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Das Naturforscherschiff

Sophie Wörishöffer: Das Naturforscherschiff - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Wörishöffer
titleDas Naturforscherschiff
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1941
printrunVierzehnte Auflage
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20070530
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Viertes Kapitel

Nach Fernando Po. Die Quelle. Im Zyklon. Der Hai. Nach der Kapstadt. Mazembas Kraal. Nach dem Kaffernlande. Die Zwergmakis. Die Buschmänner. Überfall der Kaffern. Die Belagerung. Der Tod des Retters. Zur Kapstadt zurück.

—————

 

Beladen mit Schätzen an Blumen und Pflanzen, an Insekten aller Art, die Botanisierkapseln und Ledertaschen gefüllt bis zum Rande, so hatte sich die kleine Karawane auf der »Hammonia« wieder eingefunden, und jetzt dampfte man den Inseln an der Küste des Guineabusens entgegen. Hier in diesem ungesundesten aller existierenden Klimate, hier, wo die leichteste Hautabschürfung, ja ein Nadelstich schon binnen weniger Stunden bis zum bösartigsten Geschwür fortschreitet, war ein längerer Besuch freilich nicht in Aussicht genommen, überhaupt sollten nur die bedeutenderen der fünf Inseln besehen werden, nämlich Fernando Po und die Prinzeninsel.

.

Der Zug nach Mazembas Kral

Die Knaben mußten nach den ersten Rasttagen während dieser Überfahrt tüchtig Botanik und Geographie treiben, daneben aber genossen sie alle die Reize der angenehmen, vom besten Wetter begünstigten Reise, die an jedem Tage neue Abwechselung darbot. Das Meer war hier eine Fundgrube nimmer gesehener Kostbarkeiten, es brachte Unterhaltung und Belehrung zugleich, namentlich da seine blaue Oberfläche in dieser starken Entfernung vom Lande einen Durchblick bis zur Tiefe von etwa fünfzehn Metern überall gestattete, und daher die stummen Bewohner des Wasserreiches deutlich zu erkennen waren.

Große, formlose, häßliche Sepien, mit allen Fangarmen rudernd, grau und unheimlich in ihrer Kopflosigkeit, mit weitem, immer offenen und nur zum Saugen eingerichteten Mund, – die umfangreichsten, gefährlichsten aller Polypen, schwammen träge durch die Tiefe dahin und hielten in ihren zahllosen Armen alles fest, was sie erreichen konnten; der Hai mit seinem Adjutanten, einem kleinen, schlankgebauten, kaum einen halben Meter langen Fischchen umschnupperte zuweilen das Schiff; fliegende Fische tummelten sich in der Luft und fielen auf das Verdeck; selten auch zeigte sich ein riesiger Wal mit allen den schmarotzenden Bewohnern, welche sein stattlicher Rücken jahraus jahrein beherbergt; seltener noch ein besonders fremdartig gebauter, kleinerer Fisch; zu Hunderten und Tausenden dagegen die blauen, rundlichen Polypen, deren Züge oft stundenlang das Meer durchfurchten, und denen wieder eine größere gelbe oder violette Art folgte, die sich von den blauen ernährte, deren häßliche Saugwerkzeuge daher blau gefärbt erschienen.

Einmal bei ganz stillem Wetter sahen die Knaben neben dem Schiff eine purpurrote Kugel von der Größe einer ausgewachsenen Kokosnuß mit einem himmelblauen, gefalteten Kragen und über einen Meter langen Fangarmen vom schönsten Rosa. Die Qualle schwamm, ob auch andrängende Wellen sie zu überschütten drohten, immer auf dem Kamm derselben, einsam im ganzen Glanze einer wunderbar fesselnden Schönheit. Weit und breit ohne ein Wesen gleicher Art, gewährte ihr Erscheinen auf der Oberfläche des unendlichen Meeres den einzigen Ruhepunkt für das Auge, zugleich aber auch ein Bild, das anziehend genug war, um die Aufmerksamkeit der Beschauenden im höchsten Maße zu fesseln.

»Papa Witt!« rief Franz, »schnell, schnell, können wir das Ding nicht einfangen?«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Das ist eine Seifenblase,« antwortete er halb ernsthaft, halb lächelnd, »gerade wie das Glück – erfaßt du es, so bleibt von all diesem Glanze nur ein graues, zerstäubendes Etwas!«

»Man kann also die bunten Quallen niemals aus der Nähe besehen?«

»O doch, dann aber muß man sie mit einem Eimer oder anderen größeren Gefäß herausschöpfen, und das ist bei voller Fahrt unmöglich.«

»Papa Witt, könnte denn nicht das Schiff stoppen?«

»Lauf,« lächelte der Alte, »lauf und frage, Junge.«

Franz stürmte fort und hatte zwei Minuten später alles an Deck versammelt, den Kapitän, den Doktor, Holm und Hans. Ein Stück seiner Garderobe flog dem andern nach, er holte unter allgemeiner Heiterkeit ein starkes Seil herbei und ließ sich vom Koch einen leichten Blecheimer geben. »So, wenn nun das Schiff still liegt, laßt mich nur über Bord springen,« rief er. »Einen Hai würdet ihr ja rechtzeitig sehen können, und vor dem Ertrinken habt keine Furcht. Ich schwimme wie ein Fisch. »Jetzt also – paßt auf!«

»Berühre die Qualle nicht, Franz!« lachte Holm.

»Sie beißt dich, Junge!« rief der alte Witt. »Du denkst noch tagelang an ihre Nesseln, wenn sie dich erfassen sollte.«

»Franz,« fügte halb ängstlich der Doktor hinzu, »du müßtest dergleichen Wagestücke doch unterlassen. Bedenke –«

Aber da plätscherte der Junge schon im Salzwasser, die Schaumperlen rollten über seinen Körper dahin, die Woge hob und senkte den kecken Schwimmer. »Springen Sie mir nach, Doktor,« rief er lustig, »es ist viel kühler hier unten, als auf dem Verdeck.«

Der alte Theologe hielt, um desto genauer über den Schiffsrand hinweg in die Tiefe sehen zu können, vorsichtig mit beiden Händen die dritte der bewußten sechs Brillen fest. »Ich?« wiederholte er erschreckt, »du bist ein Erzspitzbube, aber man kann dir trotzdem nicht böse werden. Gib nur acht auf deine Sicherheit.«

Die purpurne Qualle war während dieser Worte dem Knaben entgegengeschwommen. Es schien wirklich schwer, dies kugelförmige Geschöpf für mehr als eine bloße Pflanze zu halten, dennoch aber zeigte das beständige Tasten der Fangarme jenen Zustand teilweisen Lebens, der das Polypengeschlecht zur »Übergangsstation« macht, wie Professor Schleiden es nennt, »zu einer Entwicklungsstufe, die das Tier- und Pflanzenreich verbindet.« Nur Magen besitzt die sonderbare Gattung, keinen Kopf, mithin auch nur einen der an lebenden Wesen gefundenen fünf Sinne, den Tastsinn, und daneben einen breiten, lippenlosen Mund. Einzelne Spielarten sind häßlich, andere sehr farbenreich, besonders die in den tropischen Meeren lebenden.

Franz nahte mit des Kochs großem Blecheimer. Sechsmal und zehnmal hob er ihn mit schnellem Ruck über die Oberfläche, immer aber schaukelte sich die Qualle unbekümmert auf den Wellen, während unser Freund lediglich Salzwasser eingefangen hatte. Ob er noch so sicher glaubte, jetzt das bunte Ding erwischt zu haben, in der nächsten Sekunde lagen wieder einige Schritte Entfernung zwischen ihm und seiner Jagdbeute. – Die übrigen lachten natürlich, dadurch aber steigerte sich der geheime Ärger, welcher den Knaben schon vorher erfaßt hatte, zum Zorn. Schließlich aber sah er ein, daß er nur mit Besonnenheit zum Ziel gelangen könnte. Listig schob er den Eimer seitwärts unter die Qualle. Ein lautes Hurra meldete den anderen den glücklichen Fang. »Na! Na!« brummte der alte Witt, »sind das Streiche. Holt ihn ein, Jungens, aber rasch. Koch, eine Bütte voll Salzwasser an Deck.«

Seine Befehle wurden schleunig ausgeführt. Ein paar Minuten später befand sich der unerschrockene Knabe wieder in der Mitte der anderen, der alte Steuermann selbst setzte die Qualle in das Messinggefäß und das Schiff nahm die Fahrt wieder auf. Franz hatte viele Neckereien zu ertragen. Obwohl ihn aber die roten Striemen, welche das Seil an dem unbekleideten Körper zurückgelassen, heftig schmerzten, so lachte er doch darüber und ließ sich von seinem Bruder helfen, die abgeworfenen Kleidungsstücke wieder anzulegen. Mit stolzen Blicken kniete er vor der Bütte, worin das gefährliche Halbtier schwamm. Es war im Zustande vollen Lebens erhalten, die drei verschiedenen Farben glühten so prächtig wie draußen auf dem Meer, nur schienen seine Tentakeln, wie diese Fangarme heißen, etwas unruhiger zu tasten. Überall, wo sie gegen das Holz der Bütte stießen, zogen sie sich plötzlich gegen den Körper zurück.

»Diese Glieder wachsen, wenn man sie abschlägt, wieder nach,« erläuterte Holm, »später werden wir, gefällt's Gott, sogar im Großen Ozean Polypen sehen, deren aus Hunderte von Körperchen bestehende Familie nur eine Mundöffnung und einen Magen besitzt. An dem Burschen hier, der dir so viele Mühe machte, soll das Todesurteil vollzogen werden, nicht wahr, Franz?«

Unser Freund lachte etwas gezwungen. »Nicht meinetwegen, Karl, aber damit man einmal diese Geschöpfe genau kennen lernt.«

Der Koch brachte einen großen Rührlöffel und Holm hob vorsichtig das Tier heraus, um es in eine leere Bütte zu legen Augenblicklich verschwanden die prachtvollen Farben, es ging stufenweise abnehmend alles über in ein fahles Grau, und die Fangarme verloren ihre Fortbewegungskraft. Als Holm einen derselben ergriff, blieb in seiner Hand eine gallertartige, zerrinnende Masse, die höchst unangenehm festklebte. Das Halbtier zerging ohne irgend eine äußere Verletzung, ohne wahrnehmbares Sterben in kurzer Zeit zu formlosem Schleim.

»Sagte ich es nicht,« nickte der alte Witt, »eine Seifenblase.«

»Dort schwimmen mehrere,« rief Franz, – »wie hübsch doch die Dinger in so weiter Entfernung aussehen, wie schade, daß wir diesen Anblick nicht auch unseren Freunden in der Heimat ermöglichen können. Diese Geschöpfe lassen sich ja nicht transportieren, wie wir uns eben selbst überzeugt haben.«

»Und wegen dieser buntschillernden Quallen eine gefährliche Reise anzutreten, ist nicht jedermanns Sache,« sagte Doktor Bolten. »Was nützten mir auch alle Wunder und Schönheiten der Natur, wenn die Wilden meine letzte Brille gestohlen hätten. Ein wahres Glück, daß ich noch ein Paar Augengläser habe, andernfalls wäre es einerlei, ob ich hier wäre oder in Dockenhude.«

Alle lachten über den Doktor, der die letzten Worte in einem etwas kläglichen Tone gesprochen hatte. Dann fragte Holm: »Wie würden wir es wohl anfangen, um auch unseren Landsleuten daheim eine Vorstellung von der Farbenpracht und dem Aussehen solcher Geschöpfe zu geben, die im Tode ihre Schönheit verlieren? Viele farbenprächtige Fische büßen, sobald sie sterben, ihren Glanz und Farbenzauber ein, wie z. B. die blau und rot schillernde Meerbarbe, die schon den alten Römern als Delikatesse bei ihren Schwelgereien galt. Ja die Meerbarbe wurde sogar vor den Augen der Gäste getötet, die sich an dem wechselnden Farbenspiel, welches das Tier beim Sterben zeigt, ergötzten. Wer von euch,« wandte er sich wieder zu den Knaben, »kann mir nun sagen, auf welche Weise es möglich ist, das Vergängliche für die Mit- und Nachwelt aufzubewahren?«

Die Knaben sannen nach. »Man setzt die Quallen und Fische in ein Aquarium,« rief Hans.

»Das wäre ein Ausweg,« entgegnete Holm, »der wohl für einzelne Fälle, aber nicht für alle passen würde. So lebte früher, gegen das Ende des sechzehnten Jahrhunderts, auf der Insel Mauritius eine Art von großen, unbeholfenen Vögeln – die Dronte – die nunmehr ganz ausgestorben ist. Wir würden gar keine Kenntnis von der Gestalt dieses merkwürdigen Vogels haben, wenn nicht ein damals lebend nach London geschickter Dronte von einem Maler – porträtiert worden wäre.«

»Ich hab's,« rief Franz, »man muß solche Gegenstände, die sich nicht erhalten und transportieren lassen, naturgetreu zeichnen und malen.«

»Ganz recht,« bestätigte Holm, »und deshalb habe ich auch einen Tuschkasten mit den feinsten Farben und alles zum Zeichnen und Malen Erforderliche vorsorglich mitgenommen. Später werden wir auch besonders interessante und wichtige Landschaften, Bäume, Felsen, Wohnungen der Wilden und diese selbst mittels eines photographischen Apparates aufnehmen, der uns nachgesandt werden wird.«

»Und wenn unsere Zeichnungen und Abbildungen gut ausfallen, finden sie Platz in naturwissenschaftlichen Werken,« rief Franz voll Freude, »ich hätte Lust, jetzt gleich eine zweite Qualle zu fangen und sie zu konterfeien in Form und Farbe.« Er ging rasch zu Papa Witt, um ihn von seinem Vorhaben in Kenntnis zu setzen.

Der Alte schüttelte den Kopf und antwortete nicht.

»Sind Sie ungehalten über mich, Papa Witt?« fragte Franz.

Dieser aber blickte den Knaben ernst an und ging zum Kapitän, der den alten Steuermann zu sich winkte.

Die Blicke beider Männer begegneten sich, und eine halblaute Unterhaltung in plattdeutscher Sprache zeigte, daß der gleiche Gedanke den einen wie den anderen beherrschte. »Stüürmann,« sagte der Kapitän, »wie krigt noch watt!«

Der Angeredete nickte. »Weet wull, Kaptein.«

Und damit waren die Verhandlungen beendet. Obgleich weder Passagiere noch Mannschaft irgend etwas Verdächtiges bemerkt hatten, sahen sie doch, daß ein Ereignis im Anzuge sein mußte; sämtliche Segel wurden eingezogen und nur die großen Sturmsegel gesetzt, alle kleineren Gegenstände von Deck entfernt, die Luken verschlossen und das Feuer ausgelöscht. Bleierne Windstille lag auf der ganzen Umgebung, nur zuweilen flog gleichsam vorüberhuschend ein gewaltiger Stoß über das Wasser daher, und im Nordosten zuckten ferne Blitze. Seltsam war das plötzliche immer wiederkehrende Wechseln aller Erscheinungen. In diesem Augenblicke regnete es stark, im nächsten heiterer Himmel; jetzt neigte sich das Schiff, vom Stoß erfaßt, zur Seite, als wolle es stürzen, und dann wieder schien jede Bewegung der Luftmassen erstarrt. Die Maschine wurde mittlerweile tüchtig geheizt und das Steuer so gedreht, daß die »Hammonia« ihren Kurs nach Nordosten nahm.

Und nun brach es herein, schrecklich und schön zugleich, weit großartiger, erhabener, als sich's menschliche Einbildungskraft ausmalen könnte. All der Farbenreichtum, der Glanz und die Fülle des südlichen Erdteiles trat auch hier im Toben der Elemente zu Tage. Blitz folgte auf Blitz, sein prachtvollstes Glühen aber erlosch neben dem des elektrischen Feuers, das in ganzen Garben überall explodierte. Glitzernde Meteore fielen vom Himmel in das schäumende, kochende Meer hinein; der Sturm brüllte, der Donner ging über in ununterbrochenes Getöse. Spritzwasser schlug in Wellen auf das Verdeck, und fast völlige Dunkelheit brach herein.

Franz versuchte es, hinauszutreten, seine unerschrockene Seele wollte den Kampf mit den entfesselten Urkräften der Erde nicht allein dem Schiffsvolk überlassen, er wünschte selbst Hand anzulegen und für sein und aller Leben zu streiten; aber das erwies sich als unausführbar. Es war ihm nicht möglich, festen Fuß zu fassen, er konnte weder atmen noch sprechen, die dünne Leinenjacke flog in Fetzen davon. Holms kräftige Arme zogen ihn auch schon wieder zurück in den Vorraum der Kajütte hinab. »Willst du über Bord gefegt werden, Junge? Da können Unerfahrene wie du und ich nichts nützen.«

In diesem Augenblick erschien der Kapitän, um den verlorenen »Südwester« mit einem anderen zu vertauschen und dabei seiner Reisegesellschaft etwas Mut einzuflößen. »Wir sind in einer Viertelstunde, so Gott will, hindurch, meine Herren,« rief er. »Ich habe die beste Hoffnung.«

»Hindurch?« wiederholte Doktor Bolten, »das verstehe ich nicht.«

Holm nickte. »Es ist also ein Wirbelsturm,« antwortete er, »ich dachte mir's gleich. Der Kapitän will die äußerste Grenze des Halbkreises erreichen.«

Jetzt aber war für Erläuterungen keine Zeit, keine Ruhe vorhanden. Einer nach dem andern trat an das Kajüttfenster oder unter das Glasdach der größeren in der Mitte liegenden Wohnkajütte. Hierher konnten allerdings die Wogen nicht gelangen, aber desto mehr sah man vom Himmel, an dem es wie mit tausend Brillantfeuern leuchtete. Schon nach wenigen Minuten war aus den seitwärts belegenen Fenstern nichts mehr zu sehen.

Ganze Berge von Wasser hoben und drehten das Schiff, Schaumwolken verhüllten alle Aussicht, das Getöse des Anpralls betäubte förmlich. Die kleine Gruppe stand, sich an dem stark befestigten Speisetisch haltend, bei einander im Salon, dessen verglaste Decke einen freien Aufblick ermöglichte. Grünlich und violett zuckte es herab, sturmgepeitscht, von Flammen überall umgeben, als ob Erde und Himmel in Brand geraten, so loderten die Gluten.

Zuweilen lag das Schiff dermaßen auf einer Seite, daß es den Anschein hatte, als ob Sofas und Bilder an den Wänden über den Köpfen schwebten, – einer sah den anderen an, die Herzschläge setzten aus, die Gedanken traten als ein »Gott erbarme sich!« unwillkürlich auf die Lippen, – und dann ging es wie ein Knarren, ein Ächzen durch das Eisenwerk, langsam kehrte der kräftige Bau zum gewohnten Halt zurück, nochmals hatte des Todes Flügelschlag nur gestreift, aber nicht getroffen.

»Sonderbar,« flüsterte Franz, »ich habe doch bei den Gallinas und wohl auch während unseres Nachtaufenthaltes im unbeschützten Walde der Vernichtung Aug' im Auge gegenübergestanden, ganz wie jetzt, aber die Ruhe, welche ich trotz dieser Gefahr empfinde, fehlte damals, – woher doch der auffallende Unterschied?«

Der alte Theologe legte die Hand auf seines Zöglings Schulter, »Das ist die Ehrfurcht, welche ein gewaltiges, erschütterndes Ereignis dem Menschenherzen abnötigt, mein Junge, das ist die Untätigkeit, wozu wir angesichts der Gefahr verurteilt sind, die uns ganz wehrlos in Gottes Hand legt. Du vertraust nicht mehr auf dich, also fühlst du auch keine Unruhe, – das ist das Geheimnis alles wahren Glaubens!«

Es wurde still in der reichgeschmückten Kajütte; niemand sprach mehr, nur die Stimme des Donners klang über das Wasser dahin, und der Sturm brauste wie Orgelklang dazwischen. Oben auf dem Verdeck arbeiteten die wackeren Hamburgischen Matrosen, deren eigene Sachkenntnis sie die Blicke und Bewegungen des Kapitäns verstehen zu lassen schien; wenigstens hätte keine menschliche Kraft ausgereicht, um in solchem Wetter vernehmlich zu sprechen, geschweige denn bestimmte Befehle zu geben. Einer der Schornsteine war verbogen wie ein geknickter Halm, ein Notmast über Bord gegangen, und von der Mannschaft fehlten zwei. Die beiden Türen der Kombüse, einander gegenüberliegend, waren herausgerissen und sämtlicher Inhalt des kleinen Raumes ins Meer gespült, kurz auf jedem Zollbreit Bodens zeigten sich die Spuren einer grauenvollen Verwüstung, eines Kampfes, dem nichts gewachsen war, was überhaupt losgerissen oder zerschlagen werden konnte.

Wieder trafen sich die Blicke des Kapitäns und des alten Steuermannes. Witt nickte, worauf sein Vorgesetzter in die Kajütte hinabging. »Gewonnen!« rief er, »obwohl es schwere Opfer gekostet hat. Jetzt ist die äußerste Grenze erreicht, der grimmige Feind muß uns seine Kraft dienstbar machen und die »Hammonia« mit verdoppelter Eile nach den Inseln im Guinea-Busen befördern.«

Holm versuchte es, dem Kapitän näher zu treten, wurde aber sogleich, nachdem er den schützenden Halt losgelassen, unsanft auf den Fußboden gesetzt und unter das Sofa gerollt. »Ein Zyklonenritt, nicht wahr?« fragte er von dort her.

Jetzt lachten alle. »Ein Zyklonenritt!« wiederholte der Kapitän. »Woher wissen denn Sie eingefleischte Landratte, der Sie nicht einmal »Seebeine« besitzen, was das Ding bedeuten will?«

Holm hatte sich mittlerweile wieder aufgerichtet. »Belehren Sie uns,« sagte er artig. »Sie haben die Sache praktisch kennen gelernt, ich habe sie studiert; einer kann also das Wissen des anderen ergänzen.«

»Demnächst, mein Freund. Jetzt kommen Sie mit mir an Deck, immer hübsch im Schutz eines niet- und nagelfesten Gegenstandes, und sehen Sie sich das Schauspiel im weiteren Umkreise an. Noch ein Viertelstündchen, dann hat es ausgetobt, der Himmel wird wieder im Sonnenglanz leuchten und nur ein starker, regelmäßiger Wind, dessen kreisförmige Richtung uns jetzt nicht mehr schaden kann, das Schiff wie im Fluge vor sich her treiben. Folgen Sie mir, meine Herren!«

Die ganze kleine Gesellschaft, mit Ölzeug und Südwester versehen, klomm an Deck. Man konnte es wirklich nur klimmen nennen, da jeder Anprall des Sturmes einen lebhaften Widerstand erforderte und kein Schritt ohne die Führung des quergespannten Seiles möglich war. Welch ein Anblick bot sich dem Auge! Erschütternd furchtbar und doch wieder großartiger als alle Schöpfungen der Kunst, ja selbst der entflammtesten Phantasie. Am Himmel alle Farben, vom glühenden Purpur bis zum weißen, elektrischen Licht, vom tiefsten Schwarz der Wetterwolke bis zum grün und gelb schillernden, rotumrandeten Zackenblitz, – unten im Meer die Schaummasse zu Bergen getürmt, von Klüften und Tälern durchschnitten, rollend und grollend, wie ein Raubtier aufspringend gegen die Eisenwände des Dampfers, gekrönt mit tausend weißen Perlenbogen und in seiner tieferen Mitte schwarz wie das Wasser des Höllenflusses dahingleitend, – so bot das Gesamtbild fortwährend neue Formen, so schien jedes einzelne das schönste und erhabenste im großen Ganzen.

Und doch war noch ein Schauspiel, seltener und fesselnder als alle vorigen, den Zuschauern vorbehalten. Aus einer dichten Wolke fiel in nächster Nähe eine riesige, purpurrote Feuerkugel so hoch herab, daß ihr Lauf bis zu der Meeresoberfläche deutlich verfolgt werden konnte. Je näher dem Ziele, desto mehr verstärkte sich die Schnelligkeit des Falles, desto heller wurde der Purpur, bis endlich auch dessen letzter Schimmer in Weiß überging, und die Kugelform allmählich unter der Gestalt eines Ovals verschwand. Als die Erscheinung fast neben dem Schiff das Meer berührte, spritzte sie auseinander wie geschmolzenes Blei, und eine Dampfsäule, schnell verziehend, bezeichnete das plötzliche Erglühen des getroffenen Wassers.

Der Kapitän nickte, als beantwortete er seine eigenen Gedanken. »Nun noch ein halbes Stündchen Gewitter ohne Sturm oder Regen, dann haben wir Ruhe. Gott sei den Schiffen gnädig, die jetzt im Mittelpunkt kämpfen.«

Es geschah wie er vorausgesagt. Der Aufruhr der Wogen legte sich, an Deck konnte einige Ordnung wieder hergestellt werden, das Feuer im Maschinenraum erlosch, und das Schiff flog vor dem Wind wie ein Vogel über die geglättete Fläche dahin. Immer noch zuckten Blitze, immer noch ging die See hoch, aber dennoch war alle Gefahr vorüber, und nun versammelte sich die Reisegesellschaft bei hellem Sonnenschein um eine Tasse Kaffee, die zwar stehend getrunken werden mußte, aber trotzdem nach der gehabten Aufregung vortrefflich mundete. »Solche Zyklonen, – auch Orkane, Taifune oder Hurrikane genannt – sind Wirbelwinde,« erläuterte der Kapitän. »Ganz dasselbe, was wir alle am Lande so oft gesehen haben, wenn vor einem Gewitter plötzlich die Luftmassen sich um ihre eigene Mitte drehen und irgend einen leichten, zufällig dort befindlichen Gegenstand aufheben oder weitertreiben. Der innerste hohle Raum der Wettersäule ist natürlich windstill, da aber die Bewegung in großer Eile fortschreitet, so ist eben diese Stelle die gefährlichste von allen; weil sich der stärkste Anprall darüber hinwälzt. Ein Schiff im Zentrum des Orkans ist meistens verloren, die Benutzung des äußersten Sturmrandes dagegen jetzt schon an Punkten eines häufigen Vorkommens desselben zu einer Art Verkehrseinrichtung geworden. Wer die Sache praktisch kennt und daneben zu denken versteht, kann auch dem Orkan rechtzeitig aus dem Wege gehen, d.h. seinen äußeren Rand erreichen.«

»Wie Sie soeben getan, nicht wahr, Herr Kapitän?«

»O weh – da bin ich unvorsätzlich mit dem Klingelbeutel gegangen. Aber wirklich ist dies nicht der erste Wirbelsturm, den Witt und ich mit einander bekämpfen. – Hole den Alten herunter, Franz, wir wollen unsere Rettung durch einen guten Trunk feiern; sag auch dem zweiten Steuermann, daß er ein paar Flaschen Sekt herausgibt und den Leuten eine tüchtige Extraration Grog zukommen läßt.«

Der Knabe sprang davon, um seinen Auftrag auszurichten; als aber die Gläser an einander klangen, da wurde doch die allgemeine Stimmung eine sehr ernste. Zwei Matrosen hatte der Sturm in den Wellen begraben, zwei trauernde Familien zuhause in Hamburg waren ihrer Söhne und Brüder beraubt; das trat erst jetzt, nun die Schrecken vorüber, mehr in den Vordergrund und verscheuchte die Heiterkeit. Auch vom Matrosenraum her erklang kein Singen und Lachen, wie es sonst bei Gelegenheit jeder Extraration von der immer gutgelaunten Schar angestimmt wird, der Kapitän hielt eine Ansprache, der noch Doktor Bolten einige ernste Worte beifügte, und dann wurde das sämtliche Eigentum der beiden Ertrunkenen fest versiegelt in die Kajütte gebracht, um mit der rückständigen Heuer an das nächste Hamburgische Konsulat abgeliefert zu werden. An diesem Tage kam keine rechte Unterhaltung mehr in Fluß, auch zum Arbeiten gelangte man nicht. In allen Ecken und Winkeln des Schiffes lagen ja die beweglichen Gegenstände über einander geschichtet; da mußte neu geordnet und aufgeräumt werden; das Verdeck glich einem Schlachtfelde. Die Fleisch- und Wasserfässer waren hinweggespült oder ihres Inhaltes beraubt worden, so daß sich der Kapitän Glück wünschte, mit beschleunigter Fahrt die Insel Fernando Po erreichen zu können.

Fernando Po läßt überall vulkanische Natur erkennen. Schon von weitem sahen die Reisenden den Pik gleichen Namens, welcher prachtvoll bewaldet in der Höhe von 3500 Fuß das Meer überragte; sowohl der Kapitän als auch Holm waren aber der Ansicht, daß ein Ersteigen dieses Berges wie überhaupt ein Aufenthalt von längerer Dauer ganz unmöglich sei. Die fünf Inseln im Guineabusen sind eben die ungesundesten Punkte des tropischen Klimas, weshalb auch Spanien die Insel Fernando Po als Deportationsort braucht. Das große Gefängnis sah wie ein dunkler Punkt aus der heiteren Umgebung hervor, mehrere Kirchen und Kapellen wurden bemerkbar, aber dennoch wohnen fast gar keine Europäer dort, weil die bösartigsten Hautkrankheiten fortwährend herrschen.

Ein Tierleben kennen die Inseln, soweit es Vierfüßler betrifft, fast gar nicht. Nur einige Affen leben auf den Bäumen, Schaltiere am Strande und außerdem verschiedene Vogelarten. Der Spaziergang war daher von keiner Gefahr bedroht, zumal die Eingebornen, die Aniyas, wie sie sich nennen, ein sehr scheuer, friedfertiger und verarmter Menschenschlag sind. Es lebt auf den zerstreuten Inseln nur eine verhältnismäßig sehr geringe Bevölkerung.

Aber schön wie im Paradiese war die Umgebung. Rauschende Wasserfälle stürzten sich über Felszacken herab, prachtvoll blühende tropische Pflanzen aller Art bedeckten die Ufer, und Höhlen und Gänge, tiefe Schluchten und schwindelnde Berghöhen entzückten das Auge. Die Knaben füllten ihre Botanisierkapseln mit den Blüten und Blättern großer Prachtlilien, des Papyrus, der Kommelinen, Datteln und der Killingia, sie sammelten ungestört Moose und Flechten, die duftigsten Kräuter, die verschiedensten Waldbeeren von schönem Purpur oder Hellrosa, – nur Menschen begegneten ihnen nicht.

»Gibt es denn hier keine Dörfer?« fragte Bolten den finster blickenden spanischen Führer. »Wird kein Feldbau betrieben?«

»Nichts!« war die Antwort. »In diesem Klima arbeitet niemand.«

»Ein trauriges Paradies!« setzte Holm hinzu. »Aber horch, ich glaube, es kommt jemand durch den Wald.«

»Das ist wohl möglich. Die Aniyas streifen überall herum und suchen Beeren.«

Wirklich erschien auch in diesem Augenblick die Gestalt eines Greises, der mit dem Weidenkorb am Arm Schwämme sammelte. Auf einen langen Stab gestützt, bot der Alte einen ebenso seltsamen als bedauernswerten Anblick. Ganz nackt, ohne jegliche Spur von Bekleidung, trug er auf dem Kopf ein korbartiges Gestell aus Weidengeflecht, über welches die grauen Haare nach allen Seiten hin künstlich zusammengedreht waren. Nadeln von Affenknochen, kranzartig gesteckt, hielten den Bau, und Schnüre von kleinen gelben Okerkugeln schlangen sich hindurch. Am Oberarm hatte der Mann ein hölzernes Stäbchen mit mehreren Schnüren befestigt, sonst war nicht einmal zum Schutz der nackten Füße irgend eine Vorrichtung getroffen, außerdem aber auch die Haut des ganzen Körpers mit einer Art Aussatz bedeckt.

Die Jammergestalt wollte schleunigst flüchten, aber auf Holms Wink ersuchte ihn der Führer noch zu bleiben und den Herren zu antworten. »Es soll dir kein Leides geschehen, Graukopf,« setzte er hinzu, »komm und sprich dreist.«

Der Wilde trat näher und bot den Fremden seine Schwämme. »Die Aniyas sind arm,« sagte er, »sie können den Weißen keine Gastfreundschaft darbringen; ihre Wohnungen bestehen aus einem Mooslager in der Felsenspalte und ihre Nahrung aus Waldfrüchten.«

Die wohlduftende Gabe wurde dankbar angenommen und dafür der Korb des Wilden mit Geschenken aller Art angefüllt. Holm fragte den Führer nach dem Grunde dieser auffallenden fast nirgends mehr gefundenen gänzlichen Nacktheit und erhielt zur Antwort, daß kein Eingeborner von Fernando Po jemals ein Kleidungsstück an sich dulden würde; vielfache Versuche in dieser Richtung seien bereits fehlgeschlagen, dagegen verwende man auf die Herstellung des Kopfschmuckes alle mögliche Sorgfalt. »Die Aniyas sind ein melancholisches Volk,« setzte er hinzu. »Der fortwährenden, hier heimischen Hautkrankheiten wegen glauben sie unter einem Banne zu stehen. Aber der Alte soll selbst erzählen.«

Und dann nach kurzer Rücksprache berichtete der Wilde folgende Tatsachen, die auf Fernando Po wie eine Art geschichtliche Überlieferung sowie eine Glaubenslehre gelten. »Die ersten Menschen lebten gesund und glücklich,« hieß es, »denn sie kannten noch nicht die Wohnung des großen Geistes, sie hatten noch nicht seinen Zorn herausgefordert und das Mißgeschick über ihre Häupter herabgerufen. Schwämme und Beeren, Wurzeln und Früchte boten die Wälder, die See lieferte Fische und Muscheln, die Kinder meines Volkes wußten nichts von Krankheit oder Hunger. Da verleiteten die bösen Mächte, die in den finsteren Erdtiefen wohnen, einstmals einen der Aniya-Jäger, einem voraneilenden Affen über Felsspalten und durch verworrene Schluchten zu folgen, bis endlich ein grauenvolles, nur von zuckenden Blitzen erhelltes Tal sich vor ihm auftat. Der Affe verschwand plötzlich, der Weg wurde enger und enger, sonderbares, unbekanntes Getier flog und kroch über die Felsspitzen, und aus dem Winkel hervor trat ein Riese von übermenschlicher Größe mit schweren Waffen und einer furchterregenden Stimme. ›Was vermissest du dich, mein Reich zu betreten, vorwitziger Mann!‹ rief er. ›Das sollst du mit dem Leben bezahlen.‹

»Der Aniya-Jäger, welcher nicht wußte, daß der große Geist in Gestalt eines Riesen vor ihm stand, bereitete sich zum Kampfe. Im Anfang des Ringens schien es, als ob der Bewohner der Höhle siegen werde, dann aber traf ihn ein Schlag von dem Jagdspeer des anderen und streckte ihn zu Boden. Er sah zu seiner Rettung nur noch einen Ausweg, nämlich den der List. ›Ich bin mächtig,‹ begann er, ›viel mächtiger als du glaubst, Mensch, ich kann alle deine Wünsche erfüllen. Wähle dir, was du zu besitzen verlangst, aber laß mich frei!‹

»Der Aniya erbat sich nun eine ewige, nie wechselnde Fruchtbarkeit des Bodens, einen heiteren Himmel und schöne Blumen; er wollte Jagdglück erringen und kräftige Muskeln behalten bis in das höchste Alter; – alles bewilligte ihm der Riese und mußte zuletzt auch den Felsen gebieten, sich zu öffnen und den Fremdling ziehen zu lassen. Sobald aber dieser die unheilvolle Grotte im Rücken hatte, ertönte hinter ihm ein spöttisches Lachen. ›Ha, ha, ha, deine Haut hast du vergessen, kurzsichtiger Tor! Fortan soll dich jede Stunde daran erinnern, daß du dem großen Geiste eine Beleidigung zugefügt. Zieh hin, das Kra-Kra wird von deinem Stamm nicht mehr weichen.‹

»Und so geschah es,« schloß der Alte. »Mein Volk ist bis auf diesen Tag nicht wieder erlöst von dem Zorn des großen Geistes. Das Kra-Kra überfällt jedes seiner Kinder.«

Der Führer hatte Wort für Wort diese ganze Rede übersetzt; er schüttelte den Kopf, als Doktor Bolten entrüstet einer solchen Auffassung von dem Wesen des großen Geistes entgegentreten wollte. »Das nützt nichts, meine Herren,« versicherte er, »sie glauben es alle, Männer und Frauen, wie sie denn auch alle an der schlimmen Hautkrankheit zu leiden haben. Dieser hier plagt sich augenscheinlich daneben auch noch mit dem berüchtigten Guineawurm. Sehen Sie, er haspelt ihn aus der Haut heraus.«

Der Wilde zeigte seinen Oberarm, an dem unter einer Schicht von gequetschten Blättern, da wo das Holz lag, ein kleines Geschwür zu Tage trat. Ein rot schillernder Faden, dünn wie Zwirn, war zum Teil um das Stäbchen gewickelt, zum Teil aber mußte er noch im Fleische stecken. »Der Guineawurm,« erläuterte der Führer. »Er kommt nur an der Goldküste und hier vor, also an den ungesundesten Stellen, und erregt da, wo er sich Eingang verschaffte, ein bösartiges Geschwür. Als unsichtbar kleine Milbe auf die Haut gelangt, wächst das schreckliche Tier im Fleische bis zur Länge von vier Metern, und zwar wie alle mit der Polypenfamilie verwandten Geschöpfe, indem es, etwa zerrissen oder durch äußere Gewalt halb von seinem Platze entfernt, trotzdem sich ergänzt und ungestört fortlebt. Welche Schmerzen es erregt, das läßt sich denken.«

»Und mit diesem Holze wickelt es der Mann heraus?« fragte Franz schaudernd.

»Ja, das heißt, sehr langsam, vielleicht kaum einen Zentimeter lang an jedem Tage. Es fordert Monate, bis der ganze Wurm beseitigt ist.«

Mehrere andere Eingeborne waren während dieser Unterhaltung herbeigekommen, alle mit Körben zum Schwämme- oder Beerensuchen, alle mit dem seltsamen Kopfputz und ohne Kleidungsstücke. Die Reisenden sahen keinen einzigen, der nicht hier oder da Spuren des Kra-Kra gezeigt hätte.

»Laßt uns Abschied nehmen,« ermahnte Holm. »Das ist ein unerquicklicher Aufenthalt.«

Die Wilden wurden reichlich beschenkt, einige ihrer Knochennadeln und Ockerkugeln wanderten für das Museum zuhause in Hamburg in Holms Botanisierkapsel, und dann war der Aufenthalt in diesem kleinen Paradiese, das doch so viel Elend und tiefste menschliche Unwissenheit barg, zu Ende. Alle freuten sich, als sie die Planken des Schiffes wieder unter ihren Füßen fühlten, ja Holm beantragte sogar, den Besuch der Prinzeninsel ganz zu unterlassen, namentlich da der Kapitän erklärte, daß diese außer einer noch reichhaltigeren und blendenderen Schönheit ebenso wie Fernando Po kein weiteres Interesse darzubieten habe. Bei den Hottentotten im Kaplande war jedenfalls mehr Aussicht auf Abenteuer. Der Dampfer änderte also, nachdem Fleisch und Wasser eingenommen waren, seinen Kurs und steuerte der Südspitze von Afrika, der Kapstadt zu. Unterwegs wurde ein Hai gefangen, was natürlich den Knaben besonderes Vergnügen gewährte. Das Raubtier mit seinem kleinen Adjutanten umschwamm während eines ganzen Vormittags beharrlich das Schiff, zuweilen verschwindend, zuweilen plötzlich fast aus dem Wasser hervorragend, bis endlich auf vieles Bitten der beiden Brüder der sogenannte Haihaken ausgeworfen wurde. Ein tüchtiges Stück Speck saß daran; die Kette, womit er, durch mehrere Blöcke gegen einen unerwarteten Ruck gesichert, am Mast befestigt worden, konnte man zuverlässig nennen. Die Fahrt des Dampfers ist auf halbe Kraft gesetzt, der Speck schwimmt verlockend und appetitlich durch das blaue Wasser, – jetzt nur noch ein schneller Sprung, Meister Hai, und dann hat dich dein Geschick ereilt!

Der alte Witt brachte eine Handspeiche von solidem Aussehen, schon mehr eine kleine Keule; selbst die an solche Jagd gewöhnten Matrosen und Doktor Bolten sahen voll gespannter Erwartung über Bord; der Koch setzte sich eine flache Schüssel und ein großes Messer zurecht; Holm rieb die Hände in der Hoffnung auf den Riesenkopf, welchen er bereits gehörig abgekocht als weißes, sauberes Knochenpräparat vor sich stehen sah. »Auch den Magen muß ich selbst öffnen, Kapitän,« rief er lebhaft, »das bedinge ich mir. Vielleicht sind Würmer und Schnecken darin, die man sonst nirgends zu erlangen vermag.«

»Aber die Nürnberger hängen keinen, Doktor! es sei denn, sie hätten ihn zuvor.«

»Wir werden ihn schon kriegen.«

Das schien indessen doch nicht so gewiß. Der Haifisch schnupperte, aber er biß nicht; zuweilen kümmerte er sich gar nicht um den Köder, und schon machte Franz den Vorschlag, den Räuber, wenn man ihn denn durchaus nicht fangen könne, wenigstens zu erschießen, da trat der alte Witt an die Kette und hob langsam den Speck aus dem Wasser. Das Mittel half über Erwarten. Als Meister Hai die Beute verschwinden sah, griff er hastig zu und schoß dann so urplötzlich auf den Grund, daß das Schiff in allen seinen Fugen zitterte. Ein lautes Hurra der Mannschaft begleitete das Stoßen des letzten Kettengliedes, jetzt hatte man ja den Erzfeind gefangen.

Rüstige Arme hängten sich an die Kette, im Wasser entstand ein Toben und Wogen, daß der Schaum hoch über das Verdeck dahinspritzte; dann zeigte sich der Kopf mit den raublustigen Augen, der Körper folgte nach, und wütende Schwanzschläge peitschten das Verdeck. »Aus dem Wege!« rief ängstlich Doktor Bolten, »aus dem Wege!«

Er zog mit beiden Händen seine Schüler von der gefährdeten Stelle hinweg, zumal jetzt, als zwei Matrosen den Mast erkletterten, um die vorerwähnte Speiche aus allen Kräften dem Ungeheuer in den Rachen zu stoßen. Das half, die heftigen Schläge hörten auf, und sehr bald lag der Fisch tot an Deck, um in hundert Stücke zerlegt zu werden. Holm schnitt den Kopf herunter; er brannte vor Begier, das große, kräftige Exemplar gut präpariert nach Hamburg zu bringen, der Koch bemächtigte sich des Rückenfleisches, und die Matrosen zogen die Haut ab; dann aber wurde der Magen geöffnet und darin verschiedene Schnecken und sogar Krebse gefunden, die der Nimmersatt erst ganz kürzlich verschlungen haben mochte. Alles übrige warf man ins Meer zurück. Am folgenden Tage erschien dann das Hai-Steak auf der Tafel, fand aber nur äußerst wenig Beifall, da es sehr zähe war und etwas nach Tran schmeckte. Für den herrlich abgekochten Kopf erhielt der Koch desto mehr Lobsprüche; auch kein Zahn von allen diesen hintereinander stehenden Reihen war ausgefallen, ja sogar die Gelenkigkeit des zweiten Gliedes, das in die etwa entstehenden Lücken des ersten sogleich einen Ersatzzahn hineinschiebt, war bestens erhalten, der ungeheure Rachen mußte eine Zierde des Museums werden; er sollte schon mit dem ersten Postdampfer von der Kapstadt aus die Reise nach Europa antreten; deshalb verpackte ihn Holm eigenhändig in eine Kiste, die der Zimmermann genau nach Maß angefertigt hatte, und die man in der Kajütte verwahrte.

Das war schon die zweite Sendung nach Hause! Papa sollte sehen, wie ernst es seine Söhne nahmen mit dem naturwissenschaftlichen Zweck dieser Reise.

Ungefährdet erreichte das Schiff die Kapstadt. Nachdem ein Tag verwendet, um die schöne, reiche Stadt mit ihren sehenswerten Umgebungen, namentlich den Tafelberg in Augenschein zu nehmen, nachdem verschiedene Geschenke für die Hottentottenhäuptlinge gekauft und Führer und Pferde gemietet waren, begann aufs neue die fröhliche Wanderung ins Innere. Der Dampfer nahm Ladung für Port Louis auf Mauritius, hauptsächlich Wein und Wolle, daher blieb Zeit genug, um auch hier in dem viel gesunderen Klima durch die Wälder zu streifen und Land und Leute kennen zu lernen.

Die ersten Tagreisen hinter der Kapstadt bringen keine Begegnung mit Raubtieren, dafür ist die Kultur schon zu weit vorgeschritten und das Wild durch stete Verfolgung in die Wälder zurückgetrieben. Unsere Reisenden sahen hübsche Dörfer, Landsitze und Meiereien, überall den blühendsten Wohlstand und das beste Gedeihen, aber nirgends ein größeres Tier, nirgends Hottentotten im Naturzustande und vor allen Dingen nicht die Schönheit der Landschaft, welche sie an der Westküste und auf Fernando Po bewundert hatten. Es kamen lange reizlose Strecken voll Buschwerk und Sand, dann wieder niederer, dünngesäeter Wald oder endlose, langweilige Grasflächen, nur verschönert durch blühende Pelargonien (Geranium) in allen Farben und in einer bei uns in Deutschland ungeahnten Größe der Blume; an den wenigen Flüssen, welche sie antrafen, wuchs der Oleander, und üppig blühte auf jedem Schritt der Heidestrauch, bald am Boden hinkriechend, bald mannshoch und zuweilen als stattliches Bäumchen. Das Kapland hat einen so unendlichen Pflanzenreichtum und so viele Erscheinungen auf diesem Gebiet ganz für sich allein, daß es unmöglich wäre, sie alle aufzählen. Holm teilte mit, daß allein fünfhundert Arten von Heiden und dreihundert von Geranien schon in europäischen Gewächshäusern bekannt seien, ja daß zuweilen durch eine seltsame Laune der Natur irgend eine Pflanze in einer einzigen Schlucht hier vorkomme und außerdem nirgends in der ganzen weiten Welt wieder gefunden werde.

Auch die Aloe mit ihrer märchenhaften Blüte fand sich zahlreich vor, und jetzt begann schon das Leben der freien Tierwelt. In ganzen Herden zeigten sich die großen Kuduantilopen, die Zebras und Quaggas, die Springhasen und Sandgräber, aber kein Raubtier kreuzte den Weg, bis endlich die erste Nacht im Freien verbracht wurde und lüsterne Hyänenaugen von fernher durch die Büsche schimmerten. Die feigen, hundeähnlichen Geschöpfe wagten sich aber nicht heran, weil während der ganzen Nacht ein tüchtiges Feuer unterhalten wurde. Es war hier des Nachts kalt genug, um Feuer und Wolldecke gern anzunehmen; die Reisenden freuten sich, als der Sonnenaufgang den Weitermarsch möglich machte, namentlich da die Führer versicherten, daß jetzt ein Hottentottenkraal binnen wenigen Stunden zu erreichen sei.

»Hat dieser Stamm einen König?« fragte Franz.

»Gewiß. Mazemba bewohnt die größte Hütte im Kraal und hat die meisten Frauen; aber er ist alt, seine Krankheit erlaubt ihm nicht mehr, Rinder zu hüten oder auf die Jagd zu gehen.«

»Was betreibt er denn jetzt?« forschte der junge Hamburger begierig, von dem rinderhütenden Fürsten mehr zu hören. »Hat König Mazemba Kinder?«

Der Führer, selbst ein Sohn des gelben Volkes, nickte. »Die Quaquas (so nennen sich die Hottentotten) bleiben, wenn sie Männer geworden sind, selten mehr in den Kraalen ihrer Väter,« antwortete er, »sie suchen die Dienstbarkeit der Weißen und werden auch oft selbst Landwirte. Es gibt in der Umgegend der Kapstadt manchen Gelben, der seine eigene Schafzucht oder Käserei besitzt und um keinen Preis zu den Verwandten in die Wälder zurückkehren würde.«

»Was ich ihm durchaus nicht verübeln kann!« schaltete Holm ein, wobei er sich jedoch, um niemandes Gefühle zu verletzen, der deutschen Sprache bediente. »Schau hin, Franz, mein Söhnchen, das Ding da ist der Kraal, Seiner Majestät Mazembas des Wassersüchtigen Allerhöchste Residenz, oder ich will bis an das Ende aller Tage Afrikareisender bleiben.« »Ein furchtbares Los!« konnte sich Doktor Bolten nicht enthalten auszurufen.

Franz lachte. »Karl, weshalb glaubst du, daß dieser Fürst notwendig an der Wassersucht leiden müsse,« fragte er. »Da vor uns haben wir ja einen nackten, langgestreckten Erdhaufen.«

»Aber dahinter liegt dennoch Mazembas Palast; glaub mir's, mein Junge. Und die Wassersucht hat der Monarch auch, entsetzlich geschwollene Füße und Schmerzen in allen Gelenken, das ist das Los fast eines jeden der Häuptlinge, die ihr Leben faulenzend und liegend in den feuchten, beinahe unterirdischen Höhlen verbringen und nicht selten so träge sind, daß sie sich von ihren Weibern buchstäblich füttern lassen. Da gibt es für solch einen Schmutzmenschen keine geistige oder körperliche Tätigkeit, er schläft und ißt, prügelt seine Umgebung und schläft wieder, bis endlich ein frühes Erkranken und Altern das nutzlose Dasein abschließt. Das wirst du noch häufig, namentlich auf den Südseeinseln bemerken, wo fast alle alten Leute an der Elefantiasis, d. h. furchtbar geschwollenen Beinen und Füßen, leiden.«

Der Führer streckte jetzt den Arm aus. »Das ist Mazembas Kraal,« rief er, auf eine überhängende, spärlich mit Moos bewachsene Berglehne zeigend, »hier bin ich geboren, aber Vater und Mutter leben mit mir in der Stadt. Es ist doch traurig, so zwischen den Felsen zu hausen, obgleich dieser Kraal ein sehr reicher ist, er besitzt sogar eine Quelle.«

»Dessen kann sich hier also nicht jeder Haushalt rühmen, Freund Quaqua?«

»Ganz gewiß nicht. Viele Stämme müssen mit dem, was der Regen spendet, und mit den reichlich wachsenden Wassermelonen fürlieb nehmen. Außer dem Bedarf zum Reinigen des Kochtopfes brauchen freilich meine Stammesgenossen auch kein Wasser, denn die Kühe und Schafe treiben sie auf entfernte Weiden, wo sich Trinkplätze vorfinden.«

»Ach! – der echte Quaqua wäscht also seinen Körper niemals?«

»Nicht mit Wasser, Herr, er reibt ihn mit Fett.«

»Was diese Nachbarschaft für die Nasen der Kulturvölker äußerst unangenehm macht,« sagte trocken der Gelehrte. »Aha, da zeigt sich Jung-Hottentottentum in schönster Naturwahrheit.«

Ein halbes Dutzend spielender, durchaus unbekleideter Kinder lief beim Erblicken der Fremden laut schreiend zum Eingang des Kraales zurück; bald darauf zeigten sich gelbe Gesichter, mehrere Frauen kamen herbei, und selbst Männer erschienen mit ausgestreckten Händen, um von den Weißen etwas Tabak zu erbetteln. Nirgends gewahrte man indessen jenes Erstaunen, das verwunderte Aufhorchen, welches die Neger ergriffen hatte, wohin die Reisenden bis jetzt kamen; es trat vielmehr deutlich zu Tage, daß diese Leute den Besuch weißer Fremdlinge schon oft empfangen, ja daß manche unter ihnen selbst in der Kapstadt gewesen sein mochten und das Leben außerhalb ihres Kraales sehr wohl kannten.

»Dort liegt Mazembas Hütte,« berichtete der Führer. »Gehen Sie ohne Besorgnis durch die Dorfstraße, meine Herren, die Quaquas sind keine Verräter, es wird ihnen nichts Böses geschehen.«

Doktor Bolten klopfte ihm auf die Schulter. »Hübsch von dir, daß du dein Volk verteidigst, mein Sohn,« sagte er. »Geh also und melde uns dem Fürsten.«

Die beiden anderen Führer blieben bei den Weißen, und so setzte sich der Zug langsam in Bewegung. Es schien doch einigermaßen gewagt, so in den Engpaß hineinzugehen und sich der Großmut der Wilden preiszugeben; aber auch die zwei letzten Führer hielten das Unternehmen für gefahrlos; sie hatten schon früher Reisende hierher begleitet und wußten, daß die Hottentotten an keinen Überfall dachten. – Eine Doppelreihe erbärmlichster Lehmhütten zeigte sich den Blicken der vorauseilenden Knaben; keine einzige davon war höher als bis zu etwa drei Metern, sämtliche Türen gestatteten den Eingang nur mittels des Kriechens auf allen vieren, und die Dächer liefen trichterförmig in eine Spitze aus. Während die Wohnungen der Neger ohne Ausnahme Pfahlbauten waren, hatten sich die Hottentotten halb in den Boden hineingewühlt, lebten ohne einen einzigen Lichtstrahl in engumschlossenen Räumen und konnten auch nicht den kleinsten Versuch zu Anpflanzungen aufweisen. Alles lag vergraben unter Schmutz, die Dorfstraße war eine Art von Pfütze, die gelben, überaus häßlichen Gesichter zeigten gänzliche Unbekanntschaft mit dem Wasser, und die Felle, in welche beide Geschlechter gehüllt waren, hingen zerfetzt und besudelt von den durchweg kleinen Gestalten herab, die Männer von den Schultern bis zu den Knieen bedeckend, während sie bei den Frauen den Oberkörper frei ließen. Unzählige Troddeln aus kleinen, schwarz und weißen Tonperlen fielen über die Brust herab, und an Armen und Beinen waren die Sehnen oder Därme geschlachteter Tiere als Verzierungen angebracht; alles durchaus schmutzig, mit Fett beschmiert und vielfach zerrissen.

Trotz dieses elenden Zustandes schienen die Quaquas ein sehr lebensfrohes Völkchen, das sogar seine Gäste mit Musik bewillkommnete. Aus mehr als einer Tür kroch eine olivengelbe Gestalt, die in den Händen einen ausgehöhlten halben Kürbis trug und nun auf drei darüber hingespannten Saiten ein nervenerschütterndes Katzenkonzert verübte. Jeder spielte für sich, und jeder tanzte einen tollen Wirbelreigen für sich, so daß es bei dem Anblick dieser halbnackten, komischen Gestalten für die Weißen unmöglich war, den zu einer Vorstellung bei Hof so äußerst notwendigen Ernst zu bewahren. Sie lachten noch alle, als der vorausgeschickte Führer zurückkam und verkündete, daß König Mazemba sogleich vor der Tür seiner Wohnung erscheinen und die Gäste empfangen werde. Auch hier in unmittelbarer Nähe des fürstlichen, mit mehreren bunten Lappen und einem greulichen Götzenbilde verzierten Palastes hörten die Künstler nicht auf, ihre Instrumente zu bearbeiten, nur tanzten sie nicht mehr, sondern hatten sich rechts und links vom Eingang postiert, wo sie immer noch mit lebhaftem Wiegen oder Schaukeln den musikalischen Vortrag begleiteten. Ein ganzer Haufe von Frauen und Kindern war den Weißen gefolgt, und jetzt nahte auch schon Seine Majestät selbst; auf Händen und Füßen kriechend, unter schmerzlichem Ächzen kam Mazemba ans Tageslicht. Was er sagte, das ging einstweilen unseren Freunden verloren; als ihm aber der lebhafte Franz unter die Arme griff und solchergestalt half, sich auf einen vor der Höhle befindlichen Erdhaufen niederzulassen, da zeigte ein verblüffter Ausdruck des gelben, verschrumpften Gesichtes, wie sehr sich der Alte wunderte, daß es jemand gewagt habe, seine geheiligte Person zu berühren. Er sah blinzelnd von einem zum anderen und ergriff dann einen im Wege liegenden Stein, den er ohne weiteres nach den Musikanten schleuderte, worauf sofort diesem nicht mißzudeutenden Befehl des Stillschweigens Folge gegeben wurde. Alles verstummte, die Weißen zogen ihre mitgebrachten Geschenke hervor, und der Führer begann sein Amt als Dolmetscher.

Ein schnalzender Laut drang über die Lippen des alten Königs und wurde dann in das Wort »Tabak« übersetzt, worauf sogleich mehrere Pakete in die begierig ausgestreckten Hände fielen. Seine Majestät schoben eiligst, ohne zu zaudern oder zu danken, das begehrte Labsal in den Mund, dann wurde noch ein Wort gehört – Branntwein! – und als ein Achselzucken darauf antwortete, hielt der Alte jede weitere Bemühung für überflüssig. Mochte der bunte Putz, den vielleicht die Reisenden außerdem noch mitgebracht hatten, seinen Weibern zu teil werden, er selbst kümmerte sich darum nicht. Mit Mühe zum Eingang der Höhle zurückkriechend nahm er französischen Abschied, ohne die Reisenden eines weiteren Blickes zu würdigen; im nächsten Moment aber tönte die verdrießliche Stimme aus dem Türloch wieder heraus, diesmal in längerer Rede. »Wenn die weißen Männer unter sich einen Zauberer haben, der im stande ist, meine Schmerzen zu bannen, so will ich ihnen den fettesten Stier schenken. O! o! Wie das reißt und bohrt!«

Natürlich war auch dieser Wunsch unerfüllbar, und so bewegten sich die Reisenden weiter ins Dorf hinein, nicht ohne von der Stimme des geplagten alten Königs noch eine Strecke begleitet zu werden.

»Zwei Kühe zu dem Stier, wenn ihr helfen könnt! – Drei Kühe!«

»Sagte ich es dir nicht?« lächelte Holm. »Branntwein, Feuchtigkeit der Wohnung und steter Müßiggang – im Alter die Wassersucht und das Zipperlein.«

»Merkwürdig wenig Zeremoniell war an dieser Hofhaltung vorhanden!« rief der Knabe. »O lieber Himmel, da fängt die Musik wieder an!« Olivengelbe Gestalten schwangen sich rechts und links dem Zuge voran, die büschelweise gewachsenen struppigen Haare flogen im Winde, die zerrissenen Kuhfelle klappten auf und nieder, und ein wilder Reigen fand an den überhängenden Felswänden der einen Straßenseite sein Echo. Wohin die Gäste sich wandten, da folgte ihnen diese unerwünschte, jedenfalls aber als Ehrenbezeugung aufgefaßte Begleitung, selbst als an der Quelle Halt gemacht wurde, um zu rasten, tönte noch immer die sonderbare Musik fort, bis denn endlich eine Verteilung von Geschenken stattfand, und nun die Spielleute ihren Anteil forderten. Die Kürbis-Violinen flogen ins Gras; neugierig, mit langen Hälsen warteten alle der Dinge, die da kommen würden. Und dann brach der Jubel los. Spiegel, um die eigene, bodenlose Häßlichkeit, die zuweilen ein Dritteil des ganzen Gesichtes ausmachenden Lippen und die plattgedrückte Nase zu beschauen, feuerrote Kattuntücher und Glasperlen für die Frauen, Tabak und Messer für die Männer, Spielzeug für die Kinder, alles wurde verteilt, aber auch in dieser Beziehung wieder beobachtet, daß die Hottentotten solche Dinge bereits kannten, obgleich sie zu arm waren, um auf den Besitz Anspruch zu machen. Die Umgebung der Quelle sah aus wie ein Marktplatz; rings im Kreise saßen schnatternde jubelnde Frauen, und bewegten sich in Gruppen die Männer, bei denen es dieses oder jenes Stückes wegen nicht selten bis zu Tätlichkeiten kam; ein alter Hottentotte, der große Herden besaß, feilschte mit den anderen um ihre Messer und bot Kälber und Kühe für ein besonders gewünschtes Stück; ein jugendlicher Stutzer hatte sich mit nicht weniger als fünf roten Tüchern an allen möglichen und unmöglichen Stellen seines auswendigen Menschen umwickelt und stolzierte jetzt wie ein Pfau zwischen den übrigen umher, ja endlich gerieten zwei junge Damen einer Perlenschnur wegen dermaßen in Harnisch, daß sie sich eine förmliche Schlacht lieferten. Beiß- und Kratzwunden, Büschel ausgeraufter Haare, Fetzen von der Fellbekleidung und endlich das jähe Zerreißen des Perlenbandes, alles das drängte sich zusammen in wenige Augenblicke; nachdem aber die begehrten Glaskugeln auf den Boden gerollt waren, entstand plötzlicher Friede. Beide Kämpferinnen lagen auf ihren Knieen, um möglichst viele der bunten Flüchtlinge zu erhaschen; eine suchte noch emsiger als die andere, und sobald eine Perle gefunden war, flog sie in den Mund der glücklichen Besitzerin, woselbst ihr ein sicheres Versteck hinter dem respektablen Gebiß bereitet wurde. Es fehlte aber auch neben diesen kleinen, ergötzlichen Auftritten nicht an den Zeichen wahrer Gastfreundschaft und Dankbarkeit; die armen Frauen boten den Gästen ein Nachtlager in ihren Hütten und eine Mahlzeit von den wenigen Vorräten, welche sie selbst in einer Art Grube oder rohangelegtem Keller unter der Wohnung verwahrten; sie küßten die Kleider der Fremden, und einige brachten sogar zum Entsetzen derselben eine Art von Zither zum Vorschein, auf der sie spielten.

Das Essen wurde dankend abgelehnt. Worin es eigentlich bestand, ließ sich nur schwer sagen, denn alle möglichen Gerüche stiegen aus dem verbogenen, rostigen Eisengefäß empor, und Spuren früherer Mahlzeiten hafteten reichlich an den Wänden. »Ich halte es für Mehlbrei!« erklärte Franz.

»Hm, wenigstens waren erst ganz kürzlich noch Zwiebeln in diesem Topfe.«

»Etwas gleicht der Duft demjenigen einer verbrannten Milchspeise.« »Und hier schwimmt eine jugendliche Wanze, Todes verblichen vor der Zeit infolge eines gewagten Sprunges aus dem Fellgewande der Köchin in diesen Hexenkessel.«

Holm fischte das berüchtigte Insekt. »Ich brauche dich nicht mit mir zu nehmen, internationale Blutsaugerin,« sagte er mit seinem launigen Tone, »denn du gehörst zu der Verwandtschaft, welche auch in deutschen Federbetten vorkommt, – fleuch!«

Er schnippte die Wanze von den Fingern und spendete das letzte bunte Tuch einem kleinen Mädchen, dessen Wollkopf er damit umwickelte. »Wir müssen doch in eine oder die andere dieser Hütten hineinkriechen, nicht wahr?« fragte er. »Vielleicht ist dies der einzige Hottentottenkraal auf unserem Wege. Wer geht mit, Rittersmann oder Knapp, zu tauchen in solchen Schlund hinab?«

»Mich entschuldigen Sie, bitte,« lächelte der Doktor. »Ich bin nicht mehr jung genug, um mich für derartige Expeditionen noch genügend begeistern zu können. Auf allen vieren, das dürfte für den sechsundfünfzigjährigen Doktor der Gottesgelahrtheit ein wenig empfehlenswertes Unternehmen sein!«

»Kommt also, ihr Jungen,« rief Holm, »aber ich bitte Sie, Doktorchen, weichen Sie nicht vom Fleck. Mir ist seit unserer neulichen Trennung nur allzuwohl erinnerlich, wie meisterhaft Sie im Faustkampf Ihren Mann stehen, – ich möchte nicht bei nächster Finsternis unbekannterweise wieder zwischen Ihre Finger geraten.«

»Unbesorgt, ich bleibe hier und studiere den Bau des Kraales.«

Die jungen Leute ließen den Dolmetscher anfragen, ob es erlaubt sei, eine Hütte zu besehen und wurden von den unermüdlichen Violinisten bis zum Eingang der nächstliegenden begleitet. Dann ging es auf Händen und Füßen vorwärts in den lichtlosen Raum hinein. Ziemlich geräumig mit dichten Erdwänden, halb unter der überhängenden Felswand verborgen, hatte die Hütte einen festgestampften Lehmboden und im Hintergrunde ein Lager aus Moos und Fellen. Möbel waren nicht darin, nur ein ausgehöhlter Kürbis voll Wasser, ein Eisentopf, eine Bratpfanne, Eisenlöffel und eine Reihe von Götzen. Schauderhafte Fratzenbilder aus Holz, Ton, Lehm und Knochen standen auf einer vorspringenden Erhöhung der Wand, Tiergestalten dem Bau nach, obgleich kein Auge im stande gewesen wäre, aus dieser plumpen Form die Gattung herauszufinden, Menschengesichter von abschreckender Häßlichkeit und Schlangenfiguren in Lebensgröße, zusammen mehr als zwölf verschiedene Arten. Holm wollte einen derselben berühren, aber die Bewohnerin der Hütte streckte unruhig den Arm aus. »Das ist die Gottheit, welche meine Kühe und Ziegen vor den Raubtieren beschützt,« übersetzte der Dolmetscher. »Du darfst sie nicht nehmen, Meister.«

Holm trat, um kein Gefühl zu verletzen, sofort zurück, erlaubte sich aber, eine Wachskerze in Brand zu setzen und alles genauer zu besichtigen. Große Spinnen hingen an den Wänden, Tausendfüße von erschreckender Länge krochen zwischen den Fugen, und sogar Eidechsen mit glänzenden Augen schlüpften durch das Moos; im Mittelpunkt des Baues stand ein einzelner, rohbearbeiteter Balken, der das Dach stützte, und nach der Straße hin führte eine Treppe aus Erdstufen in eine kellerartige Vertiefung. Hier konnte nur eine Person Platz finden, daher stieg zuerst Holm und nach ihm die Knaben hinab. Berge von Zwiebeln und anderen Knollengewächsen lagen da aufgespeichert, Felle, getrocknetes Fleisch und Kaffernkorn in großer Menge, ebenso Pfeffer und einige frische Früchte. Offenbar waren diese Vorratskeller sowie die ganze Bauart des Kraales auf einen etwaigen Überfall berechnet; vielleicht hatten häufig streifende Buschmänner oder gar Kaffern ihre früheren Raubzüge bis in die Wohnungen der friedlichen Gelben ausgedehnt, so daß von alters her für einen derartigen Fall gesorgt worden war. Jetzt freilich finden diese Kriege erst viele Meilen weiter in das Land hinein noch statt, während die Hottentotten unter dem Schutze Englands leben.

Ein Übelstand war es besonders, der die Fremden so schnell als möglich ihre Besichtigung zu Ende führen ließ, die unerträgliche, mit Zwiebelduft, Ledergeruch und zahllosen anderen Beimischungen erfüllte Luft des rings verschlossenen Raumes; sie atmeten auf, als die Straße wieder vor ihnen lag, und trugen kein Verlangen, noch mehrere dieser schmutzstarrenden Höhlen in Augenschein zu nehmen. Was die Negerwohnungen in Dahomey und am Niger so ungemütlich machte, das war ihre lockere Bauart, welche dem Wind von allen Seiten freien Zutritt gewährte, dennoch aber mußten sie Paläste genannt werden im Vergleich zu diesen schrecklichen Gefängnissen, denen selbst die Grundbedingungen alles Lebens, Luft und Licht, vollständig fehlten. »Da unten aber ist's fürchterlich!« fuhr Holm in seiner Nutzanwendung des Schillerschen Tauchers fort, »Doktor, ich versichere Ihnen feierlich, daß Sie nichts eingebüßt haben.«

Der alte Herr saß immer noch auf dem Abhang an der Quelle, jetzt aber stand vor ihm ein kleiner, pausbackiger Junge von etwa zwölf Jahren, den er eben mit Hilfe eines Dolmetschers ein wenig zu erziehen versucht hatte, von dessen Bekehrung er aber seufzend absah. »Wissen Sie, Freund Holm, was mir dieses Kind antwortet, als ich ihn frage, ob er je von dem lieben Gott gehört? – Da nickt er und sagt: ›Wir haben erst vor ein paar Tagen einen neuen bekommen. Großvater ist gestorben, der Zauberer machte uns für die Hütte eine Schlange aus Ton, und darin wohnt nun Großvaters Geist, zu dem wir beten! –‹«

»Schlimme Nachrede für den alten Herrn!« lachte Holm. »Aber alle diese Völkerschaften des Kaplandes glauben, daß die Seelen Verstorbener in Schlangenleibern wohnen, das ist um nichts sinnloser und beleidigender, als wenn z. B. die Chinesen heilige Schweine von ihren Geistlichen umtanzen lassen. – Jetzt aber zu unseren Pferden, nicht wahr?«

Man brach auf und ging durch den Kraal zurück. Aus Mazembas Hütte sah das gelbe, vertrocknete Antlitz des Eigentümers blinzelnd hervor. »Zwei Stiere will ich geben und sechs Kühe, alle meine Kühe, wenn mir der weiße Zauberer helfen kann!«

Das war halb komisch, halb bedauernswürdig. Holm schüttelte nur stumm den Kopf, gab den begleitenden Kürbisviolinisten ein Geldgeschenk: »Das doppelte hättest du bekommen, wenn du uns mit deiner Fiedelei verschont hättest,« wie er in deutscher Sprache hinzusetzte, und dann ging es fort, der Kafferngrenze entgegen. Schon in einiger Entfernung glich der Kraal einer bewachsenen Erhöhung, von der nichts Zeugnis gab, daß dahinter mehrere Hunderte von Menschen lebten.

Obwohl Unterholz und Bäume überall am Wege Schatten spendeten, fehlte der dichte, engbevölkerte, von lebenden Wesen aller Art wimmelnde Hochwald bis jetzt gänzlich, so daß die Pferde ziemlich schnell vorwärts gelangen konnten und noch vor Abend die Weideplätze der Hottentotten erreichten. Solch ein gelber, halbnackter Hirte, von einer Anzahl magerer, bösartiger Hunde umbellt, behütete nicht selten Rinder- und Schafherden in so großer Anzahl, daß es kaum möglich schien, alle diese Tiere zu überblicken und zu zählen. Demnach mußten sich die Leute auf ihr Hunde verlassen können, da sie meistens in träger Ruhe unter einem Baume lagen oder die landesübliche Kalebasviole spielten. Unsere Reisenden ritten durch dichtgedrängte Scharen friedlicher Wiederkäuer oder besonders großer und schöner Schafe, die auf den Ebenen weideten, – noch immer war das eigentlich »wilde« Gebiet nicht erreicht. Am Horizont schimmerte indessen bereits ein langgestreckter, dunkler Streif; das war der Wald, und mit ihm kamen die Abenteuer, welche diesmal ernstlicher werden sollten, als sich's die kleine Gesellschaft dachte. Im Schutz einer Felsschlucht wurde das Nachtlager aufgeschlagen und ein mächtiges Feuer entzündet, so daß die nächste Umgebung ziemlich hell beleuchtet war. Als die Stimmen schwiegen und ringsumher tiefe Stille eingetreten, begann sich's in den Zweigen der ziemlich dicht stehenden Bäume zu regen. Kleine Geschöpfe glitten wie Schatten auf und ab, glänzende Augen sahen zum Feuer hinüber. Franz glaubte, plötzlich der Prinz des deutschen Märchens geworden zu sein; er meinte, die Zwerge auf dem Gras sich tummeln zu sehen und hörte ihr leises geisterhaftes Flüstern. – –

Trugen sie nicht Holz herbei, saßen sie nicht im Kreise um das Feuer, grauröckig, kahlköpfig und nickend, die Brosamen verzehrend wie einst die Bettler der biblischen Überlieferung am Tische des Reichen? – –

»Karl, Karl, was ist das? – Habe ich Fieber?«

»Pst, du verscheuchst sie, Junge! Das sind Zwergmakis.«

»Nicht größer wie eine Maus!« raunte Franz, der sich von seinem Erstaunen noch immer nicht erholen konnte. »Ob es unmöglich wäre, einen davon zu fangen, Karl?«

»Das vielleicht nicht, aber wer könnte ein so kleines Wesen fesseln? Diese Art lebt nur in der Freiheit und nur in der heißen Zone. Schade, daß ich keine Vogelflinte besitze, um ein Exemplar zu schießen und auszustopfen. Es bildet in seinen kleinsten Formen den Übergang zum Nagetier, – auf allen vieren laufend würde es von einer großen Maus kaum zu unterscheiden sein. Aber sieh dorthin, die Gesellschaft mehrt sich.«

Von allen Bäumen kletterten die Halbaffen (Lemuren) herab, um die Überbleibsel der gehaltenen Mahlzeit zu erhaschen. Mit ihren großen schwarzumränderten Augen, dem spitzen Gesicht und dem dichten abstehenden Bart schienen die schlanken Tiere beinahe unheimlich. Die Vereinigung des Affen und der Ratte zu einem geschmeidigen, hübschen und listigen Geschöpfe repräsentierend, sind sie halb Nager halb Affe, doch ohne die Häßlichkeit der letzteren Familie. Alle verstanden es aufrecht zu gehen, die kleinste Art schien sogar dieser Fortbewegungsweise den Vorzug zu geben; winzige, krallenbewaffnete Hände nahmen den Brocken und führten ihn der spitzen Rattenschnauze zu; beide Arme öffneten sich weit, um mit großer Anstrengung das Knöchelchen eines gebratenen Huhnes fortzuschleppen oder irgend einen saftreichen Blumenstengel in das Nest zu tragen.

Endlich nahte auch so ein kleines Lemurenmütterchen mit zwei Jungen, die auf ihrem Nacken hockten, so daß es aussah, als habe die Alte drei Köpfe. Eins der Kleinen war so unruhig, daß es das Äffchen herabnahm und wie ein Kind auf dem Arme trug, indes die andere Hand Cakesbrocken aus dem Moos des Bodens hervorsuchte. Franz glaubte, nie etwas Hübscheres gesehen zu haben; er konnte der Versuchung, die kleine Gesellschaft zu füttern, nicht widerstehen und warf plötzlich eine Hand voll Krumen auf den freien Platz hinaus. Schon in der nächsten Sekunde war alles wie in den Boden hinein verschwunden, selbst die größeren Tiere hatten schleunigst das Weite gesucht. Es konnte aber auch nicht schaden, wenn eine Gattung der anderen Raum gewährte, gerade jetzt sollte sich ja der außergewöhnliche Reichtum an lebenden Wesen, wie ihn das Kapland besitzt, erst einmal zeigen. – An den Bäumen hing in großer Anzahl das träge, schwerbewegliche Chamäleon mit seinen blitzenden Augen und dem spitzen Rüssel, aus welchem die Zunge hervorhängt, die ruckartig hineingezogen wird, sobald sich eins der Tausende von herumfliegenden Insekten darauf gesetzt hat. Bald grau, bald rot, grünlich oder schwarz schimmernd, je nachdem es jagt oder ruht, triumphiert oder grollt, ist das kleine Tier so leicht zu zähmen, daß es von den Eingebornen zur Vertilgung der Insekten vielfach als Hausbewohner gehalten wird; seine angeborene Trägheit aber verläßt es nie. Fast über den Köpfen der Reisenden wiegten sich die braunen Pelze an den Zweigen; Nachtvögel huschten mit schwerem Flügelschlag vorüber, und vom Tale herauf drang zuweilen das dröhnende Brüllen des Büffels. Franz hatte wenig geschlafen, als am anderen Morgen die Pferde gesattelt wurden. Zu viel Neues, Sehenswertes war an seinen Blicken vorübergegangen; er suchte förmlich hinter jedem Busch oder Strauchwerk die kleinen, geschäftigen Lemuren in ihren grauen Röckchen und den langen Bärten; aber jetzt am hellen Tage hatten sich alle versteckt, die Halbaffen, die Chamäleone, die Eulen und Fledermäuse. Dafür belebten Antilopen den Weg, und ganze Herden von galopierenden Straußen zogen vorüber, einmal auch eine Elefantenschar, die durch das Unterholz brach und alles vor sich zu Boden warf, was ihr die Bahn versperrte. Natürlich hüteten sich die Reisenden, hier einen Angriff zu wagen; das schmetternde Trompeten der alten Männchen, ihre drohend erhobenen Rüssel und überhaupt das ganze Verhalten der kolossalen Geschöpfe flößten zuviel Respekt ein, als daß man bei einer so geringen Anzahl von Schützen den Kampf gegen etwa zehn bis zwanzig dieser Gegner hätte aufnehmen wollen.

Die Herde brauste vorüber, daß der Boden dröhnte, eine breite Spur zerknickter Pflanzen aller Art hinter sich zurücklassend; das Unterholz war zerstampft, Zweige abgerissen, Vögel aufgescheucht und zahllose kleinere Tiere heimatlos gemacht.

Holms Kugel erlegte eine Antilope, die gerade vor den Pferden aufsprang. Zum Mittagessen sollte sie gebraten werden, nach langer Zeit das erste frische Fleisch, welches die Reisenden erhielten: man wollte Gemüse kochen und Beeren pflücken, kurz sich einige recht gemütliche Stunden machen, aber – der Mensch denkt und Gott lenkt. Es mochte etwa zwölf Uhr sein, als die kleine Karawane ins Tal hinabschritt, um unten am Flußufer zu rasten. Üppiger Grasreichtum entfaltete sich, Früchte jeder Art luden zum Genuß; es war, als dürfte in dem Rahmen so vieler Schönheit, so vieler Schöpfungspracht auch nicht eine einzige Form, eine einzige Farbe fehlen. Am Rande der Lichtung begann dichter Wald, und auch selbst die offene Fläche war stellenweise von Bäumen durchstoßen. Die Pompelmus, eine apfelsinenartige, aber weniger wohlschmeckende Frucht, hing von den Zweigen so reichlich herab, daß die Reiter sie vom Sattel ergreifen und brechen konnten, Datteln und Tamarinden wuchsen über ihren Köpfen, der schöne Lumienbaum mit seinen purpurroten Blüten wiegte sich im Winde, und Kaktuspflanzen aller Arten schmückten die Gegend. Hier befand man sich an der Grenze des Kafferngebietes; es war also einige Vorsicht notwendig, weshalb auch die Führer voranritten und Umschau hielten. Die Weißen folgten langsam nach.

Plötzlich klang aus nächster Nähe Hundegebell, man hörte mehrere Stimmen lebhaft rufen, und ehe sich die kleine Gesellschaft dessen versah, war sie von einer bedeutenden Anzahl gelber Gestalten umschwärmt. Von geringerer Größe als die Hottentotten, noch häßlicher und ganz ohne Kleidung außer einem den Rücken bedeckenden Stück Fell, wilder und roher in ihrer Erscheinung, glichen die Buschmänner einer Schar unterirdischer Gnomen oder Zwerge; sie schrieen alle zugleich, betasteten die Pferde und Kleider unserer Reisenden, verlangten mit ausgestreckten Händen dieses oder jenes, was ihnen besonders ins Auge fiel, und schienen namentlich mit dem ihnen zu teil gewordenen Anblick weißer Menschen noch gänzlich unbekannt.

»Hallo, Führer!« rief Holm, »haben wir da Feinde?«

Und zugleich riß er die Kugelbüchse von der Schulter, um auf den Nächststehenden anzulegen. Die kleine, gelbbraune, häßliche Gestalt blieb unbeweglich, offenbar hatte der Stamm noch nie Feuerwaffen im Besitz gehabt.

Der eingeborne Führer ritt im Trabe herbei. »Die Saab tun uns nichts zuleide, Herr!« rief er. »Das sind arme, dumme, vertierte Geschöpfe, die zwar stehlen, was sie erlangen können, aber doch keinen Mord begehen. Wir dürfen ungefährdet ihr Lager in Augenschein nehmen.«

Einige Worte, die er seinen Stammesverwandten zurief, schienen diese Behauptung zu bestätigen, die Buschmänner liefen wie Kinder, welche einen Gast in das Haus führen, den Fremden durch den Felsenpaß voran ins Tal und sahen dabei fortwährend zurück, als ob sie fürchteten, den Gegenstand ihrer lebhaften Neugierde plötzlich wieder zu verlieren. Umdrängt von der gelbbraunen, häßlichen, mit lauter Zisch- und Schnalzlauten durch einander schwatzenden Menge gelangten die Weißen bis an den Lagerplatz der Buschmänner, wo Frauen und Kinder an den verschiedensten Stellen herumhockten, ohne sich irgend einer Beschäftigung zu widmen. Es brannte kein Feuer, man sah kein Zelt, kein weidendes Tier oder irgend ein Gerät, wohl aber ließ sich erkennen, daß die Buschmänner in Felsspalten, in den verlassenen Höhlen wilder Tiere oder auch nur unter einem besonders dichten Gebüsch ohne weiteres Quartier zu nehmen pflegten. Ein Lager auf flachem Boden mit einigen Handvoll Blättern als Kopfkissen, das war alles, was sie beanspruchten.

»Führer, Sie bürgen uns also, daß kein plötzlicher Überfall erfolgen wird?«

»Ganz sicher, Master Doktor, ich kenne ja meine Landsleute.«

Holm und die Knaben stimmten einmütig für eine Rast unter den so unerwartet gefundenen Gelben. So tief wie dieses Volk schien kein Schwarzer der Westküste zu stehen; es war in naturwissenschaftlichem und kulturgeschichtlichem Interesse gleich wichtig, so viel als sich äußerlich wahrnehmen ließ, von Lebensweise und Charakter der Saab kennen zu lernen.

Die Reisenden stiegen von den Pferden und errichteten sich im Schutze mehrerer neben einander stehender Zitronenbäume ihr eigenes Lager. Während der Nacht wollten sie in der Niederlassung des wandernden oder, besser gesagt, vagabundierenden Volkes bleiben und dann noch etwa eine oder zwei Tagreisen verwenden, um auch den Anfang des Kafferlandes kennen zu lernen.

Ein Feuer loderte auf; die Führer weideten und zerlegten die Antilope; die mitgebrachte Pfanne kam zum Vorschein, und bald brodelte der Braten, dem man Früchte aller Art beigesellte. Die gelben Menschen schienen gar nichts, was einem Haushaltungsgerät ähnlich sah, zu besitzen, und auf eine Frage des Führers, wie denn bei ihnen das Wild zubereitet werde, antworteten sie nur durch spöttisches Lachen. »Ich weiß es wohl,« sagte halb abgewandt der junge Hottentotte, »sie verzehren alles roh und essen auch alle Abfälle mit dem Fleisch. Übrigens kommt dergleichen selten vor, denn ihr eigentliches Heimatsgebiet ist eine Sandwüste, wo es nur niederes Gebüsch, Strauße und Quaggas gibt. Sie ziehen von Stelle zu Stelle, schießen das Wild, essen die Früchte und setzen ihren Stab weiter, sobald nichts zu plündern mehr vorhanden ist. Arbeit kennen sie nicht, betreiben weder Ackerbau noch Viehzucht, ja sie haben nicht einmal Hütten, sondern verkriechen sich wie wilde Tiere und stehlen, wo es angeht, die Herden der Quaquas. Es ist schon vorgekommen, daß ein Stamm von vielleicht zweihundert Köpfen bis zu sechshundert Ochsen und Schafe wegtrieb, wobei dann alles an einem Tage abgeschlachtet und späterhin verfault gegessen wurde. Meine Verwandten, die Saab, sind ein sehr armes, niedriges Volk.«

»Aber ihre Waffen möchte ich sehen,« rief Franz. »Pfeile und Bogen natürlich. Ob sie davon verkaufen oder vertauschen würden.«

Der Führer sprach mit den Gelben, aber keiner wollte sein Eigentum hergeben, bis endlich der Packen mit den noch übrigen bunten Spielereien geöffnet wurde und nun auch die Widersetzlichsten bezähmte. Die Buschmänner tanzten wie Kinder, schlugen sich auf die Kniee vor Entzücken und jubelten laut. Für ein Messer erhielt Franz Bogen und Pfeile, von welchen letzteren ihm aber der Führer sagte, daß sie ohne Zweifel vergiftet seien. Ein Spiegel dagegen erregte den Wilden die lebhafteste Furcht; sie sahen aus einiger Entfernung hinein, griffen dann plötzlich hinter das Glas, offenbar um den vermeintlichen Widersacher zu erfassen. Nichts konnte sie bewegen, den »Fetisch« zu berühren, ja, die Mütter drängten sogar ängstlich ihre neugierigen Kleinen, so oft sie sich heranwagten, zurück, bis endlich die gefürchteten Zaubergeräte wieder eingepackt wurden. Perlen und Kattun erregten ungemessene Freude, auch den Abfall der Mahlzeit ließen sich die harmlosen Kinder der Natur vortrefflich schmecken, entwickelten aber dabei einen so gesunden Appetit, daß notwendig zur Vollendung dieses Gastgebotes auch noch ihre eigenen, gewohnten Hilfsmittel herangezogen werden mußten. Und da zeigte sich denn, weshalb gerade diese Stelle zum Lagerplatz erwählt worden war. Neben einem längst gestürzten, in Verwesung übergegangenen Baum befand sich ein großer Ameisenhaufen mit wenigstens sechs bis zehn Kolonieen, die alle von den Buschmännern nach Eiern und Puppen durchsucht wurden. Ebenso begann auch die Jagd auf Heuschrecken; nirgends aber trug man das Erbeutete zusammen und verzehrte es aus einem Geschirr oder wenigstens gemeinschaftlich; sondern jede Heuschrecke wanderte zerquetscht von der Hand des Finders in den Mund, die kleinen weißen Ameiseneier wurden mit affenartiger Behendigkeit aus den Nestern herausgefischt und verzehrt, außerdem aber auch die überall wachsenden Zwiebeln aus der Erde gegraben und roh genossen.

»Ich hätte Lust, einmal zu schießen,« meinte Holm. »Was sie für Augen machen würden.«

Gesagt, getan. Franz band um die Krone eines in einiger Entfernung stehenden Bäumchens ein Stück Papier, und Holm schoß es herunter. Als der Schuß krachte, entstand unter den Wilden eine Bewegung, wie wenn ein Steinwurf einen Flug Sperlinge aufschreckt. Es war ersichtlich, daß die gelben Geschöpfe, denen der Name »Mensch« kaum zuzukommen schien, nie im Leben ein Feuergewehr kennen gelernt hatten; sie flüchteten insgesamt unter den Schutz des Felsens, jedenfalls fest überzeugt, einem unheilvollen Zauber nicht mehr entrinnen zu können; ihre Bewegungen verrieten die lebhafteste Furcht, viele lagen sogar auf den Knieen und hielten das Gesicht in den Händen verborgen. Holm und Franz versuchten umsonst, die Leute zutraulicher zu machen; sie wollten ihnen die Kugelbüchsen zeigen oder gar hinreichen, aber alles vergebens; die Buschmänner flüchteten, sobald sie sich näherten, ja die allgemeine Angst schien so stark, daß überhaupt keine fernere Unterhaltung mehr möglich war.

Das Gewehr wurde beiseite gelegt, die Decken im Schutz einer Felswand ausgebreitet und die Pferde so an Bäumen befestigt, daß sie zwischen den Reitern und dem freien Platze standen. Als ein langsam brennendes Feuer von halbtrocknem Holz seine Rauchwolken zum Himmel sandte, streckten sich alle um die angenehm wärmende Glut und schliefen im Gefühl vollkommener Sicherheit sehr bald ein. Die Pferde mußten sie ja bei dem geringsten verdächtigen Zeichen durch ihre Unruhe sofort wecken. Stille und Dunkelheit lagerten über dem malerischen, mit so vieler Schönheit ausgestatteten Tal, von fern her klang das Rauschen des Waldes, die Quelle murmelte, Nachtfalter in wundervollen Farben, groß und glänzend, schwebten vorbei; geschäftig wanderten zu Tausenden die beraubten Ameisen fort aus ihrem halbzerstörten Bau, um sich eine neue Heimat zu gründen, Vögel zwitscherten wie flüsternd in den Zweigen, und Eidechsen schlüpften durch das Gras. Aber seltsam, kein größeres Tier zeigte sich, – und doch brachen und knickten drüben am Waldrand zuweilen die Gebüsche.

War es der Wind? War es ein Elefant oder – vielleicht Menschen?

Die Pferde standen ruhig fressend, also konnten es keine Raubtiere sein.

Da, wieder! es rauschte und krachte, das war nicht der Wind – –

Ein Mondstrahl brach aus den Wolken, Helldunkel überflutete das Tal. Schleichende Gestalten, katzenartig leise, glitten heran – – waren das Teufel? Flammend rot von Kopf bis zu Füßen die kräftigen Gestalten, die bräunlich schwarzen Gesichter voll Kampflust und Feuer, geschoren der Kopf bis auf den federdurchflochtenen Wirbelschopf, hohe Schilder aus Büffelfell in den Händen und einen langen hölzernen Wurfspieß mit Eisenspitze auf der Schulter. Einer nach dem anderen, Hunderte an der Zahl, so drangen sie vom Waldsaum her über den Fluß, sich rücksichtslos hineinwerfend, schwimmend wie ein roter glänzender Streif unheimlich in der fahlen Beleuchtung. – – –

Und da, wo sich die Gelben angstvoll geschart, blieb alles still. Immer heller wurde der Himmel, immer deutlicher traten rings die Gegenstände aus der Finsternis heraus, – da wieherte eins der Pferde, und schläfrig dehnte sich Franz auf seinem Lager. »Wie kalt!« schauderte er.

Der Führer erwachte und hob den Kopf. Ein durchdringender Ruf klang über das Tal dahin. »Die Amakossa! – Die Amakossa!«

Jetzt wachten alle. Instinktmäßig griffen sie zu den Gewehren, Fragen und Vermutungen schwirrten durcheinander, in weniger als einer Minute standen sämtliche Männer schußbereit. Am Himmel teilte sich die letzte Wolke, der Vollmond erglänzte über dem Waldsaum, – jener Fels, an dem die Buschmänner gelagert, war leer. Ohne Zweifel hatten alle im Schutz der Dunkelheit geräuschlos die Nähe der gefürchteten Feuerwaffen verlassen.

»Das sind Kaffern,« flüsterte nach dem ersten Erschrecken der eingeborne Führer, »Amakossas von den wandernden Stämmen, welche durch Krieg und Raub ihr Dasein fristen. Sie ziehen von Norden nach Süden, überall Feinde, überall Zerstörer; die Urbewohner von Britisch-Kaffraria am Atlantischen Meer, damals geflohen und seit Menschenaltern heimatlos in den Wäldern hausend, während ihre Brüder mit der Kapkolonie Handel treiben und nicht mehr Wilde zu nennen sind. Sie haben die Schüsse gehört und wollen jetzt unsere Gewehre erbeuten.«

Das alles war hastig hervorgestoßen, halblaut, und indem der Sprecher unausgesetzt die Wilden beobachtete. Diese schienen Kriegsrat zu halten, gedeckt durch Bäume oder Felsen. Hinter ihren hohen Schilden verborgen, sprachen sie lebhaft miteinander, offenbar das Pferd verwünschend, welches vor der Zeit ihre Pläne verraten hatte. Sich hinauszuwagen in die Schußlinie dieser blitzenden Musketenläufe, das war nicht geraten; die Amakossa hatten viel zu häufig mit ihren Genossen von der Küste oder mit streifenden Zulus verkehrt, um nicht zu wissen, daß ihnen die Feuerwaffe den Weg versperrte, bevor noch die Hälfte desselben zurückgelegt war. Wo sich ein Kopf ohne Deckung zeigte, da konnte er im nächsten Augenblick von der Kugel durchbohrt sein.

Die Weißen befanden sich in keiner besseren Lage. Wenn ihre unbeschützten Pferde mittels der weittragenden Spieße getötet wurden, so standen sie den räuberischen Kaffern wehrlos gegenüber und mußten nebenbei auch fürchten, die ganze weite Strecke bis zur Küste, mehr als fünfzig deutsche Meilen, nicht zu Fuß zurücklegen zu können.

Der Führer dachte dasselbe. »Ich habe es übernommen, die Herren sicher wieder zur Kapstadt zurückzubringen,« sagte er nach kurzem Besinnen, »das ist aber nur mit guten Pferden möglich. Ich gehe hinaus und bringe die Tiere hinter den Felsen.«

»Wir begleiten dich!« riefen einstimmig die Weißen.

Der Quaqua schüttelte den Kopf. »Ich gehe allein,« beharrte er. »Was liegt denn an dem armen, verachteten Gelben? Wer fragt nach ihm, wenn er nicht wiederkommt? Der Farbige trägt immer ein Brandmal auf der Stirn, – er sollte wild bleiben, wenn er glücklich leben will, ganz wild, die Weißen zählen ihn ja doch niemals zu ihresgleichen. Fort da, junger Herr, ich will keine Begleitung haben.«

Es war Hans, der sich dem Hottentotten zugesellte. »O Karl,« sagte vorwurfsvoll der stille, wenig lebhafte Knabe, »kannst du das zugeben?«

Holm und Franz gingen ohne weitere Worte dem Führer nach und deckten mit ihren Gewehren seinen Körper, als er unter den Pferden hindurchkroch, um sie loszubinden.

Ein Hagel von Wurfspießen schwirrte ihnen entgegen, blindlings geschleudert, nachdem die Amakossa zu ihrem lebhaften Verdruß erkannten, daß sie im ersten Schreck versäumt hatten, sich der Tiere zu bemächtigen und dadurch die Gegner zu entwaffnen. Ein Kriegs- und Wutgeschrei erschallte aus hundert Kehlen, Wurfspieß nach Wurfspieß sauste durch die Luft, Holm hatte den Hut vom Kopf verloren, eine Spitze bohrte sich in Doktor Boltens Schulter, der eine Führer blutete aus drei leichten Wunden, und zwei Pferde waren getroffen, obwohl nicht besonders gefährlich. Dann aber befanden sich auch sämtliche Tiere in Sicherheit, die Weißen konnten aufatmen.

»Schießt nicht!« ermahnte der alte Theologe, während er bemüht war, mit dem Taschentuch das hervorquellende Blut zu stillen. »Schießt nicht, Kinder. Wenn die Wilden einen Angriff wagen, so müssen wir uns natürlich verteidigen, bis dahin aber verhaltet euch ruhig, als sei nichts geschehen.«

»Die Amakossa sind Räuber, diebische Hyänen!« rief erbittert der verwundete Führer. »Man sollte sie niederschießen wie tolle Hunde.«

Der alte Mann sah mit festem Blick dem Aufgeregten ins Auge. »Ich verbiete dir solche Reden und jeden Gedanken an Ausführung solcher Absichten, mein Sohn!« sagte er gelassen.

Der Farbige senkte die Wimper. Er wagte es nicht, die Ehrfurcht gegen das ruhig überlegene Wesen des alten Herrn aus den Augen zu setzen, heimlich aber ballte er die Faust, und selbst Franz konnte sich nicht enthalten zu antworten, daß doch eine scharfe Lehre den Buschkleppern sehr heilsam sein müsse. »So gut wie die abgesandten Wurfspieße nur leichte Wunden verursachten, hätten sie auch den Tod bringen können,« fügte er hinzu. »Und du wolltest der Vorsehung den Dank für eine beinahe wunderbare Errettung durch den Mord an einem unwissenden Wilden abtragen, mein Junge?«

Franz errötete. »Wir sind noch nicht gerettet, Herr Doktor,« antwortete er. »Die Amakossa scheinen uns in aller Form belagern zu wollen.«

»So werden wir uns in aller Form verteidigen, lieber Franz. Sei dessen sicher.«

Die Kaffern hatten während dieser kurzen Unterredung der Weißen ihrerseits den Kriegsrat geschlossen. Einer nach dem anderen verschwanden sie aus dem Tal, so daß es aussah, als sei der Platz von ihnen geräumt, tatsächlich aber war gerade durch diesen Schachzug bewiesen, daß sie zum Verderben der Weißen planmäßig handelten. Der eingeborne Führer erkannte das sofort. »Wir können uns jetzt wieder hinlegen,« sagte er, »ein Angriff wird nicht erfolgen, – man erreicht mit List, was vielleicht durch Gewalt unmöglich wäre.«

»Aber wie denn?« fragte Holm.

»Indem man uns umzingelt und vom Wasser abschneidet. Wer sich auf der freien Fläche sehen läßt, der ist ein Kind des Todes.«

Holm fühlte, wie es ihm kalt über den Rücken herablief, und auch die anderen blieben lange Zeit stumm. Ihrer sieben gegen mehrere Hundert, da war ein offener Kampf ganz unmöglich, – so im Winkel versteckt zwischen Felsen langsam mit der Waffe in der Hand aus Mangel an Nahrungsmitteln zu Grunde zu gehen, das schien aber ein entsetzliches Schicksal. »Ob sich denn nicht durch die Schnelligkeit der Pferde entkommen ließe?« fragte nach langer drückender Pause der ältere Knabe.

»Auf freier Fläche, ja; hier im waldigen, von Bäumen durchzogenen Gebiet unter keiner Bedingung. Die ersten fünfhundert bis tausend Schritt um diese Stelle herum können nur langsam, nicht einmal im Trab zurückgelegt werden.«

»So sind wir also ganz verloren!« rief Franz.

»Noch nicht,« versetzte der Hottentotte. »Ehe wir hier verhungern und verdursten, entschließen wir uns zur Fußwanderung bis nach der Küste. Die Sache geht langsam, aber unmöglich ist sie nicht.«

»Jedenfalls laßt uns daher Pulver und Blei aus den Satteltaschen nehmen, damit wir zur Flucht gerüstet sind,« riet der Doktor. »Wenn nur der Mond nicht so hell schiene!« »In dieser Nacht können wir keinen derartigen Versuch wagen,« entschied der Führer. »Es bedarf dazu nicht allein völliger Dunkelheit, sondern auch der vorherigen genauen Ortskenntnis. Wir müssen wissen, ob und in welcher Stärke die Umgegend besetzt ist.«

»Großer Gott, Führer, was sagen Sie da? – Wir sollten in dieser verzweifelten Lage, ohne Wasser und auf eine enge Felsschlucht beschränkt, noch einen ganzen Tag verharren?«

»Vielleicht noch zwei Tage, drei Tage, Herr, bis der Augenblick zur Flucht herangekommen ist. Das läßt sich nicht voraussagen.«

Eine tiefe Stille folgte diesen Worten. Man hörte wieder die leisen Laute der Natur ringsumher, nichts verriet feindliche oder zerstörende Absichten; fast schien es, als sei doch das ängstliche Hin- und Herreden, das bange Pulsieren des Blutes in den Adern nur ein Spuk der wildbewegten Einbildungskraft, als könne unmöglich an einem einzigen Schritt in dieses blühende Tal hinaus Tod und Leben hängen, ein qualvoller, entsetzlicher Tod fern vom Vaterlande unter den Spießen der rotbemalten Teufel.

Stunden vergingen so; obgleich der Führer wiederholt zum Schlafen mahnte, konnte niemand die Augen schließen, niemand konnte es unterlassen, fortgesetzt zu horchen. Wenn die Wilden Mut genug besaßen, mit plötzlichem, gewaltsamem Überfall die Schlucht zu stürmen, wenn sie es nicht beachteten, daß zehn oder zwanzig von den Ihrigen als Opfer fallen mußten, was dann? Ein kurzer, erbitterter Kampf Mann gegen Mann, und alles war zu Ende. Keine Stimme gab Zeugnis von dem, was in der Wildnis geschehen.

Endlich dämmerten die ersten Morgenstrahlen. In Busch und Wald wurde es lebendig, Vögel sangen, Affen kletterten auf den Zweigen, verspätete Ameisen rannten geschäftig hin und her, das ferne Heulen der Hyänenhunde war allmählich verstummt. Im Tale zeigte sich nichts, auch kein einziger Wilder sah hinter den Bäumen hervor; alles schien still und ausgestorben.

»Ob sie die Sache aufgegeben haben?« fragte mit halbem Zweifel der Gelehrte.

»Ach, da kennen Sie die Kaffern nicht, wir werden in jeder Sekunde bewacht.«

»Führer, haben Sie schon ähnliche Lagen wie diese jemals durchgemacht?«

Der Gelbe nickte. »Unser Kraal ist mehr als einmal von den Amakossa überfallen worden,« antwortete er. »Die Leute sind weder Menschenfresser noch blutdürstige Mörder, aber sie stehlen, und scheuen zur Erreichung ihrer Zwecke kein Mittel. Wenn wir unsere Waffen ausliefern, ebenso die Pferde, so trachten sie uns nicht länger nach dem Leben.«

»So laßt uns das lieber versuchen, Kinder!« rief Doktor Bolten.

Der Führer schüttelte den Kopf. »Unmöglich, Herr. Wie könnten wir ohne Gewehre und Lebensmittel fünfzig Meilen durchwandern? Die Amakossa würden uns nichts, vielleicht nicht einmal die Kleider im Besitz lassen.«

»Woran erkennen Sie denn mit so großer Bestimmtheit ihre Gegenwart, Führer?«

»Zunächst an dem Charakter der Kaffern überhaupt und dann an dem Fehlen aller auf dem Erdboden laufenden Geschöpfe. Was fliegt und in den Bäumen klettert, das sehen wir herankommen, aber all die Hunderte von kleinen Vierfüßlern, welche sonst am frühen Morgen zum Flußufer gehen, halten sich fern. Das allein beweist die Nähe von Menschen.«

Er schürte das Feuer und fing an, die Fleischstücke von gestern zu braten. »Wir dürfen uns nicht mutlos zeigen, Herr, nicht aussehen, als fürchteten wir die Halunken; desto länger werden sie einen eigentlichen Angriff hinausschieben. Dort, der große Geier über der Citrusgruppe, holen Sie ihn doch herunter!«

Franz hatte schon angelegt. Die Kugeln aus seiner und seines Bruders Büchse trafen zugleich den in der Luft schwebenden Vogel: mit schrillem Laut sich überstürzend und flügelschlagend, fiel er bis hart vor das Gebüsch, in welchem die Wilden versteckt sein mußten. Ein Schrei aus mehreren Kehlen, deutlich erkennbar, mischte sich in den Klang, – der Führer sah von einem zum andern. »Hören Sie wohl, meine Herren?«

»Wahrhaftig, die Roten sind noch dort,« gestand Franz. »O diese heillose Geduldsprobe.«

Doktor Bolten stellte das Gewehr an den Felsen. »Im Augenblick sind uns alle Mittel und Wege abgeschnitten« sagte er seufzend. »Wir müssen uns darein ergeben und der Sache die erträglichste Seite abzugewinnen suchen.«

Die Decken wurden zu Sitzpolstern verwendet, den Pferden Futter vorgeworfen und einstweilen das Frühstück aufgetragen. Lebensmittel besaß man noch für mehrere Tage, auch wenn nichts Frisches an Fleisch oder Früchten hinzukam, dagegen aber fehlte das Wasser schon jetzt sehr empfindlich. Rum oder alter Portwein, zur Stärkung in kleinen Flaschen mitgenommen, war vorhanden, konnte jedoch trotz seines teuren Preises das klare, kalte, von Mutter Natur geschenkte Quellwasser nicht ersetzen; namentlich die Tiere schnauften und ließen die Zungen heraushängen, so daß der mitleidige Hans leise hinging und recht große tiefsitzende Blätter pflückte, um durch die gesammelten Tautropfen derselben wenigstens einige Linderung zu bringen. Ein vernunftloses Geschöpf leiden zu sehen, tut ja dem fühlenden Menschenherzen so weh.

Die Amakossa gaben kein Lebenszeichen; offenbar lag es in ihrem Plane, die Eingeschlossenen zu einer Unvorsichtigkeit zu verleiten und ihnen alsdann in den Rücken zu fallen, eine Absicht, welche auch ohne die Gegenwart des farbigen, mit derartigen Fuchsfallen genügend vertrauten Führers vollständig erreicht worden wäre. Sie konnten hinter sicherer Deckung zum Wasser gelangen und sich durch Jagd mit Lebensmitteln versorgen, es wurde ihnen also sehr leicht, die Belagerung siegreich zu Ende zu führen, umsomehr als die Kräfte der Weißen in immerwährender Unruhe notwendig aufgerieben werden mußten. Etwa vierzig bis fünfzig Quadratfuß Raum für sieben Menschen, kein Trinkwasser, kein Brennmaterial zum Schutz gegen die nächtliche Kälte, keine freie Bewegung, und, was das schlimmste, sehr bald schon kein erreichbares Pferdefutter mehr, – das konnte unmöglich länger als einige wenige Tage ausgehalten werden.

So berechneten die Amakossa und warteten geduldig.

Der Tag ging langsam vorüber, bleiern und schwer folgte die nächste Nacht, aber immer noch änderte sich nichts. Die Belagerten saßen in dumpfer Ruhe bei einander, gefoltert vom Durst, mehr und mehr hoffnungslos in die nächste Zukunft sehend. Es war unerträglich, den Fluß plätschern zu hören, die ziehenden Wellen zu beobachten und dabei alle Qualen des Verschmachtens zu erleiden; es schnitt ins Herz, die Pferde mit gesenkten Köpfen dastehen zu sehen oder liegend wie im Sterben begriffen, – dennoch aber wollte der Führer bis zum letzten Augenblick aushalten, wollte von Übergabe nichts hören. »Die zweitfolgende Nacht wird ganz dunkel,« sagte er, »dann ist es Zeit zum Handeln.«

»Was wollen Sie tun?« fragte Holm.

»Ich habe meinen Plan,« versetzte der Gelbe.

Damit war das Gespräch wieder zu Ende; es schien, als sei in allen die Lebenskraft dem Erlöschen nahe. So untätig, belagert von einem nur geahnten Feind, laut- und regungslos wie im Kerker die Tage zu verbringen, das war ein entsetzliches Schicksal. Kopf und Augen schmerzten unausgesetzt, eine Art von Lähmung hatte sich aller Glieder bemächtigt, und das Sprechen wurde schwer. Eine Entscheidung mußte herbeigeführt werden, so wie die Sache jetzt war, konnte sie keinesfalls länger bleiben.

»Wenn es nur ein paar Tropfen regnen wollte,« flüsterte Hans, »nur so viel, um ein einziges Mal die Zunge zu befeuchten.«

Holm schwieg. Ihm fehlte der Mut, jetzt zu antworten, daß es in der Nähe hoher, bewaldeter Gebirgszüge nicht regnet, weil die Feuchtigkeit durch den Pflanzenwuchs der Luft entzogen wird; er streichelte nur stumm die heiße Stirn des Knaben. Franz stand am Felsen, düster in das Halbdunkel hinausblickend. »Karl,« sagte er leise und mit unsicherer Stimme, »man sollte für die Güter des Lebens, so lange man sie besitzt, dankbarer sein, – ich – ich habe so oft den Kaufmannsstand langweilig und das Sitzen am Pult trostlos genannt, – das war unrecht von mir.«

Holm lächelte. »Nun, da du den Wunsch deines Vaters, dich zum Geschäftsnachfolger zu erziehen, nicht erfüllen wolltest, so bist du Naturforscher geworden,« antwortete er. »Was davon unzertrennlich ist, das mußt du in den Kauf nehmen.«

Franz sah ihn an. Die tiefliegenden Augen des Knaben glühten vor Erregung. »Und wenn wir alle hier sterben, Karl, dann – bin ich schuld daran.«

»O nicht doch, Junge. Was ficht dich an? – Schau dorthin, der Quaqua bereitet sich zu seinem großen Plane.«

Der Gelbe war beschäftigt, den Pferden die letzten erreichbaren Blätter und Gräser vorzuwerfen, dann zerschnitt er eine der Wolldecken und umwickelte mit den einzelnen Streifen die Hufe der Tiere. »Geben Sie mir jetzt die Büchse mit Zündhölzern!« bat er, und nachdem ihm Holm das Verlangte gereicht fuhr er kopfnickend fort: »Sie kennen die Stelle, wo etwas oberhalb dieser Lichtung ein Quell aus dem Felsen springt? Nur hundert Schritte von hier, – wir hielten bei unserem Kommen dort an, um die Pferde zu tränken.«

»Ich weiß es,« antwortete Holm. »An den Zitronenbäumen vorüber und neben der Felswand hinlaufend. Aber –«

»Wenn ich Ihnen zurufe: ›Jetzt!‹ dann nehmen Sie die Pferde an die Zügel und gehen mit denselben auf diesem Wege bis zum Quell,« fuhr eilfertig der Gelbe fort. »Dort treffe ich Sie und wir reiten über die Ebene, einerlei ob das auf unserem ursprünglich verfolgten Wege liegt oder nicht. Haben wir zehn Minuten Vorsprung, so können uns die Amakossa nichts mehr zuleide tun.«

Holm schüttelte den Kopf. »Aber sollten denn an der Felswand keine Wächter stehen?« fragte er.

»Bis jetzt gewiß. Sie dürfen auch erst dann gehen, wenn ich das Zeichen gebe, nicht früher, so lieb Ihnen Ihr Leben ist. Also aufpassen!«

Und fort war er, mit unhörbaren Schritten hinaus in die freie, offene Talfläche, welche sich zum Flusse hinab erstreckte. Den Zurückgebliebenen klopfte das Herz in banger Erwartung, Auge und Ohr verdoppelten, verzehnfachten ihre Anstrengungen, um den kühnen Mann auf seinem Wege zu begleiten, um durch die dichte Finsternis zu sehen und auf dem Gras noch Schritte zu hören. – – –

Vergebens, es blieb alles still. Der Gelbe mußte keinem Feind begegnet sein. Aber was wollte er tun, womit die Amakossa von jenem Felspfad hinweglocken?

Ein langgezogener, dumpfer Laut durchhallte die Umgebung, ein blaues Flämmchen blitzte knisternd auf, und ein Knarren oder Schaben wurde hörbar. Bald hier bald dort einen Kreis beschreibend, erglühten die schnell verlöschenden Flammen. Im Gebüsch auf der anderen Seite regte sich's, Menschenstimmen schrieen durcheinander, Angstrufe störten die Ruhe der Nacht. Immer schneller, immer näher dem Versteck der Amakossa folgten sich die aufblitzenden Feuerfunken.

»Unsere schwedischen Zündhölzer,« raunte Holm. »Der kecke Patron setzt damit das ganze Kaffernheer in Schrecken!«

Die Amakossa brachen fliehend durch das Unterholz. Wo sich böse Geister in das Spiel mischten, wollten sie offenbar nicht länger ausharren. Jenes Brummen und Schaben, die gespenstischen, knatternden Lichter brachten sie um alle Fassung. Und jetzt fiel plötzlich die Flamme in das Gebüsch, dürres Gras loderte hoch empor, griff züngelnd um sich und lief den Wilden nach, vom Wind getragen, rauchverhüllt, das Tal in um so tieferem Dunkel zurücklassend. Sie verschwanden wie Schatten vor der Sonne.

Ein langgezogenes »Jetzt!« noch immer in dem ersten dumpfen Tone, drang zu den Weißen hinüber. Holm hatte bereits zwei Pferde am Zügel erfaßt, die anderen taten dasselbe, und das letzte Tier folgte freiwillig, während draußen auf der Ebene das Brummen, das Stampfen und Schlagen zu lautem Lärm überging.

Zwei Pferde am Zügel führend, die Pistole schußgerecht in der anderen Hand, so drangen die sechs Männer vorwärts. Trotz der umwickelten Füße würden aber dennoch die Schritte der Tiere hörbar gewesen sein, wenn nicht der Hottentotte klüglich den Feind in eine Aufregung versetzt hätte, die ihm alles Beobachten unmöglich machte. So sehr auch die Herzen klopften, so angestrengt die Blicke spähten, es zeigte sich keiner der Roten, es hinderte nichts die langersehnte Flucht. Man kam zum Quell, Menschen und Tiere tranken einträchtig neben einander, Menschen und Tiere dankten dem Himmel für das köstliche, neues Leben spendende Naß, die einen in halbgedachten, halbgestammelten Worten, die anderen in kräftigem, von lautem Schnaufen begleiteten Schütteln des Kopfes. Man übergoß sich das heiße Gesicht, man badete die Hände und konnte nicht satt werden, immer wieder und wieder zu trinken. Die Führer füllten ihre Flaschen, das Gepäck war aufgeladen, einer nach dem anderen stieg in den Sattel, aber – wo blieb der Gelbe?

Man ritt bis an den Ausgang des Gebüsches, die Ebene lag im Halbdunkel ohne einen einzigen Baum weitgedehnt vor den Blicken; links erhob sich dichter, ragender Hochwald, alles war still, die Gelegenheit so günstig, aber ohne den tapferen Quaqua doch an keine Entfernung zu denken. Wenn er nur käme! –

Drüben wälzte sich das Feuer durch die Gesträuche dahin. Unmöglich konnten dort noch Wilde versteckt sein, sie mußten sich also in der Nähe befinden, und die Gefahr kehrte vielleicht im nächsten Augenblick zurück. Wo blieb der Hottentotte?

»Gelungen!« flüsterte eine Menschenstimme. »Hier bin ich!«

Er schwang sich unter dem einstimmigen »Gott sei Dank!« der ganzen Reisegesellschaft in den Sattel und schüttelte mit erhobener Hand die schwedischen Zündhölzer. »Ist es ganz recht, daß ein Mann hilft, seine eigenen, armen, unwissenden Brüder zu betrügen?« fragte er halb traurig, halb lachend.

Und noch ein letztes Flämmchen zuckte auf, um den Weg aus dem Unterholz zu beleuchten, die Gefahr des Strauchelns abzuwenden. »Vorwärts, weiße Männer!«

Aber das vorderste Pferd bäumte, es wollte nicht in die Ebene hinaustreten, – der Führer schrie laut auf – »da sind sie! – Vorwärts! Vorwärts!« Die schwarzrote Schar mit Federschopf und Schild brach aus dem Walde hervor. Gellendes Kriegsgeschrei übertönte die Worte des Hottentotten, Ausrufe furchtbarster Wut und des Hasses erfüllten die Luft. Jetzt erst erkannten die Amakossa den ihnen gespielten Betrug, rasend vor Zorn wollten sie Rache nehmen an dem, der sie so erfolgreich zu überlisten verstanden. »Verfluchter Quaqua!« hörte sie der Führer schreien, »der Hundesohn, der falsche Schakal!«

Seine gelben Züge wurden fahl. Er peitschte rechts und links die Tiere, daß sie zusammenschreckend in die Ebene hinausflogen, unaufhaltsam in sausendem Galopp.

Noch eine Minute, eine einzige, und die Amakossa hätten das Nachsehen gehabt. –

.

Die Flucht vor den Kaffern

Ihre Wurfspieße zischten durch die Luft, ein Wutgeheul schallte den Fliehenden nach. – Keiner als nur Franz hörte den leisen Schmerzenslaut von den Lippen des Hottentotten. »Sind Sie getroffen?« fragte er heftig erschrocken.

Die sieben Pferde sausten über die Ebene dahin wie ebenso viele jagende Schatten, lautlos mit den umwickelten Füßen, dicht gedrängt in rasender Eile, als wüßten sie, daß Leben und Tod an ihrer Schnelligkeit hing, daß alles, alles verloren sei, wenn sie jetzt strauchelten oder zögerten. –

Franz sah wie der Führer im Sattel schwankte, er umfaßte ihn mit kräftigem Arm und hörte voll Erschrecken das leise: »Lassen Sie mich liegen und fliehen Sie, – mit mir ist es aus.«

»Gewiß nicht!« rief der warmherzige Knabe, »gewiß nicht! Karl, hilf mir, unser Retter ist verwundet. Ach, könnten wir doch anhalten!«

»Um Gottes willen nicht,« drang es kaum verständlich über die Lippen des Hottentotten. »Mich rettet nichts mehr, – lassen Sie mich fallen.«

Aber Holm und Franz hielten dicht gedrängt von beiden Seiten den unglücklichen Mann, dessen Blut auf dem Gras die Spur bezeichnete. Heller und heller graute der Morgen, welcher diese entsetzliche Nacht vertrieb, in weiter Ferne verlor sich das Schreien der Amakossa. Immer noch flogen die Pferde dahin, bis endlich ein Dickicht von Dubabelbäumen auftauchte und Wasser und grünes hohes Gras den Blick erfrischte. Hans sah zurück. »Es ist kein Wilder mehr erkennbar, Karl,« sagte er, »soweit das Auge trägt scheint alles leer, – laß uns anhalten.«

Der Gelbe konnte schon nicht mehr sprechen; er winkte nur, daß die übrigen fortreiten möchten; diesem Verlangen wurde aber natürlich keine Folge gegeben, vielmehr die Pferde angehalten und der Verwundete sanft auf eine schnell ausgebreitete Decke gelegt. Das Gesicht zeigte bereits jene unheimliche Veränderung, welche dem Tode voranzugehen pflegt, die breite Brustwunde entsandte rote Ströme, und das Auge war halb geschlossen. »Gottlob!« flüsterte er, »ich habe doch – sechs Menschen –«

Seine Stimme brach, die Hand sank matt herab. Da kniete der alte Geistliche neben dem Sterbenden ins Gras und legte voll Milde seine Rechte auf die schon erkaltende Stirn. »Du hast durch deine mutige Tat sechs Menschen vom Tode errettet, mein Sohn,« sagte er herzlich, »du sollst in unserer Erinnerung fortleben als der, welcher sich für uns geopfert, und möge dir der barmherzige Gott ein so gnädiger Richter sein, wie wir alle es für dich erflehen!«

In diesem Augenblick brach golden und glänzend der erste volle Sonnenstrahl aus den Wolken hervor; in unwillkürlicher Ehrfurcht hatten alle die Hüte vom Kopf genommen und umstanden wortlos das Sterbelager des Reisegefährten. Stiller wurde es, immer stiller in der keuchenden Brust, ein friedliches Lächeln umspielte die Lippen, und während der leisen, innigen Trostesworte des christlichen Priesters ging unmerklich die Seele des armen Hottentotten hinüber in das Jenseits, und die Gebete der Geretteten erflehten für ihn vom barmherzigen Vater eine selige Urstätte. – – –

Holm legte mit leiser Hand den Zipfel der Decke über das erstarrte Antlitz. »Mut!« sagte er halblaut, obgleich seine eigene Stimme verändert und unsicher klang, »Mut, Freunde. Wir sind von hundert Gefahren umdroht, wir dürfen uns nicht beherrschen lassen, nicht schwach werden. In jedem Augenblick können die Kaffern hier erscheinen.«

Der alte Theologe hob den Kopf. »Aber unmöglich dürfen wir die Leiche hier den wilden Tieren überlassen! Was haben Sie beschlossen, mein junger Freund?«

Holm sah zum Wasser hinüber. »Zwei von uns müssen den Körper tragen, soweit der Grund des Flusses dies zuläßt und ihn dann versenken, wie ich meine. Wir besitzen kein Mittel, die Erde aufzugraben, ebensowenig aber könnten wir die Leiche mit uns nehmen,« versetzte er.

»Das ist auch unsere Ansicht,« nickten die Führer. Man wusch und reinigte also nach Möglichkeit den Körper des toten Hottentotten, hüllte ihn in eine Wolldecke und band an das Ganze mehrere große Steine. Die Führer warfen ihre Leinenkleidung ab und traten in das Wasser, welches schon nach den ersten zehn Schritten zu tief wurde, um darin noch weitergehen zu können. Vorsichtig und langsam ließen sie unter dem stummen Gebet der am Ufer stehenden Weißen den Körper ihres ermordeten Gefährten hinabgleiten auf den Grund.

»Die Erde ist überall des Herrn,« sagte laut und feierlich der alte Geistliche, »und wo ein guter Mensch begraben liegt, da halten die Engel Wache.« –

Schweigend und ernst, noch tief erschüttert von den durchlebten Ereignissen, suchten alle ihre Pferde, und fort ging es, auf einem anderen Wege der Kapstadt wieder zu.

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