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Das Naturforscherschiff

Sophie Wörishöffer: Das Naturforscherschiff - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Wörishöffer
titleDas Naturforscherschiff
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1941
printrunVierzehnte Auflage
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20070530
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Dreizehntes Kapitel

Die »Schatzkammer der Naturforscher«. Die Nightinsel. Das Beuteltier. Die Papuas und ihr Lager. Jagdbeute. Der Rüsselpapagei und der Leierschwanz. Der Doktor in der Felsspalte. Der Atlasvogel. Der Taucher und die Sepie. Nach Sidney. Ins Innere. Die Australneger und die Schafherden. Die Känguruhjagd. Känguruhbraten. Rua-Roa und die Buschotter. Der lachende Hans. Der Wombat. Der Verrat der Australneger. Gerettet und fast verschmachtet. Das Manna. Wohl aufgehoben bei deutschen Landsleuten.

—————

 

Wie wohltuend berührte nach der brennenden Hitze in der Celebessee die immer frischer und frischer werdende Kühle jede Stirn! Jetzt ging es mit gleichem Schritt über Australien bis zur antarktischen Barriere, und die beiden Knaben freuten sich schon im voraus des Schnees, mit dem sie nach so langer Entbehrung wieder Ball spielen wollten. Es war höchst komisch, welche Mühe sie sich gaben, dem Malagaschen begreiflich zu machen, was Schnee sei. »Gefrorenes Wasser,« sagte Hans, »kleine zarte, sechseckige Sterne.«

»Der Übergang zwischen Wasser und Eis,« setzte Franz hinzu.

Rua-Roa schüttelte immer wieder den Kopf. »Aber was ist denn gefroren?« fragte er.

Da winkte ihm der Koch, eben jener gemütliche Sohn Hammonias, der auf Ceylon den Singhalesinnen Pfannkuchen buk. »Komm mal heran, Gelber! Sieh, mein Sohn, hier ist Butter, die ich eben geschmolzen habe. Sie fließt wie Wasser, nicht wahr? Das tat die Hitze, weißt du; wenn ich sie aber wieder kalt stelle, läuft sie zusammen und wird ein Klumpen. Das macht das Wasser ebenso, und dieser Klumpen heißt Eis, – wenn's sehr kalt ist nämlich. Und kalt sein, mein Junge, das heißt, wenn man eine bläuliche Nasenspitze hat und Kribbeln in den Fingern.«

Und jetzt hatte Rua-Roa begriffen! Also eine Temperatur, die das Wasser erstarren ließ! – Er wandte sich kopfschüttelnd zu seinen Erziehern. »Wenn es nur keine Fabel ist von diesem Lande,« sagte er bedenklich. »Ich kann schwören, daß auf Madagaskar nie Eis getroffen wurde.«

Ein helles Gelächter klang über das Schiff dahin, und eine Extrastunde Geographie war die Folge. Jetzt wurde übrigens der junge Hova in den verschiedenen Lehrfächern schon so fest, daß er hübsch lesen und erträglich schreiben konnte; nur wenn so ganz Unerwartetes ihn aus der Bahn warf, griff seine Phantasie unwillkürlich zurück zu den Verhältnissen und Anschauungen der Heimat, als dem einzig Sicheren, was er besaß. Holm errettete ihn aus der verlegenen Situation, indem er die anderen darauf hinwies, wie schwer es sei, sich von etwas Ungesehenem einen Begriff zu machen; dann brachte er das Gespräch auf die Nightinsel, der nun das Schiff entgegensteuerte. »Kapitän, waren Sie früher schon einmal dort?«

Der Gefragte nickte. »Das ist die Kannibalengegend,« antwortete er, »freilich nicht die Nightinsel selbst, aber doch die Gruppe, zu der sie gehört. Ich habe einmal hier Schiffbruch gelitten und mit dreißig Mann gegen über hundert Wilde gefochten, bis ein Schiff vorbeikam und durch seine Kanonen die Neger in die Flucht schlug. Zwei von uns, die unglücklicherweise vom Hauptquartier abgeschnitten worden waren, ließen ihr Leben am Bratspieß der Wilden, – wir fanden später die abgenagten, verkohlten Überreste.«

»Sollte uns denn dergleichen auf der Nightinsel nicht geschehen können?« fragte schaudernd der alte Theologe.

»Unter keiner Bedingung. Da leben die Makadamas, eine Horde gutmütiger Geschöpfe, die sich durch nichts von harmlosen Tierarten unterscheiden, die keine Kleider oder Gesetze, kein Oberhaupt, keine Wohnung oder Ehe, ja nicht einmal eine Arbeit kennen; sie laufen nackt umher, stellen sich beim Regen unter einen Baum, schlafen ein, wo sie müde werden, und essen, was sie finden; Feuer dagegen unterhalten sie der Kälte wegen immer und sind auch sehr geschickt in allem, was das Leben auf dem Wasser betrifft.«

»Bewohnt denn dies Naturvölkchen die Insel ganz allein?«

Der Kapitän schüttelte den Kopf. »Das treffen Sie nirgends,« antwortete er. »Ist eine Insel überhaupt groß genug, um Menschen zu ernähren, so hausen auch auf ihr zwei Stämme, die einander hassen und bekämpfen. Auf Nighteiland leben außer den Makadamas noch die Echaus, weshalb Kriege, bei denen man sich gegenseitig mit langen Spießen zu durchbohren sucht, hier gar nichts Seltenes sind. Auch die Frauen kämpfen, diese aber bedienen sich schwerer Holzblöcke, welche eine der anderen auf den Kopf schlägt.«

»Sehr einladend!« lachte Holm. »Wir werden also Gelegenheit finden, ganz neue Menschen und Verhältnisse kennen zu lernen.« »Wollen wir vorher nach Timor anlaufen?« fragte Franz.

»Nochmals zu den Alfuren? – Ich danke, nein.«

»Aber jenes kleine Koralleneiland, an dem die Wogen hoch aufschäumen, möchte ich inspizieren,« sagte Holm, »es kann uns der Besuch desselben höchstens einen halben Tag aufhalten. Ich hoffe dort ziemlich reiche Beute, gerade in diesem Meere zu machen.«

Das Schiff drehte bei, dann wurde ein Boot ausgesetzt und die Naturforscher erreichten das Innere der Koralleninsel von der brandungsfreien Seite aus. Ein stiller, ruhiger Salzwassersee bildete das Innere der Insel. Während sich an den Korallenriffen die Woge in furchtbarer Brandung brach, herrschte hier Ruhe und Frieden, und in dem klaren Wasser lebte eine eigene Tierwelt ihr vergnügtes Stillleben. Papageifische zermalmten mit ihren harten Kiefern die Korallenzweige. Schnecken aller Art weideten förmlich die Korallenfelder ab, indem sie die weichen Tiere erwischten, welche aus ihrem harten Kalkbau hervorkamen, um auf Nahrung zu lauern. Seesterne, Seeigel und Haarsterne mit nach unten gerichtetem Munde belebten den See, in dem die von Holm vermuteten Holothurien sich ebenfalls in reicher Anzahl und mannigfaltigen Arten vorfanden. Sie alle ließen es sich wohl sein unter dem Schutze des Korallenriffes, das sie vor der Vernichtung durch die Wellen des Meeres bewahrte, indem es einen festen Wall, gleichsam eine Schanze gegen das anstürmende Meer bildete.

»Hier in diesem glasklaren See wollen wir das seltsame Wesen der Seewalzen beobachten,« sagte Holm, »und dann nach Herzenslust fischen. Seht hier die violette Seewalze, wer hat Lust, sie zu ergreifen?«

Kaum hatte Holm die Frage getan, als auch schon Hans sich niederbeugte und die lange Seewalze mit festem Griff der Hand umklammerte. Nun aber ereignete sich etwas sehr Seltsames.

Kaum bemerkte die Seewalze, daß ein Feind sie gepackt hielt, als sie sich krampfhaft zusammenzog und durch den Mund ihre sämtlichen Eingeweide ausspie. Hans kümmerte sich jedoch nicht darum, daß das Tier ihn mit seinem klebrigen, anhaftenden Inhalt besudelt hatte, sondern suchte seine Beute aufs Trockene zu bringen, aber dies Vorhaben wurde ihm von dem Tiere gründlich vereitelt, denn es schnürte sich ein und teilte sich in mehrere Enden, als wenn es eine Wurst wäre, die der Metzger durch Abdrehen in mehrere Teile zerteilt hätte. Nur ein Stückchen Haut behielt er in der Hand. »Sieh einer doch solche Bosheit,« rief er, »das Tier vierteilt sich selbst, um der Gefangenschaft zu entgehen.«

»Es schnürt sich ab bis auf den Kopfteil,« sagte Holm. »Dort liegt ein ringförmiger Nerv, und so lange dieser unzerlegt bleibt, ist es der Seewalze möglich, wieder nachzuwachsen. Die Zerstörung durch freiwillige Abschnürung geht bei einigen Arten so weit, daß noch kein Naturforscher sich rühmen konnte, ein vollständiges Exemplar aus dem Meere heraufgeholt zu haben.«

»Aber warum übt es solche Selbstverstümmlung aus?« fragte Hans.

»Diese Abschnürung ist ein wunderbares Auskunftsmittel, um bei der gänzlichen Widerstandslosigkeit gegen Angriff und Verfolgung wenigstens das Leben zu retten. Selbst im Rachen eines gierigen Räubers vermag die Seewalze sich in zwei Hälften zu teilen, deren eine sie als wertlos dem Feinde überläßt, während das Kopfende das Meer zu erreichen sucht, um auf dem Grunde desselben einen Ruheplatz zum Neuwachstum und Ersatz des preisgegebenen Körpers zu suchen. Selbstwillige Zerstörung und rasches Wiederherstellungsvermögen sind es, die bei der Seewalze die Verrichtung eigentlicher Verteidigungsorgane höherer Tiere ersetzen.«

»Wir wollen uns jedoch durch dieses Gebaren der Seewalzen nicht beirren lassen, sondern so viele Bruchstücke derselben zu erlangen suchen, wie nur möglich, denn die übrigbleibende Haut liefert dem Mikroskopiker das Material zu Präparaten, die jedes Auge erfreuen.«

Es wurde nun eifrig Jagd auf Seewalzen gemacht, und die Stücke, welche nach der freiwilligen Vierteilung übrig blieben, wanderten nach Holms Anleitung in den Spiritusbehälter. Holm versprach den Knaben, während der nächsten Fahrt auf dem Schiffe ihnen die Wunder der Holothurienhaut unter dem Mikroskop zu zeigen.

Von den Papageifischen, die sich durch die Eigentümlichkeit ihres Gebisses ebensowohl auszeichnen als durch die Farbenpracht ihrer Schuppen, wurden mehrere Exemplare gefangen. Die Tiere, welche weder den Menschen noch das Netz kannten, waren mit leichter Mühe zu erlangen.

Holm fand an einer Stelle die rote Orgelkoralle, bei der die kalkigen Wohnungen der Einzeltiere als schlanke Röhren wie die Orgelpfeifen neben einander stehen. Auch die elegante Seefeder sowie der Neptunsfächer wurden erbeutet, zierliche Korallenstöcke, die sich ausnahmen wie Hutfedern oder wie riesige Fächer von bräunlicher, rötlicher und gelber Farbe.

Der Ausflug nach diesem kleinen Koralleneilande war ein überaus lohnender gewesen. »Wir wollen diesem Punkte im Ozean einen Namen geben,« schlug Hans vor. »Was meint ihr, wenn wir ihn »die Schatzkammer der Naturforscher« nennen.

Alle waren damit einverstanden, und als sie wieder an Bord waren, trug der Kapitän das Inselchen und seinen Namen in die Seekarte ein.

Das Schiff setzte seine Fahrt fort, bis endlich nach kaum drei Wochen die kleine, wenig bekannte Insel an der Nordküste Australiens erreicht war. Viele gefährliche Klippen starrten himmelhoch und von Brandungen umtobt den Seefahrern entgegen, viele stille Baien, anmutig in flaches, grünes Land verlaufend, schienen aber auch zur Einkehr zu locken, und als das Schiff langsam zwischen den Korallenfelsen hindurchlief, zeigten sich auch schon gleich beim ersten Erblicken des Innern die Bewohner vom Stamme der Papuas. Kleine, gedrungene Gestalten, die Weiber von ungeheurer Häßlichkeit, die Männer mit dick aufliegenden Stammesnarben geschmückt, rot und weiß angemalt, im Haar den gelben, dick mit Thran ausgestrichenen Ocker, beide Geschlechter aber bis auf den zerfaserten Grasgürtel der Frauen ganz wie Gott sie erschaffen, so standen die Wilden scharenweise am Ufer, vielleicht hoffend, daß das Schiff stranden und ihnen seine Eisenteile zum Verbrauch überlassen solle, jedenfalls aber ohne irgend eine böse Absicht, etwa einer Rinderherde gleich, die ahnungslos den Fremden an sich herankommen läßt, ihn kaum beachtend, gleichgültig und ruhig.

Hätten nicht diese schwarzen, schauderhaft beklecksten Gestalten deutlich den entlegenen Weltteil verraten, so würden sich unsere jungen Freunde nach Europa zurückversetzt geglaubt haben. Hohe, schlanke Nadelhölzer, besonders die prächtige Kaurifichte, spendeten kühlen Schatten, das Gewirre des Unterholzes und der Schlinggewächse fehlte gänzlich, den Boden bedeckte üppiges Gras, und aus seiner grünen Fülle hervor sah das bescheidene, deutsche Maßliebchen. Auch die parkartige Ähnlichkeit der Hölzer unter einander, die gleichmäßigen Stämme und die Einförmigkeit des ganzen Pflanzenwuchses erinnerten lebhaft an deutsche, stille Wälder mit ihrem Sonnenschein und ihrem tiefen, nur zuweilen durch Vogelstimmen unterbrochenen Frieden. Die Vogelwelt freilich bot wieder ganz fremde und noch dazu neue Erscheinungen, nämlich Strauße so klein wie Truthühner, aus Erdlöchern hervorsehend und schnell in dieselben zurückschlüpfend, Papageien und schöne Reiher, die an den Uferklippen ihrer Beute harrten.

Das Gesamtbild trug den Charakter des ländlichen Stilllebens. Als die Weißen ausgeschifft waren, kamen ihnen die Wilden vertraulich entgegen und betasteten sowohl ihre Anzüge als auch ihre Gesichter, wie um sich zu überzeugen, daß lebende Wesen dahinter steckten; sie lachten laut und ahmten nicht selten den Gang, die Haltung oder gar die Worte ihrer plötzlich erschienenen Gäste nach, was jedenfalls auf gänzliche Unbekanntschaft mit der weißen Menschenrasse schließen ließ. Ebenso vergeblich war es, ihnen in englischer Sprache irgend etwas zu sagen, sie verstanden davon keine Silbe, sondern lachten wie Kinder, denen das Fremde Spaß macht; viele von ihnen sprangen auch sogleich in das Wasser und versuchten es, den Dampfer zu erklettern, andere eilten zu ihren Booten und umfuhren das Schiff; nirgends aber trafen sie Vorkehrungen, den Weißen irgend etwas anzubieten; in dieser Beziehung standen sie offenbar ganz auf der niedrigsten menschlichen Stufe.

»Wir wollen doch die Insel durchwandern,« erklärte Holm, »unsere Zelte und Lebensmittel auf den Rücken nehmen und wie die Köhlerkinder des Märchens Zeichen in die Bäume hauen, um später den Rückweg wiederzufinden. Es ist gerade angenehm warm, der Boden nicht durch Hindernisse versperrt, die Tierwelt ungefährlich; also laßt uns sehen, ob denn tatsächlich keine feste Hütten vorhanden sind.«

Es wurde ein deutsches Lied angestimmt; im kräftigen Chor durchhallte das »Freiheit, die ich meine« den australischen Wald, und gefolgt von einer Menge schwarzer, arg bemalter und tätowierter Gestalten zogen unsere Freunde im hellsten Sonnenschein dahin, vergeblich ein Dorf oder eine Niederlassung suchend, vergeblich nach genießbaren Baumfrüchten ausspähend, vergeblich hinter jeder neuen Lichtung, jedem Busch oder Fluß bebaute Felder erwartend. Nur Fichten und Fichten, dazwischen der amerikanische Hickory, schönblühende Myrthaceen, Kasuarinen, sowie der Gummibaum mit seinen steifen, lederartigen, glanzlosen Blättern; aber nie Fruchtbäume. Am Boden blühten viele schöne Blumen, doch waren sie geruchlos und von großer Einförmigkeit der Erscheinung, den Tropen gegenüber geradezu ärmlich.

Dieser helle, lichte, sonnendurchschienene Wald wechselte stellenweise mit dem berüchtigten, australischen »Busch«, einer Wildnis von Dornen, Akazien, großen Immortellen und Protaceen, auf deren Boden kein Halm sproßte, die dagegen aber bewohnt waren und zwar von verschiedenen, meist unbedeutenden Tiergattungen, namentlich den Dingos (wilden Hunden) und den zahllosen größeren oder kleineren Beuteltieren, marderähnlichen Geschöpfen mit langem, buschigen Schwanz und dem bekannten, an der Unterseite des Körpers liegenden Hautbeutel, worin die Weibchen ihre Jungen tragen, bis dieselben ausgewachsen sind, und wohin diese selbst dann noch zurückkehren, wenn ihnen während ihrer ersten Jugend draußen irgend eine Gefahr droht.

Die behenden Tiere zeigten sich nie im Freien, sondern lugten aus den Erdlöchern der Buschpartieen vorsichtig herauf, um dann eben so schnell wieder zu verschwinden; sie ohne Hunde zu jagen, war ganz unmöglich. Holm postierte bei einer dieser Höhlen die jungen Leute so, daß ihnen das flüchtende Beuteltier jedenfalls zu Schuß kommen mußte; dann begann er selbst mit Hilfe des Malagaschen den Erdhügel oberhalb der Wohnung durch Axtschläge und Spatenstiche abzuräumen, während ein Trupp Wilder daneben stand und neugierig beobachtete, was die Weißen taten.

Zuweilen zeigte ein leises Geräusch unter der Erde, daß die Tiere höchst wahrscheinlich schon in Unruhe gerieten, daß ihnen vielleicht bröckelndes Gestein auf den Kopf fiel oder die Wahl zwischen Flucht und Tod ihren erschreckenden Einfluß ausübte; dann geschah etwas, worüber alle Weißen lachten, bis ihnen der Atem versagte. Das Männchen des Beuteltieres, der marderähnliche Rotschwanzbeutler, schoß mit einem plötzlichen, gewaltigen Sprung aus dem Eingang hervor; schon mochte er glauben, sich durch seine kecke Tat der Gefahr glücklich entzogen zu haben, als im selben Augenblick zwei Schüsse krachten und der schlanke, aufbäumende Körper sterbend zu Boden stürzte, – außer ihm, den die Kugeln durchbohrten, waren aber auch alle Wilden wie ein Haufen Kartenmännchen hingefallen und zumeist auf das Gesicht. Höchst wahrscheinlich hatten sie die Büchsen für Stöcke gehalten und waren bei dem doppelten Knall dermaßen erschrocken, daß ihr bißchen Nachdenken sie vollständig im Stich ließ, ja, daß sie die dämonischen Mächte ihrer dunklen, halbverworrenen Vorstellungen verkörpert vor sich zu sehen glaubten.

Es war komisch und bedauernswert zugleich, diese hingestreckten schwarzen Gestalten zu beobachten, wie sie, weit mehr Tier als Mensch, so hilflos dalagen, aller vernünftigen Vorstellung bar, außer sich vor Angst unter dem Eindruck eines Büchsenschusses; der Doktor ging von einem zum andern, sprach hier deutsch und dort jenes fabelhafte Etwas, das er englisch nannte; er versuchte auch, die rotbemalten Schultern aufzuheben und riskierte endlich sogar einen zornigen Befehl, aber das alles half nichts, bis Holm vorschlug, es mit einem andern Verfahren zu probieren. »Zeigen Sie einmal die Knöpfe und Metallringe, welche wir mitgebracht haben, Doktor,« riet er.

Und das half über Erwarten. Der alte Herr setzte sich auf eine Erhöhung des Weges, in seiner Hand glänzten allerlei Spielereien, womit in zivilisierten Ländern kleine Kinder belustigt werden, – und siehe da, Kopf nach Kopf tauchten aus dem Gras die schwarzen Gesichter herauf. Hier erhob sich vorsichtig eine Gestalt, deren Ocker und Mennig den Boden klumpenweise färbte, hier rang sich ein Laut des Entzückens von den schnalzenden Lippen einer Frau, dort flüsterten Kinder, unfähig, dem erwachten Verlangen zu widerstehen.

Und der alte Theologe hielt mit einer Hand seine Messingknöpfe in das Sonnenlicht, mit der andern winkte er den Zögernden. »Nur her, ihr Ärmsten unter den Armen, nur her, verirrte Wesen, was fürchtet ihr denn eigentlich? – Da, da, – und da! – Aber nun seht euch auch die Gewehre an; hier!«

Er hatte die Waffe aus dem Grase genommen und wollte sie jetzt den Wilden in aller Ruhe zeigen, aber weg, wie vom Wind entführt, war plötzlich die ganze Schar, der nächste Busch hatte sie verschlungen.

Franz hatte unterdessen seine Jagdbeute in Sicherheit gebracht, worauf sich sämtliche junge Leute vereinigten, um nun aus dem Bau das wahrscheinlich noch darin befindliche Weibchen des Rotschwanzbeutlers lebend hervorzuziehen. Vor allen Dingen wurde zu diesem Zweck der Ausgang verschüttet und nun vorsichtig weiter und weiter gegraben, bis die letzte Erdschicht einstürzte und dadurch die Weißen die Möglichkeit erhielten, das kleine, mit den andrängenden Massen kämpfende Tier einzufangen. Es sollte seine Freiheit zurück erhalten; nur wollten die jungen Naturforscher gern den seltsamen Beutel des Muttertieres in der Nähe sehen und womöglich die kleinen Jungen darin entdecken; daher mußte es gefesselt und zur Flucht unfähig gemacht werden. Die Sache gelang nur nach vieler Mühe und einigen von den scharfen Nagezähnen erlittenen derben Bißwunden, dann aber waren glücklich die Vorder- und Hinterfüße, je zwei zusammen, mit starken Stricken gebunden, und zum Überfluß die Schnauze mit einem starken Taschentuch umwickelt. Das Tier pfauchte und zischte, aber es konnte sich nicht wehren, als zwei von den jungen Leuten seinen Körper in ausgestreckter Lage erhielten, während Holm den breiten, unförmlichen Beutel untersuchte.

Diese mit einem engen Spalt versehene Hauttasche umgab rings im Kreise eine Anzahl sehr langer Milchzitzen, an deren jeder ein unausgewachsenes, bewegungsloses und nur mit undeutlichen Gliedmaßen versehenes Junges hing, das dort tatsächlich festgewachsen war und erst, nachdem das kleine Mäulchen die nötige Weite erreicht haben würde, die mütterliche Zitze wieder verlassen konnte. Der Spalt wurde sehr vorsichtig geöffnet, so daß es dem gefesselten Tier keinen Schmerz verursachte, und dann, nachdem alle die kleinen, saugenden Wesen bewundert, die geängstete Mutter wieder in Freiheit gesetzt. Ein einziger, trotz der fünffachen Last gewandter und schneller Sprung brachte den Pelzträger aus dem Bereich der verfolgenden Blicke.

»Eine neue Höhle mag sich das Tier selbst wieder herstellen,« meinte Holm, »wir wollen uns jetzt etwas näher an das Ufer zurückbegeben und dann unsere Zelte aufschlagen. Die Sonne sinkt, es ist Zeit!«

»Da sehe ich Feuer!« rief plötzlich Hans. »Ob es ein Dorf ist?«

»Und da! – und da!« setzten die übrigen hinzu, als heller Schein von allen Seiten den Wald durchleuchtete. »Wie seltsam!«

In der Tat war dieser Anblick ein nie gesehener, und so im Zwielicht, ohne die Anwesenheit der Wilden, vom kälteren Hauch bereits durchzogen, trug die Landschaft den Charakter des Nordischen, ja fast des Düsteren, Unheimlichen. Wie Soldaten in Reihe und Glied standen die schlanken, astlosen Stämme der Kaurifichten, dicht gedrängt und in den Wipfeln jenes Rauschen verursachend, das so herbstlich, so wehmütig stimmt, das wie ein Wiegenlied über den ganzen Wald von Krone zu Krone dahinklingt; unter ihrem monddurchschienenen Dach erhoben sich die Feuersäulen der brennenden Holzstöße, wallende Rauchwolken strebten empor zum ewigen Blau, und ein eigentümlicher, bald heller, bald dunkler leuchtender Schein traf die ganze Umgebung des Feuers. Hier lag er purpurn auf den Blüten der Myrthaceen, dort rosig auf den Blättern des Gummibaumes, die holzigen, ledernen verjüngend, die glanzlosen mit sanftem Schimmer überziehend; am Fuß der alten Stämme aber fiel sein vollstes Glühen auf die Gruppe der Schwarzen, welche jedesmal dort im Moos oder Gras lang ausgestreckt Nachtruhe hielt und sich so nahe als tunlich um die wärmenden Strahlen geschart hatte. Nicht einmal ein Fell wärmte die nackten Glieder, nicht einmal einen Haufen trockener Blätter hatten sich die Wilden als Lagerstatt zusammengetragen; viel weniger besaßen sie irgend etwas, das einem Dache glich; ja, als die Reisenden näher kamen und den Raum neben dem Feuer überblicken konnten, sahen sie, daß dort von den Eingebornen Fische und Vögel sowie die Wurzeln verschiedener Kräuter in rohem Zustande gegessen wurden.

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Das Lager der Papuas im Kaurifichtenwalde

Als die Weißen ihre kleinen Geschenke auskramten, liefen die Wilden herzu und nahmen dieselben, ohne zu bitten oder zu danken, wie ein Tier das Futter nimmt. Sie standen auch umher, ohne begreifen zu können, was ihre Augen sahen, als später die Weißen Zelte aufschlugen und Decken ausbreiteten. Von den gebotenen Näschereien wie Cakes, Wein, gebratenem Fleische und eingemachten Früchten nahmen sie nur zögernd und ließen nach dem ersten Bissen das übrige wieder fallen. Die Eier, welche sie roh genossen, wiesen sie in gekochtem Zustande schaudernd zurück.

So wurde denn das Lager aufgesucht, auf allen Seiten umgeben von den Feuern der Wilden, kühl, beinahe kalt selbst unter dem Schutz der Wolldecken, auf einer waldumsäumten, kleinen Ebene belegen, inmitten hundertjähriger Baumriesen, deren Kronen das Schlummerlied rauschten. Hier brauchte keiner für die Sicherheit der anderen zu wachen, nirgend bot sich die Möglichkeit einer Gefahr; es lebte in der Nähe kein Tier, das fähig gewesen wäre, den Menschen zu schaden. Nur wenige rote, kleine Papageien saßen in den Bäumen, in der Ferne bellten wilde Hunde, und zuweilen segelte durch die Luft ein Tier, das dem fliegenden Hunde der Sundainseln verwandt war, ein fliegender Fuchs mit spitzer Schnauze und klugem Gesicht, ein fledermausartiges Beuteltier von rotbrauner Farbe. Das Hübscheste aber, was die Augen der Weißen vor dem Einschlafen noch erblickten, war ein großes weibliches Beuteltier mit feinem, grauen Pelz und einem langen Schwanz, um dessen Ansatz sich die Schwänze mehrerer Jungen, welche die Mutter auf dem Rücken trug, festgeklammert hatten. Das Tier kam schnuppernd heran und fraß dann begierig die Überreste der verschiedenen Mahlzeiten, während seine Sprößlinge auf dem Rücken hockten und warteten, bis sich die gesättigte Alte ins Gras lagern und ihnen zu saugen gestatten würde. –

Am andern Morgen ging es wieder in die Wälder, um Jagd auf die Vögel zu machen, die auf den australischen Inseln sowie auf dem australischen Festlande in großer Mannigfaltigkeit vorkommen. »Wir werden uns so wenig als möglich von der Vogeljagd ablenken lassen,« sagte Holm, »und Wald und Busch auf das sorgfältigste absuchen. Größere Exemplare werden sofort abgehäutet, kleinere Vögel werden wir an Bord präparieren. Die neuholländischen Inseln sind eine wahre Fundgrube für den Zoologen in bezug auf die Vogelwelt.«

Das erste, was ihnen bei ihrer Wanderung aufstieß, war ein Schwarm prächtiger Kakadus mit blendend weißem Gefieder und gelbem Schopf. »Wir wollen von diesen herrlichen Geschöpfen keines erlegen,« sagte Holm, »denn der Kakadu ist in Europa hinreichend bekannt, und wir würden uns nur unnötig mit den Getöteten beladen. Wenn ihr jedoch einen großen schwarzen Papagei sehen solltet, so zögert keinen Augenblick und sucht ihn zu erlegen.«

Der ersehnte Papagei zeigte sich nicht. Wohl aber schoß Franz einen schön gefärbten Papagei, die Rosella, der bunt war wie ein Harlekin. Oberkopf, Halsrücken, Brust und Unterschwanzdecke waren scharlachrot, die Wangen weiß, die Rückenfedern schwarzgelb gesäumt, der Hinterrücken, die Oberschwanzdeckfedern und der Bauch, mit Ausnahme eines gelben Fleckes, grasgrün, die Flügelmitte hochblau, die Schwingen dunkelblau mit blauem Rande, die Schwungfedern grün, blaugrün und am Ende lichtblau mit weißer Spitze.

Alle waren über diese Beute erfreut, und auch Doktor Bolten äußerte sein Wohlgefallen über die Farbenpracht dieses Vogels. »Die Natur übertrifft oft die Phantasie des Menschen,« sagte er. »Kein Seidenweber in Lyon ist imstande, ein so herrliches Gewand zu weben, als dieser Vogel trägt, wie denn anderseits noch kein Komponist solche Töne finden konnte, wie die, mit denen daheim die unscheinbare Nachtigall unser Herz erfreut.« Er wollte weiter sprechen, als ein Schuß seine Rede unterbrach. Hans hatte geschossen und stieß einen Freudenruf aus, als er sah, daß sein Ziel glücklich getroffen war. »Der schwarze Papagei!« rief er, »ich habe ihn erlegt!«

Er eilte auf die Stelle zu, an welcher der Papagei im Grase lag, und hob ihn auf.

»Fürwahr,« rief Holm, »ein Rüsselpapagei – der Kasmalos!« Der Vogel war größer, als alle bekannten Papageien und übertraf selbst den Arra an Länge und Flügelweite. Sein Gefieder war gleichmäßig tiefschwarz gefärbt und schillerte etwas ins Grünliche. Sein Kopf trug eine ebenfalls schwarze Federholle, der große Oberschnabel bedeckte den kleineren Unterschnabel vollkommen. Holm zeigte nun den Knaben den eigentümlichen Bau der Zunge. Diese war ziemlich lang und fleischig, nicht breiter als dick, aber oben ausgehöhlt und vorne an der Spitze abgeflacht. Sie kann weit aus dem Schnabel vorgeschoben und von dem Vogel wie ein Löffel gebraucht werden, mit welchem er die vom Schnabel zerkleinerten Nahrungsmittel aufnimmt und der Speiseröhre zuführt. Die Ränder der Zunge sind sehr beweglich und können vorne von rechts nach links her gegen einander gewölbt werden, so daß sie den ergriffenen Speisebissen wie in einer Röhre einschließen, in welcher er leicht zum Schlunde hinabgleitet. Wegen dieser Eigentümlichkeit der Zunge ist ihm der Name Rüsselpapagei zuerteilt worden. Da der Rüsselpapagei zu den größten Seltenheiten der europäischen Sammlungen gehört, war Holm besonders froh über den glücklichen Schuß, den Hans gethan hatte, der seine Beute nicht ohne Stolz betrachtete.

»Fast könnte ich eifersüchtig auf den Schützen werden, wenn es nicht mein Bruder wäre,« sagte Franz. »Paßt nur auf, noch ist nicht aller Tage Abend, vielleicht gelingt es mir, ein zweites Exemplar dieser seltenen Art zu erlegen, oder ich schieße ein Geschöpf, das eben so wertvoll ist, wie dieser Rüsselvogel!«

»Ein edler Wettstreit, aus dem die Naturforschung Nutzen ziehen wird,« meinte Holm lachend.

»Das ist die wahre Konkurrenz,« sagte der Doktor, »sie fördert und regt an, sie – – –«

Schon wieder fiel ihm ein Schuß in die Rede. »Nehmen Sie's nicht übel, Doktor, daß ich Sie unterbrach!« rief Franz, »aber hier in der Wildnis geht leider die Notwendigkeit über die Höflichkeit. Ich mußte schießen!« Er sprang davon und holte die erlegte Beute – einen prachtvollen Leierschwanz.

»Das nenne ich ein Jagdglück,« rief Holm, »denn dieser Vogel mit seinen wundervollen langen Schwanzfedern, die wie eine Leier gestaltet sind, kommt nur selten zum Schusse. Mancher Jäger hat sich schon tagelang im Busche aufgehalten und hörte die laute, helle Stimme der scheuen Vögel, war aber nicht imstande einen derselben zu Gesichte zu bekommen. »Merkwürdig ist, daß wir diesen Vogel hier antrafen, der sonst in Gegenden wohnt, die schwer zu erreichen und wegen tiefer, nur mit vermodernden Pflanzen bedeckter Felsenspalten dem Jäger lebensgefährlich sind.« Als Holm den Leierschwanz näher untersuchte, ergab sich, daß der Vogel ein verletztes Bein hatte, was ihn am Laufen verhindert haben mußte. Holm mahnte zur Vorsicht beim Betreten des Bodens denn schon oft sei ein Jäger in die heimtückischen Felsenspalten geraten, in deren Nähe sich die Leierschwänze aufhalten, und nichts sei dem Unglücklichen übrig geblieben, als sich vermittelst eines Schusses durch den Kopf vom langsamen Verschmachten zu befreien, denn auf eine Hilfe von Menschenhand kann niemand in diesen Einöden rechnen, der tief in eine steile Felsenspalte geraten ist.

Kaum hatte er diese Warnung ausgesprochen, als der Doktor vor ihren Augen verschwand und mit einer dichten Masse von moderndem Laub in die Erde sank. »Hilfe!« rief er aus der Tiefe. Sie eilten rasch an den engen Schlund, der sich vor ihren Augen öffnete.

»Haben Sie sich verletzt, Doktor?« fragte Holm besorgt.

»Gott sei Dank, nein,« scholl es herauf; »aber die Felsenwände sind so glatt und schlüpfrig, daß ich mich nirgends anhalten kann. Ich sinke allmählich tiefer. Helft mir rasch.«

Mit größter Eile wurden die Riemen der Gewehre an einander geknüpft und hinabgelassen, sie erreichten jedoch den Doktor nicht, da sie nicht lang genug waren. Was nun beginnen? Woher einen Strick nehmen, um den Verunglückten heraufzuziehen, der langsam weiter in die Tiefe glitt und flehend um Hilfe rief? Mit jeder Sekunde nahm die Gefahr zu, die Felsenspalte konnte unergründlich sein und sich nach unten erweitern. Dann war der Doktor verloren. In solchen Augenblicken der höchsten Not kommen dem Menschen jedoch oft Gedanken zur Rettung und zwar so plötzlich, als hätte sie ihm jemand zugerufen, der unsichtbar ihm zur Seite stände. Wie mit Wundermacht wird dann das Unscheinbarste zum wichtigen Hilfsmittel, und wer nur Augen hat zum Sehen und Ohren zum Hören, der erfährt zu solcher Stunde, daß immer noch Zeichen und Wunder geschehen, daß Gott den Menschen zur Zeit der Prüfung nicht verläßt.

Franz war es, in dem sich blitzschnell der Gedanke zur Rettung des Doktors offenbarte. Ehe noch jemand begriff, was er wollte, hatte er den leichten Rock abgeworfen und sich des starken Leinenhemdes entledigt, das er rasch mit dem scharfen Jagdmesser in Streifen zerschnitt, die er wie einen Strick zusammendrehte und an einander knüpfte. »Wenn es nur ausreicht?« flüsterte er bange.

Rua-Roa hatte sofort begriffen, was Franz im Sinne hatte, und folgte seinem Beispiele. Auch er warf sein Gewand ab und zerschnitt es mit dem Messer, das Franz ihm damals geschenkt hatte, als er so tapfer die Prozedur des Gipsens über sich ergehen hatte lassen. »Ich helfe dir, mein weißer Bruder,« rief er, »Doktor Bolten muß gerettet werden und sollte ich meine ganze Habe, ja mein Leben für ihn hingeben. Er hat mich gelehrt, daß alle Menschen Brüder sind und daß der arme Waisenknabe Rua-Roa einen Vater im Himmel hat, dessen Kind er ist. Ich wollte sein Sklave sein, er aber hat mich freigegeben. Retten wir den guten Doktor!«

Die Stricke aus dem Zeug waren in fieberhafter Eile geflochten, alle legten sie Hand an, und nachdem dieselben an die Lederriemen der Gewehre geknüpft waren, wurde das so erhaltene Seil in die Felsenspalte hinabgelassen. »Geben Sie acht, Doktor,« rief Holm, »und suchen Sie das Seil zu erhaschen!«

Eine ängstliche Pause entstand. »Haben Sie das Seil?« rief Holm.

»Ich halte es!« ertönte die Antwort aus der Tiefe.

»Nun zieht an,« kommandierte Holm.

Alle faßten das Seil und taktmäßig, mit lautem Ahoi, wie auf dem Schiffe, förderten sie ruckweise den Doktor langsam in die Höhe, bis nach einiger Zeit der Gerettete wieder festen Boden unter seinen Füßen hatte.

Doktor Bolten sank auf die Kniee, als er glücklich wieder oben war, und seine Lippen sprachen ein leises Dankgebet. Dann reichte Hans ihm die Feldflasche, aus der er einen tüchtigen Schluck nahm, der ihn nach der überstandenen Angst und Gefahr sichtlich erquickte. Als er erfuhr, auf welche Weise die Rettung zustande gebracht war, reichte er Franz und Rua-Roa beiden die Hand. Er war zu bewegt, um sprechen zu können. Dann faßte er sich und sprach nur die wenigen Worte: »Der Segen eines alten Mannes ruhe auf eurem Haupte!«

Holm schlug nun vor, diese gefährliche Gegend zu verlassen und den Wald aufzusuchen, wo kräftiger Baumwuchs von dem Nichtvorhandensein der tückischen Naturfallgruben Zeugnis ablegte. Alle waren mit diesem Vorschlage einverstanden, und bald war die Gefahr, in welcher der Doktor geschwebt hatte, vergessen. Die Jagdlust und das Vorkommen reichlichen Vogelwildes stellte bald wieder den alten Frohsinn her. Holm erlegte einige der zierlichen Diamantvögel und einen der schwer zu erlangenden Emuschlüpfer. Der Schwanz dieses allerliebsten Vogels besteht nur aus sechs mit zerschlissenen Fahnen besetzten Federn. Seine Behendigkeit vereitelt fast immer die Nachstellungen, wozu noch kommt, daß er in der Kunst des Versteckens außerordentlich erfahren ist.

Als sie vorwärts schritten und in eine Niederung gelangten, auf der immergrüne Zedergebüsche sich ausbreiteten, machte Holm plötzlich Halt und winkte den andern mit der Hand zu, sich ruhig zu verhalten.

Die Knaben hielten ihre Gewehre in Anschlag. »Ein Raubtier?« fragte Hans.

»Nein,« erwiderte Holm leise. »Kommt behutsam an meine Seite, uns bietet sich ein reizendes Schauspiel dar.«

Alle traten mit leisen Schritten näher, und in der Tat nahmen sie durch die dichten Zweige, welche Holm vorsichtig zurückbog, einen merkwürdigen Gegenstand wahr, den sie früher noch niemals gesehen hatten.

Unter einer ziemlich großen Zeder sahen sie aus feinen und biegsamen Reisern erbaut eine kleine Hütte, die in ihrem Aussehen einer spitzdachigen Laube glich und an jeder Seite einen offenen Eingang besaß. Vor der Laube lagen bunte Schneckenschalen, Muscheln, weißgebleichte Knochen und glänzende Kieselsteine. Das Innere der Laube war mit roten, gelben und blauen Papageienfedern dekoriert, als sollte in derselben ein Fest gefeiert werden.

Sollte das Hüttchen von den Kindern der Eingebornen im Spiel erbaut sein?« fragte der Doktor.

»Wir haben den merkwürdigen Bau des Atlasvogels vor uns,« erklärte Holm. »Die Vögel sind soeben davon geflogen, wenn wir uns ruhig verhalten, wird es uns hoffentlich gelingen, Augenzeuge von ihrem Tun und Treiben zu sein.« Kaum hatte er diesen Wunsch geäußert, als es durch die Luft schwirrte und ein Vogel mit einem Reisigzweig im Schnabel sich vor der Laube niederließ. Sein wie Atlas glänzendes Gefieder war tief blauschwarz, die Flügel- und Steuerfedern samtschwarz, blau an der Spitze, das hellblaue Auge besaß einen roten Ring, die Füße waren rötlich. Der Vogel, seiner Größe und glänzenden Farbe nach zu urteilen das Männchen, nahm nun den Zweig und verflocht ihn gar künstlich und geschickt in die Wand der Laube, und ließ, als er die Arbeit vollbracht, einige wohllautende Töne hören, als freue er sich des gelungenen Werkes. Nach einiger Weile kam das minder schön gefärbte Weibchen hinzugeflogen, das eine hochrote Papageienfeder im Schnabel hielt, die es im Innern der Laube anbrachte. Als dies geschehen war, lockte es das Männchen, welches in die Laube hüpfte und durch allerlei Gebärden seinem Wohlgefallen an dem neu erworbenen Zierat Ausdruck verlieh. Die beiden Vögel hüpften in der Laube auf und ab, schlugen mit den Flügeln und spielten vergnügt mit einander in dem kleinen Palast, den sie sich erbaut hatten, so gut ein Vogel es nur irgend kann.

»Ihr Nest haben die Atlasvögel an einem anderen Orte,« sagte Holm, »dies hier ist ihr bestes Zimmer oder, wenn wir wollen, ihr Museum, an dessen Schätzen sie sich erfreuen. Wollen wir die Vögel schießen?«

»Schenkt ihnen das Leben,« bat der Doktor. »Ihr ganzes Betragen hat so etwas Harmloses und Freundliches, daß es mir fast ein Unrecht erscheint, sie zu töten.«

»Nun so mögen sie leben bleiben,« versetzte Holm, »obgleich ich gerne ein Exemplar für unser Museum in Hamburg gehabt hätte.«

In diesem Augenblicke kam ein dritter Atlasvogel angeflogen, der sich vor der Laube niederließ und eine blanke Muschelschale zu stehlen suchte, trotz der Abwehr der Eigentümer der Laube.

»Oha,« rief Holm, »du willst hier annektieren. So ein Sozialdemokrat, der das Eigentum auch teilen will, soll seinen ihm gebührenden Lohn empfangen.« Ein wohlgezielter Schuß aus der Vogelflinte streckte den unberufenen Gast und Räuber danieder. »Nun haben wir alle unseren Willen,« sagte Holm. »Der Doktor sieht das Leben seiner Schützlinge erhalten und wir haben einen Atlasvogel für unser Museum.« Die beiden anderen Atlasvögel waren davon geflogen, und die beste Gelegenheit zum Inspizieren der Laube war gegeben. Franz zeichnete dieselbe, während Holm sich anschickte ein frugales Mahl zu bereiten. Nachdem dieses eingenommen, machte man sich auf den Rückweg, und zur rechten Zeit, noch vor Sonnenuntergang, erreichten sie das Lager.

Am folgenden Tage begann die Durchforschung des Strandes. Schwarze Austernfische fanden sich reichlich, viele hübsche Reiher und weiße schwanenartige Vögel, ebenso auf den Klippen der nur in Australien lebende weiße Hummer und sehr schöne Schnecken und Muscheln, welche die Flut zu hoch hinauf geworfen, als daß ihnen der Rückzug ins Meer noch möglich geworden wäre. Hier sah man auch die Makadamas auf dem Gebiet ihrer eigenen Tätigkeit; sie zimmerten Kanoes, sogenannte Einbäume von alten umgewehten Baumstämmen und zwar mit den Eisenteilen gestrandeter Schiffe. Ohne alle Meßinstrumente, ohne Beil oder Säge, nur mit eisernen Faßreifen, die spitz und scharf geschliffen waren, brachten die Wilden schlanke, schnell dahinschießende Fahrzeuge zu stande; auch platte Doppelruder, die blitzartig von einer Hand zur andern flogen und bei jeder Drehung über den nackten Körper des Schiffers einen Tropfenregen ergossen, hatten diese Boote, denen die Sitzbretter gänzlich fehlten, und deren hinterer Teil zollhoch mit Wasser überspült war. Die dreizackige Harpune des Ruderers brachte nach jedem Stoße einen zappelnden Fisch aus der Tiefe mit herauf.

Während die Weißen über den klippenreichen, vielfach ganz unpassierbaren Strand dahingingen und sich an solchen Punkten, deren Ausläufer wie Kaps bis ins Meer vorsprangen, wieder landeinwärts schlugen, entdeckten sie in den Kronen der Bäume eine Anzahl längliche Pakete, deren Form unschwer erkennen ließ, daß hier auf die Weise der Dajaks Leichen dem Verfall ausgesetzt worden waren, nur insofern anders, als man dort die Gestorbenen den Raubvögeln preisgab, während hier, wo diese fehlten, der Körper in Baumrinde gewickelt, mit Bast umschnürt und am Waldrande aufgehängt wurde, damit ihn die Sonne vertrockne.

Nachdem der Ankerplatz erreicht worden, nahmen die Reisenden, so gut als dies bei der gänzlichen Unkenntnis der Sprache möglich war, Abschied von den Wilden, die auch hierher nachgelaufen kamen und sich bei den vielen Schüssen, welche sie an diesem Vormittag schon gehört, einigermaßen mit Klang und Wirkung vertraut gemacht hatten. In der Bai, wo das Schiff lag, apportierten sie sogar, wie gut geschulte Hunde. Sich hinter Bäumen versteckt haltend, so oft einer der Weißen zielte, sprangen sie in das Wasser und brachten den getroffenen Vogel zwischen den Zähnen herbei.

Alle blanken Knöpfe, Kattunstückchen, Metallringe und namentlich ein Spiegel wurden unter die bemalten Gestalten verteilt; – den kleinen Rasierspiegel erhielt eine Frau, die sogleich, als sie ihr eigenes, nie gesehenes Antlitz erblickte, hinter das Glas griff und die vermeintlich Fremde aus dem Versteck hervorziehen wollte. Erst durch verschiedene Versuche über den Irrtum dieser Anschauung belehrt, schien sie zu glauben, daß hier etwas Geheimnisvolles, Geisterhaftes vorgehe; sie gab das Glas einem der anwesenden Männer, dessen Gesicht sich vor Schreck zusehends verlängerte. Er legte den Spiegel auf den Rand eines Felsens und schlich leise herzu, ganz geräuschlos, als wolle er den Zauber da drinnen überlisten, – Zoll um Zoll hob sich der schwarze Kopf, endlich hatten die Augen den Rand des Glases erreicht, zaghaft sah er hinein und fuhr eben so schnell zurück, – wieder das feindliche Gesicht!

Und dann machte er es anders. Er trat hinter den Spiegel, er ließ eine längere Pause vergehen; der Bursche da drinnen sollte offenbar denken, daß jetzt niemand mehr in der Nähe sei. Ein Lächeln des Triumphes flog über die wulstigen Lippen; plötzlich wie der Blitz sah er wieder hinein, noch dazu mit schadenfroh hervorgestreckter Zunge. –

Aber was war das? Vor Schreck und Furcht blieb er zum Ergötzen der Weißen in seiner einmal angenommenen Stellung unbeweglich stehen. Im Haar, triefend von Tran, den gelben Ocker, Nase und Kinn feuerrot, am ganzen Körper streifenweise rot und weiß beschmiert, den einen Fuß unternehmend vorgestreckt, die Zunge lang heraushängend, so sah er zornfunkelnden Auges in das Glas. Jener andere unterstand sich, die Herausforderung zu erwidern; ja mehr noch, er äffte ihn; er machte ihm alles nach, selbst die kleinste Bewegung.

Das sollte er bereuen. Der Wilde legte den Spiegel platt auf den Felsen und führte mit einem Ruder, welches sich in der Nähe befand, einen so wuchtigen Hieb, daß nun nach seiner Berechnung der feindliche Schädel in Stücke zerschmettert war; dann trat er herzu, um mit der Miene befriedigter Rache die Splitter noch ein paarmal zu treffen, besonders einen, welcher der Vernichtung bis auf die Größe eines halben Groschens entronnen war. Er hob das Stückchen vom Boden und brachte es nahe ans Gesicht – wieder der spukhafte Gegner!

Das ging denn doch über den Spaß. Die verhängnisvolle Scherbe mit einem einzigen Ruck weit hinaus schleudernd in das Meer, floh er hasengleich zurück zum Walde und verschwand zwischen den Bäumen auf Nimmerwiedersehn. Wahrscheinlich erfreute sich dieser Tapfere bei seinem Stamme eines besonders hohen Ansehens, denn nachdem er in der bezeichneten Weise das Signal gegeben, rannten ihm alle wie die Schafe dem Leithammel nach, so schnell sie konnten, bis kein einziger mehr zu erblicken war. Die Weißen riefen und pfiffen, um sich noch länger mit den Naturkindern zu unterhalten; aber es nützte alles nichts; der Strand war und blieb ausgestorben.

Man häufte noch einige alte Waffen, Eisengeräte und Ketten als Abschiedsgeschenke an sicherer Stelle auf, und dann wurde die kleine Insel umfahren, späterhin aber der Besuch bei den Echaus sehr abgekürzt, weil sich dort in bezug auf Land und Leute gegenüber der anderen Inselhälfte durchaus nichts Neues ergab. Hier wälzte sich ein breiter Fluß vom Walde her bis in den Ozean; die Gelegenheit, das Innere kennen zu lernen, war also günstiger als vorhin im Lande der Makadamas. Unsere Freunde bestiegen das große Boot und ruderten, vom schönsten Südwind getrieben, langsam stromauf in den schweigenden Wald hinein. Der Matrose, welcher sich als Taucher schon in der Bucht von Celebes bewährt hatte, war samt dem Apparat mitgenommen worden, und Holm freute sich auf neue Tiefseegeschöpfe, vorher aber mußte man den Grund kennen lernen, um zu erfahren, ob er auch nicht etwa verschlammt sei. Das Patentlot glitt in die Tiefe hinab und brachte günstigen Bescheid; etwa acht Meter Wasser und fester Kiesboden; außerdem offenbar Korallenbildungen, – besser konnte es gar nicht sein.

»Wir wollen zweimal nachsuchen,« rief der Matrose, »erst hier, wo noch das Wasser salzhaltig ist, und später mitten in der Insel. Zwischen den Korallenstöcken am Strande sitzen gewöhnlich die großen schönen Muscheln.«

Holm sah bedenklich über das Meer hinaus. »Aber die Haie!« warnte er.

»Bah, die kommen nicht so nahe an die Grenze des süßen Wassers. Wir sind schon über hundert Schritt in den Fluß hinein. Nebenbei bemerkt man auch ein solches Ungeheuer zeitig genug.«

Die Rüstung wurde also angelegt und der moderne Ritter über Bord gelassen. Die Wellen zogen große Kreise, der Apparat tat seine Schuldigkeit und schon nach wenigen Minuten kam das Zeichen zum Hinaufziehen. Eine Sammlung wundervoller Pflanzentiere gelangte in das Boot, vielverzweigte, braune Stämme mit goldgelben Blumen und zarten Rosarändern, Geschöpfe, die in der Naturgeschichte zwischen Korallen und Quallen stehen, außerdem Schwämme wie feines gesponnenes Glas, große Seltenheiten in den Museen, und wieder andere wie riesige Handschuhe, andere wie Blumenkörbe; – Holm hätte vor Vergnügen gern einen Luftsprung gemacht, wenn nur ein Boot auf hohen Wellen dazu der geeignete Schauplatz gewesen wäre. »Da unten sind wahre Unmassen,« berichtete der Matrose, »ich kann Ihnen ganze Säcke voll heraufschaffen. Und dieses Getier, diese Spinnen, Krabben, Würmer, Schnecken! – jeder Punkt hat seinen Bewohner. Nur die Algen sind ganz dieselben von der Celebessee.«

Er wurde wieder hinabgelassen, die jungen Leute bewunderten und sortierten emsig das nasse Durcheinander auf den Brettern; besonders der Schwamm wie eine Blume aus Glasfäden erregte ungeteilten Beifall; Holm erzählte eben, daß ihn die Frauen der Südseeinseln als Kopfputz tragen, da wurde plötzlich von unten her das Signal zum Heraufziehen gegeben, aber so hastig, so wiederholt, daß der Eindruck des Außergewöhnlichen, des Erschreckens sich im selben Augenblick bei allen Anwesenden geltend machte.

»Großer Gott,« rief Holm, »wenn es ein Hai wäre!«

Alle Arme spannten sich an die Taue, alle zogen mit der Kraft der Angst, – wie ein Ball hätte nach ihrer Berechnung der Taucher an die Oberfläche gelangen müssen, – aber dennoch rührte sich da unten nichts, dennoch hing es bleischwer in der Tiefe und schien aller Bemühungen der Matrosen zu spotten. Wieder und wieder kam aus dem Wasser das Signal.

Kalter Schweiß stand auf Holms Stirn. Hatte etwa ein Hai den Unglücklichen gepackt, und hing er selbst mit seiner ganzen Schwere an dem nur für einen Menschen berechneten Seile?

»Zieht! Zieht!« rief er mit erstickter Stimme. »Um Gottes willen, tut euer Möglichstes, den Mann zu retten!«

Diesmal hingen sich sogar der Doktor und Hans mit an die Taue, alle Hände bluteten, alle Muskeln spannten sich auf das äußerste, langsam, ganz langsam wurde die Last heraufgehoben. Unheimliche Stille lag auf dem ganzen kleinen Kreise; es schien, als fürchte jeder, den entsetzlichen Vermutungen, welche er hegte, durch Worte Ausdruck zu verleihen. Was würde man binnen wenigen Minuten vielleicht sehen, was zog man Unheimliches, Vielhundertpfündiges da aus dem verborgenen Schoße des Meeres hervor?

Jetzt, jetzt mußte es kommen.

Über dem Wasser erschien der Kopf des Tauchers, die Rüstung war unversehrt, aber als der Mann emporsah, sprachen aus seinem blassen Gesicht Furcht und Verwirrung. – Ein Ruck noch, dann zeigte sich aller Augen das Geschehene. Um den Körper des Tauchers hatte sich von hinten her eine der größten Quallen, eine Sepie mit vier furchtbaren Armen festgeklammert. Diese letzteren, anderthalb Meter lang und von der Dicke eines starken Ofenrohres, besaßen einen gemeinsamen Mittelpunkt, den mißgestalten Körper, an welchem der befranste, unförmliche Mund ohne Kopf zwischen den Vorderarmen saß und immerwährend mit den Fühlern nach einer offenen Stelle zum Saugen tastete. Offenbar hatte das Ungeheuer der Tiefe den Mann so fest umfaßt, daß ihm der Atem auszugehen drohte; wenigstens schien er beinahe leblos.

Die Sepie ließ auch außerhalb des Wassers nicht von ihrem Opfer; sie mußte aus stärkerem Stoff sein, als ihre kleinen Verwandten; die Axthiebe, welche jetzt Rumpf und Arme trennten, trafen auf eine ziemlich widerstandsfähige Masse, die mehr zähe als fest war und unglaublich viele Saughaken besaß.

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Der Taucher und die Sepie

Das alles ging zauberschnell, ohne Worte oder Befehle, ohne irgend welche Hindernisse von statten. Die Rüstung wurde abgestreift, der Körper des Scheusals am Rumpf zerschnitten und der Taucher von allen beengenden Einflüssen frei gemacht. Nachdem man ihn gerieben, gewalkt und ihm etwas Rum eingeflößt, kam er langsam wieder zu sich. Ihm war außer der erlittenen Todesangst kein weiterer Schaden geschehen. Erst jetzt wandte sich die Aufmerksamkeit der Reisegefährten dem Untier zu, Franz legte die einzelnen Glieder wieder aneinander, und Holm maß die stattliche Länge von drei und einem halben Meter, wobei jedoch der Matrose versicherte, daß er die häßlichen Geschöpfe schon doppelt so groß gesehen. Er erzählte nun auch, wie sich der Polyp ihm von hinten unbemerkt genähert und ihn umfaßt habe, als wolle er ihm alle Rippen zerbrechen. »Ich versuchte es, den ersten Arm abzulösen,« sagte er, »aber das war unmöglich; im Gegenteil faßten drei andere nach, und nun ging mir der Atem aus. Was geschehen ist, nachdem ich ein paarmal das Zeichen zum Aufziehen gegeben, kann ich mich nicht mehr erinnern, jedenfalls aber hat mich die Rüstung vor dem sichern Tode geschützt. Diese Saugapparate lassen gutwillig nichts, was sie einmal erfaßt haben, wieder los.«

»Fort damit!« rief Franz. »Mag sich ein Hai die Überreste holen.«

Schaufeln halfen das Boot von den Überresten des Tieres reinigen, und dann wurde die Fahrt fortgesetzt. »Ich tauche doch noch wieder,« meinte der Matrose, »nur die Rippen tun mir ein bißchen weh, sonst ist nichts passiert. Langweilige Gegend, was?«

»Düster, düster wie das ganze eigentliche Australien!« versetzte Holm. »Harte, steife, dunkelgrüne, verholzte Blätter, kein Tierleben, keine Menschenwohnungen, keine Anfänge der Kultur, – woher soll da die Schönheit kommen? Auf dem Festlande, soweit diese Bezeichnung zulässig ist, wird es nur wenig besser; erst die Inseln des Großen Ozeans bringen wieder tropische Vegetation und reichere Tierwelt, wenigstens was Vögel und Insekten betrifft.«

»Hier ist aber auch gar nichts zu finden,« sagte Franz. »Echaus heraus, damit man euch endlich einmal kennen lernt!«

Niemand beantwortete den Kriegsruf, nur eine Schar Kasuare galoppierte über die Ebene, und ein wilder Hund bellte, sonst blieb alles still. An einer von Wald und Busch umsäumten lichten Stelle trafen die Schiffer die ersten menschlichen Wesen, eine Schar kleiner, krüppelhafter und affenähnlicher Geschöpfe, die zum Teil aus Erdlöchern hervorsahen, zum Teil stumpfsinnig im Sonnenschein dalagen, ohne sich um das Boot mit den Fremden irgendwie zu bekümmern. Holm und auch die übrigen riefen ihnen verschiedene Worte zu, die indessen unbeachtet verhallten, so daß es den Weißen zweifelhaft schien, ob diese tierischen Wesen überhaupt eine bestimmt geordnete Sprache besaßen. Es war sehr begreiflich, daß sich die Echaus den Makadamas gegenüber in respektvoller Entfernung hielten, jedenfalls mußten sie, so roh und unkultiviert auch diese letzteren sein mochten, doch im Kampfe mit ihnen entschieden den kürzeren ziehen.

Ein zweiter Tauchversuch schaffte eine tüchtige Mahlzeit gewöhnlicher Krebse, weiter nichts; Fluß und Wald waren gleich arm an Produkten wie an Reiz. So wurde denn die ungastliche Küste der Echaus sehr bald verlassen und an Bord der Fang des ersten Zuges in Sicherheit gebracht.

Das Schiff steuerte nun in wochenlanger Fahrt um die ganze Osthälfte des australischen Festlandes und erreichte ohne bemerkenswerte Zwischenfälle Sidney, die Hauptstadt von Neu-Südwales, noch vor sechzig Jahren ein elender Ort für deportierte Verbrecher Englands, jetzt eine große Stadt. Vom Hafen aus wurde sogleich eine Reise in das Innere angetreten, zuerst mittels der Eisenbahn, dann zu Wagen, und nachdem die Grenze der Kolonie erreicht, hoch zu Roß unter Führung von Engländern und Deutschen, die mit den Australnegern im besten Einvernehmen standen und außerdem bis an die Grenzen des bekannten Innern schon mehrmals vorgedrungen waren.

Aber wie traurig war gegen die schönen Sundainseln, gegen das entzückende Ceylon hier die ganze Umgebung! Busch und Sand, Sand und Busch, so wechselte es mehrere Tage lang, bis endlich langgestreckte Weiden, von Hunderttausenden von Schafen bedeckt, eine geringe Veränderung boten. Am Saume dieser Grasflächen stand jedesmal das Hüttendorf des wandernden Stammes, dem die Tiere gehörten, und bei dem nächsten wurde Halt gemacht. Das Dorf selbst hatte rohgearbeitete, niedere, wie Maulwurfshaufen neben einander liegende menschliche Wohnungen, die hier nirgends auf Pfählen standen, sondern viel eher sogar um einen oder mehrere Fuß tief in den Boden hineingegraben waren. Das spitze Dach trugen ein paar starke Pfähle; Blätter und Zweige, auch wohl Stücke von lebendem, lustig wachsendem Gras bildeten die Bedeckung; Fenster gab es nirgends. Das Seltsamste an diesen Gebäuden aber war, daß sie sämtlich keine Vorderwände hatten, auch nicht einmal eine Andeutung derselben, keine Matte oder Vorhang, sondern nur die weit offene Front, vor der gewöhnlich ein helles Feuer brannte. Jeder Stamm hatte nur einen losen Verband, an der Spitze eine Art von Häuptling; der des ersten Dorfes hieß Wi-Tako und war ein großer, starker, alter Australneger, dessen finstere Blicke, im Verein mit dem unförmlichen durch die Nase gezogenen Knochen und der dunkelblauen, den ganzen Neger bedeckenden Malerei ihm ein wenig angenehmes Äußere verliehen. Desto eigentümlicher war die Kleidung, welche bei ihm und bei allen übrigen, sogar auch den Frauen, aus einem langen, vom Kopf bis zu den Füßen reichenden Mantel aus Opossumfell bestand, dazu eine Mütze vom selben Stoff und unter den Sohlen eine Art von ledernen Sandalen. Die Leute schienen sämtlich Hirten zu sein; sie zogen in den wasserarmen Gegenden von Busch zu Busch und fristeten offenbar ein kümmerliches Dasein, obgleich neben den Dorfhütten auch bebaute Strecken auf eine gute Ernte hinzudeuten schienen. Mürrisches Wesen, Roheit und Mißtrauen bildeten die Grundzüge des Volkscharakters.

Häuptling Wi-Tako, der wie die meisten seiner Untertanen ein leidliches Englisch sprach, bot den Weißen als Aufenthalt eine gerade leer stehende Hütte und lud sie ein, an einer großen für den folgenden Tag festgesetzten Känguruhjagd teilzunehmen; die »Gins« oder Frauen des Stammes brachten ein steinhartes, bleischweres Brot aus Maismehl, getrocknetes und wieder gekochtes Schaffleisch, sowie ein Gemüse aus Bohnen oder Linsen; dann überließ man die Gäste, ohne weiter Notiz von ihnen zu nehmen, sich selbst, offenbar erstaunt, daß vor ihrer Hütte kein Feuer entzündet, wohl aber der Eingang mit Wolldecken verhüllt wurde. Die Frauen betasteten sogar das Gewebe, flüsterten unter einander und setzten sich dann wieder zu der Wolle, welche verfilzt und verworren in großen Haufen neben jedem Feuer lag, um mit einer Art von grober, hölzerner Hechel vorerst des reichlichen Schmutzes entkleidet zu werden. Sie sahen aus wie eine Gesellschaft zahmer, kränklicher Affen, diese Weiber, besonders die alten, skelettartig mageren, wie sie zusammengekauert unter dem formlosen Fellmantel dasaßen und schweigend Wolle kratzten, anscheinend ohne eine Ahnung, daß aus eben diesem Stoff die leuchtend roten, zartbraunen und weichen Decken der Reisenden gewebt seien. Arm, roh und unwissend in einem Lande ohne Schönheit oder pflanzlichen Reichtum, scheinen sie Stiefkinder der Natur selbst den nackten afrikanischen Wilden gegenüber.

Kein Wasserstreif unterbrach das Gelbgrün des Bodens, wenig Vögel sangen im Busch, und selten nur belebte ein lauterer Schall die Öde. Als der Abend dämmerte, legten sich aller Orten die Schafe in gedrängten Massen zum Schlaf, große magere Hunde umkreisten die Herden, der Hirte im Fellmantel entzündete sich ein Feuer und kochte sein Abendbrot, Wald und Busch verschwammen zum grauen Ganzen; es lief wie die erste Ahnung der nahenden kalten Zone über den Rücken der Reisenden herab, und fester und fester hüllten sich alle in ihre Decken.

»So geht es noch Hunderte und Aberhunderte von Meilen fort,« sagte Holm. »Das Innerste von Australien ist gerade so unbekannt, wie das des äquatorialen Afrika, es kann aber unmöglich die Forschung in gleichem Grade anziehen, weil das Tier- und Pflanzenleben keinen Reichtum verheißt, weil man den Boden als wasserarm und daher den Ertrag als dürftig kennt. Hier an den Grenzen des der Kultur gewonnenen Landes betreiben die Einwohner noch Schafzucht und Wollhandel, weiterhin in der felsigen Gegend hört auch das auf, da lebt man von der mageren Ernte und vom Raube, da bewohnt man Höhlen und hat den leichtsinnigen, zum fröhlichen Nichtstun geneigten Charakter solcher Völker, die gar kein Eigentum besitzen. Wir werden auch die Eingebornen der Berge kennen lernen.«

»Wie lange bleiben wir denn hier, Karl?« fragte Franz.

»Hm, übermorgen geht's fort, denke ich. Die große Känguruhjagd müssen wir doch jedenfalls mitmachen.«

Dem stimmten die übrigen lebhaft bei; es wurde noch eine Zeitlang halblaut gesprochen; zuweilen wieherte im Busch eins der Pferde, zuweilen flog eine Fledermaus durch den engen Raum oder ein fliegender Fuchs mit spitzer Schnauze; dann schliefen alle, bis sie bei Tagesanbruch durch einen langgezogenen, lautschallenden Ton erweckt wurden. Häuptling Wi-Tako in eigener Person sammelte seine Scharen zum großen Treiben, dem die Feinde der bebauten Felder, die überhand nehmenden Känguruhs, erliegen sollten. Mit einem Muschelhorn vor den Lippen, ohne Mantel, nur angetan mit dem Nud-le-bul oder breiten Gürtel aus Tierhaut, ganz kornblumenblau angemalt, auf Brust und Rücken abscheuliche Tier- und Fratzenbilder von Narben, so stand er da und blies gellende, unharmonische Töne, die indessen von allen Eingebornen verstanden und deren Befehle sofort vollzogen wurden. Schar auf Schar trabte herbei, jeder einzelne Mann bekleidet, bemalt, und tättowiert wie der Häuptling selbst, jeder bewaffnet mit dem gefürchteten Bumerang, jener hölzernen, einen Meter langen, krummen und im Fliegen einen Bogen beschreibenden Waffe, sowie einem Wurfspieß, einem steinernen Hammer und einem Messer, das in der Scheide vom Nud-le-bul herabhing. Als ein paar hundert Männer versammelt waren, wurden die Befehle zur Aufstellung gegeben und mit größter Pünktlichkeit ein Buschgebiet von einer Viertelmeile im Umkreis des Dorfes förmlich umstellt. Unsere Freunde hatten, da die Wilden unberitten waren, auch ihrerseits die Pferde weggelassen und sich bei seiner blaugefärbten Majestät nur ausbedungen, während der Jagd nicht von einander und nicht von den Führern getrennt zu werden. So standen sie denn unter den ersten, ziemlich blassen Strahlen der australischen Sonne im hohen Gras und warteten der Dinge, die da kommen sollten. Hierher wollten die Neger aus dem Busch heraus das sonderbare, springende, einer Riesenmaus nicht unähnliche Geschöpf bis auf die freie Fläche treiben und dort töten; die geladenen Büchsen harrten ihrer Opfer.

Von ferne erklangen jene greulichen Töne der Muschelhörner; zuweilen schlüpfte ein Opossum oder eine Ratte, beunruhigt durch die ungewohnte Störung, eilends vor den Füßen der Jäger vorüber, ein paar Kasuare reckten die langen Hälse, Erdpapageien sahen aus ihren Löchern hervor, Trappen, Tauben und Hühner flatterten vom Walde herüber und Dingos sprangen mit großen Sätzen ins Freie; die Weißen hatten schon hübsche Beute gemacht, ehe noch die ersten Känguruhs aus den Büschen brachen. Das Geschrei der Wilden tönte näher und näher; erst zu zehn und zwanzig, dann zu Hunderten erschienen die aufgescheuchten Tiere und wurden reihenweise von den Bumerangs, sowie von den Wurfspießen der Australier niedergemacht. Fast anderthalb Meter hoch, mit unförmlich langen, fleischlosen Hinterbeinen und einem sehr dicken, meterlangen Schwanz, der beim Sitzen als Stütze dient, hatten die Känguruhs einen graubraunen, auf dem Rücken dunkleren Pelz, der am Bauche bräunlichweiß erschien und in grauen Streifen über das Gesicht lief; die Vorderbeine waren unverhältnismäßig kurz und der Hinterleib plump; alle weiblichen Tiere hatten die bekannten Beutel, in denen sich nackte Junge an den Zitzen ihrer Mütter festhielten.

Etwas vom Kaninchen, etwas von der Maus, ganz eigenartig mit Rücksicht auf den Stützschwanz, zuweilen mittels der Hinterläufe die kräftigsten Schläge austeilend, so erregte das im zoologischen Garten oft gesehene Tier hier in vollster Freiheit das Interesse aller Beschauer, namentlich durch die enorme Anzahl, in welcher es erschien. Fünf- bis sechshundert Känguruhs wurden an diesem einzigen Morgen erlegt und von den »Gins«, nachdem sie ihrer Bälge entkleidet, ins Dorf geschleppt, um dort als leckerer Bissen in den Topf zu wandern.

Unsere Freunde entschlossen sich erst auf das Zureden der Führer, auch ihrerseits einen jungen Bock zu braten und zu kosten. Hatten sie doch im Gefängnis von Madagaskar sogar einen Mückenkuchen genossen, der, wie Franz erinnerte, sogar ganz vortrefflich geschmeckt, – es kam nur auf den ersten Entschluß an.

Das übliche Feuer vor der Hütte flackerte lustig empor, das Känguruh wurde von den Händen der Führer kunstgerecht ausgeweidet und an den mitgebrachten Bratspieß gesteckt; dazu kochte man einheimisches Gemüse, für dessen Bereitung das Wasser weit hergeholt werden mußte, und endlich jenen Kaffee, der nach der anstrengenden Morgenjagd allen gleich wohltat, den zu kosten aber die Eingebornen sich beharrlich weigerten. Nach dem Frühstück, bei dem das Känguruh als wohlschmeckender Braten von den Reisenden vollständig aufgezehrt wurde, zeigte Wi-Tako seinen Gästen die Umgebung des Dorfes und unter anderem auch das Feld, welches während einer der vorigen Nächte von den Känguruhs überfallen und seiner Früchte vollständig beraubt worden war. »Wenn es mit den springenden Tieren zu arg wird, schlagen wir ein paar hundert tot,' sagte er, »dann verläßt der überlebende Rest die Gegend. Die Felle verbrauchen wir zu Mänteln und Decken, das Fleisch wird verzehrt oder, wenn die Gelegenheit günstig ist, nach den Städten hin verkauft. Die Kolonisten bezahlen es teuer.«

»Und sonst habt ihr keinerlei Jagd?« fragte Franz.

»Ein paar Vögel vielleicht,« entgegnete der blaugefärbte, mit einem gewaltigen Nasenknochen geschmückte Monarch, »aber viel ist es nicht. Wir leben von der Schafzucht.«

»Und was betreibt ihr denn zur Unterhaltung,« fragte wieder der durch das Einerlei der Umgebung schon heimlich angefröstelte junge Mann, »wodurch erfreut ihr euch oder belebt den Mut, die Lust zur Arbeit? Es muß doch grenzenlos langweilig sein, so fortwährend Schafe zu hüten und zu scheren.«

Der Häuptling tutete wieder in das Muschelhorn hinein, worauf sich vom Dorf her ein langer Zug in Bewegung setzte, junge Männer sowohl als junge Mädchen, alle auf das abschreckendste bemalt, alle nur mit dem Nud-le-bul bekleidet und mit gewaltigen Masken aus Flechtwerk oder buntgefärbtem Ton versehen. Nachgemachtes Haar hing von diesen, die natürliche Größe dreifach überragenden Köpfen in Unmasse herab, die Gesichter waren scheußliche Fratzen, zum Teil sogar Tierköpfe, zum Teil feuerrot oder gelb angestrichen. Die affenartig langen, mageren Arme und Beine der Neger, die sinnlose Farbenverteilung und die Riesenköpfe bildeten ein Ganzes, das durch Häßlichkeit abstieß, dennoch aber in seiner Originalität und als nie Gesehenes das Interesse der Zuschauer in Anspruch nahm.

Die Neger entzündeten mittels Aneinanderreiben zweier dürrer Holzstücke einen Scheiterhaufen, der vorher schon dort zusammen getragen worden war; dann bildeten sie um die brennende Masse eine Kette und begannen zu tanzen, indem die Hände klappernd auf die Kniee schlugen und nach einem einigermaßen erkennbaren Takt ein geheulartiges Singen oder Schreien, begleitet von Fußstampfen, die Luft zerriß. Immer schneller und schneller wurden die Sprünge, immer teuflischer erschienen in der grellroten Beleuchtung die schwarzen Gestalten, immer rasender drehten sich im Kreise alle diese gehörnten, mit Vogel- und Mäuseköpfen verzierten Menschen; hier verschwand in windgetragener Rauchwolke ein Teil der Tanzgesellschaft, hier erglänzte von Funken übersäet ein anderer, und zwischen allen diesen tollen Springern stand, auf dem Muschelhorn tutend, der Häuptling, zuweilen unwillkürlich die Bewegungen der Tänzer nachahmend, zuweilen von seinen langgezogenen Klängen zu kurzen, schrillen, schnell auf einander folgenden übergehend und dann wieder im tiefsten Moll das Geheul der tanzenden Stammesgenossen begleitend.

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Bei den Australnegern

Nach diesem Tanz kam ein Kampfspiel, wobei die Bumerangs durch die Luft flogen, Spieße und Hämmer weidlich geschleudert wurden und ein Handgemenge mit blitzenden Messern den Einzelkampf versinnlichte. Hier lag ein Schwarzer scheinbar leblos, dort schwenkten und flüchteten andere, ganze Scharen drangen im Sturmschritt vorwärts, Gebrüll und Kampfrufe erschütterten die Luft selbst das Wehklagen der Sterbenden wurde nachgeahmt, und endlich näherten sich vom Dorfe her die Gins, um mit verhüllten Gesichtern, schreiend und weinend bei den Gefallenen in das Gras zu sinken. Diese ganze Komödie zeigte ein starkentwickeltes Schauspielertalent der Neger; sie kam in manchen Szenen der Wirklichkeit bis zur Täuschung nahe und wurde schließlich von den Weißen durch reichlich gespendete Scheidemünze belohnt.

Es war während der Vorstellung fast Abend geworden; die Scharen der Tierkopfträger und Bemalten, der Bumerangkämpfer und wiedererstandenen Toten wanderten zum Dorfe zurück; helle friedliche Feuer und lagernde Herden begrüßten die Heimkehrenden, nochmals gab es Känguruhbraten, und dann senkte sich die Nacht herab auf diese armen, aber zufriedenen Menschen.

Am andern Morgen wurde die Reise in das Innere weiter fortgesetzt. Große Wälder der gleichen, düsteren, einförmigen Art führten hinauf in das Gebirge.

Wie arm doch das Tierleben war! Wenig Schmetterlinge und Insekten, wenig Singvögel, an Vierfüßlern nur die kleinen Opossums und das Schnabeltier, der Ameisenigel, welcher mit heraushängender, klebriger Zunge wie tot am Boden lag und die ahnungslosen Tierchen zu Hunderten auf den Leim lockte, ehe er sie plötzlich mit einem einzigen Ruck in die Tiefe seines Magens beförderte, um dann dasselbe Spiel von neuem zu beginnen. Auch das einen halben Meter lange Schnabeltier mit dem rüsselartigen Kopf lebte in Erdlöchern, die sich zahlreich neben einander befanden und aus deren Eingängen die tiefliegenden Augen der scheuen Bewohner neugierig hervorsahen, um dann blitzschnell wieder zu verschwinden. Es kostete eine ähnliche Anstrengung wie bei den Beuteltieren der Nightinsel, um ein Männchen zum Schuß zu bringen, schließlich gelang's aber doch, und Holm präparierte den Balg, um ihn sogleich an Bord der »Hammonia« auszustopfen und nach Hamburg zu schicken.

So ritt unsere Schar vierzehn Tage lang ins Innere des fünften Erdteils, oft unter großen Entbehrungen für Menschen und Tiere. Als man endlich von einem Gebirgsrücken aus unabsehbar weite Ebenen vor sich sah, deren trostlos trockene Weiten auch keinen grünen Halm für die treuen Pferde verhießen, da hielt man es doch für geraten, die Küste wieder zu gewinnen.

Alle Führer rieten das Gleiche, und so zog die wanderlustige Schar über Berg und Tal den Gestaden des Meeres wieder entgegen, freilich in ganz anderer Richtung als der des Hafens, wo das Schiff lag, hinunter zu den Australnegern der wildesten Gegenden. Die Vegetation ging allmählich über in mehr südlichere Formen, die Vogelwelt wurde mannigfaltiger, schöne Papageien und die noch nirgends gesehenen schwarzen Kakadus füllten die Bäume, Palmen tauchten vereinzelt aus dem Fichtenwalde empor, wildes Zuckerrohr, Kautschukbäume, blühende Teesträuche, Orchideen und viele Kräuter sowie Schlinggewächse bedeckten den Boden. Die Führer warnten jetzt die Reisenden, auf der Hut vor der gefährlichen Schwarzotter zu sein, deren Biß tödlich werden könnte, wenn sie sich im gereizten Zustande befände oder ihr Giftzahn eine blutreiche Stelle des Körpers träfe.

Holm erkundigte sich, ob die Buschotter häufig in Australien vorkomme.

»Sie ist in einigen Gegenden eine förmliche Landplage,« ward ihm zur Antwort. »Wo sie häufig vorkommt, kann man sich ihrer kaum erwehren. Man mag sich befinden, wo man will, in dem tiefsten Walde oder im dichten Heidegestrüpp, in den offenen Heiden und Brüchen, an den Ufern der Teiche, der Flüsse oder Wasserlöcher, man darf sicher sein, daß man seiner ingrimmig gehaßten Feindin, der Schwarzotter, begegnet. Sie dringt bis in das Zelt oder die Hütte des Jägers; sie ringelt sich unter seinem Bettlaken zusammen, sie legt sich unter seinen Stuhl und kriecht in Kisten und Kasten. Es ist zu verwundern, daß nicht weit mehr Menschen durch sie ihr Leben verlieren, als wirklich der Fall ist. Gegen Ende des März verschwindet sie, um ihren Winterschlaf zu halten, im September aber kommt sie ausgehungert wieder zum Vorschein und ist dann im höchsten Grade beißlustig und gefährlich. Ihre Bewegungen sind schneller als die anderer Giftschlangen, nicht selten verläßt sie das feste Land, um entweder auf Bäume zu klettern oder sich in das Wasser zu begeben.

»Greift die Schwarzotter den Menschen an?« fragte Franz.

»In der Regel nimmt die Schwarzotter eiligst die Flucht, wenn sie einen Menschen zu Gesicht bekommt,« wurde ihm Bescheid. »In die Enge getrieben und gereizt, ja nur längere Zeit verfolgt geht sie ihrem Angreifer jedoch kühn zu Leibe und hat sich deshalb bei den Ansiedlern auch den Namen »Sprungschlange« erworben. Die Schwarzen fürchten diese Schlange ungemein, trotzdem daß sie selten von ihr gebissen werden, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie nur mit äußerster Vorsicht ihres Weges dahin gehen und ihre Adleraugen alles entdecken, was sich vor ihnen regt und auch nicht regt. Lange Gewohnheit hat sie in hohem Grade vorsichtig gemacht, so daß sie niemals eine Vertiefung durchschreiten und niemals in ein Loch treten, das sie nicht genau übersehen können. Sie essen Schlangen, welche sie selbst getötet haben, niemals aber solche, welche, wie dies oft geschieht, sich im Todeskampfe selbst einen Biß beigebracht haben.«

Hans wollte hierauf wissen, ob die Schwarzotter nur kleinen Tieren nachstellte, oder sich auch an größere Säugetiere wagte?

»Leider beißen sie in ihrer Wut Rinder und Schafe, die sie zu verzehren nicht imstande sind. Viele Kühe und Schafe, welche man im Sommer sterbend oder verendet auf den Ebenen liegen sieht, sind durch den Biß der Schlange zu Grunde gegangen, obgleich die Schafe viele dieser gefährlichen Geschöpfe töten, indem sie mit allen vier Füßen auf ihren Feind springen und ihn zerstampfen.«

»Also vorgesehen,« mahnte Holm.

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Rua-Rua und die Buschotter

Plötzlich stieß Rua-Roa einen durchdringenden Schrei aus. Alle standen still.

Vor dem Malagaschen erhob sich eine schwarze Schlange von etwa zwei Meter Länge. Ihr lebhaft blaßrot gefärbter Bauch schimmerte im Sonnenlichte, ihre Augen funkelten. Den Kopf hatte sie zurückgelegt, den Rachen mit den Giftzähnen weit zum Bisse aufgesperrt. Rua-Roa schien rettungslos verloren.

»Die Schwarzotter!« rief der Führer erschrocken.

Ehe jedoch die Schlange zum Bisse ausholen konnte, hatte Franz in Blitzeseile die mit Schrot geladene Flinte angelegt und losgedrückt. In scheußlichen Ringeln wälzte das getroffene Tier sich im Grase. Rua-Roa sprang zurück und war gerettet. Eine Sekunde später und er wäre dem giftigen Reptil zum Opfer gefallen.

Die Schlange krümmte sich in ohnmächtiger Wut auf dem Boden, die Schrotkörner hatten sie zwar verwundet, aber ihrem zähen Leben kein Ende gemacht. Sie mochte jedoch wohl fühlen, daß sie zu schwer verletzt sei, um weiter leben zu können und mit einem kräftigen Biß versetzte sie sich selbst die Todeswunde in ihren Schwanz, worauf sie alsbald verendete.

Der Führer lobte Franzens rasche Entschlossenheit. »Du hast mich jetzt zum zweitenmal aus Todesgefahr errettet,« flüsterte Rua-Roa ihm zu, »wie soll ich dir danken?«

»Hättest du nicht dasselbe getan, wenn ich an deiner Stelle gewesen wäre?« fragte Franz. »Und sind wir nicht Blutbrüder?« fügte er leise hinzu.

Der Malagasche konnte nicht antworten, in seinen Augen aber standen Tränen.

»Was hätten wir beginnen sollen, wenn der Knabe von dem Scheusal gebissen worden wäre?« fragte Doktor Bolten.

»Das erste wäre gewesen, die Wunde auszuschneiden und mit Schießpulver auszubrennen,« antwortete der Führer. »Trotzdem aber würde die Wirkung des Giftes sich in großer Schläfrigkeit geäußert haben, gegen die der Knabe nur schwer angekämpft hätte. Wir hätten ihn jedoch zwingen müssen, auf den Beinen zu bleiben, denn aus dem Schlafe wäre er wohl kaum wieder zum Leben erwacht. Die Bewegung ist das einzige Mittel, den üblen Folgen des Bisses zu begegnen, nachdem das Gift so sorgfältig als möglich aus der Wunde entfernt worden. Geschieht keine von diesen Vorsichtsmaßregeln, so ist der Tod des Gebissenen unvermeidlich.«

»Gibt es kein Mittel, diese abscheulichen Tiere auszurotten?« fragte Hans.

»In den Kolonien werden sie bereits seltener,« entgegnete der kundige Führer. »Alljährlich wird daselbst das verdorrte Gras auf den Weideplätzen angezündet, um den Boden mit der fruchtbaren Asche zu düngen, und dem Feuer fallen alljährlich Tausende von giftigen Schlangen und anderem Ungeziefer zum Opfer. Man hofft allgemein, daß mit der zunehmenden Bevölkerung und einer regelmäßigen Bearbeitung des Landes die Giftschlangen sich rasch vermindern werden. Auch die Todesotter, welche selbst in der nächsten Nähe von Sidney häufig vorkommt, wird durch das Abbrennen der Weiden ziemlich vernichtet. Wenn auch die Eingebornen diese Schlange, welche bei der Ankunft eines Feindes ruhig liegen bleibt, um ihn zu erwarten, nicht für todbringend halten, so haben die Weißen doch schon das Gegenteil erfahren und halten deshalb die Todesotter für die gefährlichste aller Schlangen Australiens.«

Das soeben glücklich überstandene Begegnis mit der Schwarzotter hatte die kleine Karawane etwas verstimmt und mißtrauisch auf die Umgebung gemacht. Man sah sich vor beim Vorwärtsschreiten und vermied das freie Umherstreifen des einzelnen im Busch, um einer etwaigen Kollision mit dem gefährlichen Feinde aus dem Wege zu gehen. Während sie so dahinschritten und der allgewohnte, rechte Humor sich gar nicht wieder einstellen wollte, ertönte neben ihnen mit einemmal ein lautes Gelächter, das gerade so klang, als wenn eine Gesellschaft von alten Kaffeeschwestern sich köstlich über irgend einen Witz amüsierte.

Alle standen unwillkürlich still und horchten. »Wer war das?« fragte der Doktor. »Sind Wilde in der Nähe oder spottet ein Heer teuflischer Dämonen über unsere triste Fahrt durch dieses greuliche Australien?«

»O nein,« rief der Führer mit vergnügtem Gesichte, »das ist der lachende Hans, der beste Freund der Ansiedler, und dort sitzt er auf dem Zweige eines Baumes, uns neugierig betrachtend.«

Die Reisenden erblickten auf dem Baume, nach welchem hin der Führer deutete, eine Anzahl großer, grauer Vögel, mit starkem spitzen Schnabel und buschigem Kopfe, die in ihrer äußeren Gestalt Ähnlichkeit mit dem Eisvogel besaßen. »Es ist der Jägerliest oder Riesenfischer,« sagte Holm, »ein wenig scheuer Vogel, der alles genau betrachten muß, was seine Neugierde reizt; den Ansiedlern ist er überaus nützlich, die den lachenden Hans oder Jacka, wie ihn die schwarzen Eingebornen nennen, sehr hoch schätzen. Des Morgens früh weckt er die Kolonisten mit seinem Gelächter und heißt deshalb auch des Buschmanns Uhr, da er sich namentlich gerne in der Nähe der Zelte und Wohnungen aufhält. Wegen seiner heftigen Feindschaft gegen die Schlangen ist er sogar ein geheiligter Vogel, den zu schießen als ein Verbrechen angesehen wird. Er tötet die giftige Schwarzotter, sowie die Todesotter, ohne ihrem Giftzahne zu erliegen, und selbst die Teppichschlange, die drei Meter lang wird und als die Riesenschlange Australiens angesehen werden kann, weiß er durch wohlgezielte Hiebe mit seinem scharfen, starken Schnabel zu verwunden und zu erlegen. Durch ihr Geschwätz und schallendes Gelächter bezeugen sie ihre Freude über den Tod ihrer Erzfeindinnen. Ob sie die Schlangen fressen, ist übrigens nicht genau festgestellt, es scheint vielmehr, als wenn sie sich von Eidechsen und den kleinen Säugetieren ernähren, so daß ihr ununterbrochener Krieg gegen die Schlangen aus einem besonderen Haß hervorgeht, den sie auf diese Geschöpfe geworfen haben.«

»Ein dreimaliges Hoch dem wackeren Vogel,« rief Hans, »auch wir wollen den prächtigen Burschen nicht erlegen, sondern ihm sein nützliches Leben unbehelligt lassen, zumal er mein Namensvetter ist.«

Alle leisteten dieser Aufforderung Folge, worauf sie endlich einmal wieder in ein herzliches Gelächter ausbrachen, in das der lachende Hans mit seiner Sippe fröhlich einstimmte.

Man nahm sich jetzt auch Muße, den Pflanzen Aufmerksamkeit zu schenken. Sie begegneten dem Eisenrindenbaum, dessen festes Holz sich vortrefflich zu haltbaren Zäunen eignet, da es fast gar nicht in der Erde fault. »Das wäre ein Holz für Eisenbahnschwellen und Telegraphenstangen,« meinte Franz. »Vielleicht bildet es später einmal einen geeigneten und nützlichen Handelsartikel.«

»Bravo!« rief Holm. »Ich sehe, die Naturforscherreise hat den Sinn für deinen künftigen Kaufmannsberuf nicht erstickt.«

Dann fand sich auch der »Stringybark«, dessen langfaserige Rinde in Streifen von sieben bis zehn Metern niederhängt und dem Baum das Ansehen eines zerlumpten Bettlers gibt, während die abgefallene äußere Rindenschicht in langen, trockenen, braunen Rollen wie riesige Zimtstengel am Boden umherliegt.

Zwischen dem Unterholze bemerkten sie die »Flaschenbürste.« Sie hat rauhe gedrehte Zweige und ein Blatt, das dem unserer deutschen Stechpalme sehr ähnlich sieht. Sir Joseph Banks gab ihr den Namen Banksia, die Bezeichnung Flaschenbürste erhielt sie wahrscheinlich von dessen Haushofmeister, der am Flaschenputzen mehr Interesse hatte als an der Botanik.

Die aufrechtstehenden, kugelförmigen Blüten, mit denen dieser eigentümliche Busch übersäet ist, gleichen in der Tat jenem nützlichen Instrument, nach dem er benannt ward. Bei voller Blüte sehen die tief orangefarbenen Blumen vortrefflich aus; im Winter aber, wenn die abgeblühten braunen Kegel noch immer an der Pflanze hängen, geben sie dem Busch ein wildes, wunderliches Aussehen.

Neben der Flaschenbürste standen zwei zierlichere Gewächse das Exocaspus oder die wilde Kirsche, welche den Kern nicht innen sondern außen an der einen Seite der Frucht trägt, und der »Wottle« oder die australische Akazie, die mit gelben Blütenbüscheln bedeckt ist und die Luft mit balsamischen Wohlgerüchen erfüllt.

Den Eukalyptusbaum fanden die Reisenden häufig. Auch im südlichen Europa fängt man an, diesen rasch wachsenden Baum zu pflanzen, dessen aromatische, harzreiche Blätter nicht nur ein Mittel gegen das Fieber sind, sondern der ferner die herrliche Eigenschaft besitzt, Moräste und sumpfige Gegenden, welche mit ihren schädlichen Ausdünstungen Fieber und Typhus erzeugen, durch seinen Anbau in schöne Wälder zu verwandeln, die dann statt der gefährlichen Miasmen frische, dem Menschen zuträgliche Luft aushauchen.

Die Kasuarinen, welche die Kolonisten sehr ungerechtfertigt Eiche nennen, sind von auffallender Form, ihre blätterlosen, dünnen Zweige geben ihnen das Ansehen baumartiger Schachtelhalme. Die Bewohner der Südseeinseln verfertigen ihre Kriegskeulen aus dem harten Holz der Kasuarinen, weshalb dieselben auch wohl Keulenbäume genannt werden.

Der neuseeländische Flachs wuchs in den Niederungen. Die zwei Meter hohe Pflanze hat viele Ähnlichkeit mit unserer Schwertlilie, jedoch besitzt sie dickere Stengel und rote Blumen. Aus ihren festen Blättern gewinnt man eine Pflanzenfaser, die den Eingebornen schon seit undenklicher Zeit zur Anfertigung von Kleidung, Matten, Netzen und Seilen dient, allein von weit größerem Nutzen hat sich der neuseeländische Flachs ( Phormium tenax) für die Europäer herausgestellt. Er eignet sich zu Tauwerk nicht nur unendlich besser als der europäische Hanf, sondern die aus ihm verfertigten Gewebe lassen an Dauerhaftigkeit, Geschmeidigkeit und Glanz die europäische Leinwand weit hinter sich. Die Engländer führen namentlich von Neuseeland jährlich neuseeländischen Flachs im Werte von gegen 20 000 Pfund Sterling aus und die Franzosen haben ihn bereits in Südfrankreich mit Vorteil angepflanzt.

Als sie nun so weiter zogen und die fremdartige Pflanzenwelt dieses sonderbaren Weltteiles ihrer Beobachtung unterzogen, trafen sie auf ihrem Gange einen Erdbau an, der fast dem eines europäischen Fuchses glich.

»Der Bau eines Wombats!« rief der Führer. »Er schläft bei Tage, ohne sich um den Sonnenschein zu kümmern, an dem sich andere Tiere erfreuen, denn er ist ein veritables Nachttier, das erst in der Dunkelheit aus seiner unterirdischen Wohnung humpelt, um sich genügsam von einem harten, binsenartigen Grase zu ernähren oder Wurzeln zu verspeisen, die er sich durch kraftvolles Graben erwirbt.«

»Schade, daß jetzt heller Tag ist,« äußerte Hans, »einen Wombat hätte ich gern geschossen.«

»Zumal er einen delikaten Braten abgibt,« sagte der Führer. »Nun, wenn er nicht gutwillig kommt, so wenden wir Gewalt an. Seine Wohnung wird zwei Ausgänge haben und wenn wir in den einen Feuer hineinlegen, so treibt der Rauch ihn zum andern heraus vor die Gewehre.«

Der zweite Ausgang wurde nach einigem Suchen entdeckt und hierher postierten sich die beiden Knaben sowie Holm, mit den Flinten im Anschlag. Rua-Roa und der Doktor bewachten den zuerst gefundenen Ausgang, in dem der Führer trockenes Holz aufschichtete, das er anzündete. »Nun wollen wir den Schläfer dort unten räuchern!« rief er und legte eine Hand voll grünen Grases in die Flamme. Ein fürchterlicher Qualm entwickelte sich.

»Ich höre etwas schnauben,« flüsterte Hans.

Alle waren gespannt aufmerksam. – Da kam etwas in dem zweiten Ausgange der Höhle hervor. Ein dicker Kopf mit kurzen Ohren zeigte sich und ein unhöflicher, schlaftrunkener Geselle kroch langsam, mit blinzelnden Augen hervor. Ein wohlgezielter Schuß tötete den Wombat, welcher von dem Rauche aus seiner gemütlichen Wohnung vertrieben war.

»Ein Prachtkerl,« frohlockte der Führer, »mindestens seine sechzig Pfund schwer; der soll uns schmecken!« Der Führer weidete das Wildbret kunstgerecht aus, schnürte seine Beine zusammen und warf es wie eine Tasche um den Nacken. »Nun vorwärts,« rief er, »damit wir zur rechten Zeit das Lager erreichen!«

Alle gingen auf diesen Vorschlag ein, und mit neuem Mute durchzogen sie die Gegend, welche sich immer schöner gestaltete. Es wurde wärmer und wärmer, endlich drückend heiß und in dem Dorfe an der Küste wieder ganz tropisch, wie in den früher bereisten Gegenden. Die kleine Karawane zog über öde Basalt- und Lavafelder, an den Ufern großer Ströme dahin, vorbei an Seen mit Rohr und Schilf wie daheim in Deutschland, mit weißen und blauen Wasserrosen und schwarzen, purpurschnabeligen Schwänen; sie sah zahlreiche heiße Quellen und tätige Vulkane und atmete auf, als das Erscheinen der Eisvögel den Strand verriet. Diese Reise durch so weite, menschenleere Strecken, ohne Fleischnahrung, in dem zwischen nächtlicher Kälte und drückender Tageshitze schwankenden Klima war keine leichte und keine sehr unterhaltende gewesen. Alle erklärten einstimmig Australien für das wenigst interessante Gebiet, welches sie bisher betreten. Und nun stand noch der Südpol bevor!

In den Flüssen an der Küste begegnete ihnen ein alter Bekannter, die Schildkröte; auf den Klippen saß der große Eisvogel, Papageien zeigten sich in großer Anzahl; schwarze Gestalten erschienen, Blätterdächer tauchten auf und Boote schwammen über die krausen Wellen des Meeres dahin. Dieser Stamm hatte augenscheinlich oft weiße Menschen gesehen; die Reisenden wurden ohne Erstaunen, aber mißtrauisch aufgenommen, man schien von ihnen eher Böses als Gutes zu erwarten.

Für Geld erlaubte es der Häuptling, daß die Weißen eine Hütte aus Bambus und Palmblättern bezogen; man band die Pferde an lange Leinen und ließ sie das üppige Gras abweiden, während sich ihre Herren nach Möglichkeit mit den Schwarzen zu verständigen suchten. Der männliche Teil des Fischervölkchens trug gar keine Kleider, die Frauen dagegen zeigten sich im Schmuck des Grasgürtels und verschiedener, sehr hübsch gearbeiteter Zieraten aus Muscheln und Schildkrötenschalen. Sie hatten auch hier wulstige Lippen, magere Arme und die abschreckende Gewohnheit des Bemalens, zu der noch das Einreiben ihrer ganzen Personen mit entsetzlich stinkendem Tran kam. Das Dorf war gewissermaßen in zwei Teile geteilt; unten am Strande wohnte ein kräftigerer Menschenschlag, dessen Angehörige Fischerei betrieben und selbst Boote zimmerten; weiter hinauf dagegen lebten Geschöpfe, deren bloßer Anblick Erbarmen einflößen konnte. Abgezehrt wie Skelette, gelbgrau von Farbe und mit trommelartig aufgetriebenem Leibe, wohnten diese Jammergestalten, deren es übrigens nur wenige zu geben schien, für sich allein im Gebüsch oder in schlechten, ruinenartigen Hütten, einer einzigen Leidenschaft frönend, wie etwa der Trinker dem Genusse des Branntweins, – der des Erdessens.

Man findet diese unselige Gewohnheit, außer an einigen Punkten Südamerikas, nur bei den Australnegern, obgleich auch dort selten. Die Erdesser werden vom Stamm als gewissermaßen unrein ausgestoßen, sie gehen alle dem frühen Tode mit Sicherheit entgegen und sind schwach und elend, oft kaum im stande, sich aufrecht zu erhalten; aber von ihrer schrecklichen, so ganz unbegreiflichen Leidenschaft lassen sie nicht, sondern sterben, wenn ihnen der Genuß einer gelben fettigen Erdart entzogen wird; jede andere Nahrung weisen sie mit Abscheu zurück. Holm nahm eine Quantität der Erde mit, um dieselbe später einer genauern Prüfung zu unterwerfen.

»Wir werden unter dem Mikroskop finden,« sagte er, »daß diese Erde reich an Diatomeen ist, von denen wir bereits einige Arten kennen gelernt haben. Es finden sich an vielen Gegenden der Erde große Anhäufungen von Diatomeenpanzern, die der weißen, staubartigen Beschaffenheit wegen Bergmehllager genannt werden. In Lappland und dem nördlichen Schweden, wo der kurze Sommer das Getreide nur spärlich reifen läßt, mischt der leichtbefriedigte Nordländer das leckere Bergmehl dem spärlichen Brotteige zu, um eine größere Quantität des kostbaren Nahrungsmittels, des Brotes, zu erzielen. Obgleich die Kieselpanzer nur wenig Nährstoff besitzen, werden dennoch ungeheure Mengen derselben verzehrt; von dem Bergmehl von Lollhapysön werden alljährlich viele Wagenladungen in der angegebenen Weise verspeist. In Nordasien und Südamerika leben ganze Völkerschaften, welche ebenso wie diese Australier feine Erdarten genießen und sogar als Leckerbissen schätzen. Auch in diesen Erden finden sich unzählige Diatomeen, denen möglicherweise noch eine Spur nahrungsspendender organischer Substanz anhängen mag, die eine Erklärung der wenig einladenden Geschmacksrichtung zuläßt.«

Die Erdesser verkrochen sich vor dem Blick der Weißen; diese Unglücklichen glichen häufig lebenden Leichen und boten mit ihrer Ungestalt einen äußerst abschreckenden Anblick. Während sie über den aufgetriebenen Leib nicht hinwegzusehen vermochten, waren ihre übrigen Körperteile bis auf die Knochen abgemagert.

Die Wilden ernährten sich hier von Fischen, Muscheln und Schildkröteneiern. Vor jeder Hütte war in die Erde ein Loch gegraben; zuerst kam das Holz hinein und, wenn dieses brannte, mehrere flache Steine, die nach ihrer Erhitzung als Pfanne dienten. Die Eier wurden sofort darauf gar, und der Fisch geriet wenigstens in einen Zustand, welcher ihn halb verbrannt, halb geröstet einigermaßen genießbar machte. Auch Kokosnüsse, Brotfrüchte und Taro wurden auf diesen Steinen zu einer harten, brotartigen Masse gebacken. In dem ganzen, an genießbaren Pflanzen so armen Australien schien dies Gebiet das ärmste; es fanden sich hier selbst nicht einmal jene Beerenfrüchte, die in den Wäldern zuweilen als angenehme Erfrischung gedient hatten.

Ihre Fische fingen die Männer, indem sie dieselben vom Boot oder vom Strande aus mit langen Spießen geschickt stachen; außerdem tauchten sie auch wie die Enten und brachten vom Grunde Muscheln in Fülle mit herauf.

Gleich während der ersten Stunden bemerkten die Weißen, daß unter diesem Stamm wieder einmal wie bei den Alfuren ein bedeutend entwickelter Hang zum Diebstahl vorhanden war; sie schossen daher mehrere Eisvögel, kauften einige noch nicht gesehene Schaltiere und beschlossen dann, der Pferde wegen noch vor Nacht wieder abzureisen. Wenn ihnen durch einen Handstreich die Reittiere genommen wurden, so waren sie in dem Lande, das keine Jagd und fast keine wildwachsenden Früchte bot, dem Hungertode preisgegeben. Einer erzählte ohnehin dem anderen, daß er täglich seine Kleider enger einschnüren müsse.

Die Führer hielten Wache und verscheuchten bei dieser Gelegenheit mehr als einmal die Wilden, welche nicht umhin konnten, sich schleichend mit lüsternen Blicken den aufgestellten Gewehren zu nähern; man hielt es aber auch nicht für klug, eine offene Fehde heraufzubeschwören, vielmehr versuchte Mr. Thompson, der Dolmetscher, durch einen Vergleich die Frage allseitig befriedigend zu lösen. »Komm einmal her, Kamerad,« redete er den schlangengleich durch das Gebüsch kriechenden Schwarzen im ruhigsten Tone an, »wie heißt du, Alter?«

Der Wilde erschrak zwar, aber er gehorchte doch dem Rufe. »Heu-Heu, Master,« versetzte er etwas unsicher. »Was willst du von dem schwarzen Manne?«

Thompson bot ihm mittels einer Handbewegung neben sich auf der Wolldecke Platz. »Du sollst mir einen Rat geben, mein lieber Heu-Heu,« fuhr er fort. »Wie weit ist es von deinem Dorfe bis zur nächsten Niederlassung weißer Menschen? – oder wohnen hier herum keine?«

Der Wilde zeigte über seine Schulter hinweg. »Wenn der Kasuar bei Sonnenaufgang von hier fortläuft, so kommt er am Abend zu den weißen Männern,« antwortete er.

»Aha! das ist eine gute Nachricht, Freund Heu-Heu! Nun höre weiter. Kannst du uns bis zu diesem Dorfe den Weg zeigen?« Der Schwarze überlegte. Sein lauernder Blick wanderte von den weidenden Pferden zu den Gewehren und von diesen wieder zurück. »Wir werden zu zwanzig oder dreißig die Führung übernehmen,« versetzte er endlich. »Weniger können es nicht sein, sonst möchten wir uns verirren.« Thompson zuckte die Achseln. »Das ist schade, mein lieber Heu-Heu,« sagte er mit der größten Ruhe, »wirklich schade. Einen Mann brauchen wir nur.«

In den Augen des Wilden blitzte der Zorn der Enttäuschung. Wahrscheinlich hatte er es sich sehr leicht und angenehm gedacht, mit seinen Genossen die Weißen in der Wildnis abzuschlachten und sich ihres Eigentums ohne Mühe zu bemächtigen. Dazu aber war eine bedeutende Überzahl ganz unerläßlich.

»Ein einzelner Mann meines Stammes geht nicht mit euch,« setzte er hinzu. »Einer allein ohne seine Freunde wagt sich so weit nicht hinaus.«

Thompson nickte. »Dann müssen wir es eben ohne Führer versuchen, mein Bester,« gab er zurück. »Es tut mir leid, dich gestört zu haben, Heu-Heu. Schlaf wohl!«

Aber der Schwarze blieb sitzen. »Geht ihr allein, so fallt ihr in die Hände der räuberischen Ara-Punga,« sagte er. »Sie wohnen ganz in der Nähe und töten jeden, dessen sie habhaft werden können.«

»Hm, hm, was du sagst, Heu-Heu. Da würden ja auch zwanzig oder dreißig von deinem Stamme nichts ausrichten! Ich sehe schon, wir müssen unsere Reise allein fortsetzen.«

Damit drehte er den Kopf, wie um zu schlafen, indes der Wilde zögernd, heimlich knirschend seine Hütte wieder aufsuchte. Er ballte im Dunkel der Nacht drohend die Faust. »Heu-Heu wird dir zeigen, daß er klüger ist, als alle weißen Länderdiebe und Schurken zusammen,« zischte er. »Keiner deiner Gefährten erreicht die Kolonie am Meer, keines eurer Pferde soll uns entgehen.«

Er blieb während der ganzen Nacht unsichtbar, am frühen Morgen jedoch erschien er wieder. »Wenn die Weißen langsam reiten wollten, so daß ein Mann zu Fuß bequem folgen könne, dann sei es ihm doch vielleicht möglich, unter den Felsen am Ufer einen Weg zu finden, der das Gebiet der Ara-Punga nicht berühre. Wie viel bei der Sache verdient werden könne?«

Thompson bot im Namen der Weißen eine anständige Summe, und beide Teile einigten sich dahin, gleich nach dem Frühstück abzureisen. »Ich traue dem Frieden nicht so recht,« erklärte der Führer, »da ist irgend ein Schurkenstreich im Werden begriffen. Wollen wir auf das gute Glück hin allein fortreiten oder riskieren, daß uns der ganze Stamm nachschleicht, um Beute zu machen?«

Die Reisegenossen sahen einander an. »Laßt uns lieber das Geld bezahlen und doch ohne Führer reisen,« antwortete der Doktor. »Wir hatten ja auch bisher keinen solchen.«

»Well!« nickte der Dolmetscher. »Aber auf dem Gebiet der steinigen, von Klippen durchzogenen, oft aus Sandfeldern bestehenden Küste leben weder Känguruhs noch wachsen solche Wurzeln, die zur Not einen Menschen vom Hungertode erretten können. Was wollen wir essen, wenn uns die Kolonie während mehrerer Tage nicht zu Gesicht käme?«

»Warum trauen Sie denn dem Schwarzen nicht, Thompson?«

»Hm, die Australneger sind durchweg rachsüchtiger Natur. Daß wir ihnen mittels unausgesetzter Wachsamkeit ihre kleinen Diebereien unmöglich gemacht haben, verzeihen sie uns nicht.«

»Da gibt es also nur ein einziges Mittel,« entschied Holm. »Die Kolonie liegt ohne Zweifel am Meer, wie alle Ansiedelungen auf wildem Gebiet; wir können uns also in der Richtung nicht irren, das ist die Hauptsache. Eine Partie Schildkröteneier und etwas von dem harten Tarogebäck wird sich ja kaufen lassen, das reicht für einen Tag; während der Nacht bleiben wir im Sattel, so daß kein Überfall möglich ist und folgenden Morgens erreichen wir unser Ziel.«

Der Dolmetscher lächelte. »Ganz gut, Sir, ganz gut,« versetzte er, »aber den Führer können wir dabei doch nicht entbehren. Die Küste ist so unregelmäßig, so von Ausläufern und vorspringenden Landzungen unterbrochen, daß recht wohl in einer dieser versteckten Buchten die Kolonie unseren Blicken entgehen könnte und daß wir direkt hinter dem jedenfalls nur unbedeutenden Städtchen vorüberreiten. Besäßen wir Lebensmittel, dann stände alles anders, so aber stimme ich dafür, den Schwarzen mitzunehmen.«

»Abgemacht!« rief Franz. »Mr. Thompson und seine Genossen haben nur übernommen, uns durch das Gebirge zu führen; sie erklärten von vorn herein, in den Küstendistrikten ganz unbekannt zu sein; wir können ihnen also jetzt, wo sie uns aus Gefälligkeit unter den schwersten Entbehrungen hierher begleiteten, nicht zumuten, auch noch Leben und Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Der Schwarze soll schon gehorchen, wenn er erst mit uns allein im Walde ist.«

Mr. Thompson erhandelte von den Schwarzen, die sich noch mehr als am letzten Abend von ihren Gästen zurückzogen, eine tüchtige Anzahl Eier sowie Taro, beides steinhart gebacken; die Wasserflaschen wurden gefüllt und die Decken aufgeschnallt, dann ging es unter Heu-Heu's Führung weiter über den Strand dahin. Ein Versuch, diesen ungastlichen, scheuen Wilden Lebewohl zu sagen, schlug gänzlich fehl, sie hatten sich in ihre Hütten zurückgezogen und schienen den Weißen einen tief empfundenen Haß zu bewahren.

Als Heu-Heu an der Spitze der Reiterschar zum Dorfe hinauswanderte, wechselte er mit dem vom Meer herübersehenden Häuptling einen Blick, der den Führern nicht entging. Thompson und die übrigen bedeuteten sich schweigend. Der Wilde hatte gesagt: »Paß auf!« und der Häuptling geantwortet: »Es bleibt dabei!« –

»Die Kerle ziehen uns nach, es ist gar kein Zweifel,« raunte der Dolmetscher.

»Verdammt sollen sie sein. Wir werden ihnen einen heißen Empfang bereiten.«

»Pst! – die Fremden erfahren das früh genug, wenn's erst einmal so weit ist.«

Im schönsten Sonnenschein ritt die kleine Gesellschaft über den Kies dahin, wurde aber sehr bald durch einen seltsamen Anblick so gefesselt, daß der schwarze Führer stillstehen und Erklärungen geben mußte. Aus dem Schoße eines rieselnden, fußtiefen Sandbodens herauf ragten in langen Reihen die Kiele halbversenkter Boote, deren vorderer Teil mit der offenen Seite nach unten auf dem Sande lag, während der Hintere von diesem ganz bedeckt war. Der unbeschützte, von keiner Einfriedigung umgebene Raum bildete den Gottesacker des Stammes; wo ein Mann begraben lag, da hatten ihm die Überlebenden sein Boot, sein einziges irdisches Besitztum als Erinnerungszeichen mitgegeben; wo aber eine Frau die letzte Ruhestätte gefunden, da ragte aus dem Boden die Hälfte des Weidenkorbes, in dem sie Eier und Brotfrucht gesammelt.

So einförmig, so schmucklos und öde dieser Kirchhof den Blicken der Europäer auch erschien, einen so guten, versöhnlichen Eindruck brachte er dennoch bei allen hervor. Wie viel würdiger war es, die Toten der Mutter Erde zurückzugeben und ihre Gräber durch das Erinnerungszeichen vor Entweihung zu schützen, als sie auf Bäumen den Sonnenstrahlen und den Raubvögeln zu überlassen, bis endlich ein Sturmwind die letzten Überreste auf den Erdboden und damit den Lebenden unter die Füße warf. –

Die jungen Leute stiegen von ihren Pferden, um diesen seltsamen Friedhof auf hoher Sanddüne am Meer nach allen Richtungen zu durchwandern; auch der Doktor und Heu-Heu hatten sich ihnen zugesellt, während die Führer bei den Tieren Wache hielten.

Der Schwarze deutete auf eine vorspringende Klippe am höchsten Punkt des ganzen Raumes; seine unverständlichen Reden schienen den Fremden ein besonderes Schauspiel zu verheißen. Ziemlich neugierig näherten sie sich dem Winkel, wo in einer Art von Vertiefung unter überhängendem Dache wirklich ein Anblick, wie sie ihn am wenigsten erwartet, ihrer harrte. In der natürlichen Nische stand ein grobgezimmertes, unbemaltes Kreuz mit der Inschrift: » John Mulgrave,« darunter die Worte: »Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.«

Es war jedenfalls ein Missionar, der hier schlummerte, das sahen alle; der Schwarze schien auch die Einzelheiten des Falles zu kennen, wenigstens redete er immer fort; aber erst als Thompson hinzukam und vermittelte, konnten ihn die übrigen verstehen. Mr. Mulgrave hatte lange Jahre unter den Wilden gelebt und war von ihnen hoch verehrt worden, weil er nur Gutes stiftete und allen Leuten nützliche Kenntnisse beibrachte. »Die kleinen Kinder begoß er mit ein paar Tropfen Wasser,« erzählte Heu-Heu, »und dann wußte er auch viel Schönes von einem Manne, den er gekannt, der ein großes Haus besitze, in welchem sie dereinst nach ihrem Tode sämtlich wohnen würden, Häuptlinge und Sklaven, Weiße und Schwarze, und wo auch der große Weltgeist seinen Sitz habe. In diesem Lande gibt es nicht Hunger noch Durst, die Ara-Punga sind keine Feinde, und Brotbäume wachsen auf allen Wegen.«

Keiner der Weißen fand im Augenblick Worte diesen rührenden Auseinandersetzungen gegenüber. Wie hatte der verbannte, auf den unfruchtbaren, verödeten Küstenstrich vom Schicksal verschlagene Mann so treulich gestrebt; innerhalb des Gedankenkreises seiner Schüler das Christentum zu erwecken, wie schwer und mühevoll war sein Los gewesen!

»Wer hat denn für euren Freund das Kreuz gezimmert?« fragte endlich Holm.

»Er selbst. Er hat auch den Holzkasten, worin er liegt, mit eigener Hand gemacht; mich trug er auf den Armen, als ich noch ein kleines Kind war.«

»Also ruht er lange schon!« setzte der Doktor hinzu. »Und was er ausgesäet, ist wieder überwuchert vom Unkraut; die er als Säuglinge taufte, sind heute Wilde und vielleicht arge Schurken dazu. Aber einen Kranz auf das einsame Grab wollen wir doch legen, nicht wahr?«

Die jungen Leute hatten schon den gleichen Gedanken gehabt. Schilf und ein paar spärliche Blüten, wie sie die australische Flora hergab, bildeten einen schlichten Kranz, der das Holzkreuz rings umflocht. Nachdem so der tote Mann ihrer eigenen Farbe von den Weißen geehrt worden war, setzten sie ihre Reise fort, wobei noch der Wilde eingestand, daß er eigentlich John Eward heiße, später aber nach Landessitte von den Seinen wieder Heu-Heu genannt worden sei.

»Sind denn außer diesem einen nie mehr Missionare hierhergekommen?« fragte Franz.

»Doch, noch viele, aber wir haben sie totgeschlagen. Weiße und wir können nicht zusammenleben.«

»Da hat er recht,« nickte Thompson. »Eigentümlich genug; aber dies Volk verträgt und mischt sich mit der weißen Rasse nirgends. Wie in Nordamerika die Indianer, so werden in ganz Australien die Eingebornen verdrängt und sterben aus, aber sie schließen mit uns keinen Frieden.«

Heu-Heu sah von einem zum andern. Er hörte, daß von seinem Volke gesprochen wurde, – der lauernde Blick zeigte, daß er etwas verbarg.

»Nicht so schnell,« ermahnte er schon nach den ersten Wegstunden. »Ich kann mit euren großen Pferden unmöglich Schritt halten.«

Der Führer zügelte sein Tier. »Komm her,« sagte er, »setze dich hinter mich, der Gaul verträgt's schon eine Weile.«

Dazu war der Schwarze unter keiner Bedingung zu bewegen, er sträubte sich aus allen Kräften gegen die Nähe des Pferdes, so daß nichts übrig blieb, als im Schneckenschritt den Weg fortzusetzen; dafür aber wurden auch keine Pausen gemacht, zumal nichts zu kochen vorhanden war. Nur als endlich die Nacht herabsank, mußte notgedrungen den Tieren und dem Wilden eine Erholung gestattet werden, obgleich freilich die Weißen an keinen Schlaf dachten.

Die Reiter hielten ihre Tiere an den Zügeln und ließen sie weiden oder sich ausstrecken, während sie selbst die harten Lebensmittel hinunterwürgten. Im weiten Kreise umstanden die Führer das Lager, es war somit an eine plötzliche Überrumpelung nicht zu denken. »Schlaf!« ermahnte Mr. Thompson den Neger. »Wonach spähst du umher?«

Heu-Heu streckte sich sofort gehorsam auf den Fußboden. »Ich glaubte ein Geräusch zu hören,« stammelte er. »Dort! – hinter den Gebüschen regte sich's.«

Er deutete auf eine in der Richtung des weiteren Weges ziemlich entfernt stehende Gruppe von hohen, üppigen Farnen. »Gewiß, von daher klangen Stimmen,« beharrte er.

Die Führer wechselten Blicke. »Hinter uns lauert der ganze Stamm,« flüsterte Thompson. »Hätte ich es nicht schon längst geglaubt, so wüßte ich es jetzt. Wenn wir uns von diesem Schurken verleiten ließen, das Gebüsch abzusuchen, so wäre unser Untergang sicher.«

Einer der anderen näherte sich ihm. »In einer Stunde haben wir Mondschein, Thompson,« raunte er. »Wie wäre es, wenn wir den Schwarzen an Händen und Füßen knebeln, ihm das Verrätermaul stopfen und ihn auf eines der Pferde binden, so daß er den übrigen Teufeln kein Zeichen geben kann? – Sie sind hier, das ist vollkommen gewiß.«

»Vollkommen!« bestätigten alle. »Der Schwarze liegt mit offenen Augen, ich habe ihn fortwährend beobachtet.«

» Well!« nickte der Anführer. »Verhaltet euch ganz ruhig, macht euch mit den Tieren zu schaffen, legt ihnen Decken auf, hört ihr!«

Die Leute zerstreuten sich anscheinend absichtslos. Einer oder der andere suchte unter den Bäumen eine Stelle, um mit dem Zügel über dem Arm eine Viertelstunde zu ruhen, die meisten aber breiteten über ihre Tiere die am Sattelknopf befestigten Wolldecken, ohne indessen den schlauen Thompson auch nur für eine Sekunde aus den Augen zu verlieren. Sie kannten ihn, sie wußten, daß er »mit allen Salben geschmiert« sei und schon hundert Kämpfe mit den Eingebornen bestanden hatte, aber dennoch begriffen sie nicht, was er jetzt im Schilde führte.

Auch der Neger beobachtete heimlich. Eine heiße Ungeduld durchflutete sein Inneres, – würde denn nicht endlich der Zeitpunkt kommen, wo die Natur ihre Rechte geltend machte, wo die weißen Männer, eingewiegt in trügerische Sicherheit, die Augen schließen und in Schlummer versinken mußten?

Thompson glitt hart an ihm vorüber. Er ging langsamen Schrittes, wandernd die große Wolldecke auseinander faltend und seinem ruhig weidenden Pferde einige ermunternde Worte zurufend. »Wollen dich einhüllen, alter Kerl, damit dir die Nachtkühle nicht schade, he? – bewahrt ist besser als beklagt!«

Während er im Tone harmloser Gutmütigkeit anscheinend dem Tier diese Rede hielt, brachte ihn ein plötzlicher, mit staunenswerter Keckheit ausgeführter Seitensprung in die unmittelbare Nähe des Negers, hatte er über den Kopf desselben die Decke geworfen und durch handfesten Druck auf den schwarzen Mund jeden beabsichtigten Schrei im Keime erstickt. Jetzt sah er lachend zu seinen Genossen hinüber. »Besteigt die Pferde, meine Herren, es ist Zeit, daß wir uns von hier entfernen; die Kerle sind ganz in der Nähe, das behaupte ich, – diesen Burschen nehmen wir eine Strecke Weges mit uns.«

Er und zwei andere banden während dieser Worte die widerstrebenden Glieder des Schwarzen, der auf jede erdenkliche Weise loszukommen und namentlich den Gebrauch seiner Stimme wieder zu erlangen suchte. »Ho, ho, Freundchen,« murmelte er belustigt, »nicht so wild. Beißt der Kerl wie eine Katze in meine Hand hinein. Na, na, jetzt hast du Ruhe, nicht wahr?«

Er erhob sich vom Boden und zog das Pferd am Zügel heran. Der Neger, den Knebel im Mund, bis unter die Nase wie ein Paket zusammengeschnürt, konnte nur in ohnmächtiger Wut zuweilen gleich dem Fisch auf dem Trocknen mit halbem Leibe vom Gras emporschnellen und die Augen rollen, als wolle er alle Weißen verschlingen.

»Thompson,« lächelte Holm, »Sie sehen Gespenster. Es ist ja weit und breit alles so ruhig wie in einer Kirche.«

Der Führer nickte. »Aufgepaßt, meine Herren!« versetzte er. »Der Beweis soll sogleich geliefert werden. Sind Sie alle bereit, Ihren Tieren auf das erste Signal hin die Sporen zu geben?«

»Alle! – aber da ist nichts zu fürchten, Thompson.«

Statt jeder Antwort drehte der alte Squatter den Kopf in der Richtung des zurückgelegten Weges und stieß dann mit aller Kraft seiner Lungen einen tierisch-wilden, furchtbaren Schrei hervor. Es war der Kriegsruf der Australier. Die versteckten Schwarzen sollten glauben, mittels dieses langgezogenen, gellenden Tones von ihren Genossen ein Zeichen zu erhalten, sollten antworten und den geplanten Überfall ins Werk setzen.

Die List gelang vollständig.

Auf der offenen Ebene, die jetzt erreicht war und von dem Strahlen des aufsteigenden Mondes ringsum hell beleuchtet wurde, hielten in breiter Reihe, einer neben dem anderen, die Reiter; aller Blicke waren rückwärts gerichtet.

Und wie das Geschrei von Hunderten von Teufeln brach es los; es zerriß die Luft und ließ das Trommelfell erzittern unter seiner donnerartigen Wucht.

Schwarze, nackte Gestalten sprangen aus den Büschen, wilde Gestikulationen zeigten das rachsüchtige Verlangen nach Raub und Mord. In jeder Hand wirbelte hochgeschwungen der Bumerang, jede Kehle überbot sich in wüstem, sinnverwirrendem Geschrei.

»Achtung!« gebot mit Donnerstimme der Führer. »Vorwärts!« Und dahin über die Ebene jagten fünfzehn Rosse, daß »Kies und Funken stoben.« Wie durch Zauberei erstarrte mitten im Ansatz beim Erblicken dieser fliehenden, ihrer Bestialität entzogenen Opfer das Toben der Wilden. Sie blieben plötzlich stehen, als habe eine feindliche Macht ihre Glieder gelähmt, der eine mit erhobenem, der andere mit herabhängendem Bumerang, – alle totenstill, – regungslos.

Aber nur sekundenlang währte diese Erstarrung; dann begann wie auf ein allgemeines Signal die Verfolgung, welche indessen unsern Freunden keinerlei Befürchtungen einzuflößen brauchte. Brüllend und kreischend, losgelassenen Teufeln gleich, werfend, sich überstürzend im rasenden Laufe, folgte die schwarze Schar den ausgreifenden Pferden; matt und unschädlich fielen ihre Waffen weit hinter den Bedrohten in das Gras, schwächer und schwächer verhallte das Kriegsgeheul, immer undeutlicher wurde den Zurückblickenden der tobende Haufe, bis endlich nichts mehr zu sehen und nichts mehr zu hören war. Nur der Mond schien mit halbem, wolkenverhülltem Glanz vom Himmel herab, hie und da rauschte im kühleren Nachtwind eine hohe vereinzelte Kaurifichte, von den Negern aber war jede Spur verschwunden.

Thompson gebot Halt, die schnaufenden Tiere verfielen in ruhigere Gangart und standen endlich ganz still; einer der Männer sah stumm den andern an.

»Nun, meine Herren, war die Gefahr wirklich eine eingebildete?«

Holm reichte ihm über den gebundenen Neger hinweg die Hand. »Wir verdanken Ihnen das Leben, Thompson,« sagte er. »Die schwarzen Teufel hätten keinen von uns verschont.« Der alte Squatter lachte. »Ich kenne die Schufte seit dreißig Jahren,« versetzte er, »weiß, was sie wert sind und was man von ihnen zu erwarten hat. Als dieser Kerl hier während der letzten Nacht mehrere Male vergeblich zu stehlen versuchte, da stand es für mich ganz fest, daß wir einen Kampf auszufechten haben würden. Die Neger hier herum sind rachsüchtig; sie vergessen und verzeihen nie.«

»Was wollen Sie denn mit Ihrem Gefangenen machen, Mr. Thompson?« fragte der Doktor. »Ich hoffe, daß Ihnen blutige Wiedervergeltungspläne fernliegen.«

Der Squatter lüftete den breitkrempigen Strohhut. »Ich will dem Schlingel nichts zuleide thun, Ehrwürden,« lächelte er, »die Glieder schmerzen ihn ohnehin noch acht Tage, und die Wut erstickt ihn beinahe.« Er sprang vom Pferd und warf den gebundenen Neger wie einen Packen in das hohe, weiche Gras, dann durchschnitt er die Stricke, welche Arme und Füße umwunden hielten. »So, nun lauf, du Spitzbube und grüße deine schwarzen Gesellen. Der weiße Mann sei doch noch klüger als sie.«

Während sich der Neger unter dem lauten Lachen aller Anwesenden mit den krampfhaftesten Verrenkungen aus seiner Decke hervorschälte, hatte der Squatter das Pferd wieder bestiegen und die ganze kleine Gesellschaft setzte in langsamerer Gangart den Weg durch die Ebene weiter fort. Zur Linken rauschte in einiger Entfernung das Meer, ein kalter Wind strich über die Klippen dahin und zuweilen war das lächelnde Mondgesicht derartig unter Wolken versteckt, daß tiefe Finsternis die ganze Umgebung beherrschte. Nur im Schritt konnte dann die Bahn verfolgt werden; jetzt, nachdem die nervöse Spannung der letzten Stunden nachgelassen, fühlten alle Reiter die natürliche Ermüdung des tagelangen und noch dazu unter den härtesten Entbehrungen zurückgelegten Weges; auch die Pferde schnauften und schüttelten die Köpfe in zunehmender Ungeduld. Nur an einer einzigen unbedeutenden Quelle war man seit heute früh vorübergekommen, nur einmal hatten Menschen und Tiere trinken können; das machte sich jetzt immer quälender bemerkbar.

Noch eine halbe Stunde wurde schweigend die Reise fortgesetzt, dann riet Thompson zu einer kleinen Rast, die den Tieren durchaus notwendig sei. Für die Menschen gab es nichts zu beißen und zu brechen, die Pferde dagegen fanden wenigstens Gras in Hülle und Fülle, so daß ihnen die Entbehrung des Trinkwassers etwas erleichtert wurde. Bald ging es wieder vorwärts, – wohin das wußte keiner unter ihnen.

Vielleicht hatte ja Heu-Heu eine Fabel berichtet, als er von der am Meer gelegenen Kolonie der Weißen sprach, – vielleicht wohnte hier herum ein anderer Negerstamm, und die kaum überwundene Gefahr begann von neuem.

Wie bei einem Leichengefolge so ritten langsam und schweigend die fünfzehn Männer hinter einander durch die Einöde; keiner konnte sich der schlimmsten Befürchtungen entschlagen; es gab keinen, der nicht Kopfschmerz und Ermattung fühlte, alle Stirnen brannten, über den Rücken jedes einzelnen lief es unnatürlich kalt herab, fast wie beginnender Fieberfrost.

Und dennoch mußten sie vorwärts, keiner durfte zurückbleiben, niemand den Mut verlieren. Vor ihnen lag eine weite Ebene, nirgendwo ein Baum, der Früchte lieferte oder nur erquickenden Schatten spendete. Der letzte Zwieback war gegessen, der Hunger meldete sich ungestüm. Die Männer schwiegen wie in dumpfer Verzweiflung, und die Knaben, ihrem Beispiele folgend, äußerten keinerlei Klage, obgleich ihnen jeder ansehen konnte, wie sehr sie litten.

Hans atmete fieberhaft. Seine Augen lagen tief in ihren Höhlen, die Lippen waren trocken und heiß. »Nur Mut, mein armer Junge,« suchte Holm ihn zu trösten. »Werde mir nur nicht krank. Mit Gottes Hilfe werden wir auch diese Prüfung überstehen.«

»Es klingt mir so seltsam vor den Ohren,« flüsterte Hans, »wie ferne Musik und dazwischen ist mir, als hörte ich die Stimme meiner Mutter, ich habe sie sogar deutlich gesehen, wie sie mir ein Glas Wasser reichte und ein großes Butterbrot. Als ich zugreifen wollte, war sie aber verschwunden.«

Holm blickte den Knaben ängstlich an. »Er ist kränker vor Hunger und Durst als ich dachte,« sagte er zu sich selbst, »denn er sieht schon die Traumerscheinungen, welche das langsame Verschmachten zu begleiten pflegen. Naht sich denn keine Rettung?«

Und weiter ging es vorwärts in der Hitze. Die weite Grasfläche schien kein Ende nehmen zu wollen. Der baumbekränzte Horizont, den sie vor sich sahen, wich vor ihnen zurück, wie das Trugbild der Fata morgana. Es war nicht möglich, die Entfernung bis dahin mit den Augen abzuschätzen. Die Ebenen täuschen das Augenmaß ähnlich wie das offene Meer. »Nur ein Stückchen Zwieback,« flehte Hans, »nur ein kleines Stückchen, der Hunger tut so weh.«

»Habe nur Geduld, mein guter Junge,« sagte Holm. »Du siehst ja dort in der Ferne Wald und Busch, dort wird es uns besser ergehen.« Er hatte nicht den Mut einzugestehen, daß der australische Busch arm an eßbaren Früchten ist, aber er wollte um jeden Preis Hoffnung in dem Gemüte des Knaben erwecken.

»Wachsen dort so schöne saftige Früchte, wie auf Borneo?« fragte Hans. Holm schwieg, er konnte in dieser ernsten Stunde keine Zuflucht zu einer Notlüge nehmen.

Langsam schritten die Pferde vorwärts; es war eine traurige Fahrt. »Wenn mir nur der Knabe nicht stirbt in dieser Einöde,« dachte Holm und ein kalter Schauer überrieselte ihn bei diesem Gedanken.

Jetzt hörte der Graswuchs auf und ein dichtes Kraut bedeckte den Boden. »Sieh dort, unser heimatlicher Klee!« rief Franz. »Hier können wenigstens die Pferde sich neue Kräfte sammeln, damit sie im stande sind uns weiter zu tragen.«

»Das ist kein Klee!« rief Holm und sein Antlitz leuchtete freudig. »Laßt uns Gott danken, daß er uns diese Pflanze erreichen ließ, ehe wir verschmachteten. Wie der Herr einst das Manna in der Wüste sandte, so läßt er uns dieses unscheinbare Gewächs zum Heile finden. Steigt alle ab, laßt die Pferde weiden und sucht selber am Boden, dort werdet ihr die kleine, schalenförmige Fruchtkapsel der Pflanze finden, welche stärkemehlhaltige Körner enthält, die uns vor dem Hunger einstweilen schützen werden.«

Alle taten, wie Holm geheißen. Reichlich waren die erwähnten Fruchtkapseln vorhanden und wenn auch klein an Gestalt und mit nur winzigen Körnchen erfüllt, so boten sie doch wenigstens Nahrung. Wie köstlich schmeckten ihnen die kleinen Liliputbissen, wie emsig pflückten sie die unscheinbare Frucht.

»Es schmeckt gut,« sagte Hans, »es erquickt mich wunderbar.«

»Wir grasen mit den Pferden um die Wette,« meinte Franz. »Wenn das die Hamburger sähen!«

»Es kann denen in der Heimat ein Dutzend Austern nicht besser munden, als uns in der Öde dieser Klee,« fügte Doktor Bolten hinzu.

»Bester Doktor,« rief Holm, »es ist kein Klee, den wir hier verspeisen, sondern die wohltätige Pflanze, welche uns vom Verhungern rettet, ist die »Marsilea.« Obgleich ihre Blätter denen des Klees ähnlich sind, so gehört sie wegen ihrer eigentümlichen Fruchtbildung doch zu den Farnkräutern. Wenn wir auch jetzt unsere Nahrung den Vierfüßlern gleich auf der Erde suchen, so sind wir doch noch weit davon, Futterkräuter zu speisen.«

Nachdem der größte Hunger gestillt, pflückte jeder der Reisenden sich einen kleinen Vorrat der Frucht der Marsilea, worauf die Tiere wieder bestiegen wurden und die Reise weiter ging. Es war jedoch nur dem einen Quälgeist etwas gewehrt worden, dem Hunger; der Durst machte sich von Minute zu Minute peinlicher bemerkbar.

Nach und nach näherte man sich dem Waldsaume. Nirgends war eine Quelle zu entdecken oder ein Bach, der Wasser enthalten hätte.

Der Malagasche parierte plötzlich sein Tier. »Halt!« rief er ängstlich, »halt! – Vor uns ist das offene Meer, – dicht vor uns!«

Die Tiere standen wie auf Kommando. Sie schaukelten die Köpfe und schienen offenbar selbst durchaus nicht geneigt, weiter vorzudringen. Alle horchten.

»Der Schall kommt von links her,« meinte Franz.

»Das glaube ich auch,« fügten mehrere andere hinzu.

Rua-Roa blieb bei seiner Behauptung. »Wir haben das Meer vor uns,« wiederholte er.

Der alte Squatter unterdrückte einen Seufzer. »Ich glaube dir, Junge,« sagte er. »Alle Farbigen sind den Weißen in dieser Beziehung überlegen, – wahrhaftig, mir selbst scheint, daß sich der Schall gegen früher etwas verändert hat.«

Er sprang vom Pferde und ermunterte die übrigen, ein Gleiches zu tun. In der dichten Finsternis schritten nun unter Führung des Malagaschen die fünfzehn Männer langsam vorwärts, deutlich und immer deutlicher erkennend, daß vor ihnen die Küste lag, daß nach wenigen Minuten ihrem Wege ein Halt geboten sein würde, ein unbedingter Halt, – gleichviel wohin sich die Verirrten sonst wenden konnten. Der Graswuchs hörte auf, der Boden wurde erst steinig, dann sandig, Schilf erschwerte das Gehen, lauter und lauter schlugen die Wellen gegen das Ufer, ein feiner Staubregen erfüllte die Luft. Und endlich erschien das bewegte schillernde Element, vom schönsten Leuchten der zahllosen Salpen und Quallen überglänzt, wie mit Demantstreifen durchflochten, Demanten spielend auf den Strand rollend, Demanten in jeder seiner Tiefen bergend Blau und golden, purpurn und violett schimmerten die Lichter, in Wellenlinien zog sich's über das Schwarz der Fluten dahin, weiße Schaumkronen rauschten auf und griffen springend, schrittweit hinein in das Land.

So schön, so hehr und majestätisch die Schöpfung in ihrer Ruhe, so friedlich das ganze von tiefster Stille überhauchte nächtliche Bild – und doch, wie zerriß es die Herzen der kampferprobten, trotzigen Männer.

Dieses Rauschen und Fluten, dieser Sprühregen, diese ganze feuchte, von Wasserduft erfüllte Luft, sie erregten und erhöhten bis zur körperlichen Qual den Durst, den unstillbaren, sie wandelten angesichts dieser unübersehbaren Wassermenge das Verlangen nach etwas Trinkbarem in förmliche Verzweiflung. Die Reisenden wandten sich ab, sie ertrugen es nicht, das Salzwasser anzusehen; sie fühlten, wie Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit ihr ganzes Denken gefangen nahmen.

Da vor ihnen kein Durchgang, links kein Durchgang, – wie weit hinein in das Land erstreckte sich vielleicht dieser verderbenbringende Meeresarm?

Dann gab es nur eine einzige Möglichkeit, nämlich zurückzureiten, vielleicht den Wilden entgegen, vielleicht vor Hunger unfähig, sich im Sattel zu halten.

Sie dachten alle das Gleiche, keiner aber sprach es aus. Nur eins konnte sich Thompson nicht enthalten, brummend hervorzustoßen: »Wollte, daß ich den schwarzen Halunken hätte stehlen lassen, was ihm beliebte, dann säßen wir nicht in dieser unseligen Patsche!«

Der Doktor klopfte ihm auf die Schulter. »Das ist ein Irrtum, alter Freund,« versetzte er in ermunterndem Tone. »Sie durften das Unrecht, welches noch verhindert werden konnte, sicherlich nicht geschehen lassen, Sie würden auch dadurch ganz gewiß keinen Segen gestiftet haben.«

Der alte Führer nickte. » Well, Ehrwürden, aber – die Frage, wie wir aus dieser Einöde lebendigen Leibes wieder herauskommen sollen, ist bei alledem doch noch ungelöst.«

»Aber sie wird sich lösen wie so viele es taten,« beharrte der Doktor. »Lassen Sie uns vor der Hand ein paar Bäume suchen, um die Pferde festzubinden und dann unsere Wolldecken ausbreiten. Die eine Hälfte kann ja immerhin wenigstens im Schlafe Erholung suchen.«

Niemand antwortete, aber der Rat wurde dennoch befolgt. »So laßt uns ausharren, Kinder, laßt uns ausharren,« ermahnte der alte Theologe. »Noch ein paar kurze Stunden und es ist Tag, die Sonne bringt neues Leben, neuen Mut. Wer wollte denn gleich dem ersten Anlauf erliegen?«

Während er aber die Worte sprach, fühlte der alte Herr doch selbst, wie schmerzlich ihm die Augen brannten und wie die Stimme den Dienst versagte. Er streckte sich in den Sand und behauptete mit dem Aufgebot seiner letzten Kräfte, daß es ein recht bequemes, weiches Bette sei.

Die übrigen waren eben im Begriff, ihm zu folgen, als von fern her ein schwacher Schall ihre Ohren traf, nur die Ahnung eines Schalles vielleicht, aber doch stark genug, um gleich einem elektrischen Schlage die mutlosen, verzweifelten Männer zu berühren. Es waren Glockenklänge, die da der Wind herübertrug, – Glockenklänge, sie hatten es alle gehört, aber kein einziger unter ihnen wagte, dem Zeugnis seiner Sinne zu vertrauen.

Und doch, – es tönte ja fort, es war keine Täuschung möglich, es wurde stärker und stärker, – das war das Feuersignal, wie es deutsche Kirchenglocken in der Nacht den schlafenden Bewohnern des Ortes mitteilen.

Bum! – Bum! – Bum! – die bekannten Einzelschläge von tiefem Baß! Wie sie fern im Städtchen die Herzen erbeben lassen mochten, wie sie hier draußen gleich Engelsstimmen erklangen, – die deutschen Glocken!

Noch sprach keiner der Verirrten. Fürchteten sie, den Traum den wunderbaren, erlösenden, zu scheuchen durch das laute Wort?

Holm streckte die Hand aus. Was er halb unbewußt flüsterte, das kannten sie alle, das kennt jedes Menschenherz, so weit die deutsche Zunge klingt – –

»Soll eine Stimme sein von oben,
Wie der Gestirne helle Schar« – –

– Ja, eine Stimme von oben! – Glockenklang in nächster Nähe, eine Niederlassung hinter dem Meeresarm, – was gab es da noch zu fürchten, zu klagen?

»Sagte ich's nicht, ihr Kleingläubigen,« lächelte der Doktor. »Kommt und schlaft, ich begann schon in Träume zu verfallen, – es ist weich und bequem hier auf dem Sande.«

Er schlief den Schlaf äußerster Ermattung, indes die jüngeren Leute wachten und sich leise flüsternd unterhielten. Es mußte von hier jedenfalls einen Weg zum jenseitigen Ufer geben, vielleicht sogar direkt in Booten, die auf dem Meere lagen. Hunderte von Hoffnungen und Vermutungen durchzogen die Seelen der eben noch Niedergedrückten; sie hörten jetzt auch Hundegebell und sahen den Feuerschein gerade vor sich emporsteigen. Danach konnte der Meeresarm nur sehr schmal sein; – wenn sich der Landweg zu weit zeigte, erhielten die Bewohner des Städtchens unschwer ein Zeichen ihrer bedrängten Stammesgenossen; schon von den ersten Morgenstunden durfte man mit Recht Erlösung aus dieser qualvollen Verlassenheit erwarten. Niemand dachte an Schlaf, nur die Pferde lagen und träumten, gewiß von gefüllten Eimern, denn sie vollführten mit geschlossenen Augen die Bewegung des Saufens.

»Zuerst nehme ich ein Bad,« meinte Hans, »aber nicht im Meer, sondern im süßen Wasser. Alles, was ich denke, ist Flüssigkeit, alles, was ich ersehne, träufelt. Der Platz unter dem Strahl jener Feuerspritzen scheint mir im Augenblick als der beneidenswerteste auf Erden.«

»Ja, eine Douche,« nickte auch Holm. »Gebückt sitzen und es immer über sich herabregnen lassen, das wäre schön. – Wie mir der Gaumen brennt!«

»Meine Haut löst sich ab,« fügte Franz hinzu. »Damals in der Gefangenschaft bei den Kaffern hatten wir Wein und Branntwein, wir konnten Gras und Blätter kauen, aber hier gibt es nur Sand und das entsetzliche Anschlagen der Wellen. An diese Nacht werde ich denken, so lange ich lebe.«

»Es muß nun sehr bald Tag sein,« tröstete einer der Führer. »Noch eine Stunde, dann ist wenigstens dies traurige Dunkel gelichtet.«

»Aber solche Stunden sind elastisch, sie dehnen sich so furchtbar!« versetzte Franz.

Die übrigen lachten; so gut als es eben ging, half man sich über die zögernden, widerstrebenden Minuten hinweg, und als endlich nach langer Geduldsprobe das goldene Tagesgestirn am Himmel seine ersten Strahlen entsandte, da wurde es mit Jubel und unsäglicher Dankbarkeit begrüßt. Jeder neue Sonnenblick enthüllte neue Schätze. Drüben hinter dem Meeresarm lag ein Städtchen mit roten Ziegeldächern und einem bescheidenen, kleinen Kirchturm in der Mitte, ein ganz winziges, unbedeutendes Städtchen von wenigen hundert, zum Teil nur hölzernen, zum Teil strohgedeckten Häusern, mit friedlichen Gärten und wallenden Kornfeldern, mit Schafherden, die rings an den Abhängen das magere Dünengras weideten, und mit einer ländlichen, einfachen Bevölkerung. Aber doch, so dörflich, so anspruchslos das ganze Bild sich zeigte, so innig entzückte es die Herzen der Beschauer. In vielen dieser Gärten, namentlich wo sie an das Meer herantraten, wehte vom hohen Flaggenstock die deutsche Flagge, auch das wunderliche Türmchen ohne Stil oder architektonische Schönheit zeigte am goldenen Knauf das Schwarz-Weiß-Rot der Heimat, neben dem die Flagge des Einzelstaates dem deutschen Herzen unbedeutend erscheint, das in der Ferne den Wanderer, wo er es findet, wie freundliches Grüßen berührt, das in sich, in seiner Vereinigung alles birgt, was deutsch heißt, gleichviel ob dem Süden oder Norden des großen Vaterlandes entstammt.

»Auf! Auf!« rief Franz, den Strohhut schwenkend, »da werden auch Hamburger wohnen.«

»Hurra!« tönte es aus geringer Entfernung, »Hurra! ich habe Wasser gefunden!«

Der alte Squatter war's. Er sah Weidengebüsche und auf ihren Zweigen ein paar Eisvögel, – da mußte süßes Wasser sein. In aller Stille, um niemand zu täuschen machte er sich auf und suchte, und richtig, ein murmelndes Flüßchen kroch über den Sand, er konnte sein lautes Hurra! Hurra! den Genossen zujubeln.

Menschen und Tiere tranken, Menschen und Tiere badeten unterhalb des Flüßchens die heißen, eingetrockneten, staubbedeckten Glieder; auch der Doktor erwachte von all dem Toben und Jubeln, auch er wurde an den segenspendenden Quell geführt und ihm zum Bade das bequemste Plätzchen ausgesucht. Es war ein Freuen und Jauchzen überall, sogar die Pferde ließ man laufen, damit sie sich in der Umgebung ein Frühstück suchten; Hans dehnte sich im Wasser von einer Seite zur anderen und behauptete, daß er noch stundenlang so liegen bleiben würde, kurz, alle diese gehetzten, halbverhungerten Menschen genossen in vollen Zügen die Seligkeit des frischen Bades und Trunkes, alle steckten sie, Führer und Reisende, jung und alt, bis an den Hals im Wasser; da plötzlich erschienen auf der Szene zwei Personen, die zwar durchaus nicht gefahrdrohend oder schrecklich aussahen, deren Empfang sich aber unter den gegebenen Verhältnissen nicht bewerkstelligen ließ, – zwei Frauen in deutscher Bauerntracht mit großen runden Strohhüten, Körbe am Arm und derbe Holzpantoffeln an den strumpflosen Füßen.

Einen Augenblick schien es, als wollten sie die Flucht ergreifen oder wenigstens um Hilfe rufen. Kopf an Kopf im Wasser, auf dem Strand die Kleider, – was bedeutete das in der Wildnis, wo ihnen noch nie eine Menschenseele begegnet war?

Holm beruhigte durch seinen freundlichen Zuruf die Erschreckten. Im Namen aller seiner Gefährten – gegenwärtig nicht vorstellbar, wie er beifügte, – erzählte er den Hergang des Geschehenen und bat um gastliche Aufnahme im Städtchen.

Die Antwort klang deutsch, norddeutsch sogar; sie entzückte die Hörer: »Willkommen bei Landsleuten, ihr Herren! Geht nur hinunter und laßt euch Speise und Trank geben. Gott zum Gruß!«

Damit entfernten sich heimlich lächelnd die Frauen, um weiterhin am Strande junge Schildkröten aufzulesen; unsere Freunde aber fanden es nun doch geraten, an dieser Stelle, die sich bei näherer Betrachtung als gangbare Landstraße erwies, nicht länger in Adams Toilette zu verharren, sondern sich im ganzen Glanze ihrer vielfach zerrissenen und von Flecken übersäeten Leinenkleidern den Bewohnern des Örtchens zu präsentieren. Eine Stunde später hielten sie jenseits der schnell umrittenen Meeresbucht unter dem kuriosen Türmchen ihren Einzug, und am Abend dieses so schön begonnenen Tages schliefen sie wie die Bären in Federbetten, die zwar nicht in Deutschlands Gauen, aber doch nach deutscher Art gestopft waren. In Federbetten! – seit Hamburg hatten sie keine mehr gesehen, seit Hamburg sich nicht so behaglich gestreckt, so zu Hause gefunden wie hier unter diesen ländlich-einfachen Leuten.

Alles deutsch, deutsch. Früh am Morgen gab es Kaffee und eigengebackenes Brot, »Stuten«, wie die lächelnde Wirtin sagte; die Kinder mußten ihre Lektionen wiederholen und wanderten zur Schule; der Schmied und der Böttcher arbeiteten auf der Straße vor den Werkstätten; hüben und drüben erklangen deutsche Lieder. Die freundlichen Leutchen ließen sich von ihren Gästen wieder und wieder erzählen, was sie alles Schönes, Herrliches in der weiten Welt gesehen, besonders die alte Großmutter horchte begierig diesen Berichten, aber sie schüttelte doch zuletzt den Kopf und fuhr mit dem Rücken der mageren zitternden Hand über die feuchtgewordenen Augen. »Zu Hause ist es am besten,« sagte sie dann, »in Deutschland ist alles am besten.«

Namentlich Franz erfreute sich ihrer Gunst. »Setze er sich zu mir, junger Herr,« konnte sie in urwüchsigem Plattdeutsch bitten, »ich möchte ihn einmal etwas fragen. Sieht er, mein Sohn, der Bauer hier im Hause sagte zuweilen, daß auf unseres Herrgottes Erde die deutsche Heimat gerade unter unseren Füßen liege und daß ich, wenn meine Stricknadel dazu lang genug wäre, hier in den Boden hineinbohren und zu Hause in Deutschland wieder ans Tageslicht kommen könne. Ist das die Wahrheit?«

Und als der junge Mann lächelnd bejahte, da wiegte sie den eisgrauen Kopf. »Dann hätte man also gar nicht weiter von Deutschland fortkommen können, als bis hierher, junger Herr?«

»Zu Lande nicht, Mütterchen.«

Die Alte schwieg lange Zeit. »Grüße er mir das liebe kleine Holstein, wenn er wieder heimkommt, junger Herr,« bat sie endlich. »Da hat vor achtzig Jahren meine Wiege gestanden.«

Franz drückte gerührt die faltige Hand. Ihm und allen anderen wurde es schwer, von diesem traulichen Asyl, das den müden Wanderern Leib und Seele neu erfrischt, nach einigen Tagen des behaglichen Ausruhens wieder zu scheiden. Wie eine Art Heimatsgefühl war es über aller Herzen gekommen; wie von lieben Angehörigen nahmen sie Abschied, und mehr als ein Seufzer flog zum Städtchen zurück, nachdem die kleine Schar abermals im Sattel saß und neuen Gefahren, neuen Anstrengungen entgegenging. Dieser Weg wurde jedoch durch die erhaltene Begleitung mehrerer Bauern, die Wolle zur Hauptstadt brachten, und durch die mitgenommenen reichlichen Vorräte bedeutend erleichtert. Vorüber an himmelhohen Gebirgszügen mit prächtigen Gipfeln an zahlreichen anziehenden Punkten ging es in bequemen Tagereisen und unter dem Schutze ausreichender Ortskenntnis langsam durch das reizlose Land zum Schiff zurück, wo schon der Kapitän und Papa Witt angefangen hatten, heimliche Besorgnis zu hegen.

*

Als man am ersten Abend behaglich in der Kajütte saß, warf der Kapitän, der mit Genugtuung einige Herabstimmung bei unseren Freunden gemerkt hatte, mit schlauem Lächeln die Äußerung hin: »also morgen nach dem Südpol?«

Eine längere Pause entstand. Man sah sich gegenseitig an, niemand sagte ein entschiedenes Ja, von dem sonst so kühnen Franz ward sogar ein Seufzer gehört.

Da brach Holm das Eis. »Kinder,« rief er, »seien wir ehrlich. Es ist offenbar, daß niemand mehr rechte Lust zu diesem ausschweifenden Unternehmen hat, nehmen wir uns nicht selbst unnötig beim Wort, sondern gehen wir mutig einen Schritt zurück und dampfen wir durchs Korallenmeer ruhig nach Samoa. Da ist's wärmer und behaglicher, und wir kommen einige Monate früher nach Hause.«

»Früher nach Hause, das ist das Entscheidende!« jubelten die Knaben, der Doktor nickte billigend mit dem Haupte und alle atmeten auf, als sie sich von dem etwas übereilt gefaßten Vorhaben befreit fühlten.

»Damit aber die schönen Wärmemittel nicht umkommen,« rief Holm, »der herrliche Arrak und die treffliche Zitrone, die uns eure gute Mama für den Südpol geschickt hat, soll uns auch die warme Zone nicht hindern, einen herzhaften Punsch zu brauen. Ihr wißt ja: vier Elemente innig gesellt ...«

Und so geschah es. Das erste Glas galt dem Südpol, vor dem man glücklich bewahrt geblieben war.

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