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Das Mondtal

Jack London: Das Mondtal - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJack London
titleDas Mondtal
publisherUniversitas
year1929
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
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Um acht Uhr spielte die Al-Vista-Musik »Heimat, süße Heimat«, und durch den dämmernden Abend gingen die vier mit dem Strom nach dem Bahnhof und hatten das Glück, gegenüberliegende Doppelbänke zu erwischen. Als Gänge und Plattformen brechend voll von lustigen Ballgästen waren, setzte sich der Zug in Bewegung, um die kurze Strecke von der Vorstadt nach Oakland zu fahren. Der ganze Wagen sang ein Dutzend verschiedener Lieder auf einmal, und Bert stimmte, den Kopf an Marys Brust gelehnt, »An den Ufern des Wabash« an. Er sang das Lied von Anfang bis zu Ende, ohne sich von dem wilden Lärm zwei verschiedener Prügeleien stören zu lassen, die eine auf der Plattform dicht neben ihnen, die andere am entgegengesetzten Ende des Wagens, bis es den beiden dazu gemieteten Schutzleuten unter Begleitung von Weibergeheul und zerbrochenen Scheiben, endlich gelang, Ruhe zu schaffen. Billy sang ein trauriges Lied von einem Cowboy; es hatte viele Strophen und einen Refrain, der lautete:

»Begrabt mich auf der wilden Prä-rärie.«

»Das haben Sie noch nie gehört; es ist eines von den Liedern meines Vaters«, vertraute er Saxon an, die sich freute, als es fertig war.

Sie hatte den ersten Fehler an ihm entdeckt. Er hatte kein Gehör. Er hatte von Anfang bis zu Ende entsetzlich falsch gesungen.

»Ich singe nicht oft«, fügte er hinzu.

»Nein, das soll er auch schön bleiben lassen«, erklärte Bert. »Seine Kameraden würden ihn einfach totschlagen, wenn er es täte.«

»Sie machen sich alle über mich lustig, wenn ich singe«, sagte Billy klagend zu Saxon. »Offen gestanden, finden Sie es auch so schrecklich?«

»Sie singen vielleicht ein bißchen falsch«, wich Saxon aus.

»Ich kann nicht hören, daß es falsch ist«, protestierte er. »Es ist eine förmliche Verschwörung gegen mich. Ich möchte wetten, daß Bert Ihnen das eingeredet hat. Aber singen Sie mal was, Saxon. Ich wette, daß Sie gut singen. Ich kann es Ihnen direkt ansehen.«

Sie begann »Wenn die Tage des Herbstes vorbei«. Bert und Mary fielen ein; als aber Billy auch mitsingen wollte, versetzte Bert ihm einen warnenden Tritt gegen das Schienbein. Saxons Stimme war ein reiner, klarer Sopran, etwas zart, aber süß, und sie war sich bewußt, daß sie für Billy sang.

»Das muß ich sagen, das nenne ich singen!« sagte er, als sie fertig war. »Singen Sie das noch einmal. Nun, los! Sie machen es wirklich gut. Es ist großartig.«

Seine Hand näherte sich der ihren und bemächtigte sich ihrer, und während sie wieder zu singen begann, fühlte sie sich von dem starken Strom seines Pulsschlages durchwärmt.

»Wie sie Hand in Hand dasitzen«, neckte Bert. »Man sollte glauben, daß sie Angst voreinander hätten. Seht Mary und mich. Feste, ihr Feiglinge. Näher zusammen. Sonst sieht es verdächtig aus. Ich habe schon meinen Verdacht.«

Seine Andeutungen waren nicht mißzuverstehen. Saxon merkte, daß ihre Wangen glühend heiß wurden.

»Benimm dich, Bert«, sagte Bill zurechtweisend.

»Halt den Mund«, sagte Mary, die auch empört war. »Du bist ekelhaft roh, Bert Wanhope, und ich will nichts mehr mit dir zu tun haben – bitte!«

Sie zog ihren Arm an sich und schob ihn weg, aber nur, um ihn nach zehn Sekunden verzeihend wieder in Gnaden aufzunehmen.

»Hört mal zu, alle drei«, fuhr der unverbesserliche Bert fort. »Die Nacht ist lang. Laßt uns die Zeit benutzen. Zuerst Pabsts Café – nachher etwas anderes. Was meinst du, Billy? Was meinen Sie, Saxon? Mary macht mit.«

Saxon schwieg, wartete aber, halb krank vor Furcht, was der Mann, den sie erst so kurze Zeit kannte, antworten würde.

»Nein«, sagte er besonnen. »Ich muß morgen früh aufstehen und den ganzen Tag arbeiten, und ich denke, daß es den Mädels ebenso geht.«

Saxon verzieh ihm, daß er unmusikalisch war. Sie hatte stets gewußt, daß es solche Männer gab. Auf einen solchen Mann hatte sie gewartet. Sie war jetzt vierundzwanzig, und ihren ersten Heiratsantrag hatte sie mit sechzehn bekommen. Den letzten vor nicht mehr als einem Monat – von dem Inspektor der Wäscherei, einem guten, netten Mann, aber nicht mehr jung. Aber der hier neben ihr war stark und gut und jung. Sie selbst war zu jung, um sich nicht Jugend zu wünschen. Der Inspektor – das hätte bedeutet, daß sie nicht mehr zu plätten brauchte, aber er hätte keine Wärme geschenkt. Aber dieser Mann hier neben ihr – sie ertappte sich dabei, wie sie ihm die Hand drücken wollte.

»Nein, Bert, quäl uns nicht«, sagte Mary. »Wir müssen etwas schlafen. Morgen müssen wir den ganzen Tag am Plättbrett stehen.«

Saxon wurde plötzlich kalt vor Angst bei dem Gedanken, daß sie sicher älter als Billy sei. Verstohlen blickte sie ihn und die weichen runden Linien seines Gesichts an, und das Jungenhafte an ihm ließ sie erschrecken. Natürlich würde er ein Mädchen heiraten, das jünger war als er selber, jünger als sie. Wie alt war er? War es denkbar, daß er zu jung für sie war? Aber je unerreichbarer er wurde, desto heftiger fühlte sie sich von ihm angezogen. Er war so stark und gut. Sie rief sich alle Ereignisse des Tages wieder ins Gedächtnis zurück. Sie fand keinen Fehl, keinen Tadel. Die ganze Zeit war er rücksichtsvoll gegen sie und Mary gewesen. Und er hatte ihre Ballkarte zerrissen und mit keiner andern getanzt. Es war klar, daß sie ihm gefiel, sonst hätte er das nicht getan.

Sie machte eine kleine Bewegung mit der Hand, die er in der seinen hielt, und fühlte die rauhe Berührung mit seiner harten Kutscherfaust. Das war ein wundervolles Gefühl. Jetzt bewegte seine Hand sich auch etwas, um sich nach der ihren zu richten, und sie wartete ängstlich. Sie wollte nicht, daß er es wie andere Männer machte, und sie wäre zornig auf ihn geworden, wenn er es gewagt hätte, ihre schwache Bewegung mit den Fingern zu benutzen, um den Arm um sie zu legen. Aber er tat es nicht, und eine Woge von Wärme drang ihr ins Gemüt. Er besaß Feingefühl. Er war weder ein Schwätzer wie Bert noch plump wie andere Männer, denen sie begegnet war. Denn sie hatte Erfahrungen gemacht, die nicht angenehm waren, und sie hatte das entbehrt, was man Ritterlichkeit nannte, wenn sie auch dies Wort nicht benutzt hätte, um auszudrücken, was sie entbehrte, und wonach sie sich sehnte.

Und er war Berufsboxer. Der Gedanke benahm ihr fast den Atem. Er entsprach gar nicht ihren Begriffen von einem Berufsboxer. Im übrigen war er gar kein Professional. Er hatte selbst gesagt, daß er es nicht war. Sie beschloß, ihn einmal danach zu fragen, falls – falls er sie zum Ausgehen einlud. Aber daran zweifelte sie eigentlich nicht, denn wenn ein Mann einen ganzen Tag lang mit einem jungen Mädchen tanzte, so ließ er sie nicht gleich wieder laufen. Sie hoffte beinahe, daß er ein Professional war. Der Gedanke kitzelte sie. Boxer, das war etwas Schreckliches und Mystisches. Boxer standen außerhalb der Regel, sie waren keine gewöhnlichen Arbeiter wie Zimmerleute und Wäschereiarbeiter, sie repräsentierten die Romantik. Sie repräsentierten auch die Kraft. Sie arbeiteten nicht für Arbeitgeber, sondern traten mit Pomp und Gepränge auf, kämpften für eigene Rechnung mit der großen Welt und preßten viel, viel Geld aus den widerstrebenden Händen heraus. Es gab unter ihnen welche, die sich ein Auto hielten und mit einem ganzen Stab von Trainern und Dienern reisten. Vielleicht hatte Billy nur aus Bescheidenheit gesagt, daß er nicht mehr auftrat. Und doch – die harte Haut in seinen Händen – sie sagte ihr, daß er aufgehört hatte.

 

An der Pforte nahmen sie voneinander Abschied. Billy war sichtbar verlegen, und das tat Saxon wohl. Er war keiner der jungen Männer, die das als etwas Selbstverständliches hinnahmen. Eine Pause trat ein, in der sie tat, als wollte sie hineingehen, während sie in Wirklichkeit mit geheimer Ungeduld auf die Worte wartete, die sie von ihm wünschte. »Wir sehen uns doch wieder, nicht wahr?« fragte er, ihre Hand in der seinen.

Sie lachte einwilligend.

»Ich wohne in der Gegend von Ost-Oakland«, erklärte er. »Dort liegt der Stall, wissen Sie, und wir fahren hauptsächlich in dem Viertel, so daß mein Weg ja nicht oft hier vorbeiführt. Aber hören Sie mal –« Seine Hand griff fester um die ihre. »Wir müssen noch einmal ebensogut zusammen tanzen. Mittwoch ist Ball im Orindore-Klub. Wenn Sie nichts anderes vorhaben – oder haben Sie?«

»Nein«, sagte sie.

»Dann sagen wir also Mittwoch. Wann soll ich Sie abholen?«

Und als sie alles verabredet hatten und er eingewilligt hatte, daß sie ein paar Tänze mit andern tanzen dürfte, und sie sich noch einmal Gutenacht sagten, faßte er ihre Hand und zog sie an sich. Sie wehrte sich, schwach, aber mit ehrlichem Willen. Es war üblich so, aber sie hatte das Gefühl, daß sie es lieber lassen sollte, aus Furcht, mißverstanden zu werden. Und doch wünschte sie, ihn zu küssen, wie sie noch nie gewünscht hatte, einen Mann zu küssen. Als es kam und sie das Gesicht zu ihm hob, stellte sie fest, daß es seinerseits ein Kuß in Ehren war. Nichts lag dahinter. Unbeholfen und freundlich, wie er selber war, wirkte er fast jungfräulich und verriet keine große Erfahrung in der Kunst des Gutenachtsagens. Es sind also doch nicht alle Männer wie Tiere, dachte sie.

»Gute Nacht«, murmelte er. Die Pforte kreischte unter seiner Hand. Er eilte den engen Weg hinab, der zur Ecke des Hauses führte.

»Mittwoch«, rief sie ihm leise nach.

»Mittwoch«, antwortete er. Aber in dem dunkeln Gang zwischen den zwei Häusern blieb sie stehen und lauschte froh auf das Geräusch seiner Schritte auf dem zementierten Bürgersteig. Erst als sie verhallten, ging sie hinauf. Sie schlich sich die Hintertreppe hinauf und durch die Küche in ihr Zimmer, von Herzen dankbar, daß Sarah schlafen gegangen war.

Sie zündete das Gas an, und während sie ihren kleinen Samthut abnahm, spürte sie noch, wie ihre Lippen nach dem Kuß zitterten. Selbstverständlich hatte der nichts zu bedeuten. Es war unter jungen Leuten so üblich. Alle taten es. Aber ihr Gutenachtkuß hatte ihr nie dieses zitternde Gefühl im Gehirn und auf ihren Lippen gegeben. Was war das? Was bedeutete das? Eine plötzliche Eingebung ließ sie sich im Spiegel betrachten. Die Augen strahlten glücklich. Die Röte, die so leicht in ihren Wangen kam und ging, verlieh ihnen im Augenblick Farbe und Glut. Es war ein schönes Spiegelbild, das sie froh und selbstbewußt lächeln ließ, und das Lächeln vertiefte sich noch beim Anblick der zwei starken, weißen und ganz ebenmäßigen Zahnreihen. Warum soll Billy das Gesicht nicht gefallen? fragte sie sich. Andern Männern hatte es gefallen. Selbst die andern Mädchen gaben zu, daß sie gut aussah. Charley Long mußte es doch gefallen, sonst würde er ihr das Leben nicht so zur Qual machen.

Sie warf einen Blick nach dem Spiegel, wo seine Photographie steckte, schauderte und schnitt eine kleine Grimasse vor Abscheu und Ekel. Grausamkeit lag in den Augen und Brutalität. Er war eine Bestie. Ein ganzes Jahr lang tyrannisierte er sie jetzt. Er verscheuchte die andern. Es war gleichsam eine Art Sklaverei, wie er ihr aufpaßte. Sie mußte an den jungen Buchhalter in der Wäscherei denken – der war kein Arbeiter, nein, sondern ein feiner Herr mit weichen Händen und weicher Stimme – ihn hatte Charley an der Straßenecke überfallen, nur, weil er gewagt hatte, sie zum Theater einzuladen. Und sie hatte nichts tun können. Um seinetwillen hatte sie nie ja zu sagen gewagt, wenn er sie eingeladen hatte.

Und nun sollte sie Mittwoch abend mit Billy ausgehen. Das Herz hüpfte ihr. Es gab wohl Krach, aber Billy würde sie von ihm befreien. Er sollte nur versuchen, Billy zu überfallen.

Mit einer schnellen Bewegung warf sie die Photographie herunter und ließ sie mit der Bildseite auf die Kommode fallen. Dort lag sie jetzt neben einem kleinen viereckigen Etui aus dunklem Leder, das vom Zahn der Zeit ziemlich mitgenommen war. Mit dem Gefühl, daß es eine Profanation war, ergriff sie wieder die unselige Photographie und warf sie in eine Ecke des Zimmers. Hierauf nahm sie das Lederetui, drückte auf eine Feder, daß es aufsprang, und betrachtete die Daguerreotypie einer kleinen abgearbeiteten Frau mit festen grauen Augen und mit einem Mund mit zuversichtlichem, rührenden Ausdruck. Auf dem Samt des Etuis stand mit Goldbuchstaben: Carlton von Daisy. Sie las es andächtig, denn es war der Name ihres Vaters, den sie nie gekannt hatte, und das Bild stellte die Mutter dar, die sie nur so wenig gekannt, wenn sie auch nie vergessen hatte, daß diese klugen traurigen Augen grau gewesen waren.

Obwohl Saxon keine Religion im üblichen Sinne hatte, war sie doch von Natur aus tief religiös. Ihre Gedanken von Gott waren vage und verschwommen und wirkten fast verwirrend. Sie konnte Gott nicht vor sich sehen. Hier auf der Daguerreotypie war das Konkrete. In die Kirche ging sie nicht. Dies war ihr Hochaltar, ihr Heiligtum. Hierzu nahm sie ihre Zuflucht in Not und in Verlassenheit. Hier suchte sie Rat, gute Eingebungen und Stütze. Sie hatte das Gefühl, daß sie anders war als die jungen Mädchen ihrer Bekanntschaft, und in dem abgebildeten Antlitz versuchte sie die Eigentümlichkeit ihres eigenen Wesens zu finden. Ihre Mutter war auch anders gewesen als andere Frauen. Diesem Bild gegenüber bemühte sie sich, wahr zu sein, andern kein Unrecht zu tun oder Ärger zu bereiten. Und was sie in Wirklichkeit von ihrer Mutter wußte, und wieviel sie raten und vermuten mußte, machte sie sich nicht klar. Denn seit vielen Jahren formte sie an ihrer Muttermythe.

Aber – war es nur eine Mythe? In plötzlichem Zorn über ihren eigenen Zweifel zog sie die unterste Kommodenlade heraus und entnahm ihr eine alte abgegriffene Mappe. Vergilbte Manuskripte fielen heraus und verbreiteten einen schwachen, süßen Duft von fernen Zeiten. Die Schrift hatte die feine verschnörkelte Zierlichkeit, die vor einem halben Jahrhundert allgemein war. Sie las eine Strophe:

Süß wie der Äolsharfe luftige Saiten,
So lernte deine holde Muse die Gesänge,
Und Kaliforniens endlose Weiten
Bewahren noch im Echo diese Klänge.

Sie fragte sich, wie tausend Male zuvor, was eine Äolsharfe war, aber die Schönheit und Mystik des Wortes erinnerte an die dunkel in ihrem Bewußtsein stehende schöne Mutter. Sie fiel für eine Weile andächtig in Gedanken, dann öffnete sie ein anderes Manuskript. »An C. B.« stand dort. Sie wußte, daß das »an Carlton Brown« hieß, denn es war ein Liebesgedicht ihrer Mutter an ihren Vater. Saxon dachte über den Sinn nach:

Leis bin ich vom Lärm in den Hain entwichen,
Wo über Göttern die Bäume sich neigen:
Im Efeukranz Bacchus, die Liebesgöttin,
Pandora und Psyche in ewigem Schweigen.

Auch das ging über ihr Verständnis. Aber sie atmete gleichsam die Schönheit ein. Bacchus, Pandora und Psyche – geheimnisvolle Gottheiten, bei deren Namen man schwor. Aber ach! Nur ihre Mutter kannte den Schlüssel. Seltsame, sinnlose Worte, die so viel bedeuteten. Ihre herrliche Mutter hatte die Bedeutung gekannt. Saxon buchstabierte die drei Worte laut, Buchstaben für Buchstaben, aber sie wagte nicht den Versuch, sie auszusprechen; und Ehrfurcht einflößende, tiefe und unfaßbare Vorstellungen kamen und gingen in ihrem Bewußtsein. Verwirrt und geblendet machten ihre Gedanken halt beim Eingang zu einer, sternestrahlenden Welt hoch über der ihren, wo ihre Mutter daheim gewesen war. Andächtig las sie diese Verse immer wieder, mit dem Gefühl, daß ihr Strahlenglanz Licht und Klarheit auf die Welt von Unruhe und Plage werfen mußte, in der sie selbst zu Hause war. Zwischen diesen geheimnisvollen Versen verbarg sich der Schlüssel. Konnte sie ihn nur finden, so wurde alles klar – davon war sie fest überzeugt. Sie würde die scharfe Zunge Sarahs, ihren unglücklichen Bruder, die Grausamkeit Charley Longs, den Überfall auf den Buchhalter verstehen, den Sinn der tagelangen, monatelangen, jahrelangen Mühe am Plättbrett. Und überwältigt von dieser Poesie, dieser Menge von Mysterien, rollte sie das Manuskript zusammen und legte es weg. Wieder griff sie in die Lade und suchte die Lösung des Rätsels zwischen den letzten teuren Erinnerungen an die geheime Seele ihrer Mutter.

Diesmal war es ein mit Band zusammengebundenes Päckchen in Seidenpapier. Sie öffnete es vorsichtig mit dem Ernst und der Umständlichkeit eines Priesters vor dem Altar. Ein kleiner spanischer Gürtel aus roter Seide, mit Fischbein, fast wie ein kleines Korsett, kam zum Vorschein, ein Putz, wie die Frauen der ersten Ansiedler ihn trugen, als sie über die Prärie kamen. Es war eine Handarbeit nach dem alten spanisch-kalifornischen Modell. Selbst das Fischbein war zu Hause aus dem Rohmaterial bereitet, das die Alten von den Walfängern für Häute und Talg eingetauscht hatten. Den schwarzen Spitzenbesatz hatte ihre Mutter selbst verfertigt. Die dreifache Kante aus schwarzem Samtband – jeden Stich hatte ihre Mutter selbst genäht.

Saxon versank in Träumereien und sah auf den Gürtel. Dies war das Konkrete. Dies verstand sie. Dies verehrte sie, wie die Menschen Götter verehren, obwohl die Zeugnisse ihres Aufenthalts auf Erden oft weniger handgreiflich gewesen sind.

Der Gürtel maß zweiundzwanzig Zoll von einem Ende bis zum andern. Sie wußte das, denn sie hatte ihn oft gemessen. Sie stand auf und legte ihn sich um den Leib. Es war der Teil eines Rituals. Er umschloß sie fast ganz. An einzelnen Stellen ging er ganz zusammen. Wenn sie entkleidet war, paßte er ihr, wie er ihrer Mutter gepaßt hatte. Nichts griff Saxon so ans Herz wie dieser Überrest aus alten Tagen. Sie hatte die Gestalt ihrer Mutter. Äußerlich glich sie ihrer Mutter. Ihre Geschicklichkeit, die Schnelligkeit, mit der sie ihre Arbeit verrichtete, und über die die andern so erstaunt waren, hatte sie von ihrer Mutter. Gerade so hatte ihre Mutter ihre Mitwelt in Erstaunen gesetzt – ihre Mutter, das kleine puppenhafte Geschöpf, die Kleinste und Jüngste von der großen Schar der Pioniere, denen sie gleichwohl wie eine Mutter gewesen war. Immer war es ihre Klugheit, zu der sie ihre Zuflucht nahmen, selbst die Brüder und Schwestern, die ein Dutzend Jahre älter waren als sie. Daisy war es, die, mit ihrem kleinen Fuß aufstampfend, den Befehl gegeben hatte, von den flachen Fieberländern Colusas aufzubrechen und in die heilbringenden Berge Venturas zu ziehen; die ihren Vater, den alten wilden Indianerbezwinger, an die Wand gedrängt und den Kampf mit der ganzen Familie aufgenommen hatte, damit Vila einen Mann heiraten durfte, den sie selbst gewählt hatte; die wieder der Familie und der ganzen öffentlichen Moral getrotzt hatte, als sie verlangte, daß Laura sich von ihrem verbrecherisch schwachen Manne scheiden lassen sollte, und die andererseits jedesmal die Familie zusammengehalten hatte, wenn Mißverständnisse und menschliche Schwäche gedroht hatten, sie zu sprengen.

Friedensstifter und Krieger! All die alten Geschichten zogen an Saxons Augen vorbei. Klar in allen Einzelheiten, denn sie hatte sie so oft beschworen, obwohl es Dinge waren, die sie nicht gesehen hatte. Die Einzelheiten waren deshalb auch teilweise Kinder ihrer eigenen Einbildungskraft, denn sie hatte nie einen Zug Ochsen, einen wilden Indianer oder ein Prärieschiff gesehen. Und doch sah sie wie eine Wirklichkeit aus Fleisch und Blut eine lange Karawane der landgierigen Angelsachsen von Osten nach Westen quer über den Kontinent ziehen, eingehüllt in eine sonnenblinkende Wolke vom Staub von zehntausend Hufen. Es war Fleisch von ihrem Fleisch und Blut von ihrem Blut. Sie hatte diese Sagen und wirklichen Ereignisse mit der Muttermilch eingesogen, sie von deren Lippen gehört, die selbst alles mitgemacht hatte. Deutlich sah sie vor sich den langen Wagenzug, die mageren, abgehärteten Männer, die voranschritten, während die Jungen mit Stachelstöcken die brüllenden Ochsen antrieben. Und durch dieses Phantasiegespinst flog wie eine Spindel, die mit Goldfaden das Bild einer Persönlichkeit webte, die Gestalt ihrer unüberwindlichen kleinen Mutter, acht Jahre alt und neun, ehe die große Wanderung zu Ende war, eine Geistermahnerin und Gesetzgeberin, die ihre eigenen Wege gehen wollte – und sowohl der Wille wie der Weg waren stets gut und richtig.

Am allerlebendigsten aber sah Saxon den Kampf bei Little Meadow und Daisy, wie zum Fest gekleidet, in Weiß, mit einer seidenen Schärpe um den Leib, einen Schmuckkamm und Seidenband im Haar und in beiden Händen einen kleinen Wassereimer – in den Sonnenschein auf das blumenübersäte Gras heraustreten aus dem Wagenkreis, wo die Verwundeten in Fieberphantasien schrien und vom rinnenden Quell fabelten, und sie sah sie im Sonnenschein, unangefochten von den Indianern, die das Erstaunen hinderte, ihre Waffen zu gebrauchen, bis zu dem hundert Schritt entfernten Wasserloch und wieder zurück gehen.

Saxon drückte einen leidenschaftlichen Kuß auf den kleinen roten spanischen Gürtel; dann rollte sie ihn schnell zusammen und nahm mit feuchten Augen Abschied von ihrem mystischen Mutterkult und all dem Rätselhaften und Wunderbaren, das Leben hieß.

Als sie im Bett lag, beschwor sie unter den geschlossenen Lidern die wenigen reichen Erinnerungen an die Mutter, die ihre Kindheit barg. Dies war ihre liebste Methode, den Schlaf zu rufen. So hatte sie es ihr ganzes Leben lang gemacht – war in das Todesdunkel des Schlafes mit dem letzten sterbenden, von der Erinnerung an ihre Mutter gefärbten Bewußtsein gesunken. Aber diese Mutter war weder die Daisy von der großen Prärie, noch die von der Daguerreotypie. Die war aus der Zeit, ehe Saxon lebte. Die Daisy, die sie nachts sah, war eine ältere, von Schlaflosigkeit geplagte Mutter, mutig wie jemand, der die Sorge gekannt hat, ein blasses, gebrechliches Geschöpf, sanft und geduldig, das nur lebte durch seine Willenskraft, ohne die es längst den Verstand verloren hätte; das nicht schlafen konnte, so gern es auch wollte, und dem alle Ärzte der Welt keinen Schlaf verschaffen konnten. Kroch – immer im Hause herumkroch – vom Krankenbett zum Krankenstuhl und wieder zurück, immer wieder, die langen qualvollen Tage und Wochen, aber stets ohne Klage, wenn auch ihr sieghaftes Lächeln von Schmerz verzerrt war und die klugen grauen Augen, die immer noch klug und grau waren, unverhältnismäßig groß und bodenlos tief geworden waren.

Aber in dieser Nacht glückte es Saxon nicht, schnell einzuschlafen; das Mütterchen kam und ging, und dazwischen prägte sich Billys Gesicht mit den hübschen verdrossenen Augen, in denen Wolken kamen und gingen, in ihre Lider ein. Und noch einmal, als der Schlaf sie in seine sanften Arme nahm, stellte sie sich die Frage: Ist dies der Mann?

 

Die Arbeit in der Plättstube ging schnell vonstatten, aber die drei Tage bis Mittwoch abend waren sehr lang. Saxon summte über dem Zeug, das rasch unter dem Eisen fortflog.

»Ich begreife nicht, wie du es machst«, sagte Mary bewundernd. »Wenn du so dabei bleibst, verdienst du diese Woche leicht dreizehn oder vierzehn.«

Saxon lachte, und in dem Dampf ihres Eisen sah sie goldene Buchstaben tanzen, die sich zu einem »Mittwoch« fügten.

»Wie gefällt dir Billy?« fragte Mary.

»Gut«, lautete die freimütige Antwort.

»Schön, aber dabei laß es auch bleiben.«

»Das kommt wohl auf mich selber an«, antwortete Saxon heiter.

»Laß das lieber bleiben«, lautete die warnende Antwort. »Du hast nur Kummer davon. Er denkt nicht ans Heiraten. Das hat schon mehr als ein Mädchen erfahren. Sie werfen sich ihm ja direkt an den Hals.«

»Ich beabsichtige mich weder ihm noch einem andern Mann an den Hals zu werfen.«

»Ich wollte es dir nur sagen«, schloß Mary. »Du wirst gut tun, es dir zu merken.«

Saxon war ernst geworden.

»Er ist wohl nicht – nicht so ...«, begann sie, sah aber im selben Augenblick die Bedeutung der Frage ein, die sie nicht formen konnte.

»Ach nein, gar nicht so – obwohl ich eigentlich nicht weiß, was ihn davon abhalten sollte. Er ist durch und durch anständig. Nur eben keiner von denen, die vor jedem Unterrock kapitulieren. Er tanzt und amüsiert sich, aber mehr nicht. Viele sind ganz verrückt nach ihm gewesen. Augenblicklich laufen ihm mindestens ein Dutzend verliebte Mädels nach. Und er macht sich nur lustig über sie. Du kennst doch Lily Sanderson. Du hast sie letzten Sommer beim Fest der Slawonen in Shellmound gesehen – das große, hübsche blonde Mädchen, das mit Butch Willows zusammen war.«

»Ja, ich erinnere mich«, sagte Saxon. »Was ist mit ihr?«

»Sie ging einige Zeit mit Butch Willows, und nur, weil sie gut tanzte, tanzte Billy ziemlich viel mit ihr. Butch hat vor nichts Angst. Er macht auf der Stelle ein großes Hallo, nagelt Billy draußen, wo Gott und alle Welt es hören können, fest und gibt ihm eine lange Erklärung, und Billy hört auf seine besonnene, schläfrige Art zu, und Butch wird immer wütender, und alle erwarten einen Krach.

Da sagt Billy zu Butch: ›Bist du fertig?‹ ›Ja!‹ sagt Butch. ›Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte, und was willst du jetzt tun?‹ Und da sagt Billy – ja, was meinst du, was er sagte, während Gott und alle Welt zuhörten und Butch wie der Blutdurst selber aussah? Weißt du, was er sagte? ›Ich will gar nichts, Butch‹. Genau so. Butch war so erstaunt, daß man ihn mit einer Feder hätte umwerfen können. ›Und du tanzt nicht mehr mit ihr?‹ fragt er. ›Nicht, wenn du sagst, daß ich es nicht darf, Butch‹, sagt Billy. Genau so.

Ein anderer hätte sich nur so zurückziehen sollen – kein Mensch hätte ihn dann noch angesehen. Aber Billy – der konnte es sich leisten. Er hat einen Ruf als Boxer, und als er Butch ganz ruhig reden ließ, wußten Gott und alle Welt, daß er sich weder fürchtete noch den Schwanz zwischen die Beine steckte. Er machte sich nicht das geringste aus Lily Sanderson, das war alles, und doch konnten Gott und alle Welt sehen, daß sie ganz verrückt nach ihm war.«

Diese Geschichte machte Saxon nicht geringen Kummer. Sie war weder mehr noch weniger eitel als Frauen im allgemeinen, wenn es aber darauf ankam, einen Mann zu erobern, hatte sie nicht viel Selbstvertrauen. Billy hatte es Vergnügen gemacht, mit ihr zu tanzen, und sie fragte sich, ob das alles wäre. Falls Charley Long Streit mit ihm suchte, würde er sie dann laufen lassen, wie er Lily Sanderson hatte laufen lassen? Er dachte nicht ans Heiraten. Aber Saxon konnte vor der Tatsache nicht die Augen verschließen, daß er im hohen Maße erstrebenswert als Ehemann war. Kein Wunder, daß die Mädchen ihm nachliefen. Und er war ein Männerbezwinger wie ein Frauenbezwinger. Die Männer hatten ihn gern. Bert Wanhope schien ihn geradezu zu lieben. Sie erinnerte sich des Butchertowners aus dem Weasel-Park, der an ihren Tisch gekommen war, um sich zu entschuldigen, und des Irländers vom Tauziehen, der jeden Gedanken, sich mit Billy zu prügeln, in dem Augenblick aufgab, als er ihn erkannte.

Ein sehr verzogener junger Mann, das war der Gedanke, der Saxon hin und wieder durch den Kopf schoß. Aber jedesmal verwarf sie ihn als etwas Niedriges. Billy war sanft auf seine eigene, aufreizende, besonnene Art. Bei all seiner Kraft trat er den Rechten anderer nicht zu nahe. Da war die Geschichte mit Lily Sanderson. Bert hätte aus reiner Necklust und aus Freude am Krach nicht so gehandelt. Es hätte eine Prügelei und Haß gegeben, Butch wäre sein erbitterter Feind geworden, und Lily würde nichts dabei gewonnen haben. Aber Billy hatte sich richtig benommen, besonnen, ohne sich stören zu lassen, und mit der größten Rücksicht auf jeden, was ihn alles zusammen in Saxons Augen noch erstrebenswerter machte.

Sie kaufte sich ein Paar neue Seidenstrümpfe, deren Kauf sie von einer Woche zur anderen hinausgeschoben hatte, und Dienstag nacht blieb sie auf und nähte sich schläfrig und müde eine neue Bluse, während Sarah sie ausschalt, daß sie so viel Gas verschwendete.

Der Orindoreball am Mittwoch abend war kein ungemischtes Vergnügen. Es war schändlich zu sehen, wie die Mädchen Billy umschwärmten, und zuweilen reizte Saxon die Rücksicht, die er ihnen erwies. Aber sie mußte zugeben, daß er die andern jungen Männer in ihren Gefühlen nicht verletzte, wie die Mädchen die ihren verletzten. Sie bettelten ihn geradezu an, mit ihnen zu tanzen, und von dieser ganz offensichtlichen Jagd auf ihn entging ihrer Aufmerksamkeit nicht viel. Sie beschloß, es nicht so wie die anderen zu machen und es in dieser Weise auf ihn anzulegen, sondern tanzte bald mit dem einen, bald mit dem andern und bemerkte mit heimlicher Freude, daß sie die richtige Taktik befolgte. Sie zeigte ihm mit voller Überlegung, daß es noch andere Männer gab, die ihr gefielen, während er ihr, ohne sich dabei etwas zu denken, seine Beliebtheit bei den Frauen zeigte.

Ihr Glück kam, als er kühl ihre Einwände überhörte und hartnäckig zwei Tänze mehr verlangte, als sie ihm versprochen hatte. Und sie wurde froh und zornig zugleich, als sie zufällig eine Unterhaltung zwischen zwei großen, starken Fabrikarbeiterinnen hörte. – »Wie die kleine Abgebrochene ihn mit Beschlag belegt!« sagte die eine. Und die andere: »Sie könnte eigentlich gern einem von ihrem eigenen Alter nachlaufen.« »Kinderräuberin!« lautete die letzte Bosheit, die Saxon das Blut in die Wangen trieb, während die beiden Mädchen sich entfernten, ohne zu wissen, daß sie ihnen zugehört hatte.

Billy begleitete sie nach Hause, küßte sie an der Pforte und nahm ihr das Versprechen ab, am Freitag abend mit ihm zum Tanz in der Germaniahalle zu gehen.

»Ich hatte eigentlich nicht daran gedacht, hinzugehen«, sagte er. »Aber wenn Sie wollen – Bert kommt auch.«

Am Plättbrett erzählte Mary ihr am nächsten Tage, daß sie und Bert in die Germaniahalle gingen.

»Kommst du auch?«

Saxon nickte.

»Und Billy Roberts?«

Wieder nickte sie. Mary sandte ihr mit erhobenem Plätteisen einen langen neugierigen Blick.

»Und wenn Charley Long Krach schlägt?«

Saxon zuckte die Achseln.

Schnell und schweigend plätteten sie eine Viertelstunde weiter.

»Nun ja«, sagte Mary schließlich, »wenn er es tut, kriegt er vielleicht, was er verdient. Das sollte mich freuen. Es kommt alles auf Billys Stimmung an – mit Bezug auf dich, meine ich.«

»Ich bin nicht Lily Sanderson«, antwortete Saxon zornig. »Ich würde Billy Roberts nie Gelegenheit geben, mich stehen zu lassen.«

»Doch, wenn Charley Long Krach schlägt. Und das sage ich dir, Saxon, der ist kein Gentleman. Wie er sich gegen Herrn Moody benommen hat! Es war gräßlich, wie er ihn überfiel. Und Herr Moody ist ein so netter kleiner Mann, der keiner Fliege etwas zuleide tut. Nun ja, er wird schon merken, daß Billy kein Muttersöhnchen ist – längst nicht.«

Am selben Abend traf Saxon Charley Long, der vor dem Eingang der Wäscherei wartete. Als er vortrat, guten Abend sagte und sich anschickte, sie zu begleiten, spürte Saxon das alte ängstliche Herzklopfen, das er sie hinreichend kennengelehrt hatte. Die Farbe wich aus ihren Wangen, so ängstlich machte sein Anblick sie. Sie fürchtete den plumpen Körper dieses Mannes, seine schweren braunen Augen, die sie tyrannisierten und sich zugleich Vertraulichkeiten erlaubten; seine schweren Schmiedefäuste und die dicken schwarzen Finger mit der Behaarung auf dem ersten Glied. Er wirkte abstoßend auf sie, rein physisch sowohl wie auf all ihre besseren Gefühle. Es war nicht seine Kraft an sich, sondern deren Wesen und die Art, wie er sie mißbrauchte, was ihr zuwider war. Sein Überfall auf den braven Herrn Moody hatte ihr lange qualvolle Stunden bereitet. Es schauderte sie noch, so oft sie daran dachte. Und doch hatte sie ohne zu schaudern zugesehen, wie Billy sich im Weasel-Park auf dieselbe primitive Manntierart schlug. Aber es war ein Unterschied gewesen. Das wußte sie, wenn sie es auch nicht zu entscheiden vermochte, worin dieser Unterschied bestand. Über das Tierische an Händen und Charakter dieses Mannes war sie sich jedoch klar.

»Du siehst so blaß und mitgenommen aus, Mädel«, sagte er. »Warum schlägst du nicht zu? Einmal muß es ja doch sein. Du entkommst mir nicht, Kindchen.«

»Könnte ich nur«, antwortete sie.

Er lachte, ein rohes, lärmendes Lachen. »Da ist nichts zu machen, Saxon. Du bist wie geschaffen dazu, Frau Long zu werden, und es ist so sicher wie nur etwas, daß du es wirst.«

»Ich wünschte, ich wäre in allem so sicher wie du«, sagte sie mit einem mißglückten Versuch, sarkastisch zu sein.

»Hör jetzt gut zu, was ich dir sage«, fuhr er fort. »Wenn ich mir etwas vornehme, so tue ich es, und wenn mir jemand in den Weg kommt, geht es ihm schlecht. Hast du mich verstanden? Du kannst dich eben so gut gleich entschließen, die Arbeit in meinem Haus zu tun statt in der Plätterei. Es ist gar nicht darüber zu reden. Viel zu tun gibt es nicht. Ich verdiene ein schönes Geld, und du sollst nichts entbehren. Ich habe mich nur nach der Arbeit gewaschen und bin hergekommen, um es dir noch einmal zu sagen. Du wirst wohl so gut sein, es dir zu merken. Ich habe mir nicht einmal Zeit gelassen, etwas zu essen. Da kannst du sehen, wie gern ich dich habe.«

»Dann solltest du lieber gehen und essen«, riet Saxon ihm, obwohl sie wußte, wie aussichtslos jeder Versuch war, ihn loszuwerden.

Sie wurde sich plötzlich bewußt, daß sie sehr müde und sehr klein und schwach neben diesem Koloß von Mann war. Soll er mich immer tyrannisieren? fragte sie sich verzweifelt, und im selben Augenblick sah sie ihr zukünftiges Leben vor sich, und Gestalt und Gesicht des dicken Schmieds verfolgten sie überall.

»Nur guten Mutes, Kindchen, schlag zu!« fuhr er fort. »Es ist jetzt Sommer, gerade die rechte Zeit zum Heiraten.«

»Aber ich will dich nicht heiraten«, protestierte sie. »Das habe ich dir mehr als tausendmal gesagt.«

»Ach Unsinn! Selbstverständlich heiratest du mich. Das ist abgemacht. Freitag abend fahren wir zusammen nach Frisco. Es wird großes Hallo bei den Hufschmieden geben.«

»Aber ich geh nicht mit«, protestierte sie.

»Freilich wirst du«, antwortete er mit vollkommener Sicherheit. »Mit dem letzten Boot fahren wir heim, und du wirst dich schon amüsieren. Ich werde dich einigen guten Tänzern vorstellen. Ach, ich bin nicht kleinlich, und du tanzt ja gern.«

»Aber ich sage dir doch, daß ich nicht kann«, wiederholte sie.

Er warf ihr einen mißtrauischen Blick zu unter den schwarzen dichten Brauen, die über der Nase zusammenwuchsen.

»Warum kannst du nicht?«

»Ich habe eine Verabredung.«

»Mit wem?«

»Mit niemand, der dich etwas angeht, Charley Long. Ich habe eine Verabredung, das ist alles.«

»Ich werde dafür sorgen, daß es mich angeht. Denk an das Milchgesicht von Buchhalter! Ja, denk nur an ihn und an die Prügel, die er kriegte.«

»Ich möchte, daß du mich in Frieden läßt«, sagte sie gekränkt. »Kannst du dich denn nicht ein einziges Mal ordentlich benehmen?«

Der Schmied lachte boshaft.

»Wenn irgendein Flaps glaubt, sich zwischen dich und mich drängen zu können, so soll er etwas erleben. Charley Long wird es ihn lehren. Freitag abend – he? Wo?«

»Das sage ich nicht.«

»Wo?« wiederholte er. Sie schwieg und preßte die Lippen zusammen, während der Zorn kleine rote Flecken auf ihre Wangen malte.

»Hm! – Als ob ich es mir nicht denken könnte. Germaniahalle. Schön, ich komme; verstehst du? Und nachher bringe ich dich nach Hause. Hast du jetzt verstanden? Und du tust am besten, dem Laffen zu raten, wegzubleiben, wenn du sein Gesicht nicht verschimpfiert sehen willst.«

Saxon fühlte sich versucht, ihm Namen und Ruf ihres neuen Beschützers ins Gesicht zu schreien. Dann aber kam die Furcht. Charley war ein starker Mann und Billy nur ein Knabe. So wirkte er jedenfalls auf sie. Sie erinnerte sich des ersten Eindrucks, den sie von seinen Händen erhalten hatte, und warf einen schnellen Blick auf die Hände des Mannes neben ihr. Sie erschienen ihr doppelt so groß wie die Billys, und die dichte Haarschicht machte auf sie den Eindruck ungeheurer Kraft. Nein, mit diesem dicken Tier konnte Billy den Kampf nicht aufnehmen. Er durfte nicht! Aber im selben Augenblick fühlte sie eine kleine boshafte Hoffnung, daß Billy kraft seiner geheimnisvollen und unglaublichen Geschicklichkeit als Boxer dennoch imstande sei, diesen Klotz zu züchtigen und sie von ihm zu befreien. Aber noch ein Blick, und der Zweifel meldete sich wieder, denn ihre Augen ruhten auf den breiten Schultern des Schmiedes. Die Jacke war voller Muskelfalten, und die Ärmel schwollen über dem massigen Oberarm.

»Wenn du wieder wagst, einen anzutasten, mit dem ich gehe –«, begann sie.

»Ja, dann ist es selbstverständlich am schlimmsten für ihn«, grinste Long. »Und das geschieht ihm recht. Jeder Mann, der sich zwischen einen Mann und sein Mädel drängt, verdient, daß es ihm schlecht geht.«

»Aber ich bin nicht dein Mädel und werde es nie, was du auch sagen magst.«

»Das ist recht, reg dich nur auf«, sagte er beifällig. »Dann hab ich dich gern. Ksskss. So eine Frau kann ein Mann brauchen, keine von den fetten Kühen hier. Die sind tot. Aber du bist lebendig. Und gerade so, wie du sein sollst.«

Sie blieb vor dem Hause stehen und legte die Hand auf die Klinke.

»Gute Nacht!« sagte sie. »Ich gehe hinein.«

»Komm wieder heraus und geh mit in den Idorapark«, schlug er ihr vor.

»Nein, ich fühle mich nicht ganz wohl und gehe gleich nach dem Abendessen zu Bett.«

»Aha«, knurrte er. »Um morgen abend recht hübsch zu sein – was, Mädel?«

Mit einer ungeduldigen Bewegung öffnete sie die Pforte und trat ein.

»Ich habe es dir jetzt gesagt«, fuhr er fort. »Wenn du morgen abend nicht mit mir gehst, dann wird es einem schlecht ergehen.«

»Ja, und hoffentlich dir«, rief sie rachsüchtig.

Er lachte und warf den Kopf zurück, spannte seinen mächtigen Brustkasten und hob die schweren Arme. Er erinnerte sie in diesem Augenblick an einen großen Affen, den sie einmal im Zirkus gesehen hatte, und sie fühlte einen tiefen Widerwillen.

»Ja, gute Nacht denn«, sagte er. »Wir sehen uns morgen abend in der Germaniahalle.«

»Ich habe nicht gesagt, daß es die Germaniahalle ist.«

»Und du hast auch nicht gesagt, daß es nicht die Germaniahalle ist. Na, ich komme jedenfalls. Verlaß dich darauf und bewahre mir hübsch viele Tänze auf. Das ist mein Recht. Sei nur recht wütend. Das steht dir gut.«

* * *

 

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