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Das Naturforscherschiff

Sophie Wörishöffer: Das Naturforscherschiff - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Wörishöffer
titleDas Naturforscherschiff
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1941
printrunVierzehnte Auflage
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20070530
modified20150522
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Elftes Kapitel

Die Nacht bei den Dajaks. Die Schädeltrophäen. Totenfeier. Blutrache. Das Ende der Führer.

—————

 

Nach einigen Tagen kam das erste Dajaksdorf den Reisenden zu Gesicht. Bassar und Torio versicherten, daß die Kopfjäger niemals Europäer angreifen, sondern immer nur Malaien; unsere Freunde hatten dasselbe auch schon in der Stadt gehört, und so fanden sie denn keinen Grund, den übereinstimmenden Berichten aller hier ansässigen Leute zu mißtrauen, vielmehr folgten sie ohne Bedenken den Führern in das Tal, wo der räuberische Stamm wohnte. Das ganze Dorf der Dajaks bestand aus einem einzigen, etwa zweihundert Meter langen und vierzig Meter breiten Bambusschuppen mit einem spitz zulaufenden Dach aus Palmenblättern. Dieser Bau wurde getragen von fünf Meter hohen Stämmen und hatte überall Strickleitern, die man des Nachts heraufzog; er stand so hoch über dem Erdboden, daß ein beladener Wagen darunter hätte hinwegfahren können. Fenster und Türen fehlten gänzlich, dafür flatterten überall hübsche Matten, und aus den offenen Löchern sahen braune, neugierige Gesichter hervor. Die meisten dieser Leute mochten nie in ihrem Leben weiße Menschen gesehen haben, andere dagegen gaben in ihrer Sprache Erklärungen; sie gestikulierten äußerst lebhaft und kamen in Sprüngen die Leitern herunter, nicht selten, um mit scheuen Fingern die Fremdlinge zu betasten und durcheinander zu schnattern wie eine Schar Gänse. Gegen die Malaien zeigten sie sich äußerst furchtsam und unterwürfig, alle Fragen, welche diese stellten, wurden diensteifrig beantwortet.

Endlich erschien an der vorderen Eingangstür ein Mann, dessen Lendenschurz und Glieder mit Messingplatten, Schildern, Ringen und Glocken derartig behangen waren, daß er bei jedem Schritt wie ein Schlittenpferd klirrte und klingelte; das war der »Liau« oder Priester des Stammes, und dieser gewaltige Machthaber lud in Abwesenheit des »Panglima« oder Fürsten die Fremden ein, das sonderbare Wohnungsdorf zu besuchen und als ihr Haus zu betrachten. Nachdem die Malaien namens der Weißen gebührenden Dank gesagt und angemessene Bezahlung versprochen hatten, wurde das Gebäude erstiegen. Der ganzen unübersehbaren Länge nach war es in zwei Hälften geteilt, deren vordere die Unverheirateten, die Gäste und – das Federvieh einnahmen, wogegen die hintere, für Einzelwohnungen bestimmt, den Familien als Aufenthalt diente. Ein rings umschlossener türloser Raum, der »Lowang«, etwa von der Größe eines mittelmäßigen Zimmers, mußte als Wohn- und Schlafgemach sowie als Küche ausreichen, ob auch noch so viele kleine, völlig nackte Dajaks die braune Mutter umsprangen und außer dem gemeinsamen Blätterlager weiter gar kein Gerät mehr Unterkunft erlangen konnte. Dergleichen gab es überhaupt außerordentlich wenig. Matten, Körbe, Waffen und ein paar Kochtöpfe, das war alles, was die Weißen sahen. Der vordere Raum starrte von Schmutz, den besonders die Hühner und Tauben verbreiteten, er bildete ein schreckliches Durcheinander von Federvieh, Futter, umgestürzten Saufnäpfen und aufgestapelten Waffen, während es ihm an Bewohnern gänzlich mangelte. Der Stamm war ausgezogen, um in weiter Entfernung vom eigenen Wohnsitz einen Raub an Lebensmitteln und womöglich Gold oder Diamanten zu vollführen, Frauen und Kinder lebten daher augenblicklich unter dem Schutze des »Liau« und der »Bliangs« oder Priesterinnen, mehrerer jungen Mädchen, die bei den Dajaks etwa das sind, was wir barmherzige Schwestern oder Diakonissen nennen; sie pflegen die Kranken, waschen die Gestorbenen und haben neben dem Liau allein das Recht, den Naturgeistern Gebete vorzutragen; sie allein kennen auch die Schöpfungsgeschichte der Welt, wie sie im Dajaksbewußtsein lebt, und werden um dieser Kenntnis willen verehrt wie Heilige.

Auch ihre Wohnung, offen wie alle, durchspähten die neugierigen Blicke der jungen Leute. Die Bliangs, sechs an der Zahl, trugen Jacken und bis kaum an die Kniee reichende enge Röcke von blauem selbstgewebten Baumwollenstoff mit weißen und roten Streifen, Kopftücher aus rotem Gewebe, reich mit Goldfäden durchwirkt, und halbmondförmige Ohrringe; außerdem Schnüre von großen schwarzen und weißen Perlen und aufgereihten Muscheln, wo immer sich dieselben anbringen ließen. Diese Bliangs nahmen, obwohl sie von den Fremden aufs artigste begrüßt wurden, doch ihrerseits keine Veranlassung, die gebotene Aufmerksamkeit zu erwidern; sie saßen im Kreise auf bunten Matten und rauchten Opium, ohne dabei ein einziges Wort zu sprechen.

Dies Zimmer wurde schnell verlassen. »Ein wahres Glück, daß man hier zu Lande kein Fensterglas kennt,« meinte Hans. »Hätte nicht zu dem angenehmen Heimwesen der Hühner und der rauchenden jungen Damen die Luft beständig von allen Seiten freien Zutritt, dann möchte es in solchem Dorfe unter Dach und Fach schon sehr bald anfangen, unerträglich zu werden.«

»Mehr von diesen Wohnungen wollen wir nicht besehen,« erklärte Holm. »Draußen im grünen Walde ist es besser. Aber, lieber Himmel,« fügte er plötzlich hinzu, – »was haben wir denn da?«

.

Bei den Dajaks

Seine Hand deutete auf einen wahrhaft greulichen Schmuck, welcher über dem Eingang des nächsten Familienzimmers angebracht war und von dort herab den Kommenden entgegengrinste. Wenigstens zwanzig bis dreißig am Hals abgeschnittene Menschenköpfe hingen auf Pflöcken, wie etwa bei zivilisierten Völkern die Jäger ihre erlegten Hirschgeweihe aufzuhängen pflegen; einige waren gänzlich Skelette, andere mochten in irgend einer Weise präpariert sein, so daß sie aussahen wie Mumien; langes und kurzes Haar hing von diesen Schädeln herunter; man erkannte hier einen Krieger, dort eine alte, eisgraue Frau, und selbst junge Mädchen und Kinder fehlten nicht. Durch die Haare aller dieser Opfer flog und flüsterte der Wind, ja bei jedem etwas stärkeren Stoße schaukelten und baumelten die Köpfe, daß es unheimlich klapperte wie von totem Holz.

Bassar legte die Hand auf seinen Arm. »Die Dajaks sind Kopfjäger,« sagte er in englischer Sprache. »Keiner unter ihnen darf heiraten und einen eigenen Herd besitzen, ehe er nicht wenigstens einen Kopf selbst vom Rumpfe getrennt hat; keiner kann die Würde des Panglima erreichen, der nicht hundert Köpfe über seiner Tür hängen hat. Sehen Sie nur dort die Wohnung des Häuptlings!«

Dem Gemach der Bliangs gegenüber lag die Königshütte des Dorfes. Hier waren alle Matten mit Gold durchflochten, Sklavinnen kauerten in großer Zahl auf dem Fußboden, der ganze Raum war bedeutend breiter, und auf einem Mattenhaufen saß rauchend die Königin; – über der Tür prangten nicht weniger als hundertundfünfzig Köpfe.

Der alte Theologe stand starr. »Dieser Greuel!« rief er. »Ob da nicht Steine und Wände predigen müßten! Es ist himmelschreiend.«

»So abscheulich dieser Schmuck auch ist,« sagte Holm, »so wollen wir doch nicht unterlassen, diese Stätten entsetzlichen Heidentums photographisch aufzunehmen, sie werden zu den traurigen Ansichten der Bergwerke ein Seitenstück bilden, das eindringlicher als Worte Zeugnis von dem verwahrlosten Volke der paradiesischen Insel ablegt. Vielleicht erweckt ihr Anblick in dem Herzen glaubensvoller Männer das Verlangen, den armen Heiden die milden Sitten des Christentums aufs neue entgegenzubringen, wenn auch bis jetzt weder Missionare noch Kaufleute einen entscheidenden Einfluß haben ausüben können; man kennt nicht einmal annähernd die Verhältnisse des Innern, wohin auch wir nicht gelangen werden; – es wäre umsonst, diesen Heiden, die nur in den Naturereignissen feindliche Gewalten anerkennen, überhaupt irgend eine Moral predigen zu wollen. Wir haben nun das Dorf gesehen, also laßt uns vor demselben unsere Hängematten aufschlagen.«

Torio und Bassar schüttelten die Köpfe. »Das geht nicht, Herr, die Dajaks würden es als große Beleidigung ansehen. Es ist einmal Sitte, im Vorderraum jedes Dorfhauses die Gäste unterzubringen, – länger als eine Nacht bleiben wir ja ohnedies nicht.«

»Aber wenn wir nun gleich auf der Stelle weiter reisen!« rief ärgerlich der Doktor.

Die Malaien hielten ihre Weigerungen aufrecht. »Das sei ganz unmöglich,« beharrten sie.

Holm wechselte mit den Reisegenossen ein heimliches Zeichen. Trauen konnte man den Gelben nie vollständig; sie hier zu reizen oder gegen ihre Absichten irgend etwas durchsetzen zu wollen, schien nicht ratsam. »Schlafen wir also, da es nicht anders sein kann, eine Nacht auf derselben Streu mit Hühnern und Tauben,« sagte er. »Es gab ja am Ende schon schlimmere Stunden als diese. Vor der Hand tut freilich ein Imbiß am meisten not.«

Bassar lieh gegen Geld und gute Worte von der nächsten Dajaksfrau einiges Kochgeschirr, ein Feuer wurde entzündet und die Reste des Hirschfleisches gebraten, dazu Reis, das einzige tägliche Nahrungsmittel der Malaien. Man ließ die umstehenden, neugierig blickenden Kinder mitessen, verteilte kleine Münzen und brachte schließlich das Gepäck in einen bestimmten Winkel, wo Bassars jüngster Sohn als Wachhabender zurückblieb; dann wurde ein Ausflug in die Umgebung unternommen. Schlechtbestellte Felder in der Nähe des Dorfes trugen allerlei Gemüse, Reis, die Kalampanfrucht, aus der die Eingebornen Öl pressen, sowie in ganzen, kleinen Wäldern die Gomutupalme, welche den Zucker liefert; es weideten Ziegen an allen Abhängen, und zahme und wilde Vögel waren in reicher Anzahl vorhanden.

Nachdem das sämtliche Reisegepäck, Decken und Vorräte zu Hause gelassen worden, war der Spaziergang hinaus in den Wald um so angenehmer. In der balsamischen Luft wiegten sich Schmetterlinge von neun Zoll Flügelweite, Tiere wie sie die Reisenden nie gesehen hatten, kohlschwarz und samtartig glänzend, mit einem breiten, anmutig gebogenen Goldstreifen quer über beide Flügel, mit grünen federartigen Flecken und einem purpurnen Halskragen, sowie mattweißen, schmalen Saum rings um den ganzen Körper. Auch blaue, gelbe und ganz hellrote Arten waren vorhanden, alle riesig groß und in solcher Anzahl, daß sie sich unschwer fangen ließen; Käfer und Fliegen, Mücken, wilde Bienen, Erdwürmer von Fußlänge und mehr als Zolldicke, Spinnen und Hunderte von kleinen verschiedenen Geschöpfen der Insektenwelt belebten den Kelch jeder Blume, die Falten jedes Blattes. Die meisten dieser Tierchen verbreiteten einen feinen Wohlgeruch, der sich bei jeder Berührung verstärkte, – auch eine Erscheinung, welche sonst noch nirgends beobachtet worden war.

Zuweilen brachen die jungen Leute irgend ein großes, tellerförmiges oder wie ein breites Schwert gestaltetes Blatt und besahen aus der Nähe diese azurblauen, weißen oder tiefroten Geschöpfchen, beobachteten die feine Schattierung ihrer Flügeldecken und den hauchartigen Wohlgeruch, bis dann der Käfer plötzlich die bläulichen Schwingen hob und davonhuschte, eine Flut von Duft zurücklassend, in der nächsten Sekunde verschwunden unter Hunderten seiner Gattung, die überall schwirrten und wie glänzende Funken die Luft durchsegelten.

Die Botanisierkapseln und Spiritusbehälter waren schon bis an den Rand gefüllt, ehe noch der Marsch die Dauer einer halben Stunde erreicht hatte; man brauchte hier tatsächlich nur die Hand auszustrecken, um das Gewünschte zu erlangen.

Die Malaien verfolgten seit mehreren Minuten aufmerksam eine Reihe von Spuren, die sich an geknickten Büschen und niedergetretenen Blumen und Gräsern bemerkbar machten; es mußten größere Tiere, mehrere an der Zahl, hier durchgedrungen sein und zwar erst ganz kürzlich, denn die gebrochenen Blumen hatten noch keine Zeit gehabt zu verwelken, das Gras lag abgerissen, aber grün und frisch am Boden. Jetzt schien es auch, als töne aus geringer Entfernung ein wohlbekanntes, nicht eben sehr melodisches Grunzen den Horchenden entgegen, – alle sahen einander an. »Wildschweine?« fragte Franz.

Torio nickte. »Sie graben Wurzeln,« versetzte er. »Ganz in der Nähe wird sich das Feld befinden, wo die Herde ihre Lieblingsnahrung entdeckt hat. Schweine sind hier in Unzahl vorhanden, da die eingebornen Dajaks nur Reis und Gemüse essen, dem Überhandnehmen der Tiere also durchaus nicht entgegentreten; – wir müssen ihnen hinter dem Wind beizukommen suchen.«

Einer nach dem andern schlichen die Männer mit den geladenen Kugelbüchsen in den Händen durch das dichte Unterholz, immer dem Schall nach, bis sie, wie die Malaien vorausgesagt hatten, eine etwas weniger bewachsene Stelle antrafen, wo unter den Bäumen dreißig bis vierzig Schweine eifrigst mit ihren Rüsseln das Grün des Bodens aufwühlten und aus der fettigen, mergelhaltigen Erde apfelgroße Früchte herausholten, welche dort zu sechs bis zehn gleichsam in Nestern bei einander wuchsen. Ganz schwarz und einen knoblauchartigen Geruch verbreitend, gehörten jedenfalls diese Wurzeln zu den bekannten Trüffeln; Holm beschloß sie noch näher zu untersuchen, in diesem Augenblick richtete sich jedoch seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Schweine, welche bei ihren schwarzen Borsten und dem plumpen Kopf einen ganz weißen Bart trugen. Sie schienen durch Jagd nie belästigt zu werden, waren keineswegs scheu und ließen die Männer nahe an ihren Weideplatz herankommen. Alte, große Keiler rissen mit den Stoßzähnen die Erde auf, daß Gras und Ranken hoch umherflogen, Bachen mit zwölf bis vierzehn Ferkeln lagen, gemütlich grunzend, im Schatten und ließen ihre Kleinen trinken; auch einige schwarze Tapire mit den spitzen Schnauzen nahmen an der Mahlzeit teil, bis ein Schuß aus Torios Kugelbüchse plötzlich dem Familienleben unter den Bäumen ein Ende machte. Die Herde drängte und schrie in eiliger Flucht durch einander, mehrere Schüsse aus den Gewehren der Weißen streckten ihre Opfer nieder, und als endlich der Kampfplatz leer war, hatten fünf Ferkel und ein junger Eber das Dasein eingebüßt; die Tapire dagegen waren zum Ärger der Schützen glücklich davongekommen.

Da es hier wenig Raubtiere gab, ließen die Führer das erlegte Wild bis zu ihrer Rückkunft liegen, und weiter ging die Wanderung in den Wald hinein. Hier gelang es, mit der Vogelflinte einen schönen, männlichen Paradiesvogel vom Baum zu holen, ebenso eine Zibetkatze, die Holm auszustopfen gedachte, und mehrere schöngezeichnete Amseln mit dunkelroter Brust. Ein Leopard sprang einmal hart vor den Füßen der Reisenden vom Baum herab, aber erlegt wurde er nicht, obwohl ihm auf das gute Glück hin mehrere Kugeln nachgesandt wurden; ganze Rudel der großen, schlanken Pferdehirsche, von einem auf einer Anhöhe stehenden alten Bock bewacht, grasten an den Ufern breiter zu Tal fallender Flüsse, erhielten aber bei der ersten Annäherung der Weißen von dem Führer einen Warnungsruf und verschwanden mit ihm, ehe noch ans Schießen gedacht werden konnte. Scheu wie ihr ganzes Geschlecht, flohen sie die Nähe des Menschen, obgleich auch auf ihr Leben hier wenig Jagd gemacht wurde. Nur bei besonders festlichen Gelegenheiten essen die Dajaks Fleisch, sie sind an den Reis als einzige Nahrung gewöhnt und geben sich nicht die Mühe Wild zu erjagen und zuzubereiten.

Es dämmerte bereits, als die erlegten Schweine aufgeladen wurden und nun die Gefangenschaft im Hühnerloch, wie Franz erbost bemerkte, ihren Anfang nehmen mußte. Vorerst freilich loderte ein mächtiges Feuer empor, zwei Ferkel steckten am Spieß, und fette Bissen wanderten in die Händchen der naschhaften braunen Kinder; dann erkletterten unsere Freunde die Leiter, welche hinter ihnen von den wenigen im Dorfe zurückgebliebenen Männern heraufgezogen wurde, und das Lager aus Matten und Palmblättern empfing sein Opfer.

Rechts in der nächsten Nähe sangen die sechs Bliangs in eintönigen Weisen, Hirn und Nerven ermüdend, die Totenklage für eine an demselben Tage gestorbene junge Frau; überall ertönte das herzhafte Geschrei kleiner Kinder und die Beschwichtigungsmittel der Mütter, das Gurren mehrerer hundert Tauben und die rastlosen Kampfrufe der Hähne, deren Gemahlinnen glücklicherweise die Gewohnheit ihres Geschlechtes, mit dem Untergang der Sonne zu verstummen, auch hier auf Borneo festhielten. Draußen schrieen die Papageien, jagten sich in den Bäumen die Affen und quakten die Frösche – es war eine Nacht, die selbst den geduldigsten Sterblichen aus der Fassung bringen konnte.

Heimlich machte sich aus den Falten und Tiefen des Blätterlagers eine feindliche Armee auf die Beine und marschierte im Geschwindschritt gegen den Feind. Wohin der Finger traf, da begegnete ihm jener kleinste, springende Vertreter des rüsseltragenden Geschlechtes, wohin sich das Haupt zur Ruhe bettete, da scheuchte es ein plötzlicher, scharfer Stich wieder auf, wohin die Gedanken eilten, da schreckte das Durcheinander von Tönen wieder in die unliebsame Gegenwart zurück; besonders ein großer, bunter Hahn von streitlustigem Aussehen, einen Fuß trotzig erhoben, den Kopf lauernd seitwärts geneigt und das Auge vor Bosheit funkelnd, erregte am meisten den Ärger der jungen Leute.

Rührte einer von ihnen Hand oder Fuß, dann hielt sich der Kammträger verpflichtet, mittels eines schallenden, langgedehnten Kikeriki diesen Hausfriedensbruch zu rächen, und sofort stimmten sämtliche Genossen in den Schlachtruf ein, wobei noch als besonderer Übelstand hinzukam, daß jedesmal ein anderer benachbarter Hahn diese Herausforderung als an sich gerichtet aufnahm und durch Heranfliegen das Duell eröffnete. Dieser alte Bursche, zerzaust und seiner Federn in mancher heißen Schlacht beraubt, mußte sich stark erkältet haben, denn er brachte es bei den Antworten, welche er gab, nur bis zu einem heiseren »Kück!« – Dann schien seine Stimme zu versagen, und die Handlung trat an Stelle aller Neckereien. Gerade über den Köpfen der Gesellschaft sprangen die beiden Hähne gegen einander auf, zogen sich an den Schnäbeln gegenseitig so gewaltsam, daß nicht selten der Alte jählings auf das Blätterlager herabfiel, und schlugen sich mit den Flügeln, bis die unten Liegenden verzweiflungsvoll aufsprangen, um Staub und Federteilchen aus den Augen zu reiben.

»Soll ich ihn umbringen?« fragte Franz, auf den hübschen, streitlustigen Hahn deutend, »der verrückte Kerl hält uns die ganze Nacht in Atem.«

Die Hand des Doktors hielt ihn zurück. »Franz, vergißt du, daß hart neben uns unter demselben Dache eine Leiche liegt?« fragte er halblaut.

»Das ist wahr! – Still, du Schreihals.«

Ein Schlag mit dem Taschentuche verscheuchte den älteren Hahn in geziemende Entfernung, während der bunte lauernd auf dem Posten blieb und vor den Brutkörben seiner Damen Wache hielt; der Vogelkampf ruhte einen Augenblick, aber die Quälereien der Insekten dauerten fort, und der Gesang vom Totenzimmer her zerriß die Gehörorgane.

»Dewata-dugingang! – Dewata-dugingang!« – Fast ohne Abwechselung, sich immer wiederholend, sangen die sechs Mädchen mit gedämpfter Stimme diese Silben, die in ihrer steten Folge ebensowohl ermüdend als aufregend wirkten, bis endlich Holm vorschlug, diese Stelle des langgestreckten Lagers zu verlassen und einige hundert Schritte weiter Erholung zu suchen. Sowohl der entsetzliche Totengesang als auch die Trompetenklänge des Hahnes mußten dort weniger empfindlich einwirken, man konnte vielleicht doch schlafen oder wenigstens die Augen schließen und ruhig daliegen. Der junge Gelehrte verband damit heimlich noch einen besonderen Zweck. Ihm war das Benehmen Bassars schon längst auffallend gewesen, er glaubte zu wissen, gleichsam zu fühlen, daß unausgesprochene Absichten den Alten zu dieser Expedition veranlaßt hatten, daß er irgend etwas im Schilde führte. Ihn zu beobachten schien daher höchst notwendig.

Und wirklich, als an dieser geschützteren Stelle einiger Schlaf auf die müden Augen sich herabsenkte, als alles ruhte, da sollte sich der gehegte Verdacht bestätigen. Bassar richtete vorsichtig den Oberkörper vom Lager auf, er sah umher, und nachdem ihn dieser Rundblick überzeugte, daß die Weißen schliefen, da wechselte er mit seinem Bruder ein kaum wahrnehmbares Zeichen und glitt auf leisen Sohlen hinüber in die jenseits des breiten Vorderraumes liegenden Familienwohnungen.

Was konnte er dort wollen? – Es waren nur Frauen anwesend.

Holm verbrachte mit geschlossenen Augen, regungslos horchend, eine qualvolle Viertelstunde. Die brennende Wachskerze qualmte und tropfte, allerlei fernes und näheres Geräusch traf das Ohr des jungen Mannes, der endlich, getrieben von folternder Ungeduld, den Kopf zur Seite drehte, um nur die Augen öffnen und in das hohle, dunkle Innere des Raumes hinaussehen zu können. Torio und die Söhne Bassars lagen ruhig, letztere schliefen sogar ganz fest; drüben im Frauengemache hinter den Matten tönten flüsternde Stimmen, leise Schritte wurden auf dem knarrenden, schwankenden Boden bemerkbar, – immer noch kam der Malaie nicht zurück.

In einem Augenblick drängte es den jungen Mann, die Genossen zu wecken und so schnell als möglich zu den Waffen zu greifen, schon schwebte auf seinen Lippen der Ruf »Verrat! Verrat!« – dann aber fiel ihm wieder ein, daß ja doch noch nichts erwiesen sei, und daß vielleicht erst die ausgesprochene Beleidigung Feindschaft erregen konnte, – er wartete noch, obgleich ihm das Herz gegen die Rippen pochte, als habe er selbst ein Verbrechen begangen.

Endlich erschien der Malaie. Sein verschmitztes Gesicht trug den Ausdruck größter Zufriedenheit, er legte sich neben seinen Bruder auf die Streu und sprach lange und eifrig mit ihm; offenbar hatte er von den Frauen der Dajaks eine Nachricht erhalten, die ihn sehr befriedigte und die also mit den Weißen in keinem Zusammenhang stehen konnte. Holm atmete auf, aber er selbst schlief doch nicht eher, bis Bassars Atemzüge bewiesen, daß er wenigstens für den Augenblick durchaus keine verbrecherischen Absichten hegen könne. Irgend etwas ging vor, irgend etwas wurde heimlich geplant, davon war Holm überzeugt; er wollte also die Gelben unausgesetzt beobachten, namentlich dann, wenn irgend ein anderer Dajaksstamm erreicht war.

Den Rest der Nacht schliefen alle; die Malaien hatten schon das Frühstück fertig, als die Weißen herauskamen und die Nachwehen der schlechtverbrachten Ruhestunden in dem Anblick der dampfenden Kaffeekanne vergaßen. Diesmal hatte man die edlen braunen Bohnen vom Schiff in die Wildnis mitgenommen, Zucker und Milch gaben die Frauen, und so gelang es bestens, den kräftigenden Trank herzustellen. Eben wollte Franz die Lippen öffnen, um vom Aufbruch zu sprechen, als ein sonderbarer Zug seine Blicke fesselte. Voran gingen, in ihren klingendsten Putz gehüllt, der Liau und drei Bliangs, dann folgten vier Männer, die auf Bambusstäben eine Leiche trugen, ohne Zweifel die der jungen Frau, der die schauerliche Totenklage dieser Nacht gegolten; den Beschluß machten drei weitere Bliangs.

Wieder murmelte es von allen Lippen »Dewata-dugingang! Dewata-dugingang.«

»Ob das eine Beerdigung wird?« raunte Hans. – »Wie unzart, nicht einmal das Gesicht der Leiche zu verhüllen.«

»Wir wollen mitgehen,« ermunterte Franz. »Laßt uns doch die Sache mit ansehen!«

Holm fragte die Malaien, ob das erlaubt sei, und diese antworteten äußerst bezeichnend: »Wir nehmen unsere Waffen mit! Es sind ja keine Männer da.«

Und so folgte man aus anständiger Entfernung dem Leichenzuge, aber nicht etwa auf ein freies Feld hinaus, sondern mitten in den dichtesten Wald. Da wurde unter einigen breitästigen Bäumen Halt gemacht, die Leiche mit der Bahre zu Boden gesetzt, und nun begann eine seltsame, ganz stumme Szene. Die Männer – lauter Sklaven – zogen sich auf einen Wink des Liau etwas zurück, die Leiche erhielt ihren Platz inmitten eines geschlossenen Kreises, der mit einem Stock auf dem Moos bezeichnet war; dann vollführten die Bliangs und der Liau einen Tanz, bei dem jedes für sich den Körper wie Kautschuk verdrehte, sich hintenüber und vornüber beugte, die Haare zerzauste und die Arme in die Luft warf. Die Putzgegenstände rasselten und klapperten; immer toller, immer rasender wurde der Tanz, bis eine nach der anderen, die Bliangs und der Liau, atemlos wie vom Schlag gerührt zu Boden sanken. Damit war die Vorfeier beendet. Jetzt kamen die Sklaven, beluden sich mit Bahre und Leiche und fingen an, den nächststehenden Baum zu erklettern. Es war ein schauerlicher Anblick, so vom Rücken der braunen Gesellen das Totenantlitz dann und wann zwischen den Bäumen erscheinen zu sehen! Rings Blüten und Früchte an einem Zweig, flatternde Schmetterlinge und purpurrote Singvögel, rings Schönheit und reiches, üppiges Leben, – dazwischen, wie eine Mahnung an die Vergänglichkeit alles Irdischen, das fahlbleiche Gesicht mit dem gramvollen Zug um die Lippen, – die herabhängenden kleinen Hände.

»Gott im Himmel,« fragte Hans, »was wollen denn die Leute mit der Toten da oben im Baumwipfel?«

Die Malaien wußten es wohl, und bald sahen es auch die Weißen. Auf der höchsten Höhe, über den letzten Zweigen wurde die Bahre befestigt und so die Leiche den Raubvögeln zum Zerfleischen preisgegeben. Nachdem die Hanfseile gehörige Sicherheit verhießen, stiegen die Sklaven wieder zur Erde, wo sich bei ihrem Anblick Liau und Bliangs wunderbar schnell von der früheren Ohnmacht erholten und in das Dorf zurückkehrten. Schon jetzt verriet ein Krächzen über den Wipfeln, daß die geflügelten Räuber ihre Beute in Empfang genommen hatten.

»Das Skelett wird späterhin beerdigt,« erläuterte Bassar, »aber nicht eher, bis alles Fleisch verzehrt ist, so will es die Sitte. Andere Stämme verbrennen ihre Toten, ebenso gibt es einige, die sie durch Räuchern mit bestimmten, nur dem Liau bekannten Kräutern zu Mumien dörren und verwahren. Diese Art der Bestattung ist die häufigste.«

Der Doktor schüttelte den Kopf, als ihn Holm am Arm fortzog. »Ist es denn nicht empörend, da oben die Tote unter den Fängen der Geier zu wissen?« fragte er.

»Sie fühlt's ja nicht!« begütigte der junge Gelehrte. »Und dann – mir hat der Gedanke an das Grab mehr Schrecken als der eines so schnellen Zerfallens in tropischer Luft. Kommen Sie, – ob hoch oben im freien Blau oder tief unter dem Boden, – zu Erde wird, was von ihr stammt, nach Gottes Gesetz überall. Wenn mich etwas empört hat, so war es der tolle Tanz um die Leiche herum. Heda, Bassar, sagen Sie uns doch, ob nun im Dorfe noch eine Fortsetzung der Feier stattfindet?«

Der Malaie nickte. Er selbst war, wie alle ansässigen Glieder seines Volkes, Mohammedaner und hielt sich daher über das Heidentum der Dajaks hoch erhaben. »Diesen Leichenschmaus sollten Sie aber lieber nicht mit ansehen,« riet er, »das ist ein greuliches Gelage, bei dem die Bliangs und der Liau so viel Opium rauchen und Tuach-Katan (Arrak) trinken, bis sie in Raserei verfallen und dem leichtgläubigen Volke vorspiegeln, daß die Götter, nur ihnen sichtbar, mit am Tische säßen. Sie schreien, bekommen Krämpfe und Verzückungen, kurz es wird ein arger Skandal.«

»Den wir nicht mit ansehen wollen!« erklärte Holm. »Besser in den grünen Wald hinaus, als zu solch einem Gaukelspiel, von dessen Lügeninhalt seine Vertreter ganz genaue Kenntnis haben. Lassen Sie uns nur schnell noch etwas Geld verteilen und unsere Sachen aufpacken, dann geht's fort. Sie kennen ja die Richtung, welche wir einschlagen müssen?«

Bassar nickte. »Zunächst ist es doch den Herren daran gelegen, einen wandernden Stamm in seiner Häßlichkeit zu sehen, nicht wahr? Nun, für diesen Zweck müssen wir am Flusse hinunter in das Thal zwischen jenen Gebirgszügen gehen. Da werden die Mankeian.«

Wieder sah Holm in den falschen Zügen jenes Aufblitzen, das Lauern und den glühenden Haß, der so oft darin auftauchte. Ob Bassar bei den Angehörigen der Mankeian irgend einen Feind hatte, den er herausfordern wollte?

Sie verstanden einander offenbar alle fünf, die Männer mit den niederen, umbuschten Stirnen und dem verschmitzten Aussehen; Holm hätte nicht eingewilligt, gerade die Mankeian zu besuchen, wenn nur das Verbot durchführbar gewesen wäre; aber wie sollte er in der unbekannten Wildnis irgend einen Pfad bezeichnen, wie einen Stamm von dem anderen unterscheiden? – Zu aller Sicherheit nahm er den Malaien beiseite. »Gestehen Sie mir's, Bassar, bei den Mankeian haben Sie irgend einen alten Streit auszufechten, irgend einen Handel, den Sie uns verschweigen! – es lebt unter diesem Stamm ein Mann, dessen erbitterter Feind Sie sind?«

Bassar hob die Hand zum Himmel. »Bei Allah und seinem Propheten,« sagte er in feierlichem Tone, »die Mankeian sind meine Freunde. Der Stamm kommt zuweilen an die Küste und tauscht Edelsteine oder Gold gegen Kleider und Schmucksachen, ich kenne den König sowie viele Männer aus dem wandernden Volke, – ein Feind ist nicht darunter.«

Das wurde mit jenem überzeugenden Tone vollkommenster Wahrheit gesagt, das schien eine bestimmte, unwiderlegliche Tatsache; Holm konnte also nur einwilligen, den Zug anzutreten, im stillen aber dachte er einmal über das andere »du lügst doch! unausgesprochen, verdreht und umschrieben vielleicht, – Lüge ist's doch!«

Dies Bewußtsein trug nicht dazu bei, die Stimmung, in welcher er sich befand, zu verbessern; erst als das Dorf weit hinter der kleinen Schar zurückgeblieben war und dadurch die letzten, noch halb und halb schwebenden Fragen erledigt, da tat wie immer im Leben die vollendete Tatsache das Ihrige, um ihn ruhiger werden zu lassen. Nur langsam drang der Zug vor in die grüne Wildnis, einesteils der gehäuften Hindernisse und anderseits der brennenden Hitze wegen; alle Weißen hatten auf den Rat der Führer im Nacken ein herabhängendes Stück Leinen nach Art unserer Kohlenträger befestigt, die Strohhüte mit breiten Rändern beschatteten das Gesicht, und hoch heraufgehende Stiefel erlaubten den Weg über das dichte Rankengeflecht mit seinen zahllosen kriechenden, stechenden und zum Teil giftigen Bewohnern. So üppig wie hier war ihnen der Pflanzenwuchs nirgends entgegengetreten, dafür aber auch das Durchdringen desselben nirgends so schwer gewesen; Affen, in ungeheurer Anzahl und zu ganzen Gesellschaften vereinigt, bevölkerten die Bäume, Paradiesvögel hüpften, auf Java so selten, hier von Zweig zu Zweig, große Orang-Utangs, mit Baumästen bewaffnet, versuchten es, den Eindringlingen ihre entlegene waldige Heimat streitig zu machen und konnten nur durch ein paar Büchsenschüsse zur Umkehr bewogen werden. »Haben die Mankeian nur einen Weideplatz?« fragte wie zufällig Holm.

»Mehr als hundert,« versetzte unbefangen der Malaie, »wir können daher ganz sicher sein, wenigstens einen anzutreffen. Morgen oder übermorgen sind wir da.«

»Wenigstens hundert!« wiederholte sich Holm, »und alle diese Leute wandern. Sollte der Schurke in Erfahrung gebracht haben, wo gerade die Familie lebt, bei der er Rache sucht? Unmöglich!«

Und von diesem Gedanken beinahe beruhigt, half er am Abend das schwebende Lager herrichten und die Mahlzeit bestellen wie gewöhnlich. Eine der zahllosen, das gesegnete Land durchziehenden Wasseradern plätscherte über Kiesel und Sand dahin, schöne Schwimmvögel bauten an den Ufern ihre Nester, Fische glitten durch das klare, blaue Element, und große Schildkröten lagen träge im letzten Sonnenschein. Es war den Malaien gelungen, einen Hirsch zu schießen, Früchte hingen von allen Zweigen, Gemüse verschiedenster Art wuchs genug, um ganze Bataillone zu sättigen, prachtvolle Ananas wuchsen in den feuchten Niederungen; es häuften sich also die seltensten und teuersten Delikatessen, um diese Abendmahlzeit zu würzen, selbst frische Eier fehlten nicht; nur das Tafelgerät war äußerst unzureichend und sparsam, Blechteller, Blechlöffel, ein paar Gabeln und Pfannen nebst dem Messer, welches jedermann in der Tasche trug, das war alles. Im heißen Aschenhaufen mußten die Eier kochen, die Schildkrötensuppe blieb ungeschäumt, das Rückenstück vom Hirsch ließ die Kartoffeln schmerzlich vermissen, und das Gemüse hätte mit Butter noch weit besser als mit Hirschfett geschmeckt; aber dennoch mundete es allen vortrefflich, und auf die fatale Nacht im Dajakshause folgte hier unter freiem Himmel, an schwankenden Zweigen, ein herrlicher, durch nichts gestörter Schlummer, der bis zum Morgen währte.

Dann aber kamen Prüfungsstunden. Es mußte ein tiefes Tal durchwandert werden, eines jener sonderbaren, auf Borneo vielfach vorkommenden Gebiete, welche während der Regenzeit unter Wasser stehen und kleineren oder größeren Meerbusen gleichen, späterhin jedoch austrocknen und einen sehr fruchtbaren Boden abgeben. Gerade jetzt war die entstandene Schlammschicht vielleicht noch einige Zoll tief; braun und unbeweglich, Blasen treibend, von glühender Sonnenhitze überhaucht, lag die weite Fläche wie ein deutsches Moor, einsam, nur von wenigen Raubvögeln besucht und zuweilen von aufsteigenden Gasen unangenehm durchzogen, dem Auge endlos und öde erscheinend da; dennoch aber mußte man hinüber, – hinter den Bergen, die dort vom blauen Duft verhüllt ihre Häupter erhoben, wohnten ja die Mankeian, und diese zu erreichen war das nächste Ziel. Bassar prüfte, als Anführer des Zuges, zuerst den unsicheren Boden. Die Schlammschicht schien nicht mehr gefährlich, man konnte sie ohne Bedenken betreten. Es wurden also große Wanderstäbe geschnitten, alles Gepäck auf den Rücken geschnallt, die Hüte so tief als möglich herabgezogen und dann in Gottes Namen der wenig verlockende Marsch begonnen. Überall traf der Fuß den toten, ausgedörrten Körper solcher Tiere, welche während des täglichen Regenfalles hier in hoher Flut lustig geplätschert und sich wohlbefunden, aber später, als das Wasser plötzlich ablief, den Rückweg zum eigentlichen Strome nicht mehr gefunden hatten. Kleine Schildkröten, Krebse, Muscheln, Schnecken, sogar ein halbwüchsiges Krokodil und zahllose Wasserkäfer, deren einige noch bemüht waren, im zähen Schlamm mühsam kletternd das Leben zu fristen, und die als willkommene Beute den Botanisierkapseln der Forscher anheimfielen. Binnen wenigen Wochen würde üppiges Grün den Boden bedecken, sagten die Führer; für jetzt aber sproßte noch kein Halm, kündigte kein kleinstes Keimchen das verborgene, der Auferstehung harrende Leben. Es war schwer, mit dem Fuß in der weichen Masse einen festen Halt zu gewinnen, es war schwer, ihn wieder herauszuheben, die langen Stöcke mußten einmal über das andere helfen; von allen Stirnen rann der Schweiß, aller Glieder waren todmüde, ehe noch die Hälfte des Weges durchmessen worden, und dennoch gab es kein Plätzchen zum Ausruhen, dennoch konnten nur stehend die mitgebrachten Erfrischungen eingenommen werden, indes die Sonne auf die Köpfe ihre glühenden Strahlen senkrecht herabsandte und unter den Füßen im Schlamm allerlei böse Miasmen erzeugte. Zuweilen tönte der heisere Schrei eines Raubvogels, sonst unterbrach kein Laut die tiefe, beinahe grauenvolle Stille; es war, als sei dies Tal der Vorhof zur Unterwelt.

»Noch zwei Stunden,« tröstete Bassar, »dann ist's hinter uns gebracht.«

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Die Wanderung durch das Schlammfeld

Und wieder pilgerten die Wüstenfahrer den voranschreitenden Gelben nach, einer den anderen ermutigend, so gut es gehen wollte, heimlich jeder fürchtend, daß diese Aufgabe doch alle Kräfte übersteigen werde. Der einzige Trost blieb jenes blaue Gebirge, das allmählich anfing, in deutlichere Formen überzugehen. Man sah Wald und kahle, vulkanische Kegel, das Grün der Bäume trat hervor, stille, liebliche Täler, jähe Felsstürze und Wasserfälle öffneten sich dem Blick; eine Herde schöngezeichneter Büffel graste an den Abhängen, die Vogelwelt, die alles bezaubernde, farbenprächtige, war zum Leben erweckt und endlich auch das braune, grauenhafte Schlammfeld überschritten, – der Fuß betrat wieder üppiges Gras, balsamische Luft umfächelte die Stirn und Blumen über Blumen spendeten ihren süßen Wohlgeruch.

Sie warfen sich in das wallende grüne Blätterlager, wo es sich jedem zunächst bot, sie wollten nur ruhen, ruhen um jeden Preis. Aller Hunger war vergangen, die Mahlzeit der Malaien blieb unberührt, ein mehrstündiger Schlaf erst stellte das Gleichgewicht zwischen Verbrauch und Kräften wieder her. Und danach ein Bad! ein Bad unter dem sprudelnden, silberhellen Fall! – Sie bemerkten nicht, daß selbst das Wasser lauwarm geworden war auf seinem Wege durch die äquatoriale Sonnenglut; sie fühlten nur, wie es über ihre steifgerüttelten, schmerzenden Glieder lebenspendend herabträufelte und den letzten Rest von Mattigkeit glücklich entfernte, – jetzt konnten auch das kalte Fleisch und die Früchte zur Anerkennung gelangen; mit wahrem Wolfshunger fielen alle darüber her.

Hinter ihnen lag unübersehbar das Schlammfeld, ganz in der Nähe zeichneten sich noch am Rande desselben die Fußspuren der Wanderer deutlich ab, – nicht für Schätze hätte ein einziger unter ihnen, die Malaien ausgenommen, nochmals das tote, verödete Reich durchwaten mögen; der Doktor gestand sogar, daß er mehr als einmal im Begriff gewesen sei, sich fallen zu lassen und das Ende zu erwarten; selbst die Knaben schauderten, nur der Malagasche fand die Sache nicht so schlimm. »Wenn jenseits des Tales meine Heimat läge,« sagte er leise, »dann ginge ich hin und wieder her in einem Atem, um sie zu sehen, wär's auch auf Augenblicke!«

Franz nickte. »Ich auch!« rief er. »Sähe ich von hier den Michaelisturm von Hamburg, ich könnte die Arme ausbreiten und laufen – laufen – bis ich ihn erreicht hätte.«

Der Doktor schüttelte den Kopf. »Ich tue nicht mit!« lächelte er. »Die Sechzig machen sich heute nach der beschwerlichen Wanderung doch fühlbar. Wollen wir hier rasten, Kinder?«

Alle waren einverstanden, und die Hängematten wurden aufgeschlagen. Am frühen Morgen begann der Weg über das Gebirge, dazu mußten die Reisenden ihre Kräfte schonen. War das Wandern im Schlamm eine mühevolle Arbeit gewesen, so konnte auch das Ersteigen des Gebirges eine solche genannt werden, nur daß es hier Ruhepunkte in Hülle und Fülle gab, und daß überhaupt die Schönheit des Weges seine Beschwerden nicht wenig milderte. Dajaksdörfer fanden sich auf diesem Höhenzuge nicht; wohl aber brachten die Reisegefährten einen ganz unerwarteten kleinen Gast, einen Orang-Utang von vielleicht drei oder vier Monaten, mit hinunter in das Tal zu den Mankeian. Bassars Kugel traf die Mutter, als sie von einem Baume herab in Ermangelung anderer Waffen mit Nüssen warf, und das Kleine stürzte aus ihren Armen köpflings ins Gras. Die dichte Blätterschicht ließ es unversehrt ankommen, und nun trugen die Männer abwechselnd das kleine Geschöpfchen, um ihm womöglich unter den Haustieren der Dajaks eine Pflegemutter zu finden. Holm wollte es aufziehen und mit nach Europa bringen.

Im Tale lagen unzählige Hütten aus Gras und Mattengeflecht, dicht gedrängt in langen Reihen, jede auf Pfählen und jede spitz wie ein Bienenkorb; daneben Hürden für das Vieh, Büffelkühe, Bergschafe, Schweine und Geflügel und an einer Seite bebaute Felder, an der anderen dagegen verschiedene rohe Werke von Holz, die auf Goldwäscherei schließen ließen. Ein breiter, aus dem Gebirge herabfallender Fluß begrenzte die Niederlassung, deren ganze Ausdehnung die Reisenden nicht überblicken konnten. Jedenfalls hatten sich mehrere der wandernden Züge hier zusammengefunden, es schienen nicht weniger als tausend bis zweitausend Köpfe unter diesen Laubdächern zu wohnen.

Holm legte ungesehen von den übrigen die Hand auf Bassars Achsel. »Da wären wir nun am Ziel,« sagte er mit leisem, eindringlichem Tone, »versprechen Sie mir, den Frieden dieser Hütten zu ehren, Bassar? wollen Sie da unten keinerlei Zwist oder Hader ausfechten?«

Der Malaie vermied es, ihn anzusehen. »Die Mankeian sind meine Freunde,« versetzte er, »ich habe Ihnen das schon einmal mitgeteilt, Sir.«

Gerade diese Worte waren es indessen, die Holm hören wollte. »Gut, Bassar,« beharrte er, »das freut mich ja, aber dennoch möchte ich von Ihnen eine bestimmte Antwort erlangen. Sehen Sie einmal ab von den Mankeian und versprechen Sie mir, mit niemand, er sei wer er wolle, Streit anzufangen.«

Ein ärgerlicher Blick des Führers streifte den seinen. »Das hat keinen Sinn, Herr,« antwortete er in einem Tone, den er sich bis jetzt niemals erlaubt hatte, »und das ist auch meine Sache allein. Lebe ich, so bringe ich Sie wohlbehalten an das Schiff zurück, – sterbe ich, dann tun das meine Söhne und mein Bruder. Mehr haben Sie nicht zu verlangen.«

Das war deutlich; Holm fragte nicht weiter, aber er hielt es jetzt für notwendig, den übrigen seine Besorgnisse mitzuteilen. Demgemäß wurde einstimmig beschlossen, sich den Dajaks gegenüber möglichst zurückhaltend zu benehmen und den ganzen Besuch auf einen Tag und eine Nacht zu beschränken. Also auch Bassar und Torio waren in ihrer Weise Verräter, man konnte den Malaien unter keiner Bedingung trauen! – Papa Witt behielt recht, wenn er sagte: man muß die gelben Halunken prügeln, das ist das beste. –

In den Herzen aller Weißen regte sich lebhaft das Verlangen, den schlechten Streich der Führer zu bestrafen. Um ihrem Rachegelüst zu genügen, hatten sie die wehrlose Schar der Reisenden auf beinahe unzugänglichem Pfade in das Herz der Wildnis gelockt, ohne sich darum zu bekümmern, welcher Nachteil, welche Lebensgefahr daraus erwachsen würden, – das war nicht minder schändlich als die Betrügerei der Javanen, deren Geldgier sie bewog, die Fremden unter Tigern und Rhinozerossen schutzlos zu verlassen.

Der alte Theologe predigte Ruhe und Besonnenheit. »Noch haben wir nur Vermutungen, Kinder! Seid also auf eurer Hut, aber nicht voreilig im Urteil. Vielleicht endet das alles viel besser, als wir jetzt zu hoffen wagen.«

Holm seufzte. »Dem Panglima und dem Liau dieses Dorfes müssen wir bedeutende Geldgeschenke machen,« riet er, »ich würde auch vorschlagen, ihm die Pistolen zu Füßen zu legen und das eine oder andere Taschenmesser, obgleich sich die Leute selbst Waffen schmieden. Mir ist, um es rund heraus zu gestehen, diesmal die Sache sehr unbehaglich.«

»Kommt nur,« drängte Franz, »kommt nur, der Besuch bei dem Panglima ist das Notwendigste.«

Und so zogen sie denn aus, um in der Mitte des Dorfes den Heerführer in seiner Hütte zu begrüßen. Mehrere Männer gaben ihnen das Geleite, überall auf den Dorfstraßen wimmelte es von nackten, schwarzhaarigen Gestalten, die lebhaft, wie etwa bei uns Franzosen oder Italiener, durcheinander schwatzten, schnelle, leichte Bewegungen vollführten und mit blitzenden Augen um sich sahen. Sie schienen heiter, liebenswürdig und freundlich zu sein, aber sehr heftig und von leidenschaftlicher Gemütsart.

Der Panglima zeigte sich inmitten einer Schar bewaffneter Krieger, die alle lange Bambusspieße mit Stahlspitzen und Bogen mit vergifteten Pfeilen trugen. Er war ein Greis von gewiß sechzig Jahren, dem heißen Klima gemäß aber nicht etwa ein alter, wohlerhaltener Mann, sondern schneeweiß mit pergamentfarbenem Gesicht und erloschenem Blick. Seine Hände stützten sich auf einen schlanken, feueräugigen Knaben, seinen Enkel; er empfing mit der ganzen Herablassung eines Fürsten die fremden Reisenden und ließ ihnen in der offenen Hütte eine Mahlzeit aus Hirschbraten, Tuach-Katan und Reis auftragen, auch schlug er es aus, die gebotenen Geldgeschenke zu nehmen. »Die Mankeian sind nicht arm,« sagte er. »Beseht immerhin ihr Land, jagt den großen Affen und den Paradiesvogel, wenn ihr dergleichen Geschöpfe zwischen euren Heimathütten nicht besitzt, aber behaltet euer Geld. Nigura ist ein großer Kriegsherr, er braucht sich nichts schenken zu lassen.«

Sein matter Blick streifte dabei die abgeschnittenen Köpfe über dem Eingang, als nähme er vor diesen Zeugen bewiesener Tapferkeit den wohlverdienten Ruhm in Anspruch. »Es ist kein Weißer darunter,« fügte er bei, »auch kein Mann meines eigenen Volkes, das alles sind die Köpfe der Erbfeinde meines Landes, der Malaien.«

»Und du selbst hast diese Menschen getötet, großer Panglima?« fragte Holm.

Der Greis nickte. »Die Köpfe, welche du hier siehst, sind mein, Fremdling. Jeder meiner Söhne hat eben soviele, ja sogar dieser Knabe, mein Enkel, besitzt schon den Kopf eines Malaienknaben von seinem eigenen Alter, – nicht wahr, Omaha?«

Der junge Bursche sah voll Stolz von einem der Besucher zum anderen. »Ich will auch Panglima werden!« übersetzte der Dolmetscher seine Antwort ins Englische.

Holm schenkte ihm eine Taschenpistole, die der Knabe mit einem Freudenschrei empfing und vor Entzücken einmal über das andere küßte. Er wolle damit hundert Malaienschädel zerschmettern, versicherte er.

Holm näherte sich dem Panglima. »Unsere Führer sind, obwohl von dem dir verhaßten Volke stammend, doch in deinem Dorf ihres Lebens sicher, nicht wahr, König Nigura?« fragte er. »Wir besitzen einen Schutzbrief des holländischen Statthalters, der euch befiehlt, uns und die Malaien ungehindert zu lassen, willst du den respektieren, oder verlangst du, daß wir dein Gebiet meiden?«

Der Greis lächelte. »Wer ist der holländische Statthalter?« fragte er in geringschätzigem Tone. »Womit will er Nigura, den großen König der Mankeian, zwingen, seinen Fetisch zu achten oder seine Freunde zu beschützen? Wenn es mir beliebt, lasse ich eure und die Köpfe der gelben Diebe über meine Türe nageln, der holländische Statthalter kann mich daran nicht hindern, aber ich schenke euch Freiheit und Leben, weil kein Mankeian seine Gäste beleidigt, und wären es selbst Malaien. Ihr wohnt in unseren Hütten, ihr eßt an unseren Tischen, so lange es euch beliebt.«

Damit schien er die Audienz beenden zu wollen, man erhob sich also, um im Vorraum zu speisen, bei Gelegenheit des Abschieds aber fragte Holm noch wie zufällig, ob denn nur die Mankeian oder sonst noch ein anderes Volk in diesem Tale wohnten.

»Die Punan,« hieß es, »ein armer Stamm, der Getreide baut und sich mit den Affen um die Ernte streitet. Der Goldfluß gehört den Mankeian.«

Die kleine Schar wechselte bezeichnende Blicke. Also die Punan waren es, welche Bassar aufsuchen wollte, und daß er als Gast bei den Goldwäschern unverletzlich sei, hatte der Gauner jedenfalls auch recht gut gewußt. Mochte er jetzt tun und lassen, was ihm beliebte, das Wort des Panglima schützte die Weißen vor aller Gefahr.

Der Hirschbraten, das Lendenstück vom Büffel und das erbsenartige Gemüse waren gut zubereitet, der Tuach-Katan wärmte äußerst angenehm den Magen, und die Früchte, welche von allen Seiten herbeigebracht wurden, schmeckten vorzüglich; nach Tisch besahen die Weißen den Fluß, der das Gold im Sande mit sich führte, Holm kaufte eine Handvoll unausgewaschenen, von den gelben glitzernden Spuren durchzogenen Flußsandes; der Dolmetscher mußte, um alles erklären und übersetzen zu können, bei der Gesellschaft bleiben, und so verging ein Abend und eine Nacht, ohne die geringste Störung zu bringen. Interessante Pflanzen und Insekten wurden gesammelt, die Dorfbewohner zeigten sich äußerst zuvorkommend, überall fanden die Weißen gedeckte Tische und willige Hände, auch der kleine Orang-Utang hatte an einer Schafmama eine gutmütige Ernährerin erhalten; man veranstaltete Kampfspiele und Wettfahrten in schmalen, selbstgebauten Booten, den Fremden zu Ehren. Diesem ganzen Treiben aber hielten sich die Punan durchaus fern. Es kam kein einziger von ihnen in das Dorf der Mankeian, wie denn auch die fünf Malaien sich hüteten, ihrerseits das Gebiet der Punan zu betreten; Holm hatte das sehr bald entdeckt, obgleich Bassar achselzuckend die Sache für Zufall erklärte.

Am Abend des zweiten und letzten Tages, nachdem Schmetterlinge, Vögel, Käfer und selbst kleine Vierfüßler in Menge erlegt worden, nachdem man das Leben der Dajaks aus nächster Nähe kennen gelernt hatte, – wurde zur Abreise gerüstet. Das Gepäck war geordnet und für den kleinen Affen eine Ziege gekauft, man hatte sich vom Panglima verabschiedet und Geschenke gemacht und erhalten; die Umgebungen des Dorfes waren aufgenommen, kurz alles wider Erwarten gut abgelaufen; die Weißen mit dem Dolmetscher und den Malaien schliefen oder schienen doch zu schlafen; denn in der Tat wachten die Gelben und auch der junge Gelehrte. Holm hatte ein verdächtiges Flüstern gehört; er fühlte eine geheime Unruhe, die ihn hinderte, sich dem Schlummer hinzugeben.

Bassar reckte das Haupt. Sein Blick durchdrang die Dämmerung der tropischen Nacht, sein Ohr horchte. Alles still! – Er winkte den übrigen. Torio und die drei jungen Leute mußten dies Zeichen bereits erwartet haben; wie Schatten glitten sie an des Führers Seite, und alle fünf nahmen langsam schleichend, an den Weißen vorüber, den Weg zum Ausgang der Hütte. Holm sah jede Bewegung, – sollte er Einhalt gebieten, sollte er fragen, wohin?

Noch zauderte er. Was konnte ihm die Einmischung nützen? Bassar würde seine Absichten ausführen, ob er sie mißbilligte oder nicht, das war sicher.

Jetzt hatte schon der erste den Türvorhang erreicht, Holm streckte die Hand aus, um zunächst den Dolmetscher zu wecken, da plötzlich wurde von draußen die Matte hinweggezogen, heller Fackelschein verbreitete sich über das Innere der Hütte, und wenigstens zwanzig Dajaks, mit Spießen und großen Messern bewaffnet, erschienen auf der Schwelle.

Die Aufregung, welche sich während der nächsten Minuten jedes einzelnen Herzens bemächtigte, läßt sich nicht schildern. Nur der Dolmetscher blieb kaltblütig, er schien sehr wohl zu wissen, was da im Entstehen begriffen war, und dachte vielleicht, um seiner Unentbehrlichkeit willen von den Weißen nur noch mehr Geld erpressen zu können. Es gab ja im ganzen Dorfe keinen zweiten, der die einheimische und die englische Sprache gleich geläufig beherrschte, man brauchte ihn notwendiger als jemals.

Aufspringend gleich allen anderen, übersetzte er, was gesprochen wurde.

Ein älterer Dajak, die Stirnbinde um den Kopf, den handbreiten Lendenschurz als einziges Kleidungsstück am braunen, wetterharten Körper, mit düsterem Blick und erhobener Hand trat dem Anführer der Malaien entgegen. Sein Zeigefinger berührte die Brust des Gelben. »Kennst du mich, Bassar, Sohn Hawalles?« fragte er in feierlichem Tone.

Der Malaie hatte ihn seit dem Augenblick seines Eintretens unverwandt angesehen. Das gelbe Gesicht wurde fahl, in dem Blick des verschmitzten lauernden Auges spiegelte sich ein furchtbares Erschrecken, die ganze Haltung zeigte das offenbarste Schuldbewußtsein. Hinter ihm zischelten und flüsterten die übrigen so leise, daß es dem Dolmetscher unmöglich war, ihre Worte zu übersetzen.

»Kennst du mich?« wiederholte der Dajak seine frühere Frage.

Bassar schien sich einigermaßen gefaßt zu haben. »Nein!« antwortete er in rauhem, abweisendem Tone, »nein, ich kenne dich nicht, habe dich nie im Leben gesehen. Gib Raum, was willst du von mir?«

Aber der andere stand unerschütterlich. »Du kamst hierher, um den Stamm der Punan mit Krieg zu überziehen, Bassar,« fuhr er fort, »du wolltest die Köpfe der Männer holen, deren Großväter einst im Kampfe um den Besitz der Küste deine Vorfahren erschlagen, du wolltest vielleicht sogar ihre jungen Kinder mit dir führen in die Sklaverei der Kohlenbergwerke, aber Dewata-Dugingang sah deine falsche Absicht und lenkte die Schritte der Rächer hierher in dies Tal. Ich bin Solani, der Sohn Alteis, kennst du mich noch nicht?«

Bassar umklammerte krampfhaft den Kolben seiner Büchse. Nur der Hinblick auf die vergifteten Pfeile der Dajaks hielt ihn ab, von der Schußwaffe sofort Gebrauch zu machen. »Was willst du von mir?« fragte er wieder.

»Deinen Kopf!« entgegnete düster der Wilde. »Entsinnst du dich des Tages, wo du mit deinen Spießgesellen einbrachst in das unbeschützte, entlegene Dorf der armen Hirten, wo du die Mädchen und Knaben in die Sklaverei schlepptest und das Eigentum der Alten stahlst? – Mein Vater verteidigte seine Hütte, seine jungen, blühenden Töchter, die du in Spielhäuser und an tyrannische Herren verkauft hast, er fiel von deiner verruchten Hand, er mußte seine Kinder dahingeben, ohne sie retten zu können, denn deine teuflische List hatte den Überfall ausgeführt, als die jungen Männer des Stammes abwesend waren, – jetzt gib dafür, was dein ist, dich selbst und die Söhne, welche dir gefolgt sind, ebenso den andern Mann aus deinem Raubtiergeschlecht, deinen Bruder.«

Bassar trat zurück. »Du lügst!« schrie er wild, »du lügst!«

Holm näherte sich dem Dajak. »Laß ab von deiner Rache, Freund Solani,« sagte er überredend. »Wir wollen dir eine große Summe Geldes geben, wenn du uns unbehindert unseres Weges gehen läßt.«

Der Dajak schüttelte den Kopf. »Kaufst du mit deinem Gelde das Leben Alteis zurück, weißer Mann?« fragte er, »kaufst du die Verzweiflung seiner Kinder, die in Kohlengruben und unter den Peitschenhieben grausamer Gebieter elend zu Grunde gingen? – Das war Solanis Vater, das waren seine Schwestern und Brüder!«

Holm klopfte die Schulter des Erregten. »Nein, Solani, nein,« sagte er eifrig. »Du bist in den Deinigen unheilbar gekränkt und verletzt, aber was nützt es dir, wenn du jetzt einen Mord begehst? Wird dadurch die Sache besser?«

Der Dajak neigte den Kopf. »Ja!« gab er einfach zurück. »Der Ermordete schläft nicht, bis der Mörder bestraft wurde, und wäre es erst nach vielen Ernten (der einzige Begriff der Zeitrechnung bei den Wilden auf Borneo!), ja wäre es erst in seinen Ur-Urenkeln. Bassar nimmt meinen Kopf, oder ich nehme den seinen! – komm heraus, Sohn Hawalles!«

Der alte Theologe hob die Hand zum Himmel, von dem Mond und Sterne so friedlich herabsahen auf die Greuel des Hasses, welche sich da unten vollzogen. »Verblendete,« rief er in eindringlichem Tone, »laßt ab von euren abscheulichen Plänen, euren wahnwitzigen Folgerungen! Die Toten bedürfen keiner Erdenhilfe mehr, die Blutrache ist vor Gott eine Todsünde!«

Auch das übersetzte der Dolmetscher, aber ohne damit Eindruck zu machen. »Komm!« wiederholte Solani, und als Bassar keine Folge gab, entstand ein Handgemenge, bei dem sich zwar die Weißen zu gunsten ihrer Führer beteiligten, woraus aber die Dajaks nach kurzem Ringen als Sieger hervorgingen. Immer mehr Kopfjäger drängten nach, die Weißen wurden abgeschnitten zwischen ihnen und den Dajaks bildete sich eine dichte Mauer, die Malaien befanden sich draußen und in der Gewalt ihrer Gegner, ehe noch wenige Minuten vergingen.

Vor der Hütte hatten sich Hunderte versammelt, teils Punan, teils Mankeian, sie wußten offenbar alle, um was es sich hier handelte, keiner von ihnen streckte die Hand aus, um das beabsichtigte Verbrechen zu hindern.

Als sich die Weißen in der verlassenen Hütte allein sahen – nur der Dolmetscher war geblieben! – da erfüllte ein einziger Gedanke die Seele aller. Zum Panglima! er mußte Hilfe schaffen.

Die königliche Behausung war bald erreicht und der alte Nigura aus dem Schlaf erweckt. Ein paar Kienspäne sandten ihre flackernden Lichter, ihre dichten, blauen Rauchwolken zum Himmel empor; im Gras zirpten und huschten glänzende Insekten die Blüten dufteten stärker, der Mond spiegelte sein lächelndes Antlitz im Flusse, und über den Himmel eilten im schnellen Fluge schimmernde Sternschnuppen.

So tiefer, tiefer Schöpfungsfriede, so stille, träumende Mondnacht, – und in nächster Nähe mordete der Mensch den Menschen, wurden einem furchtbaren Irrwahn blutige Opfer gebracht, starben in diesem Augenblick fünf Männer wehrlos unter den Fäusten eines ganzen erbitterten Stammes.

Der Doktor eilte allen voraus dem alten König der Mankeian entgegen. »Panglima,« rief er, »hilf uns, hilf uns, man mordet die Malaien, denen du Schutz zusagtest.«

Der Greis schüttelte den Kopf, auch er wußte offenbar alles. »Das tun nicht die Mankeian, Fremder,« versetzte er, »sondern die Punan, und diese sind im Recht. Bassar wollte hieher kommen, um eine uralte Fehde, einen Kampf der ersten Besitzer mit den ersten Eindringlingen, für sich auszubeuten, indem er, gestützt auf die Gastfreundschaft der Mankeian und euern Beistand, ein paar junge Leute in die Sklaverei entführte; es traf sich aber, daß bei den Punan ein anderer Stamm weilte, und daß unter diesen ein Mann lebte, dessen ganze Familie jener Malaie aus Habsucht ins Verderben stürzte, – das ahnte der Schuldige nicht, er würde sich sonst gehütet haben, die Rache herauszufordern! Im Augenblick, als Bassar aus den Hütten der Punan seine Opfer stehlen wollte, sandte Dewata-Dugingang den Sohn Alteis, – ich kann nichts tun, um ihn an seinem gerechten Vorhaben zu verhindern. Nur für eure Sicherheit werde ich sorgen.

Der Doktor hatte mehrfach versucht, den alten Häuptling zu unterbrechen. Jetzt, als er schwieg, ergriff er dessen Hand. »Ich bin ein Liau, Panglima,« sagte er, mit innerem Widerstreben seinen heiligen Stand in der Weise dieser Barbaren bezeichnend, »ich bin ein Liau, und als solcher frage ich dich, ob du glauben kannst, daß Dewata-Dugingang den einen seiner Söhne erschaffen habe, damit er den andern morde? Ist das vernünftig, ist das gut und erlaubt?«

»Nicht immer, Fremder, und nicht wenn der eine des anderen Genosse, oder wenn er ihm ganz unbekannt ist, wohl aber, sobald sich der Dajak und der Malaie gegenüberstehen. Es ist den Göttern wohlgefällig, daß wir den gelben, falschen Stamm ausrotten, das Gleiche lehren auch die Liaus deines Volkes, Fremder! Nigura ist ein großer König, er hat viele Küstenländer besucht und mit den weißen Seefahrern Handel getrieben; er hat gehört, daß auch in ihren Hütten Feindschaft entbrennt, so oft ein Stamm den anderen überfällt.«

»Aber das ist etwas durchaus anderes, Panglima! Die –«

»Still!« winkte der Alte. »Du weißt nicht, Fremder, welches Elend die Malaien über unser friedliches Volk gebracht haben, du weißt nicht, was es heißt, ganze Stämme, die bisher glücklich und zufrieden lebten, in Sklaverei geraten zu sehen. Der Malaie kam und zerstörte unsere Häuser, nahm unsere Felder und Herden, nahm unsere jungen Kinder und trieb hinein in den Wald, wo nichts wächst, was den Menschen ernährt, alle die seinen Peitschenhieben entflohen, die nicht in seinen Kohlengruben lebendig verscharrt werden wollten, – Fluch den Malaien!«

Der alte Geistliche seufzte mutlos. »Das ist das Volk, welches bislang alle Missionare ermordete und allem Eindringen des Christentums einen Damm entgegensetzte,« sagte er leise in deutscher Sprache. »Ich halte weitere Bitte für verschwendet.«

»Panglima,« wandte er sich dann nochmals an den greisen Häuptling, »willst du für Geld unsere Führer in Schutz nehmen? Ich biete dir große Summen.«

In den eingesunkenen Augen des Fürsten blitzte plötzlich ein heißer Strahl. »Mehr als alles Geld der Erde ist es wert, den Kopf eines Malaien abgeschnitten zu haben,« versetzte er mit düsterem Ernst. Dann aber, die Hand erhebend, fügte er hinzu: »Hört ihr?«

Die Weißen horchten und vernahmen voll inneren Grauens einen Ton, der wie Drohung, wie wildes Flehen klang, und der endlich in schauerliches Röcheln überging. –

»Kommt!« mahnte Holm, »kommt, wir haben das Unsrige getan. Es ist vergebens, bei so eingefleischtem Hasse Erbarmen zu suchen.«

Die kleine Schar verabschiedete sich stumm grüßend von dem alten weißhaarigen Heidenkönig, der inmitten seiner Getreuen, durchaus nicht ohne persönliche, angeborene Herrscherwürde, die Gäste entließ, indem er mehreren Unterhäuptlingen leise Befehle gab. Die Malaien waren tot, daran ließ sich nicht zweifeln; unsere Freunde befanden sich also vollständig in der Gewalt der Eingebornen, sie konnten nicht zuviel auf die versprochene Sicherheit bauen. Das Gepäck wurde aufgeschnallt, die Dolmetscher abgelohnt und in Begleitung von vier bewaffneten Dajaks die Weiterreise angetreten. Schon graute der Tag, als die kleine Karawane das Zeltlager der Punan durchschritt; überall standen und saßen in Gruppen die Männer, man flüsterte und zischelte, obgleich keinerlei Angriffe oder Beleidigungen stattfanden; schon war fast das ganze Dorf passiert, als an der letzten Hütte desselben die Dajaks stehen blieben und zum Mittelbalken hinauf Worte riefen, aus deren Ton sich der haßerfüllte, beschimpfende Inhalt unschwer erraten ließ. Sie schwangen die Waffen und ballten die Fäuste, wildes gellendes Jauchzen erfüllte die Luft. – –

Holm sah hinauf, nicht ohne eine Vorahnung dessen, was seinen Blicken begegnen würde, – er versuchte es, die Knaben so schnell als möglich vorüberzuführen, aber der Doktor verhinderte ihn daran, indem er selbst stillstand und den Strohhut vom Kopfe nahm.

Da oben über dem Eingang hingen, umspielt von den ersten Strahlen der jungen Morgensonne, die abgeschnittenen Köpfe der fünf Malaien, noch blutend, noch wie im Leben mit offenen Augen – grauenhaft, entsetzlich zu sehen. Wo die Körper geblieben, das verriet kein Zeichen; nur der Kopf ist es ja, nach dem des Dajaks brennender Ehrgeiz trachtet.

Der alte Theologe sprach unbeirrt von den drohenden Gefahren des Augenblicks auf Deutsch ein Gebet für die Seelenruhe der Ermordeten, und während dieser in ernstem, würdevollem Ton gehaltenen Rede schwiegen selbst die rohen Heiden, wagten sie keinen Widerspruch, keine Beleidigung, sondern hielten sich still, als sei der »fremde Liau« ein Priester ihres eigenen Volkes. Der Greis sprach zu den Göttern, Dewata-Dugingang verweilte ungesehen in ihrer Mitte. – sie regten kein Glied, um nicht die Gewaltigen zu erzürnen. –

Das ist die erhabene Macht des Gottesgedankens, daß selbst die wildesten Wilden sich ihr widerstandslos beugen! Kein Volk so niedrig, kein Volk so vertiert – es betet doch. – –

*

Fast ohne alle Unterhaltung, ohne die alte frische, fröhliche Reiselaune wurde der erste Teil des Weges zurückgelegt. Gewiß waren große Sünder jählings im Augenblick ihrer kecksten, verbrecherischen Pläne vom Schicksal ereilt worden, gewiß war frevlem Übermute hier von Gottes Hand ein Ziel gesetzt, aber dennoch ließ das Grauenhafte der ganzen Begebenheit zunächst diesem Gedanken noch keinen Spielraum; erst als am Abend ein neues Dorf der wandernden Mankeian erreicht war und hier dem Unterpanglima von König Nigura der Befehl überbracht wurde, die Reisenden in Schutz und Geleit zu nehmen, als die vier Dajaks den Rückweg antraten und somit die äußere Erinnerung an den fünffachen Mord nicht unwillkürlich in jedem Augenblick aufgefrischt ward, da fingen die Weißen an, das schauderhafte Ereignis zu vergessen oder wenigstens doch sich aus dem Bann desselben freizumachen. Auf anderem Wege als dem, welcher sie hierhergeführt, durch lachende Täler und üppiges Weideland verfolgten sie von Dorf zu Dorf ihren Zug über den ganzen Mittelrücken der Insel. Viele Tausende von Dajaks wohnten im Inneren, und alle gehorchten ohne Widerspruch dem Befehl Niguras, jeder Stamm gab bis zu den nächsten Hütten der kleinen, wandernden Schar einige seiner Krieger zum Geleit, so daß die Weißen von Hand zu Hand bis in die Nähe der Malaiengrenze gelangten; dann freilich hüteten sich die Dajaks, noch weiter vorzudringen, um nicht etwa für jene ersten Schuldigen, hundert Meilen tiefer im Urwalde, zur Rechenschaft gezogen und als willkommene Beute in die Kohlengruben gesteckt zu werden.

Im Angesicht der ersten malaiischen Pflanzung waren sie ohne Abschied wie in den Boden hinein verschwunden.

Die Reisegenossen saßen am Wege und hielten Rat. Holm war verdrießlich, weil er bei der übereilten Flucht seinen kleinen Orang-Utang im Stich lassen mußte, der Doktor riet ernstlich, nun mit den Malaien keine Verbindung wieder anzuknüpfen, nur die drei jungen Leute wollten von keinem Zurückweichen oder Aufgeben hören.

»Wir gehen direkt nach Celebes zu den Alfuren!« sagte Franz.

»Ich will nach Lombock, um die nur dort wachsende Palme kennen zu lernen, welche, nachdem sie einmal getragen hat, stirbt,« warf Holm ein.

»Eine Expedition unter Malaienführung mache ich nicht noch einmal wieder mit,« beharrte der Doktor. »Ihr könnt allein reisen.«

»Laßt uns den Kapitän hören,« schlug Hans vor. »Vielleicht kann er Gutes raten.«

Und das geschah denn auch. Die letzten paar Meilen durch das Malaiengebiet wurden in langsamen Märschen zurückgelegt, und in der Stadt dem holländischen Gouverneur die ganze Angelegenheit zu Protokoll gegeben, ebenso das bedungene Geld den Hinterbliebenen Bassars ausgezahlt; dann steuerte das Schiff nach Lombock, einer der kleinen Sundainseln, an dessen von steilen Gebirgswänden umgebenen Küsten es tagelang warten mußte, ehe die fast unmögliche Landung zu glücklicher Stunde bewerkstelligt werden konnte.

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