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Das Mondtal

Jack London: Das Mondtal - Kapitel 7
Quellenangabe
authorJack London
titleDas Mondtal
publisherUniversitas
year1929
translatorErwin Magnus
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Saxon besorgte ihre Hausarbeit in großer Unruhe. Sie verwandte ihre Zeit nicht mehr darauf, hübsche Dinge zu verfertigen. Das Material kostete Geld, und sie wagte es nicht. Die Drohungen Berts hatten sie berührt, und seine Bemerkungen peinigten sie wie ein Speer, der sich in einer offenen Wunde dreht. Sie und Billy waren verantwortlich für das neue kleine Menschenkind. War es nun auch sicher, daß sie ihm Nahrung und Kleidung verschaffen und ihm seinen Weg in die Welt bahnen konnten? Sie erinnerte sich dunkel, wie in alten Tagen schlechte Zeiten die Existenz ganzer Familien vernichtet hatten, und die Klagen von Vätern und Müttern tauchten wieder in ihrem Kopfe auf und erhielten neue Bedeutung. Ihr schien fast, als könnte sie das ewige Jammern Sarahs verstehen.

Man fühlte die schlechten Zeiten schon in der Nachbarschaft, wo die streikenden Eisenbahner wohnten. In den kleinen Geschäften, wo Saxon ihre täglichen Einkäufe machte, konnte man die Hoffnungslosigkeit spüren. Alle Freude und Heiterkeit schien verschwunden. Überall herrschte eine düstere Stimmung. Die Mütter von Kindern, die auf der Straße spielten, zeigten deutlich ihre traurige Stimmung in ihren Gesichtern. Wenn sie des Abends an den Gartenpforten oder auf den Stufen vor den Häusern schwatzten, waren ihre Stimmen leise, und weniger Lachen als sonst ertönte.

Maggie Donahue, die sonst drei Liter Milch gekauft hatte, kaufte jetzt nur einen. Nie mehr war die Rede von Familienausflügen ins Kino. Fleischabfälle waren beim Schlachter fast nicht zu bekommen. Nora Delaney, die zwei Häuser weiter in der Straße wohnte, kaufte keinen frischen Fisch mehr am Freitag. Jetzt begnügte sich die Familie mit Stockfisch, und nicht einmal von der besten Sorte. Die gesunden Kinder, die zwischen den Mahlzeiten mit mächtigen Brotschnitten mit Butter und Zucker auf der Straße herumgelaufen waren, erhielten jetzt dünnere Brotschnitten mit dünnerer Butter und ohne Zucker. Selbst der Brauch mit den Brotschnitten wollte aussterben, und einige der Kinder hatten schon aufgehört, etwas zwischen den Mahlzeiten zu verlangen.

Überall gab es ein ewiges Knausern und Sparen, und die Ausgaben wurden immer mehr eingeschränkt. Und das erzeugte eine immer wachsende Reizbarkeit. Frauen wurden viel schneller als früher gegeneinander und gegen ihre Kinder aufgebracht, und Saxon wußte, daß Bert und Mary sich ununterbrochen zankten.

»Wenn sie doch nur verstehen wollte, daß ich auch meine Sorgen habe«, beklagte Bert sich bei Saxon.

Sie sah ihn forschend an, und eine unbestimmte, namenlose Angst ergriff sie. Seine schwarzen Augen flammten mit der Glut des Wahnsinns. Das braune Gesicht war magerer geworden, und die Haut lag straff über den Backenknochen. Sein Mund hatte sich verzerrt, war gleichsam in Bitterkeit erstarrt. Selbst seine Haltung und die Art, wie er seinen Hut aufsetzte, verrieten Gleichgültigkeit und Heftigkeit.

Zuweilen, an den langen Nachmittagen, wenn Saxon, die Hände im Schoß, am Fenster saß, ertappte sie sich dabei, wie sie sich die Wanderung ihrer Familie über Prärie, Berge und Wüsten nach dem Lande des Sonnenuntergangs am westlichen Meere vorzustellen versuchte. Und oft träumte sie von dem idyllischen Leben ihrer Familie in jenen Tagen, als sie nicht in Städten wohnten und nicht von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden gepeinigt wurden. Sie erinnerte sich der alten Erzählungen, wie sie ihr eigenes Gemüse gebaut hatten, ihre eigenen Schmiede und Zimmerleute gewesen waren, ihre eigenen Schuhe verfertigt hatten – ja, und ihre eigenen Kleider gesponnen und gewebt hatten. Und ihr schien, sie könnte noch den träumerischen Ausdruck in Toms Gesicht sehen, als er davon gesprochen hatte, daß es sein höchster Wunsch gewesen war, ein Stück Boden vom Staat zu pachten. Ja, das Leben eines Landmanns muß herrlich sein, dachte sie bei sich. Wie konnten die Menschen nur in Städten leben? Hatte es in alten Tagen genug gegeben, warum dann nicht jetzt? Warum mußten Männer sich zanken, streiken, kämpfen, nur um sich Arbeit zu verschaffen? Warum gab es nicht genug für alle? Erst heute morgen – und ihr schauderte bei dem Gedanken – hatte sie gesehen, wie zwei Streikbrecher auf dem Wege zur Arbeit von den Streikenden zuschanden geprügelt wurden, von Männern, die sie dem Aussehen, einige auch dem Namen nach, kannte, und die ganz in ihrer Nachbarschaft wohnten. Es war roh, so brutal gewesen – ein Dutzend Männer gegen zwei. Schutzleute waren mit geladenen Revolvern hinzugekommen, und die Streikenden hatten sich in die Häuser und die Gäßchen zwischen den Häusern zurückgezogen. Einen der Streikbrecher hatte man im Krankenwagen fortgeschafft; der andere, der von der Hauspolizei der Eisenbahn Hilfe bekommen hatte, war nach den Werkstätten gebracht worden. Maggie Donahue, die, ihr Kind auf dem Arm, auf den Stufen vor ihrem Hause stand, hatte ihn mit Schimpfworten überschüttet, die Saxon die Schamröte in die Wangen getrieben hatten. Auf den Stufen des andern Nachbarhauses hatte Saxon mitten in der Schlägerei Mercedes gesehen, wie sie die Kämpfenden mit einem seltsamen Lächeln betrachtete. Ja, sie hatte offenbar mit großem Eifer zugesehen, und ihre Nasenflügel hatten gebebt, als ob sie heftig atmete. Es war Saxon aufgefallen, daß die alte Frau nicht im geringsten ängstlich, nur neugierig war.

Zu Mercedes, die in allem, was die Liebe betraf, so klug war, ging Saxon, um eine Erklärung zu erhalten, was mit der Welt los war. Aber was die alte Frau über industrielle und ökonomische Fragen zu sagen hatte, war zu unverständlich und gefiel ihr nicht.

»La la, mein Kind, das ist ganz einfach. Die meisten Menschen sind dumm geboren. Sie sind Sklaven. Einige wenige sind klug geboren. Das sind die Herren der andern. So hat Gott wohl die Menschen erschaffen.«

»Aber was sagt Gott zu der furchtbaren Prügelei drüben?«

»Ich fürchte, daß sie ihn nicht im geringsten interessiert«, lächelte Mercedes. »Ich zweifle sogar, daß er überhaupt etwas davon weiß.«

»Ich hatte eine Todesangst«, erklärte Saxon. »Ich wurde ganz krank davon. Aber Sie – ich sah Sie – Sie sahen ganz ruhig zu, als wäre es eine Theatervorstellung.«

»Es war auch eine Theatervorstellung, mein Kind.«

»Ach, wie können Sie das sagen?«

»La, la, ich habe früher schon gesehen, wie Männer getötet wurden. Dabei ist nichts Merkwürdiges. Alle Menschen müssen sterben wie Ochsen, sie wissen selber nicht, weshalb. Es ist beinahe komisch, das zu sehen. Sie fahren mit Fäusten und Keulen aufeinander los und zerschlagen sich die Köpfe. Es ist ein plumpes Spiel. Sie sind wie Hunde, die sich um einen Knochen schlagen. Nur daß ihr Knochen Arbeit heißt. Sehen Sie, wenn sie um Frauen oder um Ideale oder um Gold in Barren oder um Diamanten von fabelhaftem Wert kämpften, dann wäre es großartig. Aber nein, sie sind nur hungrig und schlagen sich um die Krumen zur Stillung ihres Hungers.«

»Ach, wenn ich das doch nur verstehen könnte«, murmelte Saxon und rang verzweifelt die Hände, weil sie nicht verstehen konnte und doch so gern wollte.

»Da gibt es nichts zu verstehen. Es ist so klar wie der Tag. Es hat immer dumme Menschen und kluge Menschen, Sklaven und Herren, Bauern und Fürsten gegeben. Und so wird es bleiben.«

»Ja, aber warum?«

»Warum ist ein Bauer ein Bauer, mein Kind? Eben weil er ein Bauer ist. Warum ist eine Fliege eine Fliege?«

Saxon warf gereizt den Kopf zurück.

»Aber, mein Kind, ich habe Ihnen doch geantwortet. Alle philosophischen Systeme der Welt können keine bessere Antwort geben. Warum wollen Sie lieber Ihren Mann haben als irgendeinen andern? Weil er Ihnen gefällt, wie er ist, das ist alles. Warum brennt Feuer, und warum schneidet Frost? Warum gibt es kluge Männer und dumme Männer? Herren und Sklaven? Arbeitgeber und Arbeiter? Warum ist schwarz schwarz? Beantworten Sie das, und Sie werden alles beantwortet haben.«

»Aber es ist nicht recht, daß Menschen hungern und müßig gehen sollen, wenn sie bereit sind zu arbeiten, wenigstens unter anständigen Bedingungen«, protestierte Saxon.

»Nun ja, das ist richtig, aber auf dieselbe Art und Weise, wie es richtig ist, daß Steine nicht wie Holz brennen, daß Sand kein Zucker ist, daß Dornen stechen, daß Wasser naß ist und daß Rauch hochsteigt, daß die Dinge herunter- und nicht hinauffallen.«

»Aber dann haben wir ja weder Freiheit noch Unabhängigkeit«, rief Saxon leidenschaftlich. »Der eine ist nicht so gut wie der andere. Mein Kind hat nicht dasselbe Recht zum Leben wie das Kind einer reichen Mutter.«

»Nein, selbstverständlich hat es das nicht«, antwortete Mercedes.

»Und doch haben meine Vorfahren für all diese Dinge gekämpft«, ereiferte sich Saxon, die sich des Geschichtsunterrichts in der Schule und des Schwertes ihres Vaters erinnerte.

»Demokratie – der Traum der dummen Menschen. La, la, mein Kind, Demokratie ist eine Lüge, um die Arbeitstiere froh und heiter zu halten, wie in alten Tagen die Religion sie froh und heiter hielt. Wenn sie unter Mühen und Beschwerden stöhnten, dann überredete man sie, mit ihren Mühen und Beschwerden auszuhalten, indem man ihnen hübsche Geschichten von einem Land erzählte, wo sie in Freude und Herrlichkeit leben sollten, während die Klugen über ewigem Feuer brieten. Wie die Klugen gelacht haben müssen! Und als die Lüge verbraucht war und man von der Demokratie zu träumen begann, da sorgten die Klugen dafür, daß sie in Wahrheit ein Traum wurde und nichts als ein Traum. Die Welt gehört den Großen und Klugen.«

»Aber Sie gehören doch selbst der Arbeiterklasse an«, sagte Saxon.

Die alte Frau richtete sich fast zornig auf.

»Ich? Der Arbeiterklasse? Mein Kind, wenn ich auch mein Geld durch Spekulationen verloren habe, wenn ich auch zu alt bin, um die stolzen jungen Männer zu gewinnen, wenn ich auch die Männer überlebt habe, die ich in meiner Jugend kannte, und wenn ich auch mit Barry Higgins hier im Ghetto wohne und mich auf den Tod vorbereite – so bin ich doch unter den Herrschern geboren, mein Kind, und habe all meine Tage den Fuß auf den Nacken der Dummen gesetzt. Ich habe seltene Weine getrunken und an Gastmählern teilgenommen, die unsere Nachbarschaft ein ganzes Menschenalter hätten ernähren können. Dick Golden und ich – es war Dicks Geld, aber es hätte meines sein können – Dick Golden und ich verloren vierhunderttausend Frank in einer Woche an den Spieltischen von Monte Carlo. Er war Jude, aber er verstand, Geld auszugeben. In Indien habe ich Juwelen getragen, die Tausende von Familien vom Hungertode hätten erretten können –, die Tausende, die vor meinen Augen starben.«

»Sie sahen sie sterben? Und taten nichts für sie?« fragte Saxon entsetzt.

»Ich behielt meine Juwelen – la la, und ehe das Jahr um war, wurden sie mir von einem russischen Offizier gestohlen.«

»Und Sie ließen sie sterben?« wiederholte Saxon.

»Es war elendes Gewürm. Sie wimmeln und vermehren sich wie die Maden. Sie sind nichts wert – nichts, mein Kind. Sie waren nicht mehr wert als die Arbeiter hier, deren größte Dummheit ist, daß sie weiter Nachkommenschaft in die Welt setzen, damit auch die für die Herren schuften kann.«

So kam es, daß Saxon, die, wenn sie andere hörte, hin und wieder ein wenig Sinn ins Dasein bringen konnte, keinen Sinn in dem finden konnte, was die furchtbare alte Frau sagte. Mit den Wochen wurden die streikenden Eisenbahner immer wütender und erbitterter, und Billy schüttelte den Kopf und gab zu, daß es ihm nicht möglich war, einen Sinn in dem Unglück zu finden, das den Horizont des ganzen Arbeiterstandes verfinsterte.

»Ich kann es nicht begreifen«, sagte er zu Saxon. »Es ist alles so verwirrt. Es ist wie eine Prügelei im Dunkeln. Zum Beispiel die Fuhrleute! Die fangen jetzt an, davon zu reden, daß wir einen Sympathiestreik für die Maschinenarbeiter machen sollen. Die sind jetzt seit einer Woche arbeitslos. Die meisten ihrer Stellungen sind von andern besetzt, und wenn wir Fuhrleute den Fabriken die Waren weiter zuführen, dann ist der Streik verloren.«

»Aber als man euch den Lohn kürzte, dachtet ihr doch nicht an einen Streik«, sagte Saxon stirnrunzelnd.

»Ach, damals ging es uns nicht so, daß wir es uns leisten konnten. Aber jetzt sind die Fuhrleute und die vereinigten Hafenarbeiter in San Franzisko bereit, uns zu stützen. Das sagt man jedenfalls augenblicklich. Und wenn wir anfangen, können wir selbstverständlich sehen, daß sie uns den Lohn die zehn Prozent wieder heraufsetzen.« –

»Es ist eine faule Politik«, sagte er ein andermal. »Alles ist faul, auch die Menschen. Wenn wir nur so klug wären, daß wir uns auf einen ehrlichen Mann einigten –«

»Aber wenn du und Bert und Tom euch nicht einigen könnt, wie kannst du dann erwarten, daß alle andern sich einigen sollen?« fragte Saxon.

»Nein, das ist es eben«, gab er zu. »Man kann ganz verrückt werden, wenn man über all das nachdenkt. Und dabei ist es so einfach, wie nur etwas sein kann. Ein paar ehrliche Leute im politischen Leben, dann geht alles von selber. Ehrliche Leute werden ehrliche Gesetze machen. Und dann bekämen andere ehrliche Leute, was ihnen zukommt. Aber Bert will alles zerschlagen, und Tom raucht seine Pfeife und träumt von einer Zukunft, in der alle Menschen ihr Los selbst bestimmen.«

»Was ist los?« fragte er, und seine Stimme wurde ganz heiser vor Angst. »Du bist doch nicht krank – oder – oder so etwas?«

Sie hatte die eine Hand gegen ihr Herz gepreßt, aber der erschrockene Ausdruck ihrer Augen wich schnell einer tiefen, innigen Freude, und ein geheimnisvolles leises Lächeln umspielte ihren Mund. Es war, als hätte sie die Anwesenheit ihres Mannes ganz vergessen und lauschte auf eine Botschaft aus weiter Ferne, die nicht für seine Ohren bestimmt war. Dann trat ein Ausdruck inniger Freude und Verwunderung in ihr Gesicht. Sie streckte Billy die Hand entgegen.

»Es lebt«, flüsterte sie. »Ich fühle, daß es lebt. Ich bin so froh, so froh.«

Als Billy am nächsten Abend von der Arbeit heimkam, brachte Saxon einen Gegenstand zur Sprache, der ihm gleich ein stärkeres Gefühl von der Verantwortung gab, die mit der Vaterschaft verbunden war.

»Ich habe darüber nachgedacht, Billy«, begann sie, »und ich bin so gesund und stark, daß es nicht teuer zu werden braucht. Da ist zum Beispiel Martha Skelton – sie ist eine tüchtige Hebamme.«

Aber Billy schüttelte den Kopf.

»Nicht zu machen, Saxon. Du wirst Doktor Hentley nehmen. Er ist Bill Murphys Arzt, und Bill schwört auf ihn. Er ist ein altes Ekel, aber er versteht seine Sache.«

»Aber sie hat doch Maggie Donahue geholfen«, wandte Saxon ein. »Und sieh nur sie und ihr Kind.«

»Nun ja, aber dir wird sie nicht helfen – nie.«

»Aber der Arzt nimmt fünfundzwanzig Dollar«, fuhr Saxon fort, »und er wird verlangen, daß ich eine Krankenschwester nehme, weil ich keine weiblichen Verwandten zur Hilfe habe. Martha Skelton würde alles tun, und es wäre viel billiger.«

Aber Billy schloß sie zärtlich in die Arme und sagte:

»Hör mich jetzt an, Frauchen. Die Familie Roberts gehört nicht zu denen, die auf den Pfennig sehen. Das darfst du nie vergessen. Du sollst das Kind bekommen. Daran hast du zu denken, und das ist genug für dich. Meine Sache ist es, dafür zu sorgen, daß das Geld da ist, und auf dich zu achten. Das Beste ist nicht zu gut für dich. Ich will mich nicht der Gefahr aussetzen, daß dir auch nur das Allergeringste zustieße – nein, nicht um eine Million. Du bist es, die hier auf dem Spiele steht. Und Dollars sind ein Dreck. Du meinst vielleicht, daß ich mich mörderisch auf das Kind freue. Ja, das tue ich. Ich denke immer daran – den ganzen Tag. Ich bin ganz wild nach ihm. Und doch, Saxon, das schwöre ich dir, eher möchte ich es tot und begraben sehen, als daß dir das Geringste zustieße. Und du brauchst keine Krankenschwester. Doktor Hentley wird jeden Tag kommen, und Mary kann das Haus und dich versorgen, wie du es für sie tätest, wenn es nötig wäre.«

Die Tage und Wochen vergingen, und Saxon wurde sich bewußt, daß ihre Brüste sich in stolzem Muttergefühl spannten. Der Gedanke, daß sie Mutter werden sollte, erfüllte sie mit einer tiefen, leidenschaftlichen Freude. Allerdings hatte sie auch ihre Stunden der Angst, aber sie waren so vorübergehend und zählten so wenig im Verhältnis zu dem übrigen, daß sie eher dazu beitrugen, sie noch glücklicher zu machen.

Nur eines ängstigte sie wirklich, und das waren die Gefahren, die dem Arbeiterstande drohten, und die niemand, sie am wenigsten, verstehen konnte.

»Es ist immer die Rede davon, wie viel mehr mit den Maschinen, die wir jetzt haben, geleistet wird als früher«, sagte sie zu ihrem Bruder Tom. »Aber warum bekommen wir dann nicht mehr für unsere Arbeit?«

»Jetzt bist du auf dem richtigen Wege«, antwortete er. »Es wird nicht lange dauern, so verstehst du den Sozialismus.«

Aber Saxon hatte nur Sinn für die Bedürfnisse des Augenblicks.

»Tom, seit wann bist du Sozialist?«

»Seit acht Jahren.«

»Und du hast nichts damit erreicht?«

»Nein, aber es wird schon kommen – mit der Zeit.«

»Wenn es weiter so geht, kannst du ja vor der Zeit tot sein.«

Tom seufzte.

»Das fürchte ich. Diese Dinge gehen so langsam.«

Wieder seufzte er. Sie bemerkte den geduldigen, müden Ausdruck in seinem Gesicht, die gebeugten Schultern, die abgearbeiteten Hände, und ihr erschien das alles als ein Symbol der Sinnlosigkeit seines sozialen Glaubensbekenntnisses.

 

Es begann ganz ruhig, wie verhängnisvolle unerwartete Ereignisse so oft beginnen. Kinder jeden Alters und jeder Größe spielten auf der Straße, und Saxon stand am offenen Fenster und sah ihrem Spiel zu, während sie von dem Kind träumte, das bald kommen sollte. Der Sonnenschein wich friedlich dem Abend, und eine leichte Brise von der Bucht kühlte die Luft und verlieh ihr einen salzigen Geschmack. Da zeigte eines der Kinder die Straße hinauf. Alle Kinder hörten auf zu spielen. Es sammelten sich Gruppen, die größeren Knaben von zehn bis zwölf für sich, während die älteren Mädchen besorgt die kleinen Kinder an die Hand oder auf den Arm nahmen.

Saxon konnte die Ursache all dieser Aufregung nicht sehen, aber sie konnte sie erraten, da sie die größeren Knaben zu den Rinnsteinen eilen und Steine auflesen sah, worauf sie sich in die Gänge zwischen den Häusern schlichen. Die kleineren Knaben versuchten, es ihnen nachzumachen. Die Mädchen, die eifrig die ganz Kleinen fortschleppten, rissen Gartenpforten auf und eilten die Stufen zu den kleinen Häusern hinauf. Die Türen schlugen hinter ihnen zu, und bald war die Straße öde und verlassen, wenn auch hier und da eine Gardine sich hob, um besorgte Frauen hinaussehen zu lassen. Saxon hörte den Zug, der schnaufend und rauchend zum Centre-Street-Bahnhof hinausfuhr. Dann ertönte aus der Siebten Straße das heisere Gebrüll vieler tiefer Männerstimmen. Sie konnte immer noch nichts sehen, und sie dachte an Mercedes Higgins' Worte: »Sie sind wie Hunde, die sich um einen Knochen schlagen. Nur daß ihr Knochen Arbeit heißt.«

Das Gebrüll näherte sich, und als Saxon sich aus dem Fenster lehnte, sah sie ein Dutzend Streikbrecher, die von ebenso vielen Detektiven und Schutzleuten eskortiert wurden, auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig angewandert kommen. Sie gingen in geschlossenem Trupp wie eine disziplinierte Streitmacht, während hinter ihnen, heulend und durcheinander, neunzig bis hundert streikende Eisenbahner gingen, die sich hin und wieder bückten und Steine aufhoben. Saxon fühlte, daß sie vor Angst zitterte, aber sie zwang sich, ruhig zu sein. Es half ihr auch etwas, als sie Mercedes Higgins sah. Die alte Frau öffnete die Haustür, zog einen Stuhl heraus und setzte sich ruhig auf den kleinen Treppenabsatz.

Die Polizei war mit Knüppeln bewaffnet. Die Detektive ließen keine Waffen sehen. Die Streikenden, die von hinten nachdrängten, schienen sich damit begnügen zu wollen, ihrer Wut in lautem Geheul und in Drohungen Luft zu machen, und es waren die Kinder, die den eigentlichen Anstoß zu der Schlägerei gaben. Aus dem Gang zwischen den beiden gegenüberliegenden Häusern, wo die Familien Olsen und Isham wohnten, kam plötzlich ein Regen von Steinen. Die meisten Steine flogen vorbei, aber einer traf einen Streikbrecher am Kopf. Der Mann befand sich nicht mehr als zwanzig Fuß von Saxon entfernt. Er taumelte gegen ihren Zaun und zog einen Revolver. Mit der einen Hand strich er sich über die Augen, die von Blut halb geblendet waren, und mit der anderen feuerte er seine Waffe gegen das Ishamsche Haus ab. Einer der Detektive packte ihn am Arm, um ihn zu verhindern, den Revolver wieder abzufeuern, und schleppte ihn mit sich fort. Im selben Augenblick aber ertönte ein noch wilderes Gebrüll von den Streikenden, während ein Schauer von Steinen aus dem Gang zwischen Saxons und Maggie Donahues Haus kam. Die Streikbrecher und ihre Beschützer machten halt und entsicherten ihre Revolver. An dem harten, willensstarken Ausdruck in ihren Gesichtern konnte Saxon sehen, daß Blutvergießen und Tod bevorstanden. Ein älterer Mann, offenbar ihr Anführer, nahm seinen weichen schwarzen Hut ab und wischte sich den Schweiß von der Glatze. Er war ein großer dickbäuchiger Mann, der merkwürdig hilflos aussah. Er ließ die Schultern hängen, und Saxon bemerkte die Schuppen auf seinem Rockkragen.

Einer der Männer zeigte auf die Straße, und mehrere von seinen Kameraden lachten. Es war der kleine, kaum vierjährige Olsen, der der Mutter weggelaufen war und jetzt zu den Männern kam, die die Feinde seiner wirtschaftlichen Existenz waren. In seiner rechten Hand hielt er einen Stein, so schwer, daß er ihn kaum heben konnte. Die schwache Kinderhand drohte ihnen mit diesem Stein; das kleine rotwangige Gesicht war von Wut verzerrt, und er schrie immer wieder: »Verfluchte Streikbrecher! Verfluchte Streikbrecher!« Das Lachen, mit dem die Männer ihn begrüßten, machte ihn noch wütender. Er wankte auf sie zu und warf mit einer mächtigen Kraftanspannung den Stein, der kaum sechs Fuß von ihm zu Boden fiel.

So viel sah Saxon, und sie sah auch, wie die Mutter des Knaben auf die Straße eilte, um ihr Kind zu holen. Da ertönte eine Salve von Pistolenschüssen der Streikenden, und Saxons Aufmerksamkeit wandte sich den Männern vor ihrem Fenster zu. Einer von ihnen stieß einen mächtigen Fluch aus und untersuchte seinen linken Arm, der kraftlos herabhing. Sie sah, wie das Blut über seine Hand tropfte. Sie wußte, daß sie nicht stehenbleiben durfte, aber die Erinnerung an ihre kämpfenden Vorfahren erwachte in ihr, und sie fürchtete sich nicht mehr, als jeder normale Mensch sich unter solchen Verhältnissen gefürchtet hätte – eher weniger. Sie vergaß über diesem Kampf, der so plötzlich in ihrer stillen Straße losgebrochen war, ihr Kind. Sie vergaß die Streikenden und alles andere über ihrem Erstaunen darüber, wie es dem dickbäuchigen, zigarrenrauchenden Anführer ergangen war. Auf irgendeine merkwürdige Weise war sein Kopf in ihrem Zaun eingeklemmt. Sein Körper hing draußen, und die Knie berührten den Boden nicht ganz. Der Hut war ihm abgefallen, und die Sonne schien auf seine Glatze und erzeugte eine kräftige Lichtwirkung. Die Zigarre war auch verschwunden. Sie sah, daß sein Blick auf sie gerichtet war. Es war, als winkte er ihr mit der Hand, die durch den Zaun stak, und es sah fast aus, als blinzelte er ihr gemütlich zu, obwohl sie wußte, daß es der furchtbarste Schmerz war, der sein Gesicht zu einem Grinsen verzerrte.

Eine Sekunde, vielleicht zwei, starrte sie ihn an, dann aber wurde sie durch den Klang von Berts Stimme aus ihren Betrachtungen gerissen. Er kam, gefolgt von mehreren andern Streikenden, auf dem Bürgersteig vor ihrem Hause gelaufen, und rief aus voller Kehle: »Vorwärts, Mohikaner! Jetzt haben wir sie an den Mast genagelt!«

In der Linken hielt er eine eiserne Stange, in der Rechten einen Revolver, der schon verschossen war, denn er spannte vergebens den Hahn im Laufen. Plötzlich blieb er stehen, warf die Stange hin und drehte sich so, daß er sich Saxons Tür zukehrte. Er wollte ins Knie sinken, schleuderte aber den Revolver einem Streikbrecher ins Gesicht, der auf ihn lossprang. Dann schwankte er und sank gleichzeitig in Knien und Hüften zusammen. Langsam, mit unendlicher Anstrengung, griff er mit der Rechten nach einem Pfahl im Zaun und sank ins Knie, während der ganze Schwarm von Streikenden, deren Anführer er gewesen war, an ihm vorbeihastete.

Es war ein Kampf ohne Gnade – ein Blutbad. Die Streikbrecher und ihre Beschützer, die völlig umzingelt waren und mit dem Rücken gegen Saxons Haus standen, kämpften wie rasend, konnten sich aber der fast hundert Mann, die sich auf sie stürzten, nicht erwehren. Knüppel und Axtschäfte wurden geschwungen, Revolver knallten, und Pflastersteine wurden herausgerissen und in das wilde Handgemenge geschleudert. Saxon sah den jungen Frank Davis, einen Freund Berts, der vor wenigen Monaten Vater geworden war, die Mündung seines Revolvers einem Streikbrecher auf den Leib setzen und abdrücken. Laute Flüche und erbittertes Knurren, wilde Schreckensschreie und Schmerzensausbrüche ertönten. Mercedes hatte recht. Das waren keine Menschen. Es waren wilde Tiere, die um den Knochen kämpften und einander vernichteten.

Ihr Knochen heißt Arbeit; ihr Knochen heißt Arbeit. Dieser Satz klang immer wieder durch Saxons Bewußtsein. Selbst wenn sie gewollt hätte, würde sie doch nicht die Kraft gehabt haben, sich jetzt vom Fenster zurückzuziehen. Sie war wie gelähmt. Ihr Gehirn arbeitete nicht mehr. Mit starren Augen, außerstande, sich zu bewegen oder irgend etwas zu unternehmen, sah sie auf all den Schrecken, der wie ein wildgewordenes lebendes Bild hastig an ihr vorbeizog. Sie sah die Detektive, die Polizisten und Streikenden stürzen. Einem Streikbrecher, der von einer Hand, die ihn an der Kehle packte, gegen den Zaun gepreßt wurde, wurde das Gesicht vollkommen von einem Revolverkolben zerschmettert. Immer wieder, ohne Aufhören, hob und senkte sich der Revolver, und Saxon kannte den Mann, der ihn schwang – Chester Johnson. Sie hatte ihn in den Tagen vor ihrer Verheiratung auf Bällen getroffen und mit ihm getanzt. Er war immer ein netter, gutmütiger Mensch gewesen. Unmöglich konnte dies derselbe Chester Johnson sein. Und während sie hier stand und zusah, merkte sie, wie der dickbäuchige Anführer, der immer noch, mit dem Kopf in ihrem Garten, in den Zaun eingekeilt war, mit der freien Hand einen Revolver zog und die Mündung Chester in die Seite preßte. Sie versuchte, einen warnenden Ruf auszustoßen. Es wurde nur ein Angstschrei, und Chester sah auf und erkannte sie. Im selben Augenblick ging der Revolver los, und er brach über dem Streikbrecher zusammen. Jetzt hingen drei Männerkörper auf ihrem Zaun.

Sie war nun auf alles vorbereitet, und ohne das geringste Erstaunen sah sie die Streikenden über den Zaun springen und ihre armen Pelargonien und Stiefmütterchen zertrampeln, als sie zwischen ihrem Haus und dem der Mercedes hindurchflüchteten. Die Straße herauf kam von den Eisenbahnwerkstätten unter beständigem Feuer ein großes Aufgebot von Bahnpolizei und Detektiven. Und von der andern Seite kamen mit Lärmen, Rattern und Klappern von Pferdehufen drei Patrouillenwagen voll Polizei. Die Streikenden waren in einer Falle gefangen. Sie hatten nur die Möglichkeit, zwischen den Häusern hindurch über die Zäune in die Hinterhöfe zu entschlüpfen. Aber es waren ihrer zu viele in der engen Gasse, als daß alle entkommen konnten. Ein halbes Dutzend wurde in dem Winkel zwischen ihrer Hausfassade und den Stufen eingeklemmt. Und wie sie gegen andere gehandelt hatten, so wurde jetzt gegen sie gehandelt. Verhaftungen wurden nicht vorgenommen. Sie wurden von diesen Handlangern der Ordnung, die wütend über die Behandlung waren, die ihren Kollegen zuteil geworden war, bis auf den letzten Mann niedergeschossen und mit Knüppeln niedergeschlagen.

Alles war vorbei, und Saxon ging wie eine Schlafwandlerin die Stufen hinab und klammerte sich an den Zaun. Der dickbäuchige Anführer schielte sie immer noch an und winkte mit der einen Hand, obwohl zwei große Polizisten sich über ihn beugten, um ihn herauszuziehen. Die Pforte war aus den Angeln gerissen, was ihr merkwürdig erschien, denn sie hatte den ganzen Kampf verfolgt und es nicht geschehen sehen.

Berts Augen waren geschlossen. Seine Lippen waren mit Blut befleckt, und aus seiner Kehle kam ein Röcheln, als wollte er etwas sagen. Als sie sich über ihn beugte und ihm mit ihrem Taschentuch das Blut von der Backe wischte – irgend jemand hatte ihn daraufgetreten –, schlug er die Augen auf. Sie leuchteten trotzig wie in alten Tagen. Er erkannte sie nicht. Die Lippen bewegten sich, und mit schwacher Stimme murmelte er, wie eine Lektion, die er wiederholte: »Die letzten Mohikaner! Die letzten Mohikaner!« Dann stöhnte er, und die Augen schlossen sich wieder. Er war nicht tot. Die Brust hob und senkte sich, und das Röcheln kam immer noch aus seiner Kehle.

Sie sah auf. Mercedes stand neben ihr. Die Augen der alten Frau waren sehr klar, und ihre blassen Wangen hatten Farbe bekommen.

»Wollen Sie mir helfen, ihn hineinzutragen?« fragte Saxon.

Mercedes nickte, wandte sich dann zu einem Polizisten und richtete dieselbe Frage an ihn. Der Polizist warf einen hastigen Blick auf Bert, und in seinen Augen war ein erbitterter und wütender Ausdruck, als er antwortete:

»Er kann zum Teufel gehen! Wir haben genug mit unsern eigenen Leuten zu tun.«

»Vielleicht können wir beide es tun«, sagte Saxon.

»Machen Sie keine Dummheiten.« Mercedes gab Frau Olsen auf der andern Seite der Straße ein Zeichen. »Gehen Sie jetzt wieder hinein, Sie kleine, angehende Mutter. Wir werden ihn schon hineintragen. Dort kommt Frau Olsen, und wir können auch Maggie Donahue holen.«

Saxon zeigte ihnen den Weg in die nach dem Hofe gelegene Schlafkammer, die Billy durchaus hatte möblieren wollen. Als sie die Tür öffnete, war es, als flöge der Teppich hoch und schlüge ihr ins Gesicht. Denn sie erinnerte sich, daß Bert es gewesen war, der den Teppich gelegt hatte. Und während die Frauen ihn auf das Bett hoben, mußte sie daran denken, daß sie und Bert gemeinsam an einem Sonntagmorgen das Bett hereingestellt hatten.

Dann aber fühlte sie einen merkwürdigen Schwindel und sah mit Erstaunen, daß Mercedes sie forschend betrachtete. Ihr Schwindel nahm zu, und sie tauchte nieder in die Hölle der Leiden, die zu kennen nur Frauen gegeben ist. Sie wurde in das Bett im andern Schlafzimmer getragen. Viele Gesichter waren um sie her – Mercedes, Frau Olsen, Maggie Donahue. Sie hatte das Gefühl, daß sie Frau Olsen fragen mußte, ob der kleine Emil gerettet war, aber Mercedes schickte Frau Olsen zu Bert hinein, und Maggie Donahue ging, um zu öffnen, denn es war an die Haustür geklopft worden. Von der Straße her ertönten Lärm und das Summen vieler Stimmen, unterbrochen von Rufen und Kommandoworten, und von Zeit zu Zeit konnten sie Kranken- und Patrouillenwagen hupen hören. Dann tauchte das fette, vergnügte Gesicht Martha Skeltons auf, und kurz darauf kam Doktor Hentley. Einmal, in einem ihrer lichten Augenblicke, konnte Saxon durch die dünne Wand die schrille Stimme Marys hysterisch schreien hören. Und dann wieder hörte sie Mary ein über das andere Mal wiederholen: »Ich gehe nie wieder in die Plätterei. Nie! Nie!«

Billy konnte in dieser Zeit den Schrecken über Saxons Veränderung nicht überwinden. Morgen auf Morgen und Abend auf Abend, wenn er von der Arbeit kam, ging er in das Zimmer, wo sie lag und kämpfte einen schweren Kampf mit sich, um seine Bewegung zu verbergen und zu tun, als sei er froh und wohlgemut. Sie sah so klein aus, wie sie dalag, so klein, eingefallen und müde, und doch gleichzeitig so kindlich in ihrer Kleinheit. Er setzte sich an ihr Bett, faßte zärtlich und behutsam ihre weiße Hand und streichelte den schmalen, durchsichtigen Arm, wobei er sich wunderte, wie zart und fein ihre Knochen waren.

Eine der ersten Fragen, die sie stellte – eine Frage, die weder Billy noch Mary verstehen konnten – lautete:

»Ist der kleine Emil Olsen gerettet?«

Und als sie dann erzählte, wie er ganz allein die vierundzwanzig kampfbereiten Männer angegriffen, da hatte Billys Gesicht direkt gestrahlt vor Begeisterung.

»Der kleine Strolch!« sagte er. »Ja, auf solch einen Bengel kann man stolz sein.«

Er hielt verlegen inne, so offensichtlich besorgt, daß er Saxon weh getan hätte, daß sie ganz gerührt war. Sie reichte ihm die Hand.

»Billy«, begann sie, wartete dann aber, bis Mary die Stube verlassen hatte. »Ich habe noch nie gefragt – und es ist ja auch einerlei – jetzt. Aber ich hatte gedacht, daß du es mir sagen würdest. War es ...?«

Er schüttelte den Kopf.

»Nein, es war ein Mädchen. Ein kräftiges kleines Mädchen. Aber ... es war zu früh.«

Sie drückte ihm die Hand, und es war fast, als tröstete sie ihn in seinem Kummer.

»Ich habe es dir nie gesagt, Billy – du warst so darauf versessen, daß es ein Junge sein sollte. Aber ich hatte doch daran gedacht, wenn es ein Mädchen wäre, es Daisy zu nennen. Du weißt, so hieß meine Mutter.«

Er nickte beifällig.

»Weißt du, Saxon, daß ich verflucht gern einen Jungen gehabt hätte – aber jetzt ist es mir gleichgültig. Ich bin ebenso versessen auf ein Mädel, und, nun ja, das nächste ... ja, du hast wohl nichts dagegen?«

»Wogegen?«

»Daß es ebenso heißen wird: Daisy?«

»Ach, Billy, ich dachte gerade daran.«

Aber dann wurde sein Gesicht plötzlich hart und streng, und er fuhr fort:

»Aber es gibt kein ›nächstes‹. Ich wußte nicht, daß das Kinderkriegen so war. Das darfst du nicht noch einmal durchmachen.«

»Hör nur, wie der große, starke Mann redet!« neckte sie ihn mit einem schwachen, müden Lächeln. »Davon verstehst du nichts. Wie solltest du auch? Du bist ja nur ein Mann. Es wäre ausgezeichnet gegangen, wenn ... wenn der Kampf nicht gewesen wäre. Wo haben sie Bert begraben?«

»Du wußtest es also?«

»Ja, ich hab es die ganze Zeit gewußt. Und wo ist Mercedes? Sie ist zwei Tage nicht hier gewesen.«

»Der alte Barry ist krank. Sie ist bei ihm.«

Er erzählte ihr nicht, daß der alte Nachtwächter wenige Meter entfernt im Sterben lag.

Saxons Lippen bebten, und sie begann zu weinen, während sie in ihrer Schwäche Billys Hand mit ihren beiden umklammerte.

»Ich – ich kann nichts dafür«, schluchzte sie. »Es ist gleich wieder vorbei ... Unser kleines Mädelchen, Billy! Denk – daß ich es nie gesehen habe!«

 

Als Saxon wieder zu Kräften kam, wollte sie mehr über die Tragödie wissen, die sich vor ihrer Tür abgespielt hatte. Billy erzählte ihr, daß gleich Militär gerufen worden war und jetzt am Ende der Pine Street auf dem unbebauten Grundstück neben den Eisenbahnwerkstätten lagerte. Von den Streikenden saßen fünfzehn im Gefängnis. Die Polizei hatte die ganze Nachbarschaft Haus für Haus durchsucht und dabei die fünfzehn, die alle verwundet waren, gefangengenommen. Es würde ihnen schlimm ergehen, sagte Billy finster. Die Zeitungen forderten Blut für Blut, und alle Geistlichen in Oakland hatten erbitterte Predigten gegen die Streikenden gehalten. Die Eisenbahngesellschaft hatte alle Stellen besetzt, und es war allgemein bekannt, daß die Streikenden nicht nur ihre Stellungen nicht wiederbekamen, sondern bei allen Eisenbahngesellschaften in den Vereinigten Staaten auf dem Schwarzen Brett standen. Sie hatten schon angefangen, sich in alle Winde zu zerstreuen.

Mit heimlicher Angst versuchte Saxon, Billys Meinung über das Geschehene zu erforschen.

»Da sieht man, was bei so gewaltsamen Methoden wie denen Berts herauskommt«, sagte sie.

Er schüttelte besonnen und ernst den Kopf.

»Chester Johnson wird jedenfalls gehängt«, antwortete er, ohne näher auf die Sache einzugehen. »Du kennst ihn doch. Du hast mir selbst erzählt, daß du oft mit ihm getanzt hast. Er wurde auf frischer Tat ertappt, über der Leiche des Streikbrechers, den er totgeprügelt hatte. ›Dickbauch‹ hatte selbst drei Revolverkugeln im Leibe. Aber er stirbt diesmal nicht, und er hat sich Chester gemerkt. Sie hängen ihn sicher auf das Zeugnis Dickbauchs hin. Das stand in allen Zeitungen.«

Saxon schauderte. Dickbauch war der Mann mit der Glatze und dem von Tabak befleckten Bart gewesen.

»Ja«, sagte sie, »ich sah alles. Mir schien, daß er mehrere Stunden dort gehangen hätte.«

»Und doch dauerte die ganze Geschichte nur fünf Minuten.«

»Mir kam es wie eine Ewigkeit vor.«

»Dickbauch sicher auch, als er am Gitter hing.« Billy lächelte barsch. »Aber er ist zäh. Er ist Dutzende von Malen angeschossen und gestochen worden. Aber jetzt sagen sie, daß er für Lebenszeit Krüppel ist – daß er an Krücken gehen oder in einem Rollstuhl sitzen muß. Da kann er keine Dreckarbeit mehr für die Eisenbahn tun. Er war einer von den besten Raufbrüdern – immer Feuer und Flamme, wenn auf der Straße was los war. Er hat sich nie vor etwas auf zwei Beinen gefürchtet – das muß man ihm lassen.«

»Ist er verheiratet?«

»Seine Frau habe ich nie gesehen, aber er hat einen Sohn, Jack, der Lokomotivführer ist. Ich habe ihn einmal kennengelernt – er ist ein tüchtiger Boxer. Und er hat noch einen Sohn, der Lehrer an der Hochschule ist. Er heißt Paul. Ich kannte ihn, als wir beide kleine Burschen waren.«

Saxon lehnte sich in dem großen Sessel zurück, um sich auszuruhen und nachzudenken. Das Problem war verwickelter als je. Der ältliche, dickbäuchige, glatzköpfige Mann hatte also auch Frau und Kinder. Und Frank Davis, der kaum ein Jahr verheiratet war, hatte einen kleinen Jungen. Vielleicht hatte der Streikbrecher, den er in den Bauch schoß, auch Frau und Kinder. Es war, als wären sie Mitglieder einer großen Familie, und doch hämmerten sie aufeinander los und töteten einander um ihrer Familien willen. Sie hatte gesehen, wie Chester Johnson einen Streikbrecher erschlug, und jetzt sollte Chester Johnson gehängt werden, Chester Johnson, der Mann Kitty Bradys, mit der sie vor mehreren Jahren zusammen in der Kartonagenfabrik gearbeitet hatte.

Saxon wartete vergebens, daß Billy seine Mißbilligung über die Ermordung der Streikbrecher aussprechen sollte.

»Es war nun doch falsch«, sagte sie schließlich vorsichtig.

»Sie haben Bert getötet«, antwortete er, »und eine Menge anderer. Und Frank Davis. Wußtest du, daß er tot war? Ihm wurde der ganze Unterkiefer weggeschossen – er starb im Krankenwagen, ehe sie ihn ins Hospital geschafft hatten.«

»Aber es war ihr eigener Fehler«, fuhr sie fort. »Sie haben angefangen. Es war Mord.«

Billy antwortete nicht, aber sie hörte ihn etwas vor sich hinmurmeln. Sie wußte, daß er sagte: »Das verfluchte Pack«; als sie aber fragte: »Was sagst du?« antwortete er nicht. Sein Blick war finster. Die Linien um seinen Mund waren hart geworden, und sein Ausdruck war zornig und streng.

Ihr war es wie ein Stich ins Herz. War er denn auch wie alle andern? War auch er ein wildes Tier, einer der Hunde, die ihren erbitterten Kampf um den Knochen kämpften?

Sie seufzte. Das Leben war ein seltsames Rätsel. Vielleicht hatte Mercedes Higgins recht, wenn sie das ganze Dasein brutal über einen Kamm schor.

»Nun wenn schon?« sagte Billy mit einem harten Lachen, wie als Antwort auf ihre unausgesprochenen Gedanken. »Ein Hund frißt den andern – so ist es immer gewesen.«

»Aber die Arbeiter können auf diese Art nicht siegen, Billy! Du sagst selbst, daß sie sich jede Gewinnchance verdorben haben.«

»Nein, das können sie wohl nicht«, gab er widerstrebend zu. »Aber ich sehe keine andere Möglichkeit. Das nächste Mal sind wir an der Reihe.«

»Doch nicht die Fuhrleute?« rief sie erschrocken.

Er nickte finster.

»Die Chefs machen Ausfälle rechts und links und schlagen einen mächtigen Lärm. Sie sagen, sie wollen uns in die Knie zwingen, bis wir angekrochen kommen und um Arbeit betteln. Seit der Prügelei neulich tun sie mächtig geschwollen. Daß das Militär abkommandiert wurde, hat ihnen das Rückgrat gesteift, und dazu haben sie die Pfaffen und die Zeitungen und das ganze große Publikum hinter sich. Sie haben schon große Töne geredet, was sie machen wollen ... ja, sie bereiten sich vor. Zunächst werden sie Chester Johnson und so viele von den andern fünfzehn hängen, wie sie können. Das sagen sie mit klaren Worten. Sie haben es alle auf die Gewerkschaften abgesehen. Der Teufel kann alle Arbeiterorganisationen holen.«

»Sieh uns an. Es ist jetzt nicht mehr Sympathiestreik für die Fabrikarbeiter. Wir haben unsere eigenen Beschwerden. Sie haben vier von unseren besten Leuten weggejagt – die immer im Vorstand saßen und mit dabei waren, wenn es zu beraten galt und so weiter. Und sie haben es ohne Grund getan. Sie wollen nur Krach, sage ich, und den kriegen sie auch, wenn sie sich nicht vorsehen. Uns ist die Marschroute von den vereinigten Hafenarbeitern von San Franzisko vorgezeichnet. Wenn wir die im Rücken haben, kommt es ein gutes Stück vorwärts.«

»Heißt das, daß ihr ... streiken wollt?« fragte Saxon.

Er beugte den Kopf.

»Aber ist das nicht gerade das, was sie wollen? – Dazu wollen sie euch bringen.«

»Es kommt wohl ungefähr auf eines hinaus.« Billy zuckte die Achseln und fuhr hastig fort: »Es ist besser zu streiken, als weggejagt zu werden. Wir zwingen sie dazu, und wir fangen sie, ehe sie bereit sind. Glaubst du, wir wüßten nicht, was sie vorhaben? Sie sammeln alle möglichen Kutscher und Eseltreiber rings in den Staaten. Sie haben schon vierzig Stück, denen sie Kost und Logis in einem Hotel in Stockton geben, die können sie also direkt hineinwerfen – die und mehrere Hundert vom selben Schlage. Der Wochenlohn, den ich Sonnabend heimbringe, wird also vorläufig der letzte sein.«

Saxon schloß die Augen und saß fünf Minuten ganz still da, während sie nachdachte. Sie pflegte sich nicht leicht aufzuregen. Die Kaltblütigkeit und das Gleichgewicht, die Bill so an ihr bewunderte, verließen sie nie, wenn es darauf ankam. Ihr war klar, daß sie selber nur ein Atom war, das in diesen verwirrenden, unfaßbaren Streit zwischen vielen Atomen hineingeraten war.

»Dann müssen wir also unser Spargeld angreifen, um diesen Monat die Miete zu bezahlen«, sagte sie heiter. Billy sah ganz verdutzt aus.

»Wir haben nicht so viel auf der Bank, wie du glaubst«, sagte er schließlich. »Bert mußte doch begraben werden, und ich mußte zuschießen, was die andern nicht zahlen konnten.«

»Wieviel war es?«

»Vierzig Dollar. Ich wußte, daß du nichts dagegen hättest. Und das hast du auch nicht, nicht wahr?«

Sie lächelte mutig und kämpfte ebenso mutig mit dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit, das sich auf sie herabsenkte.

»Es war das einzig richtige, Billy. Ich hätte dasselbe getan, und Bert hätte es für dich und mich getan, wenn es über uns gekommen wäre.«

Er bekam vor Freude einen heißen Kopf.

»Ja, Saxon, auf dich kann man sich verlassen. Du bist meine rechte Hand. Und deshalb sage ich: keine Kinder mehr. Wenn ich dich verliere, werde ich zum Krüppel auf Lebenszeit.«

»Wir müssen uns natürlich einschränken«, sagte sie nachdenklich und nickte leise. »Wieviel ist noch auf der Bank?«

»Etwa dreißig Dollar. Siehst du, ich mußte Martha Skelton bezahlen und ... ein paar andere Kleinigkeiten. – Es sieht übrigens so aus, als wollten auch die Straßenbahnschaffner mitmachen. Dan Fallon ist sogar von New York hergekommen. Er versuchte, sich einzuschleichen, aber die Kameraden waren benachrichtigt, wann er New York verlassen hatte, und behielten ihn die ganze Zeit unterwegs im Auge. Und das war wohl auch nötig. Er hat ein ganzes Heer von Streikbrechern und schickt sie mit Extrazügen überall hin, wo man sie braucht. Oakland hat noch nie solche Arbeiterunruhen gesehen wie diesmal, und es wird noch schlimmer. Es sieht nach einem Höllenspektakel aus.«

»Dann nimm dich gut in acht, Billy. Ich will dich nicht verlieren.«

»Ach, hab keine Angst. Ich werde schon aufpassen. Und glaub nicht, daß wir einfach stillhalten, wenn sie uns ohrfeigen. Wir haben gute Chancen.«

»Aber wenn es Blutvergießen gibt, verliert ihr, nicht wahr?«

»Ja, davor müssen wir uns hüten.«

»Keine Gewalt.«

»Kein Schießen und kein Dynamit«, räumte er ein. »Aber es wird eine ganze Menge von Streikbrechern geben, denen die Köpfe zerschlagen werden. Das geht nun einmal nicht anders.«

»Aber so was willst du doch nicht mitmachen, Billy!«

»Nicht so, daß die Schwätzer den Richtern erzählen können, sie hätten mich gesehen.« Dann aber schlug er hastig ein anderes Thema an. »Der alte Barry Higgins ist gestorben. Ich wollte es dir erzählen, wenn du außer Bett warst. Sie haben ihn vor einer Woche begraben. Seine alte Frau zieht nach San Franzisko. Sie sagte, daß sie kommen und sich von dir verabschieden wollte. Nun ja, sie hat die ersten Tage gut für dich gesorgt, und sie hat Martha Skelton ein paar Dinge gelehrt, die sie noch nicht kannte. Martha stand direkt mit offenem Mund dabei.«

 

Jetzt, da Billy streikte und beständig Streikwache gehen mußte, war Saxon so viel allein, daß sich schließlich, trotz ihrem gesunden Naturell, eine gewisse Krankhaftigkeit bei ihr entwickelte. Ihre Einsamkeit wurde durch Mercedes' Fortzug und Berts Tod noch vermehrt, und selbst Mary war fortgezogen, mit dem ziemlich vagen Bescheid, daß sie eine »Stellung« bei einer Familie in Piedmont angenommen hätte.

Billy konnte Saxon in dieser schweren Zeit nicht viel Trost schenken. Er hatte das unklare Gefühl, daß sie litt. Aber wie groß dieses Leiden war, und wie tief es ging, das faßte er nicht. Er war zu männlich praktisch, und seinem Geschlecht zufolge wußte er nichts von der seelischen Tragödie, die in ihr Leben eingegriffen hatte. Er war nur ein Außenstehender, ein freundlich Außenstehender, der nicht viel sah. Für sie war das kleine Kind wirklich und lebendig gewesen. Es war immer noch wirklich und lebendig. Das war das Unglück. So sehr sie sich auch anstrengte, konnte sie doch nicht die klaffende Leere ausfüllen, die der Umstand, daß es nicht lebte, in ihrem Dasein geschaffen hatte. Zuweilen war es fast wie eine Halluzination, so wirklich erschien ihr alles. Irgendwo mußte sie es immer suchen. Zuweilen konnte sie sich dabei ertappen, wie sie mit angespannten Sinnen auf den Schrei lauschte, den sie nie gehört, aber in Gedanken in den glücklichen Monaten vorher tausendmal zu hören gemeint hatte.

Eines Tages setzte sich in der Straßenbahn eine junge Mutter mit einem plaudernden Kindchen auf dem Schoß neben sie. Und sie sagte zu ihr:

»Ich hatte einmal ein kleines Kind. Es starb.«

Die junge Mutter sah sie erschrocken an und preßte ihr Kind an sich, in Eifersucht oder vielleicht in Angst; dann aber wurde ihr Herz gerührt und sie sagte:

»Sie Ärmste.«

»Ja«, nickte Saxon. »Es starb.«

Ihr traten Tränen in die Augen, aber ihr war, als hätte es ihr einige Linderung verschafft, von ihrem Kummer zu sprechen. Und den ganzen Tag mußte sie mit einem fast überwältigenden Drang kämpfen, jedermann von ihrem Kummer zu erzählen – dem Kassierer in der Bank, dem ältlichen Inspektor von Salinger, der blinden Frau, die Harmonika spielte und von einem kleinen Knaben an der Hand geführt wurde, kurz allen, außer Schutzleuten. Schutzleute waren in ihren Augen neue und schreckliche Geschöpfe. Sie hatte gesehen, wie sie die Streikenden ebenso unbarmherzig niederschlugen, wie die Streikenden die Streikbrecher niedergeschlagen hatten. Und im Gegensatz zu den Streikenden war es der Beruf der Polizei, totzuschlagen. Sie kämpften nicht, um Arbeit zu bekommen. Sie taten es, weil es ihre Arbeit war. Sie hätten die Streikenden an jenem Tage an der Ecke zwischen ihrer Treppe und dem Hause festnehmen können. Aber das hatten sie nicht getan. Jedesmal, wenn sie in die Nähe von Schutzleuten kam, drückte sie sich unwillkürlich an die Häuser, um so weit wie möglich von ihnen fortzukommen.

An der Ecke der Achten Straße und des Broadways, wo sie auf die Straßenbahn wartete, die sie heimbringen sollte, stand ein Schutzmann, der sie kannte und grüßte. Sie wurde leichenblaß, und ihr Herz klopfte, daß es schmerzte. Es war nur Ned Hermanmann, dicker, breiter im Gesicht und gemütlicher als je. Er hatte ganze drei Jahre mit ihr auf einer Schulbank gesessen. Später war Ned Hermanmann Schutzmann geworden und hatte Lena Highland geheiratet, und Saxon hatte gehört, daß sie fünf Kinder hätten.

Er war also Schutzmann geworden, und Billy befand sich jetzt unter den Streikenden. Und war es nicht denkbar, daß Ned Hermanmann eines Tages mit Knüppel und Revolver auf Billy losging, wie die andern Polizisten auf die Streikenden in ihrem Vordergarten losgegangen waren?

»Was gibt es, Saxon?« fragte er. »Bist du krank?«

Sie nickte mit einem würgenden Gefühl in der Kehle, ohne ein Wort hervorbringen zu können, und ging auf die Straßenbahn zu, die jetzt gerade hielt.

»Darf ich dir helfen?« erbot er sich.

Sie schauderte bei der Berührung seiner Hand zurück.

»Nein, es ist nichts«, sagte sie hastig und schöpfte Atem. »Ich fahre nicht mit der Straßenbahn. Ich habe noch etwas vergessen.«

Schwindlig bog sie von dem Broadway in die Neunte ein. Zwei Straßen weiter bog sie in die Clay Street ein und kam wieder in die Achte, wo sie auf die nächste Straßenbahn wartete.

 

Die Sommermonate vergingen, und die Lage auf dem Industriemarkt verschlimmerte sich immer mehr. Es war, als hätte sich das Kapital des ganzen Landes diese Stadt erwählt, um seinen Kampf gegen die Arbeiterorganisationen auszufechten. Viele Leute in Oakland waren wegen Streiks oder Aussperrung arbeitslos, und viele konnten nicht arbeiten, weil sie irgendwie von den Streikenden abhängig waren, und deshalb war es sehr schwer, Gelegenheitsarbeit zu finden. Billy verdiente hin und wieder einen Tagelohn, aber es genügte nicht, ihre Ausgaben zu decken, trotz dem kleinen Betrage, den sie anfangs wöchentlich aus der Streikkasse erhielten, und trotz der Sparsamkeit, die er sowohl wie Saxon übten.

Das Essen, das sie ihm jetzt vorsetzte, war sehr ungleich dem im ersten Jahre ihrer Ehe. Nicht nur war alles von schlechterer Qualität, viele Dinge waren überhaupt verschwunden. Fleisch, selbst das billigste, kam selten auf ihren Tisch. Frischgemolkene Milch war kondensierter gewichen. Wenn sie überhaupt Butter hatten, so mußte ein halbes Pfund fünf- bis sechsmal solange reichen als früher. Hatte Billy früher drei Tassen Kaffee zum Frühstück getrunken, so trank er jetzt nur eine. Saxon brauchte zum Kochen dieses Kaffees unverhältnismäßig lange Zeit, und sie bezahlte zwanzig Cent für das Pfund. Das ganze Viertel war wie gelähmt von den schweren Zeiten. Familien, die nicht direkt von den Streiks berührt wurden, litten doch unter dieser Wirkung, oder weil in irgendeinem Beruf, von dem sie abhängig waren, keine Arbeit mehr zu haben war. Viele unverheiratete Männer, die bei verschiedenen Familien gewohnt hatten, waren jetzt in alle Winde verstreut, so daß die Miete sich für jeden einzelnen erhöhte.

»Gott!« sagte der Schlachter zu Saxon. »Wir von der Arbeiterklasse leiden alle. Vielleicht gehe ich pleite.«

Als Billy sich entschloß, seine Uhr zu versetzen, schlug Saxon ihm vor, sich Geld von Billy Murphy zu leihen.

»Daran habe ich auch schon gedacht«, antwortete Billy. »Aber es geht jetzt nicht. Er hat sich den Arm gebrochen.«

Saxon hatte ihre Morgenzeitung aufgegeben, aber Maggie Donahues Junge, der die »Tribune« austrug, warf gewöhnlich eine Extrazeitung auf ihre Treppe. Aus den Leitartikeln erhielt Saxon den Eindruck, daß die Arbeiterorganisationen das Land zu regieren versuchten und alles in schreckliche Unordnung brachten. Alles war Schuld der Arbeiterpartei – der herrschenden Arbeiterpartei – so lauteten die Leitartikel, Spalte auf Spalte und Tag auf Tag, und Saxon war überzeugt, aber doch, nicht ganz. Das Leben war so verwickelt und das Rätsel, das die sozialen Verhältnisse aufgaben, anscheinend unlösbar.

Der Fuhrleutestreik, der offiziell von den San Franziskoer Fuhrleuten und der Gewerkschaft der San Franziskoer Hafenarbeiter unterstützt wurde, schien sich in die Länge ziehen zu wollen, ob er nun durchgeführt wurde oder nicht. Die Geschirrpasser und Stallknechte von Oakland hatten bis auf wenige Ausnahmen gemeinsame Sache mit den Fuhrleuten gemacht. Die Fuhrherren konnten ihren Verpflichtungen nicht zur Hälfte nachkommen, aber der Arbeitgeberverband half ihnen. In Wirklichkeit stand die Hälfte aller Arbeitgeberverbände an der pazifischen Küste hinter dem Verband von Oakland.

Saxon war einen Monat mit der Miete im Verzug, was, da die Miete vorauszuzahlen war, zwei Monate bedeutete. Auch mit der Abzahlung der Möbel war sie zwei Monate im Rückstand, glücklicherweise aber drängte Salingers Möbelgeschäft nicht sehr mit der Bezahlung.

»Wir helfen Ihnen, soviel wir können«, sagte der Einkassierer. »Ich habe Order, Sie zu drängen und soviel wie möglich aus Ihnen herauszuholen, andererseits aber soll ich auch nicht zu hart vorgehen. Salingers möchten so human wie möglich sein, aber die Zeiten sind ja auch für die Firma nicht gut. Sie ahnen nicht, wie viele Forderungen wir ausstehen haben – von derselben Art wie bei Ihnen. Früher oder später müssen wir Schluß machen – sonst kommen wir selbst auf den Hund. Inzwischen aber versuchen Sie nur, fünf Dollar bis zur nächsten Woche zusammenzubringen – nur, um Ihren guten Willen zu zeigen.«

Einer von den Stallknechten, die nicht mit den Streikenden gegangen waren, ein Mann namens Henderson, arbeitete bei derselben Firma wie Billy. Obgleich seine Chefs ihm ans Herz gelegt hatten, wie die andern in den Ställen zu essen und zu schlafen, war Henderson doch jeden Morgen nach seinem Häuschen in der Fünften Straße, gerade um die Ecke von Saxons und Billys Wohnung, zurückgekehrt. Sie hatte ihn mehrmals kommen sehen, herausfordernd und seinen Eßnapf schwingend, während alle Jungen in der Nachbarschaft ihm in angemessener Entfernung folgten und im Chor heulten, daß er ein Streikbrecher und ein furchtbarer Mensch sei. Eines Abends aber, als er besonders übermütig war, ging er in die Wirtschaft an der Ecke der Siebenten und der Pine Street. Da hatte er das Pech, Otto Frank, einen der streikenden Kutscher desselben Stalles, zu treffen. Wenige Minuten darauf war Henderson, der einen Schädelbruch davongetragen hatte, in einem Krankenwagen unterwegs nach dem Krankenhaus, während ein Patrouillenwagen in nicht geringerer Eile Otto Frank in das Polizeigefängnis brachte.

Es war Maggie Donahue, die Saxon freudestrahlend das Geschehene erzählte.

»Das geschieht ihm recht, dem dreckigen Streikbrecher«, schloß Maggie ihren Bericht.

»Aber seine arme Frau«, sagte Saxon. »Sie ist nicht kräftig. Und die Kinder. Wenn ihr Mann stirbt, kann sie sie nicht versorgen.«

»Oh, das geschieht ihr recht, der verfluchten Schlampe!«

Saxon war entsetzt und gekränkt über die Brutalität der Irländerin. Aber Maggie war unversöhnlich.

»Das ist nur, was sie verdient – sie und die andern Frauen, die mit Streikbrechern zusammenleben. Und die Kinder! Laß sie hungern, wenn ihr Vater anderer Leute Kindern das Brot aus dem Munde nimmt.«

Frau Olsen nahm es ganz anders auf. Sie zeigte ein gewisses passives, sentimentales Mitgefühl für Hendersons Frau und Kinder, dann aber dachte sie nicht mehr an sie, während sie schwer besorgt um Otto Franks Frau und Kinder war – sie und Frau Frank waren nämlich Schwestern.

»Wenn er stirbt, wird Otto gehängt«, sagte sie. »Und was tut denn die arme Hilda? Sie hat Krampfadern in beiden Beinen und kann unmöglich auf Arbeit gehen. Und ich – ich kann ihr nicht helfen. Ist Karl nicht auch arbeitslos?«

Billy nahm wiederum einen andern Standpunkt ein.

»Das bringt den Streik nur in Verruf, namentlich wenn Henderson krepiert«, sagte er besorgt, als er nach Hause kam. »Frank hängen sie sicher, wenn sie können. Und dazu müssen wir einen Verteidiger und Gott weiß was bezahlen – und das kostet ein verfluchtes Geld. Das wird ein tüchtiges Loch in unsere Kasse machen. Und hätte der Whisky nicht Frank ganz von Sinnen gebracht, so würde er es nie getan haben – er ist der friedlichste, gutmütigste Mensch, den man sich denken kann.«

Zweimal im Laufe des Abends ging Billy aus, um zu erfahren, ob Henderson gestorben war. Am Morgen gaben ihm die Zeitungen nur wenig Hoffnung, und die Abendzeitungen meldeten seinen Tod. Otto Frank saß im Gefängnis. Die »Tribune« verlangte schnelle Aburteilung und summarische Bestrafung und verweilte eingehend bei der moralischen Wirkung, die ein solches Auftreten auf den gesetzlosen Arbeiterstand ausüben würde. Sie ging noch weiter und betonte, welch nützlichen Einfluß Maschinengewehre auf den Pöbelhaufen haben würden, der sich der schönen Stadt Oakland bemächtigt hätte.

Alle diese Ereignisse trafen Saxon ganz persönlich. Sie, die nichts auf der Welt hatte als Billy, fühlte, daß ihr und sein Leben, ja, auch ihr gemeinsames Liebesleben, bedroht war. Von dem Augenblick an, wenn er das Haus verließ, bis er zurückkam, war sie nicht einen Augenblick ruhig. Eine Gewalttat folgte der andern, aber er erzählte ihr nichts davon, und sie wußte, daß er daran beteiligt war. Sie hatte ihn mehrmals mit zerschrammten Knöcheln heimkommen sehen, und dann war er ungewöhnlich schweigsam und konnte dasitzen und grübeln, ohne ein Wort zu sagen, oder gleich ins Bett gehen. Sie bemühte sich, sein Vertrauen zu gewinnen. Sie setzte sich auf seinen Schoß und schmiegte sich an ihn an, legte den einen Arm um seinen Hals und strich ihm mit der freien Hand das Haar aus der Stirn oder versuchte, seine Runzeln zu glätten.

»Weißt du, Schatz«, begann sie in besorgtem Tone, »du hast jetzt kein ehrliches Spiel gespielt, und das will ich nicht. Nein!« Sie schloß ihm mit der Hand den Mund. »Jetzt bin ich es, die die ganzen Kosten der Unterhaltung tragen muß, und das kommt daher, daß du in der letzten Zeit so wenig mitteilsam warst. Weißt du nicht mehr, daß wir uns von Anfang an einig waren, über alles miteinander zu reden? Du redest nicht mehr über alles mit mir. Du unternimmst Dinge, von denen du mir nichts erzählst.

Billy, du bist mir teurer als alles andere auf der Welt. Das weißt du gut. Wir haben jeder teil am Leben des andern, aber eben jetzt gibt es etwas, woran du mich nicht teilnehmen läßt. Jedesmal, wenn du mit zerschlagenen Knöcheln heimkommst, ist etwas geschehen, woran du mich nicht teilnehmen ließest. Wenn du dich nicht auf mich verlassen kannst, so kannst du es auf keinen andern Menschen. Und zudem liebe ich dich so sehr, daß ich dich immer lieben werde, was du auch tun magst.«

Billy warf ihr einen zärtlichen, halb ungläubigen Blick zu.

»Und du wirst nicht böse werden?« fragte er.

»Warum sollte ich? Ich bin nicht dein Chef, Billy. Um alles in der Welt würde ich dich nicht kommandieren. Und wenn du mich dich kommandieren ließest, dann würde ich dich nicht halb so sehr lieben.«

Er dachte einen Augenblick über ihre Worte nach und nickte schließlich.

»Nun ja, dann will ich dir erzählen, wie es zuging.« Er hielt inne und lachte ein jungenhaftes, heiteres Lachen, während er sich irgend etwas ins Gedächtnis zurückrief. »Es hängt so zusammen – aber du wirst nicht böse auf mich, nicht wahr? Wir müssen so etwas tun, um uns zu behaupten. Nun ja, es war also ein richtiger Film, nur daß dazu geredet wurde. Da kommt so ein großer Bauernlümmel an – riecht direkt nach Land, mit Händen wie Schinken und Füßen wie Kanonenbooten. Er wiegt wohl anderthalbmal so viel wie ich, und jung ist er auch. Er will keinen Krach machen und ist so unschuldig wie – na ja, er ist der unschuldigste Streikbrecher, der je einem Paar Streikposten in die Hände gefallen ist. Kein richtiger Streikbrecher, weißt du, nur ein großer Bauernlümmel, der die Annonce vom Alten gelesen hat und in die Stadt kommt, um die hohen Löhne zu kriegen.

Und da kommen nun Bud Strothers und ich angegangen. Wir gehen ja immer zu zweit und zuweilen noch zu mehreren. Ich nehme mir den Bauernlümmel aufs Korn. ›He‹, sag ich, ›suchst du Arbeit?‹ ›Darauf kannst du schwören‹, sagt er. ›Kannst du fahren?‹ ›Gewiß‹, sagt er. ›Vier Pferde?‹ ›Zeig mir die vier Pferde‹, sagt er. ›Keine Dummheiten‹, sag ich, ›bist du auch sicher, daß du Lust zum Fahren hast?‹ ›Dazu bin ich ja in die Stadt gekommen‹, sagt er. ›Dann bist du gerade der Mann, den wir suchen. Komm her, wir wollen dir Arbeit geben, und zwar sofort.‹

Siehst du, Saxon, wir können es nicht gleich abmachen, denn ein paar Ecken weiterhin geht Tom Scanion – der rothaarige Polyp, weißt du – und pfeift, um uns zu erzählen, daß wir abschieben sollen, aber er kennt uns nicht. So gehen wir denn alle drei – aber wenn du meinst, daß wir uns unsere Arbeit von dem Lümmel nehmen lassen wollen, dann irrst du dich. Wir gehen also in die Gasse hinter Campwells Krämerladen. Es ist nicht ein Mensch zu sehen. Bud bleibt stehen und der Bauernlümmel und ich auch.

›Ich glaube nicht, daß er Lust hat zu fahren‹, sagt Bud nachdenklich. Und der Bauernlümmel antwortet: ›Doch, darauf könnt ihr Gift nehmen.‹ ›Bist du ganz sicher, daß du die Arbeit haben willst?‹ frage ich. Ja, er ist ganz sicher. Nichts soll ihn verhindern, sich um die Arbeit zu bewerben. Dazu ist er ja in die Stadt gekommen.

›Ja, mein Freund‹, sage ich, ›dann habe ich die schwere Pflicht, dir mitzuteilen, daß du dich geirrt hast.‹ ›Wieso?‹ fragt er. ›Ja, das wollen wir dir gleich zeigen‹, sage ich. Und dann – eins, zwei, drei! Klatsch, klatsch! Tschu, Feuerwerk, vierter Juli! Geradeswegs in die Hölle – bengalisches Licht, Raketen, Höllenfeuer und so! Es dauert nicht sehr lange, wenn man gut ausgebildet und gewohnt ist, zu zweit zu arbeiten. Natürlich ist es nicht angenehm für die Knöchel. Aber weißt du, Saxon, wenn du den Bauernlümmel vorher und nachher gesehen hättest, du würdest geglaubt haben, er sei ein Verwandlungskünstler. Ob es zum Lachen war? Du wärest geplatzt!«

Billy schwieg und ließ seiner eigenen Heiterkeit freien Lauf. Saxon stimmte ein, aber innerlich war sie entsetzt. Mercedes hatte recht. Die dummen Arbeiter stritten und schlugen sich um Arbeit, die klugen Herren fuhren in Automobilen und stritten und schlugen sich nicht. Sie mieteten sich dafür andere dumme Menschen.

»›Ihr Banditen!‹ wimmert der Bauernlümmel, als er endlich wieder auf die Beine kommt«; fuhr Billy fort. »›Hast du immer noch Lust zur Arbeit?‹ frage ich. Er schüttelt den Kopf. ›Du hast nur eines zu tun, du alte Bauernmähre – dir eine Fahrkarte zu kaufen. Verstanden? Eine Fahrkarte. Zurück nach dem Bauernhof mit dir! Und wenn du noch einmal in die Stadt kommst, dann machen wir Ernst mit dir. Diesmal war es nur Spaß. Wenn wir dich aber noch einmal zu fassen kriegen, dann soll deine eigene Mutter dich nicht wiedererkennen, wenn wir mit dir fertig sind.‹ Und – ach, Saxon, du hättest ihn abschieben sehen sollen. Ich bin sicher, er läuft noch. Und wenn er nach Hause kommt und erzählt, wie wir sie in Oakland behandeln, dann möchte ich Dollar gegen Pfeffernüsse wetten, daß nicht ein Bauernlümmel aus seinem Distrikt herzukommen wagt, um zu fahren, nein – und wenn sie ihm zehn Dollar die Stunde geben.«

»Das ist schrecklich!« sagte Saxon und lachte dann mit gut gespielter Bewunderung.

»Ach, das ist noch gar nichts«, fuhr Billy fort. »Einige von den Genossen erwischten heute morgen einen andern Burschen. In weniger als zwei Minuten war er der schlimmste Knochenhaufen, der je in ein Hospital gebracht worden ist. Die Abendzeitungen brachten ein Verzeichnis seiner Wunden – gebrochene Nase, drei tüchtige Löcher im Kopf, die Vorderzähne ausgeschlagen, ein gebrochenes Schlüsselbein und zwei gebrochene Rippen. Na ja! Es tat ihm gut. Aber das ist noch gar nichts. Weißt du, was die San Franziskoer Fuhrleute bei dem großen Streik vor dem Erdbeben machten – sie nahmen sich jeden Streikbrecher, den sie kriegen konnten, vor und brachen ihm die Arme. Mit einem Brecheisen. Damit er nicht mehr fahren könnte, verstehst du. Ja, die Krankenhäuser waren voll von ihnen. Und die Fuhrleute gewannen ja auch den Streik.«

»Aber, Billy, ist es denn notwendig, so schrecklich roh zu sein? Ich weiß gut, daß sie Streikbrecher sind und den Kindern der Streikenden das Brot aus dem Munde nehmen, um es ihren Kindern zu geben, und das ist nicht richtig, das weiß ich. Aber ist es denn notwendig, so – roh zu sein?«

»Natürlich ist es das«, antwortete Billy mit Überzeugung. »Wir müssen ihnen einen Schrecken einjagen – wenn wir es tun können, ohne geschnappt zu werden.«

»Und wenn ihr geschnappt werdet?«

»Dann nehmen die Gewerkschaften Rechtsanwälte, um uns zu verteidigen, wenn sie auch nicht viel taugen; denn die Richter sind ziemlich scharf auf uns, und die Zeitungen pauken ihnen immer wieder ein, daß sie uns streng und strenger bestrafen sollen. Aber soviel ist sicher, ehe dieser Streik vorbei ist, gibt es eine ganze Schar von Schwachköpfen, die wünschen, daß sie nie versucht hätten, Streikbrecher zu spielen.«

Im Laufe der nächsten halben Stunde fühlte Saxon ihrem Mann sehr vorsichtig auf den Zahn, um seine wirklichen Anschauungen zu erfahren, ob er nun auch ganz überzeugt war, daß er und die andern Fuhrleute zu solchen Gewalttaten berechtigt wären. Aber Billys Glaube an die Gerechtigkeit seiner Sache war felsenfest und tief. Für Dynamit und Mord war er jedoch nicht zu haben. Das wollten die Gewerkschaften aber auch nicht. Seine Erklärung war ungeheuer naiv, daß Dynamit und Mord sich nicht lohnten, daß so etwas die öffentliche Meinung gegen die Streiks anfachte und den Streikenden ihre Chancen verdarb. Aber einem Streikbrecher eine tüchtige Tracht Hiebe zu verabreichen oder, wie er sich ausdrückte, ihm einen ordentlichen Schrecken einzujagen – das war vollkommen korrekt und richtig.

»Unsere Eltern haben so etwas nie getan«, sagte Saxon schließlich. »Damals gab es weder Streiks noch Streikbrecher.«

»Nein, das stimmt«, gab Billy zu. »Das war die gute alte Zeit. Ich hätte gern damals gelebt.« Er schöpfte tief Atem und seufzte. »Aber die Zeit kommt nie wieder.«

»Hättest du gern auf dem Lande gelebt?« fragte sie.

»Darauf kannst du dich verlassen.«

»Ja, aber auch jetzt leben eine Menge Menschen auf dem Lande«, sagte sie.

»Aber deshalb kommen sie doch in die Stadt und nehmen uns andern die Arbeit«, lautete seine Antwort.

Ein Lichtschimmer fiel in ihr Dasein, als Billy Arbeit als Kutscher bei der großen Brücke bekam, die bei Niles gebaut wurde. Ehe er zuschlug, hatte er sich vergewissert, daß bei dem Unternehmen nur Gewerkschaftler beschäftigt waren. Und Gewerkschaftler waren sie auch zwei Tage lang, bis die Zementarbeiter die Arbeit niederlegten. Die Unternehmer, die offenbar hierauf vorbereitet waren, stellten für die Zementarbeit Italiener ein, die nicht in den Gewerkschaften waren, worauf Zimmerleute, Eisenarbeiter und Kutscher sofort die Arbeit niederlegten, und Billy, der kein Geld für die Eisenbahn hatte, den Rest des Tages dazu verwenden mußte, nach Hause zu spazieren.

»Ich konnte nicht als Streikbrecher arbeiten«, schloß er seinen Bericht.

»Nein«, sagte Saxon, »du konntest nicht als Streikbrecher arbeiten.«

Aber sie mußte doch denken, wie es sein konnte, daß ein Mann gern arbeiten wollte, und daß es Arbeit für ihn gab, und daß er dann nicht arbeiten konnte, weil die Gewerkschaften es nicht erlaubten. Warum gab es Gewerkschaften? Und wenn sie notwendig waren, warum waren dann nicht alle Arbeiter in ihnen? Dann gab es keine Streikbrecher mehr, und Billy hatte jeden Tag Arbeit. Und sie dachte nach, wie sie sich den Sack Mehl verschaffen sollte, denn sie konnte sich längst nicht mehr den Luxus leisten, Brot zu kaufen. Und ebenso ging es vielen andern Frauen in der Nachbarschaft, so daß der kleine wallisische Bäcker seinen Laden geschlossen hatte und mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Töchtern fortgezogen war. Wo sie hinsah, waren Not und Elend die Folge dieses Streits zwischen Arbeitern und Arbeitgebern.

Eines Nachmittags klopfte ein Fremder bei ihr an, und am selben Abend kam Billy mit Neuigkeiten etwas zweifelhafter Art nach Hause. Ihm war ein Angebot gemacht worden. Er brauchte nur zuzuschlagen und konnte als Vorarbeiter mit hundert Dollar monatlich im Stall antreten.

Die Aussicht auf eine solche Summe wirkte beinahe lähmend auf Saxon, die gerade bei einem aus Salzkartoffeln, gewärmten Bohnen und einer kleinen, trockenen, rohen Zwiebel bestehenden Abendbrot saß. Es gab weder Brot noch Kaffee oder Butter. Die Zwiebel hatte Billy aus der Tasche gezogen – er hatte sie auf der Straße gefunden. Hundert Dollar monatlich! Sie befeuchtete sich die Lippen und versuchte, ihre Selbstbeherrschung zu bewahren.

»Warum haben sie es dir angeboten?« fragte sie.

»Das ist ganz einfach. Aus vielen Gründen. Der Bursche, den der Chef King und Prince bewegen läßt, ist ein Schwachkopf, und King lahmt. Außerdem haben sie eine ziemlich deutliche Vorstellung davon, daß ich es bin, der eine ganze Menge von ihren Streikbrechern arbeitsunfähig gemacht hat. Macklin ist seit vielen, vielen Jahren als Vorarbeiter bei ihnen – ich war noch ein kleiner Kerl in kurzen Hosen, als er schon Vorarbeiter war. Und jetzt ist er krank und erledigt. Sie brauchen einen andern für seine Stellung. Und ich bin ja auch seit vielen Jahren da. Und – was das wichtigste ist – ich kann die Sache übernehmen. Du weißt, ich kenne Pferde von Grund auf.

»Denk nur, Billy!« sagte sie kaum hörbar. »Hundert Dollar monatlich!«

»Und die andern im Stich lassen«, sagte er.

Es war keine Frage. Es war auch keine Erklärung. Saxon konnte es verstehen, wie sie wollte. Sie sahen sich an. Sie wartete, daß er etwas sagen sollte, aber er sah sie nur weiter an. Es kam ihr vor, als sei sie an einem Wendepunkt ihres Lebens angelangt, und sie gab sich Mühe, ihr Gleichgewicht zu bewahren. Billy half ihr nicht im geringsten. Wie seine Meinung auch sein mochte, er zeigte es ihr nicht, und sein Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Seine Augen verrieten nichts. Er sah sie nur an und wartete.

»Du – du kannst es nicht tun, Billy«, sagte sie schließlich. »Du kannst die andern nicht im Stich lassen.«

Er streckte ihr die Hand hin, und ein strahlend glücklicher Ausdruck lag über seinem Gesicht.

»Her die Hand!« rief er, und ihre Hände trafen sich in einem festen Druck. »Du bist die treueste, beste kleine Frau, die je ein Mann gehabt hat. Wären alle andern wie du, so könnten wir jeden Streik gewinnen.«

»Was hättest du getan, wenn du nicht verheiratet gewesen wärest, Billy?«

»Ich hätte sie erst hängen sehen mögen!«

»Dann soll es nichts daran ändern, daß du verheiratet bist. Ich muß alles mit dir teilen. Ich wäre eine schlechte Frau, wenn ich das nicht täte.«

Dann erinnerte sie sich des Gastes, den sie am Nachmittag gehabt hatte, und sie wußte, daß der Augenblick günstig war, ihm davon zu berichten.

»Heute nachmittag war ein Mann hier, Billy. Er suchte ein Zimmer. Ich sagte, ich wollte mit dir reden. Er sagte, er wolle sechs Dollar für das Schlafzimmer nach dem Hof hinaus bezahlen. Dann könnten wir einen halben Monat auf die Miete abzahlen und einen Sack Mehl kaufen, denn unser Mehl ist ganz ausgegangen.«

Saxon kannte Billys Abneigung dagegen, ein Zimmer zu vermieten, und sie sah ihn besorgt an.

»Das ist wohl einer von den Streikbrechern von der Eisenbahn?«

»Nein, er ist Heizer auf dem Güterzug nach San José. Harmon, sagt er, heißt er, James Harmon. Er ist eben erst hergezogen. Er schläft den größten Teil des Tages, und deshalb möchte er gern in einem ruhigen Haus ohne Kinder wohnen.«

Zuletzt gab Billy nach, aber mit vielen Bedenken, und erst, als Saxon ihm erklärt hatte, wie wenig Arbeit es ihr machen würde. Aber selbst dann protestierte er noch und fügte hinzu, als sei es ihm erst jetzt eingefallen: »Aber ich will nicht, daß du einem fremden Mann das Bett machst. Das ist nicht richtig. Ich sollte für dich sorgen.«

»Das könntest du auch«, antwortete sie schnell, »wenn du die Stellung als Vorarbeiter annimmst. Aber das kannst du doch nicht. Und wenn ich alles mit dir teilen soll, dann ist es doch nur recht und billig, daß du mich tun läßt, was ich kann.«

James Harmon machte noch weniger Mühe, als Saxon erwartet hatte. Für einen Heizer war er außerordentlich sauber, und er wusch sich stets in dem Lokomotivenschuppen, ehe er heimkam. Er hatte einen Schlüssel zur Hintertür und kam und ging immer über die Hintertreppe. Saxon sagte er nur eben guten Tag und Lebewohl, und da er am Tage schlief und nachts arbeitete, war er schon eine ganze Woche im Hause, ehe Billy ihn sah.

Billy kam seit einiger Zeit später nach Hause und ging auch oft nach dem Abendessen allein aus. Er erzählte Saxon nie, wo er hinging, und sie fragte ihn auch nicht. Im übrigen brauchte sie nicht besonders schlau zu sein, um es herauszufinden, denn er roch immer nach Whisky, wenn er heimkam, und seine langsamen, besonnenen Bewegungen waren noch langsamer und besonnener als sonst. Aber der Whisky wirkte auf sein Gehirn, machte seine Lider schwer, die Augen selbst noch gewitterhafter als sonst. Er sagte nicht viel, aber das wenige, was er sagte, war düster und schwer wie ein Orakel. Bei solchen Gelegenheiten war es nicht möglich, seinen Standpunkt zu erschüttern oder mit ihm zu disputieren.

Es war keine ansprechende Seite seines Wesens, die Saxon in diesen Tagen sah. Es war fast, als sei es ein fremder Mann, mit dem sie zusammenleben mußte, und so sehr sie sich auch anstrengte, begann ihr doch fast vor ihm zu schaudern. Früher war er immer bemüht gewesen, Streit und Schlägereien zu vermeiden. Jetzt genoß er das, war entzückt, wenn er mit dabei sein konnte, und suchte selbst jeden Anlaß, den er finden konnte. Alles das kam deutlich in seinem Gesicht zum Ausdruck. Er war nicht mehr der frohe, lächelnde Junge. Er lächelte selten. Sein Gesicht war das eines Mannes. Die Lippen, die Augen, die Linien um den Mund waren unbarmherzig, wie seine Gedanken unbarmherzig waren.

Er war selten unfreundlich zu Saxon, andererseits war er aber auch selten wirklich freundlich. Seine Haltung ihr gegenüber wurde negativ. Er interessierte sich nicht für sie. Trotz dem Kampf, den sie gemeinsam, Schulter an Schulter, für die Prinzipien der Gewerkschaften kämpften, nahm sie nur einen geringen Raum in seinen Gedanken ein. Wenn er freundlich zu ihr war, konnte sie sehen, daß es rein mechanisch geschah, wie sie sich auch völlig klar darüber war, daß er rein gewohnheitsmäßig zärtlich zu ihr sprach oder sie liebkoste. Die unmittelbare Wärme, die seine Worte und Liebkosungen erfüllt hatte, war jetzt verschwunden. Hin und wieder, wenn er nicht betrunken war, konnte er für Augenblicke der alte Billy sein; aber selbst diese flüchtigen Augenblicke wurden immer seltener. Meistens ging er in seinen eigenen düsteren Gedanken umher. Die schweren Zeiten und der schwere Druck des Kampfes, der zwischen Arbeitern und Arbeitgebern ausgefochten wurde, stellte ihn auf eine harte Probe. Das war besonders auffallend, wenn er schlief; denn dann wurde er von wilden, gesetzlosen Träumen gequält, er stöhnte und murmelte, ballte die Fäuste und knirschte mit den Zähnen, drehte und wand sich unter starken Muskelanspannungen, während sein Gesicht von bösen Leidenschaften verzerrt war und seine Kehle unter furchtbaren Flüchen arbeitete, die in einen merkwürdig scheuernden Laut endeten. Saxon, die neben ihm lag, ängstigte sich vor diesem fremden Mann, den sie nicht kannte, und sie erinnerte sich dessen, was Mary ihr von Bert erzählt hatte. Auch er hatte geflucht und die Fäuste geballt und nachts wieder die Kämpfe des Tages ausgefochten. Aber eines sah Saxon ganz deutlich. Es war nicht Billys Schuld, daß er sich zu diesem andern, wenig ansprechenden Billy entwickelte. Wäre kein Streik, kein Zank und Streit um die Arbeit gewesen, so würde es nur den alten Billy gegeben haben, den sie so voll und ganz geliebt hatte. Dies Schreckliche, das auf dem Grunde seines Wesens schlummerte, würde weitergeschlummert haben. Wenn aber der Streik andauerte, so fürchtete sie, und das mit gutem Grunde, daß dieses zweite unheimliche Ich Billys stark werden und abschreckendere Formen annehmen würde. Und das, wußte sie, war gleichbedeutend mit dem Untergang ihres Liebeslebens. Einen solchen Billy konnte sie nicht lieben, und ein solcher Billy war seinem Wesen zufolge weder imstande, Liebe zu gewinnen noch zu geben. Und bei dem Gedanken, daß Kinder kommen konnten, wurde sie von einer furchtbaren Angst gepackt. Das wäre zu schrecklich gewesen.

Auch Billy hatte seine Probleme – Fragen, die er nicht beantworten konnte.

»Warum wollen die Bauhandwerker nicht streiken?« lautete eine der Fragen, die er erbittert in die Dunkelheit hinausschleuderte, die die Wege der Menschen und des Lebens verhüllte. »Aber nein, O'Brien will nicht mitstreiken, und er beherrscht die Bauhandwerker vollkommen. Und der Teufel holt den Zusammenschluß der Arbeiter! Du meine Güte – es ist eine Ewigkeit her, daß ich weder eine ordentliche Zigarre noch eine Tasse anständigen Kaffee bekommen habe. Ich habe vergessen, was gutes Essen heißt. Ich ließ mich gestern wiegen. Fünfzehn Pfund abgenommen, seit der Streik begann. Wenn es noch lange dauert, kann ich bald als Mittelgewicht kämpfen. Und das ist alles, was ich davon habe, daß ich die ganzen Jahre meine Gewerkschaftsbeiträge bezahlt habe. Ich kann kein ordentliches Essen kriegen, und meine Frau muß einem fremden Mann das Bett machen. Das macht mich toll. Eines Tages laufe ich rüber und schmeiße den Zimmerherrn raus.«

»Aber es ist doch nicht seine Schuld, Billy«, wandte Saxon ein.

»Wer sagt, daß es seine Schuld sei?« fragte Billy gereizt. »Aber deshalb macht es mich doch toll. Welchen Zweck haben die Gewerkschaften, wenn man nicht zusammenhält? Ich möchte am liebsten die ganze Geschichte an den Nagel hängen und zu den Arbeitgebern übergehen. Aber den Triumph sollen sie doch nicht erleben, die verfluchten Schurken! Wenn sie glauben, sie könnten uns in die Knie zwingen, so laß sie nur ihr Glück versuchen – mehr kann ich nicht sagen. Aber begreifen kann ich es doch nicht. Die ganze Welt ist verrückt geworden. Es ist kein Sinn mehr darin. Was nützt es, eine Gewerkschaft zu unterstützen, die keinen Streik gewinnen kann? Was nützt es, Streikbrechern die Köpfe zu zerschlagen, wenn immer wieder neue kommen?«

Ein solcher Ausbruch Billys war indessen sehr selten, und es war das erstemal, daß Saxon ihn hörte. Er war immer mürrisch, eigensinnig und zähe, und der Whisky trug dazu bei, die Würmer der Selbstsicherheit in seinem Gehirn zu wimmelndem Leben zu erwecken.

Eines Abends kam Billy erst nach zwölf Uhr heim. Saxons Angst stieg, weil sie ein Gerücht gehört hatte, daß es eine Prügelei zwischen Polizei und Streikenden gegeben hätte. Als Billy kam, sah sie gleich, daß das Gerücht die Wahrheit gesprochen hatte. Die Rockärmel waren ihm halb abgerissen, die Krawatte war verschwunden und alle Hemdknöpfe auf der Brust waren abgerissen. Als er den Hut abnahm, sah Saxon zu ihrem Schrecken, daß er eine Beule von der Größe eines Apfels am Kopfe hatte.

»Weißt du, wer das getan hat? Der verfluchte Deutsche Hermanmann, und zwar mit einem Knüppel. Aber ich will ihn lehren und so, daß er es nicht wieder vergißt. Und auch einen andern Burschen habe ich mir gemerkt und werde ihn mir kaufen, wenn der Streik vorbei ist und wir ein bißchen zur Ruhe gekommen sind. Er heißt Blanchard, Roy Blanchard.«

»Doch nicht von der Firma Blanchard, Perkins & Co.?« fragte Saxon, die Billys Wunde auswusch und wie gewöhnlich alles, was in ihrer Macht stand, tat, um ihn zu beruhigen.

»Eben – nur daß er der Sohn des Alten ist! Was tut er, der nie etwas anderes getan hat, als mit dem Geld des Alten um sich zu schmeißen? Spielt den Streikbrecher! Jawohl. Sein Name kommt in die Zeitung, und alle Unterröcke, denen er nachrennt, werden Feuer und Flamme und sagen: ›Gott, der Roy Blanchard, das ist ein Kerl, ein richtiger Kerl!‹ Ein Kerl – der Schwachkopf! Eines Tages werde ich ihn schon zu fassen kriegen. Noch nie haben mich die Finger so nach etwas gejuckt.

Und – ja, den deutschen Polypen werde ich mir auch vornehmen. Er hat übrigens sein Fett abgekriegt. Einer schlug ihm ein Stück Kohle, so groß wie ein Wassereimer, auf den Kopf. Sie wagten nicht, das Militär zu rufen. Und sie fürchteten sich zu schießen. Ja, wir haben mit der Polizei aufgeräumt, und Kranken- und Patrouillenwagen mußten Überstunden machen. Weißt du – wir stoppten die ganze Prozession auf der Vierzehnten und dem Broadway, direkt vor dem Rathaus, griffen sie am hinteren Ende an, zerschnitten den Pferden an fünf Wagen die Stränge und gaben im Vorbeifahren den Bengeln von der Universität ein paar zärtliche Klapse.«

»Aber was tat Blanchard denn?« kam Saxon wieder auf ihre Frage zurück.

»Er führte die Prozession an und lenkte mein Gespann. Alle Gespanne waren aus meinem Stall. Er hatte eine ganze Schar von diesen Universitätsidioten gesammelt – Lümmel, die aus der Tasche ihres Vaters leben. Sie kamen mit großen Kremsern in die Ställe gefahren und zogen die Wagen heraus, und die halbe Polizei von Oakland half ihnen. Ja, das war eine Vorstellung! Es regnete direkt Pflastersteine, und du hättest hören sollen, wie die Knüppel auf unsere Häupter schlugen – ratatata, ratatata! Acht von unseren Leuten wurden festgenommen und dazu zehn Kutscher aus San Franzisko, die uns zu Hilfe gekommen waren. Das sind die reinen Teufel, diese San Franziskoer Kutscher. Es sah aus, als sei die halbe Arbeiterbevölkerung von Oakland uns zu Hilfe gekommen, und ein ganzes Heer von ihnen muß in den Gefängnissen sitzen. Unsere Rechtsanwälte müssen sich ihrer annehmen.

Aber darauf kannst du dich verlassen, es ist das letztemal, daß Roy Blanchard und seinesgleichen sich in unsere Sachen eingemischt haben. Blanchard fuhr im ersten Wagen, und er wurde einmal vom Bock heruntergeworfen, aber er hielt doch stand.«

»Er muß ein mutiger Mann sein«, warf Saxon ein.

»Mutig?« rief Billy hitzig. »Mit der Polizei und dem Heer und der Flotte hinter sich? Schließlich nimmst du auch noch seine Partei! Mutig? Nimmt unsern Frauen und Kindern das Brot aus dem Munde!«

Am Morgen las Saxon in der Zeitung von dem fruchtlosen Versuch, den Fuhrleutestreik zu beenden. Roy Blanchard wurde als Held und Vorbild aller reichen Bürger begrüßt, und Saxon konnte, und wenn es ihr Leben gekostet hätte, eine gewisse Bewunderung für seinen Mut nicht unterdrücken, ihr schien etwas Großes an der Art, wie er Front gegen den heulenden Pöbelhaufen gemacht hatte. Es wurde der Ausspruch eines Brigadegenerals angeführt, der bedauerte, daß das Militär nicht hinzugerufen worden war, um den Pöbel an der Kehle zu packen und Gehorsam gegen Gesetz und Ordnung hineinzuschütteln.

Am Abend gingen Saxon und Billy in die Stadt. Als er bei seiner Heimkehr nichts zu essen vorgefunden, hatte er Saxon unter den einen Arm und seinen Überzieher unter den andern genommen. Den Überzieher hatte er versetzt, und er und Saxon hatten in trauriger, düsterer Stimmung in einem japanischen Restaurant gegessen, das auf irgendeine wunderbare Weise eine einigermaßen genügende Mahlzeit für zehn Cent servierte. Nach dem Essen wollten sie in ein Kino gehen, was fünf Cent für jeden kostete.

Vor der Zentralbank wurde Billy von zwei streikenden Kutschern angesprochen, die ihn mitnahmen. Saxon wartete an der Ecke, und als er nach dreiviertel Stunden wiederkam, wußte sie, daß er getrunken hatte.

Ein Stückchen weiterhin, vor dem Forum-Café, blieb er plötzlich stehen. An der Bordschwelle stand ein Privatautomobil, und ein junger Mann half zwei sehr elegant gekleideten Damen hinein. Auf dem Führersitz saß ein Chauffeur. Billy legte dem jungen Mann die Hand auf den Arm. Er war ebenso breitschulterig wie Billy und eine Kleinigkeit größer. Er hatte blaue Augen, kräftige Züge, und Saxon fand, daß er ein schöner Mann war.

»Darf ich ein paar Worte mit Ihnen sprechen, Kamerad?« sagte Billy mit leiser, schleppender Stimme.

Der junge Mann warf einen hastigen Blick auf Billy und Saxon und fragte ungeduldig:

»Was gibt es?«

»Sie sind Blanchard«, begann Billy. »Ich sah Sie gestern. Sie fuhren an der Spitze des Zuges.«

»Ja, hab ich das nicht gut gemacht?« fragte Blanchard heiter mit einem hastigen Blick auf Saxon.

»Gewiß. Aber deshalb will ich nicht mit Ihnen reden.«

»Wer sind Sie?« fragte der andere, der jetzt plötzlich mißtrauisch geworden war.

»Einer von den streikenden Kutschern. Die Sache ist nämlich, daß Sie mein Gespann fuhren, ja, das ist alles. Nein, lassen Sie Ihr Schießeisen stecken!« – Blanchard hatte die Hand halb in die Tasche gesteckt. – »Ich will hier keinen Krach machen. Aber ich will Ihnen nur etwas sagen.«

»Dann beeilen Sie sich.«

Blanchard hob den Fuß, um ins Auto zu steigen.

»Jawohl«, fuhr Billy fort, ohne im geringsten seine aufreizende Langsamkeit fallen zu lassen. »Ich will Ihnen nur sagen, daß ich Sie finden werde. Nicht, solange der Streik dauert. Aber später einmal, und dann werde ich Ihnen eine solche Tracht Prügel geben, wie Sie sie noch nie im Leben bekommen haben.«

Blanchard sah Billy forschend und mit Interesse an, und ein bewundernder Schimmer trat in seine Augen. »Sie sind ein starker Bursche«, sagte er. »Aber glauben Sie auch, daß Sie das können?«

»Gewiß kann ich es. Ich werde es Ihnen schon zeigen.«

»Nun ja, Kamerad. Kommen Sie zu mir, wenn der Streik beendet ist – dann werden wir ja sehen, wer der Stärkere ist.«

»Vergessen Sie es nicht«, sagte Billy. »Ich werd es Ihnen zeigen.«

Roy Blanchard nickte beiden freundlich lächelnd zu, lüftete den Hut vor Saxon und stieg ins Auto.

* * *

 

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