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Das Mondtal

Jack London: Das Mondtal - Kapitel 8
Quellenangabe
authorJack London
titleDas Mondtal
publisherUniversitas
year1929
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
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Von jetzt an schien es Saxon, als sei ihr Dasein ganz ohne Sinn und Zusammenhang. Sie lebte wie in einem bösen Traum. Alles war möglich, selbst das Unwahrscheinlichste. Es gab keinen Halt in der Strömung der Gesetzlosigkeit, die sie zu einer Katastrophe trieb – sie wußte selbst nicht, zu welcher. Hätte sie sich auf Billy verlassen können, so würde sie nichts gefürchtet haben. Aber er war ihr entrissen in dem Wahnsinn, der alle andern gepackt hatte. So vollkommen war die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, daß er fast wie ein zudringlicher Fremder in seinem eigenen Hause wirkte. Es war ein anderer Mann, dessen Blick ihr aus seinen Augen entgegenleuchtete – ein anderer Mann mit gewaltsamen, haßerfüllten Gedanken; ein Mann, der es nirgends gut hatte, und der ein eifriger Vorkämpfer für alles Zuchtlose und Böse dieser Zeit wurde. Dieser Mann verurteilte Bert nicht mehr, sondern murmelte selbst heimlich von Dynamit und Revolution.

Saxon kämpfte schwer, um sich das geistige Gleichgewicht und die Kaltblütigkeit, sowie die körperliche Reinheit und Kühle zu bewahren, auf die Billy früher solchen Wert gelegt hatte. Nur einmal verlor sie die Selbstbeherrschung. Er war sehr schlechter Laune gewesen, und eine besonders brutale, ungerechte Bemerkung brachte sie schließlich auf.

»Mit wem sprichst du?« fragte sie heftig.

Er war sprachlos und verblüfft und konnte nur ihr Gesicht anstarren, das leichenblaß vor Zorn war.

»Wage nicht noch einmal, so zu mir zu sprechen, Billy«, sagte sie gebieterisch.

»Ach, kannst du denn nicht begreifen, daß ich nur schlechter Laune bin?« fragte er, halb zur Entschuldigung, halb im Trotz. »Gott weiß, daß ich genug um die Ohren habe.«

Als er gegangen war, warf sie sich aufs Bett und weinte, als ob ihr das Herz brechen sollte. Denn sie, die so tief demütig lieben konnte, war ein stolzes Weib. Nur die Stolzen können wirklich demütig, nur die Starken wahrhaft sanft sein. Was nutzte es, so fragte sie sich, wenn der einzige auf der Welt, der etwas für sie bedeutete, seinen eigenen Stolz, seine Kampfbereitschaft und seinen Gerechtigkeitssinn verlor und sie den schwersten Teil der gemeinsamen Last tragen ließ?

Und wie sie im Kummer über den Verlust ihres Kindes – diesem tiefen Kummer, der in ihrem Organismus selbst wurzelte – allein gewesen war, so trug sie auch diesen neuen Kummer, der in gewissem Sinne noch größer war, allein. Sie liebte Billy vielleicht nicht weniger, aber ihre Liebe war im Begriff, einen andern Charakter anzunehmen, weniger stolz und weniger zuversichtlich zu werden. Sie wollte sich mit Mitleid mischen – dem Mitleid, das zur Verachtung führen kann, und davor schauderte es sie.

Sie kämpfte um die Kraft, dieser neuen Situation ins Auge zu blicken. Die Verzeihung schlich sich in ihr Herz, und es war ihr eine Erleichterung, bis ihr einfiel, daß in der wahrsten, höchsten Liebe kein Raum für Verzeihung sein durfte. Und sie weinte wieder, während der Kampf von neuem begann. Schließlich war eines unumstößlich: dieser Billy war nicht der Billy, den sie geliebt hatte. Dieser Billy war ein ganz anderer, ein kranker Mann, und er war ebensowenig verantwortlich wie ein Fieberpatient für seine wilden Phantasien. Sie mußte Billys Pflegerin sein, ohne Stolz, ohne Verachtung, ohne etwas verzeihen zu müssen. Zudem stand er auch wirklich mitten im Kampfe und war schwindlig von den Schlägen, die er gegen andere richtete und die andere gegen ihn richteten.

Und so rüstete Saxon sich zum Kampf, dem schwersten von allen, die in der Weltarena ausgefochten werden – dem Kampf des Weibes. Sie vertrieb alle Zweifel, alles Mißtrauen aus ihrem Gemüt. Sie verzieh nichts, weil es nichts gab, das Verzeihung erforderte. Sie verpflichtete sich zu einem absoluten Glauben an die Unbeflecktheit und Unberührtheit von Billys Liebe – so unerschütterlich, wie sie stets gewesen, sollte sie wieder werden, wenn die Welt wieder ins Gleichgewicht kam.

Als er an diesem Abend heimkam, schlug sie ihm als letzten Ausweg vor, ihre Näharbeit wieder aufzunehmen, bis der Streik vorbei war. Aber davon wollte Billy nichts hören.

»Es wird schon alles gehen«, versicherte er ihr immer wieder. »Du brauchst nicht zu arbeiten. Ich werde schon Geld verschaffen, ehe die Woche um ist, und dann kriegst du alles. Und Sonnabend abend gehen wir aus und amüsieren uns – in ein richtiges Theater, nicht ins Kino. Sonnabend abend – bis dahin habe ich Geld, so sicher wie nur was.«

Am Freitag kam er abends nicht heim, und Saxon ärgerte sich, denn Maggie Donahue hatte ihr eine Pfanne voll Kartoffeln und zwei Pfund Mehl, die sie vorige Woche geliehen hatte, wiedergebracht, und ein tüchtiges Essen wartete auf ihn. Saxon hielt bis neun Uhr das Feuer im Herd, dann ging sie widerstrebend zu Bett. Sie wäre viel lieber aufgeblieben, bis er kam, aber sie wagte es nicht, denn sie wußte, wie das auf ihn wirkte, wenn er betrunken heimkam.

Es hatte gerade eins geschlagen, als sie die Gartenpforte zuschlagen hörte. Sie hörte ihn – langsam, schwer, auf eine Art, die nichts Gutes verhieß – die Treppe heraufkommen und das Schlüsselloch suchen. Dann trat er ins Schlafzimmer, und sie hörte, wie er sich mit einem tiefen Seufzer setzte. Sie lag ganz still da, denn sie wußte, wie übertrieben empfindlich die Leute wurden, wenn sie betrunken waren, und sie fürchtete sehr, ihn zu verletzen, wenn sie ihn verstehen ließe, daß sie wach gelegen und auf ihn gewartet hätte. Es war nicht leicht. Sie ballte die Fäuste, daß die Nägel ihr ins Fleisch drangen und ihr Körper fast in dem heftigen Bemühen, sich ruhig zu verhalten, erstarrte. Noch nie war er in einer solchen Verfassung heimgekommen.

»Saxon!« rief er mit belegter Stimme. »Saxon!«

Sie reckte sich und gähnte.

»Was ist?« fragte sie.

»Willst du nicht Licht machen? Meine Finger sind wie lauter Daumen.«

Sie tat, wie er sagte, ohne ihn jedoch anzusehen, aber ihre Hände zitterten so heftig, daß der Lampenzylinder klirrend gegen die Kuppel schlug und das Streichholz ausging.

»Ich bin nicht betrunken«, sagte er in der Dunkelheit, und seine heisere Stimme zitterte. »Ich habe nur zwei oder drei Ohrfeigen gekriegt.«

Sie versuchte wieder, die Lampe anzuzünden, und diesmal glückte es. Als sie sich umdrehte, um ihn anzusehen, schrie sie laut auf vor Angst. Obwohl sie seine Stimme gehört hatte und wußte, daß es Billy war, erkannte sie ihn doch im ersten Augenblick nicht. Dies Gesicht hatte sie noch nie gesehen. Geschwollen, zerschlagen war es, als hätte jeder Zug die Ähnlichkeit mit dem Gesicht verloren, das sie so gut kannte. Das eine Auge war vollkommen geschlossen, das andere guckte aus einem schmalen Spalt in dem blutunterlaufenen Fleisch hervor. Es sah aus, als wäre die Haut am einen Ohr fast abgerissen. Das ganze Gesicht war eine blutige, geschwollene Masse, und sein rechter Kinnbacken war doppelt so dick wie der linke. Kein Wunder, daß er belegt spricht, dachte sie, als sie die furchtbar zerschlagenen und geschwollenen Lippen betrachtete, die immer noch bluteten. Sie wurde ganz krank bei dem Anblick, und eine Woge von Zärtlichkeit stieg in ihr auf und trieb sie zu ihm hin. Sie sehnte sich danach, ihn in die Arme zu schließen, ihn zu streicheln und zu liebkosen; aber ihr gesunder Verstand verbot es ihr.

»Mein armer, armer Junge«, rief sie. »Sag mir nur, was ich tun soll. Ich verstehe nichts von diesen Dingen.«

»Wenn du mir nur helfen willst, mich auszuziehen«, sagte er demütig und mit heiserer Stimme. »Ich bin so steif.«

»Und dann warmes Wasser – das wird dir gut tun«, sagte sie und begann vorsichtig, seinen Rockärmel über eine geschwollene, hilflose Hand zu ziehen.

»Ich sagte dir ja, daß sie wie lauter Daumen sind.« Er schnitt ein Gesicht, hob die Hand und schielte darauf, soweit er noch sehen konnte.

»Setz dich«, sagte sie, »setz dich und warte, bis ich Feuer angemacht und das Wasser gewärmt habe. Es dauert nur einen Augenblick. Dann helfe ich dir weiter beim Ausziehen.«

Als sie in der Küche war, konnte sie ihn leise murmeln hören, und noch als sie wiederkam, wiederholte er immer wieder:

»Wir brauchten das Geld, Saxon. Wir brauchten das Geld.«

Sie konnte sehen, daß er nicht betrunken war, und aus seinen unzusammenhängenden Worten wurde ihr klar, daß er Fieber hatte.

»Er war eine Überraschung«, fuhr er in seinen Betrachtungen fort, während sie ihm beim Ausziehen half und allmählich bruchstückweise erfuhr, was geschehen war. »Er war ein unbekannter Boxer aus Chicago. Sie sagten nicht ein Wort vorher. Ja, der Sekretär vom Elite-Club meinte allerdings, daß er mir zu schaffen machen würde. Und ich würde gewonnen haben, wenn ich in Form gewesen wäre. Aber fünfzehn Pfund weniger im Gewicht und kein Training – das ist keine Form. Dazu habe ich auch die letzte Zeit ziemlich viel getrunken, und so konnte ich nicht fest stehen.«

Aber Saxon, die ihm das Hemd auszog, hörte nicht mehr zu. Wie sein Gesicht, so war auch sein prächtiger muskulöser Rücken – sie kannte ihn nicht wieder. Die weiße glatte Haut war zerrissen und blutig. Die meisten der Risse gingen quer über den Körper, einige aber gingen auch von oben nach unten.

»Wo hast du das nur bekommen?« fragte sie.

»Am Seil. Ich war mehrmals am Seil, und der Gedanke macht mich nicht gerade stolz. Nun ja, er hat mir mein Fett gegeben. Aber ich führte ihn doch an. Knock out kriegte er mich nicht. Ich hielt alle zwanzig Runden durch, und ich will dir nur sagen – er hat ein paar abgekriegt, an die er auch denken wird. Aber welche Prügel! Oha, welche Prügel! So etwas hab ich noch nicht erlebt. Den ›Schrecken von Chikago‹ nennen sie ihn, und ich ziehe meinen Hut vor ihm. Er ist ein tüchtiger Kerl. Aber wenn ich in Form gewesen wäre und mehr Luft gehabt hätte, würde ich doch mit ihm fertig geworden sein. Au, au, paß auf. Das ist wie eine Beule!«

Saxon hatte nach seinem Leibriemen gesucht und hatte dabei einen flammendroten Fleck, so groß wie ein Suppenteller, berührt.

»Das kommt von den Nierenschlägen«, erklärte Billy. »Darin war er der reine Teufel. Fast jedesmal, wenn wir im Clinch waren, stieß er zu, so sicher wie ein Uhrwerk. Es wurde so empfindlich, daß ich dabei direkt zusammenfuhr – bis ich unsicher auf den Beinen wurde und nicht mehr viel von mir wußte. Es ist kein Schlag, der einen erledigt, aber er entkräftet schrecklich, wenn man lange kämpft. Man wird so merkwürdig schlapp davon.«

Saxon hatte Tränen in den Augen, und sie hätte weinen mögen über die Behandlung, die dem Körper ihres schönen, kranken Jungen zuteil geworden war.

Als sie seine Hosen am andern Ende der Stube aufhängen wollte, hörte sie das Klirren von Geldstücken. Er rief sie zurück und zog eine Handvoll Silber aus der Tasche.

»Wir brauchten das Geld, wir brauchten das Geld«, murmelte er immer wieder, während er versuchte, die Münzen zu zählen, und Saxon wußte, daß er wieder irre redete.

Es schnitt ihr ins Herz, denn sie mußte sich der bittern Gedanken erinnern, die in der letzten Woche ihren Glauben an Billy fast niedergerissen hatten. Und schließlich war er ja doch mit seinem ganzen wunderbaren Körper nur ein Junge, ihr Junge. Um ihretwillen, um des Hauses und der Möbel willen, die ihr Haus und ihre Möbel waren, hatte er sich dieser furchtbaren Strafe ausgesetzt. Er sagte es jetzt, als er kaum noch wußte, was er sagte: »Wir brauchten das Geld.« Hier, in seinem halb bewußtlosen Zustand, als die Bande, die seine Seele fesselten, gelöst schienen, trat der Gedanke an sie wieder an die Oberfläche. Wir brauchten das Geld. Wir!

Die Tränen liefen ihr über die Wangen, als sie sich zu ihm hinabbeugte, und es war ihr, als hätte sie ihn nie so heiß geliebt wie in diesem Augenblick.

»Hier, zähl du das Geld«, sagte er, die anstrengende Arbeit aufgebend, und reichte es ihr. »Wieviel kriegst du heraus?«

»Neunzehn Dollar und fünfunddreißig Cent.«

»Das stimmt – soviel kriegt der Besiegte – zwanzig Dollar. Ich trank ein paar Glas und traktierte auch die andern, und dann die Straßenbahn. Hätte ich gewonnen, so würde ich hundert gekriegt haben. Dafür hatte ich gekämpft. Dann wären wir jetzt aus dem Dreck heraus – vorläufig jedenfalls. Aber nimm das Geld und behalte es. Es ist doch jedenfalls besser als gar nichts.«

Als er ins Bett kam, konnte er nicht schlafen, so schmerzten ihm alle Glieder, und Stunde auf Stunde war sie um ihn bemüht, legte ihm frische warme Umschläge auf die geschwollenen Stellen und verschaffte ihm Linderung, indem sie die Risse so behutsam wie möglich mit Coldcream einrieb. Und unterdessen schwatzte er, hin und wieder von einem klagenden Stöhnen unterbrochen, und durchlebte wieder den ganzen Kampf, klagte über das Geld, das ihm entgangen war, und grollte über die Kränkung, die sein Stolz erlitten hatte. Denn schlimmer als alles, was er körperlich litt, war die Kränkung, die seinem Stolz zugefügt war.

Schließlich, als der Tag anbrach, schlief Billy ein. Er stöhnte und jammerte, sein Gesicht war von Schmerz verzerrt, und er warf sich hin und her in seinen vergeblichen Versuchen, Ruhe und Linderung zu finden.

Also das ist Boxen, dachte Saxon. Es war viel schlimmer, als sie es sich gedacht hatte. Sie hatte nicht geahnt, daß man mit Boxhandschuhen solchen Schaden anrichten konnte. Er durfte nie wieder boxen. Dann lieber Radau auf der Straße. Sie dachte darüber nach, wieviel von seiner Seide wohl verloren gegangen sein mochte, als er etwas murmelte und die Augen aufschlug.

»Was ist?« fragte sie, aber im selben Augenblick erkannte sie, daß seine Augen nichts sahen, und daß er im Fieber sprach.

»Saxon! – Saxon!« rief er.

»Ja, Billy. Was ist?«

Er tastete mit der Hand dorthin, wo er sie unter normalen Verhältnissen gefunden hätte.

Dann rief er sie wieder, und sie rief ihm ins Ohr, daß sie bei ihm wäre. Er seufzte erleichtert und murmelte mit gebrochener Stimme:

»Ich mußte es tun – wir brauchten das Geld.«

Er schloß die Augen und schlief jetzt ruhiger, wenn er auch immer noch im Schlafe murmelte. Sie hatte von Gehirnerschütterungen gehört und war sehr ängstlich. Da fiel ihr ein, daß er ihr erzählt hatte, Billy Murphy hätte ihm Eis auf den Nacken gelegt.

Sie warf einen Schal über und lief in die Wirtschaft an der Ecke. Der Kellner hatte gerade aufgemacht und fegte aus. Er gab ihr soviel Eis, wie sie tragen konnte, und zerhieb es ihr in kleine Stücke. Als sie zurückkam, legte sie Billy das Eis in den Nacken und ein warmes Plätteisen unter die Füße und rieb ihm das Gesicht mit Coldcream, die sie auf Eis gelegt hatte, um sie abzukühlen.

Er schlief bei heruntergelassenen Gardinen bis spät am Nachmittag, dann aber wollte er zu Saxons großer Sorge aufstehen.

»Ich muß mich zeigen«, erklärte er. »Ich will nicht, daß sie mich auslachen.«

Sie half ihm beim Anziehen, was ihm furchtbare Qualen verursachte, und in furchtbaren Qualen verließ er sein Heim, damit die Männer, die seine Welt ausmachten, mit eigenen Augen sehen konnten, daß die Prügel, die er gekriegt hatte, ihn nicht ans Bett zu fesseln vermochten.

Es war ein anderer Stolz als der eines Weibes, und Saxon mußte darüber nachdenken, ob er deshalb weniger bewundernswert war.

 

In den folgenden Tagen gingen die Schwellungen an Billys Körper mit erstaunlicher Schnelligkeit zurück. Daß die Risse so schnell heilten, bewies, wie gesund sein Blut war. Das einzige, was noch blieb, waren die »blauen Augen«, die doppelt auffielen in einem so hellen Gesicht wie dem seinen. Es dauerte vierzehn Tage, bis die Umgebung seiner Augen ihre normale Farbe wieder annahm, und in diesen vierzehn Tagen traten verschiedene bedeutungsvolle Begebenheiten ein.

Otto Frank wurde in größter Eile verhört, und, nachdem er von einer, hauptsächlich aus Geschäftsleuten und Angestellten bestehenden Jury für schuldig erklärt worden war, zum Tode verurteilt und nach San Quentin geschafft, wo die Hinrichtung erfolgte.

Der Prozeß gegen Chester Johnson und die vierzehn andern hatte längere Zeit gedauert, war aber auch vor Ablauf der vierzehn Tage beendet. Chester Johnson wurde zum Tode verurteilt, zwei erhielten lebenslängliches Zuchthaus, drei je zwanzig Jahre. Nur zwei wurden freigesprochen, die andern sieben erhielten je zwei bis sieben Jahre.

Diese Entscheidung versenkte Saxon in tiefe Melancholie. Billy ging es auch nahe, aber sein Kampfeifer war nicht unterdrückt.

»In einer Schlacht sterben immer welche«, sagte er. »Darauf muß man gefaßt sein. Aber die Art, wie sie abgeurteilt werden, kann ich nicht in den Kopf kriegen. Sie waren doch alle verantwortlich für die Mordtaten, die schuldig Erklärten genau wie die andern. Oder es war keiner verantwortlich. Waren sie es aber alle, so hätten sie doch alle verurteilt werden müssen. Sie mußten alle gehängt werden wie Chester Johnson, oder es durfte keiner gehängt werden.«

»Ich habe so oft mit Chester Johnson getanzt«, sagte Saxon. »Und ich habe seine Frau, Kittie Brady, vor vielen, vielen Jahren gekannt. Sie saß neben mir in der Kartonagenfabrik. Sie erwartet auch ein Kind. Sie war sehr hübsch und hatte immer eine ganze Schar junger Burschen hinter sich her.«

Die Wirkung, die die harten Urteile auf die Gewerkschaftler ausübten, war sehr ungünstig. Statt ihren Mut zu knicken, machten sie sie nur noch erbitterter. Billys Reue über den Boxkampf und alles Gute und Liebe, das in den Tagen, als Saxon ihn pflegte, bei ihm zum Vorschein gekommen war, war jetzt wie ausgetauscht. Zu Hause brütete er über seinen finsteren Gedanken, und wenn er sprach, tat er es im selben Geist, wie Bert in den letzten Tagen gesprochen hatte, ehe er, der brave Mohikaner, starb. Er war auch länger fort und trank jetzt wieder anhaltend.

Saxon wollte schon alle Hoffnung aufgeben. Sie war schon fast auf die unvermeidliche Tragödie vorbereitet, die ihre krankhaft gereizte Phantasie ihr unter tausend Formen vorgaukelte. Meistens stellte sie sich vor, daß man ihr Billy auf einer Bahre heimbrachte, oder sie wurde ans Telephon beim Krämer an der Ecke gerufen und hörte eine fremde Stimme, die ihr kurz mitteilte, daß ihr Mann ins Hospital oder ins Leichenschauhaus gebracht wäre. Und als die mystischen Vergiftungen von Pferden vorkamen und einem der großen Fuhrleute sein Haus von Dynamit halb zerstört wurde, sah sie Billy im Zuchthaus oder in der gestreiften Gefängnistracht oder auf dem Schafott in San Quentin, während sie gleichzeitig das kleine Haus in der Pine Street von Zeitungsreportern und Photographen belagert sah.

Und doch hatte sie sich in ihrer lebhaften Phantasie die Katastrophe nicht in der Gestalt vorgestellt, in der sie schließlich eintraf. Harmon, der Heizer, der bei ihnen wohnte, war, als er sich zur Arbeit begeben wollte, in der Küche stehengeblieben, um Saxon von einem Eisenbahnzusammenstoß in den Alviso-Sümpfen zu erzählen. Als er die Erzählung fast beendet hatte, kam Billy, und aus der dunklen Glut in den Augen unter den schweren Lidern konnte Saxon sehen, daß er zuviel getrunken hatte. Er warf Harmon einen gereizten Blick zu und stellte sich, ohne ihn oder Saxon zu begrüßen, an die Wand.

Harmon fühlte das Drückende der Situation und versuchte zu tun, als bemerke er nichts.

»Ich erzählte Ihrer Frau gerade –«, begann er, aber Billy unterbrach ihn wütend.

»Es ist mir gleichgültig, was Sie ihr erzählten. Aber ich will Ihnen etwas sagen. Meine Frau hat Ihnen Ihr Bett viel öfter gemacht, als mir gefällt.«

»Billy!« rief Saxon, von Zorn und Kränkung flammend.

Billy tat, als hörte er sie gar nicht. Harmon sagte:

»Ich verstehe nicht –«

»Nun ja, ich kann Ihre Fratze nicht ausstehen«, erklärte Billy. »Machen Sie, daß Sie wegkommen! Hinaus! Verstanden?«

»Ich weiß nicht, was mit ihm ist«, sagte Saxon schnell und atemlos zu dem Heizer. »Er ist nicht bei Sinnen. Ach, wie ich mich schäme, ach, wie ich mich schäme.«

Billy wandte sich zu ihr.

»Willst du gefälligst das Maul halten! Es geht dich gar nichts an.«

»Aber Billy!« wandte sie ein.

»Und dann mach, daß du wegkommst! Geh nach drinnen.«

»Hören Sie«, sagte Harmon. »Das ist kein Benehmen.«

»Ich habe Ihnen schon zuviel Freiheit gelassen«, lautete Billys Antwort.

»Ich habe wohl meine Miete regelmäßig bezahlt, nicht wahr?«

»Und ich sollte Ihnen den Kopf zerschlagen. Ja, und ich kann eigentlich nicht einsehen, warum ich es nicht tun sollte.«

»Wenn du das versuchst, Billy –«, begann Saxon.

»Bist du noch da? Wenn du nicht nach drinnen gehst, dann helfe ich dir.«

Seine Hand umpreßte ihren Arm. Einen Augenblick versuchte sie, Widerstand zu leisten, und in dem Augenblick, als ihr Fleisch von seinen Fingern zerquetscht wurde, wurde sie sich seiner unermeßlichen Kraft bewußt.

Im Vorderzimmer konnte sie sich nur weinend in den großen Sessel werfen und hören, was in der Küche vorging.

»Ich bleibe jedenfalls bis Ende der Woche«, sagte der Heizer. »Ich habe vorausbezahlt.«

»Daß du dich nur nicht irrst«, ertönte Billys Stimme, so langsam, daß sie schleppend wirkte, und doch zitterte sie vor Wut. »Wenn dir deine Gesundheit lieb ist, kannst du nicht schnell genug wegkommen – mit Sack und Pack. Ich kann jeden Augenblick platzen.«

»Ja, ich weiß, daß Sie ein Raufbold sind –«, begann der Heizer.

Dann hörte Saxon einen Schlag – ein Irrtum war nicht möglich; eine Scheibe wurde zerschlagen. Dann wurde an der Hintertür gerungen und endlich ein schwerer Körper die Treppe hinabgeworfen. Danach hörte sie Billy in die Küche zurückkommen und umhergehen – sie wußte, daß er die Glasscherben zusammenfegte. Dann wusch er sich am Ausguß und begann zu pfeifen, während er sich Gesicht und Hände abtrocknete, und kam dann ins Vorderzimmer. Sie sah ihn nicht an – dazu war sie zu elend und traurig. Er blieb unentschlossen stehen, als könnte er nicht recht mit sich einig werden.

»Ich muß in die Stadt«, sagte er schließlich. »Wir haben Versammlung in der Gewerkschaft. Wenn ich nicht wiederkomme, hat der Schwachkopf mich bei der Polizei angezeigt.«

Er öffnete die Hintertür, blieb aber wieder stehen. Sie wußte, daß er sie ansah. Dann schloß sich die Tür, und sie hörte ihn die Treppe hinuntergehen.

Saxon war vollkommen betäubt. Sie konnte nicht denken. Sie wußte nicht, was sie denken sollte. Alles war so unfaßbar, so unglaublich. Sie lehnte sich mit geschlossenen Augen im Sessel zurück, ohne einen einzigen klaren Gedanken im Kopf, und zu Boden gedrückt von dem bleischweren Gefühl, daß jetzt alles aus war.

Die Kinder, die auf der Straße spielten, riefen sie in die Wirklichkeit zurück. Es war Abend geworden. Sie suchte tastend nach einer Lampe und zündete sie schließlich an. In der Küche blieb sie stehen und starrte mit bebenden Lippen auf das karge, halbzubereitete Essen. Das Feuer war ausgegangen, das Wasser von den Kartoffeln verkocht. Als sie den Deckel abnahm, stieg ein brenzliger Geruch aus dem Topf auf. Methodisch wie immer, reinigte und wusch sie den Topf, brachte alles in Ordnung und schnitt die Kartoffeln in Scheiben, so daß sie sie am nächsten Tage braten konnte. Und ebenso methodisch entkleidete sie sich und ging zu Bett. Ihre vollkommene Ruhe war unnatürlich, so unnatürlich, daß sie sofort die Augen schloß und fast im selben Augenblick eingeschlafen war.

Es war seit ihrer Verheiratung die erste Nacht, die sie ohne Billy verbrachte. Sie war ganz verblüfft, daß sie nicht wach gelegen und sich um ihn geängstigt hatte. Mit weit offenen Augen, fast ohne Gedanken in ihrem Hirn, blieb sie liegen, bis sie bemerkte, daß ihr Arm schmerzte. Dort hatte Billy sie gepackt. Als sie die schmerzende Stelle untersuchte, sah sie, daß sie ganz schwarz und blau war. Sie war überrascht, nicht darüber, daß der Mensch, den sie über alles auf der Welt liebte, ihr diesen Schaden zugefügt hatte, sondern über das rein Physische, daß ein Druck, der nur einen Augenblick dauerte, solchen Schaden anrichten konnte. Die Kraft eines Mannes war etwas Fürchterliches. Sie ertappte sich dabei, wie sie, ganz unpersönlich, darüber nachdachte, ob Charley Long wohl ebenso stark wie Billy sei.

Erst als sie sich angekleidet und Feuer gemacht hatte, begann sie, an Näherliegendes zu denken. Billy war nicht wiedergekommen – also war er verhaftet worden. Was sollte sie tun? Ihn im Gefängnis lassen, ihrer Wege gehen und ein neues Leben beginnen? Selbstverständlich war es unmöglich, weiter mit einem Mann zusammenzuleben, der sich so wie er benommen hatte. Dann aber tauchte ein anderer Gedanke auf – war es wirklich unmöglich? Trotz allem war er ja ihr Mann. In guten und schlechten Tagen – den Satz wiederholte sie sich immer wieder, als monotone Begleitung zu ihren Gedanken, im Hintergrund ihres Bewußtseins. Ihn zu verlassen, hieß, alles aufzugeben. Sie brachte die Sache vor den Richterstuhl der Erinnerung an ihre Mutter. Nein, Daisy hätte nie aufgegeben. Daisy hatte Kampfblut in den Adern. Also mußte auch sie, Saxon, kämpfen. Und zudem – das gab sie willig, wenn auch kalt und tot, zu – zudem war Billy besser als die meisten Ehemänner. Und sie erinnerte sich seines Feingefühls und Taktes bei so vielen früheren Gelegenheiten und namentlich seines ewigen Kehrreims: Nichts ist zu gut für uns.

Um elf Uhr kam Besuch. Es war Bud Strothers, Billys Kamerad bei der Streikwache. Er erzählte ihr, daß Billy sich geweigert hätte, Kaution zu stellen, sich geweigert hätte, einen Rechtsanwalt zu nehmen, gebeten hätte, ihn vor Gericht zu stellen, gestanden hätte und zu einer Strafe von sechzig Dollar oder dreißig Tagen Gefängnis verurteilt wäre. Er hätte sich auch geweigert, die Kameraden die Strafe für ihn bezahlen zu lassen.

»Er ist ganz durchgedreht«, schloß Strothers. »Er will keine Vernunft annehmen. Er sagt, er wolle seine Zeit absitzen. Ich denke, er hat ein bißchen reichlich getrunken und ist etwas wirr im Kopf davon. Aber hören Sie, er gab mir einen Brief für Sie. Wenn Sie etwas entbehren, so schicken Sie nur zu mir. Alle Kameraden werden Billys Frau unterstützen. Sie gehören zu uns. Wie steht es mit Geld?« Sie erklärte stolz, kein Geld zu brauchen, und erst, als ihr Gast Abschied genommen hatte, las sie den Brief:

Liebe Saxon – Bud Strothers hat mir versprochen, Dir diesen Brief zu geben. Mach Dir keine Sorge um mich. Ich will meine Strafe verbüßen. Ich verdiene sie – das weißt Du auch selber. Ich muß ja ganz verrückt gewesen sein. Aber deshalb tut es mir doch leid, daß ich mich so benommen habe. Du sollst mich nicht besuchen. Wenn Du Geld brauchst, wird die Gewerkschaft es Dir geben. In einem Monat komme ich wieder heraus. Und, Saxon, Du weißt ja, daß ich Dich liebe, und sage Dir nur selbst, daß Du mir dies eine Mal verzeihst – dann sollst Du es nicht wieder nötig haben.

Billy.

Bud Strothers war kaum zur Tür hinaus, als auch schon Maggie Donahue und Frau Olsen als gute Nachbarinnen kamen und versuchten, sie ein wenig zu erheitern.

Nachmittags kam James Harmon. Er hinkte ein wenig, und Saxon erriet, daß er sich bemühte, es zu verbergen. Sie versuchte, sich zu entschuldigen, aber er wollte sie nicht anhören.

»Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, Frau Roberts«, sagte er. »Ich weiß ja, daß es nicht Ihre Schuld war. Aber Ihr Mann war nicht recht bei Sinnen, denke ich mir. Er war so wild darauf, sich mit irgend jemand zu prügeln, und es war mein gewöhnliches Pech, daß ich ihm gerade in den Weg laufen mußte.«

»Aber deshalb –«

Der Heizer schüttelte den Kopf.

»Ich kenne das alles so gut. Ich habe früher auch gern eins getrunken und manche Dummheit gemacht. Und es tut mir leid, daß ich ihn anzeigte. Aber ich war auch wütend. Jetzt bin ich ruhiger geworden, und es tut mir leid, daß ich es getan habe.«

»Das ist furchtbar nett von Ihnen«, sagte sie, und dann begann sie zögernd und stotternd vorzubringen, was sie bedrückte. »Sie – Sie können nicht hierbleiben, während er – fort ist, verstehen Sie?«

»Nein, das geht wohl nicht. Aber ich will Ihnen etwas sagen: Ich packe meine Sachen und gehe weg, und um sechs schicke ich einen Wagen und lasse alles holen. Hier ist der Schlüssel zur Hintertür.«

Trotz aller Einwände zwang sie ihn, das Geld für die restlichen Tage der Woche zurückzunehmen. Er drückte ihr herzlich die Hand beim Abschied und versuchte, ihr das Versprechen abzunehmen, daß sie sich an ihn wenden würde, wenn sie je Geld gebrauchte.

»Es ist alles in Ordnung«, versicherte er ihr. »Ich bin verheiratet und habe zwei Jungens. Die Lunge von dem einen ist nicht ganz in Ordnung, und meine Frau ist mit ihnen in Arizona. Die Eisenbahn hat ihnen dazu verholfen.«

Und als er die Treppe hinunterging, dachte sie, wie es wohl kam, daß es einen so guten, freundlichen Mann in einer Welt gab, die sonst so schlecht war.

Der kleine Donahue warf eine Abendzeitung zu ihr herein, und sie sah, daß das Blatt Billy eine halbe Spalte geopfert hatte. Es war nicht gerade schmeichelhaft. Es wurde erwähnt, daß er sich dem Gericht mit Augen, die Zeichen früherer Prügeleien trugen, gestellt hätte. Er wurde als Bandit, als Raufbold, professioneller Boxer beschrieben, den zu ihren Mitgliedern zu zählen eine Schande für die Gewerkschaften sei. Der Überfall, dessen er sich schuldig gemacht, wäre widerwärtig, roh und ohne den geringsten Anlaß unternommen, und wenn alle streikenden Fuhrleute so wie er wären, dann würde es das einzig Vernünftige für Oakland sein, die Gewerkschaft zu sprengen und alle Mitglieder zur Stadt hinauszujagen. Und endlich beklagte die Zeitung sich darüber, daß das Urteil zu milde sei. Er hätte mindestens sechs Monate haben müssen. Es wurde ein Ausspruch des Richters angeführt, der bedauerte, nicht imstande gewesen zu sein, ihn zu sechs Monaten zu verurteilen, die Sache sei aber, daß die Gefängnisse schon überfüllt wären von den vielen, die sich bei den verschiedenen Streiks Gewalttätigkeiten hätten zuschulden kommen lassen.

Als Saxon sich am Abend zu Bett legte, fühlte sie zum erstenmal, was Einsamkeit hieß. Es war, als schnurrte ihr alles durch den Kopf, und ihr Schlaf wurde beständig von Versuchen unterbrochen, Billy zu fassen, der, wie sie meinte, neben ihr lag. Schließlich zündete sie die Lampe an, lag da und starrte mit offenen Augen die Decke an, während sie immer wieder in allen Einzelheiten das Unglück überdachte, das sie mit so lähmender Wucht getroffen hatte. Sie konnte verzeihen und konnte es doch nicht. Der gegen ihre Liebe gerichtete Schlag war zu heftig und brutal gewesen. Ihr Stolz war zu sehr mißhandelt, als daß sie in ihren Gedanken ganz zu dem andern Billy hätte zurückkehren können – den sie geliebt hatte. Sie weinte, wie sie allein in dem großen Bett dalag und mit sich kämpfte, um Billys unfaßbare Grausamkeit zu vergessen, ja, sogar mit stummer Zärtlichkeit ihre Wange auf den mißhandelten Arm legte. Aber immer wieder flammte die Kränkung in ihr auf, ein ewiger heftiger Protest gegen Billy und alles, was Billy getan. Ihre Kehle brannte wie Feuer, in ihrer Brust war ein dumpfer Schmerz, der nie aufhörte, und sie wurde von dem Gefühl bedrückt, daß alles aus war. Warum? Warum? Aber auf dieses Lebensrätsel erhielt sie keine Antwort.

Am Morgen kam Sarah zu Besuch – der zweite Besuch seit ihrer Verheiratung; und es war nicht schwer zu erraten, was die Schwägerin wollte. Saxon brauchte sich nicht anzustrengen, daß ihr Stolz sich aufbäumte. Sie wollte Billy nicht im geringsten verteidigen. Es gab nichts zu verteidigen und nichts zu erklären. Alles war, wie es sein sollte, und jedenfalls ging es keinen etwas an. Das reizte Sarah nur noch mehr.

»Ich warnte dich ja. Ich habe immer gewußt, daß er nichts wert war, ein Zuchthauskandidat, ein Bandit, ein Raufbold. Das Herz sank mir in die Schuhe, als ich hörte, daß du mit einem Berufsboxer gingst. Das sagte ich dir schon damals. Aber nein, du wolltest nicht auf mich hören, du mit deinem Feingefühl und deinen vielen Schuhen – mehr als eine anständige Frau haben sollte. Du warst natürlich klüger als ich. Und da sagte ich zu Tom: ›Tom‹, sagte ich, ›jetzt ist Saxon geliefert.‹ Das waren meine Worte. Wer Pech anrührt, besudelt sich. Wenn du doch nur Charley Long geheiratet hättest! Dann hätte die Familie nicht diese Schande erleben müssen. Das ist nur der Anfang. Denk an das, was ich dir sage, das ist nur der Anfang. Wo es enden soll, das mögen die Götter wissen. Er wird noch gehängt werden wegen Mord, der Bandit, mit dem du verheiratet bist. Ja, warte nur, du wirst ja sehen. Wie man sich bettet, so liegt man, und wenn man einen Zuchthauskandidaten –«

»Ach was«, antwortete Saxon überlegen. »In dieser Zeit scheinen alle einen Vorgeschmack vom Zuchthaus zu bekommen. Ist nicht selbst Tom bei einer sozialistischen Straßenversammlung verhaftet worden? Alle Menschen kommen jetzt ins Gefängnis.«

Sie sah gleich, daß der Pfeil getroffen hatte.

»Aber Tom wurde freigesprochen«, erwiderte Sarah.

»Deshalb hat er aber doch die Nacht gesessen.«

Dagegen war nichts zu sagen, und Sarah ging zu ihrer Lieblingstaktik über und machte einen Flankenangriff.

»Es ist übrigens hübsch, wie es mit dir geendet hat, bei deiner schönen und guten Erziehung – daß du dich mit einem Zimmerherrn einläßt.«

»Wer sagt das?« fragte Saxon in flammendem Zorn, den sie jedoch gleich wieder bezwang.

»Ach, das kann doch ein Blinder zwischen den Zeilen lesen. Ein Zimmerherr, eine junge Frau, die ihre Selbstachtung verloren und einen Boxer geheiratet hat. Weshalb sollten sie sich sonst prügeln?«

»Genau wie jeder andere Familienstreit, nicht wahr?« sagte Saxon mit ruhigem Lächeln.

Sarah wurde so wütend, daß sie im ersten Augenblick kein Wort hervorbringen konnte.

»Und das will ich dir nur sagen«, fuhr Saxon fort. »Eine Frau muß stolz sein, wenn Männer sich um sie schlagen. Und ich bin stolz darauf, hörst du? Ich bin stolz darauf, das kannst du gern all deinen Nachbarn, allen Menschen erzählen. Ich bin keine Kuh, Männer lieben mich, Männer schlagen sich meinetwegen, Männer gehen meinetwegen ins Gefängnis. Und jetzt kannst du gehen, Sarah, und zwar sofort, und den Leuten erzählen, was du zwischen den Zeilen gelesen hast. Erzähl ihnen, daß Billy ein Zuchthauskandidat ist, und daß ich eine schlechte Frau bin, hinter der alle Männer her sind. Ruf es von den Dächern herunter, und möchtest du Freude daran haben. Und nun geh, und setze nie wieder deinen Fuß in mein Haus. Du bist eine zu achtbare Frau, um hierherzukommen. Dein guter Ruf könnte darunter leiden. Und denk an deine Kinder. Aber jetzt geh! Geh!«

Erst als die verblüffte und entsetzte Sarah zur Tür hinaus war, warf Saxon sich heftig weinend aufs Bett. Sie hatte sich bisher nur über Billys Brutalität und Ungerechtigkeit geschämt. Jetzt aber wußte sie, wie andere die Sache ansahen. Das war Saxon bisher nicht eingefallen. Sie war überzeugt, daß es auch Billy nicht eingefallen war. Sie kannte seine Haltung von Anfang an. Er war immer dagegen gewesen, einen Zimmerherrn zu nehmen, weil er zu stolz war, seine Frau arbeiten zu lassen. Nur die harte Not hatte ihm seine Einwilligung abgezwungen. Und jetzt, da sie zurücksah, dachte sie daran, wie sie ihm diese Einwilligung fast mit List abgerungen hatte.

Aber alles das konnte die Anschauung der Nachbarn und aller, die sie gekannt hatten, nicht ändern. Und das war auch Billys Schuld. Das war furchtbarer als alles, was er sonst getan. Sie konnte nie wieder einem Menschen ins Auge sehen. Maggie Donahue und Frau Olsen waren beide sehr freundlich gewesen, aber was mochten sie wohl gedacht haben, als sie mit ihr sprachen? Und was mochten sie wohl miteinander gesprochen haben? Ja, was sagten die Leute überhaupt – an Gartenpforten und auf Hintertreppen? Und die Männer an Straßenecken und in Wirtschaften?

Als sie später vom Weinen völlig erschöpft war und keine Tränen mehr hatte, wurde sie unpersönlicher und dachte an das Unglück, das so viele Frauen seit Ausbruch des Streiks betroffen hatte – Otto Franks Frau, Hendersons Witwe, die hübsche Kittie Brady, all die Frauen anderer Männer, die jetzt in ihrer Gefängniskleidung in San Quentin waren. Ihre Welt wollte zusammenstürzen. Niemand ging frei aus. Aber ihre Schande war größer als die aller andern. Sie klammerte sich verzweifelt an die Einbildung, daß sie schliefe, daß alles ein böser Traum sei, daß der Wecker im nächsten Augenblick läuten, und daß sie aufstehen würde, um Billys Frühstück zu bereiten. Sie stand an diesem Tage gar nicht auf. Sie schlief auch nicht. Ihre Gedanken arbeiteten unaufhörlich mit rasender Schnelligkeit, verweilten zuerst ausführlich, anhaltend bei dem Unglück, das sie betroffen hatte, um dann den phantastischen Verzweigungen dessen, was sie für ihre Schande ansah, zu folgen und endlich zu den Tagen der Kindheit zurückzukehren. In Gedanken verrichtete sie in all den Berufen, die sie je gehabt hatte, die unzähligen mechanischen Bewegungen, die für jede einzelne Arbeit eigentümlich waren – das Formen und Zusammenkleben der Schachteln in der Kartonagenfabrik, die Webarbeit in der Jutefabrik, das Plätten in der Plätterei, die Behandlung von Obst in der Konservenfabrik. In Gedanken erlebte sie wieder alle die Bälle und Waldausflüge, an denen sie je teilgenommen hatte; sie durchlebte ihre Schultage und erinnerte sich jedes ihrer Klassenkameraden, wie sie aussahen, wie sie hießen und wo sie saßen; erlitt die grauen, trüben Jahre im Kinderheim, zog jede Erinnerung, jede Geschichte von der Mutter hervor und durchlebte wieder ihre Ehe mit Billy. Aber immer wieder – und das war das Quälende – wurden ihre Gedanken, wenn sie noch so weit flogen, zurückgeführt zu der Pein des Augenblicks, zu dem brennenden Gefühl in der Kehle, zu dem dumpfen Schmerz in der Brust und dem nagend-leeren Gefühl, daß alles vorbei war.

* * *

 

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