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Das Nachspiel der ersten Schattenreihe oder König Eginhard

Justinus Kerner: Das Nachspiel der ersten Schattenreihe oder König Eginhard - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleAusgewählte Werke
authorJustinus Kerner
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003857-X
titleDas Nachspiel der ersten Schattenreihe oder König Eginhard
pages55-76
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1811
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Actus primus

Ein Garten, neben ein Kloster.

Eine Nonne tritt auf und spricht:
Stolze Türme! hohe Säle!
Schön durchstrahlt von Frau'n und Rittern,
Weh! ihr dufterfüllten Gärten,
Lichtdurchscheint von Stern und Lilie!
Weh! ihr spiegelhellen Seen,
Stolz durchschifft von Silberschwänen!
Treue Frauen, tapfre Ritter,
Lassend für mich Blut und Frieden –
Weh! daß ich von euch geschieden!
Hinter Mauern, hinter Gittern
Welk ich hin, seh euch nicht wieder.
 
Die Nonne verwandelt sich in einen Zwerg.
 

Der Zwerg spricht:
Ei du schöne Adelheide!
Was soll dieses Winseln, Schreien?
Ritter zwei, ohn' Tadel beide,
Denken, wie sie dich befreien.
Aber erst muß ich die Mauern
Schieben etwas auf die Seite:
Denn hier müssen Tisch' und Stühle
Mit zwei Rittern sich placieren.
Etwas Neues aufzuführen
Wird allhier nun pokulieret,
Drum du Turm da! führ dein Kloster
Indes auf den Berg spazieren.
 
Der Turm geht mit dem Kloster auf den Berg.
 
Allons Tisch! reg deine viere!
 
Es kommt ein Tisch mit Kuhfüßen langsam aus dem Walde gelaufen.
 

Der Tisch spricht:
Weh! ich bin zu schwer beladen!

Der Zwerg spricht:
Träge Sessel! regt die Waden!
 
Es kommen zwei Sessel mit Bocksfüßen hinter dem Tische gelaufen. Der Zwerg zerteilt sich in drei Stücke. Eins bleibt der Zwerg, das andre wird König Eginhard, das dritte sein Hofmeister Dietwaldus.
 

Der Zwerg spricht:
Ha! schon warten Ihro Gnaden
Eginhard, der Böhmen König.

Der Tisch spricht:
Wir empfehlen uns untertänig,
Bringen Speisen in vollen Haufen.
 
Eginhardus und Dietwaldus wollen sich setzen.
 

Die Sessel sprechen:
Wehe! laß uns erst ausschnaufen!
 
Sie schnaufen ganz entsetzlich.
 

Der Zwerg spricht zum König:
Ei! ei! setzt Euch nur, man kehrt sich
Nicht an dies verstellte Schnaufen,
Sind zwei junge Kerl, leichtfertig,
Die nie wollen vorwärtslaufen –
Kommen nur da aus dem Wald raus –
Eginhardus und Dietwaldus,
Speist! das Essen, das sieht kalt aus.
 
Sie setzen sich, der Zwerg springt auf den Tisch und wird von ihnen als Becher gebraucht.
 

Eginhardus spricht:
Mein treuer Dietwalde! Es ist doch eine gewisse Sache, daß nicht die ausgesuchtesten Weine, die herrlichsten Speisen, ja die allerschönsten Schlösser und Gärten so viel Lust bringen als das Jagen im Walde, oder das Fangen der Vögel in der Luft, oder der Fische im Wasser; mich auch nichts mehr erfreut als ein Hirsch, ein Vogel oder ein Fisch. Und so ist auch hinführo mein fester Vorsatz, immer im Walde zu leben, von deswegen ich mit all meinen Feinden Friede zu machen gedenke.

Dietwaldus spricht:
Allergnädigster Herr König! Es ist Euch nicht zu bestreiten, daß der Hirsch eine rechte Lust ist und recht schön anzusehen, wenn er in grüner Wildnis ruht, oder der Vogel, wenn er durch die blaue Luft fleugt, oder der Fisch, wenn er im hellen Teiche schwimmt. Aber mehr Kurzweil und Lust mag einem Manne doch ein Jungfräulein verschaffen, und mein ich, daß über das Frauenzimmer nichts in der Welt gehe. Auch weiß ich eine dermaßen schöne Dame für Euch, dergleichen Jungfräulein nicht lebet, so weit sich die mittägigen Sonnenstrahlen erstrecken. Dieselbe steht Euch besser an und wird Euch mehr Kurzweil schaffen als der Hirsch im Walde, oder der Vogel in der Luft, oder der Fisch im Wasser. Es ist dies die schöne Adelheid, des Kaiser Ottos einzige und leibliche Tochter.

Der König spricht:
Dein Rat, mein lieber Dietwalde! gefällt mir nicht übel. Aber, lieber Dietwalde! die Adelheid ist eine Klosterjungfrau, und also ist es nicht ratsam, daß ich sie zu einem Gemahl von dem Kaiser begehre. Darum so rate anders, mein lieber Dietwalde! denn das kann wegen des geistlichen Ordens nicht sein, ob ich gleich weiß, daß sie das schönste Fräulein in der jetzigen Welt ist.

Dietwaldus spricht:
Gnädiger Herr König! Kloster hin, Kloster her, das muß ein mächtiger Herr nicht achten. Die Liebe, so sie inbrünstig ist, siehet kein Kloster an, und weil Ihr eine Liebe zu dem Fräulein habt, wäre meine Meinung, Ihr suchtet die Adelheid mit List an Euch zu bringen, ich will selbst der Mittler sein und ausdenken, wie ich sie aus dem Kloster bringe.

Der König spricht:
Mein treuer Dietwalde! ich kann nicht umhin, Euch zu bekennen, daß ich mit großer Inbrunst ihrer begehre.
 
Sie gehen beide wieder in den Becher oder in den Zwerg über.
 

Der Zwerg springt vom Tisch und spricht:
Allons Sessel! und du Tische,
Fort da! regt die Beine frische!

Die Sessel sprechen:
Gott sei Dank! Wir armen Jungen
Wurden fast zu tot gesessen.

Der Tisch spricht:
Auf denn! in den Wald gesprungen,
Wollen dort auch etwas fressen.
 
Sie springen wieder in den Wald. Währenddem kommt der Turm mit dem Kloster, das indessen mit ihm heimlich auf und ab lief, zurücke. Der Zwerg verwandelt sich in die Nonne.

Die Nonne spricht:
Stolze Türme! hohe Säle!
Schön durchstrahlt von Frau'n und Rittern!
Weh! ihr dufterfüllten Gärten,
Lichtdurchscheint von Stern und Lilie!
Weh! ihr spiegelhellen Seen,
Schön durchschifft von Silberschwänen!
Treue Frauen! tapfre Ritter!
Lassend für mich Blut und Frieden! –
Weh! daß ich von euch geschieden!
Hinter Mauern, hinter Gittern
Welk ich hin, seh euch nicht wieder!
 
Die Nonne verwandelt sich in den Teufel.

Der Teufel spricht:
Ha! Ha! Ha! Ha! Hu! Hu!
 
Er zerteilt sich plötzlich in mehrere Teufel, Geister und Hexen. Diese tanzen über dem Kloster und sprechen:
 
Daß kein krankes Herz gesunde
Durch Gebet in stiller Stunde,
Wenn es von der Welt geschieden –
Tauchen wir mit schwarzem Flügel
Auf- und abwärts ohne Ruhe.
Und je näher unser Reigen
Drückend sich der Erde neiget,
Wird es schwerer stets dem Frommen,
Betend sich zu Gott zu heben. –
Lassen keinen Seufzer aufwärts,
Keinen Trost darnieder schweben,
Und so kann nur zu ihm kommen
Fluch, Verzweiflung, so wir geben.
 
Sie kommen immer näher und näher der Erde, und wie sie ganz unten, gehen sie in dem Dietwaldus zusammen.

Dietwaldus spricht:
Brumm ich jetzt ein frommes Motto,
Hum! versteht sich nur zum Spott so,
Sag: Ich komm vom Kaiser Otto,
Bin gesandt schnell in der Nacht her,
Daß ich spreche seine Tochter,
Bring den Frauen Klosterschleier
Oder ein paar Ostereier,
Angefüllt mit Diamanten;
Und so führ ich sie abhanden.
 
Er verwandelt sich in den Teufel.
 

Der Teufel spricht:
Ha! ha! ha! ha! hu! hu!
 
Er zerteilt sich wieder in mehrere Teufel und Hexen. Sie fliegen mit wildem Geschrei in die Luft. Der Teufel verwandelt sich in den Mond, die Hexen in Sterne.
 

Der Teufel als Mond spricht:
Daß, wo naß ein Auge blicket
Flehend auf zu Sternenstrahlen,
Daß, wo wund sich Herzen grämen –
Höllenglut wir niederschicken
Da aus unsern Höllenstrahlen,
Haben wir den Mond, die Sterne
Schnell mit Wolken schwarz umzogen,
Sind lautjauchzend in die Ferne
Selbst als Sterne aufgeflogen.
 
Dietwaldus tritt aus dem Kloster, teilt sich in zwei Teile. Das eine bleibt er, das andre wird zur Nonne.

Dietwaldus spricht:
Hochadeliges Fräulein! Es ist ewig schade und großes Unrecht, daß Euch Euer Herr Vater, der Kaiser Otto, in dieses Kloster eingesperrt hat, allwo Ihr Eure junge Zeit einsam dahinleben sollt. Das Kloster ist für Eure Zärte viel zu streng, und Eure Kräfte sind viel zu schwach, ein so schwer und hartes Joch zu ertragen, und Ihr könnt den Himmel wohl auf eine andre und beßre Art erwerben. Darum so wisset, daß ich nicht von Eurem Herrn Vater aus Österreich, sondern von Prag hiehergeschickt bin, mit einem Schreiben meines Herrn, des König Eginhards,
 
überreicht den Brief
 
daß Ihr mir saget, ob Ihr den König zur Ehe haben wollet oder nicht.

Die Nonne öffnet den Brief, liest und spricht:
Lieber Hofmeister Dietwalde! Du hast mit deinem Herrn, dem König, und mit mir ein Gefährliches vor; wisse, daß ich eine Kaiserstochter und zumal eine Klosterjungfrau bin; wird das mein Vater, der Kaiser, inne, wird er alle Macht anwenden, mich und deinen Herrn, den König, zu strafen; ich traue mir nicht aus dem Kloster, bleibe aber auch, fürwahr! nicht länger mehr hier innen, sondern bin fest entschlossen zu sterben.

Dietwaldus spricht:
Daran würdet Ihr sehr unrecht tun, inmaßen Euer junges Leben noch zu großen Freuden der Welt aufbewahrt ist.

Die Nonne spricht:
Nun dann! so führt mich mit sicherem Geleite von dannen.
 
Sie geht in den Dietwaldum über. Derselbe verwandelt sich in den Zwerg. Der Mond fällt auf das Klosterdach und setzt sich als Teufel über dasselbe her; die Sterne flattern als Hexen um ihn.
 

Der Teufel spricht:
Spring du finstrer Rapp geschwinde!
Hu! hu! fu! fu! durch die Winde,
Durch die Wasser, durch die Flammen,
Mein gehört ihr all zusammen!
 
Er spornt das Kloster und reutet mit ihm davon; die Hexen flattern um ihn her.
 

Der Zwerg spricht:
Gottlob oder Lob dem Teufel,
Endlich ist hier Platz gemachet,
Ohne Harke, ohne Schaufel
Ist das Kloster weggeschaffet,
Und ich denk, wir können immer
Hier ein Zimmer hübsch placieren –
Zimmer! Laß dich anprobieren!
 
Es kommt ein Zimmer mit einem Spiegel herbeigelaufen. Der Zwerg wird schnell zum Kaiser Otto.
 

Der Kaiser spricht:
Gut! du hast die rechte Größe
Für den alten Kaiser Otto.
 
Der Kaiser Otto wird schnell wieder zum Zwerg.
 

Der Zwerg spricht:
Und der Spiegel steht nicht böse.
Seht darin in bunten Reihen
Schöne Frauen, tapfre Ritter
Um die reichgeschmückte Tafel:
Denn hier hält der Böhmen König
Eginhardus seine Hochzeit
Mit der schönen Adelheide –
Sitzen an der Tafel beide
Zu des Volks und Adels Freude
Von zu starker Liebe tot schier,
Indes arge Klag' und Not hier.
 
Der Zwerg verwandelt sich in den alten Kaiser Otto; die Figuren im Spiegel verbergen sich alle unter die Tafel. Eginhard streckt den Kopf hervor und horcht.
 

Der alte Kaiser spricht:
O Tochter Adelheid! wie hab ich dieses um dich verschuldet! In meinem hohen Alter betrübst du mich mit einer solchen Tat? Gut, ich will mich aufmachen und Eginhard auf den Grund ausrotten,
 
Eginhard steckt bei diesen Worten auch voll den Kopf unter die Tafel
 
und will ihn zu einem Schemel gebrauchen, wenn ich auf das Pferd steige, und alle die will ich mit Feuer und Schwert verderben, die zu solchem unseligen Beginnen ihm den Rat gegeben.
 
Der alte Kaiser verwandelt sich in einen Pudel, der knurrend im Zimmer umherläuft und sich dann unter den Ofen legt. Wie alles ruhig, kreucht Eginhard im Spiegel wieder unter der Tafel hervor und nach ihm all die andern Figuren.
 

Eginhardus im Spiegel spricht:
Wehe! wehe! des großen Unheils, das du, o treuloser Dietwalde! durch deine teuflische Räte stiftetest.
 
Dietwaldus durchbohrt sich mit dem Schwert.
 

Im Augenblick erscheint der Teufel und spricht:
Hu! ha! hie ho hu u!
 
Fährt mit Dietwaldus von dannen.
 

Eginhardus spricht:
Gut! nun hast du deinen verdienten Lohn! Ihr aber, meine Getreuen! laßt uns in aller Eil' in den Böhmerwald fliehen und dort in der tiefsten Wildnis ein Schloß bewohnen, wo wir unbekannt und vor den Nachstellungen unserer Feinde in Frieden leben können.
 
Die Figuren gehen ab. Man sieht im Spiegel ein großes Kriegsheer vorüberziehen, an dessen Spitze der alte Kaiser Otto steht. Ein Vorhang fällt vor den Spiegel. Der Pudel, der bisher unter dem Ofen lag, tritt hervor und spricht:
 
Mit höchster Erlaubnus habe ich die Ehre, ein gebildetes Publikum durch ein Deklamatorium zu amüsieren.
 
Er bellt, bis der Vorhang fällt.

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