diese. Fast bis auf sechs oder zehn Schritte kamen sie heran, kleine Kälbchen liefen neben den Müttern, ein Bock mit mächtigem Geweih schien der Anführer des Zuges zu sein.

»Wir wollen nicht schießen, Maat,« raunte Franz. »Fleisch für morgen ist ja noch genug vorhanden, – es wäre schade um die hübschen Tiere.«

»Hm, hm, junger Herr, da ist nur eins zu bedenken!«

»Und das wäre?« forschte der Knabe.

»Wenn nun diese Stelle hier am Wasser ein Trinkplatz ist? Wenn noch mehr und vielleicht nicht so harmlose Tiere herkämen?«

Noch während er sprach, erdröhnte von fern die Erde, als wenn eine reitende Batterie darüber hinwegeilte. Ein heller, trompetenartiger Ton klang durch die Luft, Zweige brachen und knackten, von der anderen Seite des schmalen Wasserarmes her kamen aus dem Walddunkel graue Riesengestalten hervor, ungeheure Kolosse trabten heran, dazwischen kleinere bis herab zu kaum dreitägigen und neugeborenen Rüsselträgern. Etwa dreißig Elefanten standen am Quell und löschten ihren Durst.

Die Axishirsche nahmen von dieser Nachbarschaft keinerlei Notiz, sie lagerten sich vielmehr in ungestörter Ruhe am Uferrand, die Jungen tranken nach Herzenslust an den Zitzen der Mütter, und die Alten benagten spielend, in der Fülle des Gebotenen schwelgend, die üppigen Grasspitzen ringsumher oder die blütenschweren Ranken, welche von den Bäumen herabhingen.

Franz kroch lautlos in das Zelt und weckte die anderen. Ein zugleich so friedliches und so großartiges Bild wurde dem Blick vielleicht nicht zum zweitenmale geboten, eine Herde von Elefanten sah man nicht alle Tage.

Rua-Roa schien bei dem Anblick der Kolosse im ersten Schrecken entfliehen zu wollen. Er ließ sich gar nicht überzeugen, daß die trompetenden Dickhäuter ohne Menschenfleisch zufrieden sein könnten, und etwas wie eine Erinnerung an Angatsch den Bösen und alle seine Tücke zog wieder durch das halbzivilisierte Gemüt. »Schieße nicht!« bat er beklommen, »schieße nicht. Wer weiß, was sie im Schilde führen?«

Holm lachte. »Hast du die Bilder von Elefanten, welche wir dir gezeigt, gänzlich wieder vergessen, Junge? Glaubst du, daß uns der Anblick dieser Tiere überrascht?«

Der Malagasche errötete. »Aber du könntest doch den großen Körper nicht fortbringen, Herr, auch wenn du ihn getötet hättest,« versetzte er ängstlich.

Holm schwankte. »Einen dieser prachtvollen Stoßzähne würde ich doch außerordentlich gern erbeuten! – was meinst du, Franz?« »Wir schleichen bis zu den drei Tamarindenstämmen, Karl, da! zu denen, die ganz dicht neben einander stehen,« flüsterte eiligst der Knabe. »Es kann uns in dies Versteck kein Elefant nachkommen, – die anderen mögen auf Bäume klettern.«

»Ich will mit Ihnen,« nickte der Matrose. »Ihr Gedanke ist gut.«

Als der Malagasche sah, daß keine Gegenrede den Jagdeifer der Weißen erschüttern konnte, nahm er schnell seine Kugelbüchse und kroch durch das Unterholz den Vorangegangenen nach, während der Doktor und Hans in einiger Entfernung Posto faßten, um nötigenfalls den wütenden Riesen von anderer Seite bekämpfen zu können. Der zweite Matrose blieb vor den Zelten im Anschlag liegen.

Die Axishirsche hatten ihre schönen, schlanken Köpfe gedreht und horchend einen Augenblick lang Miene gemacht zu entfliehen, dann aber, als sie niemand sahen, kehrte die frühere Ruhe zurück; ein leichter Wind strich spielend über ihre Stirnen dahin, sie schnupperten sorgfältig, – nichts Verdächtiges störte den Frieden ringsumher.

Holm und Franz drangen vor bis an die Gruppe von Arekapalmen und Tamarinden. Hier inmitten von wenigstens zehn Stämmen waren sie gegen den Zorn der Elefanten vollkommen geschützt.

Rua-Roa fühlte sich etwas beklommen; er tastete unruhig wie in halber Zerstreutheit an derjenigen Stelle seiner Brust, wo früher die schützenden Amulette zu hängen pflegten. Sein Blick durchdrang spähend die grünen, blütengeschmückten Umgebungen.

»Der da!« raunte Holm, »der große, rechts von den beiden Kälbern. Die Zähne sind wahre Prachtexemplare.«

Er legte an, schon zuckte der Finger zum Drücker des Gewehres, da berührte die Hand des Malagaschen seinen Arm. »Ein Kopf, Herr, ein gelbes Tier! – siehst du nicht dort die funkelnden Augen?«

Holm ließ das Gewehr sinken. »Gelb?« fragte er rasch, »wo denn? – Ach, bei Gott, ein Tiger!«

Gleich einem Blitz schoß die Raubkatze im Sprunge über das Gebüsch dahin. Wenigstens sechs Meter durchmaßen die geschmeidigen Glieder, der lange Schweif flog hinter ihm durch die Luft, ein mißtönendes Geschrei erschreckte die Tierwelt ringsumher. Gleich Schatten waren die Hirsche entflohen, kreischend und flatternd verbargen sich die Papageien im Gezweig. Der Tiger hatte ein junges Elefantenkalb zum Opfer ausersehen, sein plötzlicher Überfall warf das wehrlose Tier zu Boden, er biß mit den gewaltigen Zähnen in die Kehle des Halberstickten, jammervolles Klagegeschrei erfüllte die Luft, Ströme von Blut rannen über das Gras dahin.

Die alten Elefanten schienen indessen keineswegs gesonnen, den Räuber ihres Kleinen ungestraft entkommen zu lassen. Ihr Gebrüll widerhallte an den fernen Bergwänden, wütende Angriffe mit dem Rüssel hoben in diesem Augenblicke den Tiger hoch in die Luft empor, um ihn am Boden zu zerschmettern, im nächsten hatte er sich durch sein scharfes Gebiß befreit und hing jetzt als der Stärkere buchstäblich mit den Zähnen im Fleische eines Elefanten. Dieser ungleiche Kampf des Einen gegen so viele konnte indessen nicht von langer Dauer sein. Der Tiger wehrte sich wie ein Verzweifelter, auch sein Blut floß, die rote Zunge hing lechzend aus dem Rachen hervor, der Schweif peitschte den Boden, heiser und immer heiserer klang das wütende Gebrüll. Die Elefanten traten ihn, ihre Stoßzähne bohrten sich in seinen Leib, sie warfen ihn von einer Stelle zur anderen und wichen dann selbst schäumend vor Wut zurück, wenn ihre empfindlichen, weichen Rüssel die Kraft seiner Bisse fühlten.

Besonders den großen, alten Elefanten, ein Männchen mit gewaltigem Kopfe, hatte er bös zugerichtet. Der Koloß zeigte zerfetzte Ohren, aus dem Rüssel waren große Stücke Fleisch gerissen und an manchen Orten hing die Haut, von den Pranken der Raubkatze erfaßt, in Lappen herab. Das Tier brüllte vor Schmerz, die ganze mächtige Gestalt schwankte, der Kopf triefte von Blut, aber dafür wurde ihm auch die Genugtuung, seinen Feind jetzt völlig besiegt zu sehen. Der Tiger lag, zum formlosen Klumpen zertreten, unter den Füßen der grauen Kolosse; er atmete nicht mehr, das schöne Fell war bis zur Unkenntlichkeit besudelt und zerstampft, alle Rippen zerbrochen und der Kopf zerquetscht.

Neben seinen verstümmelten Überresten lagen die des getöteten Elefantenkalbes, und nach allem Toben, allem Kampf der letzten Viertelstunde war es traurig zu sehen, wie sich die Mutter des kleinen Geschöpfes bemühte, es wieder in das Leben zurückzurufen. Sie beroch und betrachtete es, versuchte mit dem Rüssel seinen Kopf aufzuheben und emporzuziehen. Als alles vergeblich war, stieß das Tier mit zurückgelegtem Kopfe ein erschütterndes Klagegeschrei in die Luft hinaus, so ganz anders wie das Wutgebrüll der Männchen, so trostlos und gramvoll, daß es die Herzen der zuhörenden Männer rührte. Diese beraubte Mutter schrie nach ihrem Kinde, alle verstanden den Ton, alle gönnten es dem Tiger, daß er für seine Unthat bestraft morden war.

»Und doch hat auch er vielleicht Junge im Nest, denen er Futter zutragen wollte,« sagte endlich wie in Beantwortung seiner eigenen Gedanken der junge Gelehrte. »Krieg ist das Losungswort der Tierwelt, eine Gattung immer die Bekämpferin der anderen. – Jetzt aber wollen wir, als die vornehmsten, mit den stärksten Waffen versehenen Räuber, doch dem alten Herrn da den Garaus machen. Der Tiger hat uns bestens vorgearbeitet.«

Er zielte nochmals, und die schwere Kugel drang dem Elefanten in das Auge, um ihn auf der Stelle zu töten. Die Erde dröhnte, als er fiel.

»Ah! – die beiden Stoßzähne hätten wir sicher.«

Holm wollte sogleich aus dem Versteck hervortreten und sich seiner Beute bemächtigen, aber der Matrose warnte ihn vor der bekannten Hinterlist der Elefanten, weshalb er wartete, bis sich die großen Tiere, erschreckt durch mehrere ihnen zugesandte Schüsse, endlich entfernt hatten. Die Walstatt selbst bot einen furchtbaren Anblick. Überall war die Erde fußtief aufgewühlt, Lachen von gerinnendem Blut füllten die tieferen Stellen, Gebüsche und schwächere Baumstämme lagen zertreten, Ranken zerrissen und Blumen geknickt. Dazwischen die zermalmten Tierleichen, – so fanden Holm und Franz das Gesamtbild, als sie mit den anderen kamen, um die Stoßzähne des großen Elefanten herauszubrechen. Das Handbeil des Matrosen leistete dabei die besten Dienste, es gelang über alles Erwarten gut, und schon waren die Jäger im Begriff, den Rückweg zu ihren Zelten anzutreten, als von einiger Entfernung her ein leises Wimmern oder Pfeifen die nächtliche Stille durchdrang. Es hörte sich an, als weine ein kleines eigensinniges Kind, oder wie Katzengeschrei.

Alle horchten. Da klang es nochmals. Ein größeres Tier konnte es unmöglich sein.

Die ganze Gesellschaft ging dem Schall nach. Im Widerspruch mit den Gewohnheiten wilder Geschöpfe verstärkte sich bei dem Näherkommen der Männer das Wimmern, es tönte deutlicher und immer deutlicher, bis zuletzt Franz als der erste im Zuge seitwärts vom Wege ein Nest aus dürren Halmen entdeckte und darin zwei junge Tiger, die, kaum größer als Ratten, vielleicht erst seit dem gestrigen Tage lebten und sich ängstlich verkrochen, als der Knabe in ihren Schlupfwinkel sah. Bei der ersten Berührung versuchten die zahnlosen Mäulchen zu beißen.

»Richtig so wie ich mir dachte,« nickte Holm. »Die säugende Mutter hat es, vom Hunger getrieben, gewagt, das Elefantenkalb inmitten seiner Herde anzugreifen und ist dabei der Übermacht erlegen. Was fangen wir an mit diesen kleinen Schreihälsen?«

»Totschlagen!« entschied der Doktor. »Sie können dann keinesfalls mehr schaden.«

»Es ist auch barmherziger, sie auf einen Schlag zu töten als dem langsamen Verhungern auszusetzen,« meinte der gutmütige Hans.

»Ich will euch etwas sagen,« rief Franz. »Morgen müssen uns doch höchstwahrscheinlich Eingeborne begegnen, denen zeigen wir das Nest. Halberwachsene Tiger werden von den Hamburger und Londoner Tierhändlern bis zu tausend Talern bezahlt.«

»Topp!« versetzte Holm. »Das klingt vernünftig. Selbst zum Ausstopfen sind die Dinger noch zu klein, – wir können für unsere Zwecke nichts damit anfangen.«

Die Richtung und Entfernung von der Quelle wurde nun genau festgestellt, die Elefantenzähne wie Gewehre geschultert und der Rückweg angetreten. Holm und Rua-Roa bezogen die Wache, später von Hans und dem zweiten Matrosen abgelöst, und kein weiteres Ereignis störte den Schlaf, der bis zum hellen Morgen dauerte.

Der Rest des Büffelfleisches wurde gebraten, um zu jeder Zeit und an jedem Orte verzehrt werden zu können, die Zelte abgebrochen, und nun ging es weiter durch den Wald dahin; unermeßliche Strecken von Tiefland mit Kokosbäumen dicht besetzt, Hochebenen voll der schönsten Palmen, Kaffeefelder, Zimtfelder, Massen von Kardamomen, von Eben- und Sapanholz, ebenso wieder der Brotbaum, der Dschambu- und Kaschubaum, alles wechselte in erdrückender, sogar Afrikas Üppigkeit übertreffender Fülle.

.

Die Ruinen auf Ceylon

An einer Stelle mitten im dichten Walde, von tausend Ranken und blühenden Flechten überzogen, harrte der Reisenden ein unerwarteter Anblick. Neben und unter den schlanken Palmenstämmen erhoben sich die grünbewachsenen Ruinen einer ehemaligen Stadt, Steinmauern, deren letzte Bruchstücke hier dem Zahn der Zeit Trotz boten, die vielleicht vor vielen Jahrhunderten einer wohlhabenden und gebildeten Bevölkerung als Wohnsitz gedient hatten. Holm jubelte, obwohl dieser Fund weniger in das naturwissenschaftliche als vielmehr in das kulturhistorische Gebiet hineingehörte. Da waren uralte Treppenstufen aus Granit, gebrochene Säulen, Pfeiler, an denen selbst die Jahrhunderte mit ihren Stürmen und Regenfluten nicht zu rütteln vermocht hatten, und als die Reisenden weiter vordrangen, in der Mitte dieser versunkenen, uralten Stadt ein ausgemauerter Teich, oder doch die Steinfassung eines solchen, wenn auch das Wasser längst versiegt sein mochte. Über alle diese Zeugen einer toten, großartigen Vergangenheit aber wob die Gegenwart ihren grünen, blütengestickten Schleier. Wo einst ein Tempel gestanden, da sandte von tausend Ästen die Tamarinde ihre erquickende Frucht der Hand des Wanderers entgegen; wo sich müde Menschen zur Ruhe gebettet, da hob die schöne malabarische Ziege spähend vom Nest ihre Hörner, und unter den Stufen der gewundenen Treppen hausten Moschusratten, die bei der Annäherung von Fremden eilends in ihre Löcher schlüpften, deren zwei oder drei aber doch erlegt wurden, um sie den übrigen Schätzen dieser Reise zuzugesellen. Auch ein junger Bock mußte das Leben hingeben und gleich an Ort und Stelle als Braten dienen. Die Steinstufen boten einen vorzüglichen Herd, Feuer war bald entzündet, und in der Blechpfanne schmorte und brodelte es. Holm mit den Knaben suchte nach Früchten, wobei wieder eine neue Entdeckung gemacht wurde. Ein einsamer uralter Feigenbaum, der »Bo«, wie ihn die Eingebornen nennen, hoch und von mächtiger Breite, überschattete einen steinernen, nur noch als Ruine dastehenden Tempel der ehemaligen Buddhisten; seine Blätter waren gleich denen der Pappel in beständigem Zittern begriffen, eine Art von Altar befand sich im Innern, und das Ganze lag malerisch im Halbschatten verhüllt. Hoch oben sangen Vogelstimmen ein helles Jubellied, der Wind spielte in den Zweigen, die zutraulichen Ziegen weideten überall auf den Abhängen, und unten im Tale stieg der Rauch des Herdfeuers wirbelnd zu den Wolken empor.

»Hier haben vor tausend Jahren indische Weise gelehrt und geherrscht,« sagte beinahe feierlich der junge Naturforscher, »jeder dieser Steine gibt Zeugnis von einer großen, reichen Vergangenheit, – heute gehört das Gebiet den Raubtieren, und seine Einwohner sind Wilde.«

»Ob wir doch endlich welche sehen werden?« rief Franz.

Der Wunsch sollte sehr bald in Erfüllung gehen. Als die kleine Gruppe auf Steinblöcken und Stufen um das Feuer herum Platz genommen und den Braten zerlegt hatte, teilten sich plötzlich in einiger Entfernung die Büsche, und braungelbe hübsche Gesichter sahen hervor. Auf allen diesen Zügen lag Verstand und Gutmütigkeit zugleich, das Haar hing schwarz und seidenartig lang über die breiten, kräftigen Schultern herab, weiße Mützen saßen keck auf den Köpfen, und die Spitzen mehrerer Eisenwaffen schimmerten durch das Grün.

Im ersten Augenblick erschraken unsere Freunde oder faßten doch maschinenmäßig nach ihren Gewehren. Man konnte ja immerhin nicht im voraus wissen, wie die dunkeln Gestalten den Besuch aufnehmen würden. Holm erhob sich und ging ihnen entgegen, ebenso schnell und noch schneller tauchten die Wilden zurück in das Grün; erst als er einen lauten Zuruf in den Wald hineinschickte, erschienen hier und da einige der dunklen Gesichter und als auch die übrigen Weißen aufstanden und mit ausgestreckten Händen näher traten, da kamen die Gestalten ganz zum Vorschein. Weiße Mütze, Jacke und eine Art von kurzer Schürze, alles aus feinem, leichtem Gewebe gefertigt, so zeigten sich ohne die geringste Bekleidung der Beine oder Füße die Singhalesen, wenigstens sechzehn bis zwanzig an der Zahl, sämtlich bewaffnet, aber mit den friedlichsten Gebärden die Europäer begrüßend. Mehrere unter ihnen verstanden die englische Sprache, es ließ sich also ohne Mühe eine Unterhaltung anknüpfen, und bald hatten sich die Weißen und Braunen bunt durcheinander in das Moos gelagert; nur fünf von den Farbigen waren in einiger Entfernung stehen geblieben, als gehörten sie nicht zu den anderen.

»Rufe deine Freunde, Tippoo,« wandte sich Holm an den Häuptling, nachdem er dessen Namen erfahren und seinen Rang kennen gelernt hatte. »Weshalb sind die Leute so scheu?«

Der Singhalese schüttelte den Kopf. »Diese Männer sind meine Sklaven, Sahib, sie dürfen nicht sitzen, so lange ich gegenwärtig bin, sie können auch das Mahl nicht mit mir teilen und dürfen nur antworten, wenn ich frage.«

Der Doktor näherte sich dem Häuptling. »Aber du gestattest heute einmal eine Ausnahme, nicht wahr, mein werter Tippoo?« fragte er. »Diese Armen, die du Sklaven nennst, sind nicht minder Gottes Geschöpfe wie du selbst, überhaupt kann nie ein Mensch dem anderen wie eine Sache oder ein Tier gehören.«

»Gewiß, Sahib, diese Leute gehören mir! Ihre Väter haben meinem Vater gehört und ihre Söhne werden meinen Söhnen gehören.«

»Und da ist kein Freikaufen, keine Erlösung möglich? Das Kind des Sklaven wird unter allen Umständen wieder ein Sklave?«

»Natürlich. Habt ihr nicht im Abendlande auch Häuptlinge, Freie und Sklaven?«

Der Doktor schüttelte energisch den Kopf. »Sklaven nirgends, Freund Tippoo, nirgends, ich gebe dir mein Wort darauf. Und nun gestatte, daß deine Diener hieherkommen.«

Aber das war vergebliche Mühe, der stolze Singhalese blieb unerbittlich; er schien es gar nicht als möglich zu betrachten, daß sich seine Sklaven dem Umkreise des Feuers nähern könnten. Zur Jagd auf Felle und junge Tiere nahm er sie mit sich, aber doch nur ihrer Dienste wegen, nicht als Gefährten. Und ganz wie er dachten auch die anderen braunen oder olivenfarbigen Söhne der Wildnis. An keinem europäischen Hofstaat konnten die Klassengegensätze und der Adelsstolz stärker entwickelt erscheinen als hier im grünen von Tigern und Elefanten bewohnten ceylonischen Walde. Die Singhalesen erwiesen sich höflich, zuvorkommend und bescheiden, sie erboten sich zu Führern und luden die Fremden ein, bei ihnen im Dorfe zu wohnen, aber um keinen Preis hätten sie vermocht werden können, von dem gebratenen Ziegenfleisch auch nur einen Bissen zu genießen. Schaudernd lehnten sie ab, was ihnen angeboten wurde, und nahmen nur von einer Art aus Maniokmehl bereitetem, platten Kuchen, den die Sklaven ihnen in große Blätter gewickelt nachtrugen. Das Fleischessen sei von ihren Priestern strenge verboten, erklärte Tippoo, kein Anhänger der buddhistischen Religion dürfe es genießen, eben so wenig berauschende Getränke.

Diese Ansicht wurde natürlich von den Weißen durchaus respektiert; weniger zufrieden waren sie, als der Singhalese auch das Pflücken der Feigen, insoweit es den heiligen Bobaum betraf, mit der diesen sauberen, hübschen Leuten eigenen gebietenden Hoheit ohne weiteres untersagte. »Wenn ihr unsere Gäste sein und friedlich unter unserem Volke leben wollt,« sagte er, »so heißen wir euch willkommen in Singhala (so nennen die Eingebornen ihre Insel) und laden euch ein, unsere Hütten zu teilen, aber den Sitten des Landes müßt ihr euch fügen und vor allem unsere Götter ehren. Pflückt Feigen, wo ihr wollt, meine Sklaven sollen euch die schönsten zu Füßen legen, aber berührt nicht den Baum Buddhas.«

Das wurde versprochen und den Knaben eingeschärft, unter keiner Bedingung heimlich von der verbotenen Frucht zu naschen; dann kam auf die Bitte, welche Hans seinem Lehrer zuflüsterte, die Angelegenheit der verlassenen kleinen Tiger zur Sprache. Tippoo kannte den bezeichneten Ort, und zwei Sklaven machten sich auf, um die beiden jungen Raubgesellen herbeizuholen. Einige Wochen älter waren sie in Galle oder Trincomali doch immer ihre hundert Taler wert.

Nachdem man gegessen und getrunken, mußten die Sklaven das Gepäck schultern und dann wurde der Weg zum Dorfe angetreten. Diese Gegend lag noch weit von dem eigentlichen Ziel der Reise entfernt; die Singhalesen konnten nicht wohl Wilde genannt werden, sie betrugen sich höchst anständig und hatten gutgearbeitete Waffen; zum Lande der schwarzen Veddas aber waren sie gewiß die tauglichsten Führer. Tippoo selbst wollte den Weg zeigen, d. h. wenn die Weißen gut bezahlten, es schien als habe der braune Heide die Rechenkunst sehr sorgfältig studiert. »Die Veddas sind schmutzige Gesellen,« berichtete er, »sie essen jedes Tier, das ihnen in den Wurf kommt, zuweilen sogar roh, und wohnen wie die Sklaven auf ebener Erde.«

Franz sah ihn an. »Wohnen denn die Singhalesen – etwa auf den Bäumen?« fragte er belustigt.

»Gewiß, die Vornehmen, die Vellalahs wohnen auf Bäumen!«

»Mit Kind und Kegel, mit Küche und Haustieren? – Nicht möglich!«

»Die Tiere haben ihre Ställe am Boden,« berichtigte der Braune, »auch gekocht wird vor der Hütte. Aber du sollst gleich unser Dorf sehen, Fremder.«

Noch eine kurze Strecke wurde zurückgelegt, dann ertönte von den Lippen der Weißen wie auf Verabredung ein allgemeines »Ah!« der höchsten Überraschung. Es war ein lachend schönes, ländliches Gemälde, das sich jetzt auf freier Hochebene dem erstaunten Blick entrollte. Weite Äcker, wohlgepflegt und umzäunt, dehnten sich fast unübersehbar, Kaffee und Zimt, Mais und Maniok, dazwischen Erbsen, Bohnen, Lupinen und Beerenfrüchte in Menge, so drängte sich Schattierung an Schattierung, so lockte es von hundert Punkten zugleich das Auge. Das Seltsamste aber waren in diesem Singhalesendorf die Häuser selbst.

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Das Singalesendorf

In Entfernungen von etwa fünfzig Schritten standen alte, weitästige, mit ungeheuren Stämmen versehene Bäume, meistens Tamarinden oder Brotbäume, und in jedem dieser Riesen hing gleich einem Vogelnest auf den untersten Zweigen eine menschliche, aus Bambusstäben luftig geflochtene Wohnung. Die Äste waren derart behauen und eingerichtet, daß sie Raum in Fülle boten, die abgeschnittenen, biegsamen Stäbe hatte man sinnreich und geschickt an allen Ecken mit den lebenden verbunden, das ganze Haus bog sich wie der Baum selbst nach jedem Windstoß, so daß es nie von der Wucht desselben herabgeschleudert werden konnte; es hatte Fensteröffnungen nach allen Seiten, obgleich freilich die Glasscheiben fehlten, und eine mit einem Mattenvorhang versehene Tür. Das spitze Dach war von Rankengewächsen und Blumen vollständig überwuchert, rauschende Zweige schlugen über dem Giebel zusammen, bunte Papageien wiegten sich im Laube, Singvögel schmetterten ihre Lieder. Es konnte nichts Reizenderes geben als diese laubenartigen, von paradiesischer Schönheit rings umfluteten Wohnungen, zu denen starke Strickleitern aus selbstgebautem Hanf hinaufführten. So unsolide und gewagt die Sache auf den ersten Augenblick scheinen mochte, so zweckmäßig erwies sie sich bei näherer Betrachtung. Wenn abends diese Strickleiter von den Bewohnern heraufgezogen wurde, dann gab es weder für Menschen noch für Tiere ein Mittel den Zutritt zu erzwingen.

Rings im weiten Kreise umgab jeden Baum eine Einzäunung von Bambusstäben, diesem unentbehrlichsten aller Lebensbedürfnisse des Tropenbewohners, eine dichte, grüne, lebende Hecke, die das Notwendige fortwährend ergänzte, wo Baumaterial, Stacketpfähle, Wasserbehälter, Dosen und hundert andere Geräte lustig in immer grüner Fülle aufschossen als schlanke Zweige, die sich unter den Händen der Eingebornen so vielfach verwandelten und umgestalteten. An die Hecke lehnten sich Ställe für Ziegen und Hühner als die einzigen bekannten Haustiere, und weiterhin in größerer Entfernung von dem Stamm selbst lagen die Hütten der Sklaven, alles Bambusgeflechte wie das Haus oben in den Zweigen. Vor der Tür sozusagen, d. h. am Fuße des Wohnungsbaumes, lagen Steine und Trümmer aus den Waldruinen als Herd aufgeschichtet; ein großer platter Stein zum Zerquetschen des Getreides befand sich daneben und am Dreispitz von Eisen hing ein Kochgeschirr aus demselben Metall.

Ziemlich durch die Mitte der Niederlassung floß ein klarer Quell, und auch hier beschattete ein alter, weitästiger Bobaum einen Tempel Buddhas, einen Dagop, wie ihn die Eingebornen nannten. Der Altar hatte Kugelgestalt, war inwendig hohl, um die geheiligten Schriften der Priester aufzunehmen und trug auf der oberen Fläche eine zylinderförmige Erhöhung. Des Priesters Hütte befand sich in den Zweigen des heiligen Baumes, und der Bewohner selbst saß in der offenen Tür, ein Greis mit weißem Haar und lang bis auf die Füße herabwallendem weißen Gewande. Er grüßte mild und freundlich wie ein Vater seine heimkehrenden Kinder, und alle erwiderten den Gruß. Das ganze Dorf in den Lüften machte einen höchst angenehmen, wohltuenden Eindruck.

Tippoo öffnete die Tür einer der größeren, im Augenblick leerstehenden Sklavenwohnungen. »Ich weiß, daß euer Volk keine Schmach darin sieht, auf plattem Boden zu schlafen,« sagte er, »richtet euch darum häuslich ein, damit ihr ungestört und ungehindert euren Neigungen nachleben könnt. Maniokkuchen und Früchte bringen euch meine Sklaven; wollt ihr aber Fleisch essen, so müßt ihr selbst die Tiere erlegen und zubereiten. Mein Haus betrachtet wie das eure.«

Damit entfernte er sich und ließ seine Gäste allein. Die Hütte welche sie jetzt bewohnten, war noch luftiger als das Staatsgefängnis auf Madagaskar, frisches, duftiges Moos bildete, von den Sklaven herbeigebracht, die Lagerstatt; eine lange Bambusröhre diente als Wasserbehälter, und die Speisen wurden in einem Winkel auf den Fußboden geschüttet. Natürlicher, paradiesischer konnte das Dasein nicht gedacht werden, schöner die Umgebung, reiner die Luft nirgends auf Erden sein. Der Türvorhang wurde zurückgeschoben, die leinenen Kleider mit frischen vertauscht und dann das Dorf und das Haus des gastfreien Häuptlings in Augenschein genommen. Franz kletterte zuerst hinein. »Ich bitte euch,« rief er, »folgt nicht alle zugleich; wenn der Käfig niederbräche, wären wir verloren.«

Holm kletterte nach, die anderen setzten ihren Spaziergang fort, und die beiden Matrosen wuschen unterhalb des Dorfes im Bache das Leinenzeug, wobei ihnen hübsche Sklavenfrauen nicht allein halfen, sondern auch eine selbstverfertigte, sehr gute Seife brachten. Die Unterhaltung der Hamburger Teerjacken mit den neugierigen, schwatzhaften Singhalesinnen gestaltete sich höchst lustig, so daß das beiderseitige heitere Lachen über den freien Platz dahinschallte; unterdessen spielten oben im Baume der junge Gelehrte und Franz bei der Gemahlin Tippoos die galanten Kavaliere. Sie setzten sich nicht ohne einige heimliche Besorgnisse auf den Fußboden, der so neidlos den Durchblick freigab, und ertrugen auch nicht ganz ohne Schmerzen die Abwesenheit jeglicher Stühle oder Polster, aber die Anstandsvisite bei der holdlächelnden, mit prachtvollen Zähnen und vielen aus Muscheln geflochtenen Verzierungen geschmückten Dame ging doch in aller Form vorüber, obwohl Frau Häuptling Tippoo kein Wort englisch und unsere Freunde wiederum kein Wort singhalesisch sprachen, sondern beide Teile einander nur eine Zeitlang entgegenlächelten und von seiten der Herren ein kleiner Spiegel, von seiten der Dame einige besonders schöne Muscheln, Meerhörner, Lazarusklappen und Wendeltreppen als Geschenke ausgetauscht wurden. Späterhin, nachdem der Doktor und Hans die gleiche Höflichkeitspflicht erfüllt, versammelten sich vor dem Schlafengehen alle neben dem Baume und hielten gemütlich im Grase liegend noch ein abendliches Plauderstündchen, wobei Tippoo von den buddhistischen Göttern erzählte und seinerseits aufmerksam zuhörte, als die Fremden von europäischen Einrichtungen sprachen. Ganz zuletzt kamen die beiden Sklaven mit den aufgefundenen Jungen der Tigerin nach Hause, und nun erwachte erst die Freude der Knaben. Aus dem Stall wurde eine der schönen, seidenlockigen malabarischen Ziegen hervorgeholt und ihr die kleinen halbverschmachteten, nur noch schwach wimmernden Raubtiere an die mütterlichen Euter gelegt, – aber das Experiment gelang nicht so ohne weiteres. Die Ziege sprang, so bald sie den Erbfeind gewahrte, auf die Hinterbeine, senkte den schöngeformten Kopf wie zum Angriff und schien entschlossen, den labenden Quell, welcher ihrem lustig herumspringenden Böckchen gehörte, gegen jedweden Angriff zu verteidigen; erst die gütlichen Zureden ihres Wärters und vielleicht das jammervolle Klagen der hungernden Tierchen, dem sie offenbar lauschte, bewogen die Ziegenmama, diesmal ein übriges zu tun. Ein Blick auf die gefüllten Vorratskammern mochte ihr sagen, daß für das impertinente, streitlustige Böckchen jedenfalls noch genug übrig sei, und so legte sie sich denn großmütig in das Gras, es den Tigern überlassend, sich am Quell zur Sättigung zu verhelfen. Ja, nachdem die Halbverdursteten herzhaft zugegriffen, erwachte sogar in der friedfertigen Amme das mütterliche Erbarmen mit den hilflosen Säuglingen; sie besah die kleinen, scheckigen Kätzchen, besah sie nochmals und leckte dann gutmütig die Fremden, wie sie es sonst ihren eigenen Kindern tat.

Nach einer Viertelstunde waren die kleinen Tiger so rund wie Muffen und schliefen den Schlaf gesunder Sättigung, während ihre Pflegerin mit den großen Augen im Kreise umhersah und der Milchbruder Bock neben den Eindringlingen sich gelagert hatte, um auch seinerseits den Nachttrunk einzunehmen. Franz zeichnete emsig. Von allen besonders schönen und interessanten Augenblicken hatte er sich im Album eine dauernde Erinnerung gesichert, auch dieses Bild sollte darin Platz finden.

Für die Nacht wurde den Tigern noch ein Logis im Ziegenstall angewiesen, wo sie bleiben sollten, bis ihnen Zähne gewachsen und mit diesen die Raubgelüste erwacht wären; dann würde es fortgehn nach Galle und von da nach Europa. – Tippoo zog oben im Baum die Strickleiter ein, vor allen Türen erschienen die Musselingardinen und das Vogelgezwitscher verstummte; müde von langer Wanderung streckten sich die Weißen auf das Mooslager.

Hier brauchte niemand zu wachen; bis in die Niederlassung hinein wagte sich kein Raubtier. Holm ließ sogar die Tür offen, um der milden, gewürzigen, von tausend Wohlgerüchen durchtränkten Luft Zutritt zu gewähren; bald hatte ein weicher Schlummer seine Sinne umfangen.

So mochten Stunden vergangen sein, der Mond stand hoch am Himmel, alles schwieg und ruhte; nur die Blätter des Bobaumes flüsterten im Wind, – da erwachte der junge Gelehrte, als habe ihn plötzlich jemand gerufen. »Franz,« sagte er leise, »sprachst du?«

Keine Antwort. Die tiefen Atemzüge des Gefährten verrieten ihren ruhigen Schlaf, – was war es also gewesen?

Holm richtete sich auf und sah in das Helldunkel der Nacht hinaus. Nichts regte sich, kein Schatten deutete auf die Anwesenheit eines lebenden Geschöpfes. Sonderbar! – er begriff nicht, welcher Schall ihn erweckt haben könne, aber er hatte ihn doch deutlich vernommen, wenn auch nur im Halbschlaf und auf Sekunden. Er horchte unruhig.

Lange Zeit blieb alles still, dann aber huschte es wie mit leichten Schritten durch das Geäst des Daches, erst vorsichtig, dann immer dreister und dreister, ein Poltern, Schlurfen und Fallen verriet die nächtlichen Ausflüge der Wanderratte; dennoch aber schien es, als sei diesmal das braune, bissige Nagetier nicht der Jäger, sondern der Gejagte, als werde es verfolgt und aus allen seinen Verstecken herausgescheucht. Plötzlich durchdrang ein Zischlaut die Stille der Nacht, ein Quietschen wie in Todesangst folgte, das leise Wimmern erstarb schnell.

Mit einem Sprung war Holm auf den Füßen, das Streichholz knisterte und die Flamme der Wachskerze beleuchtete den Boden. Da lag tot eine große, braune Wanderratte und in Ringeln hatte sich um ihren Körper eine stahlblaue Natter geschlungen. Die lange spitze Zunge trat lüstern aus dem Munde hervor, die gelbe Krone richtete sich auf, und ein Zischen bekundete den Ärger über die plötzliche Störung. Noch ehe Holm überlegte, was er tat, hatte sein Fuß die Schlange zertreten.

Aber damit war nichts gewonnen. Er hielt die Wachskerze hoch empor und beleuchtete das Holzwerk des Daches. Von mehr als zehn Stämmen hingen die Schlangen herab, aus jeder Ecke leuchteten ihre gelben Kronen, eine fiel und lief ihm kalt und glatt über die Hand, daß er schauderte. »Franz!« rief er halblaut, »Franz, wach auf!«

»Ja!« antwortete schlaftrunken der Knabe. »Ja!«

»Steh auf, Franz, – es sind Schlangen hier. Nattern sogar!«

Jetzt erwachten alle. Eine Schlange ist jedem Menschen widerwärtig, mit ihrem Geschlecht versöhnt sich niemand, sie hat nirgends auf Erden Freunde, nebenbei aber ist auch die Gefahr, welche sie bringt, so groß, daß ihr gegenüber die höchste Vorsicht zur Notwendigkeit wird. Stecken und Wurfgeschosse hagelten an die Decke, zehn Kerzen flammten auf und alle sprachen zugleich. Es entstand ein solcher Lärm, daß sich draußen vor der Tür die Singhalesen in hellen Haufen sammelten, einige ganz ohne alle Bekleidung, andere nur mit der Schürze und wieder eine dritte Gruppe bis an die Zähne bewaffnet. Es war ein Aufruhr, als sei mindestens ein Tiger in das Dorf gekommen. Als die Männer hörten, daß es sich um nichts als Nattern handelte, schüttelten sie voll Erstaunen die Köpfe.

»Wir lassen sie unsere Häuser von den lästigen Ratten befreien und machen niemals Jagd auf sie, dafür haben wir selbst Ruhe!« erklärte Tippoo.

»Aber um des Himmels willen, ihr schlaft weiter, während eine der giftigsten Schlangengattungen über euren Köpfen an der Decke baumelt?« »Ja, die Tiere tun uns nichts, weil wir ihnen nichts tun. Übrigens steigen auch die Schlangen nur sehr selten auf Bäume.«

Holm und seine Gefährten sahen einander ratlos an. »Weißt du, was ich vorschlage,« meinte endlich Franz. »Wir hängen unsere Zelte wie in Dahomey an die Bäume und legen uns hinein. Auf die Anständigkeit der Nattern zu bauen, scheint mir etwas gewagt.«

»Was kriecht da?« rief plötzlich der Doktor. »Hier, hier, – ich glaube –«

Er vollendete nicht. Holm hatte das schnell im Dunkel verschwindende, halb spinnen- halb krebsartige Tier mit der schwarzbraunen Farbe und dem aufrecht getragenen Schwanz sofort erkannt. »Ein Skorpion!« rief er. »Das fehlt noch.«

Tippoo lachte, auch unter den übrigen zeigte sich große Heiterkeit. »Dies Tier frißt die Stechmücken,« sagten sie, »es ist uns sehr nützlich. Kennen die Fremden in ihrem Lande keine Schlangen und keine Skorpione?«

»Beißen euch auch diese nicht?« war die Gegenfrage.

»Sehr selten. Wir lassen sie in Ruhe.«

»Dann habt ihr aber einen Zauberer, der sie und die Nattern beschwört?«

Ein allgemeines Kopfnicken war die Antwort. »Natürlich, einen Zauberer hat jedes Dorf.«

Holm wandte sich lächelnd zu dem jungen Malagaschen. »Hier vereinbart man sich gütlich mit den giftigsten Reptilien,« sagte er, »und in deiner Heimat sind die Krokodile der oberste Gerichtshof, – wie findest du das, Freund Rua-Roa?«

Der ehemalige Sklave sah verlegen zu Boden. »Ich bin doch jetzt kein Wilder mehr!« antwortete er halblaut. »Ich mag auch den heidnischen Namen nicht länger hören, Herr, – du könntest mich wohl schon Rudolf nennen, als wäre ich bereits getauft.«

Holm und der Doktor wechselten einen Blick. »Ich dachte mir's,« nickte der Gelehrte. »Wenn er die kindischen Anschauungen anderer Wilder sieht, wird er den Unwert seiner eigenen erkennen lernen.«

»An die Arbeit!« setzte er in ermunterndem Tone hinzu. »Unsere Hängematten gewähren uns jedenfalls den besten Schutz gegen das Ungeziefer.«

Die Zeltleinen wurden doppelt genommen und von den Matrosen in wenigen Augenblicken ausgespannt. Da oben schwebend an ein paar starken Ästen konnten die Reisenden höchstens den Besuch eines neugierigen Eichhörnchens, vielleicht einer Papageienfamilie oder einer großen Eule erwarten, aber die Schlangen verstiegen sich nicht dahin und die Skorpione auch nicht.

Als alles rund umher still geworden war, tönte wieder aus dem Innern der alten Holzdächer jenes Rumoren und Poltern der Ratten, das Zischen und Todesgeschrei. Holm schlief nicht mehr, so unangenehm hatte ihn die Nähe der Schlangen berührt; er war froh, als der Morgen heranbrach und die Jagd wieder beginnen konnte. Heute sollten die Fremden mit einigen Betriebsarten der Eingebornen bekannt werden; man zeigte ihnen, wie aus dem Saft der Palmyrapalme ein höchst wohlschmeckender Sirup gewonnen wurde und wie die Maniokwurzeln sich zwischen Reibeisen in Mehl verwandelten. Den Kaffee, obwohl sie ihn bauen, trinken die Singhalesen nicht, sondern meistens Kokos- oder Ziegenmilch. Unter den Hühnern, die in reicher Fülle vorhanden waren, zeichnete sich das Purpurhuhn durch seine auffallende Schönheit am meisten aus. Ganz schwarz mit drei vom Kopf über den Hals herablaufenden Purpurstreifen, zu denen bei dem Hahne noch ein Flügelsaum von gleicher Farbe hinzukam, war das Tier etwas größer als seine gemeineren Verwandten, dafür aber keineswegs so friedlich wie diese, sondern dermaßen streitlustig, daß es den Fremden nachlief und zum Ergötzen der Knaben erbittert in die Stiefel hackte. Der schönste Anblick aber wurde unseren Freunden zu teil, als sie in früher Morgenstunde rings um die Felder gingen und nun einem eifrig speisenden Volk wilder Pfauen begegneten. Diamanten gleich erglänzten im Sonnenlichte die Augen auf den entfalteten Rädern der Männchen, Blau und Rot und strahlendes Gelb wechselten mit dunkleren Farbentönen, während die jungen Tiere noch ein einförmigeres Grau zeigten. Einzelne alte Hähne hatten eine wahrhaft bewunderungswürdige Größe erreicht.

»Wir wollen kein Tier schießen,« meinte Holm, »sondern lieber für den Zoologischen Garten ein junges Pärchen mitnehmen und dann vom nächsten Hafen nach Hause schicken. Es ist übrigens jammerschade, wie die Felder durch diese Tiere geplündert werden, ich glaube, man macht hier die Geschöpfe so dreist, weil kein Fleisch in den Topf kommt.«

»Was kriecht da?« rief Rua-Roa, halb im Begriff, die Flucht zu ergreifen, halb zögernd in der Furcht, sich lächerlich zu machen. »Ein Ungeheuer, Franz, ein Ungeheuer!« Und dabei überwältigte ihn das Entsetzen. Mit zwei Sprüngen war er auf dem nächsten Baum, in diesem Augenblick ganz Wilder, katzengleich an den Zweigen hängend, für jeden Körperteil mit erstaunlicher Gewandtheit Schutz findend. »Franz, Franz, es kommt hierher!«

Die übrigen suchten mit den Augen, dann legte Holm den Finger auf die Lippen und machte lachend dem Malagaschen im Baum eine Faust. Die ausgestreckte Hand zeigte allen, was sich so Greuliches da heranschlich, und sofort begriffen auch die Weißen, weshalb vollkommene Stille geboten war. Die vier Paar lachender Augen, welche den geflüchteten jungen Burschen ansahen, trieben diesem das Blut heiß ins Gesicht, jetzt durfte er ja aber nicht sprechen und hing also mit trübseliger Miene stumm da oben im alten Feigenbaum.

Der Drache, den er gesehen, kam indessen schwerfällig herangewatschelt und zeigte sich als eine harmlose, aber riesige Schildkröte. Das große Tier verfolgte seinen Weg bis zu dem Schatten eines dichten Gebüsches und fing hier an, mit den Hinterfüßen ein Loch von mehr als einem halben Meter Tiefe zu scharren, indem es die Erde hinter sich aufwarf. Alle vier Zuschauer verfolgten lautlos die Arbeit der Kröte, Rua-Roa hinter seinem Schutzwall duftender Feigen tat das Gleiche, aber heimlich stieg bei diesem Anblick seine Furcht nur noch immer mehr. Ganz gewiß vollzog sich hier ein schlimmer Zauber, vielleicht grub sogar das boshafte Tier ein Grab, in das es die Fremden stürzen wollte, und diese Unseligen, Verblendeten sahen zu, ohne sich zu verteidigen, ohne rechtzeitig die Flucht zu ergreifen! Rua-Roa telegraphierte mit Händen und Füßen, um sie zu warnen, aber ganz vergeblich; die Tolldreisten lachten ihn aus, ja, sobald er es wagte, ein halblautes Wort zu sprechen, erhoben sie drohende Finger, – er mußte das Ärgste geschehen lassen.

Die Schildkröte hatte mittlerweile ihre Arbeit beendet, sie saß jetzt ganz still und hielt, nachdem sie einen kleinen Schritt zurückgetreten, den Hinterkörper etwas geduckt, – das Zauberwerk mußte nach des Malagaschen Ansicht nun unmittelbar beginnen.

Und was that in diesem Augenblick der tollkühne Franz? – Rua-Roa traute seinen Sinnen nicht. Er sprang mit einem plötzlichen, gewaltigen Satz auf den Rücken der Schildkröte und stand dort wie ein Sieger, den anderen in deutscher Sprache einige Worte zurufend, die der Malagasche nicht verstand. Was nun? das war zu arg. Alles Blut des jungen Menschen drängte zum Herzen, unmöglich konnte er seinen Freund, seinen Bruder in solcher Lage allein lassen. Und wie ein Ball plumpste Rua-Roa ohne alle Rücksichten auf Knochenbrüche und Verrenkungen vom Baum herunter, todesverachtend sprang er neben Franz auf den Rücken der nun gänzlich wehrlos gewordenen Kröte und sah die anderen an, als wollte er sagen: »Ist's so recht?« –

Ein schallendes Gelächter schlug sämtliche benachbarte Vögel in die Flucht. »Arm in Arm mit dir, so fordre ich mein Jahrhundert in die Schranken!« rief Holm. – »Paß auf, tapferer Geselle, wie ich nun dem Erzfeind den Garaus machen werde.«

Er nahm vom Gürtel das kleine, scharfe Handbeil, welches alle vier der zahllosen Hindernisse wegen immer bei sich zu tragen pflegten, und trennte mit einem kräftigen Hieb den vorgestreckten, dünnen Hals der Schildkröte vom Rumpf. Das Blut schoß wie aus einem Springbrunnen hervor, die Füße streckten sich, und das große Tier war tot.

Franz sprang herab, der Malagasche war noch immer zu erschrocken, um ihm gleich folgen zu können; erst als ihn die anderen riefen, trat auch er auf den Sand. »Ein steinernes Geschöpf, das sich bewegt und Blut enthält wie ein lebendes Wesen,« sagte er ganz fassungslos.

»Gib acht,« rief Holm, »du sollst unter der Steinhülle gleich das Tier kennen lernen, Freund Rua-Roa, – denn für den Rudolf bist du doch noch nicht ganz reif! – Faß an und hilf uns den Koloß auf den Rücken legen.«

Alle fünf bemühten sich nun mit vereinten Kräften, das Tier umzuwenden; es gelang aber erst unter Beistand eines zufällig des Weges kommenden Sklaven, dem für diesen Dienst die Schale des Tieres zugesprochen wurde, dann rief ein verabredetes Signal die beiden Matrosen herbei, und aus dem saftigen Fleisch der Beute wurde Suppenstück und Braten herausgeschnitten. Das war für zwei Tage ein Herrenessen; nach dieser Zeit fand sich schon etwas anderes, denn die steinharten Maniokkugeln und die laue Kokosmilch der Eingebornen im Verein mit den ohne Fett oder Salz abgekochten Gemüsen bildeten doch für europäische Magen ein klägliches Ernährungsmittel. Franz meinte sogar, daß er jedenfalls noch heute einen der zahllosen umherstreifenden Hasen schießen werde: »Wildbraten und Schildkrötenragout passen gerade zu einander.« Holm tastete mit beiden Händen im Sande. »Bin ich so heiß,« sagte er, »oder ist es der Boden? Mir deucht, die Sonne kann unmöglich den Sand so erwärmen.«

Die anderen untersuchten gleich ihm das Terrain, dann sprang Rua-Roa, der gern die Aufmerksamkeit von der Schildkröte ablenken wollte, etwas weiter über den Weg hinaus und befühlte dort den Boden. Er war merklich kühler.

Holm stutzte. »Laßt uns in entgegengesetzter Richtung vordringen,« forderte er die anderen auf, »da muß ich klar sehen.«

Das Gebüsch wurde umgangen, ein paar dichte Bäume auch noch, und nun zeigte sich der Grund des eben entdeckten Wunders. Wenige Schritte weiter senkte sich der Boden zu Tal, eine Schlucht von Geröll und Kieseln fiel ziemlich unvermittelt abwärts, kein lebendes Pflänzchen trieb oder gedieh am Rande, und inmitten der Steinwüste sprudelte ein heißer Quell, dessen Wasser sechs bis zehn Meter hoch in die Luft hinaufgeschleudert wurde und eine wirbelnde Dampfwolke hinaufsandte in das heitere Sonnengold.

»Aha,« rief Holm, »eine Botschaft vom ewigen Feuer aus dem Mittelpunkt der Erde! Das werden wir benutzen, um unser Leinen gründlich zu reinigen.«

Die Knaben drangen weiter vor, so weit, bis die Füße anfingen, selbst durch das Sohlenleder hindurch die Hitze des Bodens nicht mehr ertragen zu können. Das war aber auch ganz nahe am Quell, dessen stäubende Tropfen Brandwunden verursachten; Franz umwickelte die Hand mit dem Taschentuch und trat nahe genug heran, um abgewandten Gesichtes eine geringe Menge des Wassers einzusaugen. Als es in der Blechflasche abgekühlt war, probierten es alle, aber jeder schnitt eine Grimasse. »Petroleumartig mit Zwiebelduft,« entschied Holm.

»Wie Heringslake, durch ein altes Gasrohr filtriert!«

»Brr! in acht Tagen werde ich meine Flasche nicht wieder brauchen können.« Hans war davongesprungen und hatte eines der Eier geholt, welche die Schildkröte, ehe der unvermutete Angriff kam, in das Sandloch gelegt. Jetzt wurde es in eine mit dem Beil gemachte Vertiefung nahe dem Quell versenkt und in drei Minuten gar wieder herausgezogen.

Holm nahm noch etwas von dem greulich schmeckenden Wasser mit, um es chemisch zu untersuchen. Die Knaben füllten ihre Taschen mit bunten, zum Teil sehr seltenen Kieseln, und dann hatte der Ausflug für diesmal ein Ende. Der knurrende Magen mahnte allzu laut an das Frühstück.

Die Matrosen waren inzwischen ihrer Stellung als Hausmeister und Oberkoch glänzend gerecht geworden. Sie hatten das Unmögliche möglich gemacht und das Erstaunen der ganzen weiblichen Bevölkerung des Dorfes erregt. Verschiedene Blech- und Eisenpfannen wurden mittels bedeutsamer Winke und gelegentlicher kleiner Scherze von den Sklavenfrauen zusammengeliehen, und nun machte sich Hannes, der Hamburger von echtem Schrot und Korn, mit aufgestreiften Ärmeln an die Arbeit. »So viele Bohnen und doch keine Tasse Kaffee?« räsonnierte er, »das wollen wir erst einmal sehen!«

Sprach's und schüttete in die über dem Feuer hängende Pfanne die rohen, getrockneten Bohnen, welche er dann mit dem Messer beständig umrührte, bis sie anfingen zu duften, zu springen und sich lieblich zu bräunen. Der zweite hatte indessen eine Ziege gemolken, sich mit abgezogener Mütze und einem Kratzfuß sondergleichen von der Gemahlin Tippoos in einer Bambusschale etwas Palmensirup verabreichen lassen und durch Pantomimen das Bedürfnis nach Trinkgefäßen so lebhaft ausgedrückt, daß er sechs Bambusbecher geliefert bekam. Jetzt stampften beide mit vereinten Kräften die gebrannten Bohnen zwischen zwei Steinen zu Pulver, während in der Pfanne das Wasser kochte, und darauf kam der große Augenblick, wo Hannes gelassen die Leinenmütze vom Kopf nahm und beides, Pulver und heiße Flut, hineinstürzte, so daß der Kaffee, aus mehr als einem Grunde schwarz wie die Mitternacht, in das bereit stehende Gefäß hinabträufelte. Mit Feldherrnblick übersah Jan Maat sein gelungenes Werk. Die untere Pfanne wurde auf leises Feuer gestellt, das Gemisch in der Mütze fleißig umgerührt und nun zum zweiten größeren Unternehmen geschritten. Hannes wollte die Maniokkugel in ihr verdientes Nichts zurückdrängen, seine Seele arbeitete an einem Pfannekuchen, der ihn bei den Frauen von Shinghala in bleibendem Andenken erhalten mußte. Zwei saubere Steine waren bald gefunden, trockne Maiskörner verwandelten sich in Mehl, der Hühnerstall lieferte Eier, Milch kam hinzu und ein wenig Salz; dann wurde zerlassenes Schildkrötenfett in eine andere Pfanne gegossen und mit dem großen eisernen Kochlöffel der Frau vom Hause der duftende Teig hineingefüllt. Jetzt zog Hannes das große Messer, schäkerte erst ein wenig mit den neugierig dreinschauenden Frauen, denen er unter schauderhaften Grimassen die Spitze auf die Brust setzte, und warf dann kunstgerecht den halbgaren Pfannekuchen um.

»Markst Müüs?« fragte er selbstzufrieden, als sich das Erstaunen in den Blicken seiner Bewunderinnen spiegelte. »Man muß euch doch zeigen, daß hinter dem Berge auch noch Leute wohnen, die zu leben wissen, wobei ein guter Pfannekuchen und eine Tasse Kaffee zu den Hauptsachen gehören. Vernünftige Speisen zeigen, daß der Mensch gebildet ist!«

Nach diesem Ausspruch holte er sich den Stein, welchen er eben vorher als Mühle benutzt, wischte ihn mit dem Ärmel bestens ab und servierte den fertigen Kuchen, dessen Rund er in kleine Bissen zerschnitt, diese in Sirup tauchte und mit den Fingern ohne alle Ziererei der nächsten Singhalesin in den Mund schob. »Das bekommt anders wie eure Kanonenkugeln aus Maniok und Wasser, nicht wahr?« fragte er. »Ja, das mögt ihr, ich sehe es schon! – bitte, bitte, nicht prügeln, schickt sich das für Damen?«

Seine kräftigen Arme trennten zwei Sklavenfrauen, die einander vielleicht schon längst nicht recht grün waren, die nun aber über der erhaltenen Leckerei in hellen Zorn ausbrachen; er stopfte der einen den Rest des Kuchens in den Mund und der andern als Ersatz für den erwarteten Leckerbissen den Messerstiel; dann aber buk er im Schweiße seines Angesichts weiter, wobei ihm die neugierigen Frauen von allen Seiten Milch, Eier und Sirup zutrugen, ja sogar die Maiskörner für ihn stampften, aber als Lohn auch für sich und ihre zahlreichen Sprößlinge die fertigen Kuchen begehrten. Er dankte Gott, als endlich die Weißen von ihrem Spaziergange zurückkehrten, und nun die Frauen flüchteten; seine Berühmtheit war ihm schnell sehr lästig geworden, – so unter den sengenden Strahlen der Sonne von Ceylon ohne Mütze vor dem Feuer zu stehen und für hundert hungrige Mäuler zu backen, das hatte sein Schweres, auch wenn es Ehrenbezeugungen in der Gestalt von Jauchzen, Schnalzen und entzückten Schlägen in die eigenen braunen Hände der beschenkten Schönen reichlich eintrug.

Jetzt endlich durfte er selbst essen, – das war angenehmer als andere zu füttern.

Seine Zurüstungen fanden gebührende Anerkennung; es wurde im Freien getafelt, den dienstbaren Singhalesinnen die Reinigung der Geschirre überlassen und dann unter Führung von mehreren Eingebornen ein benachbartes großes Diamantenfeld besucht. Inmitten der lachenden, von reichhaltigstem Pflanzenwuchs überzogenen Umgebung dehnte sich eine öde, graue Sandfläche, auf der auch nicht die magersten Halme mehr gediehen, wo kein Vogel sang und kein Hase die Ohren spitzte. Das Ganze war Berg und Tal, tiefe vom Regen ausgewaschene Rinnen, Anhöhen und Schluchten in regelloser Abwechselung. Zu Hunderten knieten hier die Sklaven und Sklavinnen verschiedener Stämme, alle mit einer einzigen geisttötenden und in dem heißen Klima unendlich anstrengenden Arbeit beschäftigt, nämlich den losen Sand mit den Fingern zu durchwühlen und die kleinen blitzenden Edelsteine aus demselben hervorzusuchen. Ganze Tage vergehen ohne die mindeste Ausbeute, der einzelne Sklave wühlt vielleicht wochen- und monatelang umsonst in den glühenden Sandwolken, aber doch ist die Diamantenlese der Betriebszweig einer bestimmten Kaste, und – von den Gesetzen derselben gibt es keine Erlösung.

An der Küste des Indischen Ozeans wird vielfach von dort wohnenden Stämmen die Perlenfischerei betrieben, andere fangen Austern, jeder aber bleibt innerhalb seiner Grenzen und vererbt die gleichen Anschauungen wieder auf seine Kinder; ein Hinübertreten aus einer Kaste in die andere gehört hier zu den Unmöglichkeiten. – Die armen Diamantengräber sind aber jedenfalls am schlimmsten daran. Wasser und Wald, ja selbst das Getreidefeld bieten noch Abwechselung und erfrischende Kühle; der heiße Staub aber erstickt die Lungen, so daß seine schädlichen Einflüsse auf den abgemagerten Gesichtern und in den entzündeten Augen der Arbeiter deutlich erkennbar sind.

Diese armen, mehr als halb Wilden, unfrei bis zum Grabe, von Pflanzenkost lebend, dem Biß der giftigsten Reptilien zu jeder Stunde ausgesetzt, ohne die mindeste Hoffnung, aus ihrer jammervollen Lage je erlöst zu werden, – diese Elendesten unter den Elenden fördern aus dem Sande, den ihre Finger auf schattenloser Fläche durchwühlen, die kostbarsten und wertvollsten Edelsteine zu Tage. Rubine, Amethyste, Topase, Saphire, Granate, Turmaline, Kannelsteine, Katzenaugen, Chalcedon, Hyazinthe und Berylle, alles liegt hier lose und ohne Umhüllung von Erz oder Gestein unter der Oberfläche des lockeren Staubes, bisweilen viele Meter tief, bisweilen der emsig suchenden Hand auf den ersten Griff entgegenfallend. Die Diamantenfelder von Ceylon bringen einen jährlichen Durchschnittsertrag von 200 000 Mark; sie ruinieren aber auch vieler Menschen Gesundheit und erwecken unter den Sklaven zuweilen die allerschlimmsten Leidenschaften. Holm kaufte einige besonders schöne Stücke; dann, nachdem noch rings umher Trinkgelder gegeben worden, verließen alle das heiße Sandfeld und wandten sich dem Walde wieder zu. Hier lebte es, kroch und flog, brummte und flötete, hier dufteten Blumen und rauschte in hohen Laubkronen der Wind; das erste, was unsre Freunde sahen und was den Malagaschen mit maßlosem Staunen erfüllte, waren Termitenbauten, Kegel an Kegel, und von den bekannten großen Tieren bewohnt; dann kam, den Weg versperrend, ein breiter stehender Sumpf, aus dem wie halbvermorschte Baumstämme die Körper der Krokodile hervorsahen. Überall tauchten und schwammen sie, überall öffneten sich ihre scheußlichen Rachen; vor den Augen der Reisenden wurde eine Hirschkuh, die sich in plötzlichem Schrecken zu weit an den Rand des Sumpfes heran gewagt hatte, von einem dieser Ungeheuer ergriffen und in die trübe Flut hinabgezogen.

Ein paar Kugeln fuhren dem Räuber nach in das Wasser; ob sie aber ihr Ziel getroffen hatten, ließ sich natürlich nicht ermitteln. Der Malagasche atmete auf, als nach langer Wanderung das Bett des Sumpfes umschritten und der offene Wald wieder erreicht war. Er und Franz schossen noch drei Hasen, die dann am folgenden Tage, in Schildkrötenfett gebraten, auf den Tisch kamen und vortrefflich schmeckten.

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