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Das Naturforscherschiff

Sophie Wörishöffer: Das Naturforscherschiff - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Wörishöffer
titleDas Naturforscherschiff
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1941
printrunVierzehnte Auflage
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20070530
modified20150522
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Fünfzehntes Kapitel

Nach den Samoainseln. »Tabu.« Auf des Vaters Besitzungen. Die Nachricht vom Attentat. Dankgottesdienst. Haifischjagd. Tänze der Eingeborenen. Ausflug ins Innere. Barbarische Justiz und Rettung. Rua-Roas Taufe. Abschied von Samoa.

—————

 

Nach mehrtägigem Aufenthalt, nach beglückendem Stilleben inmitten der abenteuerreichen Reise wurde die Fahrt nach den Samoa- oder Schifferinseln fortgesetzt, zunächst nach Tutuila, einem schönen Garten gewissermaßen, wo die Eingebornen, nackte, hellfarbige Polynesier, in regelrecht gebauten Dörfern lebten und sowohl Landwirtschaft als Viehzucht betrieben, obgleich ihnen Schafe, Ziegen, Hunde und Schweine erst aus den Kulturländern zugeführt worden waren. In den dichten Palmenhainen standen unter grünem Blätterdach die hübschen, runden Hütten, neben denen Ställe aus Bambus, Vorratsschuppen und wohlgepflegte Gärten das Auge angenehm berührten. Wo sich offene Stellen zeigten, da waren Yams, Taro, süße Kartoffeln oder Gemüse und Gewürze angebaut, während in den Wäldern die aus Steinen errichteten Feuerstellen durch ihre reichliche Asche verrieten, daß unablässig Palmöl gekocht wurde. Alle diese gutmütigen Menschen schienen große Freunde von Tieren, namentlich Geflügel, das in ganzen Massen jeden Hausstand belebte. Scharen stolzer Hühner, Pfauen, Tauben und Fasanen bewohnten den Hof, Papageien, zahm wie bei uns, hingen in Holzkäfigen, und allerlei Singvögel schmetterten lustig vom Dach herab.

Obgleich die Eingebornen meistens nur mit dem Gürtel einhergingen, so gab es doch für sie auch einen Staatsanzug, der bei festlichen Gelegenheiten übergeworfen wurde, und der bei den Männern aus einem Gewand von den Blättern der Drauma, bei den Frauen aus einem Mantel von weißem Faserwerk bestand. Eines Morgens erschienen sie sämtlich in diesem Kostüme; durch die Dorfstraße ging ein Mann mit einem großen, hohlen Holzklotz, auf dessen Boden er mit zwei Stöcken taktmäßig schlug und dadurch die Reisegefährten auf etwas Außergewöhnliches vorbereitete. Sie wohnten hier für die Tage ihres Besuches mitten unter den Eingebornen, schliefen auf Matten aus feinem Flaum, aßen die bescheidenen Gerichte außer dem auch hier beliebten Palolo und sammelten ebensowohl die verschiedenen Arten vulkanischen Gesteins als der einzelnen kleineren Pflanzenformen und Insekten, – jetzt aber war alles das vergessen. Schleunigst folgten sie dem Trommler zu einer mäßigen Anhöhe vor dem Dorfe, wo bereits der Häuptling mit seinem Hofnarren Platz genommen hatte, und wo sich junge Mädchen und Burschen mit dem beliebten Ballspiel unterhielten.

Aller Köpfe schmückten granatrote und weiße Blüten; die Männer hatten sich durch an Brust und Rücken befestigte Palmenzweige auf das wunderlichste herausgeputzt; Frauen und Kinder trugen die langen, zottigen Mäntel, in denen sie wie vermummt erschienen. Die possierlichste Figur bildete der Hofnarr, den bunte Federn, Steine, Blumen, ausgeschnittene Stücke Perlmutter, aufgereihte Muscheln und die greulichsten Malereien in einen menschlichen Teufel verwandelten. Er verbarg sein Gesicht hinter einer ungeheuren, gelb und rot bemalten Maske mit ellenlangem Flachshaar, er tutete auf einem hölzernen, gewundenen Instrument und vollführte die seltsamsten Sprünge, wobei sich sein überall angestrichener Körper wie der eines Verrückten drehte und wendete.

Dieser Narr war keineswegs ein Priester oder Zauberer, sondern lediglich für die Unterhaltung des Königs bestimmt; er durfte alles tun, was ihm eben einfiel, selbst den alten Monarchen necken oder am Ohr zupfen, die Kinder in Schrecken setzen und den Ort, wo des Häuptlings Hütte stand, nach Belieben betreten. Für alle übrigen war die unter hohen, alten Brotbäumen belegene Stelle unzugänglich; es lag auf ihr das »Tabu« oder die Heiligsprechung, welche fast allen Südseeinseln, einschließlich sogar des großen Neuseeland, eigentümlich ist. Die Wohnungen der Priester und Häuptlinge, die Tempel und zuweilen ganze Orte sind tabu, d.h. der gemeine Haufe darf sie nicht betreten, er wird durch dies Gesetz von jedem Mitbesitz, jedem Recht ausgeschlossen. Wie viel Mißbrauch daraus entsteht, ist begreiflich, weil eben jeder Gegenstand, den die Mächtigen, Reichen für sich zu behalten wünschen, bis herab auf einen besonders schönen Fruchtbaum, eine Hütte oder ein Tier, einfach für tabu erklärt und dadurch der Berührung entzogen wird.

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Beim Häuptling von Tutila

Die Wohnung des alten Königs lag patriarchalisch-friedlich im Schatten hoher Bäume, während rings anstatt jeder Einfriedigung kreuzweis gebundene Palmenzweige die geheiligte Grenze bekundeten. Beide Majestäten, der Häuptling Le-Le und seine Gemahlin Li-Ho saßen auf kostbaren, von weißen und bunten Federn zusammengesetzten Matten mit untergeschlagenen Beinen und ziemlich gleichgültigen Gesichtern, die sich selbst bei den Kapriolen ihres Narren nur sehr selten zum Lächeln verzogen. Als sich die weißen Gäste dem Herrscherpaare unter Überreichung verschiedener, sehr anständiger Geschenke vorstellten, da geschah etwas für die Einwohner des Dorfes nie Dagewesenes; König Le-Le hob den Fremden zu Ehren das Tabu seines Hauses auf und lud alle ein, sich neben ihn zu setzen und mit ihm aus einer Schüssel zu speisen. Letztere Vergünstigung hatte allerdings wenig Lockendes, denn das Gefäß bestand aus einem Holznapf und der Inhalt aus gerösteter Yamswurzel, wobei mittels spitzer Holzstückchen gegessen wurde, während sich die Teilnehmer des Schmauses um die auf dem blanken Fußboden stehende Schüssel gruppierten; dennoch aber erwiesen sich unsere Freunde äußerst höflich, so daß nach und nach der alte Le-Le ganz vertraulich wurde und vor allem die Weißen bat, ihm doch gegen seine quälenden rheumatischen Schmerzen ein Zaubermittel zu schenken, er wolle dafür auch alles, was ihnen etwa erwünscht sei, sogleich zur Verfügung stellen.

Während draußen die Jugend den Mekitanz aufführte, Ball spielte, Taubenschießen hielt und endlich das Fest des Tättowierens beging (die Weißen kannten es von Australien her), kramte der alte Häuptling unter seinen Sachen und förderte Schätze zu Tage, die sowohl Holm als auch die jüngeren Besucher förmlich entzückten.

»An Bord haben wir noch verschiedene Büchsen mit Opodeldok und Nervensalbe,« meinte der Doktor; »damals in Hamburg nahm ich's für alle Fälle mit, und jetzt kann es diesem alten Herrn wenigstens als Linderungsmittel dienen. Tauscht nur in Gottes Namen ein, was ihr wollt, morgen schicke ich einen Boten mit ein paar Worten an den Kapitän nach Pangopango, wo dann die Kleinigkeiten verabfolgt werden.«

Das übersetzte der als Dolmetscher mitgenommene Eingeborne dem alten Häuptling, welcher indessen von solcher Verzögerung nichts wissen wollte. »Einer seiner Sklaven könne gleich hinlaufen,« antwortete er, weshalb denn der Doktor ein Blatt aus der Brieftasche riß und unter andächtigem Staunen aller die Bitte an den Kapitän niederschrieb. Der junge Bursche erfaßte das Blatt mit den fremden, zauberhaften Strichen so zaghaft, als sei es heißes Eisen, dann aber, nachdem er für etwaiges Verlieren oder Versäumen auf kürzeste Weise mit dem Tode bedroht worden war, machte er sich schleunigst davon, indes nun der Häuptling, wahrscheinlich um den Zauber wirksam zu erhalten, seinen Gästen schenkte, was sie eben zu besitzen wünschten, eine Tapa aus Perlmutter, Federn und Pflanzenfasern, in der er früher als junger Mann den Mekitanz mitgemacht, und die, wie eine Art von faltigem Mantel, am Hals beginnend, über Brust und Rücken herabfiel, während die Arme frei blieben und der Kopf hindurchgesteckt wurde, – einen hölzernen, schöngeschnitzten Schläger, eine Rolle Bast des Papiermaulbeerbaumes, ein Steinbeil mit Holzgriff aus uralter Zeit, ehe noch das Eisen von Europa und Amerika eingeführt worden, und ein eben so altes, vom Vater auf den Sohn vererbtes Tättowierinstrument, von dem freilich Seine Majestät berichtete, daß es aus Menschenknochen hergestellt sei. Scharfe, kammartige Spitzen waren an einem Schildpattgriff befestigt und das Ganze sehr alt, es hatte vielleicht Jahrhunderte lang gedient, um die Zeichen der Häuptlingswürde den zuckenden Gliedern einzuprägen, jetzt aber war seine Laufbahn beschlossen. »Die Häuptlinge lassen sich nicht mehr tättowieren,« setzte Le-Le hinzu, »sie sind fast alle Christen, – ich bin es auch.«

Unsere Freunde hüteten sich, daran zu zweifeln. Der gute, jeden Augenblick vor Schmerz blinzelnde alte Mann war zwar durchaus ein Wilder, aber dennoch mochte das Christentum viel dazu beigetragen haben, auf seinem Gebiet so geordnete wirtschaftliche Zustände ins Leben zu rufen.

Der Kamm aus den Knochen geschlachteter und von früheren Generationen ohne Zweifel verzehrter Menschen wurde als Andenken vergangener, hier für immer besiegter Greuel dankbar entgegengenommen, ebenso die Spenden, welche jetzt Li-Ho, die Königin, denen ihres Gemahls hinzufügte, ein Stirnband ihrer Mädchentage aus aufgereihten, geschliffenen Rosamuscheln, »Pale« genannt, nur den Töchtern und Frauen der Häuptlinge gestattet, – die dazu gehörigen Armringe und die »Fau«, ein Gewand aus den Blättern des Papiermaulbeerbaumes, das um den mittleren Teil des Körpers bei hohen Festlichkeiten getragen wird, ebenso lange, über Brust und Rücken herabhängende, mit vielen Perlmutterstückchen verzierte Schnüre aus Menschenhaaren. Das alte Paar hatte keine Kinder, es sah also seine Heiligtümer recht gern in solche Hände übergehen, die wenigstens den empfangenen Wert zu schätzen wußten; erst spät, nachdem nochmals bei der Beleuchtung langsam brennender, halbdürrer Blätter (die auf den Samoainseln als Lampen dienen) der wunderliche Mekitanz, ein wahrer Höllenreigen halbbekleideter und nicht selten vom Kawagenuß mehr als halbberauschter Gestalten, vollführt worden war, spät am Abend unter Sternenschein und dem sanften Wehen des Nachtwindes kehrten die Fremden durch den Palmenwald zu ihrer Hütte zurück. Auf diesen glücklichen Inseln, wo man arbeitete, um zu essen, wo die Natur reichlich spendete, was eine geringe Bevölkerung verbrauchte, wo weder wilde menschliche Leidenschaften noch gefährliche Raubtiere den Frieden störten, auf den schönen, von mildester Luft durchhauchten Inseln mußte es sich leben wie einst im Paradiese; selbst die Angehörigen des Kulturstaates rasteten hier beglückende acht Tage, indem sie das Eiland nach allen Richtungen durchforschten und von den friedliebenden Einwohnern alle möglichen Gebrauchsgegenstände gegen Eisenwaren und bares Geld erhandelten, – Holzgeräte, Perlenschnüre, Waffen, die ungeheuerlichen Beratungsmasken, hölzerne Kopfkissen, Farben und geschnitzte Formen, mittels derer das Grün und Rot den Stoffen aufgedruckt wird. Für den Häuptling kamen von Pangopango nicht allein die versprochenen Medikamente, sondern Franz ließ auch die Zimmerleute, mit Gerät und ein paar großen Glasscheiben ausgerüstet, vom Kapitän erbitten, worauf dann die Hütte Le-Les das wirksamste Mittel gegen Rheumatismus, nämlich dichtschließende Wände, Türen und Fenster erhielt. Letztere beide Gegenstände waren den Dorfbewohnern durchaus fremd, sie gingen fortwährend an der königlichen Behausung vorüber, um das Wunder der Fensterscheiben anzustaunen, während Le-Le seinerseits nicht müde wurde, von außen und innen das Glas zu betasten und sich selbst zu fragen, ob es denn wirklich möglich sei, daß man einen festen, harten Gegenstand vor sich habe und doch hindurchschauen könne, als sei dieser nur leere Luft.

Die geschenkten Wolldecken, die Medikamente und die erhöhte Wärme in der jetzt überall wohlverwahrten Bambushütte bewirkten so angenehme Veränderung, daß der alte Häuptling den Abschied von seinen weißen Wohltätern wie einen wahren Verlust empfand. Mehrere Knechte mußten ihnen die schönsten, erlesensten Früchte, die seltensten Vögel und Pflanzen bis Pangopango nachtragen, und so verließen sie eines Tages, von wohlwollenden Wünschen begleitet, das kleine paradiesische Eiland, um dafür die Insel Sawaii, die hochgelegene, einem breiten Felsrücken gleichende, unzugängliche größte Insel der Samoagruppe, aufzusuchen. Auch Tutuila hatte Berg an Berg; auch hier befanden sich tätige und erloschene Vulkane; lag doch der kleine Hafen Pangopango zwischen 250 Meter hohen Felswänden; dazwischen aber befanden sich reizende, fruchtbare Täler mit üppig tropischer Vegetation, während auf Sawaii neben vorhandenem Wassermangel der entschieden schroffe Gebirgscharakter mehr hervortrat.

Es ist bekannt, daß um die Insel Sawaii herum ein Korallenriff ohne Unterbrechung fortläuft und daß Schiffe keinen Hafen finden. Unsere Freunde besuchten mittels des Bootes die Ostküste, wo alles von braunen, nackten Klippen und Geröllen starrte. Über ihnen erhoben sich die ungeheuren Kuppen der Gebirge, unter ihnen dröhnte der hohle, von vulkanischen Erschütterungen gehobene und zerrissene Boden; stellenweise grünte kein Halm und sang kein Vogel, die ganze Umgebung war mit Blöcken von Lava und Gestein überdeckt. An anderen Punkten ragte dichter, ununterbrochener Hochwald, in dem sich wie auf Tutuila die Palmen am meisten vertreten fanden.

»Wir wollen uns hier nicht aufhalten,« hatte Holm gesagt. »Nicht nur alle Samoainseln, sondern überhaupt alle im Großen Ozean besitzen eine in den wesentlichsten Punkten übereinstimmende Tier- und Pflanzenwelt, die zwar nach dem Äquator hin üppiger und artenreicher wird, sonst aber doch die gleiche ist. Neues, anderes begegnet uns nicht, auch wenn wir alle Häfen anlaufen; laßt uns daher erst auf Opolu längere Rast machen und dort Felsen besteigen, dort die Schlünde und Untiefen alter Krater durchforschen, namentlich da hier die wenigen Bewohner an der Nordküste leben und für uns weder Führer noch Lebensmittel aufzutreiben wären.«

Der Vorschlag wurde angenommen und die beschwerliche Kletterpartie über ungangbare Pfade nach wenigen Stunden wieder aufgegeben. Schöne, malerische Felshöhlen hatten die Reisenden gesehen, eine großartige, wildromantische Natur, ein selten berührtes einsames Gebiet, auf dem fast alles noch ursprünglich und von keiner Kultur beeinflußt erschien; aber lebende Wesen waren ihnen außer vielen Strandvögeln nicht begegnet. Ein eigentümliches Gefühl beherrschte die Teilnehmer der jetzt gegen drei Jahre dauernden Weltreise, als sie von Sawaii aus wieder an Bord gingen. Auf Opolu wartete ihrer ein halbes Zuhause; bekannte, befreundete Gesichter würden sie empfangen, deutsche Laute, deutsches Wesen ihnen entgegenkommen; da war der Name Gottfried in jedermanns Mund, da standen die großen Faktoreien des Hamburger Handelshauses und hatte deutsche Bildung, deutscher Unternehmungsgeist aus der Wildnis ein kleines, blühendes Gemeinwesen erschaffen, eine hübsche Stadt, die ihre Bewohner gut ernährte, und von wo aus sich europäische Gesittung erfolgreich immer weiter verbreitete. Aber mehr als alles das! – Die Söhne des Gottfriedschen Hauses würden hier in ihrem Eigentum sein, auf väterlichem Grund und Boden wohnen, höchst wahrscheinlich sogar auch mehrere Schiffe der väterlichen Firma antreffen, – das ließ die Herzen höher schlagen, das stimmte weich und fröhlich, wie man es seit langer Zeit nicht empfunden hatte.

Schon folgenden Tages kam Opolu in Sicht, schöner als irgend eine Küste, der die Vielgereisten bis dahin begegnet waren. Das erste, was die Blicke aller magnetisch fesselte, war ein Wasserfall. Von schwindelnder Höhe herab und in die krausbewegten Meereswellen fiel ein mächtig breiter Wasserstrahl über eine natürliche Terrasse aus Felsen, die ihre Vorsprünge und Klippen, ihre Pfeiler und Stufen nur vorzustrecken schien, um den Lauf des flüssigen Elementes in hundert und aberhundert Einzelwege zu teilen, in Ströme und Bäche, die sich dennoch um einige Stufen tiefer wieder zum Ganzen vereinten, breiter und breiter, schäumend, rollend und donnernd, ewig verändert und ewig dasselbe, wunderbar schön im Sonnenglanz, blau und golden überhaucht, ein lebendes, bewegliches, majestätisches Etwas, von dem sich das Auge nicht wieder loszureißen vermochte, zu dem es zurückkehrte, so oft auch andere landschaftliche Schönheiten versuchten, mit diesem höchsten Reiz des Bildes zu konkurrieren.

Hoch über der schäumenden, silberhellen Welt erhob sich die Reihe erloschener Vulkane, auf deren einst so verderbenbringenden Gipfeln heute die Riesen des Waldes ihre grünen Arme ausstrecken, wo Palme an Palme den schlanken Stamm wiegt und Blätter und Blüten im Winde flüstern. Bis in die Wolken hinein, unerreichbar dem Blick, ragte der Krater Tafna, der Riesenwächter, der uralte ernste, der höchste Punkt auf viele Meilen ringsumher.

Schweifend, ziellos wanderte von Schönheit zu Schönheit der entzückte Blick. Rauschender Hochwald im ewigen Blau beginnend und allmählich sich senkend, stufenweise vom hellsten bis zum dunkelsten Grün schattiert in tropischer wechselnder Fülle; darunter der Wasserfall und tiefer im Tal das Städtchen von fester Kaimauer umzogen, mit friedlichem Hafen, mit Kirchen und hohen ragenden Bauten, versteckt im Laubgrün, geschmückt mit bunten Wimpeln wie mit großen, leuchtenden, weithin sichtbaren Blumen im Kranze. Allen voran wehte von hoher Stange an einem weißen Hause unweit des Hafens die hamburgische Flagge – rotweiß in heller Pracht glänzten die heimatlichen Farben den Augen der Näherkommenden entgegen; jetzt wurden am Kai auch Menschen sichtbar, der Kapitän begrüßte mit drei Kanonenschüssen die Kolonie seines Chefs, und von einem anderen im Hafen liegenden Dampfer schallte Antwort zurück. Auch das war ein Gottfriedsches Schiff, dessen Steuermann die »Hammonia« erkannte und zur Bewillkommnung derselben ein Boot ausschickte.

Deutsche Worte schallten herauf; hier und da feierten zwei Matrosen ein Wiedersehen; am Strande hatten sich auf die erste Nachricht vom Eintreffen des Naturforscherschiffes auch schon mehrere Angestellte des Gottfriedschen Hauses eingefunden, und bald sahen sich die Weltumsegler von Bekannten umringt, hörten die jungen Leute Worte des Erstaunens wie: »Ist das Hans? Unmöglich! Nur seine Augen sind's, der blasse Junge ist ja ein brauner Jüngling geworden!« – oder: »Herr Franz, darf man noch du sagen? Sie sind wahrhaftig dem Herrn Papa über den Kopf gewachsen!«

»Und das ist der Hova mit dem unmöglichen Namen!« rief ein dritter, dem verlegenen Malagaschen kräftig die Hand schüttelnd. »Willkommen, junger Herr, Sie werden finden, daß man in Hamburg bestens für Ihre Zukunft gesorgt hat. Bleiben Sie bei uns oder gehen Sie mit nach Europa?«

So schwirrte es durch einander, und während dessen waren die Reisenden ausgeschifft und ans Land gestiegen. Die Packhäuser, welche sich hier stattlich und gedehnt den Blicken zeigten, bildeten gleich einen Teil des Gottfriedschen Eigentums, und eine Menge von farbigen Arbeitern ließ den Umfang des Geschäftsbetriebes erkennen. In helle, leichte Stoffe gekleidet, Strohhüte auf den Köpfen und mit dem Wesen zivilisierter Menschen gingen hier mehr als hundert Polynesier aus und ein, Fässer und Ballen rollend, Wagen abladend oder an Neubauten arbeitend, kurz alles verriet das fröhliche Wachsen der Kultur, den Aufschwung, welchen die Verhältnisse der Insel, sämtlichen anderen voran, dauernd nahmen.

Man konnte glauben, sich in einer kleinen deutschen Stadt zu befinden. Überall Läden, hübsche Wohnhäuser, gut erhaltene Straßen und Fuhrwerke, nette Gasthöfe und größte Sauberkeit der Bewohner. Die jungen Leute bezogen Zimmer in dem großen Verwaltungsgebäude ihres Vaters und wurden von den Familien seiner Angestellten natürlich wie liebe Freunde aufgenommen. Einer derselben hatte sich vor Jahr und Tag eine junge Hamburgerin nach Opolu heimgeholt, und in eben dieser liebenswürdigen Wirtin erkannten die Gottfrieds eine ehemalige Schulgenossin von der Fibelzeit her; man feierte mit deutschem Wein und deutschem Händedruck das Wiedersehen, dem dann eine tüchtige, nach Hamburger Art bereitete Mahlzeit folgte; die Gäste kamen gar nicht zu sich, da doch auch so viele Briefe gelesen werden mußten, da hier und da ein deutscher Landsmann einsprach, um die Weitgewanderten, Langerwarteten zu begrüßen; kurz, der Tag hätte doppelt so lang sein können und wäre doch für alle diese verschiedenen angenehmen und erfreuenden Eindrücke noch nicht lang genug gewesen.

Erst am folgenden Morgen gewannen unsere Freunde Zeit, ein wenig Umschau zu halten. Sie hatten in einem mit allen Bequemlichkeiten des verfeinerten Daseins ausgestatteten Zimmer geschlafen, hatten Kaffee und frisches Brot gefrühstückt, auch die heutige Nummer des »Samoan-Reporter« dazu erhalten, mit einem Wort, sie fühlten sich, wie Franz lachend behauptete, unterwegs zur fast eingebüßten Ordnung zivilisierter Menschen; sie wollten sogar nach jahrelanger Entsagung heute, als an einem Sonntag, die Kirche besuchen und standen am Fenster, um den Strom der Vorübergehenden zu beobachten.

»Alle Welt scheint diesem Gottesdienst beiwohnen zu wollen,« sagte Franz. »Man sieht vornehm und gering in seinen besten Kleidern, – herrscht hier ein so religiöser Sinn, Herr Frank?«

Der Buchhalter schüttelte den Kopf. »Es ist sonst leider nicht immer so, Herr Gottfried, – aber heute, wissen Sie, da will im nationalen Gefühl kein Deutscher und aus Neugier kein Amerikaner oder Eingeborner gefehlt haben.«

Franz sah ihn an. »Heute? – Warum gerade heute mehr als sonst?«

Der Buchhalter schlug sich vor die Stirn. »Ja du lieber Gott, Sie kommen direkt aus der Wildnis und können daher nicht wissen, was inzwischen die zivilisierte Welt aller Länder in Abscheu und Entrüstung versetzt hat. So hören Sie denn, Herr Gottfried! Auf unseren ehrwürdigen, alten Kaiser ist kürzlich von zwei Verbrechern nach einander geschossen worden, während er wie gewöhnlich ohne Begleitung und im offenen Wagen in Berlin unter den Linden spazieren fuhr. Der erste Meuchelmörder, ein verkommenes Subjekt von Hause aus, traf glücklicherweise die Person Seiner Majestät gar nicht, der zweite aber verletzte den einundachtzigjährigen Greis durch nicht weniger als dreißig Schrotkörner, die an den verschiedensten Stellen des Körpers eindrangen, freilich ohne das Leben ernstlich zu gefährden. Für diese so überaus glückliche zweimalige Rettung des Monarchen ist in ganz Deutschland ein Dankgottesdienst abgehalten worden und wird jetzt auf Anregung mehrere hier lebender Deutscher auch in Apia abgehalten werden. Deshalb sehen Sie die ganze Bevölkerung unterwegs.«

Franz eilte in sprachloser Entrüstung zu den übrigen, die er schon unterrichtet fand, und die alle wie er selbst sich freuten, hier zur rechten Zeit eingetroffen zu sein, um an einer so tief empfundenen nationalen Feier teilzunehmen. Als die jungen Leute auf der Straße erschienen, wurde ein Flüstern und heimliches Bezeichnen bemerkbar; offenbar wußte schon jedermann, wer sie waren, und mancher Blick ruhte wohlgefällig auf den schlanken, hübschen Gestalten.

Der erste Gottesdienst nach jahrelanger Entbehrung erhielt für unsere Freunde noch seine besondere Weihe durch das Dankgebet für die glückliche Errettung des Kaisers, mit welchem heute der Geistliche seine Predigt eröffnete und dem sich die aus dem Herzen kommende Fürbitte unmittelbar anschloß. Das Vaterlandsgefühl der am anderen Ende der Erde lebenden Deutschen wurde so mächtig erregt, daß manches Auge in feuchtem Schimmer glänzte und daß sich jeder einzelne eben so sehr und eben so innig als Untertan des beleidigten Heldenkaisers fühlte, wie dies nur immer in Berlin, in seiner nächsten Umgebung der Fall gewesen sein konnte. Auch auf der fernen Insel des Stillen Meeres waren und blieben sie Deutsche, auch unter fremden Völkern lebend bewahrten sie die Liebe zu Kaiser und Reich, das empfanden alle, das gestaltete sich während dieser erhebenden Feier in vielen Herzen zu einem Entschluß, dem die beiden Brüder Gottfried nach beendetem Gottesdienst zuerst Worte liehen. Aus Apia mußte eine Adresse an den Kaiser abgesandt werden und alle Deutschen mußten sie unterschreiben.

Die Idee fand ungeteilten Beifall. Noch selbigen Tages entwarf Doktor Bolten das Schriftstück, von dem schon in der ganzen Stadt gesprochen wurde und das der Kontordiener allen Deutschen ins Haus tragen sollte. Franz war der Held des Tages geworden, ehe er selbst es wußte.

Nachmittags wurde der erste Spaziergang unternommen. Heute als am Sonntag arbeitete natürlich niemand, aber desto reger gestaltete sich das Treiben der Eingebornen, ihre Spiele, ihre Jagd, selbst die Art und Weise wie sie Vorräte für das Haus sammelten. Weiterhin im Rücken der deutschen Niederlassung lag ein Arbeiterdorf, dessen Hütten, kreisrund mit spitz zulaufendem Dache, eng an einander gedrängt, großen Bienenkörben glichen. Hier war alt und jung in Bewegung zum Strande hinab, es wurden Messer und Körbe, Kochtöpfe und große Stangen aus den Häusern hervorgeholt, die Männer trugen zu zweien ihre, einen halben Meter breiten und bis zu siebzehn Meter langen Kähne, an deren Seiten aus Zähnen sehr hübsche Verzierungen angebracht waren, kurz, alles schien einem besonderen Vergnügen, einer aufregenden Tätigkeit entgegenzugehen.

»Was haben die Leute?« fragte Franz.

»Wahrscheinlich sind an der Küste Haifische gesehen worden,« versetzte ihr Begleiter. »Sie gehen ins Wasser, um dieselben zu fangen.«

»Aber doch nicht die Frauen, die Kinder?«

»Ebensowohl diese. Wir werden es ja gleich sehen.«

Unsere Freunde folgten dem Zuge und so kamen alle hinab an den Strand, wo heute die Sonne auf sehr stille, regungslose Wasserfluten brannte, wo aber gerade aus diesem Grunde der Fischfang bestens bewerkstelligt werden konnte.

Doktor Bolten wandte sich an den Kommis, der als Führer die kleine Expedition leitete. »Aber sagen Sie mir, lieber Freund, woher kommen die vielen preußischen Infanterieuniformen hier auf der Südseeinsel? Jeden Augenblick taucht so ein zerschlissenes, zerfetztes Gewand aus den Büschen am Wege auf.«

Der junge Hamburger lächelte. »Das sind die Kleider, welche wir den ganz Wilden der Kingsmillinseln geben, wenn diese zuerst, nur mit einem Grasgürtel bekleidet, hierherkommen, um in unseren Faktoreien Arbeit zu suchen. Sie kennen weder den Begriff des. geordneten Staatswesens, noch den des Anstandes, aber eben darum suchen wir sie zu gewinnen. Wer drei Jahre lang unter Christen als arbeitender und verdienender Mensch lebte, den gelüstet es nicht mehr, wieder in den Urzustand zurückzukehren.«

Franz sah mit stolzem Blick umher. »Und das alles schuf mein Vater!« sagte er. »Tausende verdanken ihm Glück und Wohlstand.«

»Weil er ein so ganz ausgezeichneter Kaufmann ist, ja!«

Franz errötete. »Hm, hm,« sagte er. »Wer weiß, was noch geschieht.«

Der Strand war jetzt erreicht und die Samoaner in ihren hellfarbigen Kleidern schoben die Boote ins tiefere Fahrwasser. Die hübschen, vielfach geschnitzten Ruder wurden eingelegt und nun fuhren mehrere Männer, zu drei in einem Kahne, etwas weiter hinaus bis in den Schatten der vorspringenden Klippen; hier banden sie ein Stück Fleisch an ein langes starkes Seil und ließen dann dasselbe ins Wasser sinken. Frauen und Kinder standen noch am Strande, die Fischer beobachteten gespannten Blickes das Geheimnis der dunkeln Tiefe da unten.

Plötzlich gab einer ein Zeichen. »Der Hai!«

Aber das große Tier, satt und im Halbschlummer des Verdauens begriffen, regte sich nicht, ob auch der verlockende Bissen gerade vor seiner Nase auf- und abhüpfte. Die Samoaner berührten sogar mit dem Fleische das sonst so gefräßige Maul, – umsonst, der Koloß blinzelte nicht einmal.

Einer der Fischer klatschte in die Hände und auf dieses Signal hin geschah etwas, das unsere Freunde im ersten Augenblick erschreckte. Wie von einem einzigen Gedanken erfüllt, sprangen alle zugleich in das Wasser, junge Bursche, Frauen mit Säuglingen auf den Armen, selbst Kinder in einem so jugendlichen Alter, daß sie kaum fähig schienen, auf festem Boden allein zu gehen und zu stehen, – jede Stimme schrie, sämtliche Hände klatschten, sämtliche Füße stampften und strampelten, das Wasser wurde aufgewühlt, Steine hineingeschleudert und alles Mögliche getan, um es in immer größere Bewegung zu bringen. Die am weitesten vorgedrungenen Frauen schwammen bereits in der tieferen Flut; oft mit einem Arme rudernd, ballten sie die andere Hand zur Faust und von allen Lippen zugleich brach ein Strom solcher Laute, die sich dem Zuhörer, ob er der Sprache mächtig sei oder nicht, doch sogleich als Schimpfreden kennzeichnen. Die Frauen schrieen, schlugen mit der flachen Hand auf das Wasser, sprangen und hüpften, kurz, sie vollführten, während sich die Männer in den Booten ganz untätig verhielten, einen wahren Höllenlärm.

Unsre Freunde lachten. »Das ist die Herausforderung für den Hai,« meinte Holm. »Ob er den Kampf annimmt?«

Es schien nicht so. Nachdem der Spektakel etwa eine Viertelstunde lang angedauert hatte, veränderten die Fischer ihre Taktik. Jetzt mußten sich Frauen und Kinder auf das feste Land zurückziehen, wogegen einer der Männer, ein besonders kühnblickender, hochgewachsener Häuptling, im Boote stehend die Jacke abwarf und mit flach zusammengelegten Händen kopfüber in die Tiefe hinabschoß.

»Der will den Hai mit bloßen Fäusten angreifen!« rief Franz.

»Er streichelt ihm die Schnauze. Sehen Sie, Herr Gottfried, dort verläßt noch ein zweiter den Kahn.«

»Und der hat vorher eine Schlinge geknotet!«

»Die er im gegebenen Augenblick um den Schwanz des Fisches legt!«

»Mein Gott, wie ist es möglich!«

Beide Taucher waren jetzt unsichtbar, die Handlung bewegte sich unter dem Spiegel des wieder ruhig gewordenen Wassers, ängstliche Spannung hatte alle Gemüter erfaßt, – was würde folgen?

Da erschien mit jähem Schwung der Häuptling wieder an der Oberfläche; etwas weiter hin rauschte das Wasser, als hebe ein Erdbeben die blauen beweglichen Fluten mit zwingender Gewalt hoch empor; auch der zweite Samoaner sprang in sein Boot, aber beide muskulöse Arme hielten dabei die Schlinge, er zog etwas Schweres nach sich, er arbeitete aus allen Kräften – –

»Der Hai! Der Hai!«

Zehn andere Fahrzeuge ruderten hinzu, ärger und ärger wurde unter dem Wasser das verzweifelte Ringen, zwanzig, fünfzig nackte Arme zogen und zogen, Frauen und Kinder jubelten laut, langsam näherten sich die Fahrzeuge dem Strande und als die tollkühnen Männer heraussprangen, da konnten sie den wehrlosen, überwältigten Gegner im Verein mit allem, was Hände hatte, an den armdicken Seilen aus Kokosfasern aufs Trockene ziehen.

Ein stattlicher Kerl mit wahrhaft furchtbaren Zähnen und weitgeöffnetem, schauderhaften Rachen, wohl der aufgewendeten Mühe wert. Aber jetzt wurde er auch gespalten, zerschnitten und zerhackt, daß bald die Küste einem blutbedeckten Schlachtfelde glich, Frauen und Männer schleppten eifrig ihre Beute in Körben und Töpfen davon, während das beste am ganzen Tier, das sogenannte »Beefsteak« gleich an Ort und Stelle gebraten und mit den Früchten des Urubaumes als Festmahl verzehrt wurde.

Die Samoaner, gastfrei wie vielleicht kein anderes Volk, liebenswürdig und zuvorkommend, boten den Weißen sowohl die besten Bissen als auch die besten Plätze und so speisten denn unsre jungen Freunde zum erstenmale die zwischen zwei heißen Steinen gebackenen, in Scheiben zerschnittenen Früchte des Urubaumes, welche dem besten Weißbrot an Wohlgeschmack nichts nachgeben.

Überall fanden sich indessen bei den Eingebornen sowohl Messer, Gabeln und Löffel, als auch saubere Blechteller, sie waren keine Wilden mehr, diese hübschen, hellfarbigen Ozeanier, freilich noch Naturkinder im verwegensten Sinne des Wortes, aber doch gesittet und anständig. Auf den Häuptling, der in das Wasser gesprungen war, um einen Haifisch am Kopf zu packen, deutete der Begleiter der Reisenden ganz besonders. »Es ist einer unsrer tüchtigsten Aufseher, beliebt bei seinen Landsleuten und bei uns. Wir schicken gerade diesen Mann hinüber nach den Kingsmillinseln, wenn es gilt, Arbeiter zu werben. Furchtlos wie ein Löwe, geht er dort in die Wälder und hält förmliche Predigten, natürlich spricht er auf seine Weise auch deutsch, d. h. ohne unser R; von welchem die polynesische Mundart nichts weiß.

»Johannes!« rief er gleichzeitig dem herkulischen Manne zu: »Sag einmal: Preußen!«

Der Samoaner lächelte: »Polusia!« antwortete er.

Unter den Kindern entstand ein Flüstern. Sie waren jedenfalls in der Kultur schon weit genug vorgeschritten, um den Begriff eines Trinkgeldes zu kennen, denn verschiedene der Kecksten drängten sich vor und erzählten, daß sie auch was könnten, Lesen, Beten, Schreiben und allerlei nützliche Dinge. »Ich weiß, wie dein Häuptling heißt«, sagte ein zierliches, kleines Mädchen von acht Jahren: »Kaisa o Simiani!«

Franz amüsierte sich köstlich. »Simiani?« wiederholte er zweifelnd.

»Germany!« erläuterte der Buchhalter. »Komm einmal her, kleines Ding, zeige, daß du lesen kannst!«

Er zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche und hielt es dem Kinde vor das Gesicht. Ganz wie ein deutsches Schulmädchen von gleichem Alter las die kleine Samoanerin den Satz, welchen ihr seine Finger bezeichneten. Daß dabei Kleidchen und Haar noch um die Wette trieften, kam weiter nicht in Betracht; Wasser und Luft und Wind, alles ist auf jenen glücklichen Inseln warm und schmeichelnd, – man genießt ohne Furcht vor der Zukunft, man ist gesund und daher froh.

Alles Geld aus den Taschen der Reisenden wanderte in die Hände der Kinder, welche den Fremden treuherzig das Geleite gaben. Franz war sehr still geworden, unterwegs winkte er seinem Bruder. »Du, Hans, mir kam vorhin ein Gedanke, über den ich mit dem Vetter doch noch sprechen möchte! – Wenn Deutschland auch in die Wälder von Ceylon seine Boten senden würde, wenn wir, ja, Hans, wir, mit dem Häuptling Tippoo eine Handelsverbindung anknüpfen könnten, die das Licht der Zivilisation zu den baumbewohnenden Singhalesen trüge und allgemach ihrem Schlangenkultus, ihren heiligen Feigenbäumen und den Skorpionen im Dache gründlich den Garaus machen müßte, – wie schön wäre das!«

»Und die Veddas ohne Kleider und Wohnungen, die armen vertierten Veddas könnten dann die Stelle der Kingsmillinsulaner einnehmen, könnten auch allmählich aus bloßen, lebenden Wesen wirkliche Menschen werden.«

»Nicht wahr? – Du, Hans, es ist doch schön, ein großer Kaufmann zu sein, ein Apostel der Kultur und Gesittung. Was hat unser Vater hier alles erschaffen! und für alle, alle Zeit, jedem Wechsel gegenüber!«

Sie drückten sich stumm die Hände und als später am Abend die ausgesuchte Gesellschaft von Apia sich in den großen Räumen der Gottfriedschen Faktorei gastlich zusammenfand, da konnten diese beiden, aus Hamburg als Knaben fortgegangenen jungen Leute die Honneurs ihres Hauses mit stolzer Freude machen. Daß das deutsche Element auf den Samoainseln so entschieden vorherrscht, daß deutsche Biederkeit und Treue aus den wilden, von Krankheit und beständigen Bruderkriegen zerrissnen Völkerschaften zufriedene, arbeitende Menschen erschuf, – ihr Vater hatte das alles ins Leben gerufen.

Franzosen, Engländer und Amerikaner fanden sich in den Sälen vereint, aber weitaus die meisten Gäste waren Deutsche, denen auch die Insel ihre Schulen, ihren Arzt und eine segensreich wirkende Krankenkasse verdankte. Der erste Toast galt wie immer dem erlauchten Kaiserlichen Hause, der zweite dem Vaterlande, dem teuren, geliebten.

Als die Sterne hell vom Himmel strahlten, entwickelte sich draußen unter den Fenstern im Mondschein ein reges Durcheinander. Die Arbeiter der Gottfriedschen Faktoreien, unter Führung des Häuptlings, den der Buchhalter Johannes nannte, vollführten zum Vergnügen der Fremden einen ihrer Nationaltänze, wie sie trotz Arbeit und Gesittung bei den harmlosen Naturkindern immer noch sehr beliebt sind. Es mochten etwa sechs Anführer beisammen sein, jeder begleitet von zwei Narren, die dort als unerläßliches Gefolge des vornehmen Häuptlings gelten. Diese beiden jungen Männer trugen Anzüge von allen erdenklichen Farben, bald mit Federn, bald mit Stroh, Fasern und Zahnreihen geschmückt, in den Händen hielten sie Stöcke, die Gesichter waren unter schauderhaften, grob angestrichenen Masken versteckt, sie gebärdeten sich absichtlich wie Tollhäusler. Was irgend einer der Tänzer unternahm, das suchten sie zu vereiteln; was er ausführte, das ahmten sie in possenhafter Weise nach, am meisten die Musik, welche lediglich aus einem ohrenzerreißenden Trommeln bestand. Ein zwei Meter langer Block war ausgehöhlt, darauf wurde sonder Takt oder auch nur Übereinstimmung der Musiker mit derben Stöcken geschlagen, erst langsam, während sich die Tänzer langsam drehten, dann toller und immer toller, bis die ganze Menge raste, daß der Schweiß von allen Stirnen troff.

Nach diesem Tanze kam das Kriegsspiel, bei dem unsere Reisenden eine Waffe kennen lernten, die ihnen vorher unter keiner wilden Völkerschaft begegnet war, Handschuhe nämlich, grobe, plumpe Fausthandschuhe aus Kokosfasern mit einer inwendig befestigten Doppelreihe von Haifischzähnen.

Die beiden scheinbar feindlichen Parteien stellten sich einander gegenüber, während auch hier die seltsame Trommel mit Einzelschlägen das ganze Spiel begleitete und nun tat jeder Mann ohne Verabredung das, was ihm als das Beleidigendste, als die ärgste Herausforderung erschien, zum Teil Dinge, wie wir sie nur bei kleinen Kindern zu bemerken gewohnt sind. Natürlich schrieen und kreischten alle ohne Ausnahme, dann aber warfen sich einige zu Boden, um wie die Katzen oder Füchse aus dem Hinterhalt den Feind zu beschleichen, andre streckten die Zungen hervor, ballten die Fäuste, schüttelten die schweren, geschnitzten Keulen oder schlugen geradeswegs Purzelbäume, während sich ihre Häuptlinge nur durch Worte herausforderten, ohne der Würde des höheren Standes das Geringste zu vergeben.

Nach Schluß dieser lärmenden Feierlichkeit folgte ein Schmaus, der indessen auf keine Weise in ein Trinkgelage ausartete.

»Und in Wirklichkeit kommt solcher Kampf, solche Herausforderung niemals vor?« fragte Franz.

»Auf den Samoainseln wenigstens nicht. Es gibt hier in den fernen Gebirgsthälern allerdings noch einige hundert Eingeborne, die weder arbeiten noch zum Christentum bekehrt sind, aber diese bilden eine so kleine, in sich uneinige Gruppe, daß sie keinen Einfluß mehr besitzen. Europäische Waffen und europäisches Hausgerät findet sich auch bei ihnen.«

»Aber sie haben noch ihre eignen Gesetze und betreiben nach wie vor Götzendienst.«

»Dann wollen wir sie jedenfalls aufsuchen!«

Das war ohnehin beschlossene Sache und nach etwa vierzehn Tagen vollkommensten Ausruhens machte sich die kleine Karawane wieder auf den Weg, um auch die letzte Entdeckungsfahrt dieser Reise würdig zu beenden.

Meilenweit ins Innere hinein erstreckten sich freilich zunächst die Arbeitshöfe der Faktoreien, in denen Kokoskerne zerschnitten, getrocknet und dann als Kopra auf Wagen geladen und zum Ufer befördert wurden, um erst in Deutschland ihrer Verwandlung zu Palmöl, Schmiere und jenem wertvollen Viehfutter aus den Überresten entgegenzugehen. Tausend und abertausend Nüsse lagen in den weiten Räumen aufgestapelt, die eingebornen Arbeiter sangen und lachten, Scharen von Frauen sammelten die kostbaren Fasern und banden dieselbe in feste Packen, oder flochten gleich an Ort und Stelle Matten, Treppenläufer, Fußdecken, Körbe und Taue, die für den Handel nach Europa bestimmt waren, während selbst Kinder und Greise noch Gelegenheit fanden, sich in irgend einer Weise nützlich zu machen und immerhin einige Pfennige zu verdienen, die dann angeschrieben und bei dem Austausch der Arbeitslöhne gegen die Erzeugnisse deutscher Industrie verrechnet wurden.

Aus diesem heiteren, fast ganz unter dem blauen Himmelszelt sich entwickelnden Fabriktreiben führte der Weg in die eigentlichen Wälder, wo sich Plantage an Plantage aus dem Gewirre der tausendfältig wildwachsenden Farne, Orchideen und Bananen erhob. Immer eine junge Kokospalme und eine Baumwollenstaude standen friedlich bei einander, damit, wie der eingeborne Führer erklärte, die letztere so lange Ertrag gebe, bis erstere Frucht trägt, was erst nach sechs Jahren geschieht; dann stirbt die Baumwolle ab. Unabsehbar dehnten sich in jedem Alter der Anpflanzung die jungen Stämme, es folgten aber neben dieser Hauptsache auch Felder mit Kaffee, Vanille und sogar Thee, bis zuletzt die ursprüngliche Wildnis wieder aus jedem Fußbreit der Umgebung hervorsah.

Zwanzig Meter hoch über dem Boden trugen die Luftwurzeln der Bananen den schlanken Stamm mit seinen Riesenbündeln grüner und gelber Schotenfrüchte, die äußerlich unseren großen Bohnen nicht so ganz unähnlich erschienen, Melonen und Ananas wuchsen überall, Blumen sahen hervor aus jeder Spalte, zwischen allen Blättern, von allen Ästen; in den Bäumen gurrten die großen, prachtvollen Tauben, namentlich weiße mit violettem Kopf und roter Brust, ebenso kleinere Singvögel aller Arten und hier und dort sogar ein Papagei. – Das schönste der ganzen Landschaft aber blieben unstreitig die vielen, teils bedeutenden, teils zierlichen Wasserfälle, welche von den Felsen herab auf das verwitterte vulkanische Gestein stürzten, hier donnernd und brausend, dort in sanftem Plätschern, überall wie flüssiges, im Sonnenschein diamantengeschmücktes Silber glänzend und schillernd. Hier in diesem Teil der Insel lebten die wenigen Hunderte noch unzivilisierter Eingeborner, ein freundlicher, gastfreier und ehrlicher Menschenschlag, dem jedoch die Arbeit noch gleichbedeutend schien mit einem Schimpf.

Einzeln lagen die kleinen Dörfer im Schoß der Urwälder, sicher vor feindlichem Überfall durch die Achtung gebietende Nähe der Deutschen, reich selbst inmitten äußerer Armut, durch die Fülle der Gaben, welche gerade hier der Himmel in beständig fließenden Strömen seinen Erdenkindern geschenkt hat. Um die friedlichen, von allen Seiten offenen Hütten standen uralte Brotfruchtbäume, deren dreie einen Menschen während des ganzen Jahres zu ernähren vermögen, Kokosnüsse hingen auch hier von den Zweigen, der Papiermaulbeerbaum bot in seiner Rinde die Tapa, das faltige, luftige Gewand des Südseeinsulaners, die Riesenblätter der Palmen das Dach seines Hauses, der Bambus Stäbe, Geräte und tausend Kleinigkeiten des täglichen Bedarfes.

Hier lagen die Männer im Schatten und spielten das beliebte Lupespiel, indes die Frauen zwischen heißen Steinen kochten und backten, oder feine, dem schönsten Baumwollengewebe gleichende Matten verfertigten; der Grasgürtel an ganz nackten Gestalten kam wieder zum Vorschein und schließlich auch ein Tempel mit den beiden gekreuzten Bambusstäben über dem Eingang » Tabu«, d.i. »heilig« – wer den Ort betritt, dessen Leben ist verwirkt.

Die Reisenden machten Halt. Ein andres Dorf war vor Einbruch der Nacht nicht mehr zu erreichen, also mußten die Hängematten hier aufgeschlagen werden, während sich die Eingebornen beobachtend und zurückhaltend in ihren Hütten hielten oder unbekümmert um das was vorging, dem Lupespiel nachhingen.

Früchte, Federn und besonders Muscheln gaben dabei den Einsatz. Die Häuptlinge lagen bequem im Gras, auf den linken Ellbogen gestützt, indes sich die Rechte wieder und wieder blitzschnell dem Gegner entgegenstreckte, einige Finger geschlossen, andre emporgehalten, ziemlich wie bei unserem deutschen Kinderspiel: »Vogel flieg auf!« – Verfehlt es der andere, eine gleiche Anzahl von Fingern ebenso schnell vorzustrecken, dann hat er den Strich verloren. Zehn Striche entscheiden das Spiel.

»Merkwürdig, daß man wenige oder gar keine Kinder sieht!« meinte Franz.

Holm schüttelte den Kopf. »Das ist sehr einfach, mein Bester, sie bringen die, welche ihnen lästig werden, um. Nur die christliche Mission hat, wohin sie kam, diesem Unwesen steuern können, sonst herrscht es noch auf sämtlichen Südseeinseln.«

»Was kommt da?« rief plötzlich der Malagasche. »Ein Zauber!«

»Rua! – Rua!«

»Sieh hin, Herr, sieh hin!«

Auch die Spieler und die arbeitenden Frauen waren aufmerksam geworden, aber keines schien erschrocken oder erstaunt, vielmehr sammelten sich alle vor den Türen und sahen gespannten Blickes einem Zuge entgegen, der die Dorfstraße heraufkam. Sechs Männer trugen den siebenten auf wahrhaft barbarische Weise des Weges; sie hatten ihn mit Bastschnüren an Händen und Füßen gebunden, einen dornigen, überall von langen Stacheln umwucherten Stamm hindurchgeschoben und nun das unglückliche Opfer wie ein Schlachttier aufgeladen. Der Kopf des noch jungen Mannes hing wie leblos herab, auf seinen Lippen stand Schaum, die Augen waren unnatürlich weit geöffnet und sahen mit völlig irrem Ausdruck gerade vor sich hin, während Hände und Füße heftig bluteten.

Aus allen Hütten stürzten die Eingebornen und folgten höhnend und schimpfend dem Zuge, immer stärker und stärker schwoll der Strom, dem ein Priester mit langem Stabe und einer riesenhaften Perücke unter allerlei Grimassen voranschritt, von rechts und links stürzten Weiber mit geballten Fäusten herbei, aber ohne doch das Opfer zu berühren, sie drohten und lärmten nur wie Tollhäusler.

Der alte Doktor ging schnellen Schrittes, von Entrüstung getrieben, den Ankommenden entgegen. »Was habt ihr da, Leute?« rief er voll heiligen Zornes, »augenblicklich laßt den unglücklichen Menschen los!«

Die übrigen waren ihm eben so rasch gefolgt, sie stimmten jetzt sämtlich ein in die gestellte Forderung, ja, Franz und der Malagasche legten unverweilt Hand ans Werk, um die Faserschnüre zu durchschneiden und den Ohnmächtigen in Freiheit zu setzen. Er fiel schwer, wie leblos zu Boden.

»Was hattet ihr mit diesem Manne?« fragte Holms ruhige Stimme.

»Er ist ein Dieb, wir bestrafen ihn nach unseren Gesetzen. Wenn du in einem unserer Häuser etwas stehlen solltest, dann geschieht dir das Gleiche, Fremder.«

Die Worte waren in drohendem Tone hervorgestoßen, ein allgemeines Murmeln zeigte die Entrüstung des Volkes; der Priester schien heimlich die Nächststehenden aufzuhetzen.

Da legte sich der Führer ins Mittel, eben jener Johannes, der in den Werkräumen als Aufseher fungierte. »Wißt ihr auch, Leute, vor wem ihr hier im Augenblick steht?« fragte er.

Das Gerücht hatte seinen Weg über die Insel schon gefunden, man sah es. Die Leute knirschten, aber sie wagten keinen Widerspruch, selbst der vorlaute Sprecher verstummte und ließ es geschehen, daß die Weißen den bewußtlosen Mann wieder ins Leben zurückführten. Johannes reichte ihm die Hand. »Allolo,« sagte er, »du hättest gestohlen? Kann das wahr sein?«

Der Unglückliche weinte. »Ja, ich habe es getan, Johannes, – und auch nicht, wie man die Sache nehmen will. Du weißt dem Häuptling Bela gehört die Hütte, in der ich wohne, der Yams und Taro, den mein Weib pflanzt, die alten Urubäume. Meine Familie ist leibeigen, ich kann nie selbst Besitzer werden. Aber Bela trinkt den Branntwein der Weißen, er hat alle seine Ländereien verkauft, er ist arm, Johannes, und ich muß ihn ernähren. Er hatte verboten, von den Früchten zu nehmen, aber ich ließ mein Weib und die Kinder essen, – als keine Melonen mehr zu finden waren, haben sie Yams gegraben, dafür werde ich so unmenschlich bestraft.«

»Nach den alten Gesetzen der Samoaner!« rief giftig der Zauberer.

Johannes übersetzte Wort für Wort, ohne etwas hinzuzufügen oder etwas wegzulassen. Als der blutende, zerschundene Mann schwieg, sagte er: »Und du willst trotzdem hier bleiben, Allolo, du willst den Yams und die anderen Früchte bauen, damit deine Kinder hungern, während der verworfene Säufer beansprucht, was dein ist?«

Der Wilde war aufgesprungen, er ballte die Faust. »Kann ich denn auch fort?« keuchte er.

»Gewiß!« riefen alle wie aus einem Munde. »Gewiß kannst du fort. Nie und nirgends ist nach dem Willen Gottes der eine Mensch das Eigentum des andern. Überlasse den elenden Bela seinem Schicksal und gehe mit uns, Allolo, dann bist du ein freier glücklicher Mann, dem der Hunger nie mehr nahe tritt.«

Der Zauberer schlich sich leise an den Gemarterten heran. »Du kennst doch die Zeichen, welche das weiße Volk malt und durch die alle einander verstehen? Willst du ihren schlimmen Künsten geopfert werden? Allolo, besinne dich! Sie nehmen dir deine Kinder weg!«

»Und schicken sie in die Schule!« rief Johannes. »Meine beiden Buben haben schon ganze Stapel von Schreibebüchern verbraucht und werden täglich klüger dabei. Sie können dir auf der Weltkarte die Insel Upolu ganz genau zeigen, du Schelm, sie lesen alles vom Blatt.«

Allolos Augen blitzten. »Deine Knaben, Johannes? deine Knaben? Und das ist gewiß?«

»Das ist so gewiß, wie ich hier vor euch stehe?«

»Ach – und ihr würdet uns alle mit nach Apia nehmen, du? O ja, ja, ich will auch arbeiten, auch ein Christ und ein freier Mann werden.«

Der Zauberer sah, daß sein Spiel verloren war, er schlich sich heimlich grollend davon und die sechs andern Henkersknechte folgten ihm schweigend, während aus den Reihen der Umstehenden niemand wagte, sich zu ihren Gunsten hineinzumischen. Unsere Freunde bemühten sich, den geängstigten Mann aufzurichten und ihm Mut einzuflößen, ja Franz war so empört, daß er jetzt auch laut den Gedanken an eine Handelsverbindung mit dem Häuptling Tippoo zur Sprache brachte. »Ich möchte mir ebenso viele Segenswünsche erwerben, ebenso Großes erschaffen, wie mein Vater!« rief er mit glühenden Wangen.

Holm lachte lustig. »Das nenne ich glänzende Erfolge!« rief er. »Man schickt dich in die Weite, weil dir das Kontor zu dumpfig, das Rechnen zu langweilig ist, aber siehe da! just den Plan einer neuen großartigen Unternehmung bringst du mit nach Hause. Wahrhaftig, das soll alles Ernstes überlegt werden. Vielleicht sind es Feigen oder Zimt, mit denen sich im Innern von Ceylon bei den Baumbewohnern etwas anrichten ließe, jedenfalls aber freut mich dein Gedanke, von dem wir dem braven Tippoo möglichst rasch Mitteilung machen wollen.«

Während dieses zwischen den beiden jungen Leuten geführten Gespräches hatten sich Johannes und Allolo über die nächsten Vorgänge mit einander verständigt; die Zelte sollten nicht hier, sondern neben der Hütte des letzteren aufgeschlagen werden, was wohl im Interesse beider Teile gleich sehr geboten schien. Der Weg war kurz, schon vor Einbruch der Nacht lag das bescheidene Heim des armen Sklaven vor den Blicken der Reisenden, sie sahen sein Weib und seine Kinder, die vor Entzücken jubelten, als ihnen der Vater, wenn auch arg zerschunden, doch lebend und gesund entgegentrat. Nach Herzenslust durften jetzt in der schützenden Nähe der Weißen die armen verkümmerten Geschöpfe ihre eigenen Feldfrüchte pflücken und essen, ja, jeder einzelne der kleinen Schar schenkte ihnen, was sich eben im Augenblick entbehren ließ, Geld, Messer, Tücher und bunte Kleinigkeiten, die wie immer zu diesem Zweck in die Wildnis mitgenommen worden waren. Am lebhaftesten zeigte sich der Malagasche, er hätte wohl gern das Herz aus der Brust weggegeben und noch vor dem Einschlafen suchte er Gelegenheit, mit seinem jugendlichen Vertrauten unter vier Augen zu sprechen. »Franz, mein Bruder, mein Freund, wie lieb habe ich dich! Solche, gerade solche Verhältnisse waren es, aus denen du mich herauszogst! O die armen Sklaven, die Betörten, den Weißen widerstreben sie und von ihren Landsleuten lassen sie sich langsam morden.«

Franz drückte ihm die Hand. Er war an diesem Abend stumm, aber glücklich. Wie viele arme Seelen hatte das kaufmännische Talent seines Vaters aus unerträglichen Verhältnissen emporgehoben zur Freiheit und zu dem Glücke des Lebens! –

Die Nacht verging ungestört, oder doch ohne Schaden, da Holm das Herannahen eines blutgierigen Vampirs früh genug bemerkte, um die wenig nachbarlichen Absichten desselben mittels einer Gewehrkugel zu durchkreuzen. Neue prächtige Beute für das Museum daheim in Hamburg, ebenso die Schätze, welche sich im Innern der Bambushütte fanden, ein vollkommen hieb- und stichfester Panzer aus Kokosfasern, die Handschuhe mit Haifischzähnen, um den Gegner wie an einem Angelhaken zu fangen und ihm das Rückgrat zu brechen, ferner den Hausgötzen, einen kleinen plumpen wohlgenährten Holzkerl von ganz brauner Farbe, und mehrere hübsche Körbchen. Allolo schenkte alles freiwillig den Weißen, unter deren Schutz dann die ganze kleine Familie so lange reiste, bis sie, mit einem Brief des Führers versehen, unbehelligt die Faktoreien erreichen konnte, während unsere Freunde die Pferde unter Bedeckung im Tale zurückließen und dafür zu Fuß das Gebirge erkletterten. Ihr nächstes Ziel war der Krater Lanuto; siebenhundert Meter über dem Erdboden belegen!

Das gleichmäßige, terassenförmige Abfallen der Felsen erleichterte freilich diese Mühe; überall wuchsen Bäume, überall sprudelte reichlich klares Wasser und fand der Fuß in Moos und Flechten einen festen Halt, der Kopf Schatten unter rauschendem Gezweig. Da oben lag hinter dreißig Meter hohem Klippenkranze ein stiller, kreisrunder See, dessen Bild von erhabener Schönheit sich der Erinnerung unverwischlich einprägte. Auch den Krater Tafna bestieg die kleine Gesellschaft und dann führte sie Johannes zu dem bedeutendsten Punkte der Insel, einem unterirdischen Gange, der meilenweit durch das Gebirge dahinlief und endlich am Ufer des Ozeans ausmündete. Stellenweise fanden sich Zugänge, so daß unsere Freunde nur etwa eine halbe Stunde durch den gewölbten, von weißen und gelben Inkrustationen bedeckten Tunnel dahinzugehen brauchten, um dann am Endpunkte desselben ein ebenso schönes als großartiges Schauspiel zu genießen. Vor ihren Füßen brandete gegen das Korallenriff die ewig bewegliche See und dehnte sich links der Hafen mit seiner stattlichen Reihe von Schiffen aus aller Herren Länder, während rechts der Wasserfall donnernd und gewaltig aus schwindelnder Höhe herabfiel und gerade über den Köpfen der Schauenden die Stadt selbst am sanft aufsteigenden Berggelände sich erhob. Holm sammelte Stücke des verschiedenen Gesteines, brach auch etliche verirrte Muscheln von der äußeren Kante los und arretierte ungeheure Frösche und Spinnen, die hier in großer Anzahl hausten, dann kehrten alle durch den kalten, hallenden, fast schauerlichen Gang zurück zum Walde, wo sich Pferde und Gepäck glücklich wieder vorfanden. Noch vor Abend war Apia erreicht.

Neue Feste, neue Gesellschaften nahmen hier in angenehmem Wechsel mit den Arbeiten unter Holms Leitung die nächsten Wochen ein, dann wurde alle diese Gastfreundschaft erwidert durch ein glänzendes Diner an Bord der »Hammonia«. Aus so vielen Aufmerksamkeiten konnten die beiden jungen Leute ersehen, welch hohe Achtung der Name ihres Vaters sich unter der dortigen Bevölkerung erworben. Franz war geheilt von seinen knabenhaften Plänen und Ideen, er hatte hier inmitten der Schöpfungen kaufmännischen Talentes und der regen, energischen bürgerlichen Tätigkeit vollauf erkannt, zu welch segensreichem Wirken gerade der Handel berufen ist, wie er in seiner höheren Entwicklung zur Basis wird, auf der Kultur und Sitte ihre festen, weltumschlingenden, welterziehenden Bauwerke aufführen.

Franz hatte aber auch aus eigner Erfahrung gelernt, daß vorwiegend die gemäßigte Zone berufen ist, alle Blüten der Kultur und höchsten Vollendung zu erzielen. Nur wo der Mensch ein Heim, ein Vaterland besitzt, das in Klima und Produkten der industriellen Tätigkeit, dem Ackerbau und der Gesundheit als Förderungsmittel dient, da kann er über das einfach Unerläßliche, über die tierischen Bedürfnisse hinaus, an mehr und Höheres denken, da kann er schmücken und aufbauen, während in heißen und kalten Ländern alle Sorgfalt der bloßen Erhaltung im Kampfe mit verheerenden Naturkräften zugewendet bleiben muß und einerseits die üppige Fülle des Südens in seinen Bewohnern jenen sittlichen Ernst des schaffenden, arbeitsstarken Nordens niemals aufkommen läßt, anderseits die erstarrende Kälte der Polarzone notwendig jeden freieren Trieb lähmt. – –

Das Schiff nahm Palmöl und Kopra ein; während dessen erhielt der Malagasche, wohl vorbereitet durch seinen würdigen Erzieher, Doktor Bolten, als Rudolf Harms die christliche Taufe, bei welcher Gelegenheit ihm im Namen der Firma Gottfried ein ansehnliches Geldgeschenk und ein Brief des Chefs überreicht wurden, in welch letzterem Herr Gottfried den jungen Mann aufforderte, als Lehrling bei ihm einzutreten und in seinem Geschäft zu bleiben, nach freier Wahl auf dem Kontor in Hamburg oder in Apia.

Holm und Herr Frank versahen Patenstelle, viele hübsche Geschenke wurden dem ehemaligen Sklaven gespendet und allerseits geraten, lieber vorerst hier in Apia zu bleiben. Rudolf – wie wir ihn nun nennen müssen – hatte das auch heimlich längst schon erkannt und sprach es zuletzt offen aus. »Ein halber Wilder bin ich ja doch noch,« sagte er lächelnd, »also laßt mich einstweilen bleiben, wo – außer mir auch andere Wilde leben.«

Holm und die übrigen gaben ihm im Herzen recht, als aber endlich der Tag des Abschieds herankam, da tat doch die Trennung sehr weh. Franz konnte nicht glauben, daß ihm »Rua« fortan fehlen solle, er konnte ihn nicht lassen, als seine Hand zum letztenmale in der des Freundes lag. Immer wieder umarmten sich die beiden, immer wieder erneuten sie das Gelübde jenes Abends, als einer das Blut des anderen getrunken, jenen Schwur, der sie unzertrennlich als Brüder verband. Sie sollten nun beide von Weltumseglern zu fleißigen Lehrlingen werden, der eine in Apia, der andere in Hamburg; aber dennoch wollten sie sich dereinst wiedersehen, dennoch mußte ihre Zukunft eine gemeinsame bleiben, das gelobten sie sich fest.

Und als der letzte Händedruck gewechselt, als das Schiff zur Heimfahrt die Schraube in Bewegung setzte, da wiederholten die Herzen, was früher die Lippen ausgesprochen. »Auf Wiedersehn! Auf Wiedersehn!« – –

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