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Das Mondtal

Jack London: Das Mondtal - Kapitel 9
Quellenangabe
authorJack London
titleDas Mondtal
publisherUniversitas
year1929
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
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Die ganze Nacht lag Saxon schlaflos da, ohne sich zu entkleiden, und als sie morgens aufstand, wusch sie sich das Gesicht und machte sich das Haar. Ihr war seltsam zumute, sie war wie betäubt und hatte ein Gefühl, als sei ihr Kopf von einem schweren eisernen Reif zusammengepreßt. Das war der Anfang einer Krankheit, die sie nicht bei Namen nennen konnte. Sie wußte nur, daß ihr seltsam zumute war. Es war kein Fieber. Es war keine Erkältung. Körperlich fehlte ihr nichts, und als sie ein wenig nachgedacht hatte, kam sie zu dem Ergebnis, daß es nur die Nerven waren – die Nerven, die nach ihrer Vorstellung und der ihrer Klasse keine Verbindung mit physischem Unwohlsein hatten.

Sie hatte das merkwürdige Gefühl, daß sie sich selbst fremd geworden war, und daß die Welt, in der sie sich bewegte, eine wie in einen Nebelschleier eingehüllte unklare Welt war, die keine scharfen Konturen hatte, und deren sonstige Klarheit verschwunden war. Ihr Gedächtnis wies große Lücken auf, und sie ertappte sich immer wieder dabei, wie sie Dinge tat, die sie gar nicht hatte tun wollen. So kam sie zu ihrem großen Erstaunen plötzlich zur Besinnung, als sie auf dem Hinterhof stand und die Wäsche der Woche zum Trocknen aufhängte. Sie erinnerte sich nicht, die Arbeit getan zu haben, und doch war es genau das, was sie tun sollte. Sie hatte Laken, Kissenbezüge und Tischwäsche gekocht; Billys Wollwäsche war in warmem Wasser gewaschen, mit selbstverfertigter Seife, deren Rezept Mercedes ihr gegeben hatte. Bei näherem Nachsehen entdeckte sie, daß sie ein Kotelette zum Frühstück gegessen hatte. Das hieß, daß sie beim Schlächter gewesen war, und doch erinnerte sie sich dessen nicht. Neugierig ging sie ins Schlafzimmer. Das Bett war gemacht und alles in Ordnung. In der Dämmerung kam sie zu sich. Sie saß im Vorderzimmer am Fenster und weinte vor überströmender Freude. Anfangs wußte sie nicht, weshalb sie sich so freute, dann aber tauchte plötzlich das Bewußtsein in ihrem Kopfe auf, daß es daher kam, weil sie ihr Kindchen verloren hatte. »Es ist ein Segen, ein Segen!« sang sie laut und rang die Hände, aber aus Freude – sie wußte, daß sie ihre Hände aus Freude rang.

Die Tage kamen und gingen. Sie hatte nur einen vagen Begriff von der Zeit. Zuweilen kam es ihr vor, als seien Jahrhunderte vergangen, seit Billy ins Gefängnis gekommen war. Dann wieder war es, als sei alles am Abend zuvor geschehen. Immer wieder aber tauchten die beiden Gedanken auf: sie durfte Billy nicht im Gefängnis besuchen, und es war ein Segen, daß sie ihr Kind verloren hatte.

Einmal kam Bud Strothers, um nach ihr zu sehen. Er saß im Vorderzimmer und sprach mit ihr, und es beschäftigte sie sehr, als sie sah, daß seine Hosen unten ausgefranst waren. Wieder eines Tages kam der Geschäftsführer der Gewerkschaft. Sie sagte ihm, wie sie Bud Strothers gesagt hatte, daß es ihr ausgezeichnet ginge, daß ihr nichts fehlte, und daß sie bis zu Billys Entlassung leicht durchkommen könnte.

Dann begann eine quälende Angst sie zu verfolgen, wo sie ging und stand. Wenn er entlassen wurde. Nein: das würde nicht geschehen. Es durften keine Kinder mehr kommen. Es konnte ja ein lebendes Kind werden. Nein, nein und tausendmal nein. Das durfte nicht geschehen. Dann eher weglaufen! Sie wollte Billy nicht wiedersehen. Alles, nur das nicht! Alles, nur das nicht!

Die Angst ließ sich nicht verscheuchen. In ihrem Schlaf, den beständig böse Träume störten, wurde es zu einer unumstößlichen Tatsache, so daß sie nur zitternd, in kalten Schweiß gebadet und mit einem lauten Schrei aufwachen konnte. Ihr Schlaf wurde immer unruhiger und immer mehr von bösen Träumen gestört. Zuweilen war sie überzeugt, daß sie gar nicht schlief, sie wußte, daß sie an Schlaflosigkeit litt, und an Schlaflosigkeit war ihre Mutter gestorben.

Eines Tages kam sie in Doktor Hentleys Sprechzimmer zu sich. Er sah sie an, als wüßte er nicht recht, was er glauben sollte.

»Bekommen Sie auch genug zu essen?« fragte er.

Sie nickte.

»Bedrückt etwas Ernsthaftes Sie?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, es ist nichts, Herr Doktor – außer –«

»Nun, was denn?« sagte er ermutigend.

Und jetzt wußte sie, warum sie gekommen war. Klar und offen erzählte sie ihm alles. Er schüttelte langsam den Kopf.

»Das geht nicht, mein Kind«, sagte er.

»Doch, es geht!« rief sie. »Ich weiß, daß es geht.«

»Ach, das meine ich nicht«, antwortete er. »Ich meine nur, daß ich es Ihnen nicht sagen kann. Ich darf es nicht. Es ist ungesetzlich. Ein Arzt sitzt deswegen im Leavenworth-Gefängnis.«

Sie bestürmte ihn vergeblich mit ihren Bitten. Er erzählte, daß er selbst Frau und Kinder hätte und sich ihretwegen nicht in Gefahr bringen dürfte.

»Außerdem besteht augenblicklich keine Wahrscheinlichkeit dafür«, sagte er.

»Aber es kommt, es kommt ganz sicher«, beharrte sie eindringlich.

Aber er schüttelte nur traurig den Kopf.

»Warum wollen Sie es wissen?« fragte er schließlich. Saxon schüttete ihm ihr Herz aus. Sie erzählte ihm von dem ersten glücklichen Jahr mit Billy, von den schweren Zeiten, die infolge der Arbeiterunruhen gekommen waren, von der mit Billy vorgegangenen Veränderung und von ihrer eigenen wahnsinnigen Angst. Nicht, wenn es sterben sollte, schloß sie. Das könnte sie noch einmal ertragen. Aber wenn es leben sollte! Billy würde bald aus dem Gefängnis kommen, und dann sei die Gefahr da. Es seien ja nur ein paar Worte. Sie wolle es keinem Menschen erzählen. Wilde Pferde sollten es nicht aus ihr herausziehen können.

Aber Doktor Hentley schüttelte nur weiter den Kopf.

»Ich kann es Ihnen nicht sagen, mein Kind. Es ist eine Schande, aber ich wage es nicht. Mir sind die Hände gebunden. Es ist ein Fehler in unsern Gesetzen. Ich muß an die denken, die mir teuer sind.«

Erst als sie aufstand, um zu gehen, wurde sein Entschluß wankend.

»Kommen Sie«, sagte er. »Setzen Sie sich dicht zu mir.«

Er wollte ihr etwas zuflüstern, aber in übertriebener Vorsicht stand er plötzlich auf, schritt an das andere Ende der Stube, öffnete die Tür und sah hinaus. Als er sich wieder setzte, zog er seinen Stuhl so dicht an den ihren, daß ihre Arme sich berührten, und als er flüsterte, kitzelte sein Bart ihr Ohr.

»Nein, nein«, sagte er abwehrend, als sie ihre Dankbarkeit auszudrücken versuchte. »Ich habe Ihnen nichts erzählt. Sie sind bei mir gewesen, um mich wegen Ihrer Gesundheit im allgemeinen zu konsultieren. Sie sind sehr herunter, sind nicht recht bei sich –«

Im Sprechen begleitete er sie zur Tür. Als er sie öffnete, stand ein Patient im Vorzimmer. Doktor Hentley hob die Stimme.

»Sie brauchen das stärkende Mittel, das ich Ihnen aufgeschrieben habe, vergessen Sie das nicht! Und überfüllen Sie nicht Ihren Magen, wenn Sie wieder Appetit bekommen. Aber essen Sie etwas Gutes, Nahrhaftes. Auf Wiedersehen!«

 

Manchmal wurde es ganz unerträglich für Saxon in dem stillen Haus, und dann warf sie sich einen Shawl über den Kopf und ging nach der Oakländer Mole oder über das Eisenbahngelände und durch die Sümpfe nach Sandy Beach, wo Billy, wie er ihr erzählt hatte, zu baden pflegte. Oder sie ging nach der Fährstelle, indem sie auf einer unsicheren eisernen Leiter über Holzstapel kletterte, und wenn sie dann über einen Berg von Brennholz kroch, konnte sie zum Rock Wall gelangen, der sich weit in die Bucht hinaus erstreckte und die Schlickfläche von dem in das Oakländer Delta mündenden Kanal trennte. Hier wehte der frische Seewind und Oakland schwand zu einem Rauchfleck hinter ihr, während sie jenseits der Bucht den Rauchfleck sah, der San Franzisko bedeutete. Ozeandampfer fuhren im Delta ein und aus, und Segelschiffe mit hohen Masten wurden von Schleppern mit roten Schornsteinen gezogen.

Sie sah die Seeleute auf den Schiffen und dachte an die langen Reisen, die sie machten, und die fernen Länder, die sie besuchten, und das freie Leben, das sie führen mochten. Oder waren sie vielleicht von einer Welt umgeben, die ebenso unbarmherzig und böse war wie die, welche Oakland mit seinen Bewohnern umgab? Es sah nicht so aus, und manchmal wünschte sie, auf einem der ausfahrenden Schiffe zu sein – und zu fahren, einerlei wohin, nur weit fort von der Welt, der sie ihr Bestes gegeben und die sie dafür mit Füßen getreten hatte.

Sie wußte es nicht immer, wann sie ausging oder wo ihre Füße sie hintrugen. Einmal kam sie zu sich in einer Gegend von Oakland, die sie gar nicht kannte. Die Straße war breit, und zu beiden Seiten waren Reihen schattiger Bäume und sammetweiche Rasenflächen, die nur von zementierten Bürgersteigen unterbrochen wurden, die Häuser lagen etwas auseinander und waren groß – sie bezeichnete sie in Gedanken als Paläste. Was sie wieder ins Bewußtsein riß, war ein junger Mann auf dem Führersitz eines großen Tourenautomobils, das vor einem der Häuser hielt. Er sah sie neugierig an, und sie erkannte ihn. Es war Roy Blanchard, der junge Mann, dem Billy vor dem Forum Prügel angedroht hatte. Neben dem Automobil stand barhaupt ein anderer junger Mann. Auch seiner erinnerte sie sich. Es war der, der – an dem Sonntag, als sie Billy das erstemal getroffen – dem Läufer den Stock zwischen die Beine gesteckt und dadurch das allgemeine Handgemenge verursacht hatte. Wie Blanchard, sah auch er sie neugierig an, und ihr wurde plötzlich klar, daß sie Selbstgespräche geführt hatte. Ihre eigene unzusammenhängende Rede klang ihr noch im Ohr. Sie wurde heiß vor Scham und beschleunigte ihren Gang. Blanchard sprang vom Auto herunter und ging ihr entgegen.

»Ist Ihnen etwas?« fragte er.

Sie schüttelte den Kopf, und obwohl sie stehen blieb, gab sie doch deutlich zu erkennen, daß sie weiterzugehen wünschte.

»Ich kenne Sie gut«, sagte er und sah ihr forschend ins Gesicht. »Sie waren mit dem streikenden Arbeiter zusammen, der mir eine Tracht Prügel versprach.«

»Das ist mein Mann«, sagte sie.

»Nun, da kann er sich freuen.« Er sah sie mit einem wohlwollenden, freimütigen Blick an. »Aber was ist mit Ihnen? Kann ich etwas für Sie tun?«

»Nein, mir geht es gut«, antwortete sie. »Ich bin krank gewesen.« Sie glaubte zu lügen, denn ihr fiel nicht einen Augenblick ein, daß ihre merkwürdige Verfassung etwas mit Krankheit zu tun haben könnte.

»Sie sehen müde aus«, sagte er eindringlich. »Ich will Sie ein Stückchen fahren. Sagen Sie mir nur, wo Sie hinwollen. Es macht mir nichts aus –«

Saxon schüttelte den Kopf.

»Wenn – wenn Sie mir nur erklären wollen, wo ich die Straßenbahn nach der Achten Straße finde. Ich komme nicht oft in diese Gegend.«

Er sagte ihr, wo die Straßenbahn war, und wo sie umzusteigen hatte, und sie war erstaunt, wie weit sie gegangen war.

»Danke«, sagte sie. »Auf Wiedersehen!«

»Und Sie sind ganz sicher, daß ich nichts für Sie tun kann?«

»Ganz sicher.«

»Nun ja, auf Wiedersehen denn!« Er lächelte gutmütig. »Und sagen Sie Ihrem Mann, er soll sehen, daß er in Form bleibt. Er wird seine Kräfte brauchen, wenn wir beide aufeinander losgehen.«

»Aber Sie dürfen nicht mit ihm kämpfen«, warnte sie ihn. »Sie dürfen es nicht tun. Sie haben nicht die geringste Chance.«

»So hab' ich es gern«, sagte er bewundernd. »So müssen Frauen an ihre Männer glauben! Eine gewöhnliche Frau würde fürchten, daß ihr Mann Prügel bekäme –«

»Ja, ich fürchte mich nicht – seinetwegen. Nur Ihretwegen. Er ist ein glänzender Boxer. Sie hätten nicht die geringste Chance – es wäre wie – wie –«

»Wie wenn man einem Säugling den Schnuller stähle?« beendete Blanchard den Satz für sie.

»Ja«, nickte sie. »Genau so würde er sagen. Und deshalb sage ich, nehmen Sie sich in acht. Aber jetzt muß ich gehen. Auf Wiedersehen, und nochmals vielen Dank.«

Sie ging den Bürgersteig entlang, während sein freundliches »Auf Wiedersehen« ihr noch in den Ohren klang. Er war gut – das gestand sie sich ganz ehrlich – und doch war er einer der klugen Leute, einer der Großen, die nach Billys Meinung verantwortlich waren für all das Böse, das den Arbeitern widerfuhr, für die Leiden der Frauen und die Strafen, die die Männer ertrugen, die in ihrer gestreiften Gefängnistracht in San Quentin herumgingen oder in der Todeszelle darauf warteten, das Schafott zu besteigen. Und doch war er freundlich, liebenswürdig, rein und gut. Sie konnte ihm den Charakter vom Gesicht ablesen. Wie aber konnte das sein, wenn er für das viele Böse verantwortlich war? Sie schüttelte müde den Kopf. Es gab keine Erklärung, nichts, das ihr zum Verständnis einer Welt verhelfen konnte, die kleine Kinder vernichtete und Frauenbrüste mißhandelte.

Es erstaunte sie nicht, daß sie sich zwischen all diese feinen Häuser verirrt hatte, das entsprach gut all den andern seltsamen Dingen, die sie tat. Sie tat so vieles, ohne es zu wissen. Aber sie mußte vorsichtig sein. Es war besser, bei den Sümpfen und dem Rock Wall zu bleiben.

Namentlich den Rock Wall liebte sie. Hier draußen war es frei, weit und groß, und das versuchte sie instinktiv einzuatmen, indem sie die Arme ausbreitete, um es zu umfassen und zu einem Teil ihrer selbst zu machen. Es war eine natürlichere Welt, eine vernünftigere Welt. Sie verstand sie – verstand die grünen Krabben mit den verblichenen Klauen, die wegeilten, wenn man sich näherte, und die sie bei Ebbe auf Felsstücken mit grünen Seegrasweiden sehen konnte. Wenn auch der große Deich sicher von Menschenhänden verfertigt war, so schien doch nichts Künstliches daran zu sein. Es gab keine Menschen hier, kein Gesetz, keinen Kampf zwischen Menschen. Das Meer stieg und sank, je nachdem Flut oder Ebbe war. Die Sonne ging auf und unter; regelmäßig jeden Nachmittag kam der starke Westwind durch das Goldene Tor hereingetanzt, verdunkelte das Wasser, setzte Schaumwipfel auf die winzigen Wellen und ließ die Segelboote über das Wasser fliegen. Alles war frei. Hier lag Brennholz, das man nur aufzulesen brauchte. Kleine Knaben fischten mit Ruten von den Felsen aus, denn niemand verjagte sie, und sie fingen Fische, wie Billy als Knabe Fische gefangen hatte.

Und hier war Nahrung, Nahrung, die jeder nehmen konnte. Sie sah die kleinen Knaben eines Tages bei Ebbe Muscheln auf den Felsen sammeln und sie an der Glut eines Feuers braten, das sie auf dem Deich anzündeten. Sie schmeckten glänzend. Saxon lernte, die kleinen Austern von den Felsblöcken brechen, und einmal fand sie ein kleines Bündel frischgefangener Fische, das ein Knabe vergessen hatte.

Aber auch hier trieben Zeugnisse von den bösen Taten der Menschen an Land – aus den fernen Städten. Eines Tages bei Hochwasser war der ganze Wasserspiegel von Melonen bedeckt. Tausende und aber Tausende von Melonen hüpften und tanzten im Delta. Wenn sie an die Felsen trieben, konnte sie sie auffischen. Aber alle wie eine – und sie versuchte es geduldig mit Dutzenden – waren durch einen tiefen Schnitt, in den das Salzwasser hineindrang, verdorben. Sie konnte es nicht verstehen und fragte eine alte Portugiesin, die Treibholz auffischte.

»Das tun die Leute, die zuviel haben«, erklärte die alte Frau und reckte ihren Rücken, der steif von der Arbeit war, mit solcher Mühe, daß Saxon ihn fast knirschen hörte. Die schwarzen Augen der alten Frau leuchteten zornig, und ihre runzligen Lippen, die sich straff über den zahnlosen Gaumen spannten, waren vor Zorn ganz verzerrt. »Die Leute, die zuviel haben. Um die Preise hochzuhalten. Sie werfen sie in San Franzisko ins Wasser.«

»Aber warum geben sie sie denn nicht den Armen?« fragte Saxon.

»Sie müssen die Preise halten.«

»Aber die Armen können sie ja doch nicht kaufen«, wandte Saxon ein. »Das könnte doch den Preisen nichts schaden.«

Die alte Frau zuckte die Achseln.

»Ich weiß es nicht. So machen sie es nun einmal. Sie zerschneiden jede Melone, so daß die Armen sie nicht auffischen und essen können. Ebenso machen sie es mit Apfelsinen und Äpfeln. Auch mit Fischen. Ja, es ist ein Trust. Wenn die Boote zu viele Fische fangen, wirft der Trust sie beim Fischerkai ins Wasser. Boot auf Boot voll von all den herrlichen Fischen. Die herrlichen Fische sinken und verschwinden. Niemand bekommt sie. Ja, und das, obwohl sie tot sind und nur zum Essen taugen.«

Und Saxon konnte eine Welt nicht verstehen, die derlei tat – eine Welt, wo einige Menschen so viel zu essen hatten, daß sie es wegwarfen, Leute bezahlten, um es zu vernichten, ehe sie es wegwarfen. Während in derselben Welt so viele Menschen waren, die nicht genug zu essen hatten, deren Kinder starben, weil die Milch ihrer Mütter nicht nahrhaft genug war, deren junge Männer kämpften und einander totschlugen, um Arbeit zu bekommen, deren alte Männer und Frauen ins Armenhaus wandern mußten, weil es nicht genug in den elenden kleinen Löchern zu essen gab, die sie weinend verließen. Und so war es in der ganzen Welt. Hatte Mercedes nicht zehntausend Familien im fernen Indien verhungern sehen, obwohl, wie sie selbst gesagt hatte, die Juwelen, die sie trug, sie alle vom Hungertode hätte erretten können?

Eine Weile saß Saxon zerschmettert, hilflos da. Dann aber begann in ihr ein Drang nach Protest, nach Aufruhr zu schwelen. Sie fragte sich vergebens, warum Gott so mit ihr umgesprungen war. Womit hatte sie ein solches Schicksal verschuldet? Sie war ihrer Mutter gehorsam gewesen, sie war Cady, dem Gastwirt, und seiner Frau gehorsam gewesen. Sie war der Vorsteherin und den andern Frauen im Waisenhaus gehorsam gewesen. Sie war Tom gehorsam gewesen, als sie zu ihm kam, und sie war nie auf die Straße gelaufen, weil er es nicht wollte. In der Schule war sie immer mit Lob versetzt worden, und ihr Benehmen war stets tadellos gewesen. Von dem Tage an, da sie die Schule verließ, bis zu dem Tage, da sie Hochzeit hielt, hatte sie gearbeitet. Und sie war eine tüchtige Arbeiterin gewesen. Der kleine Jude, dem die Kartonagenfabrik gehörte, hatte fast geweint, als sie ihn verließ. Ebenso ging es in der Konservenfabrik. Sie hatte zu den bestbezahlten Weberinnen gehört, als die Jutefabrik schloß. Und sie hatte sich brav gehalten. Und dann war Billy gekommen – ihre Belohnung. Sie hatte all ihre Zeit ihm, seinem Haus, allem, was seiner Liebe Nahrung geben konnte, geopfert, und jetzt sollten sie und Billy in diesem sinnlosen Wirbel von Elend und Verzweiflung versinken? Nein, Gott war verantwortlich dafür. Sie hätte selbst eine bessere Welt schaffen können – eine schönere, gerechtere Welt. Wenn es aber so war, dann gab es keinen Gott. Gott konnte ein solches Pfuschwerk nicht machen. Die Vorsteherin hatte unrecht gehabt, ihre Mutter hatte unrecht gehabt. Aber dann gab es keine Unsterblichkeit, und Bert, der wilde, tolle Bert, der mit seinem furchtbaren Todesschrei vor ihrer Gartenpforte niedergestürzt war, hatte recht gehabt. Wenn man tot war, war man tot.

Und wie Saxon das Leben so alles Herkömmlichen und Übersinnlichen beraubt betrachtete, war es, als geriete sie in einen Sumpf des Pessimismus, wo sie keinen Grund finden konnte. Es gab nichts im Universum, das die Forderung rechtfertigte, daß man sich gut aufführen sollte, keine ehrliche Chance für sie, die die Belohnung verdient hatte, für die Millionen, die wie Tiere arbeiteten, wie Tiere starben und für alle Ewigkeit tot waren. Wie die Heerscharen gelehrter Denker vor ihr kam sie zu dem Ergebnis, daß das Universum ohne Moral und ohne Interesse an den Menschen war.

Jetzt aber saß sie hier, gelähmt von einer noch größeren Hilflosigkeit als der, die sie gefühlt hatte, als sie noch Gottes Platz in der großen Ungerechtigkeit anerkannte. Solange Gott existierte, gab es immer die Möglichkeit eines Wunders, eines Dazwischentretens auf übernatürliche Weise, einer Belohnung mit unbeschreiblicher Seligkeit. Wenn es aber keinen Gott gab, dann war die Welt wie eine Falle. Das Leben war eine Falle. Sie war wie ein Hänfling, den kleine Knaben gefangen und in einen Käfig gesetzt hatten. Es kam daher, weil der Hänfling dumm war. Aber sie empörte sich. Sie flatterte und schlug ihre Seele gegen die harte Wirklichkeit, wie der Hänfling seine Flügel gegen das Drahtgitter schlug. Sie war nicht dumm, und sie gehörte nicht in die Falle. Sie wollte heraus aus der Falle. Es mußte einen Weg geben. Wenn Schiffsjungen und Holzhacker, die Geringsten der Dummen und Geringen, einen Weg hinauffanden, Präsidenten der ganzen Nation werden und all die klugen Leute in den Automobilen beherrschen konnten, dann mußte auch sie einen Weg nach oben finden und die winzige Belohnung gewinnen können, nach der sie trachtete: Billy, ein klein wenig Liebe, ein klein wenig Glück.

Wie wollte sie für dieses Glück arbeiten! Aber wo ging der Weg? Sie sah ihn nicht. Ihre Augen sahen nur den dunklen Fleck, der San Franzisko war, den dunklen Fleck, der Oakland war, wo Männer einander die Köpfe zerschlugen und töteten, wo kleine Kinder, geborene und ungeborene, starben, und wo Frauen mit mißhandelten Brüsten weinten.

Ihr vages, unwirkliches Dasein ging weiter. Ihr war, als sei es ein früheres Leben, in dem Billy sie verlassen, und als könne noch ein ganzes Leben vergehen, ehe er wiederkehrte. Sie litt immer noch an Schlaflosigkeit. Es vergingen viele Nächte, eine nach der andern, in denen sie nicht ein einziges Mal die Augen schloß. Dann wieder schlief sie lange Schwächeperioden hindurch, erwachte betäubt und gelähmt, kaum imstande, die schlafschweren Augen zu öffnen und die müden Glieder zu bewegen. Der Druck des eisernen Reifens um ihren Kopf schwand nicht einen Augenblick. Sie war unterernährt und hatte nicht einen Pfennig. Oft bekam sie den ganzen Tag lang nichts zu essen. Einmal vergingen zweiundsiebzig Stunden, ohne daß sie das geringste zu essen hatte. Sie suchte Schaltiere im Sumpf, löste die winzigen Austern von den Felsblöcken und sammelte Muscheln.

Als aber Bud Strothers kam, um nach ihr zu sehen, versicherte sie ihm doch, daß es ihr ausgezeichnet ginge. Eines Abends nach der Arbeitszeit kam Tom und zwang sie, zwei Dollar zu nehmen. Er war schrecklich besorgt und hätte ihr gern mehr geholfen, aber Sarah erwartete in der nächsten Zeit ein Kind. Es waren schlechte Zeiten für seinen eigenen Beruf, weil in so vielen andern Berufen gestreikt wurde. Er konnte nicht begreifen, was mit dem ganzen Land los war. Und doch war alles so einfach. Man brauchte nur die Dinge so zu sehen, wie er sie sah, und so zu stimmen, wie er stimmte. Dann gab es Gerechtigkeit für alle. Christus selbst war Sozialist, erzählte er ihr.

»Aber Christus starb vor zweitausend Jahren«, sagte Saxon.

»Ja, und wenn schon?« fragte Tom, der nicht verstand, wo sie hinauswollte.

»Denk nur«, sagte sie, »denk nur an alle die Männer und Frauen, die in den zweitausend Jahren gestorben sind, und der Sozialismus ist noch immer nicht gekommen. Und wenn noch zweitausend Jahre vergangen sind, ist er vielleicht ferner als je. Tom, dein Sozialismus hat dir nicht im geringsten genützt. Er ist ein Traum.«

Ein trauriger Ausdruck trat in das müde Gesicht ihres Bruders, er nickte und seufzte:

»Ja, ja, Saxon, aber wenn es ein Traum ist, dann ist es ein schöner Traum.«

»Aber ich will nicht träumen«, antwortete sie. »Ich will, daß alles Wirklichkeit wird. Ich will es jetzt haben.«

Für die zwei Dollar kaufte sie sich einen Sack Mehl und einen halben Sack Kartoffeln und erzielte dadurch einige Abwechslung in ihrer einförmigen Kost, die sonst ausschließlich aus Muscheln und Schaltieren bestand. Wie die italienischen und portugiesischen Frauen sammelte sie Treibholz und trug es heim, wenn sie es auch immer als eine Demütigung ihres Stolzes empfand und es so einrichtete, daß sie erst nach Eintritt der Dunkelheit heimkam. Eines Tages war ein italienisches Fischerboot vom Bagger im Kanal auf den Sand gezogen worden und lag auf der dem Sumpf zugekehrten Seite des Rock Walls. Saxon saß auf dem Deich und sah auf die Männer hinab, die sich um das Kohlenbecken versammelt hatten und hartes italienisches Brot nebst einem Gericht aus gestovtem Gemüse und Fleisch aßen, das sie mit dünnem roten Wein hinabspülten. Später zogen sie ein Grundnetz durch das schlammige Wasser über den Sand und bekamen eine Menge Fische, wobei sie sich für ihren eigenen Gebrauch die größten auswählten. Viele Tausende kleiner Fische von Sardinengröße ließen sie sterbend auf dem Sande liegen, als sie fortsegelten. Saxon bekam einen ganzen Sack voll und mußte sie in zweimal heimschleppen, worauf sie sie in einem Holzzuber einsalzte.

Aber immer noch gab es Zeiten, da sie nicht bei vollem Bewußtsein war. Das merkwürdigste von allem, was sie in diesen Perioden unternahm, war, wie sie an einem stürmischen Nachmittag in einem selbstgegrabenen Loch, mit Säcken bedeckt, aufwachte. Sie hatte sich sogar eine Art primitiven Daches aus Treibholz und Schilf über dem Kopf verfertigt. Und das Schilf hatte sie mit Sand beschwert.

Ein andermal kam sie zu sich, wie sie mit einem Bündel Treibholz auf dem Rücken, das durch ein Tauende zusammengebunden war, durch den Sumpf ging. Charley Long ging neben ihr. Sie konnte sein Gesicht im Schein der Sterne sehen. Sie dachte matt darüber nach, wie lange er wohl zu ihr gesprochen und was er gesagt haben mochte. Dann wurde sie neugierig, was er sagte. Sie fürchtete sich nicht, obwohl sie seine Stärke und Bosheit kannte und wußte, wie einsam und dunkel es im Sumpf war.

»Es ist eine Schande, daß ein Mädel wie du solche Arbeit tun muß«, sagte er, offenbar als Wiederholung früherer Vorstellungen. »Nun, Saxon, was sagst du nun? Du brauchst nur ein Wort zu sagen.«

Saxon stellte sich ruhig vor ihn hin.

»Hör zu, Charley Long. Billy hat nur dreißig Tage zu sitzen, und die dreißig Tage sind beinahe um. Kommt er heraus, so ist dein Leben nicht einen Pfifferling wert, wenn ich ihm erzähle, daß du mich belästigt hast. Hör zu! Wenn du sofort gehst und dich weghältst, werde ich ihm nichts erzählen. Das ist alles, was ich zu sagen habe.«

Der große Schmied stand finster und unentschlossen da mit einem Gesicht, das in seiner wilden Sehnsucht ganz rührend war, und seine Hände krampften sich unbewußt zusammen, als wollte er etwas packen.

»Ach, du schwaches, kleines Ding«, sagte er heftig. »Ich könnte dich mit einer Hand zerquetschen. Ich könnte, ja – ich könnte tun, was ich wollte. Ich will dir nichts tun, Saxon, das weißt du gut. Sag nur, daß du –«

»Ich habe alles gesagt, was ich in dieser Sache zu sagen habe.«

»Donnerwetter!« murmelte er in unfreiwilliger Bewunderung. »Du hast keine Angst. Nein, wahrhaftig, du hast keine Angst.«

Einige lange Minuten standen sie Angesicht zu Angesicht, ohne ein Wort zu sprechen.

»Warum hast du keine Angst?« fragte er schließlich, nachdem er in das Dunkel um sie her geblickt hatte, um zu sehen, ob sie vielleicht heimliche Bundesgenossen hätte.

»Weil ich mit einem richtigen Mann verheiratet bin«, sagte Saxon kurz. »Und jetzt geh lieber.«

Als er gegangen war, schob sie ihre Last auf die andere Schulter und ging weiter, und ihr Herz wurde von einem stillen Stolz auf Billy durchbebt. Selbst hinter den Gefängnismauern konnte er sie immer noch mit seiner Kraft beschirmen. Sein Name allein genügte, um einen brutalen Burschen wie Charley Long zu verjagen.

An dem Tage, als Otto Frank gehängt wurde, blieb sie im Hause. Die Abendzeitungen schrieben über die Hinrichtung. Es war keine Rede von Aufschub gewesen. In Sacramento wohnte der Generaldirektor einer Eisenbahn, der Aufschub oder sogar Freispruch für Leute erwirken konnte, die Banken geplündert oder Bestechung angenommen hatten, der es aber nicht wagte, einen Finger für einen Arbeiter zu rühren.

Am nächsten Tage ging Saxon über den Rock Wall, und neben ihr wanderte das Gespenst Otto Franks. Aber in seiner Gesellschaft war ein anderes, noch undeutlicheres Gespenst, in dem sie Billy erkannte. War es denn der Wille des Schicksals, daß er sein Leben ebenso unheimlich wie Frank beschließen sollte? Das tat er sicher, wenn all dies Blutvergießen und dieser Kampf andauerte. Er war eine Kampfnatur. Er fühlte, daß er für das Rechte kämpfte. Man kam so leicht dazu, einen Mann zu töten. Wenn man auch nicht die Absicht hatte, es zu tun, so konnte einem Streikbrecher, wenn man ihn verprügelte, der Kopf auf dem zementierten Bürgersteig oder an einer Steinkante zerschlagen. Und dann würde Billy gehängt werden. Deshalb war Otto Frank gehängt worden. Er hatte nicht die Absicht gehabt, Henderson zu töten. Es war der reine Zufall, daß Henderson der Kopf zerschlagen worden war. Und doch hatte man Otto Frank deshalb gehängt.

Sie rang die Hände und weinte laut, während sie zwischen den windumwehten Felsen dahinwankte. Die Stunden vergingen, ohne daß sie etwas von sich oder ihrem Kummer wußte. Als das Bewußtsein wiederkehrte, befand sie sich am äußersten Ende des Deiches, wo er, zwischen Oakland und der Alameda-Mole, ins Wasser hinausging. Aber sie konnte keinen Deich sehen. Es war bald Vollmond, und das Wasser, das ungewöhnlich hoch stand, strömte über die Klippen herein. Sie stand bis zu den Knien im Wasser, und rings um sie her schwammen Dutzende großer Wasserratten, die pfeifend und winselnd miteinander kämpften, um, außer Reichweite des Wassers, zu ihr heraufzuklettern. Sie schrie laut vor Angst und Schrecken und trat nach ihnen. Einige tauchten und schwammen unter Wasser fort; andere schwammen weiter in angemessener Entfernung um sie herum, und eine große Ratte hieb die Zähne in ihren Schuh. Sie zertrat sie mit dem freien Fuß. Obwohl sie immer noch heftig zitterte, war sie jetzt doch imstande, ruhig zu überlegen. Sie watete zu einem festen Stück Treibholz hinaus, das einige Fuß entfernt schwamm, und schaffte sich damit bald Platz.

Ein grinsender kleiner Junge in einer kleinen Jolle, die in schimmernden Farben gestrichen und mit einem Halbdeck versehen war, segelte dicht an den Deich heran und ließ die Schot nach.

»Wollen Sie an Bord kommen?« rief er.

»Ja«, antwortete sie. »Hier gibt es so viele große Ratten. Ich habe Angst vor ihnen.«

Er nickte, lief dicht an die Küste und gab die Schot lose, so daß die Segel killten und die Strömung das Boot zu ihr trieb.

»Schieben Sie den Bug hinaus!« kommandierte er. »So. Ich möchte nicht gern das Schwert abbrechen – und jetzt springen Sie ins Heck, hier neben mich, schnell.«

Sie gehorchte und sprang gewandt ins Heck des Bootes. Der Junge hielt das Ruder mit dem Ellbogen fest, holte die Schot an, und als das Segel sich füllte, flog das Boot über die gekräuselten Wellen dahin.

»Sie verstehen wohl was vom Segeln?« sagte der Junge bewundernd.

Es war ein schlanker, feingebauter Knabe von zwölf oder dreizehn Jahren, und er sah gesund und frisch aus mit seinem sonnenverbrannten, sommersprossigen Gesicht und einem Paar großer grauer Augen, die klar und träumerisch waren. Trotz dem hübschen Boot war Saxon sich gleich klar, daß er ein Kind ihrer Klasse war.

»Es ist das erstemal, daß ich in einem Boot bin, außer in einer Fähre«, lachte sie.

Er sah sie forschend an.

»Nun ja, Sie sind wie ein Fisch im Wasser, das ist alles, was ich sagen kann. Wo soll ich Sie absetzen?«

»Wo du willst.«

Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, sah sie wieder mit einem langen, forschenden Blick an, bedachte sich einen Augenblick und fragte dann plötzlich:

»Haben Sie Zeit?«

Sie nickte.

»Den ganzen Tag?«

Sie nickte wieder.

»Wissen Sie was – ich fahre mit der Ebbe nach der Ziegeninsel, um Dorsche zu fangen, und komme abends wieder, wenn die Flut kommt. Ich habe massenhaft Angelleinen und Köder. Wollen Sie mitkommen? Wir können beide fischen! Was Sie fangen, können Sie selbst behalten.«

Saxon bedachte sich. Etwas von der Freiheit und Beweglichkeit des kleinen Bootes sprach sie an. Wie die Schiffe, die sie beneidet hatte, steuerte sie hinaus.

»Also gut«, erklärte sie. »Aber vergiß nicht, daß ich nichts von Segeln verstehe.«

»Ach, es wird schon gehen. – Aber jetzt muß ich wenden. Wenn ich sage: Ree!, dann ducken Sie den Kopf, daß der Baum Sie nicht trifft, und rücken nach der andern Seite.«

Er führte das Manöver aus, und Saxon tat, wie ihr geheißen. Im nächsten Augenblick saß sie neben ihm auf der entgegengesetzten Reling, während die Jolle nach dem langen Kai hinübersteuerte, wo die Kohlenbunker lagen.

»Wo hast du das gelernt?« fragte sie.

»Das habe ich mir selbst beigebracht, direkt von selbst gelernt. Es machte mir Spaß, wissen Sie, und was einem Spaß macht, das lernt man auch schnell. Was, glauben Sie, habe ich für das Boot gegeben? Wie Sie es sehen, ist es fünfundzwanzig Dollar wert. Was, glauben Sie, habe ich dafür gegeben?«

»Das kann ich nicht raten«, sagte Saxon. »Wieviel?«

»Sechs Dollar! Denken Sie sich – ein solches Boot für sechs Dollar! Natürlich habe ich eine Menge daran gemacht, und das Segel hat zwei Dollar gekostet, die Riemen einen Dollar vierzig und der Anstrich einen Dollar fünfundsiebzig. Aber für elf Dollar fünfzehn ist es doch billig gekauft. Und ich mußte lange sparen, bis ich es kriegte. Ich trage Morgen- und Abendzeitungen aus – ein anderer Junge hat mir den Nachmittagsgang abgenommen – und ich gebe ihm dafür zehn Cent – und alle ›Extras‹, die er verkauft, gehören ihm; und ich würde das Boot schneller bekommen haben, wenn ich nicht meine Stenographiestunden hätte bezahlen müssen. Meine Mutter wollte, daß ich Gerichtsstenograph würde. Die kriegen manchmal ganze zwanzig Dollar den Tag. Nun ja, aber ich mache mir nichts daraus. Es ist Sünde und Schande, Geld für die Stunden rauszuschmeißen.«

»Woraus machst du dir denn etwas?« fragte sie, halb, um ihre Gedanken zu beschäftigen, und halb, weil sie wirklich neugierig war. Denn sie fühlte sich von diesem Jungen angezogen, der so vertrauensvoll und gleichzeitig so merkwürdig verträumt war.

»Woraus ich mir etwas mache?« wiederholte er.

Er drehte langsam den Kopf, folgte dem Horizont, sein Blick weilte einen Augenblick auf den braunen Contra-Costa-Bergen und schweifte dann weiter, hinaus auf die See, an Alcatraz und dem Goldenen Tor vorbei. In seinen Augen lag ein unsagbar träumerischer Ausdruck, der ihr ans Herz griff.

»Aus dem!« sagte er und machte eine Armbewegung, die den ganzen Erdkreis umfaßte.

»Aus dem?« fragte sie.

Er sah sie an, ganz verblüfft, daß er ihr noch nicht begreiflich gemacht hatte, was er meinte.

»Kennen Sie das Gefühl gar nicht?« fragte er mit einem Versuch, ihre Sympathie für seinen Traum zu gewinnen. »Haben Sie nie das Gefühl, daß Sie sterben würden, wenn Sie nicht erführen, was jenseits der Berge und was jenseits der andern Berge, hinter den Bergen ist? Und hinter dem Goldenen Tor! Der Stille Ozean liegt dahinter, und China und Japan und Indien und – alle Koralleninseln. Man kann durch das Goldene Tor überall hinkommen, nach Australien, nach Afrika, nach den Robbeninseln, nach dem Nordpol, nach Kap Horn. Und alles das wartet auf mich, und ich werde auch schon hinkommen und es sehen.«

Und wieder, als hätte er keine Worte, um sein allumfassendes Verlangen auszudrücken, machte er eine Armbewegung nach dem Horizont.

Auch Saxon durchbebte es. Sie hatte, mit Ausnahme ihrer frühesten Kindheit, ihr ganzes Leben in Oakland verbracht. Und dort war es gut gewesen – bis jetzt. Jetzt aber, bei allen diesen Schrecken, die wie böse Träume waren, jetzt war es ein Ort, von dem man wegkommen mußte, wie ihre Vorfahren vom Osten hatten wegkommen müssen. Und warum nicht? Die große Welt riß und zerrte an ihr, und der Wunsch des Knaben hallte in ihr wider. Ihre Gedanken gingen zurück zu den Erzählungen ihrer Mutter und zu den Holzschnitten in ihrem Poesiealbum, wo ihre halbnackten Vorfahren mit dem Schwert in der Hand aus ihren schmalen, langen Booten gesprungen waren, um am blutigen Strande Englands zu kämpfen.

»Hast du je von den Angelsachsen gehört?« fragte sie.

»Und ob!« Seine Augen leuchteten, und er sah sie mit wachsendem Interesse an. »Ich bin Angelsachse durch und durch. Sehen Sie meine Augen und meine Haut – wie hell ich bin. Ich bin schrecklich weiß, wo ich nicht von der Sonne verbrannt bin. Und mein Haar war gelb, als ich klein war. Meine Mutter sagt, es würde dunkelbraun, wenn ich erwachsen wäre, und darüber ärgere ich mich. Aber deshalb bin ich doch Angelsachse. Wir sind über die Welt gewandert und haben alle anderen verprügelt.«

Saxon nickte, während er in seinen Betrachtungen fortfuhr; ihre Augen leuchteten, sie erkannte plötzlich, welche Herrlichkeit es sein mußte, einen solchen Knaben zur Welt zu bringen. Ihr Körper schmerzte so, daß sie sich fast einbildete, ein ungeborenes Wesen bekäme Leben in ihr. Ein neues Geschlecht, ein gutes Geschlecht, dachte sie bei sich. Und sie dachte an sich selber und an Billy, gesunde Schößlinge desselben Geschlechts, und doch zur Kinderlosigkeit verdammt, weil die Welt, die die Menschen geschaffen, sie in eine Falle gelockt hatte, und weil sie verflucht waren, in der Schar der Dummen zu leben.

Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Knaben zu.

»Mein Vater war Soldat im Bürgerkrieg«, erzählte er ihr. »Pfadfinder und Spion. Die Aufrührer wollten ihn zweimal als Spion hängen. In der Schlacht am Wilson Creek lief er eine halbe Meile mit seinem verwundeten Kapitän auf dem Rücken. Vor dem Krieg war er Büffeljäger und Pelzjäger. Er ist fast in jedem Staat von Amerika gewesen. Als er jung war, konnte er mit jedem ringen. Als ganz junger Bursche hatte er schon das Kommando über alle Flößer von Susquehanna. Sein Vater tötete einen Mann in einer Prügelei. Mit einem Schlag seiner bloßen Faust, und das mit sechzig Jahren. Und als er vierundsiebzig war, bekam seine Frau Zwillinge. Er starb, als er ein Feld mit Ochsen pflügte, und da war er neunundsiebzig. Er konnte gerade noch die Ochsen abschirren, dann setzte er sich unter einen Baum und starb. Und mein Vater ist genau so. Er ist jetzt ziemlich alt, aber er fürchtet sich vor gar nichts. Er ist ein richtiger Angelsachse, wissen Sie.«

Er hielt atemlos inne und sah sie an.

»Ich heiße Saxon«, sagte sie.

»Mit Vornamen?«

»Es ist mein Vorname.«

»Na ja!« rief er. »Sie können froh sein! Wenn ich nur Erling hieße – Sie wissen doch, Erling der Tapfere – oder Wolf oder Swen oder Jarl!«

»Wie heißt du denn?« fragte sie.

»Nur John«, räumte er traurig ein. »Aber ich mag nicht, daß man mich John nennt. Alle müssen mich Jack nennen. Ich habe schon ein Dutzend Jungen verprügelt, die mich John oder Johnnie nannten. Würde das Sie nicht auch wütend machen? – Johnnie!«

Sie waren jetzt gegenüber dem Kohlenbunker auf dem langen Kai, und der Junge änderte den Kurs und steuerte auf San Franzisko zu. Sie waren ziemlich weit draußen in der offenen Bucht. Der Westwind hatte zugenommen, und weiße Schaumwipfel krönten überall die starke Strömung. Das Boot flog munter über die Wogen dahin. Wenn der Schaum über den Rand sprühte, daß sie naß wurden, lachte Saxon, und der Junge sah sie beifällig an. Sie kamen an einem Fährboot vorbei, dessen Passagiere sich auf dem oberen Deck an der Reling zusammendrängten, um sie zu sehen. Als die Wellen vom Kielwasser die kleine Jolle erreichten, schlug sie halb voll Wasser. Saxon hob eine leere Dose auf und sah den Jungen an.

»Richtig«, sagte er, »schöpfen Sie nur.« Und als sie fertig war, sagte er: »Wir können mit dem nächsten Schlag die Ziegeninsel erreichen. Gerade vor der Torpedostation liegt die Stelle, wo wir fischen – da sind fünfzig Fuß Wasser und eine starke Strömung. Aber Sie sind triefend naß, nicht wahr? Sagen Sie, sind Sie verheiratet?«

Saxon nickte, und der Junge runzelte die Stirn.

»Warum haben Sie das nur getan? Jetzt können Sie ja nicht um die Welt reisen, wie ich es tun will. Sie sind an einen Ort gefesselt. Sie liegen vor Anker und werden es immer bleiben.«

»Es ist nun doch ganz nett, verheiratet zu sein«, lächelte sie.

»Ja, gewiß, alle Menschen sind verheiratet. Aber deshalb braucht man sich doch nicht so zu beeilen. Warum konnten Sie nicht ein bißchen warten, so wie ich? Ich will auch heiraten, aber erst als alter Mann, wenn ich überall gewesen bin.«

Im Schutz der Ziegeninsel holte er das Segel ein, während Saxon stillsitzen mußte, und als das Boot so weit mit der Strömung getrieben war, wie er es für richtig hielt, ließ er einen winzigen Anker fallen. Dann holte er Angelschnüre heraus und zeigte Saxon, wie sie den aus gesalzenen Elritzen bestehenden Köder am Haken befestigen sollte.

»Sie werden schon bald kommen«, sagte er ermutigend. »Es ist nur zweimal vorgekommen, daß ich hier nicht eine Menge gefangen habe. Was meinen Sie, wollen wir nicht essen, während wir warten?«

Sie protestierte und sagte, daß sie nicht hungrig sei; aber es half ihr nichts. Mit dem für Knaben eigentümlichen Gerechtigkeitssinn teilte er sein Frühstück in zwei gleichgroße Teile und gab ihr den einen, einschließlich eines halben hartgekochten Eis und eines halben großen, roten Apfels.

Aber die Fische wollten immer noch nicht anbeißen, und so nahm er ein Buch heraus, das er achtern im Boot aufbewahrt hatte.

»Volksbibliothek«, erklärte er, und dann begann er zu lesen, während er mit der einen Hand das Buch aufgeschlagen hielt und mit der andern den Ruck abwartete, den das Anbeißen der Fische der Schnur mitteilen sollte.

Saxon las den Titel. Er lautete: »Auf dem Floß durch die Wälder.«

»Hören Sie nur«, sagte er nach einigen Minuten und las die mehrere Seiten lange Beschreibung eines großen Urwaldflusses, auf dem einige Knaben mit einem Floß herumfuhren.

»Denken Sie nur!« schloß er. »Das ist der Amazonenstrom in Südamerika bei Hochwasser, und die Welt ist voll von solchen Orten – überall – vielleicht mit Ausnahme von Oakland. Aber Oakland ist ein guter Startplatz, glaube ich. Sehen Sie, das ist das Abenteuer, sage ich Ihnen. Und denken Sie, welches Glück diese Jungen haben! Aber ich gehe doch noch einmal über die Anden nach der Quelle des Amazonenstroms, durch das Gummiland und fahre den Amazonenstrom viele tausend Meilen weit hinauf bis zur Mündung, wo er so breit ist, daß man nicht von einem Ufer bis zum andern sehen kann, und wo man hundert Meilen vom Land entfernt Süßwasser aus dem Meere schöpfen kann.«

Aber Saxon hörte nicht zu. Ein einzelner Satz hatte sich in ihren Gedanken festgesetzt und erhielt eine besondere Bedeutung für sie. Oakland ist ein guter Startplatz. In diesem Licht hatte sie die Stadt noch nicht gesehen. Sie hatte sie als einen Ort betrachtet, wo man wohnen mußte, als etwas, das Selbstzweck war. Aber als Startplatz? Ja, warum nicht? War es nicht wie eine Eisenbahnstation oder eine Fährstelle? Wie die Verhältnisse lagen, wohnte es sich wirklich nicht gut in Oakland. Der Junge hatte recht. Es war ein guter Startplatz. Aber wohin? Hier wurden ihre Gedanken durch einen kräftigen Ruck und mehrere Zuckungen der Schnur abgelenkt. Sie begann sie schnell und gewandt einzuziehen, während der Junge sie ermunterte, bis der Haken mit dem Lot und ein großer, nach Luft schnappender Dorsch zappelnd auf den Boden des Bootes fielen. Der Fisch wurde vom Haken genommen, sie befestigte neuen Köder daran und warf die Schnur ins Wasser. Der Junge legte ein Lesezeichen in das Buch und schloß es.

»Sie werden bald ebenso schnell anbeißen, wie wir sie einziehen können«, sagte er.

Aber die großen Fischmengen kamen nicht gleich.

»Haben Sie je etwa Kapitän Mayne Reid gelesen?« fragte er. »Oder von Kapitän Marryatt? Oder von Ballantyne?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich sage Ihnen, es gibt Massen davon in der Volksbibliothek. Ich habe zwei Karten, eine für meine Mutter und eine für mich selbst, und ich hole sie immer nach der Schule, ehe ich die Zeitungen austrage. Einmal, als ich bei der Zweiten und der Markestraße Zeitungen austrug – es sind schreckliche Butjers dort – geriet ich in eine Prügelei mit dem Anführer einer Bande. Er schlug auf mich los, um mir die Luft zu nehmen, und hieb mit der Faust gerade auf mein Buch. Sie hätten sein Gesicht sehen sollen! Und dann ging ich auf ihn los. Und da wollten alle andern über mich herfallen, aber ein paar Former kamen dazu und paßten auf, daß alles richtig zuging. Ich gab ihnen die Bücher zu halten.

»Und wer siegte?« fragte Saxon.

»Keiner«, gab der Knabe widerstrebend zu. »Ich glaube, ich hätte ihn vermöbelt, aber die Former sagten, es sei unentschieden, denn die Polizei kam dazwischen.«

Er unterbrach sich plötzlich und begann, die Schnur einzuziehen. Saxon zog auch ihre Schnur ein, und in den nächsten zwei Stunden fingen sie gemeinsam zwanzig Pfund Fische.

Abends, lange nach Einbruch der Dunkelheit, fuhr die kleine Jolle mit dem Halbdeck in das Oaklander Delta ein. Der Wind war gut, aber nicht sehr stark, und das Boot bewegte sich nur langsam. Im Kielwasser schleppten sie einen großen Pfahl, den der Junge aufgefischt hatte. Die Wellen glitten gleichmäßig im Schein des Vollmonds dahin, und Saxon erkannte die einzelnen Punkte, an denen sie vorbeikamen – die Fährstelle, Sandy Beach, die Werften. Der Junge lenkte die Jolle an einen verfallenen Kai, wo Schuten mit ihrer Last aus Sand und Kies in einer langen Reihe an Land gezogen waren. Er wollte durchaus, daß sie die Fische teilten, weil Saxon ihm beim Fang geholfen hatte, gleichzeitig aber erklärte er ihr ausführlich die Gesetze für Wrackgut, um ihr zu beweisen, daß der Pfahl ihm allein gehörte.

An der Ecke trennten sie sich, und Saxon ging allein mit ihren Fischen heim. Obwohl sie müde nach dem langen Tage war, hatte sie doch ein merkwürdiges Gefühl von Wohlbefinden, und nachdem sie die Fische geputzt hatte, schlief sie ein. Noch im letzten Augenblick dachte sie, ob sie wohl, wenn bessere Zeiten kamen, Billy überreden könnte, eines Sonntags ein Boot zu mieten und mit ihr hinauszusegeln, wie sie heute draußen gewesen war.

* * *

 

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