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Das Nachspiel der ersten Schattenreihe oder König Eginhard

Justinus Kerner: Das Nachspiel der ersten Schattenreihe oder König Eginhard - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleAusgewählte Werke
authorJustinus Kerner
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003857-X
titleDas Nachspiel der ersten Schattenreihe oder König Eginhard
pages55-76
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1811
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Actus secundus

Man sieht das Zimmer mit dem Spiegel.

Der Zwerg tritt auf und spricht:
Tief im Böhmerwalde lieget
Ein verborgnes Schloß, heißt Schildeis,
Dahin hat sich Eginhardus,
Weil ihm sehr vor Lanz' und Schild heiß,
Mit der Adelheid verfüget.
Kaiser Otto ringsum sieget,
Städt' und Dörfer nieder wild reißt,
Doch nun ist's ihm worden selbst heiß!
Denn vom Heer ist er verirrt sehr,
Hat nur einen einz'gen Knappen,
Trifft kein Dorf und keinen Wirt mehr,
Muß in Nacht und Nebel tappen,
Bahn sich hauen mit dem Sabel
Durch die schreckenvolle Wildnis –
 
Zeigt auf den Spiegel.
 
Doch hier seht ihr selbst sein Bildnis,
Ausgemergelt, miserabel.
 
Der Zwerg legt sich als Pudel unter den Ofen. Man sieht in dem Spiegel eine wilde Waldgegend, in ihr den Kaiser Otto und einen Schildknappen.
 

Der Schildknecht im Spiegel spricht:
Gnädiger Herr Kaiser! wir kommen immer mehr und mehr von allen Pfaden ab. Es ist mir auch diese Gegend und der Böhmerwald ganz unbekannt; denn ich bin mein Lebelang noch nicht darin gewesen.

Der Kaiser zieht eine Landkarte aus der Tasche und spricht:
Ich kann auf dieser Landkarte durchaus nicht sehen, wo wir eigentlich sind, inmaßen ich weder dich noch mich darauf verzeichnet finde.

Der Schildknecht spricht:
Gnädiger Herr Kaiser! ganz betrübt ist mein Geist und Mut. Ich habe mit dem Ritter Pino drei Abenteuer bestritten, aber so große Angst habe ich nie in dem Herzen empfunden.
 
Es kommen drei Wölfe aus dem Walde gelaufen und sperren die Rachen bis an den Schwanz auf.
 

Der Kaiser spricht:
Wehe! wehe! wehrt Euch gegen diese Bestien!
 
Der Kaiser geht in den Schildknecht über. Der Schildknecht schwingt sich auf einen Baum. Die Wölfe gehen vorüber.
 

Der Schildknecht spricht:
Gott sei Dank! die Wölfe sind waldeinwärts gelaufen und hielten mich für einen Tannzapfen.
 
Bei diesen Worten kommt der Kaiser wieder aus dem Schildknecht auf dem Baume heraus und hält sich an einem Ast. Der Schildknecht springt vom Baume.
 

Der Kaiser spricht:
Wehe! verruchter Mensch! was habt ihr angestellt? Nun bin ich auf diese verzweifelte Höhe ausgesetzt: denn meine zitternden Hände und Füße vermögen mich nicht herniederzubringen.

Der Schildknecht fällt auf die Kniee und spricht:
Allergnädigster Herr und Kaiser! O begnadiget einen Unglücklichen! Ich bemerkte nicht, daß Ihr schon auf dem Baume aus mir hervorginget.
 
Der Schildknecht steigt wieder auf den Baum, der Kaiser geht in ihn über. Der Schildknecht springt herab, und wie er auf dem Boden ist, geht der Kaiser wieder aus ihm hervor.
 

Der Kaiser spricht:
Gott sei Dank! ich sehe keine Wölfe mehr!

Der Schildknecht spricht:
Gnädigster Herr und Kaiser! Eins habe ich aber auf dem Baume vergessen. Ich bitte Euch, mir wieder auf den Baum zu helfen, ob ich nicht auf dem Gipfel irgendeinen Menschen erblicken möge.

Der Kaiser hilft ihm auf den Baum und spricht:
Der Baum schwankt hin und her, wehe! Ihr werdet auf mich herabstürzen.

Der Schildknecht spricht:
Gnädigster Kaiser und Herr! Freut Euch! denn nicht fern im Walde erblicke ich ein Licht, dem lasset uns nachlaufen.

Der Kaiser spricht:
Mein allerfreundlichster Schildknecht! Ihr seid von nun an wegen dieser erfreulichen Botschaft zum Professor der Astronomie ernannt.
 
Der Schildknecht fällt vor Freuden vom Baume.
 

Der Kaiser spricht:
Mein Professor! erhebet Euch schnell und lasset uns weitergehen.
 
Er geht in den Professor über. Der Professor verwandelt sich in eine Zigeunerin.
 

Die Zigeunerin spricht:
Fern in stillem Waldesdunkel
Lausch ich wunderbarem Klingen,
So aus tiefem Schoß der Erde
Tonreich aus Kristallen dringet.
Lausch, was Vogel in den Lüften,
Quelle in der Tiefe singet,
Daß ich recht es möge deuten
Und in Menschenrede bringen
Dies Geheimnis künft'ger Zeiten.
 
Die Zigeunerin verwandelt sich in ein Nachtfräulein.
 

Das Nachtfräulein spricht:
Wie die Stern' am blauen Himmel
Also wir hier unten leben,
Dürfen uns nur keck erheben,
Wann die stille Nacht erschienen.
Dann in lichten Tänzen schweben
Oben sie durch blaue Wolken,
Unten wir durch Wälder grüne.
 
Das Nachtfräulein zerteilt sich in acht andere Nachtfräulein. Dieselben beginnen einen Tanz, bis sie mit der ganzen Gegend kleiner und kleiner werden und endlich mit ihr verschwinden.
 

Der Pudel kommt hinter dem Ofen hervor, wird zum Zwerg und spricht:
Schnell, o Zimmer! dich verwandelt
In die Wohnung Eginhardi.
 
Der Zwerg zerteilt sich in mehrere Stücke. Eins bleibt der Zwerg, die andern werden ein Maler, ein Schreiner, ein Bodenputzer, ein Schlosser. Diese setzen sich in aller Eil' im Zimmer in volle Tätigkeit.
 
Kaiserlich werd' es geschmücket:
Denn das Licht, so sie erblicket,
Leuchtet in dem Schlosse Schildeis.
Maler! malt die Wände milchweiß!
Schreiner! schlaget zwei Bettladen
Auf für Otto Ihro Gnaden.
Regt euch, Schreiner! Bodenputzer!
Aber alles schnell und kurz sehr;
Denn schon ist er ohne Spaßen
Unbekannt ins Tor gelassen,
Kennt auch Eginhardum nimmer –
Weh! da ist er schon im Zimmer.
 
Der Kaiser und der Professor treten ein. Die Handwerksleute gehen in den Zwerg über, der Zwerg legt sich als Pudel unter den Ofen. Der Kaiser legt sich, zwei Kronen auf dem Haupte und einen Szepter in der Hand, in ein Bett, der Professor der Astronomie in das andere.
 

Der Professor spricht:
Geltet, gnädiger Herr! im Bett ist's besser als im wilden Wald?

Der Kaiser spricht:
Du Narr! das kannst du dir leicht einbilden. Wie war dir dann auf dem Baume zumute, als dich der Wind wie ein Raupennest hin und her wehte?

Der Professor spricht:
Gnädiger Herr! ich war zwischen lauter Bäumen, hätt' mich der Wind von einem geworfen, so hätt' ich mich wieder am andern gehalten, und wäre ich dann so, ohne mich müd zu laufen, aus dem Walde gekommen. Dies wäre dann so eine Art Degenscher Flugmaschine gewesen, besonders da ich einen Degen angehabt, ha! ha! ha!

Der Kaiser spricht:
Mein Professor! wie gefielen Euch denn die heulenden Wölfe?

Der Professor spricht:
Ich muß Euch sagen, sie schienen mir sehr ungebildet, und ich bereue nun, daß wir sie nur so laufen ließen und nicht lebendig fingen, um sie durch Abnahme ihrer überflüssigen Hinterfüße für ein gebildetes Publikum genießbar zu machen. Natürlich hätte man auch eine Auswahl unter ihnen treffen müssen; denn die mehrsten von ihnen sind doch ganz ohne Sinn und Verstand, Arabesken und Produkte eines verfinsterten Mittelalters.

Der Kaiser spricht:
Es möge dem sein, wie ihm wolle, so laßt uns hiervon ein andermal reden. Genug, daß sie uns nicht gefressen, und sind wir ihnen dafür immer großen Dank schuldig. Aber hier, mein geliebtester Professor, ruht es sich ganz vortrefflich.

Der Professor spricht:
Wie auf Morgen- und Rosenblättern.
 
Sie fangen beide an, entsetzlich zu schnarchen. Zwei Mäuse springen unter der Bettdecke hervor.
 

Die Maus spricht:
Lange schon spitzt' ich die Ohren,
Aber jetzt vernahm ich's deutlich.
Die Gefahr ist unvermeidlich,
Und ich denk, wir sind verloren.

Die Mäusin spricht:
Weh! o weh! der leid'gen Decke
Wollt' nicht warme Liebe bergen!
Männlein schnell! in jener Ecke
Kann kein Lauscher uns bemerken.
 
Sie springen unter den Ofen, der Pudel stürzt hervor, zerreißt sie und legt sich brummend nieder. Es erscheint im Spiegel auch ein Zimmer mit zwei Betten. In einem liegt Eginhard, im andern seine Gemahlin Adelheid.
 

Die Adelheid spricht:
Mein herzallerliebster Gemahl! sagt mir doch, ob es mir nur so im Traume vorkam, als sprächet Ihr vorhin mit zwei Edelleuten im Zimmer? Auch sehe ich hier ein fremdes, gar prächtiges Schwert an der Wand hängen, das ich näher betrachten muß, zumal mir sein Glanz so die Augen verblendet, daß ich sie nimmer schließen kann.
 
Sie steigt aus dem Bette und betrachtet das Schwert.
 
Himmel! Hülf! ich bin des Todes!
 
Fällt um.

Eginhard springt heraus und spricht:
O Ihr vorwitziges Weib! Ihr habt Euch gewiß mit dem Schwerte verletzt. Warum ließet Ihr es nicht an seiner Stelle?

Die Adelheid spricht:
Himmel! liebster Ehgemahl! warum sollt' ich nicht umfallen? Dieses Schwert ist das Schwert meines Herrn Vaters, des Kaisers, und diesen Gurt habe ich mit eigner Hand gewoben.

Der König Eginhard spricht:
Hilf, Himmel! er ist gekommen, uns zu ermorden.

Die Adelheid spricht:
Stille! ich höre in der Kammer der Fremden sprechen, laßt mich gehen, sie zu belauschen, um aus ihren Gesprächen ihre Gesinnungen kennenzulernen.
 
Der Spiegel verwandelt sich in ein Fenster, die Adelheid steht dahinter und lauscht.
 

Der alte Kaiser Otto im Zimmer spricht:
Mein liebster Professor! warum färbt denn einem die Nacht nicht Gesicht und Hände schwarz, da man sie doch so unbedeckt aus der Bettdecke streckt?

Der Professor spricht:
Allergnädigster Herr Kaiser! ist dies eine Preisfrage?

Der Kaiser spricht:
Ich versteh Euch nicht; aber – von was ist denn der Mond?

Der Professor spricht:
Von Hornsilber.

Der Kaiser spricht:
Das ist erstaunlich!

Der Professor spricht:
Jawohl!

Der Kaiser spricht:
Aber von allem möcht ich doch jetzt wissen, wohin der König geflohen, er hat mich in den Harnisch gebracht, mich sollen seine Unfälle wieder herausbringen.

Der Professor spricht:
Gnädiger Herr! was wollt Ihr ihn ferner verfolgen? Ist's nicht genug, daß Ihr ihm sein schönes Land so schrecklich zugerichtet habt?

Der Kaiser spricht:
Du hast recht, was er an mir gesündigt, das kann ich ihm auch wieder vergeben, aber, denke, meine Tochter aus einem Kloster zu nehmen, ist das nicht ein großes Vergehen?

Der Professor spricht:
Pas! pas! pas! dafür seid Ihr ihm noch großen Dank schuldig, und ich bin recht begierig, diesen gebildeten jungen Mann kennenzulernen: denn Ihr müßt wissen, daß die Klöster bloß Produkte eines barbarischen Mittelalters, einer höchst miserabeln, verfinsterten Zeit sind.

Der Kaiser spricht:
Mein lieber Professor! Klosterleben ist freilich nicht für alle Leut' erdacht, und mich dünkt selbst, ich habe Unrecht an meiner Tochter getan,
 
die Königin springt bei diesen Worten hinter dem Fenster in die Höhe,
 
daß ich sie so jung dem strengen Orden übergeben.
 
Es kommt der König, Ritter, Damen und Knappen, hinter dem Fenster zu lauschen.
 
Aber lasset uns nicht so laut reden, sonst dürften wir uns leichtlich offenbaren; dermalen will ich mit meinem Volke wieder zurückgehen und mich über die Sache besinnen.
 
Es entsteht vor dem Fenster ein großes Freudengeschrei.
 

Der Professor spricht:
Herr! wir sind verraten!
 
Er versteckt sich unter die Decke.
 

Der Kaiser spricht:
Kommt hervor, daß ich in Euch übergehe!

Der Professor spricht:
Gehorsamster Diener!
 
Der Kaiser springt mit Kron' und Szepter aus dem Bette und treibt ihn heraus. Sie ringen lange miteinander, wer in den andern übergehen soll; endlich gewinnt der Professor die Oberhand und geht schnell in den Kaiser über.
 

Der Kaiser spricht:
O du verfluchter Schildknecht! Ist das der Dank, daß ich dich zum Professor der Astronomie ernannte?
 
Der Professor lacht in dem Kaiser. – König Eginhard, Adelheid und ein Zug von Rittern, Damen und Knappen treten ins Zimmer. Eginhard trägt ein paar Fesseln.
 

Der Kaiser spricht:
Was soll dieser Aufzug? Was ist Euer Begehren?

König Eginhard fällt auf die Kniee und spricht:
O großmächtigster der Kaiser!
Lasset Euch nur offen sagen,
Wie ich bin der unglückselige
Eginhardus, jener schmälige
Den Ihr von der Kron' gejaget,
Auch wie dieses Eure Tochter,
Die den Vater schon betaget
Freventlich aufs Haupt geschlagen,
Weil sie flohe aus dem Kloster.
Fallen reuevoll zu Füßen,
Bringen flehend diese Fesseln,
Nicht Euch, Herr! damit zu schließen,
Sondern daß Ihr uns wollt binden,
Foltern, geißeln mit Brennesseln,
Stäupen, kneipen auch mit Zangen,
Oder was Ihr wollt anfangen,
Ob der schreckenvollen Sünden,
So wir, Herr! an Euch begangen.

Der Kaiser spricht:
Liebes Freundlein! werter König!
Hast mein Herz bewegt nicht wenig,
Und gerührt voll Scham bekenn ich,
Daß ich glaubt', du kamst zu fahn mich.
Hast viel Böses zwar getan mir,
Muß auch offen dies gestahn dir,
Aber hier in dieser Kammer
Schenk ich dir die Krone wieder,
So getragen Teut, dein Stammherr.
 
Tut eine Krone vom Haupte und setzt sie ihm auf.
 

Eginhard spricht:
Ach! Ihr seid ja wie ein Lamm, Herr!

Adelheid spricht:
Endet allen unsern Jammer!

Der Kaiser spricht:
Friede sei mit euch, kommt all her!
Und geht es auch noch so schmal her,
Auszuschnarchen allen Haß nun,
Laßt vereint uns hier zum Spaß ruhn.
 
Der Kaiser steigt mit Kron' und Szepter in das Bette, ihm folgt König Eginhard, dann Adelheid, dann eine Menge Ritter, Damen und Knappen. Man erblickt bei vierzig Köpfe unter einer Decke.
Die Köpfe verwandeln sich abwechselnd bald in eine Menge Tierköpfe: Katzenköpfe, Hundsköpfe, Mausköpfe, bald in die Köpfe verschiedener bekannter, einander entgegengesetzter Dichter und Philosophen.

Nachdem sie eine Zeitlang entsetzlich geschnarcht, tritt der Pudel unter dem Ofen hervor und spricht:
Mit allerhöchster Erlaubnus habe ich die Ehre, ein gebildetes Publikum durch meine Stellungen zu amüsieren.
 
Er streckt die Zunge gegen die Logen heraus und wedelt mit dem Schwanze gegen das Parterre.
 

Der Vorhang fällt.

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