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Das Naturforscherschiff

Sophie Wörishöffer: Das Naturforscherschiff - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Wörishöffer
titleDas Naturforscherschiff
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1941
printrunVierzehnte Auflage
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20070530
modified20150522
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Sechstes Kapitel

Nach Mauritius. Naturwissenschaftliche Übungen an Bord. Rua-Roas Gipsabguß. Die Vogelinsel. Fregattvogel und Tölpel. Zur Fouquéinsel. Die Nacht auf dem Riff. Korallenfischerei. Der Hai. Der Blutschwur. Auf dem Bambu-Pik.

—————

 

Während das Schiff durch den Kanal von Mozambique zurückdampfte, um nach der kleinen Felseninsel Mauritius zu steuern, welche, als sie den Franzosen gehörte, den Namen Isle de France führte, jetzt aber, seit sie im Jahre 1810 von den Briten erobert wurde, wieder ihren ursprünglichen Namen trägt, den sie zu Ehren des Kommandanten der niederländischen Seemacht, Moritz von Nassau, erhalten hatte, gab es in der Kajütte mancherlei für die jungen Naturforscher zu tun.

Franz hatte schon den Wunsch ausgesprochen, das genaue Abbild von einem der Stammesgenossen Rua-Roas zu besitzen, um daheim den Freunden zeigen zu können, wie die Ungeheuer in Menschengestalt aussehen, in deren Gewalt sie sich befunden hatten. Holm sagte, daß unter so gefährlichen Umständen, wie die jüngst durchlebten, es schwer halten würde, die mißtrauischen Wilden zu bewegen, dem Zeichner oder dem Photographen still zu sitzen, weil sie alles Fremdartige für Zauberei hielten. »Es wird uns aber gelingen, auch milder gesinnte Wilde zu treffen und diese werden wir nicht nur später photographieren, sondern, damit wir die genaue Form ihres Antlitzes erhalten, auch in Gips abgießen.«

»Aha,« sagte Franz, »nun weiß ich auch, weshalb Sie sich den Gips nachkommen ließen, Sie wollen die Wilden abformen.«

»Um dem Forscher Material zu liefern, an dem er die feineren Rassenunterschiede der Wilden studieren kann,« erwiderte Holm, »und damit ihr mit dieser Operation genau vertraut werdet, wollen wir die freie Zeit benutzen, die Eigenschaften des Gipses und seine Handhabung kennen zu lernen.«

Holm öffnete eine der Blechdosen, in der sich ein weißes Mehl befand – der gebrannte Gips. »Dieser gebrannte Gips,« erklärte Holm, »ist schwefelsaurer Kalk, dem durch Erhitzen das in ihm vorhandene Wasser ausgetrieben wurde. Fügen wir dem entwässerten Gips wiederum Wasser zu, so verbindet er sich mit demselben zu einer festen Masse, die nach dem Trocknen hart wird. Diese Eigenschaft macht den Gips zu einem wertvollen Material, sowohl um Gegenstände abzuformen, als auch plastische Figuren aus demselben herzustellen. Franz, bitte den Koch um einige große Tassen, wir wollen ungesäumt an die Arbeit gehen.« Franz tat, wie ihm gesagt war, Hans holte Wasser und Holm suchte einen Taler hervor, der das Bildnis des deutschen Kaisers in besonders schöner Prägung zeigte.

Zunächst nun rieb er die Münze mit einem Tropfen Öl ein, um das Ankleben des Gipses an derselben zu verhindern, worauf er sie mit einem drei Zentimeter hohem Rande von Schreibpapier umgab, dessen loses Ende er mit Gummi arabikum festklebte. Franz war nicht wenig stolz darauf, das so wichtige Klebmittel selbst geerntet zu haben, wenn auch die spitzen Stacheln des Schotendorns seine Hände nicht wenig zerkratzt hatten. Auch der Papierrand wurde mittels eines Pinsels mit einer kleinen Menge Öl getränkt. Dann rührte Holm etwa einen Eßlöffel voll Gips in einer Tasse rasch mit soviel Wasser an, daß ein nicht zu dünner Brei entstand, und goß denselben auf die Münze, welche derart auf dem Tische lag, daß sie selbst den Boden, der Papierstreif aber den Rand einer Schachtel bildete.

Nach etwa fünf Minuten war der Gipsbrei bereits erstarrt. Der Papierrand wurde vorsichtig abgenommen, worauf die erhärtete Gipsmasse auch von der Münze getrennt werden konnte. Mit allen, selbst den feinsten Einzelheiten war die nach oben liegende Seite der Münze in dem Gipse abgeformt, nur mit dem Unterschiede, daß die Erhöhungen der Münze in der Gipsmasse vertieft zum Vorschein kamen.

Die Knaben freuten sich über den wohlgelungenen Versuch. Holm trug Hans auf, den erhaltenen Abguß dem Koch zu bringen, daß er denselben auf eine nicht zu warme Stelle des Herdes legen möge, damit er gehörig austrockne. Dann ließ er Franz und Hans ebenfalls Abgüsse von der Münze machen, was ihnen, da sie gut aufgemerkt hatten, auch vortrefflich gelang. Rua-Roa sah verwundert zu und konnte nicht klar darüber werden, was die Weißen für sonderbare Dinge vornahmen. Holm aber sagte auf deutsch: »Du sollst nicht lange im Unklaren bleiben, mein Junge, nachher geht es dir, wenn auch nicht an den Kragen, so doch an dein gelbes Menschengesicht.« Als die vorhin hergestellte Form auf dem Herde trocken geworden war, tränkte Holm sie mit etwas Öl und umgab sie ebenso wie vorher die Münze mit einem Rande von Papier. Dann goß er frischen Gipsbrei hinein, wartete bis derselbe festgeworden und konnte dann die beiden Gipsstücke leicht voneinander ablösen. Das zweite Gipsstück zeigte nun ein genaues Abbild der ursprünglichen Münze, das Bildnis des Kaisers, die Umschrift und alle feinen Zeichen derselben. Die erste Form nannte er die Hohlform, die zweite den Abguß. Den Knaben war nun klar, daß wenn man einen Gegenstand plastisch in Gipsabgüssen vervielfältigen will, vor allen Dingen zuerst eine Hohlform hergestellt werden muß. Nachdem die Knaben gelernt hatten, wie der Gips zu behandeln sei, sagte Holm zu Rua-Roa: »Nun kommst du daran, mein Teuerster, lege dich da einmal auf den Fußboden.« Rua-Roa tat wie ihm gesagt wurde, denn bis jetzt hatten die Weißen ihm keinerlei Leides getan, er hatte volles Vertrauen zu ihnen.

Dann stellte Holm aus einem großen Tonklumpen durch Rollen auf einem Brette eine große, lange Wurst her, die er dem auf der Erde Liegenden so um das Gesicht herum legte, als wollte er ihm ein Zahntuch aus Lehm umbinden. »Dieser Tonwulst soll das Herabfließen des Gipsbreies verhüten,« sagte Holm, »und damit derselbe sich nicht in Rua-Roas Augenbrauen festsetzt, bedecken wir dieselben mit feinem ölgetränkten Seidenpapier.«

»Aber erstickt Rua-Roa nicht, wenn wir ihm das ganze Gesicht voll Gips gießen?« fragte Franz.

»Wir befestigen ihm mit etwas Lehm in jedem Nasenloch einen Strohhalm,« erwiderte Holm, »dadurch kann er hinreichend atmen. Das haben sich vor ihm schon manche Wilde gefallen lassen müssen, und er wird auch nicht der letzte sein, zumal der ganze Vorgang keine fünf Minuten währt.« Rua-Roa ließ sich geduldig das Seidenpapier auf die Augenbrauen und anderen Stirnhaare legen, auch gegen das Einölen des Gesichtes machte er keine Einwendungen. Als Holm ihm aber die Strohhalme in die Nase befestigen wollte, sprang er auf und weinte. Das war ihm zu viel. Keine Bitten konnten ihn bewegen sich wieder niederzulegen, er glaubte, daß man ihn umbringen wolle. »Doktor,« rief Holm, »reden Sie ihm zu, er hat ja selbst gesagt, daß er Ihr Sklave sein wollte. Spielen Sie einmal den Plantagenhalter und brauchen Sie Ihre Autorität.« Doktor Bolten lächelte milde und ging auf Rua-Roa zu. »Mein Sohn,« sagte er, »der mutige Knabe hat dich aus dem Rachen des Krokodils gerettet und war in Lebensgefahr deinethalb, wie wir alle. Kannst du glauben, daß deine Erretter dir Schaden zufügen wollen? Sieh, wir verlangen nur einen kleinen Dienst von dir, du wirst doch eine geringe Unannehmlichkeit ertragen können, um deinem Dank Ausdruck zu geben, von dem du in so beredten Worten gesprochen. Nicht Worte machen den Dank, sondern die Tat.«

Rua-Roa hörte auf zu weinen. Er sah zu komisch aus mit dem vom Lehm eingerahmten Gesichte und den Tränen, die von der eingeölten Haut herunterliefen, wie das Wasser von den fettigen Federn einer Ente. Dann legte er sich ergeben auf den Rücken und wartete der schrecklichen Dinge, die da kommen sollten. »Schließe die Augen und den Mund, atme langsam durch die Strohhalme,« rief ihm Holm zu, der in einer großen Schüssel den erforderlichen Gipsbrei anrührte. »Und nun nicht gemuckt, freundlich gelächelt, damit du später nicht als Heulmeier in Gips erscheinst.« Bei diesen Worten schüttete Holm den bereits im Erstarren begriffenen Gips auf das Gesicht Rua-Roas, der sich wirklich Mühe gab zu lächeln. »Halte dich ruhig, mein Junge,« ermutigte Holm den Daliegenden, der eine unförmliche Maske von Gipsbrei vor seinem Gesichte hatte, »und schnaube mir nicht zu sehr. Es ist dein eigener Schade, wenn die Hohlform von deinem ehrenwerten Antlitz nicht gelingt, denn dann, mein Lieber, mußt du noch einmal daran. – So,« rief Holm, »der Gips ist bereits erhärtet.« Er entfernte zuerst die Strohhalme, dann lüftete er die Gipsmaske bald an der einen Seite, bald an der anderen, um sie allmählich zu lockern, und hob sie behutsam von dem Antlitz Rua-Roas ab.

Rua-Roa tat einen tiefen Atemzug und sprang auf. Holm überzeugte sich, daß die Hohlform vorzüglich gelungen sei, und sagte: »Du sollst schön bedankt sein für dein ruhiges Verhalten, Ruachen. Jetzt gehe nur mit Franz zum Koch, daß derselbe dir lauwarmes Wasser und Seife gibt, um dir Lehm und Öl abzuwaschen.« Rua-Roa sprang fröhlich von dannen, von Franz begleitet. Während der Gelbe sich von den letzten Spuren der glücklich überstandenen Tragödie befreite, ging Franz an seinen Reisekoffer, dem er ein schönes Taschenmesser entnahm. Dieses schenkte er Rua-Roa, der kaum ein Wort des Dankes finden konnte, aber dem jungen Weißen die Hand treu und ehrlich drückte.

Am nächsten Tage wurde aus der Hohlform ein Abguß gemacht und Rua-Roas Antlitz präsentierte sich, wenn auch mit geschlossenen Augen, so doch, wie es ja auch nicht anders sein konnte, naturgetreu und ähnlich.

»Ein Apollokopf ist es nicht,« meinte Holm, »aber es ist das Gesicht eines treuen, guten Menschen, er hat sogar versucht freundlich zu lächeln, wie ich ihm sagte.«

»Schade daß der Abguß so weiß aussieht,« sagte Hans, »ich hätte Lust ihn farbig anzumalen, dann würde er unserm neuen Kameraden erst recht ähnlich sehen. Aber woher sollen wir soviel Farbe nehmen, der Tuschkasten würde darauf gehen.«

Auch hier wußte Holm wieder Rat. »Der Schiffszimmermann wird Farben haben, mit denen er die einzelnen Teile des Schiffes anzustreichen pflegt. Wir gebrauchen ja nur Gelbweiß für die Haut, Rot für die Lippen und Schwarz für die Haare.«

Der Zimmermann war glücklicherweise im Besitz des Gewünschten. Holm mischte die Farben und Hans malte den Gipsabguß, während Rua-Roa Modell sitzen mußte, damit die Farben auch mit dem Originale übereinstimmten. In einer halben Stunde war das Werk vollendet. Als Rua-Roa die kolorierte Gipsmaske sah, erschrak er. »Ach – Malagasche!« rief er und wollte fliehen. »Laufe nur nicht vor dir selbst weg,« lachte Holm, und nur mit Mühe konnten sie den Wilden dazu bringen, sein eigenes Abbild schließlich in die Hand zu nehmen und sich zu überzeugen, daß es kein lebendes Wesen sei, was er hielt. Die Matrosen bewunderten dies Kunstwerk, und einige wünschten, sie möchten auch so abgegossen werden. Holm aber sagte, daß sie photographiert werden sollten, sobald die Gelegenheit günstig wäre, das Abgipsen sei für die Wilden. Franz wandte jedoch ein Bedenken gegen diese Prozedur ein. »Wenn schon Rua-Roa sich so sehr sträubte, werden dann auch die Wilden sich hergeben, die uns lange nicht so freundlich gesinnt sind wie jener?« fragte er. – »Nur mit reichen Geschenken wird es uns gelingen, ein lebendes Modell zu gewinnen,« antwortete Holm, »und dann auch nur schwierig. Ihr könnt hieraus ermessen, welche Mühe und welche Energie dazu gehört, das Material für den Forscher in genügender Reichhaltigkeit zusammenzutragen, und wenn ihr später einmal wieder ein ethnographisches Museum besucht und solche Gipsabgüsse seht, dann werdet ihr nicht achtlos vorüber gehen, sondern daran denken, daß an jeden Kopf sich ein Kampf knüpft, wenn auch nur der friedliche der Überredung.« »Mit der nächsten Post schicken wir Rua-Roas Abguß nach Hamburg,« sagte Franz, »damit sie dort sehen, wie der gute Bursche ausschaut, der uns das Leben retten half.«

»Und den ersten Wilden, der sich mir anvertraut, werde ich abgipsen,« rief Hans. »Ihr sollt sehen, ich werde meine Sache schon gut machen.«

Am Nachmittage wurde an einer kleinen öden Insel angelegt, die nur von Fregattvögeln, Albatrosarten und Tölpeln bewohnt war, auf die Jagd gemacht werden sollte.

In großen, bis über die Kniee hinaufreichenden Seestiefeln, mit Waffen und Proviant versehen, machten sich die Knaben in Holms und einiger Matrosen Begleitung auf den Weg, während der alte Geistliche dieser Unternehmung fernblieb. Gefahren gab es nicht zu überstehen, wohl aber mußte man unausgesetzt klettern, und das überließ er denn doch lieber den jüngeren Beinen.

Durch Röhricht und Schilf, über Klippen und Vorsprünge, durch flache Seeen ging es dahin, Rua-Roa und Franz immer voran und hinter ihnen die übrigen, mit Einschluß des Kapitäns, dem es Vergnügen machte, eine kleine auf diesen wüsten Inseln häufige Taubenart zu schießen. Die anderen verfolgten freilich interessantere Zwecke, sie fingen und erschlugen oder schossen vom Nest weg die Vögel, welche ihnen kaum aus dem Wege hüpften, sondern ganz zutraulich sitzen blieben, da sie ja in den Menschen noch keine Feinde kannten. Ein Kauffahrteischiff kommt selten in diese entlegenen Gegenden, viel weniger ein Postdampfer; die riesigen Anwohner des Meeres nisten also und brüten von Geschlecht zu Geschlecht in ungestörter Ruhe, nur sehr selten von dem Besuch des Naturforschers überrascht und um einige Glieder ihrer ausgedehnten Familie ärmer gemacht. Weiße, bis zu reichlich drei Meter Flugbreite haltende Albatrosse, ihre jüngeren braunen Sprößlinge, die großen Fregattvögel und in Scharen die grauen Tölpel, so saß es und watschelte, so flatterte und flog es zwischen den Klippen, wie wenn die wüste, vielleicht kaum den Flächeninhalt eines Marktplatzes besitzende Insel ein zoologischer Garten wäre, wo man künstlich gezähmte, fremde Tiere ungestört von Angesicht zu Angesicht bewundern kann; aus allen Löchern kamen Raubmöwen und Sturmtaucher hervor; auf jeder Klippe krochen riesige, graue Krabben, die hier von dem leben, was die Vögel als Beute ihren Jungen zutragen, und die in der Nähe eines solchen Nestes förmlich auf der Lauer liegen. Im tiefsten Grunde der Insel brüteten allemal zu Tausenden die Pinguine, deren scharfe Schnabelhiebe zuweilen, wenn sie an den derben Stiefeln abglitten, ein schallendes Gelächter, wenn sie dagegen eine unvorsichtig herabhängende Hand trafen, einen Schmerzensschrei hervorriefen. Die Tiere blieben ruhig sitzen, wollten aber eine Annäherung ihrerseits nicht gestatten und verteidigten daher die Nester, auf denen sie hockten, mit solcher Entschlossenheit, daß mancher Umweg dieser starken Schnäbel wegen gemacht werden mußte. Eier und erlegte Tiere aller Gattungen waren stets die Ausbeute solcher Streifzüge, die freilich nicht immer ohne Unfall verliefen und einmal sogar das Leben der jungen Abenteurer ernstlich bedrohten. Ein plötzlicher Sturm drängte das Schiff von den Ufern der Klippe zurück, die Brandung ging haushoch, das Boot zerschellte in tausend Splitter, und Wind und Wasser fegten wie rasende Kobolde über den einsamen Fleck im rings sich dehnenden Ozean dahin. Ganze Sturzseen schlugen über den äußern Rand, Legionen von Tropfen regneten herab, und das donnerähnliche Geräusch des Sturmes verschlang jeden Laut. In Scharen wiegten sich Fregattvögel und Albatrosse, des Tobens froh, in der bewegten Luft; flügelschlagend kämpften sie gegen das empörte Element, rings umher entfaltete sich die Tätigkeit aller dieser meergewohnten Geschöpfe mit verdoppelter Stärke; nur die Menschen standen ratlos neben einander im Schutze eines Felsstückes, sie allein hatten zu fürchten, daß dem Schiffe ein Schaden geschehe, und daß sie dann in dieser grauenvollen Wildnis ohne irgend ein Lebensmittel, ohne Baum oder Feuer, dem qualvollsten Untergang verfallen würden, – Stunden vergingen, die Mastspitzen der »Hammonia« verschwanden am Horizont, die ganze Insel triefte, und selbst das harte Schiffsbrot in den Taschen war aufgeweicht und zu Brei verwandelt; dann aber sprang der Wind nach anderer Richtung über, seine Wut ließ nach, und vor Sonnenuntergang sahen die unfreiwillig Verbannten das Schiff, dessen Kanone ihnen von Viertelstunde zu Viertelstunde einen Gruß gespendet, im fernen Blau wieder auftauchen. Papa Witt schickte sechs Matrosen mit einem Boote ans Ufer, und nach beschwerlicher Überfahrt, bei der jedoch die Jagdbeute glücklich geborgen wurde, hatten alle das rettende Deck wieder erreicht. Dennoch aber war damit der Krieg gegen die Vogelwelt keineswegs als beendet anzusehen. Zahllose große Vögel verfolgten, nach Abfällen spähend, das Schiff, namentlich Albatrosse, auf die dann die Matrosen Jagd machten, indem sie an langer Leine einen Angelhaken, in Fleisch versteckt, dem Dampfer nachschwimmen ließen. Die Vögel stürzten sich auf den ersehnten Bissen, verschlangen ihn und flogen nun in Todesangst, bang flügelschlagend, so weit es die Schnur gestattete, bis die glücklichen Jäger ihre Beute ohne alle Mühe heranzogen. Doktor Bolten erwirkte indessen sehr bald bei dem Kapitän ein Verbot dieser grausamen Belustigung, welche keinerlei ernsten Zweck hatte, sondern nur als Zeitvertreib diente. Das Fleisch des Albatros ist ungenießbar, seine Federn nicht zu brauchen; also mochten die großen, schönen Tiere leben, wo sie niemand schadeten, im Gegenteil vielleicht das Auge des Schiffers im Einerlei der Meeresfläche angenehm berührten.

Die Angeln wurden daher entfernt, und die Albatrosse blieben unbehelligt, ebenso die Tölpel, welche sich oft ganz dreist auf das Schiff setzten und sogar mit den Händen berühren ließen. Die dummen, grauen Tiere waren bei all ihrer Geistlosigkeit doch sehr schlaue Fischer, und immer, wenn sie irgend ein schwimmendes Geschöpf, Qualle oder Flossenträger, gefangen hatten, zeigte sich's, weshalb die Fregattvögel so beharrlich in ihrer Nähe blieben. Der Tölpel ist der Leibeigene des Fregattvogels, er fängt die Beute, und jener verspeist sie.

Die Knaben saßen unter dem Sonnensegel des Verdecks und beobachteten das beständig wechselnde Spiel. In der Nähe des Schiffs, hart über dem Wasser, schwebten mit vorgestrecktem Halse die grau und schwarz gesprenkelten, etwa an Größe einem starken Raben gleichenden Tölpel und wußten geschickt unter der beweglichen blauen Oberfläche des Meeres die auftauchenden Fische zu entdecken. Sie schossen hinab und brachten, nie ihr Ziel verfehlend, den zappelnden Flossenträger im Schnabel mit sich herauf, aber schon ehe noch die Segelstange oder der Mast, wo sie ihren Raub zu verzehren dachten, halbwegs erreicht war, fielen die bedeutend größeren Fregattvögel über sie her, preßten ihnen die Kehle zusammen und nahmen den gefangenen Fisch dem eigentlichen Räuber siegreich wieder ab.

Einmal fiel solch ein kämpfendes Paar, in einander verbissen, plötzlich durch die Segel weg auf das Verdeck, und nun entstand eine höchst ergötzliche Szene. Aus einer der Seitenkojen im Matrosenraum sprang Murr, der große, schwarze Schiffskater, plötzlich mit Tigersprüngen hervor und blieb fauchend dicht neben den Ringern auf den Hinterfüßen sitzen. Seine von Zeit zu Zeit in die Luft schlagende Pfote, seine funkelnden Augen und das gereizte Knurren bewiesen nur zu deutlich, wie gern er über die beiden großen Vögel hergefallen wäre, aber die heftigen Flügelschläge, die scharfen Schnabelhiebe des Fregattvogels mochten ihn doch in respektvoller Entfernung halten, während ihrerseits die kämpfenden Segler der Lüfte von dem gefahrdrohenden Feind in ihm keine Ahnung hatten, sondern unbekümmert mit lautem Krächzen den eigenen Streit fortsetzten. Der Tölpel hielt beharrlich den gefangenen Fisch im Schnabel, wußte sich aber so zu drehen, daß es dem Fregattvogel nicht gelang, seinen Hals zu umklammern, obwohl ihn die scharfen Fänge desselben unerbittlich gepackt hielten.

Die riesigen Flügel, bald weit ausgebreitet, bald fest an den Körper gelegt, peitschten das Deck, herausgerissene Federn wirbelten in der Luft umher, und Blutstropfen färbten den Boden, – der Fisch hatte bereits zu leben aufgehört, aber immer noch währte der Kampf, als endlich die lachenden, mit gespannter Aufmerksamkeit den Vorgang beobachtenden Knaben ihren jungen Hova-Freund herbeiriefen. »Rua-Roa! komm her, komm her, sieh die Katze, – es ist um sich die Seiten zu halten.«

Der Malagasche kam schleunigst herbeigesprungen, sobald aber seinem suchenden Blick Murr, der wohlgenährte Rattenvertilger, begegnete, fiel er vor Schreck auf die Kniee und hob beide Hände zum Himmel empor. »Zannaar!« rief er in Todesangst, »Zannaar! Darafif, großer Riese, steht uns bei! Angatsch der Böse, der Mörder und Betrüger, hat seinen Diener auf das unglückliche Schiff geschickt!«

Zufällig machte in diesem Augenblick Murr den bekannten hohen Buckel, sein langer Schweif fegte im Halbkreis unruhig das Deck, die grünschillernden Augen leuchteten vor Kampflust, er ersah den günstigen Moment, in welchem der Fregattvogel außerstande war, sich mit seinem Schnabel zu verteidigen, und stürzte sich geräuschlos nach Tigerart urplötzlich auf die Streitenden. Ein kurzer, schriller Schrei – dann hatte der große Vogel zu leben aufgehört; der Tölpel dagegen saß geduckt, dumm glotzend und sich schüttelnd auf den Brettern. Als ihm niemand mehr die Beute streitig machte, ergriff er seinen Fisch und verschlang ihn mit gierigem Ruck.

Der Malagasche betete fortwährend in der Hova-Sprache zu allen möglichen guten Geistern um Erlösung vom Übel; keine Macht der Erde hätte ihn bewegen können, den sieghaften Kater zu streicheln, und selbst als die beiden andern Knaben das taten, schauderte er sichtlich. Auf ganz Madagaskar sei kein solches Tier zu finden, erklärte er, es müsse ein böser Geist sein.

Doktor Bolten wehrte den Knaben, als sie ihren jungen Freund zwingen wollten, sich mit Murr, dem Schnurrenden, Behäbigen, auf vertrauten Fuß zu stellen. Er hatte den religiösen und geschichtlichen Unterricht, welchen er dem ehemaligen Sklaven erteilte, so eingerichtet, daß der Geisterglaube ganz von selbst dem besseren Erkennen weichen mußte; jeden äußeren Zwang erklärte er für schädlich. Der Kater lief frei im ganzen Schiff herum, aber man ließ es scheinbar unbemerkt, wenn Rua-Roa mit wahrhaften Seiltänzerkunststückchen der Begegnung des Schwarzen auswich; seine Freunde überließen es der Zeit, ihn von dieser kleinen törichten Furcht zu heilen, namentlich da der Gelbe in jeder Beziehung achtbar und liebenswürdig auftrat, sich seinen Wohltätern dankbar bewies und im Lernen die besten Fortschritte machte.

Besonders mit den beiden aus Afrika herübergebrachten Affen hatte er sich in das glücklichste Einvernehmen zu setzen gewußt. Wickelschwanz und Schwarznase schienen für den jungen Farbigen eine besondere Zuneigung zu hegen; sie saßen auf seinen Schultern, fraßen aus seiner Hand und gehorchten ihm auf das erste Wort, den Widerwillen ihres Bezähmers gegen Murr in jeder Weise teilend. Der faule Kater erhielt von den flinken Händen mehr als eine Ohrfeige, und wenn zuweilen bei stillem Wetter der Schwarze und die beiden Affen sich im Takelwerk jagten, dann klang erbittertes Prusten, Schreien und Miauen über das Deck hin, bis meistens der Kater urplötzlich herabfiel und sich schleunigst unter den Kojen der Mannschaft verkroch.

Die beiden Tanraks dagegen sollten nicht lange zur Unterhaltung der Knaben dienen. Nachdem die letzten auf den öden Inseln gesammelten Würmer verzehrt waren, weigerten sich die Tierchen, irgend eine andere Nahrung zu nehmen, und starben ehe noch die Insel Mauritius erreicht wurde. Die Tiere wanderten zu dem Affen in den Spiritus und wurden mit allen übrigen gesammelten Gegenständen von Port St. Louis, der Hauptstadt der Insel, nach Hamburg geschickt.

Das Schiff verließ indessen nach sehr kurzem Aufenthalt diesen Hafen und setzte die Reise bis zur Fouqué-Insel fort. Erst da wurde Anker geworfen.

»Auf Mauritius haben wir für unseren besonderen Zweck keinen günstigen Boden,« erklärte Holm, »das Tierleben der Insel ist arm, ursprüngliche Bewohner, also einen eingebornen Stamm hat sie gar nicht, es führen Landstraßen von einem Ende zum andern; kurz, Hoffnung auf naturwissenschaftliche Entdeckungen oder interessante Abenteuer ist nicht vorhanden. Die kleine Fouqué-Insel muß uns entschädigen.«

»Später machen Sie dann noch einen Spaziergang auf den Bambu-Pik,« schaltete der Kapitän ein, »jedenfalls verlohnt die Aussicht dieser Mühe, nebenbei aber begegnen Ihnen doch auch vielleicht einige Eidechsenarten, indische Meerkatzen und viele schöne Pflanzen.«

»Wollen sehen!« nickte Holm. »Erst zur Fouqué-Insel.«

Und so warf denn der Dampfer in stiller Bucht seine Anker aus. Unübersehbar dehnte sich vor den Blicken der Reisenden das Korallenriff, welches die ganze Insel Mauritius wie ein Gürtel umgibt und von den weißen Brandungswellen des Meeres bei hoher Flut fast völlig überschäumt wird. Daran lehnt sich, flach und ohne einen einzigen Baum den glühenden Sonnenstrahlen preisgegeben, ein kleines, unbewohntes Eiland, dessen ragender Leuchtturm den Schiffen als Warnungszeichen dient. Es war gleichsam eine Fortsetzung des Riffes, dessen oberste platte, von den Wogen geglättete Fläche zur Ebbezeit einen vorsichtigen Spaziergang recht wohl gestattete, zugleich aber wurde auf seinen Strand alles das geworfen, was die brandenden Wellen an toten und lebenden Bewohnern des Meeres mit gewaltiger Kraft emporhoben, und was späterhin, bei dem schnellen Sinken derselben, von tausend Zacken und Riffen festgehalten, den Rückweg in das heimische Element nicht mehr fand.

Es war Ebbe, als das große Boot die Reisenden zur Fouqué-Insel brachte. Im Schatten des Leuchtturms wurde ein Zelt aufgeschlagen, frische Früchte und Lebensmittel von Mauritius herübergeschafft und Haken und Netze, sowie einige Eimer aus dem Schiff mitgenommen. Die Flut brauste heran, nachdem kaum die nötigsten Vorarbeiten beendet waren. Haushoch, in kurzen Pausen, schlugen weißgekrönte, wie flüssiges Silber schäumende Wellen gegen das Riff, ein Donnern und Grollen, ein Zischen und Klatschen wie es die Reisenden nie vorher gehört, erfüllte rings die Luft; Tausende von fliegenden Fischen erhoben sich, flutgetragen, blau und violett schillernd im Sonnengold, mit Schaumperlen übergossen in jeder Woge; große Quallen zeigten ihre Ungestalt; Fische mit dem Gesicht und der Brust eines wohlgenährten, runden Vogels, mit Taubenaugen, aber derben drohenden Zähnen, wiegten sich in der Wassermenge, bunte Velellen, Krebse mit langen Scheren und Wasserschlangen tauchten auf und ab. Stunden vergingen, ehe dies wechselnde Spiel mit dem Eintritt der Ebbe endete, aber doch schien es jedem der Anwesenden, als habe er erst seit wenigen unzulänglichen Augenblicken den Ozean in dieser seiner großartigen Pracht bewundert, doch wurde die letzte am Fuße des Riffs zerfließende Welle wie ein scheidender Freund bedauert.

Jetzt galt es, die schlüpfrigen Stellen abzusuchen und von den aufgefundenen Tieren die schönsten Exemplare einzusammeln. »Immer nur einige von der gleichen Gattung,« hatte Holm ermahnt, »es soll kein Tier, das für unsere Sammlungen taugt, übersehen, aber auch keines aus bloßem Mutwillen getötet werden.«

Rua-Roa zeigte sich beim Hinausgehen auf den schlüpfrigen, vielleicht fünfzig Fuß hohen und ebenso breiten Damm im Anfang etwas zaghaft. Löcher und Fugen, Risse und Spalten überall; hier ein klarer Teich, in dem das Seewasser schäumte und brodelte; hier eine Kluft, die mühsam übersprungen werden mußte und dort sogar eine plötzliche Teilung des Weges, drei oder vier schmale Pfade, kaum fußbreit, zackig, von Schleim überzogen, – so zeigte sich das Riff, dessen Gefüge erst viel tiefer nach unten sich zur dichten, von keinem Spalte mehr durchlöcherten Mauer verstärkte. Hier oben in den jüngsten Korallenschichten war alles Berg und Tal, alles von Poren zersetzt, von den Gängen und Höhlen unzähliger Wassergeschöpfe wie ein Bergwerk untergraben.

Franz hüpfte, ohne sich viel nach Beute umzusehen, über den schlüpfrigen Weg dahin. Rechts das Meer, links ein stiller blauer Wasserstreif und dann die malerischen, von üppigem Baumwuchs bestandenen Ufer der Insel Mauritus – so bot sich dem staunenden Blick ein Bild der höchsten, blendendsten Naturschönheit. Der Wald da drüben schien ein seltsam doppelter; erst unten das Dickicht, von Ranken und Blumen durchflochten; dann die stolzen, himmelanstrebenden Palmenstämme mit ihren schönen, federartigen Kronen, die Kampeschen und Agaven, der nie fehlende Bambus und die breitästige Tamarinde. Während so im Verein von Formen und Farben die Pracht des Ufers den Sinn bewältigte, fesselte auf jedem einzelnen Schritt Neues, Niegesehenes die Blicke. Seeigel, Seesterne, Schnecken und Seewalzen, alles krabbelte, schwamm oder glitt über- und durcheinander. Besonders die schönen Seeanemonen, welche fest auf den Gesteinen saßen, erregten Holms Aufmerksamkeit; er nahm sie sorgfältig, jede Berührung vermeidend, mit einem großen Holzlöffel aus den Lachen heraus und setzte sie in einen Eimer, den zu diesem Zweck der Koch hatte liefern müssen. Um sie zu erhalten und lebend dem zoologischen Garten in Hamburg zuzuführen, schlug er mehrere Stücke des Korallenriffes ab, die dann in einem größeren Behälter den seltsamen Halbtieren zum Anklammern dienen sollten; mittels täglicher Zuführung von frischem Seewasser dachte er sie wohlerhalten über den Ozean zu bringen. Hier waren alle Arten vertreten, die purpurnen, gelben, violetten und ganz weißen; ferner die Seesterne, deren Formen sich am besten mit sogenannten Kotillonorden vergleichen lassen, bald rund und strahlenbildend, bald wie Schleifen, dann wie Perlenschnüre oder wie eine gelbe, in der Mitte gebundene Garbe, – die Seespinnen in ihren verschiedenen, alle am Lande lebenden Arten weit überragenden Größen, die hübschen roten Ringelwürmer mit dem federgleichen Häubchen und endlich das Heer der Krebse, die nun freilich ohne Erbarmen samt und sonders in einen Eimer wanderten, um folgenden Tages das Mittagsmahl verschönern zu helfen. Junge Einsiedlerkrebse trugen noch das Schneckenhaus, in welchem sie bis zur Ausbildung der Scheren ihren Hinterkörper zu verbergen pflegen, auf dem Rücken; die alten dagegen setzten selbst jetzt noch, wo sie im Riff hilflos hängen geblieben waren, ihre erbitterten Kämpfe fort und wurden zuweilen paarweise mit in einander verschlungenen Scheren eingefangen. Gold- und Silberfische, Papageienfische, in allen Farben schillernd, und zahllose Schnecken krochen zwischen den Spalten; auch eine andere Art von Geschöpfen, das baumartige Pflanzentier fehlte nicht; Glasschwämme und der gemeine Badeschwamm, irgendwo vom Grunde durch überlegene Stärke losgerissen, hatten sich an einer spitzen Klippe gefangen und fielen jetzt den emsigen Forschern zur Beute; braune und grüne Algen, unter anderen der bekannte Seetang, lagen zu ganzen Haufen über einander geschichtet und dienten den Wasserkäfern als Schlupfwinkel; auch die große weiße, nach innen rötliche Muschel wurde in den Fugen des Gesteins entdeckt und mußte in den Sack, welchen Holm trug, mit hinein wandern, obwohl sie ihn fast gänzlich ausfüllte und die Last zu einer sehr schweren machte. Stunden waren vergangen, ehe man an den Rückzug dachte; ein lüsterner Hai mit greulichem Rachen schwamm hart neben dem Riff im Meer hin und her, vielleicht in unbestimmter Ahnung die kommende Flut erwartend und sich des nahen Raubes freuend; die Sonne stand schon tief am Horizont, der Wind wehte frischer und die Kräfte der Suchenden bedurften der Stärkung, – noch eine halbe Stunde, dann kam die Flut, dann war alles, worauf jetzt die Füße so sicher standen, von blauem Gischt überschäumt. Schon hob sich im Grunde die See unmerklich gegen den Wall, schon tönte als Verkünder des donnerähnlichen Tobens ein leichtes Brausen und mahnte zum Rückzug.

»Karl,« rief Franz, »könnten wir nicht bis zum letzten Augenblick hier oben bleiben? Ich möchte von hier aus das majestätische Heranrauschen der großen Wogen beobachten. Sieh den Hai, er überlegt, wann wir ihm den unverschämten Rachen füllen werden.«

Holm schüttelte den Kopf. »Das bleibt denn doch besser ungeschehen, Franz! – Was verschlägt dir's, ob du die Wellen von einer oder der anderen Seite siehst?«

»Ich möchte sie gern mir selbst entgegenspringen lassen und – am allerliebsten hier oben im Gischt stehen bleiben, wenn die höchste Flut da ist.«

»Die vielleicht sechs oder sieben Fuß über den Damm hinauswächst und den grünlichen Hai da unten bis hierher trägt. Ich verzichte darauf, ihm Aug' in Auge gegenüber zu stehen.«

Franz lachte, plötzlich aber bückte er sich und deutete auf einen Gegenstand, der vor seinen Füßen in der nächsten Spalte steckte. »Wieder eine solche Muschel,« rief er, »und noch schöner als die erste. Karl, wir müssen sie notwendig herausbrechen.«

Der junge Gelehrte betrachtete mit fast zärtlichen Blicken die Rosaschale, den weißen, feingefalteten Rand und das bequem eingebettete Tier, welches diese schöne Heimat bewohnt. »Wahrhaftig,« antwortete er, »du hast recht, Junge! – und da noch, und da! – bei Gott, ein ganzes Lager von Schaltieren! Grüne, blaue und diese braunfleckigen, ich bitte dich, sieh her!«

Er warf den Sack zu Boden und kniete neben der Rinne, wo im klaren Wasser alle möglichen Muscheln und Schnecken sich angehäuft hatten. »Der indische Ozean ist für diese Tiergattung so recht die wahre Fundgrube,« fuhr er fort. »Wir müssen hier einsammeln, was irgend erreichbar ist; eine so günstige Gelegenheit wird uns höchst wahrscheinlich nicht wieder zu teil. Entweder liegen die Korallenbänke unter Wasser, oder sie sind unzugänglich; – ach, da hätten wir dich, Tridacna gigas

Er hob eine Seite der Schale mühsam empor, fand aber, daß es ihm durchaus unmöglich sei, die ganze Muschel von ihrem Platze zu entfernen. Und doch war das Exemplar so schön, eines der größten seiner Art; er mußte es haben.

»Hört,« rief er den übrigen zu, »geht zum Leuchtturm und schafft mir ein paar von den dort stationierten Wächtern oder zwei von unseren Matrosen, damit diese Muschel nicht verloren werde. Die nächste Flut könnte sie wegspülen.«

»Ich bleibe bei dir!« rief Franz.

Der Doktor, Hans und der Malagasche beluden sich mit dem bereits gemachten Fang, und nachdem sie tunlichste Eile versprochen, kehrten alle drei auf dem schlüpfrigen Pfade zur Fouqué-Insel zurück, während Holm und Franz emsig so viele von den kleineren Muscheln losbrachen, als sich ohne Beistand erreichen ließen; weder einer noch der andere bemerkte, daß die Flut unaufhörlich stieg, ja, daß die Spitzen der Wogen jetzt schon bis auf wenige Fuß an das Plateau des Riffes hinaufgriffen. Nur einmal zog Holm die Uhr und sah nach. »Ach, Gottlob, noch zwanzig Minuten, das ist Zeit genug.«

Die anderen gingen indessen weiter. »Hütet euch, Kinder,« ermahnte der alte Herr, »ich bitte dich, Hans, bleib in der Mitte. Das ist ein verzweifelter Weg!«

Er sah immer vor seine Füße, zeigte ängstlich den beiden Knaben jeden Spalt und jede Lache; von den Gesetzen der Flut und Ebbe wußte er vielleicht überhaupt nur das Alleroberflächlichste und vertraute rücksichtlich dieser Dinge auch durchaus seinem jungen Reisegefährten. Daher kam es, daß er dem Meere keinen Blick schenkte, sondern vielmehr erleichtert aufatmete, als die gefährliche Expedition zu Ende und das Zelt unter dem Leuchtturm glücklich erreicht war.

Eimer und Netze, sowie der große Sack wurden geleert; dann lief Hans hinauf und bot den Wächtern ein Trinkgeld, wenn sie helfen wollten, die große Muschel aus dem Riff hervorzuziehen.

»Morgen,« antwortete kopfnickend der Portugiese. »Jetzt wäre vor Eintritt der Flut keine Zeit mehr!«

Hans erschrak sehr. »Die anderen sind noch auf dem Riff! – Mein Himmel, es droht ihnen doch keine Gefahr?«

Die Schiffer, der englischen Sprache alle mächtig, eilten zu einem der Fenster und sahen jetzt in ziemlicher Entfernung die beiden knieenden Gestalten, welche, an der Landseite des Riffes beschäftigt, offenbar das Meer durchaus vergessen hatten. Worte, ja selbst der lauteste Schrei aus Menschenbrust konnten hier nichts ausrichten; rasch entschlossen also ergriff einer der Männer das große, an der Wand hängende Nebelhorn und ein langgezogener dumpfer Ton brauste über das Wasser dahin.

Da unten in der Tiefe drehte Franz den Kopf. War das ein Signal? – »Karl,« rief er, »Karl, die Flut ist da!«

Der junge Gelehrte fuhr auf wie von einem Schusse getroffen. »Die Flut? – Gott im Himmel, wie ist das möglich, ich habe doch –«

Er riß die Uhr heraus und hielt sie erschreckend an das Ohr, er rüttelte wie in Verzweiflung an dem Gehäuse – sie stand still.

Die Wogenkämme schlugen jetzt über den Rand des Dammes herein, weißer Gischt spritzte hoch auf, – binnen Sekunden mußte die ganze Breite unter Wasser stehen.

Mit blassem Gesichte sah er hinaus auf das brandende Meer. »Jetzt sind wir verloren, Franz!« klang es kaum verständlich von seinen Lippen. –

Und auch oben auf dem Turm wiederholte tödlich erschrocken der jüngere Knabe: »Sie sind verloren!«

»Das ist nicht gewiß, ja sogar nicht einmal wahrscheinlich,« trösteten die Portugiesen. »Schon mancher Hummerfänger oder Perlenfischer hat sich während der Flut da auf dem Damm gehalten, um die Tiere wegzufangen, ehe nach eingetretener Ebbe eine Menge von anderen weniger kecken Insulanern die Ernte mit ihm teilen konnten. Das Meer schlägt bei ruhigem Wetter höchstens zwei Fuß über den Damm hinweg.«

Hans horchte atemlos. »Und wenn es stürmt?« preßte er mühsam hervor.

»Dann vielleicht häuserhoch, – das läßt sich nicht bestimmen.«

Der Knabe flog die Treppen hinunter zu den beiden anderen. Sein verstörtes Gesicht sprach deutlicher als alle Worte, nur einzeln kamen die Silben von seinen bleichen Lippen. »Franz und – Karl – müssen ertrinken.«

Das Entsetzen des alten Geistlichen läßt sich nicht beschreiben. Er stieg erst zu den Turmwächtern hinauf und bot vergeblich Summen über Summen, dann ließ er sich an das Schiff bringen und beschwor den Kapitän, doch der drohenden Brandung zu trotzen, aber beides umsonst. Die einen wollten um keine noch so große Belohnung ihr Leben einsetzen, der andere erklärte, daß das Schiff wie eine Nußschale an dem festen Riff zerschellen, aber nie und nimmer bis zu den beiden Bedrängten gelangen werde. »Sie müssen es eben so gut als möglich ertragen,« fügte er bei, »von einer eigentlichen Gefahr kann noch nicht die Rede sein. Zwei junge, kräftige Burschen werden sich ja doch von den Wellen nicht fortspülen lassen, – sie müssen in eine Rinne treten und sich anklammern.«

»Aber in der Nacht und auf so lange Zeit!« rief entrüstet der Doktor.

»Es ist heller Mondschein und das schönste Wetter von der Welt, Herr Doktor, – und fünf Stunden schaden den jungen Wagehälsen gar nichts.«

Auch der Steuermann suchte den alten Herrn zu beruhigen, obwohl beide, der Kapitän und er, die Sache durchaus nicht so leicht nahmen, wie es den Anschein hatte. Wenn sich nur der unbedeutendste Sturm erhob, dann war es um die beiden jungen Leute geschehen.

Der Doktor kehrte also in Begleitung des Kapitäns zur Fouqué-Insel zurück, wo sie an das Riff traten und mit den Abgeschnittenen aus der Ferne Grüße wechselten. Aber was war denn das? – Da draußen standen in der Brandung ihrer drei, die hinüber winkten, – Franz schwenkte sogar seinen Strohhut.

Der Doktor stürzte zum Zelt. Sollte auch Hans – – –

Aber nein, der fand sich zum Glück noch vor. Es war Rua-Roa, den nichts hatte bewegen können, seinen Freund in der Not zu verlassen. Er raffte zwei mit Haken versehene Eisenstangen welche vom Schiff mitgebracht worden waren, an sich und ging hinaus, der schäumenden, tosenden Flut nicht achtend. Der ganze Damm stand bereits unter Wasser, die Unterscheidungsgrenze für den festen Boden und das eigentliche Meer war bei jedem neuen Anprall der Brandung völlig verwischt, aber der Malagasche ließ sich nicht einschüchtern. In den kurzen Pausen drang er behende wie ein Vogel über die Klippen vor, und sobald eine neue Woge gleich einem anrückenden weißglänzenden Berge dahergerollt kam, warf er sich auf die Kniee, während unter dem Druck seiner beiden muskulösen Arme die Eisenhaken sich tief in den Klüften des Gesteins festklammerten. Nur Schritt um Schritt gelangte er auf diese Weise vorwärts, mit steter Todesgefahr ringend, mehr als einmal halb erstickt, genötigt erst liegen zu bleiben und Atem zu schöpfen, aber doch endlich ans Ziel kommend und im stande, mit strahlendem Blick und einem Lächeln innigster Freude den beiden Weißen ein Tuch voll Lebensmittel zu überreichen, das er sich um den Hals gebunden hatte, und dessen Inhalt, zwar stark durchnäßt, sonst aber doch genießbar, für die bevorstehende Geduldprobe wenigstens einige Stärkung verhieß.

Was hatte er denn eigentlich mitgebracht. Franz sah nach. Ein tüchtiges Stück Schinken, einige Schiffszwiebäcke und ein Dutzend Orangen, das ging ja an; besonders die Früchte waren willkommen, denn sie löschten den Durst, der sich bekanntlich bei jeder Aufregung bis zur Qual steigert. Franz schwenkte wieder den Hut. Zwar lief das Wasser jetzt schon von oben in die Seestiefel hinein, aber es war ja nicht kalt, die Sache ließ sich ertragen. Wenn so eine Welle heranbrauste, dann fand sie die drei Genossen vereint in der Vertiefung, welche sich die große Muschel zum Wohnsitz erwählt, und wo sie nun allerdings fürs erste in Sicherheit war. Zum Überfluß wurden noch die schweren Eisenstangen befestigt, und dann galt es nur mehr geduldig auszuharren.

.

Die Nacht auf dem Riff

Bei manchen Stößen ging das Wasser bis an den Hals; zuweilen tauchte aus dem Gischt der Kopf des Haifisches plötzlich hervor, die mordlustigen Augen sahen in gleicher Höhe mit denen der jungen Leute zu ihnen hinüber, der Schwanz peitschte voll wütender Ungeduld das Wasser, die nächste Minute aber zwang den Raubgesellen, doch mit der fallenden Woge wieder zurückzusinken in das tiefere Meer. Sein Instinkt warnte ihn, sich auf das zackige, todbringende Riff hinaufzuwagen.

Die letzten Tagesstrahlen verschwammen, der Mond stand hell am Himmel, und in seltener Klarheit glänzte das südliche Kreuz. Nichts deutete auf Sturm; vom Leuchtturm grüßte friedlich das rote Licht, der Dampfer gab von Zeit zu Zeit durch einen Kanonenschuß Kunde von seiner Nähe, und auf der Fouqué-Insel brannten Pechfackeln, die der Kapitän vom Schiff herüber bringen ließ. Dennoch aber verbrachten die drei, von der Mitwelt so gänzlich abgeschlossen, eine Nacht, der nur Franz die heitere Seite abzugewinnen wußte. Er hatte gewünscht, sich die Wellen nahe herankommen zu lassen, und er ertrug es lachend, wenn sie ihn mit immer neuen Schauern bis auf die Haut durchnäßten.

Allmählich füllte auch das gleiche buntgestaltige Tierleben des gestrigen Nachmittags wieder alle Risse und Poren. Fußlange Spinnen kletterten an den Armen der jungen Leute hinauf, Krebse und große Hummer segelten vorüber, mehr als einmal erfaßten die Hände Quallen, so daß noch empfindliche Schmerzen zu der Erstarrung und der allgemach eintretenden Mattigkeit hinzukamen. Als die Wogen anfingen schwächer zu werden, da fühlten alle, daß noch eine solche Nacht, solches Alleinsein gewissermaßen auf unsichtbarem Boden inmitten des Ozeans, gleichbedeutend werden müsse mit dem Tode.

Vorsichtig krochen die Verschlagenen, um womöglich das Wasser aus den Stiefeln zu gießen und aus den Kleidern zu ringen, näher an den Rand des Meeres heran. Jetzt konnten sie ja den Schutz der Vertiefung entbehren, die höchsten Wogenkämme reichten kaum noch bis an das Plateau, die Gefahr war vorüber. Aber erst als das Wasser nicht mehr wie eine warme, schützende Decke ihren Körper umgab, fühlten die jungen Leute den Einfluß des kalten Morgenwindes. Schaudernd, von Gänsehaut überlaufen, begrüßten sie die beiden Matrosen, welche im ersten Tagesschein über das Riff geklettert kamen, um auf Befehl des Kapitäns mit vereinten Kräften die Riesenmuschel aus der Versenkung hervorzuheben. Nachdem das Tier entfernt worden, trugen abwechselnd vier Männer die schwere, teuer erkaufte Schale, und noch ehe die Sonne hoch am Himmel stand, langten alle glücklich im Zelt unter dem Leuchtturm wieder an.

Holm streckte zähneklappernd die Hände den Freunden entgegen. »Keine Rührung, Doktor,« sagte er scherzend, »ein tüchtiges Glas Grog wäre uns in dieser katzenjämmerlichen Verfassung bedeutend mehr von Nutzen.«

Der Kapitän lachte. »Ich dachte mir's,« nickte er. »Stoff ist vorhanden. Aber wollen wir denn nicht gleich zum Schiffe zurückkehren?«

»Behüte! erst müssen noch Korallen eingefangen werden.«

Dem stimmte auch Franz bei, und zwar sollte noch während der Ebbe vom großen Boot aus das Schleppnetz in die Tiefe hinabgesenkt werden. Überall schimmerten ja die roten und weißen unterseeischen Bäume durch das Wasser herauf, an einer Stelle hatte Holm sogar die seltene, wenn auch nicht hochgeschätzte schwarze Koralle gesehen, man mußte also die Gelegenheit wahrnehmen und einsammeln, was zu erlangen war.

Zwei Stunden Schlaf, trockne Kleider nebst einer tüchtigen Mahlzeit und einem echten Seemannsgrog verscheuchten im Verein sowohl Schauder als Schläfrigkeit und gaben den jungen Leuten ihre ganze gewohnte Frische voll zurück. Das Schleppnetz wurde ausgeworfen und brachte einen reichen Fang von Korallen aus der Tiefe empor an die Oberfläche, freilich nicht, ohne daß vom Boote her die Eisenstangen der Matrosen ihre hilfreichen Dienste getan. Man fuhr längs den bis nahe an den Wasserspiegel hinaufreichenden Bänken hin; die ganze farbenglühende, in phantastischen Formen und Windungen aufgebaute Pracht da unten lag sichtbar vor aller Augen, feingeästelt vom zartesten Silberweiß bis zum gesättigten Purpur und glänzenden Schwarz; einem puppenhaften Walde gleich, schimmerten die Korallenstücke durch das blaue, spielende Wasser, und wo sie von den Eisenhaken der Bootsmannschaft getroffen wurden, da fielen sie in das ausgespannte Netz hinein.

Holm gab bei dieser Gelegenheit den Knaben einige Erklärungen über die Entstehung der Korallen, von denen meistens angenommen wird, daß sie, inwendig hohl, die Wohnungen von Tieren bilden. »Sie sind vielmehr das Tier selbst,« erläuterte er. »Die kleinste Quallenart, ein kaum sichtbares Schleimklümpchen, saugt mit seinem aller Organe beraubten Körper die Kalkteile des Seewassers in sich auf, stirbt, sobald die Verkalkung vollständig eingetreten und wird von den nachkommenden Geschlechtern als Wohnstätte benutzt, um den gleichen Kreislauf immerwährend neu zu beginnen und neu zu vollenden. An seichten Stellen setzt sich die erste Quallenfamilie fest und auf ihren abgestorbenen Überresten baut die zweite weiter, bis endlich nach Jahrhunderten die Oberfläche des Wassers erreicht ist und nun für das Tierchen die Lebensmöglichkeit aufhört. Von der Luft berührt, stirbt die Qualle.«

Er nahm eins der gesammelten Stücke und zeigte seinen Zuhörern den zähen, grauen Schleim, welcher dasselbe überzog. »Das ist das jüngste Quallengeschlecht, das eigentliche, ursprüngliche Korallentier«, setzte er hinzu, »der Stoff, aus welchem die Natur ganze Inseln, also feste Wohnplätze für Menschen im Lauf der Zeit erschafft. Es ist nicht unmöglich, daß nach Jahrtausenden, Jahrmillionen vielleicht, der am meisten von dieser Gattung bevölkerte Ozean, das Stille Meer nämlich, einen festen Weltteil bilden wird, langsam entstanden aus Korallenbänken, Insel an Insel, die endlich zusammenrücken und ein untrennbares Ganze ausmachen.«

Rua-Roa hatte mit weit offenen Augen dieser Erklärung zugehört. »Zannaar ist groß!« sagte er halblaut, nachdem jener geendet.

Holm streichelte lachend den Krauskopf des jungen Halbwilden. »Zannaar ist groß!« wiederholte er, »und selbst die schleimige Qualle sein Prophet. – Aber siehe da, von dem kleinsten der Meerbewohner bis zu einem der größten ist nur ein einziger Schritt. Unser Freund von der letzten Nacht her!«

Er deutete mit der Rechten auf das Kielwasser des Bootes, wo sich lüsterne, tückisch blinzelnde Augen bis fast über die Oberfläche erhoben. Der grüne Hai war immer noch zur Stelle; er konnte sich, wie es schien, nicht losreißen von der schmeichelnden Hoffnung, endlich doch eines dieser Opfer zu erwischen; jetzt folgte er dem Boote und blieb dicht hinter dem Steuer desselben.

Holm ließ das Netz einziehen, um es vor der Wut des Ungeheuers zu schützen, dann nahm er aus seiner Tasche eine Pistole. »Der Raubgeselle soll daran glauben,« sagte er. »Paßt auf, Jungens, ich ziele nach dem rechten Auge. Und ihr, Leute, sobald ich geschossen habe, treibt das Boot von der Stelle, damit uns die Schwanzschläge nicht schaden.«

Die Matrosen erfaßten ihre Ruder, alles war still vor Erwartung. Der Hai spielte im Wasser, sein abscheulicher Kopf hob sich handbreit heraus. – – –

Da krachte der Schuß. Zu Bergen türmten sich weißschäumende Wogen, schwere Schläge peitschten das Wasser, ein Klatschen und Gurgeln erfüllte die Luft, ein Tropfenregen überschüttete das Boot, und wie im innersten Grunde aufgewühlt, tobte das Meer.

Die Matrosen hatten ihre Schuldigkeit getan. Zwar tanzte das kleine Fahrzeug wie ein Kreisel auf den Wellen, aber dennoch schlug keine derselben über Bord; als sich das Wasser glättete, war von dem Raubfisch nichts mehr zu sehen. Jedenfalls stak er tot zwischen den zackigen Korallenästen im Grunde.

»Und jetzt heimwärts!« gebot Holm, der sich von dem richtigen Gang seiner Taschenuhr diesmal vorher überzeugt hatte. »Wir dürfen uns hier durch die Flut nicht überrumpeln lassen.«

Das Boot wurde zunächst zur Fouqué-Insel zurückgelenkt, dort noch der Leuchtturm besichtigt und dann der Dampfer wieder aufgesucht. Die Ausbeute an Schätzen für das Museum war eine ungewöhnlich reiche, die große Muschel allein ein unbezahlbarer Fund; aber als das Schiff an der Korallenbank vorüberfuhr, da sagten sich doch die drei jungen Leute, daß sie auf der Höhe derselben eine Nacht verlebt, deren Schauer ihnen ewig im Gedächtnis bleiben werde. Franz drückte lebhaft die Hand des Malagaschen. »Du bist doch ein guter Kerl. Rua-Roa,« sagte, er, »ohne die Erfrischungen, welche du uns brachtest, hätten wir die Anstrengung kaum überstehen können.«

Die Augen des Halbwilden leuchteten. »Ich habe dich lieb, Herr,« antwortete er, »darum kam ich. Wollen wir beide den Blutschwur tauschen, du und ich?«

Franz wurde aufmerksam. »Das sagtest du schon früher einmal, Freund,« versetzte er lebhaft. »Was ist damit?«

»Das sollst du erfahren, Herr!«

Und am Abend desselben Tages, als das Schiff im Hafen von Port St. Louis vor Anker lag, winkte er im Dunkel des Vorderraumes dem jungen Weißen. Seine Hand hielt zwei kleine Stücke Ingwerwurzel und ein scharfes Messer, mit dem er zunächst die Haut über dem eigenen Herzen ein wenig ritzte und dann in das hervorquellende Blut das eine Stückchen tauchte. »Iß!« sagte er leise, »und tue das Gleiche. Laß mich dein Blut kosten!«

Franz erschrak heimlich. Das war doch eine ganz heidnische Zeremonie.

Aber Rua-Roas Augen baten so beredt, der junge Mensch schien von der Heiligkeit dieses Bündnisses so durchdrungen, daß es grausam gewesen wäre, ihm da, wo er gläubig das Rechte, Gute vermeinte, ein halb komisches, halb sträfliches Heidentum vorzuwerfen. Zudem erinnerte sich jetzt Franz, daß die eingebornen Hovas von Madagaskar den Blutschwur ausschließlich mit ihren vertrautesten Freunden tauschen, und daß der, welcher ihn etwa bräche, als ehrlos gelten würde; er verschluckte daher ohne Widerrede die duftende, mit dem Blute seines neuen Bruders getränkte Wurzel und ließ aus der Haut über seinem Herzen die roten Tropfen hervorquellen, um damit das andere Stück zu befeuchten. Rua-Roa streckte, als er es gegessen, beide Hände aus. »Dein Wille gehört seit dieser Stunde mir, Herr,« sagte er halblaut in beschwörendem, feierlichem Tone, »und der meinige dir. Wir können nichts tun, einer ohne den anderen, kein dritter kann zwischen uns treten, keine Macht kann das Blutband lösen. Schwöre, daß du niemand verraten willst, was in dieser Stunde geschehen.«

Franz hob die Hand zum nächtlichen Himmel empor. »Bei Gott!« sagte er leise, selbst wider seinen Willen erfaßt von der geheimnisvollen Feierlichkeit in dem Wesen des Malagaschen. »Bei Gott, Rua-Roa, ich schwöre es dir!«

Der Halbwilde nahm die Hand seines Freundes und legte sie sich auf den Kopf, während umgekehrt seine Rechte Franzens Scheitel berührte. »Ich danke dir,« sagte er innig, »du hast deinem Sklaven viel geschenkt, aber er wird sich dessen würdig zeigen.«

Franz fühlte eine eigentümliche Beklommenheit. Das war so etwas wie Zauberei oder eine Art von abergläubischem Unsinn; er gratulierte sich, daß es ein Geheimnis bleiben sollte. Wenn sein Erzieher davon erfahren hätte, so würde ihm ein scharfer Tadel sicher gewesen sein. Rua-Roa sollte womöglich auf den Samoa-Inseln von den dortigen Missionaren getauft und in die christliche Kirche aufgenommen werden; er durfte also den heidnischen Brauch seiner Heimat nicht im Herzen festhalten, Franz durfte ihn darin nicht bestärken, aber doch ließ er sich von der Macht des Geheimnisvollen überwältigen; der Eid war geleistet und verlangte nun strenge Heilighaltung.

Mit einem Händedruck trennten sich die beiden jungen Leute, nicht ahnend, welche schwerwiegenden Folgen das seltsame, dem Malagaschen hochfeierliche Spiel dieses Abends späterhin nach sich ziehen sollte.

Doch greifen wir den Ereignissen nicht vor.

Am anderen Tage wurde die Stadt St. Louis besehen, Einkäufe aller Art besorgt und ein Ausflug ins Innere der Insel gemacht, um dort den Bambu-Pik zu ersteigen. Auf dieser Tour füllten sich die Botanisiertrommeln mit vielen bis dahin noch nicht angetroffenen Pflanzen, namentlich einer Phönixart mit roten, prachtvollen Trauben, Mimosen mit scharlachnen, gelben und hellgrünen Blüten und vielen ausgezeichneten Kasuarinen; auch von den beiden hier angesiedelten, ursprünglich amerikanischen Bäumen, der Kampesche und der Agave, wurden Zweige gepflückt. In den Gärten gedieh die wohlriechende Vanille; ganze Felder von Zuckerrohr boten sich dem Blick; Tamarinden bildeten lange, schattige Alleen; aber Getreide wurde nirgends gebaut. Der Bambu-Pik selbst zeigte sich als roter, stellenweise in das schwärzliche hinüberspielende Basalt, dem aller Baumwuchs fehlte, der aber mit dem schönsten, üppigsten Gras bedeckt war. In den Tälern weidete hier und da ein vereinzelter Hirsch, andere Tiergattungen fanden sich jedoch nicht vor; die Übervölkerung der Insel hat sämtliche vorhandene Arten dem Untergange schon längst preisgegeben; von den ursprünglich in den Wäldern angetroffenen Wildschweinen findet sich kein einziges mehr, ebensowenig Schildkröten oder jener große ausgerottete Vogel, die Dronte, der hier auf Mauritius »Dodo« heißt, und von dem man überall nur noch Knochen besitzt, aber nirgend ein lebendes Exemplar. Die Aussicht von der Höhe des Bambu-Pik war entzückend schön, obgleich der Charakter dieser ganzen Landschaft keineswegs etwas Großartiges oder gar Wildes besaß. Dörfer und stille, einsame, an Flüssen liegende Mühlen, reiche Gärten und Pflanzungen, dazwischen wenig Wald und über die ganze Insel hinlaufende Straßen, alles umsäumt von den tiefblauen Fluten des Indischen Ozeans, so zeigte sich das Gesamtbild, dessen Einzelheiten trotzdem manches Neue und Überraschende darboten, hier einen Käfer, dort eine Ranke oder ein Stück Erz und dann wieder einen bescheidenen Erdwurm, der sich nicht träumen ließ, daß er heute auf seinen Wanderungen einem raublustigen Feinde begegnen werde.

Ein Tag genügte, um diesen Ausflug zu beenden. Schon der nächstfolgende Mittag sah das Schiff wieder auf hohem Meere, der Insel Ceylon entgegendampfend. »Jetzt kommen wir abermals in die Gebiete wilder Völker und wilder reißender Tiere,« erläuterte Holm. »Da heißt es, die Sorglosigkeit der letzten Wochen abstreifen und bis an die Zähne bewaffnet sein Leben gegen feindliche Angriffe verteidigen. Wo denken Sie die Insel anzulaufen, Herr Kapitän?«

»Im Norden,« antwortete der alte Seemann. »Landen wir bei Trincomali oder Galle, so sind wochenlange beschwerliche Reisen notwendig, um in das Innere zu gelangen. Auf der Nordseite dagegen, in den großen Bergwäldern, hausen die Veddas; dort ist Tier- und Pflanzenleben sowie das der Bewohner noch ganz ursprünglich, – ich denke, Sie werden Ihre Zwecke in diesen Gegenden am besten erreichen, namentlich was die Jagd betrifft.«

»Für Waffen und Munition ist gesorgt,« versetzte Holm. »So können wir denn diesmal das Moschustier erlegen und den malabarischen Schakal.«

Die Knaben freuten sich der Aussicht auf die langentbehrte, aufregende Jagd. Sie erzählten dem Malagaschen so viel von den großen Raubtieren und den Pflanzenfressern, welche er nicht kannte, sie zeigten ihm so viele Bilder von Elefanten, Giraffen und Löwen, daß auch er anfing neugierig zu werden und nebenbei Lani-Lamehs Weisheit in Zweifel zu ziehen. Die Erde sei eine große, flache Scheibe, hatte auf Madagaskar der verschmitzte Zauberer seinen gläubigen Zuhörern eingeprägt, und die Insel selbst schwimme als Mittelpunkt des Ganzen in einem großen Wasser. Alles übrige sei wüstes Land, wo nur die Weißen wohnen, die nichts als Schiffe und Bücher besitzen und von Menschenfleisch leben. Franz zeigte dem Erstaunten einen Globus, erzählte ihm von der Kugelform der Erde, von ihrer Drehung und bezeichnete mit Stecknadeln Madagaskar, Mauritius und Ceylon. Dann ließ er ihn die Bilder großer europäischer Städte sehen und brachte es allmählich dahin, ihm sagen zu können, daß die »Hammonia« von Hamburg aus ihre Fahrt angetreten habe, um in die Heimat der Aufklärung und allgemeinen Bildung solche Schätze an Naturalien zurückzubringen, wie sie eben nur der tropische Süden besitzt, und wie sie nur gedacht werden können in einem Lande, wo noch Menschen und Tiere im ursprünglichen Wildheitszustande mit einander um die Herrschaft streiten. – Rua-Roa lauschte fast andächtig diesen Belehrungen seines jungen Freundes. Er ahnte nicht, daß für den weißen Knaben selbst bedeutend mehr als für ihn an Erkenntnis daraus hervorging. Franz dachte der Niederlassungen seines Vaters in der Südsee, und wie vielen Hunderten, ja Tausenden von armen Wilden das Haus Gottfried schon bürgerlichen Wohlstand und Erlösung aus der Nacht tiefster menschlicher Unwissenheit in ihre entlegene Inselheimat gebracht. Der Beruf des Kaufmannes war doch ein schöner, großer, war ein Zweig der hohepriesterlichen Sendung, welche nach Gottes Willen der Mensch dem Menschen gegenüber vollzieht, wo immer dem ärmeren Bruder die Hand gereicht und das Fackellicht der Gesittung in früheres Dunkel getragen wird.

Es sind eben der Wege so viele und der natürlichen Anlagen oder Neigungen so mannigfache; Missionar und Naturforscher brechen Bahn; sie bilden die Pioniere der Zivilisation; sie würden aber ganz ohnmächtig bleiben, wenn nicht der Kaufmann mit großen äußerlichen Mitteln nachkäme und den Gedanken bürgerlich geordneter, christlicher und menschenwürdiger Zustände durch Handel und Wandel zur Wirklichkeit erhöbe.

Es war gewiß, daß Franz nicht mehr beabsichtigte, seinem Bruder dereinst den Thron des väterlichen Kontors allein zu überlassen und selbst fortwährend die Welt zu bereisen; im Gegenteil freute er sich mehr denn je auf die persönliche Kenntnis der Samoa-Inseln und spann schon jetzt weitaussehende Pläne, träumte von Schöpfungen, die erst in fernen Jahrzehnten das Licht des Daseins erblicken konnten.

Rua-Roa lernte emsig. Außer seinen regelmäßigen Unterrichtsstunden widmete er sich mit der ganzen Wißbegier eines aufgeweckten Kopfes allen solchen Dingen, die in einem zivilisierten Lande dem Kinde gleichsam unmerklich, mühelos bekannt werden, und Franz war auf allen diesen Gebieten sein treuer Führer. Die Mühe blieb aber auch nicht ohne Lohn; Rua-Roa, nachdem er erfahren, daß das Katzengeschlecht über die ganze Welt verbreitet ist, und daß es so vielfach der Stellung des verhätschelten Lieblingstieres gewürdigt wird, – Rua-Roa nahm eines Tages Murr auf den Arm und schloß Frieden mit dem alten Rattenbesieger, der schon lange Jahre auf anderen Schiffen nach allen Teilen unserer Erde mit Kapitän und Steuermann Reisen gemacht und dem Leben am Lande ganz fremd geworden war. Auch daß seine Amulette als Kuriosität in das Museum wandern würden, und daß der weiße Hahn – eben ein Hahn war wie alle übrigen auch, wußte und erfuhr der Gelbe, aber die Erkenntnis wurde ihm nicht aufgedrängt, und zugleich mit dem besseren Verstehen kam über seine Seele jene Gewißheit des Christen, daß, wenn auch nichts Irdisches ein guter oder böser Geist oder gar übernatürlicher Kräfte fähig ist, so doch selbst das niederste Wesen zum Werkzeuge Gottes wird. Der weiße Hahn hatte durch seine Nähe die augenblickliche Vollstreckung des Todesurteils erfolgreich verhindert, Rua-Roa lernte aber jetzt erst, daß nur dem göttlichen Willen, nicht dem Werkzeug desselben, der Dank des Menschen dargebracht werden darf.

Während der Fahrt gab es hinreichende Arbeit für die jungen Forscher. Denn auf den Felsriffen und in den kleinen flachen Binnenseen, welche die Koralleninseln bildeten, war eine reiche Beute gesammelt, die zum Versand präpariert werden mußte. Die Seeigel und Seesterne hielten sich in einer großen Bütte, die mehrere Male des Tages mit frischem Seewasser gefüllt wurde, in Gesellschaft der Seerosen und vieler Krebse am Leben, und deshalb gelangten zuerst die Schnecken und Muscheln zur Präparierung, von denen einige bereits einen unangenehmen Verwesungsgeruch aushauchten.

»Von den Schnecken gebrauchen wir die Schale und die – Zunge,« sagte Holm, »das übrige Tier ist nur ein unangenehmer Ballast.«

»Die Zunge?« fragte Hans.

»Jawohl,« antwortete Holm, »die Zunge, diese ist das einzige feste Organ im Schneckenleibe. Sie besteht aus derselben harten Masse, die den Panzer der Käfer und anderer Insekten bildet und ist mit vielen Reihen eigentümlicher Zähne besetzt, mit denen sie die Pflanzenstoffe zerreibt, von denen sie sich nährt. Die Schneckenzungen sind sehr verschieden gestaltet, aber die zu einer Gattung gehörenden Arten besitzen in der Zungenbildung stets große Ähnlichkeit, wenn ihre Gehäuse in Farbe, Form und Zeichnung auch noch so sehr von einander abweichen. Die Zungen dienen daher zur Feststellung der einzelnen Arten und sind den Zoologen, welche sich vorzugsweise mit dem Studium der Konchylien beschäftigen, außerordentlich wichtig.«

Die gesammelten Schnecken wurden mitten auf den Tisch geschüttet, alle setzten sich um denselben, auch der Doktor, der eine Pfeife angezündet hatte, um den üblen Geruch der bereits faulenden Meertiere zu mildern. Holm nahm nun eine der Schnecken und zeigte den Knaben, wie man mit einem krummen kleinen Haken aus Eisen im stande sei, den weichen Körper der Schnecken aus ihrem Gehäuse herauszuziehen, wozu freilich Geduld und Geschicklichkeit gehörte, denn er saß oft sehr fest in den engen Windungen der Schale. Sobald der Schneckenkörper frei dalag, machte Holm mit einem scharfen Messer, dem sogenannten Skalpell, einen Einschnitt in den vorderen Teil desselben und konnte dann nach einigem Suchen mittels einer feinen Pinzette einen länglichen, ziemlich zähen Gegenstand herausziehen – die gewünschte Zunge. Nachdem dieselbe in einer kleinen, mit Spiritus gefüllten Schale abgespült worden war, wurde sie in ein Stückchen Papier gewickelt und in das mittlerweile gereinigte und ausgespülte Schneckenhaus gesteckt, das ebenfalls in Papier gewickelt wurde. So kamen denn stets die wichtigsten Teile, Schneckenhaus und Schneckenzunge, zusammen, und eine Verwechselung konnte später nicht möglich sein.

Als sie unter den Schnecken ein schönes Exemplar der Purpurschnecke fanden, sagte Holm: »Nun werde ich euch eine sehr schöne Zunge unter dem Mikroskop zeigen.« Er legte die dem Schneckenkörper entnommene Zunge auf den uns bereits bekannten Objektträger, brachte einen Tropfen Wasser auf dieselbe und bedeckte sie mit einem Deckgläschen, das er sanft preßte, um die Zunge etwas breit zu drücken. Die Knaben waren erstaunt, als sie bei einer zweihundertfachen Vergrößerung die spitzen Zähne dieser Zunge erblickten und die Regelmäßigkeit wahrnahmen, mit welcher dieselben sich aneinander reihen. Um ihnen den Unterschied zwischen den einzelnen Formen zu zeigen, präparierte Holm in gleicher Weise die Zunge einer Strandschnecke (Litorina). Hier waren die Zähne weniger spitz, dagegen rundlicher geformt als bei der Purpurschnecke, aus der bereits die Phöniker den blauroten Farbstoff gewannen, mit dem sie die berühmten Purpurgewänder färbten.

Da die Zunge der Strandschnecke in natura um vieles größer war, als die Zunge der kleineren Purpurschnecke, so mußte bei gleicher Vergrößerung das mikroskopische Bild derselben auch bedeutend umfangreicher erscheinen.

Nachdem die Schnecken in der angegebenen Weise präpariert, eingewickelt und fest in eine Kiste gepackt und auf einem Zettel die Fundorte bemerkt worden waren, versah Holm das Kollo mit der Adresse, und bei nächster Gelegenheit konnten diese Schätze abgesandt werden.

»Ein wahres Glück, daß diese Arbeit vorüber ist,« meinte der Doktor, »meine Geruchsnerven haben kein besonderes Gaudium daran gehabt.«

»Unsere Nasen haben sich bald daran gewöhnt,« rief Franz. »Einem Naturforscher darf es auf solche Kleinigkeiten nicht ankommen.«

Nun galt es, die Seesterne und Seeigel zu konservieren. Aus dem Raum wurden große Glashafen mit eingeschliffenem, breiten Stöpsel gebracht, in denen sich Baumwolle in Gestalt von Watte befand. Diese wurde herausgenommen, dann schichtete Holm abwechselnd Watte und Seeigel in dem Glashafen auf, damit die Geschöpfe mit ihren zerbrechlichen Stacheln, die oft den Durchmesser des Rumpfes um das vierfache übertrafen, unbeschädigt blieben. Als dies geschehen, füllte er den Hafen mit starkem Spiritus, setzte den Stöpsel ein und verband denselben mit angefeuchteter Blase, um das Verdampfen des Spiritus zu verhüten. In derselben Weise wurde mit den Seesternen und den vielen Krabben- und Krebsarten verfahren.

»Aha,« sagte Hans, »nun begreife ich auch, warum der Affe teilweise Rum erhielt, denn ohne diese Vorsichtsmaßregel hätten wir nicht genügend Spiritus gehabt, und diese prachtvollen Naturalien wären uns verdorben.«

»Man kann eben nicht haushälterisch genug mit solchen Dingen sein, die in der Wildnis gar nicht zu erlangen sind,« entgegnete Holm. »Unsere Reise würde nur zur Hälfte ihren Zweck erfüllen, wenn wir nicht im stande wären, die gesammelten Seltenheiten zu konservieren.«

Holm zeigte den Knaben die merkwürdigen Greiffüße der Seeigel unter dem Mikroskop. Diese Füßchen gleichen kleinen, inwendig gezähnten Dreizacken und sitzen auf der kugelförmigen Oberfläche der Seeigel in großer Anzahl. Faßt nun ein solcher Greiffuß ein winzig kleines lebendes Wesen, so gibt er es seinem Kollegen, der es wieder weiter gibt, wie ein Eimer in der Kette der Löschmannschaften von Hand zu Hand geht, bis es von Fuß zu Fuß nach dem an der Unterseite des Tieres liegenden Mund gelangt, in den es als gute Beute spaziert. Man kennt von den Seeigeln über 200 lebende Arten und gegen 1500 Arten versteinerter aus früheren Perioden unserer Erde. Oft werden dieselben im Sande, namentlich aber in der Kreide gefunden.

Aus der großen Riesenmuschel, der Tridacee, wurde der weiche Körper ausgelöst, wie eine Auster aus ihrer Schale. Da sie fest und unzerbrechlich war, wurde sie im Raum der »Hammonia« festgestaut, wie jedes andere Kollo; ihretwegen brauchte sich niemand Sorge zu machen.

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