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Das Naturforscherschiff

Sophie Wörishöffer: Das Naturforscherschiff - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorSophie Wörishöffer
titleDas Naturforscherschiff
publisherVerlag von Velhagen & Klasing
year1941
printrunVierzehnte Auflage
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
senderwww.gaga.net
created20070530
modified20150522
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Zehntes Kapitel

Nach Borneo. Fänge mit dem Schleppnetz. Die Seewiese. Begegnung mit dem »Julius Cäsar«. Nachrichten von Haus. Weitere Arbeiten mit dem Schleppnetz. Ankunft in Borneo. Banjar-massing. Der photographische Apparat. Im Kohlenbergwerk. Die malaiischen Führer. Ins Innere.

—————

 

Natürlich wollte jeder einzelne der Schiffsbesatzung des genauesten über die wunderbaren Erlebnisse der Naturforscher im Innern Javas unterrichtet sein.

Papa Witt lachte, als er von dem verhängnisvollen Abenteuer seiner Freunde erzählen hörte. »Die Malaien taugen alle nichts,« sagte er, »man muß sie prügeln, das ist das beste Mittel. Ihr könnt übrigens froh sein, daß euch kein Dolch zwischen die Rippen fuhr, die ganze gelbe Sorte ist falsch wie Seifenschaum. Wollen wir wirklich nochmals an ihren Ufern landen?«

»Noch mehrere Male, Alter; für heute aber soll einmal wieder die Tiefe untersucht werden. Wir haben lange nicht mit dem Schleppnetz gearbeitet.«

Gesagt, getan. Die Fangarme der Maschen senkten sich in das Meer hinab und brachten eine reiche Ausbeute zurück. Große Seeaale zappelten in den hanfenen Ketten, Silber- und bunte Papageienfische, Krebse und die kleinen, gelbgrünen Schildkröten, namentlich aber Seerosen, von denen gerade diese Gegend einen außerordentlichen Reichtum zu besitzen schien. Von ungewöhnlicher Größe, meistens ganz gelb und auf langem, starkem Stamme gewachsen, mit krauser, blumenartiger Krone, waren sie die hübschesten unter allen bisher gesehenen, während sich ihre Verwandten, die großen, frei schwimmenden Quallen, durch Häßlichkeit förmlich auszeichneten. Beim zweiten Zuge war es fast unmöglich, das Netz heraufzubringen, alle Seile krachten und drohten zu reißen, die Tragkraft schien auf das äußerste angespannt.

»Vorsichtig!« ermahnte Holm, »vorsichtig! Es wäre doch jammerschade, wenn uns diese Beute entschlüpfen sollte.«

Langsam wurde die schwere Last von den Matrosen heraufgewunden, und als der Inhalt über dem Wasserspiegel erschien, da zeigte sich eine riesige Qualle von grauer, schmutzig-weißer Farbe, mit langen Fangarmen und einem scheußlichen, beständig schnappenden Maul, das zwischen den kranzartig abstehenden Gliedern seinen Platz hatte. Ohne Kopf, ohne Sinnesorgane, ganz Magen und Fanghaken, war das Geschöpf gegen die Maschen des Netzes geraten und hielt in der Meinung, einen guten Fang getan zu haben, krampfhaft saugend fest, bis es an die atmosphärische Luft gelangte und sogleich anfing langsam zu zerrinnen. Die Glieder schlugen und tasteten, der ganze, über zwei Meter lange Körper zog sich zusammen und dehnte sich wieder aus, dann aber ging die ursprüngliche Festigkeit über in zähen Schleim, und was nach dem letzten Erlöschen des Lebens dem Meere zurückgegeben wurde, war eine klebrige Masse ohne Form und Halt.

»Diese Geschöpfe erreichen die Größe von sechs Metern und wiegen zuweilen Tausende von Pfunden,« sagte Holm, »ihre kleinsten Verwandten, welche den Badegästen der Nord- und Ostsee äußerst lästig werden, bringen es über den Umfang einer Linse nicht hinaus. Ihre Verschiedenheit in Form und Farbe ist unübersehbar, alle Arten jedoch, vom Korallentier bis zu den größten, bestehen lediglich aus zähem Schleim.«

Das Netz wurde an dieser so sehr ergiebigen Stelle zum drittenmale herabgelassen, und wieder brachte es reiche Beute; außer verschiedenen Fischen noch mehrere Cephalopoden, die sogleich in Behälter mit Wasser gesetzt und so aus bequemster Nähe beobachtet wurden. Eins besonders, das Perlboot, war von überraschender Schönheit. Etwa acht Zoll im Durchmesser haltend, hatte es ein milchweißes, an einigen Stellen hellbraun gestreiftes, perlmutterartig schillerndes Gehäuse von beinahe halbrunder, gezackter und inwendig eine Schale bildender Form. Das ganze Tier, wie eine Auster inmitten des Gehäuses festgewachsen, bot ein Farbenspiel, welches lebhaft an das des wechselnden Regenbogens erinnerte. Bald erglänzten die dehnbaren Zellen des kleinen, beweglichen Körpers im schönsten Blau, bald violett, purpurn und hochgelb; so oft die Knaben vorsichtig das Tier berührten und dadurch die Nerven desselben reizten, verdoppelte sich die Stärke dieses sonderbaren Spieles; sie konnten jedoch nicht nur ausschließlich das Perlboot bewundern, auch noch andere und nicht weniger interessante Geschöpfe hatte ja das Netz zu Tage gefördert. Da war das Nabelboot und das Papierboot, die schöne Seeglocke mit becherartiger, drei Zoll im Durchmesser haltender, rötlich gestreifter Schale, da waren kugelige Seeigel und sogar auch als seltener Fang eine große Feuerscheide, das sonderbare mit den Quallen verwandte Geschöpf, welches, aus einer ganzen, zahlreichen Familie kleiner Einzelwesen bestehend, doch zusammen nur ein Leben besitzt. Die wenige Linien großen, form- und farblosen Tierchen bilden um einen gestielten Mittelpunkt eine Art von Kreuz, wobei alle Mundöffnungen nach außen gekehrt sind. Der walzenförmige Stiel ist vom schönsten Hellgelb und bis zu vierzehn Zoll lang bei drei Zoll Durchmesser.

Das Papierboot verdiente seinen Namen mit Recht, denn seine Schale war in der Tat nicht dicker als Schreibpapier.

»Wir werden zwei dieser zerbrechlichen Geschöpfe, wohl in Watte eingehüllt, in Spiritus setzen,« sagte Holm, »damit an dem weichen Körper zoologisch-anatomische Studien gemacht werden können, aus den übrigen eingefangenen Exemplaren wollen wir versuchen, den leicht in Fäulnis übergehenden Inhalt zu entfernen.«

»Wenn wir den eisernen Haken anwenden, dessen wir uns bei den hartschaligen Schnecken bedienten,« warf Franz ein, »so dürfte es schwer fallen, die papierdünne Schale unverletzt zu lassen.«

»Gewalt wäre in diesem Falle übel angebracht,« bestätigte Holm, »aber ihr wißt ja – wo Gewalt nichts vermag, muß die List aushelfen.«

»List?« fragte Hans. »Sollte es möglich sein, den Bewohner aus seiner Schale herauszulocken, wie einen Hund mit einem Knochen aus der Hundehütte?«

»Nein,« entgegnete Holm lächelnd, »hier würde kein Zureden nützen. Was meinst du aber, wenn wir ein Mittel besäßen, den weichen Körper durch eine Substanz ganz und gar zu zerstören, so daß er sich in Wasser auflöst?«

»Dann wäre uns geholfen,« antwortete Franz.

»Nun gut,« sagte Holm. »Unter unseren Vorräten befindet sich ein chemisches Präparat, das ich zu dem vorliegenden Zwecke mitgenommen habe, und das sich auch in anderen Fällen nützlich erweisen wird. Es ist dies das sogenannte Ätzkali, eine salzartige, leicht in Wasser lösliche Substanz, welche die Haut, Weichteile und Fette zersetzt. Mit dem Fett geht es eine Verbindung ein, deren wir uns sogar täglich bedienen, es ist die Seife. Wir wollen jetzt in einem eisernen Gefäß ein apfelgroßes Stück des geschmolzenen Ätzkali in Wasser auflösen und in der so erhaltenen »Lauge« die gefangenen Exemplare des Papiernautilus so lange über gelindem Feuer langsam kochen, bis das weiche Tier zersetzt und in lösliche Seife verwandelt worden ist.«

Gesagt, getan. In kurzer Zeit waren die Schaltiere auf dem Feuer zum Erstaunen des Koches, der sich außerdem über den unangenehmen Geruch beklagte, der sich aus dem eisernen Topfe während des Kochens entwickelte.

Etwa einen halben Tag lang wurde der Topf mit seinem sonderbaren Inhalte gelinde erwärmt, bis eine herausgenommene Schale erkennen ließ, daß der Körper des Tieres von der Kalilauge zerstört und aufgelöst sei. Jetzt war nur noch nötig, die Schalen mit reinem Wasser gut abzuspülen, zu trocknen und zu verpacken. Damit das papierdünne Gehäuse nicht zerbrechen konnte, wurde seine innere Höhlung, soweit als möglich, vorsichtig mit Baumwolle vollgestopft.

Franz äußerte, als die trefflich erhaltenen, sauberen Schalen in Sicherheit gebracht waren, »ein Naturforscher müsse doch eigentlich von vielen Dingen Kenntnis haben, wenn eine Reise in fremde, wilde Länder mit gutem Erfolge gekrönt sein soll. Sogar ohne ein wenig Chemie kann man nicht auskommen,« meinte er.

Holm stimmte ihm bei. »Auf keinem Gebiete rächt sich die Einseitigkeit mehr, als auf dem der Naturforschung,« sagte er. »Die Geheimnisse der Natur werden nicht durch einen einzigen Schlüssel erschlossen, zu ihren Wundern führt nicht bloß ein Weg, sondern mannigfaltig, wie sie selbst sind, sind auch die Mittel und Wege, sich ihr zu nahen und sie zu erkennen. Unsere Aufgabe,« setzte er hinzu, »besteht hauptsächlich darin, den Gelehrten neues und reiches Material für ihre Beobachtung zu verschaffen. Es ist dies zwar nur ein Zweig der Naturforschung, aber wie ihr seht, erfordert er mancherlei Kenntnisse, Handgriffe aller Art, und selbst die Chemie darf nicht fehlen. Denn das Zersetzen eines tierischen Körpers mit Kalilauge ist ein chemischer Prozeß.«

Seesterne jeder Gestalt, Würmer, Krabben und mehrere Fische, sogar ein ganz kleiner Haifisch bildeten den Rest des ergiebigen Fanges, dessen Einteilung und Aufbewahrung mehrere Stunden in Anspruch nahm. Alle diese Schalen sollten vom nächsten Hafen nach Hause geschickt werden, man mußte sie also vorher reinigen und von ihren Insassen vollständig befreien; der Hai wurde zum Ausstopfen bestimmt und die Würmer in Spiritus gesetzt, kurz, man hatte alle Hände voll zu tun, als plötzlich ein lauter Schreckensruf über das Deck dahinschallte.

»Land! Land! – Wir laufen geradeswegs auf den Strand.«

Rua-Roa hatte mit bleichem Gesicht und dem Ausdruck des Entsetzens die Worte hervorgestoßen; jetzt deutete seine erhobene Rechte auf das Meer hinaus. »Seht doch! Seht doch! – Wir sind unrettbar verloren.«

Vom Ausguck her erscholl fröhliches Lachen, auch Papa Witt schmunzelte, und der Kapitän rief aus der Kajütte herauf ein kräftiges: »Donnerwetter, Junge, entdeckst du neue Weltteile?« – Dennoch aber entstand im ersten Augenblick ein Laufen und Fragen, ein Durcheinander, wie es bei jedem Schreckensschrei sich zu entwickeln pflegt; die kleine Gesellschaft drängte zum Schiffsrand, sämtliche Arbeiten wurden vergessen, und aller Augen suchten den gefürchteten Strand.

In geringer Entfernung vom Schiff erschien auf den Fluten eine unübersehbare grüne Fläche. Schlanke Halme wogten im Wind, nirgends war von Wasser eine Spur zu bemerken, kleinere Vögel hatten sich in dem dichten Grün häuslich niedergelassen, und sogar liegende Baumstämme, Zweige mit Laub und Blüten trieben an den Kanten. Das Ganze schien regungslos auf der Oberfläche des Meeres zu schwimmen, es sah aus wie eine üppige Grasfläche, so daß selbst Holm dem inzwischen an Deck gekommenen Kapitän fragend und einigermaßen erstaunt entgegenblickte. »Was in aller Welt ist das?« rief er.

»Eine Seewiese!« lächelte der Alte, »und eine sehr unbedeutende sogar. Das, was Sie da sehen, ist der sogenannte Seetang, die bekannte grüne Alge, welche massenhaft in allen Meeren vorkommt. Diese Wiese ist in ihren ersten Anfängen irgendwo vom Grunde losgerissen, weitergetrieben und anderen treibenden Pflanzen begegnet, das alles hat sich verflochten und verfilzt, ist gewachsen und zur ansehnlichen Fläche geworden, bis endlich eine förmliche, treibende Insel entstand. Dergleichen findet man sehr häufig.«

Er rief den Decksjungen und befahl ihm, einige große Stücke Steinkohlen zu bringen. »Sehen Sie her, wie dicht mit der Zeit ein solches Gewebe wird!« fügte er hinzu.

Seine Rechte warf auf das grüne Ufer, an dem man hart vorüberfuhr, eine Kohle, die auf der Oberfläche liegen blieb. Es sah aus, als gleite das Schiff dahin am friedlichen, fruchtbaren Gestade, als sei die Reise eine Fahrt durch den engen, dörflichen Fluß, dessen Ränder Wiesen und Äcker begrenzen. Länger als eine Viertelstunde währte diese Täuschung, dann blieb das Eiland mit seinem saftigen, erquickenden Grün allmählich hinter dem Dampfer zurück, und schon vor Mittag war es den Blicken entschwunden.

Das Diner wurde wie gewöhnlich bei schönem Wetter an Deck eingenommen, der Koch hatte zu den frischgefangenen Krebsen die notwendige Schüssel mit Spargel hergerichtet, dazu gab es von Surabaja her noch Kartoffeln und Hühner; die Mahlzeit war also ganz danach angetan, ihre Teilnehmer besonders zu befriedigen und an die Heimat zu erinnern. Seit länger als anderthalb Jahren befanden sich die Reisenden unterwegs, aus den Stadtkindern von zarter Gesichtsfarbe und lang aufgeschossenem Wuchs waren derbe, sonnenbraune junge Leute geworden; Hans zeigte keine Spuren früherer Kränklichkeit mehr, sein älterer Bruder behauptete sogar, in nicht allzu ferner Zeit ein Rasiermesser anschaffen zu müssen, und selbst Holm hatte sich kräftiger entwickelt, wie alle gesunden Menschen, die viel Seeluft genießen und in weiten Fußwanderungen ihre Muskeln stärken; – Westafrika, Madagaskar, Mauritius, Ceylon und Java waren durchforscht, Gefahren aller Art bestanden und Schätze des Wissens eingesammelt worden; – um so häufiger aber dachten die Herzen der Weltumsegler gerade der engen nordischen Heimat; mitten in den Prachtbildern der südlichen Zone erschien ihnen oft im Traume das Antlitz der Vaterstadt, und schöner und entzückender als die Tropen mit aller ihrer Reichtumsfülle deuchte den weit Entfernten der Elbstrand, an dem sich daheim das Elternhaus erhob. –

»Schiff in Sicht!« rief der Matrose am Ausguck, und wenige Augenblicke später fügte Papa Witts Stimme hinzu: »Ist ein Hamburger! – wahrhaftig, ich glaube sogar, einer von unseren eigenen Dampfern!«

Der Kapitän sprang auf und sah durch das Fernrohr. »Richtig, es ist der »Julius Cäsar«!« rief er, »ich erkenne ihn am Bau.«

Jetzt kam Bewegung in die jungen Leute. Der »Julius Cäsar« war daheim auf Steinwerder erbaut, sie kannten den Kapitän und durften hoffen, noch mehr als ein vertrautes Antlitz an Bord zu entdecken. Das beste aber war, sie würden ganz neue Nachrichten erhalten, würden dieses und jenes erfahren, was zu Hause inzwischen passiert war, und selbst mit denen sprechen können, die das alles angesehen hatten; – ihre Ungeduld, ihre sehnliche Erwartung stieg von einem Augenblick zum andern. –

»O, Herr Kapitän, wenn nur das Schiff nicht achtlos an uns vorüberfährt!« rief Hans.

»Hat keine Not, mein Junge. Sie beobachten uns ebensowohl als wir sie. Aha, da hörst du es!«

Ein Kanonenschuß rollte über das Wasser dahin, ein zweiter und dritter folgten. Die »Hammonia« war erkannt, der Kapitän vom »Julius Cäsar« grüßte den schwimmenden Bau, der die Söhne seines Chefs über das Weltmeer trug. Noch war die Entfernung für einen Anruf durch das Sprachrohr zu groß, aber dafür antwortete vom Deck unseres Dampfers die Kanone; beide Flaggen wechselten Zeichen, und endlich begann die Unterhaltung. Der »Julius Cäsar« war von einer Hamburger Firma für Batavia gechartert und kam von dort, um nach den Schifferinseln zu gehen, wo er die Rückfracht für Reeders Rechnung einnehmen sollte, er fuhr im Augenblick mit Ballast und würde sich die Ehre geben, der »Hammonia« eine Visite abzustatten.

Nah und näher schwammen die beiden Eisenkolosse an einander heran. Was deutsche Schiffsbaukunst erfunden und deutsche Hände gefügt, das trug in seinem sicheren Schoße jetzt am entgegengesetzten Ende der Erdkugel deutsche Herzen auf unergründlichem Weltmeer einander entgegen; Deutschlands Flagge entfaltete rauschend ihr leuchtendes Schwarzweißrot; hüben und drüben wurden die Hüte geschwenkt; jubelnde Zurufe bekundeten das gegenseitige Erkennen, und dann lagen beigedreht, rastend vom eilenden Laufe, die beiden Gottfriedschen Schiffe Seite an Seite; von jedem Bord senkten sich die Boote ins Wasser, und alles was Urlaub hatte, das machte dem neugewonnenen Nachbar einen Besuch, alles was Stimme hatte, das grüßte die Landsleute, das sprach ein Wort des Willkommens, der Freude.

Vor wenigen Monaten waren ja die Leute vom »Julius Cäsar« noch in Hamburg gewesen; der Kapitän hatte den Papa und die Mama persönlich gesehen, sie gesund und glücklich verlassen; er berichtete hundert Einzelheiten von zu Hause und wurde doch unaufhörlich nach allem Möglichen gefragt, mußte über die geringsten Kleinigkeiten Auskunft geben und beinahe mehr antworten als er Atem hatte. Die Matrosen auf beiden Schiffen erhielten einen freien Tag und eine Extraration Rum; die Handharmonika wurde hervorgeholt, in aller Eile ein bißchen für den äußeren Menschen getan, und dann entwickelte sich auf dem engen Raum des Verdeckes ein lustiges Tänzchen, wobei die Leichtmatrosen als Damen galten, aber trotzdem ihren Anteil an Grog und Kautabak bestens entgegennahmen. In der Kajütte wurde bei Kaffee und Kognak geplaudert, während die alten heimatlichen Melodieen, die Hamburger Straßenklänge über das weite Wasser dahinschallten und die derben Stiefel der Mannschaft den Takt vernehmlich stampften.

»Drucks nicht so, drucks nicht so, – Kommt 'ne Zeit, bist wieder froh!« –

Die Reisegenossen sahen einander an. Wie oft hatten sie es erfahren!

Und leise, leise fielen sie ein in die bekannten Strophen. Es lag doch in diesem Wiedersehen auf hohem Meere außer der Freude auch ein stiller, beinahe feierlicher Ernst. So nahe dem Tode, nur durch eine schwache Wand von der Tiefe getrennt, durch die ganze Erdkugel von der Heimat und allen Lieben geschieden, an den höchsten Zielen der Menschheit, ihrer wissenschaftlichen Aufklärung mitarbeitend und selbst das Höchste genießend, was wenigen Glücklichen beschieden ist, sich frei und ungehemmt, vom äußerlichen Druck der Verhältnisse unberührt, nach Wunsch und Bedürfnis einrichten zu können, – wie lagen hier die ernsten, schwerwiegenden Kontraste des Lebens so nahe bei einander, wie gingen untrennbar verflochten Hand in Hand die edelsten geistigen Genüsse und die vollkommenste Selbstentäußerung tausend und abertausend Beschwerden gegenüber.

Der Abend dämmerte schon, und die Sterne bezeichneten den Kurs, als endlich an den Aufbruch gedacht wurde. Wie viel Neues hatten nicht die Wanderer erfahren, mit wie vielem Stolz und Vergnügen hatten sie gehört, daß hinter den Gittern des Zoologischen Gartens und im Museum alle ihre Sendungen, namentlich der reiche Fang von Mauritius den Landsleuten als ein Teil der gemachten wissenschaftlichen Ausbeute täglich vorgeführt wurde. Die großen seltenen Muscheln waren unbeschädigt, die ausgestopften Tiere wohlerhalten angelangt, die lebenden erfreuten sich des besten Gedeihens; Kapitän Hollberg hatte daheim in Hamburg jedes einzelne gesehen und bewundert; auch das erste Buch von Franzens Reiseerinnerungen, lauter Bleistiftskizzen aus dem Urwalde, im Zelt oder auf hoher See gefertigt, war mit dem Postdampfer richtig angekommen, Mama zeigte es mit Stolz allen Freunden des Hauses, und sämtliche Klassenkameraden ihres Sohnes drängten sich, um darin blättern zu dürfen.

Noch immer anderes, immer mehr gab es zu berichten, und doch mußte jetzt die Trennung erfolgen. Ein herzliches Lebewohl wurde ausgetauscht, ein Glückauf von Bord zu Bord, die Ziehharmonika ging unvermerkt über in die Melodie von »Muß ich denn, muß ich denn zum Städtle hinaus!« – Die Dampfmaschinen begannen abermals ihre Tätigkeit, nach rechts und links wandte das Steuer den schlanken Bau, und die Flaggen wehten Abschiedsgrüße.

»Übers Jahr, übers Jahr, wenn ich wied'rum komm!« sangen die Matrosen; von hüben und drüben dröhnten die Kanonen den Baß, und weiter und weiter dehnte sich zwischen den Schiffen das blaue, bewegliche Element. – Nichts mehr zu erkennen jetzt, die Abendschatten umhüllten mit ihren Schleiern jegliche Form, nur zuweilen flog ein Seevogel über das Deck dahin, und eintönig schlugen, immer drei und drei, die Wellen gegen den Rumpf: sonst alles still, so still wie nach einem Abschied das Herz zurückbleibt, – einsam und heimlich schauernd.

Franz suchte den Malagaschen. Der war eigentlich heute ganz vernachlässigt worden, man hatte seiner vergessen, als so plötzlich die Heimat ihre Boten sandte. Rua-Roa saß hinter der Kombüse und sah mit gekreuzten Armen über das dunkle Meer hinaus; Franz erschrak, als er das blasse Gesicht seines Freundes heimlich beobachtete; er legte ihm die Hand auf die Schulter. »Woran denkst du, Rua?« fragte er halblaut.

Der Malagasche zuckte leicht. »Waren das deine Brüder, Herr?« sagte er nach einer Pause. »Männer aus deinem Lande?«

Franz nickte. »Warum hast du dich so ferngehalten, Rua?«

Der junge Mensch seufzte. »Ich dachte so an manches, Herr; du mußt nicht glauben, daß ich mein Vaterland vergessen habe, aber – – dahin möchte ich doch nie wieder.«

»Warum nicht? Wenn du ein Christ geworden bist und deutscher Untertan, dann kann niemand mehr deine persönliche Freiheit beschränken.«

Der Malagasche sah ihn an. »Niemand, der Gesetze kennt und Gesetze achtet, Herr, aber meine Brüder sind arme Wilde, sie würden den entlaufenen Sklaven den Krokodilen vorwerfen. Ein Sklave hat keine Heimat!«

»So hast du sie da, wo ich die meinige besitze, Rua!« sagte innig der Sohn des Millionärs. »Du rettetest uns allen das Leben, seit dieser Stunde bist du mein Bruder.«

Und der Malagasche lächelte, obgleich sich in seinen Augen schwere Tränen gesammelt hatten. Die Musik und die Wiedersehensfreude der anderen weckten in seinem Herzen, ihm selbst unbewußt, das schlummernde Heimatsgefühl, er dachte an die Bambushütten und die bunten Wolldecken, an das feierliche Krokodilgericht und Lani-Lameh den Zauberer, der einst seine ersten Begriffe gelenkt, der ihm gesagt, daß die Welt eine runde Scheibe sei, schwimmend im Urmeer, und Madagaskar darin die Mitte; daß sich in das Gebiet der bösen Gewalten hinauswage, wer ein Schiff besteigt und die Ufer der Erde verläßt, ja und daß irgendwo tief verborgen Zannaar der Weltgeist in einer Höhle wohne, in unsichtbaren Räumen, nie erspäht von Menschenaugen, nie zu finden, so lange auch Sterbliche suchen mögen. – –

Jetzt kannte er die Irrtümer aller dieser Anschauungen, jetzt wußte er, daß Lani-Lameh ein schlauer Spitzbube sei und die Hovas arme Wilde, aber doch hatte es ihm heute so eigen weh ans Herz gegriffen, und er dachte heimlich: »Ich möchte ein großer Vogel sein und einmal über die stillen Dorfhütten dahinfliegen, – nur einmal!« –

»Du bist mein Bruder!« wiederholte Franz, »mein lieber, guter Bruder.«

Der Malagasche nickte, aber auf die weiße Hand, welche ihn liebkoste, fielen warme Tränen.

*

Das Zusammentreffen mit den Landsleuten hatte in den Gemütern der jungen Reisenden ein Gefühl zurückgelassen, das fast dem Heimweh glich. Der Doktor suchte die Trauer der Knaben durch milde Worte zu verscheuchen, allein es gelang ihm nur halb. Holm dagegen meinte: »Doktor, das beste Mittel gegen Betrübnis ist und bleibt die Arbeit, vergessen wir nicht, zu welchem Zwecke wir die Reise unternommen haben. Auf, ihr jungen Argonauten,« rief er, »verlangt uns auch nicht nach dem goldenen Vließe, so steht unser Sinn doch nach den Schätzen des Meeres, die es in seinem weiten Schoße birgt. Laßt uns sehen, was das Schleppnetz an das Licht der Sonne fördert. Nutzen wir Zeit und Gelegenheit.« Ein engmaschiges, lang dahingestrecktes Netz, dessen Vorderseite mit einem schweren, eisernen Rahmen versehen war, wurde am Spiegel des Schiffes hinabgelassen und folgte auf dem Grunde des Meeres nachschleifend der »Hammonia«.

Nach zwei Stunden rascher Fahrt wurde es in die Höhe gewunden, und von diesem Augenblicke an wich die trübe Stimmung der gewohnten Lust zum Sammeln, Beobachten und Präparieren, und auch die alte Fröhlichkeit stellte sich wieder ein.

Das Schleppnetz hatte reiche Beute nach oben gebracht. Holm entdeckte beim Sortieren eine kleine Krebsart, die, kaum einen halben Zentimeter lang, sich durch besondere Zierlichkeit auszeichnete; es war dies der Leuchtkrebs, der zu den vielen Meergeschöpfen gehört, die durch ihren phosphorischen Glanz das Meeresleuchten hervorbringen. Außerdem war ein großer Molukkenkrebs ins Netz gegangen, der, einen halben Meter lang, einer Kasserolle mit langem Stiel glich. Die Wilden bedienen sich der harten, scharfen Schwanzstacheln als Lanzenspitzen. Da diese Krebsart in den Aquarien nicht selten ist, beschloß Holm dies Exemplar nicht mitzunehmen. Es wurde daher der Tiefe wieder übergeben. Von Schnecken fand sich die seltene Birnenschnecke vor, über deren inneren Bau noch mancherlei verschiedene Ansichten herrschen und die daher sogleich in Spiritus wanderte, um für das Seziermesser aufbewahrt zu werden. Die Eischnecke war ebenfalls unter der Beute. Holm erklärte, daß dieselbe früher bei den Einwohnern von Korea in hohen Ehren gestanden habe, denn nur die Vorfechter im Kampfe und diejenigen Krieger, welche einige Köpfe von erschlagenen Feinden aufweisen konnten, durften das Gehäuse um den Hals oder im Haarschopf tragen.

»Also eine Art von Orden für Tapferkeit,« meinte Hans. Holm lächelte und sagte: »Nicht ganz übel gedeutet.« Dann machte er die Knaben auf eine eigentümlich geformte Nacktschnecke aufmerksam, die er als »Seehase« bezeichnete. Von den vier Fühlhörnern streckten sich zwei in horizontaler Richtung vor, um den Weg und die Nahrung zu betasten, zwei derselben glichen dagegen in ihrer aufrechten Stellung einem Paar großer, löffelförmiger Hasenohren, denen das Tier auch seinen Namen verdankt.

Holm setzte den eingefangenen Seehasen in eine Bütte mit frischem Seewasser, in dem er sich alsbald wohl sein ließ. Hierauf sagte er zu Franz, nachdem sie das Tier genugsam betrachtet hatten: »Fasse den Seehasen einmal an.«

»Bei den Löffeln wie ein Kaninchen?« fragte Franz.

»Ganz wie dir beliebt,« antwortete Holm, »nur gib genau Obacht auf die Veränderungen, die mit diesem seltsamen Geschöpfe vor sich gehen.«

Franz griff in das Wasser, um den Seehasen zu erfassen.

Kaum aber hatte er das Tier berührt, als dasselbe eine dunkelviolette Flüssigkeit absonderte, die es wie mit einer undurchsichtigen Wolke umhüllte und den Blicken aller entzog.

»Es versteckt sich,« rief Franz.

»Dieser violette Farbstoff dient dem Seehasen als Schutzmittel gegen seine Verfolger, in derselben Weise, wie sich auch der Tintenfisch durch Ausspritzen einer braunen Flüssigkeit zu schützen sucht, die im getrockneten Zustande von den Malern als Sepia zum Tuschen gebraucht wird.«

»Läßt sich der Farbstoff der Seehasen nicht auch zu ähnlichen Zwecken verwenden?« fragte Hans.

»Man kann allerdings mit demselben Seide und Wolle violett färben,« entgegnete Holm, »aber trotzdem wird aus diesem Grunde keine Jagd auf ihn gemacht, denn derselbe Farbstoff, den der Seehase in seinem Organismus erzeugt, wird in Europa alljährlich in Hunderten von Zentnern fabrikmäßig hergestellt und zwar aus dem Steinkohlenteer. Genaue Untersuchungen haben ergeben, daß der Farbstoff des Seehasen nichts anderes ist als – Anilin-Violett.«

»Wir müssen diesen Anilinfabrikanten des Meeres mitnehmen,« rief Franz.

»Gewiß,« antwortete Holm, »zumal diese Art von jener im Mittelmeer lebenden bedeutend abweicht. Eins ist aber zu bedenken. Wenn wir den Seehasen in Spiritus legen, so löst dieser den Farbstoff auf und färbt die Weichteile der übrigen Geschöpfe, welche wir in denselben Behälter tun, ohne Gnade violett. Er muß daher in einen Glashafen für sich gelegt werden und warten, bis er Gesellschaft von seinesgleichen erhält.«

Also geschah es auch. Die übrigen Schnecken wurden in der bereits bekannten Weise gereinigt und verpackt.

Mit den Fischen mußte allerdings anders verfahren werden, denn sie verlieren im Spiritus zum größten Teil ihre Farbe.

Holm verfuhr zum Konservieren der Fische nun in folgender Weise.

Er füllte eine kleine Spritze aus Zinn, die mit einer langen feinen Ausflußröhre versehen war, voll von einer Auflösung von Karbolsäure in starkem Weingeist. »Die Karbolsäure,« erklärte er, »ist eine Substanz, welche tierische Körper vor der Fäulnis schützt. Auch in dem Rauche von Holz und Torf kommt sie vor und bewahrt Fleisch und dergleichen vor dem Verderben, wie das Räuchern von Schinken und Würsten zur Genüge dartut. Selbst menschliche Leichen wurden im alten Ägypten oft durch bloßes Räuchern in Mumien verwandelt.«

Das feine Rohr der Spritze wurde nun vorsichtig in den Rücken des Fisches gesteckt und durch langsamen Druck das dort befindliche Fleisch mit der Karbolsäurelösung durchtränkt. Ebenso wurden die Eingeweide, der Rachen und das Gehirn mit der Lösung ausgespritzt. Mittels eines Pinsels erhielt die Oberfläche des Fisches ebenfalls ihren Anteil der konservierenden Flüssigkeit, und dann wurde der Fisch in die Sonne zum Trocknen gehängt.

In wenigen Tagen waren selbst große Fische fast steinhart angetrocknet und konnten hierauf mit einem durchsichtigen Firnis überzogen werden, der die Einwirkung der Luft abhielt und die Farben glänzend hervortreten ließ. Das war die einfachste Methode zum Konservieren der Fische, die ihre natürliche Gestalt behielten und so gut wie möglich ihre Farbe. Einzelne Exemplare jedoch mußten gezeichnet und mit Tuschfarben koloriert werden, da sie auch bei dieser Prozedur ihr schönes Aussehen verloren. So in voller Beschäftigung schwanden die Stunden und Tage, bis Borneo in Sicht kam und gelandet werden konnte.

Borneo! – Eine neue Wunderwelt tropischer Geheimnisse, aber auch neue harte Mühen, und Drangsale. Das äquatoriale Innere brachte zum erstenmale seit Afrika wieder jene brennende Sonnenglut, an die sich der Europäer nie so gewöhnen kann, daß sie ihm nicht mehr lästig und schädlich wäre; es brachte den voraussichtlichen Kampf mit fast ganz wilden Menschen, den Dajaks oder Kopfjägern, die zum Teil so berüchtigt sind, daß an eine Durchforschung ihres Gebietes gar nicht gedacht werden konnte; mit reißenden Tieren und allen Gefahren des dichten Urwaldes; aber dennoch zog die kleine Schar fröhlich und voll heiteren Mutes fürbaß, nachdem schon die Einfahrt auf einem der vielen großen Arme des Baritoflusses zur wahren Vergnügungsreise geworden war. Borneo ist von einem 6–10 Meilen breiten Gürtel von Anschwemmungen umgeben, so daß nur auf den Flüssen ein Eindringen in die Insel überhaupt möglich wird, diese Fahrt aber zwischen himmelhohen Bergen und im Angesicht einer zauberhaft schönen Pflanzenwelt gehört zu den großartigsten Eindrücken, welche der Reisende jemals empfangen kann. Freilich verhindert die Unzugänglichkeit der Insel auch im höchsten Maße das Vordringen der Kultur, freilich schreckt sie die Weißen erfolgreich zurück (es wohnen dort alles in allem keine dreihundert Europäer, während Java viele Tausende zählt), aber sie macht auch dem Naturforscher gerade diesen Punkt der Sundainseln zum interessantesten und bedeutendsten unter allen. Nirgends die häßlichen, kahlen Ufer Afrikas, der Sand und Busch, die Mangrovensümpfe, welche dort den Ankommenden empfangen; hier war alles üppig treibender Urwald, hier blühte es und trug Riesenblätter, Riesenhalme auf jedem Zollbreit Bodens; ja nicht selten neigten sich die Wipfel von beiden Seiten so schirmend und schattenspendend über den Fluß herein, daß das Schiff in einer kühlen, vom süßesten Blumenduft durchwehten Laube dahin zu schwimmen schien. Die Stadt Banjar-massing hat keinen weltbekannten Namen, ist kein vielbesuchter Hafen wie Batavia und Surabaja; die Reisenden konnten also nicht erstaunt sein, auch keineswegs eine schöne, wohleingerichtete Stadt zu finden, vielmehr nur äußerst notdürftige, ja zum Teil erbärmliche Wohnungen, in denen eine Bevölkerung von Chinesen, Arabern, Malaien und den eingebornen, hier an der Küste als Tagelöhner arbeitenden Dajaks ein buntes, aber wenig anziehendes Gesamtbild lieferte. Jede Wohnung, jede Straße, ja selbst jedes Menschenantlitz schien schwärzlich vom Staub der Kohlengruben, die sich in großer Anzahl um den Ort herum befanden.

Die Rast in Banjar-massing benutzte Holm, um einen lang gehegten Wunsch in Erfüllung zu bringen, der darin bestand, den von Hamburg aus nachgesandten photographischen Apparat in stand zu setzen und sich desselben zu Aufnahmen zu bedienen. Bis jetzt war es ihm nicht möglich gewesen, die nötige Ruhe und einen geeigneten Ort zu finden, um die Knaben in der Handhabung des Apparates zu unterweisen, und schon oft hatte er bedauert, an so vielen schönen und merkwürdigen Punkten vorübergehen zu müssen, ohne sie, bis auf das kleinste Detail naturgetreu, auf photographischem Wege abkonterfeien zu können. Wenn auch die Knaben im Zeichnen nicht ungeschickt waren und manchen Naturgegenstand fast künstlerisch ausgeführt in ihren Skizzenbüchern verewigten, so ließen doch die Zeichnungen von Personen und besonders von Landschaften manches zu wünschen übrig.

Des bequemen Transportes wegen war der Apparat sehr leicht gearbeitet. Er besaß zwei photographische Linsensysteme, um gleichzeitig zwei Bilder von ein und demselben Gegenstande aufnehmen zu können, als wenn derselbe von den beiden Augen des Menschen betrachtet würde. Später mußten die hiermit erhaltenen Bilder im Stereoskop den körperlichen Eindruck hervorbringen, als wenn sie dem Beschauer plastisch greifbar vor Augen ständen.

Holm richtete den Apparat so, daß eine Straße von Banjar-massing sich vor den geschliffenen Gläsern desselben befand, und zeigte den Knaben nun, wie diese auf der matten Glasscheibe, welche den Hintergrund der sogenannten Camera obscura bildete, in umgekehrter Stellung mit allen Einzelheiten in verkleinertem Maßstabe zum Vorschein kam. Zu unterst erschien der blaue Himmel, dann kamen die Dächer der auf dem Kopfe stehenden Häuser, die Fensteröffnungen, die Türen, dann folgten als oberster Teil des umgekehrten Bildes die Straße und der Erdboden.

»Nun gilt es,« sagte Holm, »an die Stelle der matten Scheibe, auf die das scharfe, deutliche Bild der aufzunehmenden Gegenstände fällt, eine Glasplatte zu bringen, die mit einer lichtempfindlichen Substanz überzogen ist und die derart von den Lichtstrahlen verändert wird, daß die feinsten Abstufungen zwischen Licht und Schatten, hell und dunkel auf derselben deutlich und unveränderlich sichtbar werden. Da wir nun eine solche lichtempfindliche Platte nicht im Tageslicht präparieren können, müssen wir diese Operation im Dunkeln vornehmen.«

»Aber im Dunkeln kann man doch nicht sehen, was die Hände vollbringen!« warf Hans ein.

»Wir bedienen uns einer Lampe oder einer brennenden Wachskerze,« entgegnete Holm, »denn das Licht einer kleinen Flamme besitzt nicht so viel chemische Wirkung, um der Platte schaden zu können. Auch das Tageslicht, welches durch eine gelbe Glasscheibe fällt, ist wirkungslos, so daß das Reisezelt, in welchem wir unterwegs die Platten präparieren werden, mit einem gelben Fensterchen versehen werden konnte, welches genug unwirksames Licht für unsere photographischen Manipulationen durchläßt.«

Holm nahm nun eine der mitgebrachten Glasplatten und putzte sie mit einem weichen Leinwandlappen und einigen Tropfen Weingeist so lange, bis sie vollkommen rein war und der Hauch des Mundes nur flüchtig an ihr haftete. »Merk auf, Rua-Roa,« sagte er, »denn das Amt eines Plattenputzers mußt du später übernehmen.«

Aus einer Flasche goß Holm hierauf ein weniges einer gelblich gefärbten sirupartigen Flüssigkeit, die einen starken Geruch nach Hoffmannstropfen verbreitete, auf der Platte. »In dieser Flasche befindet sich eine Auflösung von Schießbaumwolle in Äther und Alkohol,« sagte er. »Da der Äther auch in den Hoffmannstropfen enthalten ist, die häufig als belebendes Mittel gebraucht werden, so erklärt sich euch der bekannte Geruch dieser Flüssigkeit. Die aufgelöste Schießbaumwolle hinterläßt beim Antrocknen eine glasartige zähe Haut, und gerade diese Eigenschaft ist es, welche uns hier zu gute kommt.«

»Aha,« sagte Franz, »ich weiß schon, wie man diese Flüssigkeit auch sonst nennt. Sie heißt Kollodium und eignet sich zum Überpinseln von Brandwunden, damit sich eine Haut über denselben bilde, die vor dem Zutritt der Luft schützt.«

»Ganz recht,« bestätigte Holm, »nur ist bei diesem Kollodium zu bemerken, daß in demselben Jod- und Bromsalbe aufgelöst sind, deren Eigenschaften wir jetzt im Dunkelzimmer näher studieren wollen.«

Sie begaben sich jetzt alle in ein Gemach ihrer provisorisch gemieteten Wohnung, dessen Fenster mit Kokosmatten lichtdicht verhängt waren. Ein Lämpchen brannte auf dem Tische und beleuchtete mit mattem Scheine eine Anzahl von Flaschen, einen schmalen hohen Glastrog, den Holm als »Küwette« bezeichnete, und ein mit reinem Wasser gefülltes Gefäß.

»In dieser Küwette befindet sich eine Auflösung von salpetersaurem Silber,« erklärte Holm. »Wir tauchen unsere mit Jodkollodium überzogene Glasplatte vermittelst eines breiten Glashakens in diese Lösung hinein, und nun beobachtet, was geschieht.«

»Die Oberfläche der Platte fängt an sich zu trüben,« rief Franz.

»Sie wird milchweiß,« bemerkte Hans nach einer kleinen Weile.

»Ein Zauber,« rief Rua-Roa ängstlich.

»Kein Zauber, sondern ein chemischer Vorgang,« lachte Holm, »obgleich du von deinem Standpunkte nicht so ganz unrecht haben magst, Ruachen; wurde doch selbst im zivilisierten deutschen Lande zur Zeit des Mittelalters mancher Chemiker für einen Hexenmeister gehalten. Und wenn ich dir nun auch auseinandersetzte, daß hier die Jod- und Bromsalze, welche in der Kollodiumhaut sind, sich mit dem Silber der Lösung zu unlöslichem, gelblichweißem Jod- und Bromsilber verbinden, so würdest du das doch nicht verstehen, mein guter Malagasche, denn von der chemischen Wahlverwandtschaft weiß dein kleiner Heidenverstand nicht die Spur.«

Rua-Roa machte ein verlegenes Gesicht, als hätte er irgendwie, unbewußt ein Unrecht begangen, aber Franz tröstete ihn und sagte: »Sei nur ruhig, lieber Freund, Chemie ist meine stärkste Seite auch gerade nicht.«

Die Platte wurde an dem Haken, auf dem sie ruhte, aus der Küwette herausgezogen. Die Kollodiumhaut hatte in der Tat ein gelblichweißes Aussehen erlangt und war nun, wie Holm sagte, lichtempfindlich.

Ein kleines hölzernes Kästchen – die Kassette – nahm die präparierte Platte auf. Dasselbe war mit einem Schieber versehen, der sich seitlich wegziehen ließ, und besaß hinten einen Deckel, der es lichtdicht verschloß, nachdem die Platte, mit der Kollodiumschicht nach vorne, hineingelegt worden war. Gegen jeglichen Lichtstrahl geschützt, konnte die Platte in der Kassette nach dem photographischen Apparate transportiert werden, dessen optische Gläser mit Deckeln verschlossen waren.

Holm entfernte die matte Glasscheibe, setzte die Kassette an ihre Stelle und zog den Schieber der letzteren heraus. Darauf entfernte er die Deckel von den Gläsern.

»Nun fällt das umgekehrte Bild, welches wir vorhin auf der mattgeschliffenen Glasscheibe wahrnahmen, direkt auf die weißgelbe Jodsilberschicht, die wir im dunkeln Zimmer bei schwachem Kerzenlichte hergestellt haben,« erläuterte Holm. »In dem Zeitraum von fünf bis sechs Sekunden werden die Lichtstrahlen hinreichend gewirkt haben, und deshalb schließen wir den Apparat, nachdem wir langsam bis sechs gezählt haben, schieben auch den Schieber der Kassette wieder zu und begeben uns in das Dunkelzimmer zurück.«

Hier angelangt nahm Holm die Glasplatte aus der Kassette und zeigte sie den Knaben.

»Ich sehe keine Spur von einem Bilde,« rief Hans, nachdem er die Platte aufmerksam betrachtet hatte.

»Nicht eine Andeutung von Zeichnung,« bestätigte Franz, »gewiß hat das Licht nicht lange genug eingewirkt.«

»Ich fürchte fast, wir haben bei dem hellen Lichte des hiesigen unbewölkten Himmels schon zu lange exponiert,« sagte Holm. »Jedoch wir wollen sehen.«

Bei diesen Worten goß er mit Gewandtheit eine klare Flüssigkeit über die Platte, die in der Tat nicht im geringsten verändert erschien, und nun zeigte sich ihnen ein Schauspiel von ganz eigenem Reiz. Einzelne Teile der präparierten und dem Lichte ausgesetzt gewesenen Schicht begannen sich dunkel zu färben, und zwar erschien diese Veränderung da zuerst, wo der blaue, lichte Himmel war. Dann folgten die weißen Mauern der Häuser, welche sich scharf von der dunkleren Straße abhoben, die auf der Platte fast weiß blieb. Überhaupt konnte man wahrnehmen, daß überall da, wo das hellste und stärkste Licht gewirkt hatte, die Jodsilberschicht sich dunkel färbte, daß dort, wo gemäßigtes Licht von halberleuchteten Gegenständen hingefallen war, die Färbung im Verhältnis schwächer blieb, während die Stellen, welche in der Natur dunkel oder schwarz waren, auf der Platte keinerlei Färbung annahmen, sondern weiß blieben.

Nach einiger Zeit spülte Holm die Platte mit reinem Wasser tüchtig ab und hielt sie gegen das Licht.

Ein Freudenruf entschlüpfte den Lippen der Knaben. Da war ja die Straße von Banjar-massing mit allen ihren Einzelheiten in verkleinertem Maßstabe auf der Platte sichtbar, so allerliebst und so sauber ausgeführt, wie es der menschlichen Hand mit Stift und Pinsel nicht möglich war. Nur erschienen die hellen Partien auf der Platte dunkel und die dunklen hell; es waren die Verhältnisse zwischen Licht und Schatten umgekehrt.

»Wir nennen ein solches Bild, mit verkehrtem Licht und Schatten, ein Negativ,« sagte Holm; »es verhält sich in dieser Beziehung ähnlich wie die Gipshohlform zum Körper, der abgeformt wurde, und ebenso wie jene dient das Negativ zur Anfertigung von Abdrücken, bei denen die alte Ordnung wieder hergestellt wird.«

»Wie kam es aber,« fragte Franz, »daß das Bild erst sichtbar wurde, als eine Flüssigkeit über die Platte gegossen wurde, und was enthielt diese Flüssigkeit, um diese merkwürdige Wirkung auszuüben?«

»Ich goß eine Auflösung von Eisenvitriol in Wasser über die Platte,« entgegnete Holm. »Der Eisenvitriol hat die Eigenschaft, das Silber aus seinen Lösungen in Gestalt eines feinen, grauen, metallischen Pulvers auszuscheiden, und dieses Metallpulver legt sich auf jene Stellen des Jodsilbers an, die vom Lichte getroffen wurden. Je stärker die Lichtwirkung war, um so dichter setzt sich der Silberniederschlag ab, weshalb denn auch die hellsten Teile des Bildes, der Himmel und die weißen Wände der Häuser, am schwärzesten und undurchsichtigsten sind. Jetzt haben wir nur noch nötig, das Jodsilber durch eine Auflösung des giftigen Cyankali in Wasser zu entfernen, die Platte gut zu waschen und zu trocknen, worauf sie gefirnißt wird, um sie vor Verletzungen, Schrammen u. dgl. zu schützen. Sobald wir später auf dem Schiffe Muße haben, werden wir von den Negativen, die wir aufnehmen, Abdrücke machen. Jetzt, ihr jungen Forscher, benutzt die günstige Gelegenheit und bildet euch durch praktische Übung zu tüchtigen Photographen aus, damit es unserem Journal nicht an Illustrationen fehle.«

In wenigen Tagen hatten die Knaben die erforderliche Übung in den photographischen Handgriffen erlangt, worauf die Reise in die Umgegend von Banjar-massing unternommen wurde.

Gleich am ersten Tage wurde eins der schon erwähnten Kohlenbergwerke besichtigt. In starken Körben gelangten die Reisenden bis zu dem tief unter der Erdoberfläche liegenden, im Mittelpunkt des Baues befindlichen Raum, von wo aus Seitengänge hineinführten in die schwarze, glitzernde Tiefe. Der Anblick war eigentümlich genug. Nur mit einem Lendenschurz bekleidete Dajaks schwangen hier im lichtlosen Schoß der Erde ihre Keilhacken, um das Brennmaterial für weit entfernte Länder oder zum Gebrauch für Dampfschiffe aus den festen Lagern loszubrechen und in Körbe zu sammeln, die dann mittels der Windenvorrichtung hinaufbefördert und ausgeschüttet wurden. Jeder Mann trug vor der Brust eine Blechlaterne, bei jedem war das Haar, lang und seidenweich wie Frauenflechten, am Hinterkopf zusammengebunden und fiel in schwarzer, glänzender Flut auf den unbekleideten Rücken herab; auch weibliche Geschöpfe nahmen teil an dieser gesundheitsschädlichen Beschäftigung, alle aber waren von ihrer mühseligen Arbeit dermaßen in Anspruch genommen, daß sie kaum aufzublicken wagten, und von den gewiß seltenen Besuchern keinerlei Notiz nahmen.

Ein trauriges Bild des Menschenelendes zeigte sich in diesen armen Wesen, die von der holländischen Regierung sowohl als von ihren eigenen malaiischen Gebietern nur wie Lasttiere angesehen werden und fast nicht besser wie Sklaven sind. Die Luft in den engen, schlecht gestützten Gängen war kaum zu atmen, erstickend heiß, mit tödlichem Staub gefüllt und lag drückend auf den Nerven der Weißen; das Klettern über den unebenen Weg und die stete Nähe der Gefahr ließen sie sehr bald an Umkehr denken. Holm brach aus den ganz mit Kohlenschichten angefüllten Wänden einige Stücke los, die Knaben verteilten unter die Arbeiter das zu diesem Zweck mitgebrachte Kleingeld, und dann krochen alle aus den verschiedenen Seitengängen zurück zur Mitte, wo wenigstens hoch über ihnen der blaue Himmel seine Decke spannte. Die Grube war ungewöhnlich breit, im Dreieck angelegt und mit erbärmlich unsicheren Stellagen versehen. Was tat es, wenn einmal ein Gang verschüttet wurde? Quer durch das ganze gesegnete Land zog sich das meilenbreite Kohlenlager, und Arbeiter gab es ebenso in Hülle und Fülle. Mochten immerhin einmal ein paar hundert zu Grunde gehen, das fand kaum Beachtung. Die Winde oben setzte sich in Gang, einer nach dem andern gelangte an das Tageslicht, und einer nach dem andern sah schaudernd zurück in die gähnende Tiefe. Wie war es nur möglich, daß lebende Wesen da unten jahrein, jahraus zu atmen vermochten, daß sie nicht jedes sonstige Los diesem Lebendigbegrabensein vorzogen?

So weit die holländische Botmäßigkeit reicht, ist die eigentliche Sklaverei abgeschafft, nur eine Art von Robot- oder Zwangsarbeitssystem nötigt die Eingebornen zu geregelter Tätigkeit, oft nicht ohne einige Härte. Im Innern aber tobt zwischen Malaien und den älter eingebornen Dajaks Fehde und Blutrache, und wer von den Dajaks in die Hände der Malaien fällt, ist Sklave.

Die wenig für ausdauernde Arbeit geschaffenen, leichtsinnigen und jähzornigen Dajaks sind bei allen diesen Eigenschaften lebhafter Charaktere dennoch feige; sie finden nie den Mut, die eingedrungenen Malaien mit Gewalt aus ihrem Lande zu entfernen, aber sie überfallen dieselben bei jeder Gelegenheit, einzeln oder in ganzen Mordgesellschaften, auf ihrem eigenen oder auf gegnerischem Gebiet; immer jedoch aus dem Hinterhalt, niemals in offener ehrlicher Fehde. Jeder derartige Mord, mittels Kopfabschneiden ausgeführt, zieht die sogenannte Blutrache nach sich, ein Greuel, der um ganze Familien und ganze Stämme seine dämonischen Bande schlingt und nicht eher erlischt, bis vielleicht der Ur-Urenkel des Gemordeten den Ur-Urenkel des Mörders erschlug und seine Kinder mit sich führte in die Sklaverei. –

Fremde Reisende waren an dieser Küste offenbar eine seltene Erscheinung. Araber und Chinesen umdrängten die seltenen Gäste in der Hoffnung, sie gehörig rupfen zu können; als aber jegliches Geschäft ausgeschlagen wurde, als man sah, daß es sich nicht um Gold-, Diamanten-, oder Kohlenspekulationen handelte, da ließ man die sonderbaren Schwärmer, welche nur Insekten einfangen und die wilden Dajaks kennen lernen wollten, ihres Weges gehen, ohne weitere Notiz von ihnen zu nehmen. Ebenso schwer war es, den seßhaften Küstenmalaien, die nur zu ganz andern Zwecken ins Innere vorzudringen pflegten, begreiflich zu machen, daß man zur Reise in das Innere notwendig einige ortskundige Führer brauchte. Die Leute kannten dergleichen Unternehmungen aus früherer Erfahrung nicht; es kam nie jemand, um das Land zu durchforschen; sie schüttelten daher zuerst die Köpfe und hielten lange Beratungen, bis endlich fünf Männer, offenbar als Abgesandte der ganzen Kolonie, bei den Weißen in der chinesischen Herberge erschienen und ihre Dienste anboten. Sie wollten die Fremden begleiten, natürlich für schweres Geld, dessen Auszahlung nach erfolgter Rückkehr bei dem deutschen Konsul stattzufinden hatte. Durch die gemachten schlimmen Erfahrungen gewitzigt, ließen Holm und der Doktor diesem Kontrakt die Klausel beifügen, daß sich die fünf Männer durch keinerlei Stellvertretung selbst den übernommenen Verpflichtungen entziehen dürften und daß die Bezahlung nur dann verdient und fällig sei, wenn beide Teile, Führer und Reisende, mit einander wieder anlangen sollten.

Darauf gingen die Malaien ohne Widerspruch ein; sie mußten also nichts Arges im Schilde führen, und nachdem alles genügend vorbereitet, machte sich die Gesellschaft auf, um das Innere der schönen Insel zu sehen, freilich zu Fuß, da eingeborne Pferde gänzlich fehlen, aber darum in nicht weniger fröhlicher Stimmung, nicht weniger hoffnungsvoll und mit offener Seele für all das Neue, das sie hier erwartete. Keine Raubkatzen außer einer kleinen Leopardenart, – keine Giftschlangen, Elefanten und Nashörner! Es blieb also wenig zu fürchten, und bei der Fülle des Affengeschlechtes sowie aller Grasfresser sehr viel zu hoffen; die Reise begann unter den besten Aussichten, doch ging sie langsam von statten, weil der Wald dicht und die ganze Pflanzenwelt wie im äquatorialen Afrika so üppig war, daß sie oft durchhauen werden mußte, um weiteres Vordringen zu ermöglichen.

Die Führer bestanden aus zwei älteren Männern, den Brüdern Torio und Bassar, sowie drei erwachsenen Söhnen derselben, außerdem war ein Dajakischer Dolmetscher angeworben worden, der der englischen Sprache ziemlich mächtig war; sie wählten die nächsten Wege, um aus den die Küste umsäumenden Niederlassungen heraus und in das Gebiet der Dajaks zu kommen, überhaupt zeigten sie sich sehr gefällig und ließen es an keiner Gelegenheit fehlen, ihre Gäste auf diese oder jene besondere Schönheit des Landes aufmerksam zu machen.

Schon am dritten Tage lag der letzte bebaute Acker weit hinter den Reisegenossen, der Urwald schüttelte seine grünen Riesenhäupter, und wilde Geschöpfe huschten hindurch, namentlich Zibetkatzen in ungeheurer Anzahl, Affenarten und sehr viele Vögel mit buntem, prachtvollem Gefieder, Schmetterlinge von nie gesehener Größe und Insekten jeder Form und Farbe.

Hier fanden sich die seltsamen Bäume auf Luftwurzeln, der Teppanbaum, dessen erste Äste in der Höhe von etwa 3-4 Metern sich seitwärts senkten, und in dessen Stamm unzählige wilde Bienenschwärme ihre Nester bauten; die sonderbare Kannenpflanze mit ihren wie eine Waschkanne geformten purpurnen Blüten; Gummibäume, der Taban, welcher die vortrefflichste Guttapercha liefert, der Sagobaum und die Rotangpalme, deren Stengel man gemeinhin Spanisches Rohr nennt.

Ein Baum war es besonders, der den jungen Leuten als ganz fremd sogleich in die Augen fiel. Von schlankem, auffallend hohem Stamm, mit verhältnismäßig wenigen schwertförmigen Blättern, trug er hellrote, große Blumen und mit einer hölzernen Schale umgebene Früchte von der Größe eines Kopfes. Der Höhe wegen ließ sich Deutlicheres nicht erkennen, nur soviel stand fest, daß man diesem Baume noch nie vorher begegnet war.

»Das sind Durianen,« erklärte Bassar, der älteste der Führer. »Die Zibetkatzen essen ihre Früchte.«

»Und die Eingebornen nicht?«

Eine unverkennbare Gebärde des Abscheues beantwortete diese Frage. Holm lächelte. Er wußte, daß die Frucht einen feinen, ausgezeichneten Wohlgeschmack besitzt, der aber nach dem sonderbaren Willen der Natur von einem entsetzlichen üblen Geruch gleichsam umhüllt ist und daher durch einen einzigen gründlichen Forscher, den Engländer Wallace, erst festgestellt wurde.

»Wir wollen doch die Durianen probieren,« erklärte er.

Die kleine Gesellschaft machte also Halt, obwohl auf den Rat der Malaien in respektvoller Entfernung, um nicht etwa von einer fallenden Frucht dieses seltsamen Baumes erschlagen zu werden, dann kletterten Bassars Söhne wie die Katzen an dem schlanken, astlosen Stamm hinauf und brachten den Weißen mehrere reife Durianen herunter.

Die Schale erwies sich nicht härter als die der Kastanien und war gleich unserer Stachelbeere mit grünen, krautartigen, ganz kleinen Auswüchsen bedeckt; fünf genau begrenzte, gleich große Felder durch Linien bezeichnet, gaben für die zu machenden Einschnitte die nötigen Winke, aber – o Himmel, als sich der Kern ohne Hülle zeigte! –

Ein Geruch wie von Fäulnis und Zwiebeln erfüllte die Luft, so daß sich alle unwillkürlich abwandten, obwohl kaum ein appetitlicherer Anblick als der dieser Frucht gedacht werden konnte. Das eigentliche Fleisch zunächst der Schale, glänzend wie schneeweißer Atlas, barg in seiner Mitte einen rosafarbenen Brei, der vier Kerne umschloß, – eben diese halbflüssige Masse war es, die so besonders angenehm schmecken sollte. Holm schauerte heimlich, aber dennoch kostete er, – kostete nochmals und nickte den entsetzten Malaien zu. »Steigt nur immer hinauf, Freunde, holt mehr Früchte herunter und eßt selbst mit, wenn ihr klug seid. Eine solche Delikatesse gibt es nicht zum zweitenmale.«

»Wirklich, Karl? – Gib her, gib her!« – »Aber bester Holm, dieser Geruch, wie konnten Sie sich nur entschließen!«

So schallte es durch einander, während der junge Gelehrte mit dem aus dem Besteck gezogenen Löffel die Frucht ihres breiigen Inhaltes entleerte und schon nach der zweiten griff, ehe noch jemand im stande war, das Wunder zu glauben, »Ich sage euch, so haben wir lange nicht gespeist, Kinder! Doktor, halten Sie den Atem an, während der erste Bissen auf Ihrer Zunge schmilzt, späterhin bekümmern Sie sich um alle Zwiebeldüfte der Welt nicht mehr! – Freund Bassar, pflücken Sie gefälligst noch etwa zehn oder zwölf Früchte, soviel Gastfreundschaft müssen uns die Zibetkatzen dieses Landes schon erweisen.«

Während er sprach, hatte Franz mit dem Taschenmesser die letzte Duriane geöffnet und ließ die anderen kosten. Es war ein komischer Anblick. Alle schmeckten, alle fuhren mit den Zungenspitzen über die Lippen und sahen einander an. »Wie Bratensauce und Zwiebeln!« erklärte Hans. »Gib mir mehr, ich finde den Geschmack vortrefflich.«

»Wie alter Madeirawein!« nickte der Doktor.

»Nein, wie die feinste Melone!« rief Franz.

.

Unter den Durianbäumen Borneos

Und dann erfolgte ein wahrer Vernichtungskrieg gegen die Früchte, welche Bassars Söhne von oben her in das fußhohe Gras herabfallen ließen. Erst als niemand mehr zu essen vermochte, wurde die Wanderung fortgesetzt und später am abendlichen Feuer die gesammelten Kerne der Durianen wie Kastanien geröstet, um zusammen mit einem Hirschziemer ein vortreffliches Nachtmahl zu geben. Die wollenen Decken wurden an einer geschützten Stelle ausgebreitet, Wachen ausgestellt, und dann begann wieder der Halbschlummer, das Ausruhen in weicher, linder Tropennacht. Fliegende Frösche und Kalongs bevölkerten auch hier die Luft, glänzende Insekten, schillernd wie Funken, krochen über den Boden; Holm brach ein großes Blatt und zählte nicht weniger als sechzehn verschiedene Geschöpfe, darunter einen alten Bekannten, wenn auch in beträchtlich vergrößertem Maßstab, den deutschen schwarzen Holzbock! Wie oft hatte er ihn als Knabe eingefangen und in ein Papierhäuschen gesteckt, wie beredt erzählte der Schwarzrock, emsig nach einem Weg über die Untiefen des Blattrandes spähend, von vergangenen Tagen, von Knabenfreude und Knabenwünschen, – Holm ließ ihn in den Spiritusbehälter wandern, um ihn mitzunehmen.

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