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Das Naturforscherschiff

Sophie Wörishöffer: Das Naturforscherschiff - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Wörishöffer
titleDas Naturforscherschiff
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1941
printrunVierzehnte Auflage
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20070530
modified20150522
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Zweites Kapitel

Fischfang mit dem Licht. Flußpferdjagd mit der »Hansa«. Der Uralte der Gewässer. Dr. Bolten in Lebensgefahr. Heuschreckengenüsse und Hippopotamusbraten. Der Nashornvogel. Naturwissenschaftliche Beschäftigungen an Bord.

—————

 

Nichts vergißt sich schneller als Mühe und Gefahr, nachdem beide glücklich überstanden sind. Kaum waren die mitgebrachten Insekten und Pflanzen in die verschiedenen Sammlungen gehörig eingereiht und Geist und Körper durch etwas Ruhe neu gestärkt, als sich die Knaben auch schon nach weiteren Abenteuern umsahen. Zehn Tage lang mußte das Schiff noch vor dem Hafen von Lagos liegen, um dort seine Ladung Palmöl einzunehmen. Diese ganze kostbare Zeit konnte man unmöglich an Bord verbringen und eben so wenig in der Umgebung von Lagos, die nur aus Busch und Flachland besteht und außer dem Krokodil kein jagdbares Wild mehr aufweist.

»Wir wollen das Schleppnetz auswerfen,« entschied Holm. »Heute abend nach Eintritt der Dunkelheit sollt ihr ein nie gesehenes Schauspiel erleben, den Fischfang vermittelst einer großen Laterne, die das Meer in einer Tiefe von etwa fünfzehn Metern weit umher erhellt und von allen Seiten die neugierigen Bewohner desselben herbeilockt. Morgen machen wir dann vielleicht bei günstigem Wetter mit dem kleinen Bugsierdampfer »Hansa«, der uns des Sonntags wegen von seinen Eigentümern zur Benutzung überlassen werden kann, eine Fahrt stromauf in das Innere hinein. Ich möchte ein paar Flußpferde schießen oder harpunieren.«

»Wenn wir ein Junges fangen und nach Hamburg bringen könnten!« rief Franz.

»Das wird uns nicht so leicht gelingen,« antwortete Holm, »denn die Flußpferde sind äußerst scheu und dabei im gereizten Zustande sehr gefährlich. Außerdem macht der Transport des lebenden Tieres große Schwierigkeiten.«

»Einerlei,« riefen die Knaben. »Auf dem Dampfer befinden wir uns überdies auch in voller Sicherheit. Ist es gewiß, daß wir ihn benutzen dürfen?«

»Ganz gewiß, ich habe heute morgen mit dem Kapitän gesprochen. Nun aber laßt uns das Schleppnetz herrichten.«

Die Kiste wurde geöffnet und das aus Hamburg mitgebrachte Netz hervorgeholt. Im bedeutenden Umkreis mehrere eiserne Ketten, die den Mittelpunkt bildeten, einrahmend, war es ein großes, starkes Fischernetz aus Flechtwerk, das flach auf das Wasser gelegt wurde, und von dessen Zentrum die Lampe herabhing, natürlich vom Bord des Schiffes mittels eines starken hölzernen Hebebaumes in ihrer richtigen Stellung erhalten. Über den betörten, durch eigene Neugier verlockten Fischen mußte sich das Netz sehr leicht zusammenziehen und oben an den Ketten befestigen lassen. Die Lampe selbst war ganz aus Schiffsglas, sehr groß und für vier starke Wachslichter bestimmt; sie hatte am oberen Ende einen wasserdichten Schraubenverschluß, während ihr durch Schläuche Luft zugeführt wurde. Ohne die Lampe folgt ein solches Schleppnetz dem Laufe des Schiffes und wird von Zeit zu Zeit seiner Gefangenen entledigt, mit derselben kann es natürlich nur gebraucht werden, wenn das Fahrzeug völlig still liegt.

Als bei hellem Mondschein und durchaus ruhigem Wetter die Lichter entzündet waren, sammelte sich die ganze Besatzung auf dem Verdeck, und alles sah gespannten Blickes hinab in die Tiefe. Müde von der schweren Arbeit des Tages, nachdem die Ölspuren einigermaßen beseitigt und die Rationen verteilt waren, pflegten jetzt diese lebensfrohen, an Leib und Seele gesunden jungen Leute der Ruhe, indem sie ihren Gedanken nachhingen und müßig die kühlere Nachtluft einatmeten. Einer von ihnen spielte Harmonika, deutsche Weisen klangen über das Wasser hin, und deutsches, gemütliches Beieinander verwischte den Unterschied von Stand und Rang. Wo Hunderte von Meilen zwischen dem Menschen und seiner Heimat liegen, da schließt er sich fester an die Nächsten, da bildet er in weiter Ferne mit dem Genossen der unsicheren Fahrt nur mehr eine einzige, große Familie. Weitab schimmerten die Lichter der Stadt, zuweilen klang von anderen Schiffen her Gesang und Rufen, sonst war alles still, alles dunkel, – nur da unten regte sich mehr und mehr das geheimnisvolle Leben der Tiefe.

Im Umkreis von zehn Schritten hell beleuchtet, bildete das Wasser den Tummelplatz ungezählter Fische und anderer Geschöpfe. Was nie an der Oberfläche erschien, sich nie dem Menschenauge am hellen Tage preisgab, das schwamm jetzt vorsichtig herbei, um den ungewohnten Anblick des Lichtes aus der Nähe zu genießen. Rundlich und platt, größer und kleiner, bald zierlich schlank, bald von außerordentlicher Häßlichkeit, so scharte sich's um den kleinen, hellbeleuchteten Glaspalast da unten in der Tiefe. Zitternde Strahlen umgaben den Mittelpunkt, halbverwischt spiegelten sich Mond und Sterne, und lautlos glitt und krabbelte es in dem beweglichen Element. Zwischen Felsspitzen, deren höchste Ausläufer vielleicht bis zu sechs Metern unter dem Schiffskiel heraufragten, öffnete sich eine Art von Tal, das unzählige lebende Geschöpfe und Organismen bewohnten. Große Einsiedlerkrebse, die sich im heftigsten Kampfe befanden, kleine mit dem Schneckenhause, in dem sie leben, Ringelwürmer, Wasserspinnen, dazwischen die zierlichen Seesterne, Muscheln und Schnecken ohne Zahl – so bevölkerte es, sich mit tausend Gliedern regend, aufgeschreckt durch die plötzliche ungewohnte Helle, den Grund, während weiter oben in den Strahlen der Lampe die verschiedensten Fische herbeieilten.

.

Fischfang mit Schleppnetz und Licht

»Sieh diesen!« rief Franz, »er will das Licht verschlingen!«

Ein lautes Gelächter aller Zuschauer begleitete das komische Gebaren des Fisches. In Kugelform, scheinbar ohne Kopf, häßlich und plump schoß er heran und ebenso schnell wieder zurück, wenn sich die Nase an der Glaswand stieß. Seine Sprünge im Wasser, sein halb keckes, halb furchtsames Vorgehen erregten immer aufs neue die Heiterkeit der Versammelten, dennoch aber konnten sie ihre Aufmerksamkeit nicht diesem, dem Kofferfisch allein zuwenden. Der anderthalb Meter lange und dabei nur daumsdicke fliegende Drache mit Fledermausflügeln, der Drachenkopf mit seinem häßlichen Gesicht und hahnenkammartigen Flossen, der Flughahn mit förmlichen Flügeln, der Seeskorpion mit Hörnern auf dem Kopfe, der Seehase mit breitem Maul und großen Kuhaugen, alle drängten sie sich herbei, um zu staunen.

»Wollen wir nicht jetzt das Netz heraufziehen?« fragte Hans.

»Noch nicht,« wehrte Holm. »Es müssen ein paar Größere mit hinein.«

»Rochen, nicht wahr, Doktor? Ich habe gerade die längste Art hier zahlreich vertreten gefunden.«

»Ah! – da ist schon einer und zwar ein stattlicher Kerl, ein Hairoche von drei Meter Länge! – Und dort noch einer. Nun gibt es Krieg.«

Von zwei Seiten näherten sich die ungeschlachten Tiere mit scheibenförmigem Körper und kaum erkennbarem Kopfe, an dem sich Mund und Kiemenspalten unten, und Augen und Spritzlöcher oben befinden. Die stachlichten Schwänze peitschten das Wasser, die Augen funkelten raublustig; so viel Beute auf einen Schlag, das mochten sie nie erlebt haben.

»Der kleine mit dem kreisrunden Körper ist ein Zitterroche!« rief Holm. »Nun gebt acht, was folgen wird!«

Wirklich schossen auch die beiden großen Fische auf einander zu und begannen sogleich einen erbitterten Kampf. Sich von der Seite her begegnend, versetzten sie einer dem andern die kräftigsten Schwanzschläge, bis endlich der Zitterroche Gelegenheit fand, seinem Gegner einen elektrischen Schlag beizubringen und dadurch den Streit zu entscheiden. Völlig betäubt fiel der Hairoche auf den Grund des Netzes zurück. Die kleineren Fische hatten unterdessen versucht, nach allen Richtungen zu entfliehen; einigen gelang dies auch, die meisten wurden freilich durch das zur rechten Zeit emporgehobene Netz erfolgreich am Entweichen verhindert, und als endlich mit Hilfe mehrerer Matrosen das ganze schwere Netz an Bord geholt war, da zappelte in den Maschen desselben noch eine hübsche Anzahl von Flossenträgern; der kecke Kofferfisch, der arme Geselle, sogar im Maule des Zitterrochens, halbzerquetscht und ängstlich schwanzschlagend wie sein Besieger selbst.

»Das war ein reicher Fang!« rief Holm. »Besonders die Rochen sind ihres Fleisches wegen viel wert, ebenso die meisten kleineren Fische um ihrer Seltenheit willen. Wenn wir sie aus der Nähe besehen haben, mögen sie weiterschwimmen.«

Und so geschah es. Verschiedene gewöhnliche Arten wanderten in die Schiffsküche, während man jene ungenießbaren Fremdlinge der Tiefe barmherzig verschonte und nur einige besonders wertvolle Exemplare zum Ausstopfen vorbereitete.

Der Zitterrochen wurde geschlachtet, um morgen den Mittagstisch in der Kajütte auszustatten. Den gänzlich betäubten Hairochen legte man in die große Deckwaschbalje, um zu beobachten, wann das Leben zurückkehren werde, und nachdem nun in dieser Weise der Fang besorgt war, sprach Holm noch über das Fischgeschlecht im allgemeinen einige belehrende Worte, daß es nämlich nicht weniger als achttausend lebende Arten gibt, daß die meisten davon eßbar sind, und daß nur wenige giftige Gattungen bekannt sind. »Wir werden Schleppnetz und Lampe im großen Ozean erst eigentlich zur Verwendung bringen,« schloß er, »und dort jene interessanten Geschöpfe kennen lernen, die zwischen dem Pflanzen- und Tierreich gleichsam einen Übergang bilden, die Quallen in unzähligen Formen die Korallen und Schwämme, – das alles hat da seine wahre Heimat. Ebenso habe ich für seichte und vor den Haien geschützte Buchten auch einen Taucherapparat mitgenommen. Gewiß sind mehrere unter Ihnen, die sich auf die Anwendung desselben verstehen?« fragte er die Matrosen.

Ein mehrstimmiges »Ich, Herr!« beantwortete diesen Satz, und der alte Steuermann fügte sogar bei, daß auf den Inseln des Stillen Ozeans jeder Mann ein geborner Taucher sei. »Ich habe oft gesehen, wie sie sich dem auf dem Grunde der Bucht behaglich liegenden Hai im Fluge nähern und ihn mit einem Stock oder wohl gar mit der ausgestreckten Hand zum Zorn reizen, damit er an die Oberfläche kommen und sich harpunieren lassen möge,« sagte er.

»Essen denn diese Menschen das Raubtier?« fragten erstaunt die Knaben.

»O, das essen auch wohl noch andere,« meinte der Alte. »Ich habe manchen Hai mit eingefangen und verzehrt, namentlich bei langen Reisen, wo das Trinkwasser faul und das Fleisch knapp wurde. Da nimmt es der hungrige Magen nicht so genau.«

»Aber wenn nun der Hai vielleicht am Tage zuvor einen Menschen gefressen hatte,« rief voll Entsetzen Franz.

»Das mag häufig genug vorgekommen sein, mein Junge. Früher gab es aber auf Schiffen kein Fleisch in luftdichten Blechdosen, wie jetzt, kein eingemachtes Gemüse und keinen Apparat, um das Salzwasser genießbar zu machen, – die Naturwissenschaften haben in den letzten fünfzehn Jahren das Los der Seeleute zu einem vollständig anderen, besseren umgeschaffen.«

»Und wir sind Naturforscher!« rief Hans.

Alles lachte. Der Abend war so schön und die Gemüter so angeregt, daß man an diesem Tage später als sonst die enge, heiße Koje aufsuchte. Früh morgens brachte ein Boot die beiden Knaben mit Holm und ihrem Erzieher sowie einer Anzahl Matrosen von der »Hammonia« an Bord des kleinen Bugsierdampfers »Hansa«, der vor Lagos liegt und die größeren Schiffe über die den Eingang sperrende Barre hinüberschleppt. Des Sonntags wegen war er von den hamburgischen Reedern, denen er gehörte, den jungen Söhnen ihrer Vaterstadt gern zur Verfügung gestellt worden, und so dampfte man denn nach kurzer Küstenfahrt lustig in den stark bewegten Strom hinein. Wahre Riesenstämme erhoben sich zur Rechten und Linken. Mangrovengebüsche drängten sich zuweilen bis weit in das Fahrwasser vor und ein vielgestaltiges Tierleben begann die Ufer zu schmücken.

»Zuerst beseht euch die Mangroven,« ermahnte Holm. »Sie werden nur in den Tropen getroffen und sind immer grün; gerade diese Baumgattung ist es, die an der afrikanischen Küste das Landen so sehr erschwert. Jeder Busch bildet für sich ein kleines Wäldchen.«

»Wie langes Haar hängt es von den Zweigen herab!« rief Franz.

»Das sind die Wurzelfasern. Jede einzelne treibt, sobald sie den Schlamm berührt, neue Schößlinge und wächst, selbst noch zum Mutterstamme gehörig, wieder als faserbildender Busch empor. Dadurch entstehen die gefährlichen tropischen Sümpfe, welche, weder Land noch Wasser, pestartige Dünste aushauchen und den wilden Tieren als Aufenthalt dienen. Unter und zwischen den engverbundenen Stämmen bilden sich ganze Moräste sowohl als auch Grasflächen.«

Immer dichter und üppiger wurde das Gewirre. Schlanke Stechpalmen ragten daraus hervor, himmelhohe Farne wiegten sich im Wind, und ungezählte Blumen durchflochten das Ganze. Auf den Wipfeln der Bäume nisteten zu ganzen Scharen Fischaare und Eisvögel, im Gras unter denselben lagen Wasserböcke, Rohrböcke und Buschböcke. Andere wilde Tiere zeigten sich nicht, nur einmal ein Leopard, der aber schleunigst das Weite suchte. Der Strom wurde zuletzt immer schmäler und mündete in einen See, von welchem mehrere Arme in verschiedene Richtungen ausliefen. Einen davon bezeichnete der Kapitän des Dampfers als den Hauptaufenthalt der vielen in dieser Gegend lebenden Flußpferde. »Sie stecken im Schilf,« sagte er, »und betreten am Tage nur selten das Ufer. Man hört sie wie Ochsen brüllen und sieht sie das Wasser aufblasen, aber ganz nahe kommt man ihnen fast nie.«

Das größte Boot wurde nun ausgesetzt und bemannt, unsere Jäger nahmen Platz und fort ging es in den schmalen Flußarm, mitten in das Herz der grünen Wildnis hinein. Die Ruderer mußten natürlich oft mit den Rudern gegen das Schilf stoßen, mußten die Mangrovenfasern zurückschlagen oder durch natürliche Laubgänge fahren, sie hielten zuweilen auf Holms Bitte gänzlich an und entdeckten auch selbst an manchen Stellen Neues und Schönes, das erst besehen wurde. Hier ein Dorf oder eine Kolonie der kleinen fleißigen Webervögel, die ihre Nester aus Halmen glockenförmig und enggedrängt neben einander unter die Baumzweige hängen, dort Nashornvögel in der ganzen Pracht ihrer Farben und etwas weiter hin Herden gefleckter scheuer Antilopen. Wohin das Auge traf, begegnete ihm Schönheit, lockte der Zauber des Waldes zum Ausruhen, zum Genießen, – nur die gewünschten Flußpferde zeigten sich nicht.

Plötzlich – horch! unter den Mangroven zur Linken regte sich's. Das Wasser kräuselte, die Zweige rauschten, und einige kleine Vögel flogen erschreckt davon, dann wurde wieder alles still. Die Reisenden sahen einander an. »Was war das?«

»Vorsichtig!« ermahnte Doktor Bolten. »Jede Art gefährlicher Raubtiere lebt hier herum.«

»Aber in das Boot hinein kann keines kommen. Ich will einmal nachsehen, was sich da bewegte!«

Und Franz fuhr mit dem Ruder in die Gebüsche hinein. Ein Pistolenschuß, den Holm abfeuerte, begleitete diese energische Nachforschung, aber der Erfolg war anders, als man es erwartete. Ein Schrei aus Menschenkehlen durchzitterte die Luft, ein schwarzes Gesicht, bis an den Mund im Schilf verborgen, sah mit dem Ausdruck der Todesangst zu den Weißen hinüber, während gleichzeitig ein Boot mit etwa zehn Negern an dem der Europäer vorbei das Weite zu gewinnen suchte. Kaum sahen aber die Schwarzen den in bedeutender Entfernung quer vor dem Flußarm liegenden Dampfer, als sie mutlos die Ruder sinken ließen und sich hockend im Kahn zusammendrängten. Die Feuerwaffen schienen ihnen den entsetzlichsten Schreck eingeflößt zu haben.

Erst jetzt entdeckte man, daß der im Schilf stehende Schwarze mittels eines Riemens aus Wurzelfasern am Boot befestigt war. Zwischen seinem Körper und dem Fahrzeug befand sich eine Schnur von etwa sechs Meter Länge.

Die Weißen sahen einander an. Was mochte das zu bedeuten haben? – »Versteht keiner unter Ihnen die Sprache dieser Leute?« fragte Doktor Bolten die Matrosen.

»Ein paar Worte kann ich schon,« meinte einer, »aber viel ist es nicht. Wir müssen die Mohrenkerle zutraulich machen.«

Er nahm aus dem Vorratskasten eine Branntweinflasche und trank etwas von dem Inhalt derselben, dann reichte er sie den Schwarzen hinüber. »Prosit, ihr Affengesichter! Nun laß dir's wohlschmecken, altes Haus.«

Der Mund des Negers verzog sich von einem Ohr zum anderen. Ein Schnalzen mit der Zunge, ein Schlagen beider Hände auf die Kniee bewies nur allzu deutlich, daß er das Feuerwasser der Weißen nicht erst in dieser Stunde kennen lernte. Die Flasche nehmen und sie an die Lippen setzen war eins.

Und nun schien der Bann gebrochen. Die Neger, offenbar auf der untersten menschlichen Bildungsstufe stehend, duldeten es, daß sich das Boot der Weißen seitlängs legte, und daß der Matrose, welcher ihre Sprache verstand, einige Fragen stellte, besonders weshalb denn einer unter ihnen neben dem Fahrzeug her schwimmen müsse.

Die Wilden kamen, nachdem sie etwas zutraulicher geworden, hinüber in das andere Fahrzeug, sie betasteten jeden Gegenstand mit alleiniger Ausnahme der Gewehre, denen sie einen heillosen Respekt entgegen zu bringen schienen, sie ließen sich mit Entzücken Knöpfe, Münzen und sonstige Kleinigkeiten schenken, flüchteten aber vor einer Spieluhr, welche Franz heimlich aufzog und ihnen zeigte, bis in den fernsten Winkel ihres eigenen Bootes hinüber. Erst als sich in ziemlicher Nähe ein lautes, langgezogenes Brüllen hören ließ, griffen sie schleunigst zu ihren Harpunen; der Schwimmende sprang schnellstens in das Wasser zurück und binnen wenigen Minuten wäre die ganze Gesellschaft verschwunden gewesen, wenn sich nicht unterdessen der Matrose mit dem Häuptling derselben verständigt hätte.

»So ist die Geschichte!« rief er. »Na, dann spanne sich nur einer von euch schwarzen Teufeln vor unser Boot; wir nehmen's gar nicht übel, bedanken uns vielmehr ganz ergebenst, denn für uns wäre es durchaus kein Vergnügen, im Schlamm zu krabbeln, aber Flußpferde schießen wollten wir doch gern. Allons! Ihr seid waschecht, euch schadet das bißchen Schmutz nichts!«

Während dieser Rede hatte er durch einzelne Worte und durch Bewegungen die Neger dahin verständigt, daß sie auch die Führung des zweiten Bootes übernahmen. Seinen Reisegenossen dagegen setzte er auseinander, was ihm der Häuptling mitgeteilt. Die Schwarzen waren Flußpferdjäger und ihr Verfahren, um diese Tiere aufzutreiben, ein höchst eigentümliches. Der Schwimmer an der Leine reizt den im Uferschilf verborgenen oder gar auf dem Grunde liegenden Koloß zum Zorne, so daß er an die Oberfläche kommt und harpuniert werden kann. Die Jäger im Boote müssen dann aber mit vereinten Kräften den gefährlichen Widerstand des Tieres zu bewältigen suchen, so daß diese Jagd immer eine äußerst aufregende ist, namentlich da die hölzernen Waffen zwischen den Zähnen des Ungeheuers wie Strohhalme zerbrechen.

Ein zweiter Schwimmer spannte sich vor das Boot der Weißen, auch das Ruder ging in schwarze Hände über und schneller als vorher glitten, nachdem die gefürchtete Spieluhr unsichtbar geworden war, beide Fahrzeuge durch das Wasser dahin. Jenes dröhnende Gebrüll, das schon einmal die Aufmerksamkeit der Neger erregt hatte, tönte jetzt nahe und näher. Der Flußarm erweiterte sich, ganze Strecken von Schilf, bis zu halber Höhe überflutet, dehnten sich nach rechts und links und inmitten desselben lagerten an mehreren Stellen die Weibchen der Flußpferde mit ihren Jungen. Von Röhricht und Wasser verdeckt blinzelten sie mit den dummen Schweinsaugen schläfrig herüber, ohne indessen, da die Boote nicht in ihre unmittelbare Nähe kamen, sich aus der bequemen Stellung, die sie inne hatten, zu rühren. Keiner der beiden Schwimmer nahm von ihnen die mindeste Notiz.

Jetzt aber tauchte plötzlich der eine, worauf unter dem Wasser ein Rauschen und Toben entstand. Die Halme bogen sich, die Wellen gingen höher und höher, das Boot wurde durch einen heftigen Ruck vorwärts gezogen, der Schwarze erschien mit dem Wollkopf über der Oberfläche, um zu atmen und tauchte dann nochmals, – alles während kurzer zwei Minuten.

In dem anderen Boote hielten sämtliche Neger die Wurfwaffen handgerecht; sie schienen zu wissen, daß jetzt der Augenblick der Jagd herangekommen war. Gespannten Blickes verfolgten sie das Toben und Schlagen unter dem Wasser.

Und dann erschien plötzlich unter der trübegewordenen Flut ein plumper Kopf, fast viereckig, mit kleinen Augen und drohenden Stoßzähnen. Einige ruckartige Bewegungen förderten den ganzen Koloß zu Tage und auf die ziemlich flache Uferwand. Prustend und schnaubend, das Wasser aus den beiden Spritzlöchern hoch empor schleudernd, so stand der Hippopotamus, der einzige seiner Art, im Schilf und brüllte wie ein wütender Stier, obgleich seine ganze Erscheinung weit mehr derjenigen des gemästeten Schweines glich. Reichlich vier Meter lang und über zwei Meter hoch, hatte er eine bräunliche, haarlose, purpurn durchschimmerte Haut, einen Hängebauch, der beinahe den Boden berührte und plumpe, schwarze, viereckige Füße, kurz er war alles in allem von so unbeschreiblicher Häßlichkeit, daß nicht einmal der Zorn, welcher ihn im Augenblick beherrschte, dieselbe vergeistigen und wenigstens furchtbar machen konnte. »Laßt uns nicht schießen!« rief Holm. »Ich möchte sehen, wie die Neger diese Jagd zu Ende führen.«

Im selben Augenblick schwirrten auch schon die Harpunen durch die Luft, und wenigstes ihrer sechs zitterten an den langen Leinen, welche sie hielten, im Fleische des Ungeheuers. Jetzt mochte dieses die Gefahr begreifen; es wollte, dem ersten Antrieb gehorchend, flüchten und trat rückwärts, aber schon waren sämtliche Neger Hals über Kopf aus dem Boot an das Ufer gesprungen und zogen mit vereinten Kräften das Tier zu sich heran. Die mächtigen Kinnladen schlugen voll Wut gegen einander, der Körper, bluttriefend und von Wunden zerrissen, bog sich mit der größten Anstrengung nach hinten, die plumpen Füße glitten aus und die ganze schwere Masse stürzte vor Schmerz brüllend in dröhnendem Fall auf den Erdboden.

Noch während ihm die Eisenwaffen der Neger den Garaus machten, schlug der Hippopotamus mit den Füßen um sich und zerbiß, was er erreichen konnte; jetzt aber war sein Schicksal besiegelt, schon nach wenigen Augenblicken hatte er aufgehört zu leben. Unter dem Jubelgeschrei der Schwarzen wurde er sofort in Stücke zerlegt, auch die Weißen verfolgten das anregende, ungewohnte Schauspiel mit dem lebhaftesten Interesse, und eben wollten sich die Knaben an Land begeben, als plötzlich der Schwimmer einen lauten Ruf ausstieß. Dicht vor dem Boote erschien ein behaarter Kopf, dem alsbald der ganze Körper folgte. Ein dumpfes, anhaltendes Gebrüll, die dunklere Farbe und die erstaunliche Größe zeigten das alte, zornige Männchen; die gelbgefärbten, spitzen Hauer ragten bedrohlich aus dem weitgeöffneten Maul hervor, und die ganze Haltung bewies, obwohl sich das Tier scheinbar ruhig verhielt, daß es dennoch zum äußersten entschlossen sei.

Die Neger ließen bei diesem Anblick plötzlich ihre blutige Arbeit fallen und warfen sich mit den Gesichtern in den Sand. Einer unter ihnen ging mit vorgehaltenen Händen, ohne Waffen, zitternd an allen Gliedern, der Stelle zu, wo mitten im Schilf das kolossale Tier, der Behemot unserer christlichen Überlieferung, brüllend mit gesenktem Kopfe dastand. Nur der Matrose, welcher vorhin die Schwarzen angeredet, verstand was er sagte. »Du bist der Uralte dieser Gewässer, du bist der Mähnenträger, der furchtbare, den Abosam gesandt, du bist es, der schon die jungen Leute mit seinen Hufen zertreten hat, als unsere Großväter an deinen Weideplätzen wohnten, und der noch das dritte und zehnte Geschlecht nach uns zertreten wird, bis der Geist, welcher in den Wolken wohnt, die Erde nehmen und sie zerschmettern mag wie einen Ball. Wir verfolgen dich nicht, Furchtbarer, wir haben dich nicht gerufen, – geh zurück in dein Reich.«

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Der »Uralte der Gewässer«

Die Worte wurden in singendem, beschwörendem Tone gesprochen, und nachdem sie der Neger beendet, fing er an zu tanzen. Es war aber ein sonderbarer, fast schauerlicher Tanz, dem der Ausdruck des Entsetzens in den schwarzen Zügen eigentümlich widersprach. Sich langsam von einer Seite zur anderen drehend, behielt er fortwährend den Feind im Auge, hob plötzlich, den Oberkörper zurückbiegend, beide Arme über den Kopf und schlug dann mit den Händen von oben nach unten durch die leere Luft. Der Hippopotamus blieb in seiner zuwartenden Stellung, von Zeit zu Zeit brüllte er eine kurze, herausfordernde Antwort oder spritzte hohe Wasserstrahlen durch die Nasenlöcher hervor, dann sah er sich wieder im Kreise um und peitschte ungeduldig die Wellen. Es schien, als sei er auf einen Angriff gerüstet.

Der Matrose hatte unterdessen die Worte des Negers ins Deutsche übersetzt. »Was meinen Sie, Herr Doktor,« fragte er blinzelnd, »wollen wir dem Uralten eins auf seinen borstigen Kopf brennen, daß er es vergißt, mit den großen Elefantenfüßen die schwarzen Kerle zu zertreten? Mir deucht, das wäre ein kapitaler Spaß.«

»Sie sehen ihn für eine Art von bösem Geist an!« rief Franz. »Laßt uns die Bestie niederschießen, damit die armen, unwissenden Menschen ihren Irrtum erkennen.«

»Wo ist der Schwimmer geblieben?« fragte Holm. »Wahrhaftig, auch der hat sich beizeiten aus dem Staube gemacht.«

»Feuer!« kommandierte Doktor Bolten. »Wenn die mißleiteten Heiden das Blut fließen sehen, so werden sie sich ja nicht länger vor ihrem Behemot fürchten.«

Mehrere Schüsse krachten zugleich, ein Schreckensschrei der Neger begleitete den Schall, und über das ganze Boot hin spritzten schlammige Wellen. Das Flußpferd raste förmlich. Die schwarzen Borsten an der Nase und den Ohren standen kerzengerade empor, der ungeheure Kopf riß ganze Büschel von Schilf und Ranken aus den Uferwandungen, das Gebrüll glich dem fernen Rollen des Donners. Es blutete aus mehreren Wunden, ohne tödlich getroffen zu sein.

Der Neger, welcher vorhin getanzt hatte, lag jetzt neben den übrigen im Sande, aber nicht ohne fortwährend seine Beschwörungsformeln zu murmeln und die Hände über den Kopf zu erheben. Das Wort »Abosam« (Teufel) wiederholte sich häufig, der Ton aller dieser Worte verriet die innerste Herzensangst.

»Das Tier ist nur leicht verwundet!« rief Holm. »Wir müssen auf die Augen zielen. Feuer.«

Eine zweite Ladung von Kugeln traf den Dickhäuter, zugleich aber trieben die Wellen, durch das Stampfen und Toben des wütenden Flußpferdes in Bewegung gebracht, den Kahn bis in die tiefere Mitte des Wassers. Der getroffene Koloß, halb und halb schon taumelnd im letzten Kampfe, brüllend vor Schmerz und Wut, näherte sich mit ungestümer Bewegung dem Boote und packte von oben und unten den Rand desselben. Die gewaltigen Hauer schlugen tief in das Holz hinein, die breite Brust hob wie einen Strohhalm das Fahrzeug empor und warf es samt allen seinen Insassen mit solcher Macht in das Wasser, daß dieses hoch aufspritzte und im zischenden Strudel das Boot weit hinausschleuderte. Kieloberst schaukelte es im Schilf, – von den Weißen war keine Spur mehr zu sehen.

Das Flußpferd taumelte, machte Schritte nach rechts und links, schüttelte den Kopf wie in unerträglichem Leiden und fiel schwer zurück in das Schilf. Nur halb vom Wasser verborgen, lag es tot und regungslos da. Die Neger verbargen noch immer ihre Gesichter.

Mitten im Wasser arbeitete und kämpfte es, ein Kopf kam zum Vorschein, – Franz sah aus den Fluten hervor. »Helft doch!« rief er mit lauter Stimme, »um des Himmels willen, so helft doch! Wollt ihr denn um eurer unsinnigen Furcht willen andere Menschen ertrinken lassen?«

»Hierher, Franz!« rief hinter dem Knaben der junge Gelehrte. »Faß an.«

Er hatte sich halben Leibes aus dem Wasser herausgearbeitet und hielt in seinen Armen den jüngeren Knaben. »Ach, das ist gut, Hans kommt schon wieder zu sich! – Jetzt rasch, damit wir unseren alten Freund noch rechtzeitig finden.«

Er hob den taumelnden Knaben an das Ufer, und nun begann auf dem Grunde des Flusses die eifrigste Nachforschung, der sich auch binnen wenigen Augenblicken sämtliche Matrosen anschlossen. Es war allen gelungen, die Oberfläche zu erreichen, nur Doktor Bolten allein mußte, vielleicht vom Schilf zurückgehalten oder von einer Ohnmacht ergriffen, dem Anschein nach als verloren gelten. Selbst sein Körper konnte nicht entdeckt werden.

Die Neger hockten im Kreise um den gefallenen »Uralten« ihrer Flüsse. Sie sprachen mit ihm, sie betasteten vorsichtig seinen großen Kopf und schlugen mit Binsen auf die dunkel gefärbte, haarlose Haut, ohne sich im mindesten um das Geschick der Fremdlinge zu bekümmern. Als sie sich überzeugt hatten, daß das Leben des Gefürchteten entflohen sei, faßten sie sich wie Kinder an die Hände und begannen einen Freudentanz, wobei sie sich abwechselnd auf den Rücken warfen und in rasender Eile herumwirbelten. Sowohl ihre Jagdbeute als auch die Feuerwaffen der Weißen waren vergessen, – nur daß der Abkömmling Abosams tot vor ihnen dalag, schienen sie zu begreifen.

Die Stimme des Matrosen rüttelte sie auf. »Wollt ihr gleich Hand ans Werk legen, ihr schwarzen Teufel!« rief er. »Wir vermissen noch einen Mann, helft uns ihn wiederfinden.«

Die Neger drängten sich schnatternd zusammen, und nach kurzer Beratung trat der, welcher ihr Anführer zu sein schien, vor. »Ob die Weißen den Körper des getöteten Tieres herausgeben und darauf keinen Anspruch machen wollten?« fragte er zögernd.

»Alle fünfhundert Peitschen, die ihr aus dem Fell schneiden könnt, sollen euch auf dem schwarzen Rücken tanzen, wenn ihr nicht zugreift!«

Diese kräftige Ermunterung genügte, um alle Unverschämtheit in Respekt zu verwandeln. Die ebenholzfarbigen Männer tauchten unter das Wasser wie Enten, oder schwammen dem Boote nach, holten vom Grunde die Ruder und Gewehre herauf und suchten emsig den Körper des offenbar Ertrunkenen. Ehe mehrere Minuten vergingen, brachten sie den ganz von Schilf und Wasserpflanzen umstrickten Körper an die Oberfläche. Doktor Bolten hatte allem Anschein nach aufgehört zu leben.

Die Schreckensrufe der Knaben unterbrachen das lastende Stillschweigen; einer nach dem andern versammelten sich alle, Matrosen, Neger und die Reisegefährten selbst, um den unglücklichen, seinen Freunden so teuren Mann, auch Hans schlich herzu, obgleich er sich selbst kaum auf den Füßen halten konnte. Niemand dachte an die Gefahr der Lage, an die durchnäßten Schießwaffen und verlorenen Lebensmittel, sondern aller Augen verfolgten gespannt und ängstlich die Bemühungen Holms, der nun den Ertrunkenen nach ärztlicher Weise zu behandeln begann. Zuerst legte er unter Beistand der Matrosen den Körper auf Bauch und Gesicht, um das eingedrungene Wasser herausfließen zu lassen, und dann brachte er seinen Mund an den des anderen, fortwährend aus allen Kräften in die untätigen mit Blut überfüllten Lungen Luft hineinblasend, während zugleich Franz die inneren Handflächen rieb, und ein paar Neger die entblößten Füße mit Nesseln peitschten. Aber trotz aller dieser vereinten Bemühungen dauerte es lange Zeit, bevor der Verunglückte die ersten Lebenszeichen gab; man verbrachte eine angstvolle halbe Stunde und fing schon an, die Sache als hoffnungslos fallen zu lassen, da endlich kehrten Wärme und Atem zurück, die Lippen bewegten sich, und ein Schauer durchlief den ganzen Körper. Es galt jetzt nur noch, die gesunkenen Kräfte des alten Mannes durch einige stärkende Nahrungsmittel wieder zu beleben und ihn, ehe das Bewußtsein erwachte, wenigstens in trockene Gewänder zu hüllen.

Da das Negerdorf etwas weiterhin unmittelbar am Flußufer lag, so wurde langsam der Weg dorthin fortgesetzt. Einige Schwarze blieben bei den erlegten Tieren zurück, die anderen ruderten, und nach wenigen Minuten war die kleine Niederlassung erreicht. Mitten im Walde belegen, nur aus einer geringen Anzahl von Hütten bestehend, zeigte sie sich als das Bild trostlosester Armut. Zwischen Pfützen und Lachen, in denen sich Schweine mit verschiedenem Geflügel einträchtig tummelten, sah man die spitzen Rohrdächer der Wohnungen oft an mehreren schwankenden Pfählen befestigt, ohne daß zwischen diesen letzteren irgend eine Wand zu entdecken gewesen wäre. Wie alle Negerhäuser etwas über dem Erdboden belegen, also Pfahlbauten, hatten sie einen dürftigen Bambusfußboden und ein paar Matten zur Lagerstatt, weiter nichts; nur die allerwenigsten zeigten feste Wände.

Frauen und Kinder liefen den Ankömmlingen entgegen, hundert Stimmen sprachen zugleich; das gutmütige Völkchen brachte den schrecklichen Kaffee der Kolanuß sowie den Branntwein, welcher vielfach in tropischen Ländern aus den Wurzeln einer Pfefferart gewonnen wird, kurz die schiffbrüchigen Fremdlinge wurden außerordentlich gastfrei aufgenommen, und als endlich der langsam Erwachende in Matten gehüllt sicher gebettet lag, als Holm erklärte, daß nun alle Gefahr vorüber sei, da kehrte bei den Knaben das Vergnügen des Abenteuers, das Verlangen, sich die Negerhütten näher zu besehen, mit Macht wieder in die Herzen zurück. Sie mußten ja ohnehin die nassen Kleider am Körper trocken laufen und spürten auch infolge des kalten Bades einen Hunger, der ihnen nur durch die Gastfreundschaft der Schwarzen gestillt werden konnte. »Gib acht,« flüsterte Franz, »man setzt uns Affenbraten vor, – ich habe das bei den Gallinas erlebt.«

So wohl sollte es indessen den jungen Naturforschern nicht werden. Als die ganze ausgehungerte Schar so plötzlich über das arme kleine Dorf herfiel und vor allen Dingen essen wollte, da erschien auf den großen, grünen Blättern, welche Teller und Tafeltuch zugleich vertreten mußten, ein Gericht, das sämtliche Deutsche dem Aussehen nach für geschnittenen weißen Kohl hielten, und das in einer Art von Pfanne auf offenem Feuer vor den Hütten geschmort worden war. Franz roch daran, »Essig gibt's hier nicht, – schade!«

Der Matrose hob ein paar Fäserchen von seinem Blatt empor. »Das sieht mir aus wie Mückenbeine!« sagte er bedenklich. »Hm, hm, auf dem Halm oder sonst aus irgend einer Wurzel heraus ist die Geschichte nicht gewachsen.«

Hans schauderte. »Sie meinen doch nicht, daß es Tiere sind, Maat?«

»Sehen Sie einmal dahin, junger Herr! Rechts auf Ihrem Teller lebt das Gericht noch und will eben jetzt mit geknickten Beinen Reißaus nehmen, – Heuschrecken, sage ich Ihnen; leibhaftige Heuschrecken.«

Und so war es wirklich. Zu Tausenden auf dem Felde eingefangen, wurden diese Tiere von den Wilden zwischen zwei flachen Steinen zermalmt und mit etwas Fett und Gewürz einige Augenblicke lang der Hitze ausgesetzt. Daß dabei das eine oder andere arme Geschöpf nur halb getötet worden und noch lebend und zappelnd in die Glutpfanne gelangt war, – nun das ließ sich nicht ändern. Es schmeckte auch roh gut, wenigstens verspeisten die reichlich umherspielenden Kinder mit Behagen jedes Insekt, das ihnen über den Weg lief.

Den Deutschen war der Appetit gründlich vergangen. Etwas anderes als das graugrüne, unangenehme Gemisch vor ihnen gab es in dem Negerdorf nicht, was blieb daher übrig, als zur Unglücksstätte zurückzufahren und ein tüchtiges Stück Fleisch des erlegten Dickhäuters herbeizuholen? Gedacht, getan! Zwei Matrosen mit den Knaben ruderten wieder stromauf, während die beiden anderen bei den durchnäßten Gewehren Wache hielten und dieselben so gut als es ging von dem eingedrungenen Wasser reinigten. Als die Abgesandten mit einem tüchtigen Braten beladen wieder anlangten, wurde ein starkes Feuer entzündet, Pfefferkörner und Salz mit einigen frischen Lorbeerblättern, einer Zwiebel und einer Menge grüner Bohnen, die reichlich rings umher wuchsen, zum Feuer gesetzt und das abgewaschene Fleisch hinzugetan. Ein Matrose spielte den Koch und gab ganz ernsthaft den übrigen seine Befehle. »Sie, junger Herr, pflücken Sie gefälligst ein paar reife Melonen, die ich dort in großer Menge wachsen sehe, und Sie, besorgen Sie für die Gesellschaft einige Teller! Flache Steine wären mir aber bei meiner armen Seele lieber als Blätter, denn ob das Fleisch sehr mürbe werden wird, steht einstweilen noch dahin, – wir müssen es vielleicht nachdrücklich mit dem Messer bearbeiten. So, jetzt wäre die Hauptsache getan. Im Fall es ein Schweinebraten sein sollte, müssen wir uns Zwiebel und Lorbeer, im Fall es ein Pferdebraten ist, die Bohnen hinwegdenken. Ein weiser Haushalter bereitet sich vor auf alle etwa eintretenden Verhältnisse, und wer noch keinen Hippopotamus verspeisen half, der kann nicht wissen, wie er schmeckt. Ich habe gesprochen!«

Die übrigen lachten. Wie der helläugige, spitzbübisch lächelnde Sohn Hammonias mit untergeschlagenen Beinen, den Eisenlöffel in der Hand, vorm Feuer saß und Befehle gab, die alle sofort befolgt wurden, da schwand aus den Herzen der letzte Schatten des Unbehagens, Franz pflückte Beeren und Früchte verschiedenster Art, Hans sammelte Nüsse für den Nachtisch, ein Matrose zerrieb zwischen zwei Steinen die reifen Maiskörner, um Mehl für einige Klöße zu gewinnen, und der letzte suchte die nötigen Teller zusammen, welche dann im Flusse erst einer gründlichen Reinigung unterzogen wurden.

Als Franz zur Feuerstelle zurückkehrte, hob der Matrose den Deckel vom Topf. »Nun, junger Herr, wonach riecht's?«

Franz beugte sich über die wallenden Dampfwolken. »Nach etwas außerordentlich Gutem, Maat! Ich glaube, es wird ein Schweinebraten!«

Er nahm mit dem Taschenmesser eine Bohne aus dem brodelnden Gemisch heraus und aß sie mit Behagen. »Noch nicht gar,« erklärte er, »aber sehr schön schmeckend. Ob wohl diese schwarzen Menschen gar keine Gemüse essen?«

»Das wollen wir gleich sehen.« Und der Koch nahm aus dem Gefäß einen Löffel voll Bohnen, den er zierlich gegen eine der anwesenden Frauen vorstreckte. »Diese ehrenwerte Madame oder das gnädige Fräulein – man weiß hier nicht so recht, wie es mit den Titeln steht – hat schon seit einer Stunde heimlich die Heuschreckenpastete benascht,« sagte er, »immer wenn ich zur Seite sehe, schwebt so ein unglücklicher Grashüpfer zwischen den schwarzen Fingern und den greulichen, spitzgefeilten Zähnen, die edle Dame muß also einen gewaltigen Hunger im Kamisol haben. Don't schenir you!«

Mit dieser letzteren, aus englisch und deutsch in freier Bearbeitung zusammengesetzten Ermunterung bot er der Negerin den Inhalt des Löffels, aber eine hastige, abwehrende Antwort, nur dem Tone nach verständlich, schallte ihm entgegen. Die Schwarze wandte sich schaudernd ab.

Der Matrose zuckte die Achseln. »Kann dir nicht helfen, meine Schöne,« sagte er, »es kommt im Leben allemal auf den Geschmack an. Was tut ihr denn aber mit den Bohnen, he?«

Die Frau mochte den Sinn dieser Frage verstehen. Sie nahm aus einer Ecke der Hütte anstatt aller Antwort eine Handvoll trockner Bohnen und warf sie den Hühnern vor.

»Dazu?« nickte der Matrose. »Würde übrigens den guten Eierspenderinnen lieber die Heuschrecken überlassen und die Bohnen selbst behalten. Aber – chacun à son känguruh, wie, glaube ich, die Franzosen sagen. – Junger Herr, wollen Sie jetzt zu Tische rufen?«

Laut lachend sprang Franz davon und wandte sich der anderen Seite des Dorfes zu, wo mittlerweile sein alter Erzieher in mehrstündigem Schlaf die Folgen des unvermuteten Bades überstanden hatte. Der würdige Gelehrte steckte bis über die Schultern in einem Haufen von angenehm duftenden, trocknen Farnkräutern, auf dem auch sein Haupt einen behaglichen Ruhepunkt gefunden. Seine Kleider schaukelten an den nächsten Baumstämmen.

Die ohnehin durch das Französisch des Matrosen erregte Heiterkeit schwoll bei diesem Anblick in der Seele des Knaben bis zum lauten, jubelnden Ausbruch. Er warf sich lachend neben dem seltsamen Blätterlager auf die Kniee und küßte seinen väterlichen Freund der so nahe, so nahe an den Pforten des Todes dennoch dem Leben glücklich erhalten worden war. »Wir wollten bei Ihnen bleiben, Herr Doktor,« sagte er herzlich, »aber Karl schickte uns fort, Hans und mich.«

»Daran tat er sehr recht,« antwortete lächelnd der alte Herr. »Es war für euch besser, das kaltgewordene Zeug laufend und springend zu trocknen, als hier zu sitzen und mich schlafen zu sehen. Das Flußpferd hätte mir übrigens um ein Haar den Garaus gemacht, ich stürzte kopfüber in ein undurchdringliches Gewirre von Pflanzenfasern, wollte mich herausarbeiten und geriet immer tiefer hinein, bis ich das Bewußtsein verlor. Die Neger müssen gerade diese gefahrbringende Stelle gekannt haben, sonst würde ich nimmer gefunden worden sein.«

»Sie sind alle wieder zu den erlegten Tieren zurückgekehrt,« berichtete Franz. »Es scheint, als ob sie den Uralten ihrer Flüsse jetzt auch nicht eher aus den Augen lassen wollen, bis er in hundert Stücke zerlegt und seine Wiederkehr unmöglich geworden ist.«

»Jetzt laßt uns nur eilen, um erst einmal tüchtig zu essen,« riet Holm. »Nachher zeige ich euch am Ufer ein Schauspiel, das allerdings nicht großartig, aber höchst komisch ist. Hier, Herr Doktor, Ihre Garderobe, – es scheint alles ziemlich trocken.«

Franz half seinem Erzieher, der sich doch immer noch etwas matt fühlte, und dann wanderten die drei bis zu der Stelle, wo eben die letzten, kugelrunden, von den derben Fäusten des Matrosen gedrehten Klöße gar geworden waren, und wo das fertige Gericht im Topfe dampfte. Freilich beanspruchte das Fleisch recht gesunde Zähne, hatten die Klöße eine gewisse unleugbare Ähnlichkeit mit Bleikugeln, und waren die grünen Bohnen zu Brei zerkocht, aber dennoch aßen alle mit dem besten Appetit und bedauerten nur, den Wilden keinerlei Geschenke machen zu können. Als die Negerboote, beladen mit Jagdbeute, zurückkehrten, und jetzt das ganze Dorf erfuhr, welche Heldentat die Fremdlinge verübt, da war der Bewunderung und des Jubels gar kein Ende. Ein Schwarzer mit einem seltsam geformten, aus Bambus angefertigten Instrument begleitete spielend und tanzend die Gäste, wohin sie gingen, und Frauen und Kinder warfen sich mit den Gesichtern in den Sand.

Durch den Matrosen, welcher ihre Sprache verstand, wurde ihnen ein reiches Geschenk zugesichert, und dann machten die Deutschen am Flußufer in der unmittelbaren Nähe der Niederlassung noch einen kleinen Spaziergang. Weit hinein in den Wald durften sie sich ja ohne alle Waffen nicht wagen.

»Kommt hierher,« erinnerte Holm, »ich wollte euch etwas zeigen.« Er führte die übrigen zu einer Stelle, an welcher der Fluß ein breites, sandiges, ganz flaches Ufer besaß. Dort hatten sich Tausende von Krabben, – die kleinen Soldatenkrabben – eine neben der anderen aufgepflanzt und brachten den Sand mit ihren Scheren zum Munde. Es sah aus, als verzehrten sie die wenig einladende Speise, in der Tat aber sogen sie die darin enthaltenen tierischen Stoffe nur heraus, um ihn dann wieder fallen zu lassen. Ein klingendes, leises Geräusch, aus dem Erdboden herauftönend und wie fernes, leichtes Singen die Luft erfüllend, bezeichnete den Ort als Hauptansiedelung des Krabbengeschlechtes, deren größere Arten in unterirdischen Höhlen wohnen und dort ihre Konzerte aufführen.

Unsere Freunde verhielten sich lautlos, denn bei der geringsten Bewegung tauchten die Krabben in ihre Löcher hinein und verschwanden auf diese Weise buchstäblich bis in den Erdboden, – da bewegten sich unvermutet die niederen Gebüsche zur Seite des Strandes, und ein schwarzer Rüssel streckte sich vor. Kleine, verschmitzte Augen übersahen die freie Fläche, ein leichtes Grunzen wurde hörbar und eine Familie von Warzenschweinen, Papa und Mama mit acht Sprößlingen, erschien in Geschwindigkeit auf der Szene. Das Krabbenkonzert verstummte wie durch Zauberei, die kleinen Soldatenkrabben waren im Handumdrehen verschwunden, und die Schweine schienen um ihre gehoffte Beute betrogen zu sein. Dem war aber nicht so! Die Schlauheit des kleinen Gegners vollkommen würdigend, begannen die Räuber mit ihren plumpen Rüsseln den Sand aufzuwühlen und unbarmherzig die kleinen wehrlosen Geschöpfe zu verschlingen. Ihre häßlichen Köpfe hatten große, hängende, mit Warzen bedeckte Hautlappen, die erwachsenen Tiere, waren in der Größe etwa unserm Wildschweine gleich, von wildem Aussehen, mit einem gefahrdrohenden Gebiß, so daß es nicht geraten gewesen wäre, sich ihnen ohne Waffen zu nähern, namentlich da mehr und immer mehr Familien aus dem Walde hervorkamen, um hier ihre Abendmahlzeit zu halten. Einige Arten gruben auch Wurzeln aus der Erde oder fraßen Kräuter, die meisten aber durchwühlten den Sand nach Krabben.

»So lebt überall auf Erden immer eine Art von dem Untergang der anderen,« sagte Holm, »die Natur aber sorgt für das trotzdem bestehende Gleichgewicht durch den Umstand, daß sich die Raubtiere in ihrer Anzahl zu den geraubten oder Pflanzenfressern wie eins zu sechs verhalten, und daß niedere Geschöpfe, z. B. Insekten, Kerbtiere, Muscheln und kleinere Fische in jedem Jahre nach Millionen neu entstehen, um einigen wenigen Verfolgern zur Nahrung zu dienen. Je wertloser das Einzelwesen, in desto größerer Menge ist es vertreten.« »Wollen wir nicht jetzt, da doch leider keine Jagd mehr möglich ist, noch ein paar Vogelnester suchen?« fragte Franz. »Eine Eiersammlung möchte ich gar zu gern von dieser Reise mit nach Hause bringen.«

»Auch Nester habe ich entdeckt!« antwortete Holm. »Es wohnen hier herum ganze Scharen von Nashornvögeln, in jedem hohlen Baum wenigstens ein Pärchen.«

Man wanderte wieder bis unter die uralten Stämme zurück, und bald sah auch schon aus einem ganz kleinen, kaum handgroßen Loche der schöne, stolze Kopf eines Pfefferfressers hervor, während ein anderes großes und schöngezeichnetes Exemplar derselben Art dicht daneben saß, gleichsam Wache haltend und die Ankömmlinge mit seitwärts geneigtem Kopfe musternd, offenbar das Männchen der gefiederten Hausfrau, welche treulich im Nest ihre Eier behütete.

»Aber,« rief Hans, »wie ist nur der stattliche Vogel dort hineingekommen? Jetzt kann ja kaum mehr der Kopf hindurch!«

»Das möchte ich auch wissen, mein Herr Naturforscher!« fügte Doktor Bolten hinzu.

»So will ich das Rätsel einfach genug erklären!« lächelte Holm, indes Franz bereits den Baumstamm zu erklettern begann. »Wenn das Nest im Innern der geschützten Höhlung erbaut ist, und alles für den Empfang der Jungen vorbereitet, dann vermauert der Herr Papa höchsteigenschnäbelig und sonder Rücksicht den Zugang, so daß Mama nicht mehr heraus kann, sondern wohl oder übel brüten muß, bis die Jungen im Nest zirpen. Freilich soll er bei dieser Gelegenheit auch beweisen, daß ein guter Hausvater es versteht, die Seinen zu ernähren, und ist daher von früh bis spät tätig, um Pfefferkörner aufzusuchen, so daß verschiedene Naturforscher behaupten, er werde unter dieser doppelten Anstrengung mager wie ein Skelett und sitze zuweilen vor Mattigkeit schwankend auf den Zweigen. Erst wenn das Brütegeschäft vollendet ist, wird die Gefangene wieder in Freiheit gesetzt.«

»Ein schöner, stolzer Vogel!« meinte der Doktor. »Schade, daß wir ihn nicht schießen können. Dieser scheint noch keineswegs ermattet.«

»Ich will ihn fangen,« erklärte Franz. »Auf ein paar Schnabelhiebe kommt mir's weiter nicht an.«

Er hatte auch wirklich den Baumstamm bis zum Nest sehr bald erklettert, da aber erhob sich der Vogel und flog fort; es blieb also nur das eingesperrte Weibchen mit den Eiern. »Soll ich das Nest erobern?« fragte lachend der junge Wagehals.

»Greife hinein und sieh nach, ob Eier oder Junge darin sind,« antwortete Holm. »Ist ersteres der Fall, so gib mir ein Ei herunter.«

Franz begann, auf einem starken Aste stehend, das Gemäuer rings um den Zugang her zu zerbröckeln, aber nicht weiter als notwendig war, um die Hand hindurchzubringen, dann verband er dieselbe mit seinem Taschentuch und griff hinein. »Au!« schallte es den übrigen entgegen, »Au! – Es sind Eier! – Au, du boshafte Kröte! wahrhaftig – da hast du eins, Karl! – wahrhaftig bis aufs Blut gebissen.«

Er reichte ein Ei dem jungen Naturforscher, der es gegen das scheidende Sonnenlicht hielt und zu seiner Freude noch ganz unbebrütet fand. Es mochte erst gestern oder heute gelegt worden sein. »Kannst du den Vogel ergreifen, Franz?« fragte er. »Das wäre viel wert!«

»Ich will's versuchen!« rief der Knabe, »aber so leicht bekomme ich ihn nicht. Er beißt wie ein Papagei, – Au du! – Au!«

Holm lachte. »Das kommt mir vor wie jenes Rätsel: Es sieht aus wie eine Katze und miaut und schleicht wie eine Katze. Was ist es? – Ein Kater. So ungefähr ergeht es dir im Augenblick mit dem Verwandten der Papageienfamilie. Erkennst du nicht an Kopf und Schnabel die Art?«

Franz streckte den Arm aus und brachte das an beiden Flügeln gefangene Tier zum Vorschein. »Ja,« seufzte er, »ich erkenne den Schnabel!«

Das klang komisch genug, um selbst ihn trotz seiner blutenden Wunden zum Lachen zu zwingen. Unter allgemeiner Heiterkeit wanderten die Eier in des jüngeren Knaben Strohhut, und dann trat unsere kleine Gesellschaft den Heimweg an. Holm trug an den Flügeln den gefangenen Vogel und machte Franz auf verschiedene Pflanzen aufmerksam, die auch eingesammelt wurden. Plötzlich machte Holm vor einem dichten Gebüsch aus dornigem Gestrüpp Halt und sagte: »Wir haben kein Gummi arabikum zum Kleben, jetzt ist die schönste Gelegenheit da, es zu besorgen.«

»Ich sehe aber keine Apotheke,« entgegnete Franz.

»Wir beziehen unsern Bedarf direkt, ohne Zwischenhändler. Hier dieses Gesträuch ist der arabische Schotendorn, eine Akazienart, die das Gummi ausschwitzt, wie bei uns die Kirschbäume.« Franz trat näher und fand an den Zweigen der Sträucher zahlreiche verhärtete Gummitropfen, die der Dornen wegen freilich mühsam zu sammeln waren. Es gelang ihm aber, Vorrat genug zu gewinnen. Mit Beute mancherlei Art erreichten sie das Negerdorf.

Was aber bisher im Walde unbemerkt geblieben, das zeigte sich jetzt: – der verscheuchte Nashornvogel war seinem geraubten Weibchen von Stamm zu Stamm gefolgt. Selbst bis auf die Zweige der einzeln stehenden Bäume inmitten des Örtchens wagte er sich hinan.

Der Gefangene wurde in einen alten, roh aus Binsen geflochtenen Korb gesteckt, und dieser wohlverschlossen auf den freien Platz gelegt. Sogleich kam das Männchen heran und setzte sich daneben wie früher vor das Nest.

»Wir fangen ihn ein und haben dann ein Pärchen für den zoologischen Garten!« rief Franz. »An Bord kann man schon eine Falle herrichten.«

Der Abschied wurde nun schnell bewerkstelligt, noch ein paar zerquetschte Blätter auf die verwundeten Finger gelegt, und die Gewehre wieder umgehängt, dann ging es fort, dem Dampfer zu. Die Sonne war fast ganz verschwunden, ein schrilles Pfeifen vom Bord der »Hansa« rief die Jäger zurück, und so ruderte man möglichst schnell der Ausmündung des Seitenarmes entgegen, immer gefolgt von dem beharrlich nebenher fliegenden Pfefferfresser.

Vom Schiff aus erhielten die begleitenden Neger reichliche Geschenke, um welche sie sich sofort rauften und schlugen, dann wurde das Boot eingeholt und der Dampfer dem Waldrand so nahe als möglich gebracht. Auf den letzten Zweigen saß flügelschlagend der beraubte Vogel, er beugte den Hals weit vor und ging ängstlich auf und ab, aber das Schiff zu berühren wagte er offenbar nicht.

»Lassen Sie das Weibchen fliegen!« rief der Kapitän. »Diese Tiere pflegen eins ohne das andere nicht leben zu können.«

»So müssen wir es ausstopfen,« versetzte Holm. »Diese Reise ist eben eine wissenschaftliche, und am Ende dürfte auch der Hornvogel nicht besser sein als alle übrigen Geschöpfe, die wir eines vernünftigen Zweckes wegen fangen und töten.«

Dennoch aber ging es auch ihm durchs Herz, als jetzt der Vogel in weitem Kreis das Schiff umflog und dabei einen wahrhaft erschütternden Schrei ausstieß, den das gefangene Weibchen erwiderte. Noch einmal – zweimal schoß er durch den aufsteigenden Rauch dahin, dann kehrte er schweren Flügelschlages zum Lande zurück und blieb auf dem nächsten Baume sitzen.

»Schade! Schade!« brach es über aller Lippen, »er folgt uns nicht.«

Daran ließ sich indes jetzt nichts mehr ändern, und der Dampfer verfolgte seine Bahn, bis er die heimkehrenden Jäger an Bord der »Hammonia« abgesetzt hatte. Man versuchte nun, den in einen leeren Hühnerkorb gebrachten Nashornvogel zu füttern, aber das Tier nahm keinerlei Speise, sondern saß geduckt und ängstlich da, so daß auch Holm sein Fortleben bezweifelte. Die Eier wurden des Dotters durch Hineinpusten beraubt und eine Sammlung dieser Art Naturalien besonders angelegt, auch die beiden gefangenen Affen sorgfältig verpflegt und nach dem betäubten Rochen gesehen. Der war zu seinen Vätern versammelt, wie der Koch sagte, die Affen dagegen sehr wohlbehalten und sogar schon etwas vertraulicher als im Anfang.

In den nächstfolgenden Tagen schrieb man Briefe nach Hause, die erste Sendung an Reiseberichten und Jagdbeute wurde dem Postdampfer übergeben, und eines schönen Morgens lichtete das Naturforscherschiff die Anker, um an der Küste den Weg bis nach Sierra Leone zu verfolgen. Dort sollte ein Segelschiff von der Firma Gottfried das Palmöl in Empfang nehmen, und der Dampfer selbst mit den jungen Reisenden die Inseln im Busen von Guinea besuchen. Die Fahrt dauerte nicht lange, aber sie brachte manche schöne und reiche Erinnerung, namentlich den Anblick einer Wasserhose, die bei starkem Gewitter dicht neben dem Schiff stand und einen unvergleichlichen Anblick gewährte. Eine schwarze Wolke, spitz zulaufend, senkte sich tiefer und tiefer auf das Wasser, dieses selbst schien sich genau unter derselben immer mehr zu heben, kräuselte weißschäumend und griff endlich ganz urplötzlich wie mit Fangarmen hinauf. Eine hohe, gedrehte Wassersäule stand auf der Meeresfläche und begann dann unheimlich schnell zu wandern. Das gleiche Ereignis wiederholte sich noch zweimal, dreimal in nächster Nähe, so daß gleichsam die dichte, schwarze Wolke eine Brücke bildete, deren Riesenpfeiler wie Diamanten erglänzten. Hohe, gewölbte Bogen trennten die einzelnen Säulen, dazwischen schäumten schwarze, tosende Wellen, und glitten in ununterbrochener Reihenfolge die blendenden Blitze über das Ganze hinweg. Es war wie im Feenpalast des Märchens, wenn so ein grüngoldener, von Purpur und Violett angehauchter Schein die weißen Schaumkronen überflutete, wenn sich plötzliche Helle auf das tiefe Schwarz legte und es dann in um so dichterer Finsternis zurückließ.

Nach einer Viertelstunde begannen die Pfeiler zu schwanken, sich schief zu stellen und endlich den Halt zu verlieren. Ein Rauschen und Klatschen, das den Donner übertönte, begleitete den Sturz, und das ganze schöne Schauspiel endete mit einem Platzregen.

Am dritten Tage nach der Abreise war der Nashornvogel tot. Holm nahm ein scharfes Messer und machte an der Bauchseite des Vogels einen Einschnitt, der jedoch nur die Haut auftrennte. Dann begann er vorsichtig die Haut des Vogels abzuziehen, und nach einer kleinen Viertelstunde hatte er den Balg von dem Körper getrennt. An dem Kopfende saß der große ungestalte Schnabel und an den Beinen waren die Füße geblieben. Damit der Balg so unverletzt als möglich erhalten wurde, ließ Holm sich bei dieser Operation genügende Zeit, denn die mit Federn besetzte Haut der Vögel ist ziemlich zart und zerreißt bei ungeduldigem Ziehen gar leicht.

»Nun werden wir den Balg ausstopfen,« meinte Franz.

»Das hat Zeit, bis wir wieder in Hamburg sind,« entgegnete Holm. »Gesetzt den Fall, wir würden diesen Nashornvogel auf das schönste ausstopfen, wer verbürgt uns, daß er unversehrt ankommt? Außerdem erfordert das Ausstopfen viele Zeit, die wir hier besser anzuwenden haben, als daß wir sie an eine Arbeit verschwenden, die in der Heimat besser und bequemer besorgt wird als hier. Alles was wir tun können ist, den Vogelbalg zu trocknen und wie die übrigen Naturalien vor dem Appetit der Herren Insekten schützen.«

Holm holte bei diesen Worten ein Gefäß aus der Reiseapotheke, das eine salbenartige Masse enthielt, mit welcher er die innere Seite des Vogelbalgs bestrich. »Ist diese Salbe auch ein Gift gegen die Insekten?« fragte Hans.

»Eins der stärksten Gifte, das wir kennen,« antwortete Holm. »Diese Masse besteht aus einer Mischung von Arsenik und grüner Seife. Die Seife verhindert mit ihren schmierigen Eigenschaften das Umherstäuben des weißen, pulverigen Arseniks und verhütet, daß der Präparator den Giftstaub einatmet. Gleichzeitig ist etwas Alaun zugesetzt, der die Eigenschaft hat, die Haut des Tieres in eine Art Leder zu verwandeln, wodurch bewirkt wird, daß die Federn festsitzen und nicht ausfallen.« Als der Vogelbalg mit der sogenannten Arsenikseife gehörig eingerieben war, wurde er an einer Raa zum Trocknen in der Luft aufgehängt. Franz kletterte die Strickleiter hinauf, welche zum Maste führte, und war in wenigen Augenblicken auf der Raa, als wäre er ein echter Schiffsjunge. Als er die Haut des Vogels dort mit einem starken Bindfaden befestigt hatte, rief er laut Hurra und kam wieder herunter.

Befragt, warum er einen lauten Freudenruf ausgestoßen habe, antwortete er lachend: »Ich glaubte, wir hätten nun Ferien, denn der Vogel ist das letzte Stück von unserer Beute, das zu präparieren war.«

»Ein wirklicher Forscher kennt keine Ferien,« sagte Holm. »Außerdem irrst du dich, wenn du meinst, es gebräche uns an Material zur Beobachtung. Jetzt, da wir auf dem Schiffe gewissermaßen Ruhe haben und nicht auf dem Kriegspfade mit Menschen und Tieren wandeln, haben wir hinreichende Muße, uns mit dem Leben der Kleinwelt zu beschäftigen, die uns das Mikroskop erschließt. Kommt laßt uns in die Kajütte gehen, es sind alle Apparate da, deren wir bedürfen.«

Sie gingen in die Kajütte hinab. Hier nahm Holm aus einem wohlverwahrten Kasten ein herrliches Mikroskop, das er derart auf den Tisch stellte, daß das Licht, welches durch das Kajüttenfenster fiel, von dem Spiegel des Mikroskopes aufgefangen werden konnte.

Er ließ die Knaben durch das obere Glas, das sogenannte Okular, hindurchsehen, und sie nahmen eine runde, hellerleuchtete Fläche, das Sehfeld des Mikroskopes wahr. Holm zeigte den Knaben nun, wie je nach der Stellung des Spiegels das Sehfeld heller oder matter beleuchtet erschien, und übte ihr Auge und ihre Hand dadurch, daß er ihnen die Aufgabe stellte, diejenige Stellung des Spiegels ausfindig zu machen, bei der das Sehfeld den hellsten Anblick gewährte. Hierauf nahm er eine kleine, längliche Glasplatte, auf die er mittels eines zu einer Spitze ausgezogenen Glasrohres einen Tropfen Wasser brachte. Diese Platte bezeichnete er als den Objektträger, weil auf derselben die zu untersuchenden Gegenstände – die Objekte – ausgebreitet werden. »Sind Tiere in diesem Wassertropfen, die wir beobachten können?« fragte Hans.

»Nein,« erwiderte Holm. »Das Wasser, welches ich hier habe, ist durchaus frei von allen Verunreinigungen. Wir werden jetzt eine winzig kleine Menge jenes gelbgrünen Schlammes in das Wasser bringen, die ihr mich zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten an den Ufern der Flüsse, der Wassertümpel und Sümpfe entnehmen saht, die wir passierten.« Bei diesen Worten entfaltete er eine Anzahl von Papierpaketen, in denen sich ein dunkelfarbiger Staub befand. Dieser Staub war der angetrocknete Schlamm, den Holm auf seine eigene Hand gesammelt hatte. Mittels einer Stricknadel, die an einem Ende platt geschmiedet war, so daß sie einem kleinen Spaten mit langem Stiel glich, mischte Holm von dem Staub in den Wassertropfen und bedeckte diesen dann mit einem Glase, das so groß war wie eine Briefmarke und nicht dicker als festes Schreibpapier. Dies Glas nannte er das Deckgläschen. Dieses sogenannte Präparat legte er auf den Tisch des Mikroskopes und blickte durch das Okular, indem er mit der Schraube scharf einstellte, dann ließ er Franz hinein sehen.

Franz brach in einen lauten Freudenruf aus, nachdem er eine Zeitlang in das Mikroskop geblickt hatte, und das, was er sah, war auch wohl geeignet, ihn zu entzücken.

Das Sehfeld des Mikroskopes war mit Hunderten von ganz merkwürdigen Gebilden wie übersät. Einige derselben glichen kleinen Schiffchen, andere Tellerchen, die auf das reizendste mit Punkten und regelmäßigen Linien verziert waren. »Ist das der Staub?« fragte Franz.

»Derselbe Staub, der dem unbewaffneten Auge harmlos erscheint,« entgegnete Holm, »stellt sich unter dem Mikroskope bei starker Vergrößerung in einem Reichtum der Formen dar, wie er größer kaum gedacht werden kann. Diese kleinen Geschöpfe sind halb Tier halb Pflanze, sie bewegen sich willkürlich schwimmend im Wasser und enthalten doch den grünen Farbstoff, der den Pflanzen eigen ist. Sie bestehen aus zwei zierlichen Schalen, die genau aufeinander passen, und wenn sie sich vermehren, so teilen sie sich in zwei Hälften, von denen jede ein neues Wesen derselben Art bildet. Aus diesem Grunde hat man sie Spaltalgen oder auch Diatomeen genannt, nach einem griechischen Beiworte, das auf deutsch »zerteilt« bedeutet. Über zweitausend Arten dieser Diatomeen sind schon ermittelt, aber es sollte mich nicht überraschen, wenn wir neben den bekannten Arten einige noch nicht benannte und beschriebene fänden.«

Die Proben wurden eine nach der anderen sorgfältig durchgemustert, und nicht lange währte es, als Holm eine der seltensten Arten entdeckte. Es war eine runde Scheibe mit verziertem Rande, in deren Mitte sich eine Figur erkennen ließ, die einem Kirchenfenster glich. »Das ist der Campylodiscus ecclesianus,« erklärte Holm, »eine ihm sehr nahestehende Diatomee besitzt an derselben Stelle vier Fensterchen und wird deshalb Camplyodiscus fenestratus genannt, wir wollen genau nachsehen, ob wir sie finden können.«

Nun hieß es sorgfältig beobachten, und erst nach einer halben Stunde gelang es, ein Exemplar derselben zu bemerken. »Hier ist ein fenestratus,« rief Hans, der gerade an der Reihe war. Holm bestätigte die Wahrnehmung und bemerkte mit dem Bleistift auf dem Papier, aus welchem der zur Untersuchung genommene Staub sich befand, den Namen der Diatomee. Da es bereits dunkelte und die Augen von dem angestrengten Sehen ermüdet waren, packte Holm das Mikroskop wieder ein und versprach den Knaben, ihnen am nächsten Tage lebende Diatomeen zu zeigen.

»Woher werden wir die nehmen, da wir doch auf offener See sind?« fragte Franz.

»Wir fischen ein treibendes Stückchen Seegras auf,« sagte Holm, »und werden an demselben herrliche Formen finden. Fast überall, wo Feuchtigkeit ist, kommen Diatomeen vor, sowohl im süßen Wasser wie im Meere. Wenn wir einen Fisch fangen, so wollen wir seinen Mageninhalt untersuchen; namentlich sind die Schellfische große Liebhaber von Diatomeen, und ihr Magen ist in dieser Beziehung ein wahres Museum für den Forscher.«

»Da wird er viele Diatomeen zu sich nehmen müssen, ehe er satt wird,« meinte Franz lachend.

»Allerdings,« bestätigte Holm, »denn diese Geschöpfe sind außerordentlich klein. So z.B. besteht der Polierschiefer bei Bilin in Böhmen aus lauter abgestorbenen Diatomeen, deren unverwesliche Schalen feste Kieselsäure sind. Um einen Raum von einem Kubikmillimeter einzunehmen, müssen ihrer fünfzig Millionen zusammen sein.«

»Dann hat ein Fisch viel zu tun, um Jagd auf sie zu machen,« bemerkte Hans lachend.

»Wenn er jede einzelne Diatomee fangen sollte, würde er sich schwerlich bei Kräften erhalten,« erwiderte Holm lächelnd, »aber da dieselben meistens in dichten Kolonieen bei einander leben und auch an den Seepflanzen haften, die von manchen Fischen gefressen werden, so hat die Natur es ihm ermöglicht, sich bequem von diesen Geschöpfen nähren zu können. Die ungeheure Anzahl der Einzelwesen ersetzt die Größe und ebenso verhält es sich mit ihrer Vermehrung. Während das Elefantenweib alle drei Jahre nur ein Junges zur Welt bringt, hat eine Diatomee, wenn keine Störungen eintreten, in vierzig Stunden schon eine Nachkommenschaft von einer halben Million Urenkeln.«

»Wenn die Elefanten und Walfische ihnen dies Kunststück nachmachten,« warf Franz ein, »dann wäre in einem Jahr kein Platz mehr auf der Erde für andere Geschöpfe. Die Elefanten würden uns ins Wasser drängen und die Walfische aufs Land. Es ist doch gut, daß in der Natur nicht alle Geschöpfe mit gleichen Eigenschaften begabt sind.«

»Indem wir die Gesetzmäßigkeit in der Natur erkennen,« sagte Doktor Bolten, »sehen wir, daß ein weiser Schöpfer über uns und aller Kreatur wacht. Je tiefer der Menschengeist in die Natur eindringt, um so mehr erkennt er das Walten einer höheren Macht. Ob wir die Bahnen der Himmelskörper, der fernen Welten im weiten Himmelsraum verfolgen, ob wir die Diatomee im Wassertropfen in ihrer zierlichen Kleinheit bewundern, oder ob die Majestät der tropischen Urwälder uns mit geheimen Schauern erfüllt, überall fühlen wir die Größe des Schöpfers.« –

Man wünschte sich gute Nacht, nachdem Holm den Knaben versprochen hatte, sobald die Gelegenheit sich darbieten werde, ihnen neue Wunder mit dem Mikroskop zu erschließen.

Während der Schlaf die Forscher zu neuer Tätigkeit stärkte, setzte das Schiff unverändert seinen Kurs fort, der Steuermann am Rade wachte für sie, bald nach den Sternen, bald nach dem Kompaß blickend, und so glich das auf dem Ozean dahingleitende Schiff der Erde selbst, die ihre Bahnen zieht, wie sie ihr ein höherer Lenker vorschreibt.

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