Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Sophie Wörishöffer >

Das Naturforscherschiff

Sophie Wörishöffer: Das Naturforscherschiff - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Wörishöffer
titleDas Naturforscherschiff
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1941
printrunVierzehnte Auflage
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20070530
modified20150522
projectidce00c721
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Kapitel

Durch das Korallenmeer. Auf Tonga. Das Seebeben. Das Wrack der »Eintracht«. Die Gefangenen der Menschenfresser. Ihre Befreiung.

—————

 

Der Dampfer durchschnitt die blauen Fluten des Großen Ozeans. Nach herrlicher Fahrt durch das Korallenmeer, südlich um Neukaledonien herum, näherte man sich, quer die Gazelletiefe durchschneidend, dem nächsten Ziele, als welches die Tongainseln ausersehen waren. Die altgewohnten Bilder südlich-tropischer Prachtfülle luden wieder alle Sinne zum Genuß. Hier ragten aus dem Meere die sogenannten Atolls, die schmalen, unbewohnten, meist bogenförmigen Koralleninseln, auf denen schlanke Palmen ihre Kronen wiegten, wo große, schöne Seevögel nisteten und ein reiches, üppiges Grün das Auge des Beschauers entzückte; dort dehnte sich das Gestade eines kleinen, waldigen Inselchens, auf dessen Rund die Forscher nur wenige Pflanzen und Insekten, aber keine menschliche Wohnung fanden, – überall glänzte Schönheit und höchste Vollentfaltung der Natur. Auch das Meer selbst zeigte neue Gestalten. In zahlreicher Fülle umschwamm das Schiff eine Quallenart, wie sie bisher noch nicht erschienen war, eine Familie von Einzelwesen, die jedoch zusammen ein geschlossenes Ganze bildeten, und bei deren Anblick die Reisenden nur verdroß, daß auch dies farbenschöne Geschöpf nicht eingefangen und mitgenommen werden konnte.

An einer zarten, milchweißen Schwimmblase hingen mehr als fünfhundert kleine, weiße Glöckchen, die immerfort auf- und zuklappten und dadurch das sonderbare Wesen über Wasser erhielten. Sie glichen durchsichtigen klaren Tröpfchen, deren Reiz nur übertroffen wurde durch den des roten gewellten Stieles, des eigentlichen mit Saugapparaten versehenen Nährpolypen, von dessen Rund je eine rosige Kapsel das abwärts geneigte Tröpfchen wie ein Dach überschattete, der fadenartig dünn auslief und gegen das Ende hin weniger und immer weniger kleine Glöckchen trug. Das Ganze glich einer riesigen, aus den zartesten weißen Perlen zusammengesetzten Traube, es lag in der obersten Wasserschicht wie das Geschmeide einer Kaiserin, würdig, im Fürstensaale zu prangen, das Kunstvollste, Reizendste, was auf dem ganzen weiten Gebiet der schaffenden Natur den Forschern begegnet war – und doch in Wirklichkeit nur klebriger Schleim. Holm versuchte nicht, es einzufangen, ebensowenig die hier im großen Ozean schwimmenden, gleich einem wandernden Blumenbeet dahinsegelnden Seerosen, deren bunte Farben das Schiff umgaukelten, während sie in allen übrigen Meeren nur festsitzend auf dem Grunde angetroffen waren; er machte noch einige Züge mit der den Orang-Badju so mühsam abgetrotzten, unterseeischen Laterne; aber die Hauptaufmerksamkeit galt hier doch den Inseln, nicht dem Meeresgrunde, dessen Bewohner in seinen Sammlungen, so weit möglich, schon alle vertreten waren.

An den Tongainseln warf das Schiff zum erstenmale nach langer, schöner Reise wieder seine Anker aus, natürlich nicht in einem Hafen, sondern wo gerade der überall flache, langgestreckte Strand die Landung gestattete. Daß es nicht ratsam sei, hier unter den Wildesten aller Wilden, wo selbst noch Menschenfresser gefunden werden, weite Landreisen zu machen, wußten die jungen Leute, aber zu zwanzig Mann das Ufer betreten, wohlbewaffnet und wohlversehen mit allerlei Geschenken, das ging doch an. Sie nahmen alte Kleider, Lebensmittel, ein paar Säbel und Dolche sowie etwas bunten Kattun; dann wurde das nächste Dorf aufgesucht. Am Strande fischten langbeinige Reiher und große kornblumblaue Eisvögel; in allen Zweigen lebte und wogte es von den schönsten Papageien und Singvögeln, bunte Schmetterlinge segelten durch die Luft, Bienen flogen summend umher, und Käfer krochen am Boden; nur Säugetiere sahen die Reisenden nicht; auch selbst die kleinsten Arten fehlten.

Große, schöne Menschen, hellfarbig mit schwarzen, klugen Augen und langem, schwarzen, durch Kalk an den Spitzen gelb gefärbten Haar kamen aus den Gebüschen hervor und besahen neugierig wie harmlose Kinder die fremden weißen Menschen. Ihre Hütten waren die bekannten Pfahlbauten, welche Bienenkörben gleich hart neben einander im Kreise standen, und wo sich nach australischer Weise der Herd in einem Erdloch mitten in der Wohnung befand; sie zeigten teilweise hübsche, geflochtene Matten, einige Körbe, Waffen und Schmuckgegenstände aus Korallen, im ganzen aber blickte doch die Trägheit und Armut der Bewohner überall durch. Trotz des gesegneten Klimas und des überaus fruchtbaren Bodens war nirgend eine Spur von Landwirtschaft aufzufinden; vielmehr lebten die Leutchen von dem, was der Himmel freiwillig spendete, und wenn ja zuweilen irgend eine Mühe aufgewendet wurde, so war es die, den Meerwurm einzufangen und das widerwärtige Gericht auf heißen Steinen zu rösten.

Die ganze Insel erschien wie ein einziger, großer, schöner Garten, zum Teil Park mit hohen, alten Bäumen, zum Teil flaches Land, auf dem nur die Tierwelt fehlte, um es zum Paradies zu gestalten. Tauben in den seltsamsten Farben, weiß mit violettem Kopf oder weiß mit rosenroter und grüner Brust, bevölkerten die Bananenbäume, deren Früchte sie naschten; Zwergloris, ganz kleine, purpurne und grüne Papageien, zerfaserten die Nüsse der Kokospalme, blaue und weiße Winden krochen an allen Stämmen hinauf, die Sandelholzbäume boten kostbaren Wohlgeruch, und Baumwollenstauden erhoben überall die kapselartigen Häupter.

Es war nicht möglich, sich mit den Wilden zu verständigen, aber dennoch schienen sie den Begriff des Tauschhandels recht gut zu kennen, so daß für die Sachen, welche unsere Freunde mitgebracht hatten, ganze Massen frischer Früchte an Bord kamen. Auch Wasser wurde eingenommen, und nachdem das Dorf besehen, die hauptsächlichsten Vogelarten erlegt und ein paar Zweige des Sandelholzbaumes mitgenommen waren, luden unsere Freunde die schönen, zutraulichen Menschen ein, nun ihrerseits das Schiff zu betrachten. Eine Menge Kähne, lauter sogenannte Einbäume, lagen am Strande, und auf ihnen ruderten die Polynesier heran, Männer und Frauen, Kinder und Erwachsene, sämtlich nackt bis auf den Grasgürtel; sie untersuchten jedes Stück, schwatzten unter einander ohne Aufhören und verlangten wie Kinder alles, was ihnen gefiel. Nur vor Büchern zeigten sie entsetzliche Furcht. Keine Überredung kein Lockmittel konnte sie bewegen, irgend einen Band mit ihren Händen zu berühren, ja, wenn die Weißen den Deckel zurückschlugen und so das Gedruckte ans Tageslicht kam, dann flohen sie bis an das entgegengesetzte Ende des Schiffes und zuweilen sogar ohne weiteres köpflings ins Wasser. Es machte sich bei ihnen die ganze Natürlichkeit des wilden Zustandes geltend, dennoch aber mußten sie von weißen Eroberern schon gehört haben, mußten wissen, daß Bücher für allerlei einengende und unbequeme Zwecke ihnen gegenüber das Mittel waren, daß sie gefährliche Zaubereien enthielten und der gefürchteten Rasse als Waffen dienten. Erst die hereinbrechende Nacht zwang die Leutchen, in ihren steuerlosen Kähnen, deren jeder einen Zwillingsbruder von ganz gleicher Gestalt, nur unausgehöhlt, wohlbefestigt neben sich führte, ans Land zurückzukehren; das Schiff dagegen blieb liegen, um vor Antritt der Weiterreise an gesicherter Stelle auch das nächtliche Naturleben dieser Breiten kennen zu lernen.

Vom nahen Ufer herüber rauschten die Baumkronen, helle Tropennacht lag auf der leise rollenden See, und hier und da regten sich die Geschöpfe des Strandes oder der Tiefe. Schildkröten watschelten schwerfällig auf dem Kies, große fischende Reiher und Möwen strichen hart über der Oberfläche des Wassers dahin, und durch die Luft huschten graue, häßliche Vampire, sogar das Schiff streifend, lautlos mit faltigen, niedrigen Flügeln und scharfen Krallen. Unzählige kleine Quallen, die Noktiluken und Salpen verbreiteten, in gewundenen Zügen schwimmend, das schöne demantartige Meerleuchten, Fische tauchten auf, und flatternde Nachtvögel jagten einander in den Zweigen. Als die Morgenröte am Himmel emporstieg, hatte sich das ganze Meer mit kleinen, dünnen Würmern wie mit einer erdgrauen Schicht völlig bedeckt; vom Lande stießen eine Menge Boote, in denen die Eingebornen mit großen Körben saßen und geschickt in einer Art Netz die unappetitliche Speise einfingen. Das Wort »Palolo« ging von Mund zu Mund, und sobald ein Korb gefüllt war, trugen ihn die Frauen in das Dorf, um den Inhalt auf heißen Steinen zu rösten.

Dieser Palolofang schien ein besonderes Fest; wahrscheinlich zeigte sich der Wurm nur selten, weshalb auch die Frauen ihr Haar mit Palmöl, Sandelholz und Blumen geschmückt hatten, während die Kinder durch Tanzen und Jubeln ihre Freude zu erkennen gaben. Einige der schönen, hellfarbigen Gestalten kamen auch an Deck, um die schreckliche Speise anzubieten, und wurden reich beschenkt mit bestem Dank wieder entlassen, indes Hühner und Affen den Wurm eilfertig verzehrten, die Menschen dagegen schaudernd den sonderbar fettig und brenzlich duftenden Pudding von sich wiesen.

Das Schiff lichtete seine Anker und steuerte den Fidschiinseln zu. Von diesen sollte es, da fast alle verschiedenen Gruppen einander im hauptsächlichsten gleichen, nur noch dem eigentlichen Ziele, den Samoainseln, einen Besuch abstatten und dann die Heimreise antreten. »Von den drei größeren Unterscheidungsformen der ozeanischen Völkerschaften, den Melanesiern, Polynesiern und Mikronesiern, sind nur die Polynesier für uns noch neu,« hatte Holm gesagt, »die beiden andern dagegen nähern sich der schwarzen genugsam bekannten Rasse, sind – namentlich in Neuirland, Neuhannover und den Neuhebriden – falsch und diebisch, wogegen die Mikronesier ganz in der Unkultur und Armut der Negervölker dahinleben; wir wollen deshalb ihren Inseln keine weitere Aufmerksamkeit zuwenden, sondern, lieber den berüchtigten Fidschianern unsere Visite machen: in Samoa ist dann der Aufenthalt ein längerer und eingehenderer.«

Damit waren die übrigen einverstanden, und so dampfte das Schiff durch die heiße, inselreiche See dahin, oft an einzelnen Klippen, oft an blühenden Ufern vorüber, so recht in dem vulkanischsten, den meisten und bedeutendsten Erdbeben ausgesetzten Teile unserer Erde, immer zwischen Korallenfelsen, zwischen den Häuptern rauchender Krater und ganzer Züge erloschener, ehemals feuerspeiender Berge, aus deren brodelndem Inneren sich dereinst vor Jahrhunderten die heute so blühende Insel herausgehoben hatte. Fast alle waren sie von Korallenriffen umgeben, fast alle von einer Menge kleinerer Inselchen und vorspringender Klippen wie von einem grünen Gürtel eingeschlossen; zuweilen glitt das Schiff langsam am Ufer dahin, so nahe, daß die nackten Gestalten der Bewohner deutlich erschienen, oder daß weiße, nach europäischem Muster aufgeputzte Gebäude durch das Grün der Bäume hervorschimmerten, jedesmal ein Anblick, den die gesamte Mannschaft durch lautes Hurra begrüßte.

»Morgen laufen wir in Viti-Levu ein,« sagte nach dreiwöchentlicher Reise der Kapitän. »Ich hoffe es wenigstens!« –

Holm sah ihn an. »Wenn es nicht heute noch einen Orkan gibt, gelt?« fragte er. »Himmel und Wasser haben eine eigentümliche Beleuchtung, – mich deucht, das Meer ist unruhig, obgleich man doch keinen Wind verspürt.«

Der Kapitän antwortete ausweichend. Eine der Fidschiinseln, eine kleine, namenlose, mit hohem, rauchendem Vulkan lag zur Rechten des Schiffes und vor ihr mehrere grüne mit Palmen bestandene Erdfleckchen, mehrere vulkanische, wildzerrissene Klippen – auf diese richtete er sein Augenmerk. Plötzlich deutete er zu dem Krater der Hauptinsel hinüber. »Da haben wir es, ich dachte mir's bereits!«

Ein rollender, knatternder Ton erfüllte die Luft, eine hohe Feuersäule schlug gen Himmel, und Ströme gelber, glühender Lava flossen nach allen Richtungen am Berg hinunter in die Tiefe. Große Steine wurden hoch emporgeworfen und fielen donnernd wieder hinab in den entsetzlichen Schlund, die ganze Umgebung war in Rauch und Asche gehüllt. Auf dem Schiff standen sämtliche Reisende und betrachteten das herrliche Schauspiel, dem sich jetzt vom Himmel herab ein Gewitter mit blendenden, zuckenden Blitzen zugesellte. Da plötzlich begann die Unruhe, welche das Wasser schon seit Stunden beherrscht, in förmliches Toben überzugehen. Wie im stärksten Sturm hoben sich unter vollkommenster Windstille die Wellen; auf der Oberfläche erschienen Blasen; das Schiff wurde wie von unsichtbaren Händen geschüttelt, so daß jeder der Männer, um nicht zu fallen, nach irgend einem festen Gegenstand griff, und dann, als das Murren und Grollen, das Zischen und Donnern seinen Höhepunkt erreicht, dann geschah etwas, dessen Anblick den Weißen wie ein Zauberkunststück vorkam, das ja unmöglich Wahrheit sein konnte.

Die kleinen Inselchen mit ihren Palmen und Bananen, die Klippen von sonderbarer phantastischer, fast einem Riesenvogel gleichender Form – sie alle schienen zu schwanken, sich zu neigen, die vorderste Klippe drehte sich sogar um ihre eigene Axe – unmöglich, unmöglich, das konnte nicht sein, das war ein Blendwerk. – –

Aber da rauschte es auf, hundertfältiger Donner zerriß den Schoß des Meeres, mitten aus der Klippe fuhr ein Flammenstrahl, betäubend brüllten die Wogen, ganze Berge türmend, ungeheure Wassermassen, die das Schiff wie einen Kreisel drehten, die spritzend, kochendheiß, von Dampf und Funken umflogen, bis über die Schornsteine hinauf ihren Tropfenregen entsandten und überall, wohin sie trafen, die Haut der Männer empfindlich verbrannten. Ein Schrei brach von den Lippen der Beherztesten, mehrere waren von dem Stoß zu Boden geworfen worden, alle lähmte Schreck und Verwirrung. Als aber einige Besinnung zurückgekehrt, und sie wieder hinaus sahen auf den Ort der gespenstigen Katastrophe, da war von den schwankenden Inselchen, von der brennenden, in helle Gluten getauchten Klippe nichts mehr zu entdecken; die Tiefe hatte sie für immer verschlungen; nur große Stücke Schlacken und eine Unmasse grauer und gelber Asche trieben auf den stiller werdenden Wellen, daneben aber auch tote, buchstäblich gekochte Fische, Würmer, Schnecken und Muscheln in großer Anzahl. Binnen wenigen Augenblicken war die ganze Oberfläche des Meeres davon bedeckt; Krebse im schönsten Todesrot, alle Arten eßbarer Flossenträger, Tintenfische, selbst ein Hai, dazu kleine Schildkröten und Muscheln, so trieb es, emporgeworfen von den unterirdischen, den Boden des Ozeans aufwühlenden Gluten, leblos neben einander, während drüben die Ausbrüche des Vulkans fortdauerten und aus den Wolken Blitz auf Blitz herabzuckte.

Ein wahrer Wolkenbruch endete nach einer halben Stunde das furchtbare Naturschauspiel, dem die Reisenden mit ebensoviel Anteil als Grauen beigewohnt hatten und das von seiten der wilden Bewohner jener größeren Insel noch einen höchst unerwarteten Schlußakt erhielt. Die Doppelkähne setzten sich in Bewegung, die braunen, schöngeschnitzten Ruder aus Eisenholz wurden eingelegt und große Weidenkörbe mit den toten Fischen angefüllt. Ohne von den Weißen Notiz zu nehmen, ohne sich Zeit zum Auflesen zu gönnen, fielen die Eingebornen sogleich über ihren Fang her und vertilgten die unheimliche Speise mit Haut und Gedärmen da, wo sie dieselbe aufgriffen. Ohne Zweifel litt also die Insel, wie dies gerade in der heißen Zone so oft vorkommt, an Hungersnot; die Trägheit ihrer Bewohner ließ keine Feldarbeit aufkommen; da wo die Ernte eine zehnfache sein konnte, wurde kein Acker gebaut, kein Fruchtgarten gehalten; – die Menschen fielen wie Hyänen über tote, ekle Körper her, um nur den nagendsten Hunger zu stillen.

Ein paar Säcke Mehl wurden verteilt; dann nahm der Dampfer seinen Weg wieder auf. Das Gewitter hatte nachgelassen; eine angenehme Kühle folgte der furchtbaren Hitze, die See ging ruhig wie zuvor. Früh am folgenden Morgen, als die ganze Gesellschaft, noch das erstaunliche Erlebnis des letzten Tages besprechend, ergänzend und berichtigend beim Frühstück auf dem Verdeck saß, etwa gegen neun Uhr, meldete der Mann am Steuer einen dunkeln Punkt in Sicht. »Ein Schiff ist's nicht,« setzte er hinzu, »es fehlen Masten und Takelage.«

Auch der Kapitän sah hin. »Sonderbar, das kann nur ein Wrack sein, denn für ein Boot ist es viel zu groß.«

»Aber wir haben ja gar kein Unwetter, keinen Sturm gehabt! – hm, Steuermann, das müssen wir aus der Nähe besehen.«

Der Alte nickte, die nötigen Befehle wurden gegeben und allmählich schwand der Raum zwischen dem Dampfer und dem treibenden, offenbar herrenlosen Rumpf, dessen Weg die ganze Gesellschaft mit lebhaftem Interesse verfolgte. Als für einen Anruf durch das Sprachrohr die nötige Nähe erreicht worden war, fragte Papa Witt mit lautem Ton nach dem Woher und Wohin; er wiederholte sogar mehrere Male den Zuruf, aber keine Antwort klang von der Stätte der Verwüstung zurück, – auf dem Wrack konnte sich keine lebende Seele mehr befinden.

Jetzt befahl der Kapitän, den Rumpf des unbekannten Schiffes zu entern und ihn behufs Feststellung seiner Verhältnisse einstweilen ins Schlepptau zu nehmen; das geschah auch, die Matrosen zogen mittels langer Haken das Wrack heran, und mehrere von ihnen sprangen an Bord desselben, um den Tatbestand zu untersuchen. Das Schiff, die deutsche Bark »Eintracht«, war offenbar während des gestrigen Gewitters vom Blitz getroffen worden und bis auf das Deck niedergebrannt. Hier mochten die stürzenden Regenfluten dem Verderben Einhalt geboten haben, jedenfalls aber lebte auf den traurigen Überresten des stolzen Baues kein Mensch mehr; die Mannschaft war entweder verbrannt oder ertrunken, vielleicht auch dem Ärgsten entronnen, indem sie rechtzeitig die Flucht ergriff; darüber ließ sich nichts entscheiden. Wo keine Masten, keine Takelage zu entdecken war, da konnte auch kein Boot sein, – möglicherweise trieb es voll hoffnungsloser, verzweifelnder Männer auf offenem Meer, möglicherweise war es verbrannt und die Besatzung mit ihm.

Nachdem die verkohlten Luken geöffnet und die Ladung als Ballast erkannt war, löste man jede Verbindung mit dem Dampfer. Mochte das Wrack, überall angebrannt und total ruiniert, vor Wind und Wellen treiben, bis es irgendwo von den Eingebornen aufgefangen wurde, – da unsere Freunde nie in bekannten Häfen, sondern möglichst immer an irgend einer einsamen Stelle landeten, so konnten sie es nicht mitnehmen; namentlich jetzt nicht, wo sie an der Küste von Viti-Levu für sich selbst eine stille, versteckte Bucht erst suchen mußten.

Hier wohnten die Menschenfresser, es war größte Vorsicht geboten.

Noch vor Abend kam die Insel in Sicht, und am andern Morgen hatte sich auch schon eine Möglichkeit des Anlaufens gefunden. Obwohl das Korallenriff ganz Viti-Levu umgab, so zeigte sich doch hier oder dort eine brandungsfreie Bucht, und in die erste derselben lief der Dampfer ein. Mangroven und dichtes Gebüsch verhinderten den Blick tiefer einzudringen, dennoch aber entdeckten unsere Freunde schon sehr bald etwas ganz Unerwartetes, nämlich ein großes, wohlerhaltenes, keinesfalls aus den Händen der Fidschianer hervorgegangenes Boot, das mittels einer starken Kette am Ufer befestigt lag und außer einigen leeren Trinkgefäßen weiter nichts als die Ruder enthielt. Sobald die Reisenden ihr eigenes Boot ausgesetzt hatten und dem fremden näher kamen, erkannten sie am Steuer den Namen »Eintracht«.

Kapitän und Mannschaft sahen einander an. Schiffbrüchige deutsche Matrosen hatten sich vor der Verheerung durch die Flammen ohne alle Lebensmittel in das Boot gerettet und waren dann vom Hunger getrieben hier an Land gegangen, um womöglich irgend etwas Genießbares aufzufinden; – durfte man die Landsleute schutzlos den Händen der Kannibalen überlassen?

Franz beantwortete die stumme Frage. »Auf, Herr Kapitän, auf! ich bin überzeugt, Sie wollen die ganze Insel durchsuchen, bis diese armen Kerle gefunden sind!«

Der Doktor klopfte ihn auf die Schulter. »Mein warmherziger Junge,« sagte er freundlich, »wenn keiner mit dir ginge, so täte ich es. Eine Schande für jeden Mann, der seinen Nächsten feige im Stich läßt!«

Hans und der Malagasche erklärten sich ebenfalls einverstanden, sämtliche jungen Leute suchten schon nach ihren Waffen, nur Holm und der Kapitän zögerten noch. »Das kann eine blutige Geschichte werden,« meinte bedenklich der letztere, »diese Wilden sind erwiesenermaßen Kannibalen.«

»Vielleicht kommen wir auch bereits zu spät, um die Unglücklichen noch zu retten. Es ist bekannt, daß die Fidschianer alle Schiffbrüchigen verzehren! Wenn auch in den von Weißen bewohnten Küstenstädten, wo das Christentum Boden besitzt, dergleichen vielleicht seit Jahrzehnten nicht mehr geschieht, so ist es doch hier in der vollkommensten Wildnis damit noch ganz wie früher. Die Matrosen von der »Eintracht« können längst bei einer Kolanfeier verspeist sein.«

Der Doktor schüttelte den Kopf. »Vielleicht aber leben sie noch und bitten den Himmel, ihnen in höchster Not einen Erretter zu schicken,« versetzte er. »Es ist nicht von ohngefähr, daß wir dem Wrack, und später hier dem Boote begegnen mußten; das behaupte ich, – und nun lassen Sie uns eilen.«

Der Kapitän legte ihm beide Hände auf die Schultern. »Wollen Sie zu Hause in Hamburg die ganze Verantwortung übernehmen, Herr Doktor? Wollen Sie es bei dem Vater vertreten, wenn einem seiner Söhne ein Unglück geschähe?«

»Da wir nicht im Mutwillen, sondern den heiligen Geboten der Menschenliebe folgend handeln, ja, Herr Kapitän! Vor dem Vater und vor Gott will ich vertreten, daß auf mein Zureden die Expedition unternommen wurde.«

Der Kapitän nickte. »Well, dann laßt uns gehen,« entschied er. »Aber diesmal soll kein einziger fehlen, nur der Maschinenmeister mit zweien seiner Leute mag als unerläßliche Bedeckung an Bord bleiben. Heda, Jungens, wollt ihr die Kameraden von der »Eintracht« aus den Klauen der Wilden retten helfen? Das hier ist ihr Boot und höchst wahrscheinlich sind sie selbst Gefangene. Ich zwinge keinen; wer nicht mitgehen will, der kann zurückbleiben!«

Ein allgemeines Hurra war die Antwort. Fünfundzwanzig Männer, vom Kopf bis zu den Füßen bewaffnet, schlossen sich der Expedition an, es bildeten sich unter Führung des Kapitäns, des Steuermanns und derjenigen Holms drei Züge, die zunächst vom Boot aus die Spuren ihrer unglücklichen Landsleute aufsuchten, um die Richtung, in welcher sie vordringen wollten, ganz genau festzustellen. Das war freilich keine leichte Aufgabe! Ohne Beistand des Malagaschen wäre sie wahrscheinlich überhaupt nicht gelöst worden. Blumen und Blätter bedeckten das Ufer so dicht, die Pflanzenwelt zeigte so üppige Entfaltung, daß schon Stunden genügen mußten, um in dieser heißen Luft an Stelle des geknickten Halms, der zertretenen Blume eine neue Knospe, neues Grün entstehen zu lassen. Der Malagasche kroch auf Händen und Füßen im Kreise um das Boot herum, bis er die Spur gefunden hatte. »Hier sind die Weißen gegangen,« behauptete er, »ich sehe die Abdrücke ihrer Schuhnägel in den Yams- und Torablättern; sie haben von diesem Baum Früchte gepflückt und dort eine Kokosnuß zerschlagen. Ach, an den Dornen hängt Blut! Es ist sicher, daß Menschenhände hineingriffen!«

Der junge Hova war in diesem Augenblick ganz Wilder auf dem Kriegspfad. Er ging voran durch die wundervolle, mit verschwenderischer Pracht ausgestattete Schöpfung und fand an hundert kleinen, dem Auge des Weißen unerkennbaren Spuren den Weg, welchen die jedenfalls vergeblich nach Wasser suchenden Matrosen genommen haben mußten; immer tiefer hinein in das Walddunkel marschierte die kleine Schar, deren jeder eine Kugelbüchse, zwei Pistolen und einen tüchtigen Säbel bei sich führte. Alle Arten schöner Vögel, besonders der prächtige Tropikvogel und die großen Papageien, saßen in den Zweigen; Brotfruchtbäume, Bananen auf hohen korbartigen Luftwurzeln, Kokospalmen, Citrusarten und Orangen wiegten im lauen Sommerwind ihre Laubkronen und vereinigten dieselben zu einem förmlichen, alle Sonnenstrahlen abschneidenden Blätterdach, unter denen ein so schwüles Halbdunkel herrschte, daß viele Blumen in grauer Farbe erblüht waren, und alle lebhafteren Farben fehlten.

»Sie suchen Wasser,« beharrte der Malagasche. »Sie sind früh morgens hier gegangen und haben aus Durst die Blätter des Yaquota durch den Mund gezogen, – auch Orangen haben sie gepflückt.«

Er zeigte einzelne Kerne, kleine Stückchen Schale und hob dann plötzlich ein kaum fingerlanges Pflänzchen aus dem Boden hervor. »Wasser,« flüsterte er, »es ist Wasser in der Nähe. Diese Blume lebt nur an feuchten Stellen.«

Holm hatte den grünen Stengel ergriffen. »Ein Vergißmeinnicht,« sagte er lächelnd, »ein deutsches Vergißmeinnicht! – Aber du hast recht, Junge; dergleichen liebt feuchte Gräben oder mehr noch seichtes, fließendes Wasser. Vorsichtig also, um Gottes willen vorsichtig, die Wilden können ganz in der Nähe ihr Dorf haben.«

Der Malagasche schlich lautlos voran. Den Hut und den Rock hatte er, sonst an diese Bekleidungsstücke zivilisierter Menschen längst gewöhnt, schon abgeworfen; jetzt folgten auch die Stiefel, und nur mit Hemd und Leinenhose angetan, drängte sich der Sohn des wilden Stammes wie ein schlankes Reh durch die niederen Büsche, den einzelnen kleinen Vergißmeinnichtstauden folgend, bis an ein Bächlein, das über den Waldboden dahinrieselte und an seinen Ufern ganze Felder der blauen Blume umspülte. Hier traten erkennbare Fußspuren zu Tage. Die verirrten Matrosen hatten knieend getrunken und dann so gut, als es anging, gebadet; ihr weiterer Weg führte am Fluß hinauf, woselbst denn auch nach kurzer Wanderung der Malagasche die ersten Anzeichen menschlicher Nähe entdeckte. Ein Wink befahl den übrigen, zurückzubleiben; Rua-Roa tauchte geräuschlos wie eine Schlange in das Dickicht und kam nach wenigen Minuten blaß vor Erregung zurück. »Die Fidschianer sind da,« raunte er, »und die Weißen auch, sechzehn Männer im ganzen. Ich glaube, wir können siegen! – kommt hier herum, – aber leise, leise!«

.

Befreiung der Gefangenen aus den Händen der Fidschianer

Die Kugelbüchsen schußgerecht in den Händen, die Säbel gelockert und die Herzen schlagend vor Erwartung, vor begreiflicher Unruhe, so folgten die Weißen dem jungen Hova. Bald sahen alle in geringer Entfernung das Dorf der Fidschianer und diese selbst; den Hintergrund bildeten hübsche Pfahlbauten, deren Türöffnungen bunte, geschmückte Decken zeigten, und über denen auf mäßiger Anhöhe der Ortstempel sich erhob. Dies letztere Gebäude diente den Häuptlingen als Schlafgemach und umschloß eine Art von Altar, vor welchem die Priester den Kolan (Göttern) die üblichen Menschenopfer darbrachten; außerdem aber schienen rings um dasselbe herum in Friedenszeiten die Wurfwaffen der Insulaner als eine Art künstlich geordneter Schmuck verwahrt, während auf dem spitzen Dache eine ungeheure Anzahl von Schädeln zur Pyramide getürmt war.

Die Fidschianer trugen weiße, selbstgewebte Stoffe aus den Fasern einer Binsengattung; diese Kleider hatten aber keinerlei Schnitt und wurden weder angezogen noch geschlossen; vielmehr erschienen Männer und Frauen vom Kopf bis zu den Knieen hineingewickelt, so zwar, daß das letzte Ende des Zeuges je nach dem Range der verschiedenen Personen von einem bis zu dreißig Fuß nachschleppte. Ihre Farbe war schwarzbraun, ihr Haar lang und lockig, die Bärte besonders voll entwickelt und ihre Höhe staunenswert. Manche hatten geradezu riesenhafte Größe.

Alle diese Wilden lagen im Halbkreise um ein Feuer, das soeben zu glimmen begann, und das die Priester schürten. Vor ihnen hockten am Boden um eine große, aus einem Holzblock künstlich geschnitzte Schale eine Anzahl junger Mädchen, die sämtlich beschäftigt waren, den Kriegern das Material zu ihrer Bowle zu liefern und zwar auf eine ebenso abscheuliche als nur diesen barbarischen Völkerschaften eigentümliche Art. Sie kauten nämlich die Wurzeln einer Pfefferpflanze zwischen ihren Zähnen zu Brei und spuckten diesen letzteren in die große Schale, von wo er mit Wasser vermischt an das Feuer kommt und abgeklärt den »Kawa«, ein sehr berauschendes Getränk, gibt.

Hinter den jungen Fidschianerinnen, also in der Nähe der versteckten Weißen, lagen auf dem Gras, an Händen und Füßen gebunden, die gefangenen Matrosen am Rande des Gebüsches. Es schien ganz leicht, sich diesen Männer bis auf Schrittweite zu nähern, schwerer aber war es, ihnen ein Zeichen zu geben, das nicht auch zugleich die Aufmerksamkeit der Wilden erregte, – unsere Freunde berieten leise, was zu tun sei.

»Jedenfalls soll erst das Getränk fertig und der Holzstoß zu Kohlen verbrannt sein,« flüsterte Holm.

»Wir können also den günstigen Augenblick erwarten.«

»Aber wer schleicht sich hin? Ich kann es nicht tun, da sie mich für einen Wilden halten und mir nie trauen würden.«

»Ich gehe, Rua,« flüsterte Franz. »Laß mich nur machen. Der Gefangene am äußersten Ende der Reihe scheint mir ein Schiffsoffizier zu sein, vielleicht der Kapitän selbst, – ihm gebe ich mein Messer in die Hand.«

Der Malagasche nickte. »Ich schleiche um das ganze Dorf herum, bis hinter den Tempel und schieße von dorther mitten in die Räubergesellschaft hinein,« setzte er leise hinzu. »Die allgemeine Aufmerksamkeit kehrt sich also jener Seite zu, – unterdessen können die Matrosen ihre Fesseln durchschneiden und ihr kommt auf der ganzen Linie mit Erfolg heran.«

Franz reichte ihm die Hand. »Rua, wie willst du dich den Verfolgern entziehen?« fragte er gepreßt.

»Ich? – Die Hovas sind große Krieger, sie lassen sich von keinem Feind besiegen.«

Der junge Halbwilde lächelte stolz und nahm seine Kugelbüchse in die Hand. »Wenn drüben ein Papagei in Absätzen dreimal schreit, dann schieße ich,« fügte er bei. »Aufgepaßt, mein Bruder, dein Freund wird seine Sache gut machen!«

Er hatte auch das Hemd und die übrigen Waffen von sich geworfen; die Büchse trug er wie einen Stock. Je mehr seine Fähigkeiten, sein Können zur Geltung gelangen sollten, desto deutlicher trat die ursprüngliche Natur in ihre Rechte zurück. Rua-Roa schüttelte das Haar in den Nacken, seine schwarzen Augen glänzten, er verschwand wie ein Schatten den Blicken der übrigen; binnen Sekunden hatten die Gebüsche den braunen, schlanken Körper verschlungen.

Holm lachte. »Der Wilde steckt ihm doch noch tief im Blut,« raunte er. »Ich wette, unser Freund verlebt, nachdem er mit Rock und Stiefeln die aufgedrängte Kultur abgeworfen, einen wahrhaft beglückenden Tag.«

Auch die übrigen lächelten, indes sie geräuschlos ihre Schlachtlinie ordneten. Franz hatte sich so aufgestellt, daß er, ohne selbst gesehen zu werden, den Anführer der Gefangenen fixieren konnte. Sein Blick haftete auf der Stirn des bleichen, düster dreinschauenden Mannes, bis sich dieser, magnetisch gezogen vielleicht, halb umdrehte und in solcher Weise plötzlich dicht vor sich den jungen Europäer gewahrte. Eben so schnell aber hatte auch Franz den Finger auf die Lippen gelegt, eben so schnell hatte der Gefangene begriffen, daß ein einziger Laut genügen werde, um alles zu verderben. Er regte kein Glied, sondern sah mit dem gewohnten Ausdruck abweisenden Ernstes vor sich hin, dabei aber immer den unerwartet erschienenen Fremdling im Auge behaltend und jede seiner Bewegungen beobachtend.

Die Fidschianer lagen ahnungslos rauchend um das Feuer herum. Sie konnten sich ja nicht träumen lassen, daß in ihren nie von Weißen betretenen Wäldern der Feind nur das Signal zum Kampfe erwartete, daß die nächsten Minuten ein furchtbares Blutbad bringen sollten. Gerade diese vollständige Ruhe sicherte den Weißen den Sieg.

Franz hatte sein Messer aus der Tasche gezogen und es dem Gefangenen gezeigt. Jetzt bückte er sich, um es durch das Moos den gefesselten Händen näher zu bringen. Ein Stöckchen schob nach, eine schlauberechnete Wendung des Körpers deckte das Unternehmen, und der Schnitt durch die scharfgedrehten Binsenstricke war glücklich vollbracht. Franz sah an der Reihe seiner Genossen hinab, sie lagen alle im Anschlag, – atemlos vor Aufregung horchte er den verabredeten Zeichen.

Da trat einer der mit Turban und vielfachen Zieraten geschmückten Priester aus der Mitte der übrigen hervor und näherte sich den Gefangenen, deren einen er ohne Umstände an den Haaren ergriff und gebunden, wie der Unglückliche war, nach sich schleifte. Franz fühlte, wie ihm das Blut in allen Adern kochte; nur mit äußerster Anstrengung bezwang er sich, nicht sogleich den kecken Übeltäter zu Boden zu strecken, doppelt angestrengt aber lauschte er dem Signal, das Rua-Roa zu geben versprochen hatte. So viele Papageien krächzten von den Bäumen herab, – wie würde es möglich sein, gerade den einen erkünstelten Schrei aus der Menge natürlicher herauszuhören?

Die Priester hatten mittlerweile ihr Opfer seiner sämtlichen Kleider beraubt und schritten nun zur Vollstreckung eines Greuels, wie es nicht grausamer und fürchterlicher gedacht werden kann, wie es aber im Innern der Fidschiinseln dennoch bis auf den heutigen Tag, nicht allein Schiffbrüchigen und Kriegsgefangenen, sondern auch den eigenen Stammesgenossen gegenüber Sitte ist. Jeder Häuptling bekommt als Mahlzeit einen in sitzender Stellung gebratenen Menschen; der Gottheit aber wird vorher ein Gefangener geopfert, dem man Arme und Beine vom lebendigen Körper geschnitten, und den man gezwungen, Stücke seines eigenen Fleisches zu verschlucken. Hierfür war der aus der Reihe der übrigen hervorgesuchte Matrose, ein blutjunger Mensch, ausersehen, und die Priester holten steinerne Messer sowohl als eine irdene Pfanne herbei, um die entsetzliche Verstümmelung auszuführen, während sich der unglückliche junge Mensch aus Leibeskräften gegen die Fäuste seiner Angreifer sträubte und nicht unterließ, sie mit den ehrenrührigsten Titeln zu überhäufen.

Franz sah von einem zum andern. Schon schwebte das Messer des Zauberers über dem rechten Arm des jungen Matrosen, schon schrie dieser vor Entsetzen laut auf, – was sollte er tun, um das Fürchterliche abzuwenden?

Da erklang der Ruf des Malagaschen. Franz hört sofort den bezeichnenden, warnenden Klang, ein- – zwei- – dreimal, und zugleich mit dem letzten fiel der verabredete Schuß. In den Kopf getroffen stürzte der Priester, dessen Mordwaffe schon gehoben gewesen, um ein abscheuliches Verbrechen zu begehen.

Tiefe Totenstille folgte dem Schrei des Getroffenen, der ersten Bewegung jähen Erschreckens, das alle Wilden ergriffen hatte. Was war das? Woher kam es?

Aber nur Sekunden währte die allgemeine Erstarrung, dann wandten sich einige Häuptlinge, die Feuerwaffe erkennend, mit furchtbarem Wutgeschrei jener Richtung zu, aus der Rua-Roa geschossen. Sie zogen die übrigen nach sich, der ganze Haufe stürzte gegen die Hütten vorwärts, auch die jungen Mädchen flüchteten schreiend, kurz, es war eine Szene furchtbarster Aufregung und des wildesten Durcheinanders.

Jetzt mußte gehandelt werden, die Weißen sahen es alle. Ohne Kommando fielen auf der ganzen Linie die Büchsenschüsse, während zugleich drinnen der befreite Kapitän im Fluge die Fesseln seiner Leute durchschnitt und so die Zahl der Kämpfenden um sechzehn Männer vergrößerte. Auch der zum Kolanfest bestimmt Gewesene wurde mit Kleidern und Waffen versehen; die nach allen Seiten flüchtenden, ratlosen, unbewaffneten Wilden erhielten noch eine zweite Salve, die gleich der ersten nur in ihre Beine traf, ohne sie zu töten; dann aber benutzten unsere Freunde den Augenblick panischen Schreckens, um so schnell als möglich zu fliehen. Ein Papageienruf klang ihnen vom Dorf her nach, laut und spöttisch, nah und näher, bis endlich der Malagasche aus dem Gebüsch hervorbrach mit blutenden Armen und Schultern, aber mit triumphierenden Blicken, über dem Kopf eine Anzahl Wurfspieße schwenkend, die er vom Tempel herabgerissen, ganz Wilder, ganz der Sohn des Urwaldes. »Ich habe den Tempel in Brand gesteckt,« rief er, »und das Gewehr liegen lassen, um die Aufmerksamkeit der Menschenfresser einstweilen abzulenken. Hier hinunter, hier, – in fünf Minuten können wir das Riff erreichen, während uns jene auf der anderen Seite suchen.«

Er stürmte voran und die übrigen drängten nach, nicht ohne von einzelnen Fidschianern verfolgt zu werden, die aber durch ein paar Kugeln sehr bald allen Mut zu weiteren Feindseligkeiten verloren und hinkend und blutend zum Dorfe zurückkehrten. Es konnte indessen nicht zweifelhaft sein, daß sogleich, nachdem die erste Verwirrung besiegt, auch der ganze Stamm den Flüchtigen nachsetzen würde; die größte Eile war daher geboten.

»Wir sind nicht weit vom Ufer entfernt,« rief der Malagasche. »Ich stieg auf einen Baum und sah dabei ziemlich nahe die See durch das Gebüsch schimmern. Rasch, rasch, dann erreichen wir das Korallenriff, ehe uns die Kerle mit ihren langen Schleppen einzuholen vermögen.«

Die ganze Schar folgte der angedeuteten Richtung; schon nach kaum hundert Schritten blitzte im Sonnengold hinter dem Riff der Ozean auf; eine weite freie Bucht dehnte sich bis tief in das Land hinein, an Pflöcken und Baumstämmen lagen hoch heraufgezogen die schönen, schlanken Doppelkähne der Fidschianer.

»Hurra!« rief Franz, »Hurra, die Ausbeute ist größer, die Tat ruhmvoller, als man denken sollte! – Wir nehmen die Boote der Wilden und drehen ihnen vom Wasser her eine Nase.«

Der Vorschlag fand allgemeinen Beifall; über Hals und Kopf wurden die Taue gekappt, jeder Mann bestieg eins der schlanken Fahrzeuge, und die übriggebliebenen nahm man, um das Nachsetzen erfolgreich zu verhindern, ins Schlepptau. Es war aber auch die höchste Zeit. Kaum trieb die seltsame Flotte in der Entfernung von etwa fünfzig Schritten auf hoher See, als aus dem Walde die ganze Masse der Kannibalen hervorbrach und mit einem Gebrüll, das nichts Menschliches hatte, ihre Opfer sich entgangen sah. Zugleich sollten auch die Kähne verloren sein; das raubte den Fidschianern alle Überlegung, einige stürzten sich blindlings, heulend vor Wut, ins Meer, um die Flüchtigen zu verfolgen, andere tanzten buchstäblich wie die Verrückten am Ufer auf und ab; alle aber schrieen, daß es klang, als sei eine Herde von Teufeln losgelassen.

Der alte Steuermann bemühte sich voll Ingrimm, mittels des Ruders den Doppelkahn zu lenken; der nebenher schwimmende Klotz ärgerte ihn über alle Maßen, und als jetzt einer der Fidschianer seinem Fahrzeug ziemlich nahe kam, da legte er erbost die Kugelbüchse auf ihn an. »Warte, du Satan, mit dem Schrecken sollst du davon kommen; aber für deine Art, Kähne zu zimmern, will ich dir doch einen Denkzettel geben.«

Er zielte und schoß den Turban vom Kopf des Wilden, der vor Schreck tauchte und erst nach einer Minute in ziemlicher Entfernung wieder zum Vorschein kam. Die Weißen begrüßten mit lautem Hurra den allgemeinen Rückzug des farbigen Rachekorps um so mehr, als jetzt auch der Dampfer in Sicht kam und zum Zeichen des Erkennens einen langhallenden Kanonenschuß über das Meer dahinsandte. Die Antwort wurde mittels hochgeschwungener Taschentücher und Hüte gegeben, nur Rua-Roa konnte nichts dergleichen schwenken, weil er bei seiner Pfadfinderexpedition alles von sich geworfen hatte und ganz als Wilder den Doppelkahn regierte. Die Matrosen fischten indessen glücklich den Turban des Fidschianers und überreichten ihm diesen, der nun tröpfelnd vom Kopf bis zur Kniebeuge herabhing; es war eine Szene ausgelassener, nach dem überstandenen Schrecken um desto lebhafter hervortretender Heiterkeit, die gerade durch den ohnmächtigen Zorn der Eingebornen ihre höchste Würze erhielt. Während diese in großen Sprüngen am Ufer den Weg der Boote begleiteten, und während das Schiff in langsamer Majestät den heimkehrenden Reisegenossen entgegenkam, berieten die Führer, was mit den Booten der Wilden zu machen sei.

»Wir überlassen sie ihrem Schicksal,« meinte Holm.

Hans protestierte. »Das dürfen wir nicht, Karl. Auch Kannibaleneigentum ist heilig.«

»Aber wie wolltest du es denn einrichten, mein Lieber?«

»Wir binden die Kähne wie einen Rattenkönig zusammen,« versetzte der junge Mann. »In unser eigenes Boot steigen sodann sechs Mann mit geladenen Gewehren, die das ganze kleine Geschwader an Land bringen, wenigstens bis an das äußere Riff. Die Wilden werden unter der unmittelbaren Gefahr der Bleikugeln keinen Angriff wagen.«

Doktor Bolten stimmte ihm bei. »Hans hat recht,« entschied er. »Gerade die menschlichen Bestien, welche im Begriff waren, ihrem Nächsten das Leben zu stehlen, gerade diese müssen sehen, daß wir die Besitzrechte anderer respektieren.«

Der Malagasche schüttelte den Kopf. »Diesen Kahn und die Ruder und sämtliche Waffen behalte ich!« sagte er keck. »Sie sollen in das Museum in Hamburg.«

Der Kapitän lachte. »Nun gut,« warf er ein, »so wollen wir die Sache ausgleichen. Durch das große Boot von der »Eintracht« haben wir ein solches zu viel an Bord, das mag mit einigen anderen Geschenken den Wilden in Tausch gegeben werden, nicht wahr? Sie besitzen dann ein Erinnerungszeichen an den Tag des verunglückten Menschenopfers.«

»Und wir haben einen höchst interessanten Doppelkahn von Viti-Levu nebst Wurfwaffen aus Holz mit Menschenknochen!« rief der junge Gelehrte, jetzt erst die erbeuteten Spieße genauer betrachtend. »Ich kenne sie freilich schon aus verschiedenen Sammlungen, aber diese hier sind ganz besonders schön.«

Er zeigte den übrigen die langen, aus steinhartem Holz gefertigten, braun gebeizten und in schauerlicher Weise verzierten Speere. Nach oben rund und kolbenartig zulaufend, hatten mehrere ein strahlenförmig befestigtes Bündel von Knochensplittern, deren mittlere fußlang und die äußeren von Reihe zu Reihe etwas kürzer waren, während andere platt und länglich an beiden Seiten eingelassene Zähne zeigten: alles schwere Waffen, die den einmal Getroffenen unfehlbar töten mußten.

Der Dampfer war unterdes herangekommen, die Reisenden gingen an Bord und ließen nur so viele Matrosen, als zur Befestigung der Kähne notwendig waren, einstweilen unten. Im Boot der »Hammonia« brachten dann zehn Bewaffnete, die Kugelbüchsen beständig im Anschlag, sämtliche Fahrzeuge mit Einschluß des vertauschten an Land, ohne daß die Wilden irgend eine Feindseligkeit gewagt hätten. Als ihre Kähne von den Weißen verlassen waren, fielen sie wie ein Bienenschwarm darüber her; das fremde Fahrzeug schien sogleich ein Gegenstand erbitterten Streites zu werden, ja, ehe noch der Dampfer die hohe See gewonnen hatte, rauften sie sich schon untereinander auf das lebhafteste. Jetzt erst, nachdem die Gefahr vorüber und völlige Sicherheit zurückgekehrt war, kam es zwischen den Geretteten und ihren Rettern zu Mitteilungen. Rua-Roa blieb der Held des Tages, obgleich ihm Holm lächelnd riet, den zivilisierten Menschen wieder anzuziehen; er erzählte, daß im Dorf die Weiber und Kinder ihn für einen bösen Geist gehalten haben müßten, da sie bei seinem Erscheinen mit dem Gesicht auf den Fußboden gefallen und vor Schreck liegen geblieben seien, jetzt aber schien er sich doch seines früheren Rausches einigermaßen ungern zu erinnern und schlüpfte eilends in die Kajütte, um Toilette zu machen.

Der Kapitän der »Eintracht« berichtete, daß er von Bremen nach Lewuka, der Hauptstadt von Viti-Levu, bestimmt gewesen und daß er mit seinen Leuten die brennende Bark habe verlassen müssen, um nur das nackte Leben zu retten. Vom Erd- oder besser gesagt vom Seebeben hatte er nichts bemerkt, sondern nur von dem heftigen Gewitter, dessen erster Schlag den Großmast zersplitterte und das ganze Schiff in Brand setzte; er erzählte, daß ihn und die Seinen jene räuberischen Wilden nach einer unter allen Qualen des Durstes im Walde vollbrachten Nacht am heutigen Morgen aufgegriffen und zum Opfer bestimmt hätten, daß man ihnen keinerlei Nahrung gereicht und sie gänzlich ausgeplündert. Trauringe, Taschenmesser, Portemonnaies, Schlüssel, Taschenbücher, ja sogar die Papiere des verbrannten Schiffes, alles war in den Händen der Fidschianer geblieben.

Man beschloß daher, Lewuka anzulaufen und hier die Geretteten den zuständigen Behörden unter Mitteilung aller Einzelheiten ihrer Auffindung zu überliefern; das paßte auch Holm und den jungen Leuten gut, da sie bei der schleunigen Flucht aus dem Walde auf jede Ausbeute für ihre wissenschaftlichen Zwecke hatten verzichten müssen. Als das Schiff nach wenigen Tagen den sicheren, hübschen Hafen erreicht hatte, als auf derselben Insel, die in ihrem entlegenen, bergigen Innern noch Kannibalen beherbergte, jetzt eine elegante Stadt mit schönen Gebäuden und glänzenden Läden sich zeigte, da begriffen sie kaum, wie auf verhältnismäßig so engem Raume solche Gegensätze nebeneinander bestehen konnten. Hier ließ sich ein Ausflug in die nächste Umgebung ohne alle Gefahr wagen, nur ein paar Eingeborne wurden mitgenommen, um als Lastträger zu dienen.

Wie schön war die Landschaft ringsumher! Wie belebt von großen Schmetterlingen, von Riesenspinnen, Skolopendren und Käfern, von Tauben, Drosseln und Kakadus. Auf einer grünen Ebene sahen unsere Freunde sogar Termitenbauten, die Holm als bewohnt erkannte. Diesen Fund wollte er sich natürlich nicht entgehen lassen. Es wurde Halt gemacht und man bearbeitete mit kurzen Beilen die Hügel so lange, bis der innerste Mittelpunkt derselben, die Wohnung der Königin, den Blicken bloßgelegt war. Ein Geschöpf, so seltsam wie kein anderes, kam zum Vorschein, das Termitenweibchen mit dem zum unförmlichen Sack verlängerten Hinterkörper der Tausende von Eiern barg und wenigstens viermal so groß erschien als das Tier selbst. Nachdem unsere Freunde diesen Fang in Sicherheit gebracht, verließen sie das Termitendorf, um nicht mit den Bewohnern desselben in Konflikt zu geraten. Noch wurden große Fruchttauben, schwarze Glanzstare und viele andere Tiere erlegt, auch eine grün und rot gefleckte große Wanzenart.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.