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Das Mondtal

Jack London: Das Mondtal - Kapitel 19
Quellenangabe
authorJack London
titleDas Mondtal
publisherUniversitas
year1929
translatorErwin Magnus
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An einem schönen Junimorgen sagte Billy zu Saxon, daß sie ihr Reitkleid anziehen und ein Reitpferd probieren sollte.

»Erst nach zehn Uhr«, sagte sie. »Dann habe ich den Wagen auf die zweite Tour geschickt.«

Trotz dem ziemlich ausgedehnten Geschäft, das Saxon betrieb, hatte sie doch Zeit zu ihrer Verfügung, da sie ihre Sachen immer praktisch und nach einem gewissen System zu regeln wußte. Sie konnte Herrn und Frau Hale besuchen, was ihr immer ein großes Vergnügen bereitete, namentlich jetzt, da Jack und Klara Hastings wiedergekommen waren, und Klara ihre Tante oft besuchte. In dieser Atmosphäre, die Saxon so gut gefiel, schien sie sich erst richtig zu entfalten. Sie hatte angefangen zu lesen – mit Verstand zu lesen, und sie hatte Zeit, zu lesen, sich ihre hübschen Sachen zu nähen und mit Billy zusammen zu sein, den sie auf vielen seiner Ausflüge begleitete.

Billy hatte noch mehr zu tun als sie, da seine Arbeit zerstreuter und verschiedenartiger war. Und er beaufsichtigte auch die Scheune auf dem Hofe und die Pferde, die Saxon benutzte. Er war tatsächlich ein ganzer Geschäftsmann geworden, wenn auch Frau Mortimer, die seine Rechnungen durchgesehen und namentlich der Ausgabenseite ihre Aufmerksamkeit geschenkt hatte, mehrere kleine Lücken entdeckt und ihn endlich mit Hilfe Saxons gezwungen hatte, Buchführung zu lernen. Jeden Abend, wenn sie gegessen hatten, rechnete er mit Saxon ab. Später, wenn er sich in den großen Sessel gesetzt hatte, dessen Anschaffung er kurz nach Abschluß des Kontraktes mit der Ziegelei durchgedrückt hatte, kam Saxon, setzte sich auf seinen Schoß und begann, auf der Ukulélé zu klimpern, oder sie unterhielten sich lange über ihre Arbeit und ihre Pläne. Zum Beispiel, wenn Billy sagte:

»Ich werde Politiker, Saxon. Das lohnt sich. Verlaß dich drauf, es lohnt sich. Wenn ich nächstes Jahr nicht fünf oder sechs Gespanne herumlaufen habe und der Gemeinde Geld aus der Tasche ziehe, dann will ich nach Oakland zurücktrotten und den Alten bitten, mich wieder in Gnaden aufzunehmen.«

Oder Saxon konnte sagen: »Das große neue Hotel zwischen Caliente und Eldridge wird wirklich großartig. Und man spricht auch von einem großen Sanatorium tiefer in den Bergen.«

Oder sie konnte mit folgendem kommen: »Billy, du hast jetzt doch die Wasserleitung nach der Weide am Wildwasser gelegt, da mußt du sie mir zu meinem Gemüse legen. Ich will sie dir gerne abmieten. Du kannst mir ja sagen, wieviel Alfalfa du darauf bauen kannst, und dann bezahle ich dir den vollen Marktpreis abzüglich der Selbstkosten.«

»Gewiß – nimm sie nur!« Billy erstickte einen Seufzer. »Und übrigens habe ich jetzt auch zu viel zu tun, um mich damit abzugeben.«

Eine Umgehung der Wahrheit, die ziemlich frech war, da er gerade das Hebewerk installiert und überall Wasserleitungen gelegt hatte.

»Es wäre am klügsten so, Billy«, sagte sie beruhigend, denn sie wußte, daß sein Traum, ein großer Gutsbesitzer zu werden, lebendiger als je war. »Du willst dich doch auch nicht mit dem einen Morgen abgeben. Da sind doch die hundertundvierzig Morgen. Die kaufen wir, wenn der alte Chavon einmal stirbt. Außerdem gehören Sie tatsächlich mit zur Madronjoranch. Es war ursprünglich zusammen ein Gut.«

»Ich wünsche keinem Menschen den Tod«, brummte Billy. »Aber er hat ja kein Vergnügen davon, wenn er nur eine Herde elender Tiere darauf weiden läßt. Ich habe mir die Geschichte angesehen. Es sind mindestens vierzig Morgen auf den drei gerodeten Feldern und massenhaft Wasser in den Bergen dahinter. Du würdest mit offenem Munde dastehen, wenn du all das Pferdefutter sähest, das ich daraus bekommen könnte. Dann sind mindestens fünfzig Morgen da, wo ich meine Stuten grasen lassen könnte, Weide vermischt mit Wald und steilen Hängen und dergleichen. Die andern fünfzig sind nur dichter Wald mit schönen Partien und Wild. Und die alte Ziegelsteinscheuer – die ist ausgezeichnet. Bekäme sie nur ein neues Dach, dann gäbe sie vielen Tieren bei schlechtem Wetter Unterschlupf. Sieh, ich muß jetzt die elende Weide hinter Pings Hof pachten, nur um Platz für die Tiere zu haben, wenn sie sich ausruhen sollen. Sie könnten auf den hundertundvierzig Morgen herumlaufen, wenn ich sie nur hätte. Ich möchte wissen, ob Chavon sie verpachten würde.«

Zuweilen hielt Billys Ehrgeiz sich an Näherliegendes, so, wenn er sagte: »Ich muß morgen nach Petaluma hinüber, Saxon. Auf der Atkinsonranch findet eine Auktion statt, und ich kann vielleicht ein paar gute Geschäfte machen.«

»Mehr Pferde?«

»Hab ich nicht zwei Gespanne, die Brennholz für das neue Winterhotel holen? Und Barney hat sich die Schulter tüchtig verstaucht. Er muß sich längere Zeit Ruhe gönnen, wenn er je wieder der alte werden soll. Und Bridget wird nie wieder arbeiten können – das kann ich doch sehen. Ich habe an ihr herumgedoktert und herumgedoktert, und der Tierarzt weiß weder ein noch aus. Und einige von den andern Pferden brauchen auch Ruhe. Das graue Gespann verliert sehr. Und der große Rote wird ganz verrückt. Sie glaubten alle, es käme von den Zähnen, aber das war es nicht. Er war nur durchgedreht. Wenn man gut auf seine Tiere achtet, ist es so gut wie barer Verdienst, und Pferde sind die feinsten vierbeinigen Geschöpfe, die man hat. Wenn ich einmal eine Gelegenheit finde, verschaffe ich mir eine Wagenladung Maulesel aus Colusa County – das sind große, schwere Tiere, wie du weißt. Sie werden wie warme Semmeln hier im Tal gehen – wenn ich sie nicht selber behalte.«

Oder Billy konnte zu Scherzen aufgelegt sein und sagen: »Weißt du, Saxon, da wir gerade von den Abrechnungen reden, was sind, meinst du, Hazel und Hattie wert – so nach dem üblichen Marktpreis?«

»Warum?«

»Nein, ich frage.«

»Nun, sagen wir, so viel wie du für sie gegeben hast, dreihundert Dollar.«

»Hm!« Billy versank in Gedanken. »Sie sind ein ganz Teil mehr wert, aber davon wollen wir jetzt nicht reden. Und um auf die Abrechnung zurückzukommen, wie wäre es, wenn du mir jetzt einen Scheck auf dreihundert Dollar ausschriebest?«

»Ach, du Räuber!«

»Immer sachte! Wenn du Heu und Korn von meinen Wagenladungen bekommst, gibst du mir dann vielleicht keinen Scheck dafür? Und du weißt selbst, wie du darauf siehst, daß deine Abrechnungen auf den Pfennig stimmen«, neckte er sie. »Wenn du eine richtige Geschäftsfrau sein willst, mußt du selbstverständlich die beiden Pferde in deinem Budget verrechnen. Ich habe, ich weiß nicht wie lange schon, nicht den geringsten Nutzen von ihnen.«

»Aber die Pferde gehören doch dir«, wandte sie ein. »Außerdem kann ich es mir nicht leisten, Stuten in meinem Geschäft zu halten. Ich weiß sehr wohl, daß Hazel und Hattie bald den Gemüsewagen nicht mehr ziehen können – sie sind jedenfalls zu gut für die Arbeit. Und du mußt dich nach einem Paar umsehen, das an ihre Stelle treten kann. Für das Paar werde ich dir schon einen Scheck geben, aber keine Provision.«

»Wie du willst«, erklärte Billy. »Hazel und Hattie kommen zu mir zurück, aber du mußt mir Miete für die Zeit bezahlen, die du sie gebraucht hast.«

»Wenn du mich dazu zwingst, dann lasse ich dich für die Kost bezahlen«, sagte sie drohend.

»Wenn du mich für die Kost bezahlen läßt, dann nehme ich Zinsen für das Geld, das ich in die Geschichte hier gesteckt habe.«

»Das kannst du nicht«, lachte Saxon, »das ist gemeinsames Eigentum.«

Er grunzte, als hätten ihre letzten Worte ihn stumm gemacht.

»Da hast du es mir ordentlich gegeben«, sagte er, »und da kann ich dir nicht antworten. Aber weißt du, es klingt doch hübsch, nicht wahr? – Gemeinsames Eigentum.« Er wiederholte es und kostete behaglich die Worte aus. »Und als wir uns heirateten, war das höchste, wozu unser Ehrgeiz sich aufschwingen konnte, feste Arbeit, ein paar Lumpen und die paar Möbel, die halb verbraucht waren, ehe wir sie bezahlt hatten. Ohne dich gäbe es nichts, was gemeinsames Eigentum hieße.«

»Ach Unsinn! Was hätte ich auf eigene Faust tun können? Du weißt sehr gut, daß du selbst all das Geld verdientest, durch das wir hier in die Höhe kamen. Du bezahltest Gow Yums, Chan Chis, Hughies und Frau Pauls Lohn – gewiß, du bist es, der alles gemacht hat.«

Sie ließ zärtlich ihre Hände über seine Schultern und die harten Muskeln seines Oberarmes gleiten.

»Das war es, was den Ausschlag gab, Billy!«

»Ach zum Teufel! Den Ausschlag gab selbstverständlich dein Kopf. Was hätten meine Muskeln genützt, wenn nicht dein Kopf gewesen wäre, der sie die richtige Arbeit tun ließ? – Streikbrecher verprügeln, das konnten sie, Zimmerherren verprügeln und die Ellbogen auf einen Bartisch stemmen. Das einzige Vernünftige, was mein Kopf je getan hat, war, daß ich auf dich anbiß. Bei Gott, Saxon, du bist es, die mich zu etwas gemacht hat.«

»Ach zum Teufel«, machte sie ihn nach, was Billy immer ungeheuer amüsierte. »Wo wäre ich heute, Billy, wenn du mir nicht von der Wäscherei weggeholfen hättest? Ich konnte mir ja nicht selber weghelfen. Ich war nur ein hilfloses Mädchen. Ich würde heute noch dort sein, wenn du nicht gekommen wärest. Frau Mortimer hatte fünftausend Dollar, aber ich hatte dich.«

»Eine Frau kann sich selbstverständlich nicht so helfen wie ein Mann«, sagte er dozierend. »Aber jetzt will ich dir etwas sagen! Zu der Arbeit gehören zwei. Wir sind wie zwei Pferde gewesen, die in einem Gespann miteinander liefen. Wären wir jeder für sich gelaufen, so hättest du heute noch in der Wäscherei stehen können, und bei einigem Glück würde ich immer noch tagsüber meine Pferde kutschieren und abends in billige Tanzlokale gehen.«

 

Saxon stand unter dem Vater aller Madronjos und blickte Hazel und Hattie nach, wie sie vor dem schwer beladenen Gemüsewagen hinter der Pforte verschwanden. Dann sah sie Billy, der auf den Hof geritten kam. Am Zügel führte er eine rotbraune Stute, auf deren seidenweicher Haut die Sonne spielte.

»Vier Jahre alt, feurig und wild, aber nicht boshaft«, jubelte Billy, als er neben Saxon anhielt. »Eine Haut wie Seidenpapier, eine Haut wie Seide und doch stark genug, um den Kampf mit der stärksten Stute aufzunehmen, die je ein Füllen geworfen hat. Sie heißt Ramona – das ist ein spanischer Name – und sie hat auch einen mächtig feinen spanisch-amerikanischen Stammbaum.«

»Wollen sie sie denn verkaufen?« fragte Saxon und preßte die Hände in wortloser Begeisterung zusammen.

»Das ist wohl der Grund, daß ich sie mitgebracht habe, damit du sie sehen könntest.«

»Aber wieviel fordern sie denn?« lautete Saxons nächste Frage, so unmöglich kam es ihr vor, daß sie je ein so wunderbares Pferd besitzen sollten.

»Das geht dich nichts an«, antwortete Billy kurz. »Die Ziegelei bezahlt dafür, nicht mehr der Gemüsegarten. Wenn du dir etwas aus ihr machst, gehört sie dir. Was meinst du?«

»Das sollst du gleich erfahren.«

Saxon wollte sich in den Sattel schwingen, aber das Pferd wurde nervös und machte einen Seitensprung.

»Halt dich fest, bis ich sie angebunden habe«, sagte Billy. »Sie ist keine Röcke gewöhnt – das ist das ganze Unglück.«

Saxon packte Zügel und Mähne, setzte ihren Fuß mit dem Sporn in Billys Hand und schwang sich leicht in den Sattel.

»Sporen ist sie gewohnt«, rief Billy ihr nach. »Aber sie ist auf spanische Art eingeritten, du darfst sie nicht zu schnell bremsen. Bleib ganz ruhig und rede am liebsten ein bißchen mit ihr. Sie ist ein vornehmes Tier.«

Saxon nickte, sauste durch die Pforte und den Weg hinab, winkte Klara Hastings zu, als sie an der Pforte von ›Trillium Zuflucht‹ vorbeiritt, und sprengte weiter durch den Canyon am Wildwasser.

Als sie wiederkam, war Ramona schweißbedeckt von dem schnellen Ritt, und Saxon ritt um das Haus herum, an den Hühnerhäusern und den blühenden Obststräuchern vorbei zu Billy, der mit seinem Pferde im Schatten oben auf dem Hange hielt und eine Zigarette rauchte. Zusammen blickten sie durch eine Öffnung in den Bäumen auf die Wiese hinab, die keine Wiese mehr war. Sie war mit mathematischer Genauigkeit in Quadrate, Rechtecke und schmale Streifen eingeteilt, die deutlich verschiedene Nuancen von Grün aufwiesen, wie es für einen Gemüsegarten bezeichnend ist. Gow Yum und Chan Chi gingen mit mächtigen Strohhüten herum und pflanzten grüne Zwiebeln. Der alte Hughie trabte, die Hacke in der Hand, an der Hauptader des Rieselsystems entlang, eifrig beschäftigt, einige Seitenkanäle zu öffnen und andere zu schließen. Aus dem Werkzeugraum auf der andern Seite der Scheune ertönten Hammerschläge, die Saxon meldeten, daß Carlsen die Gemüsekisten mit Draht zuband. Die heitere, hohe Stimme Frau Pauls erhob sich in einem Kirchenlied, das durch die Bäume zu ihnen klang, begleitet vom Schnurren eines Schaumpeitschers. Ein hysterisches Bellen verriet Possum, der irgendwo seinen immer gleich hoffnungslosen Kampf mit dem Eichhörnchen ausfocht. Billy nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette, blies den Rauch aus und sah weiter auf die Wiese hinab. Etwas in seiner Haltung sagte, daß er nicht recht froh war, und Saxons freie Hand suchte sanft seine Rechte, die auf dem schweißigen Pferd ruhte, aber wie wenn sein Blick nicht auf dem Tiere haften wollte, glitt er zu Saxons Gesicht empor.

»Hm!« sagte er ausweichend, als sei er eben erst aus einer Träumerei erwacht. »Die Portugiesen in San Leandro können uns bald nicht mehr viel lehren, was intensiven Ackerbau betrifft. Sieh das Wasser, das dort unten fließt! Weißt du – manchmal finde ich, es sieht so herrlich aus, daß ich Lust bekomme, mich auf die Kniee zu legen und es einzuschlürfen!«

»Ja, daß man in einem solchen Klima so viel Wasser hat, wie man haben will!« rief Saxon.

»Und du brauchst keine Angst zu haben, daß es versiegt. Wenn der Regen uns narrt, dann haben wir ja immer noch den Sonomabach. Wir brauchen nichts zu tun, als eine Gasolinpumpe zu installieren.«

»Aber dazu wird es nie kommen, Billy. Ich habe neulich mit Redwood Thompson gesprochen. Er wohnt seit Dreiundfünfzig im Tal und sagt, daß es nicht eine einzige Mißernte wegen Trockenheit gegeben hat. Wir kriegen immer Regen genug.«

»Komm, laß uns ein bißchen ausreiten«, sagte er plötzlich. »Du hast doch Zeit?«

»Ja, gewiß, wenn du mir erzählen willst, was dich bedrückt.«

Er sah sie hastig an.

»Nichts«, grunzte er. »Doch übrigens – doch etwas. Und es ist auch einerlei – früher oder später erfährst du es ja doch. Du solltest nur den alten Chavon sehen. Sein Gesicht ist so lang, daß er beim Gehen bald mit dem Kinn an die Knie stößt. Seine Goldmine geht auf die Neige.«

»Seine Goldmine!?«

»Ja, seine Lehmgrube, aber das kommt auf eines hinaus. Er kriegt zwanzig Cent für den Meter von der Ziegelei.«

»Das heißt also, daß dein Kontrakt mit der Ziegelei in die Brüche geht!« sagte Saxon, die gleich das Unglück in seiner ganzen Ausdehnung sah. »Was sagen die Leute von der Ziegelei?«

»Sie wissen weder ein noch aus, wenn sie auch hübsch den Mund halten. Sie haben rings auf den Hügeln eine ganze Woche lang Löcher gegraben, und der japanische Chemiker hat die ganze Nacht aufgesessen und das Zeug, das sie ihm bringen, analysiert. Es ist eine besondere Art Lehm, die sie brauchen, und den gibt es nicht überall. Die Sachverständigen, die über Chavons Lehmgrube berichteten, haben einen mächtigen Fehler gemacht. Vielleicht sind sie auch in ihren Bohrungen nachlässig gewesen, jedenfalls haben sie sich in bezug auf den Wert des Lehms verrechnet. Aber mach dir nichts daraus. Es wird schon alles werden. Du kannst nichts dabei machen.«

»Aber das kann ich doch«, sagte Saxon eifrig. »Wir brauchen Ramona ja nicht zu kaufen.«

»Damit hast du nichts zu tun«, antwortete er. »Ich bin es, der sie kauft, und der Preis bedeutet nichts im Vergleich mit dem großen Spiel, das ich vorhabe. Selbstverständlich kann ich all meine Pferde verkaufen. Aber dann verdiene ich kein Geld mehr mit ihnen, und es war ein guter Vertrag mit der Ziegelei.«

»Aber wenn du nun etwas von der kommunalen Wegearbeit bekommen könntest?« schlug sie vor.

»Ja, daran habe ich auch schon gedacht. Es besteht auch eine Möglichkeit, daß der Steinbruch wieder in Angriff genommen wird, und der Mann, der dort fuhr, ist nach Puget Sound gezogen. Und was tut es schließlich, wenn ich auch die meisten von den Pferden verkaufen muß? Ich habe ja dich, und du hast dein Gemüse. Das ist eine sichere Sache. Wir können nur in der ersten Zeit nicht so schnell vorwärts kommen, das ist alles. Das Land macht mir keine Sorgen. Ich habe alles geprüft, während wir dahinrasselten. Wir haben nicht einen Stein unterwegs getroffen, den wir uns nicht zunutze machen konnten. Und nun sag, wo du nun hinreiten willst.«

 

Sie ritten im Galopp durch die Pforte, lärmten über die Brücke und passierten »Trillium Zuflucht«, ehe sie beim Hange nach dem Wildwasser-Canyon abbogen. Saxon hatte sich ihr Feld auf dem großen Ausläufer der Sonomaberge als Ziel für ihren Ritt gewählt.

»Hör mal, mir fiel übrigens heute morgen, als ich Ramona holte, eine große Sache ein«, sagte Billy, der für den Augenblick alle Sorgen mit der Lehmgrube vergessen hatte. »Du weißt doch, die hundertundvierzig Morgen! Ich kam ein Stück weiterhin an dem jungen Chavon vorbei, und ich weiß selber nicht, warum – wohl nur zum Spaß – fragte ich ihn, ob er glaubte, daß der Alte mir die hundertundvierzig verpachten würde. Und was, glaubst du, antwortete er? Er sagte, daß sie dem Alten gar nicht gehörten. Er hätte sie selbst nur gepachtet. Deshalb ließe er immer sein Vieh dort weiden. Es ist ein Loch in seiner eigenen Wirtschaft, denn alles Land auf drei Seiten gehört ihm.

Gleich darauf traf ich Ping. Er sagte, daß sie Hilyard gehörten, und daß er bereit sei zu verkaufen – nur, daß Chavon nicht das Geld dazu hätte. Dann bin ich auf dem Rückweg bei Payne vorgefahren. Er hat seine Schmiede aufgegeben – ein Pferd hat ihm einen Tritt in den Rücken versetzt, und er kann sich nicht wieder erholen – und jetzt hat er gerade angefangen, mit Grundstücken zu handeln. Ja, es habe seine Richtigkeit, sagte er. Hilyard wolle gern verkaufen und habe ihn schon gebeten zu tun, was er könne. Chavon habe es nur als Weide benutzt, und Hilyard wolle die Pacht nicht erneuern.«

Als sie den Wildwasser-Canyon verlassen hatten, wandten sie die Pferde und machten an einer Stelle, wo sie die drei bewaldeten Hügel sehen konnten, mitten auf den erwähnten hundertundvierzig Morgen, halt.

»Es wird schon einmal uns gehören«, sagte Saxon.

»Das soll es«, sagte Billy in einem Ton, als hege er keinen Zweifel. »Ich habe mir wieder die Ziegelsteinscheune angesehen. Sie ist wie geschaffen für eine ganze Schar von Pferden, und ein Dach wird billiger sein, als ich gedacht hatte. Aber jetzt, da es mit dem Lehm schief geht, können weder Chavon noch ich an einen Kauf denken.«

Als sie zu Saxons Feld kamen, das, wie sie jetzt wußten, Redwood Thompson gehörte, banden sie ihre Pferde an und gingen zu Fuß hinauf. Das Gras wurde gerade gemäht, und Thompson, der es zusammenharkte, rief ihnen einen Gruß zu. Es war ein stiller, klarer Tag ohne einen Windhauch, und sie suchten im Walde hinter dem Feld Schutz vor der Sonne. Hier kamen sie auf einen halbverwischten Pfad.

»Es ist ein Viehsteig«, erklärte Billy. »Ich möchte wetten, daß irgendwo zwischen den Bäumen eine winzige Weide versteckt liegt. Laß uns hier gehen.«

Eine Viertelstunde später kamen sie, einige hundert Fuß weiter den Hang hinan, auf eine offene Wiese. Tief unter ihnen lagen die hundertundvierzig Morgen, und sie befanden sich in gleicher Höhe mit den drei Hügeln. Billy blieb stehen, um das so ersehnte Land zu betrachten, und Saxon trat zu ihm.

»Was ist das?« fragte sie und zeigte auf die Hügel. »Dort oben, links von dem kleinen Canyon, auf dem Hügel gleich unter der Tanne, die sich ein wenig vornüberneigt?«

Was Billy sah, war ein weißer Einschnitt an der Seite des Canyons.

»Das verstehe ich nicht«, sagte er und sah forschend nach dem Einschnitt. »Ich hatte gedacht, jeden Zoll von dem Boden hier zu kennen, aber den Einschnitt habe ich noch nie gesehen. Erst Anfang des Winters war ich am Ende des Canyons. Dort ist es schrecklich wild. Die Seiten des Canyons sind so steil wie ein Kirchturm und dicht bewaldet.«

»Was ist das?« fragte sie. »Ein Erdrutsch?«

»Das muß es sein – von dem heftigen Regen. Wenn ich mich nicht sehr irre« – Billy vergaß die Fortsetzung, so eifrig beschäftigte ihn der Anblick des Einschnitts.

»Hilyard will für dreißig den Morgen verkaufen«, begann er wieder, scheinbar ohne Zusammenhang mit dem Vorhergegangenen. »Gutes Land, schlechtes Land, wie es sich trifft, dreißig für den Morgen. Das macht zweitausendzweihundert. Payne ist neu in dem Geschäft, ich werde ihn dazu bringen, auf die Hälfte seiner Provision zu verzichten, und ich werde schon günstige Bedingungen erzielen. Wir können immer die vierhundert von Gow Yum noch einmal leihen, und ich kann Geld auf meine Pferde und Wagen aufnehmen –«

»Willst du heute kaufen?« neckte Saxon ihn.

Ihre Worte drangen gar nicht bis zu seinem Bewußtsein. Er sah sie an, als hätte er gehört, was sie sagte, vergaß es aber im nächsten Augenblick wieder.

»Kopfarbeit«, murmelte er. »Kopfarbeit – wenn ich nicht ein gutes Geschäft mache –«

Er eilte auf dem Viehsteig zurück, dann aber fiel ihm Saxon ein, und er rief ihr über die Schulter zu:

»Komm. Mach schnell! Ich muß hinüber und es mir ansehen.«

Er lief so schnell den Weg entlang und über das Feld, daß Saxon keine Zeit zu fragen hatte. Sie war ganz atemlos, so hatte sie sich anstrengen müssen, mitzukommen.

»Was ist es?« fragte sie eifrig, als er sie [in den] Sattel hob.

»Vielleicht nur Unsinn – ich erzähle es dir später«, antwortete er ausweichend.

Sie galoppierten über die Ebene, trabten die Hänge hinab, und erst, als sie die steile Böschung am Wildwasser erreichten, hielten sie die Pferde wieder an und ließen sie im Schritt gehen. Billys Zerstreutheit war jetzt verschwunden, und Saxon benutzte die Gelegenheit, um ein Thema anzuschneiden, das sie seit einiger Zeit bedrückte.

»Klara Hastings erzählte mir heute, daß sie Besuch bekämen. Jim Hazard und Mark Hall kommen mit ihren Frauen und Roy Blanchard –«

Sie sah Billy besorgt an. Als sie Blanchard nannte, hatte er den Kopf wie beim Klang einer Trompete gehoben, dann aber zuckte das Lachen in seinen blauen Augen, wo die Wetterwolken wie gewöhnlich kamen und schwanden.

»Es ist lange her, daß du einem Manne gesagt hast, er solle sich verziehen«, sagte sie vorsichtig.

Billy grinste dumm.

»Ach, mach dir nichts draus«, sagte er halb scherzend und halb überlegt. »Roy Blanchard darf gerne kommen. Ich erlaube es. Das ist alles schon so lange her. Übrigens habe ich auch zu viel zu tun, um mich mit solchen Dingen abzugeben.«

Dann spornte er sein Pferd zu schnellerer Gangart an, und als der Hang weniger steil wurde, ließ er es traben. Als sie »Trillium Zuflucht« erreichten, ritten sie in vollem Galopp.

»Du willst doch zuerst zu Mittag essen?« fragte Saxon, als sie sich dem Gatter der Madronjoranch näherten.

»Iß du nur«, antwortete er. »Ich brauche nichts.«

»Aber du mußt mich mitnehmen«, bat sie. »Was ist es?«

»Das darf ich dir nicht erzählen«, sagte er. »Aber geh hinein und iß.«

»Jetzt nicht mehr«, sagte sie. »Jetzt will ich mitkommen – daß du es weißt!«

Eine halbe Meile weiterhin verließen sie die Landstraße, ritten durch eine offenstehende Pforte, die Billy angefertigt hatte, und weiter über die Felder auf einem von einer dicken Schicht Kalkstaub bedeckten Wege. Es war der Weg, der nach Chavons Lehmgrube führte. Die hundertundvierzig Morgen lagen im Westen. Zwei in eine Staubwolke gehüllte Wagen tauchten in der Ferne auf.

»Das sind deine Pferde«, rief Saxon. »Ja, denk nur! Allein, weil du deinen Kopf gebraucht hast, verdienst du Geld, während du mit mir herumreitest.«

»Es macht mich ganz verlegen, wenn ich daran denke, wieviel Bargeld diese Gespanne mir täglich einbringen«, gab er zu.

Sie wollten gerade vom Wege auf die hundertundvierzig Morgen abbiegen, als der Kutscher, der den ersten Wagen fuhr, winkte. Sie hielten ihre Pferde an und warteten.

»Der große Rote hat sich losgerissen«, sagte der Kutscher, als er bei ihnen hielt. »Ganz durchgedreht – beißt und wiehert, schlägt aus und tritt. Er zerriß sein Geschirr, als wäre es Papier. Dann biß er Baldy ein Stück Fleisch, so groß wie eine Untertasse, heraus und brach sich schließlich ein Hinterbein. Es war die schlimmste Viertelstunde, die ich je erlebt habe.«

»Ist es sicher, daß das Bein gebrochen ist?« fragte Billy scharf.

»Ganz sicher.«

»Nun ja, sobald Sie den Wagen abgeladen haben, müssen Sie nach der andern Scheune fahren und Ben holen. Er ist auf dem Hofe. Sagen Sie Matthews, daß er vorsichtig sein soll. Und bringen Sie eine Büchse mit – Sammy hat eine. Ich habe jetzt keine Zeit. Warum konnte Matthews nicht mit Ihnen fahren, dann hätte er jetzt Ben holen können? Damit würden Sie Zeit gespart haben.«

»Ach, der wartet nur auf mich«, antwortete der Kutscher. »Er meinte wohl, daß ich Ben schon finden würde.«

»Und Zeit vergeuden – nicht wahr? Nun, machen Sie ein bißchen schnell!«

»So geht es immer!« sagte Billy brummend zu Saxon, als sie weiter ritten. »Keine Grütze im Kopf. Ein Mann setzt sich hin und hält sich selbst an der Hand, und der andere fährt los; um die Arbeit zu verrichten, die er hätte tun sollen. Das sind die Männer, die für zwei Dollar den Tag arbeiten.«

»Aber Köpfe zu zwei Dollar den Tag«, warf Saxon hastig ein. »Was für Köpfe kann man für zwei Dollar verlangen?«

»Das ist schon richtig«, gab Billy zu. »Wenn sie bessere Köpfe hätten, wären sie wohl wie alle anderen tüchtigen Leute in der Stadt, und die tüchtigen Leute sind auch Idioten. Sie wissen nichts von den großen Möglichkeiten auf dem Lande – sonst könnte man sie gar nicht weghalten.«

Billy stieg ab, entfernte die drei Balken, die das Gatter zu den hundertundvierzig Morgen bildeten, führte sein Pferd hindurch und legte die Balken wieder zurecht.

»Wenn mir die Geschichte erst gehört, dann kommt eine Pforte her«, erklärte er. »Das haben wir in wenigen Wochen dabei heraus. Das sind die tausendundein Kleinigkeiten, die zu einer ganzen Menge werden, wenn man sie zusammenlegt.« Er seufzte zufrieden. »Ich habe noch nie über solche Dinge nachgedacht, aber als wir Oakland verließen, begann ich zusammenzulegen. Es waren die Portugiesen in San Leandro, die mir zuerst die Augen öffneten. Bis zu dem Augenblick hatte ich direkt geschlafen.«

Sie ritten am untersten der drei Felder entlang, wo das reife Korn noch nicht gemäht war. Billy zeigte mit einem Ausdruck von Abscheu auf ein schlecht ausgebessertes Loch in der Hecke und auf das Korn, das vom Vieh arg zertreten war.

»So etwas meine ich«, kritisierte er. »Veraltete Methoden. Und sieh, wie dünn die Saat steht und wie schlecht die Erde gepflügt ist. Elendes Vieh, elende Saat, elende Wirtschaft. Chavon hat den Boden acht Jahre lang ausgesogen und ihm nie einen Augenblick Ruhe gegönnt und nie das Geringste hineingesteckt, außer daß er das Vieh auf die Stoppeln jagte, sobald das Stroh weg war.«

Etwas weiterhin kamen sie zu einer kleinen Viehherde.

»Sieh den Stier, Saxon! Räude, sag ich dir. Es müßte ein Gesetz geben, das verböte, solche Tiere am Leben zu lassen. Kein Wunder, daß Chavon so verarmt ist, und daß er jeden Groschen, den er an seiner Lehmgrube verdient, für Abzahlungen und Zinsen braucht. Grundbesitz allein tut es nicht. Sieh diese hundertundvierzig! Jeder Mensch mit ein bißchen Grütze im Kopf kann blanke Taler herausharken. Das werde ich ihm schon zeigen.«

Dann tauchte die große Ziegelscheune in der Ferne auf.

»Ein paar Dollar zur rechten Zeit hätten hunderte für das Dach gespart«, meinte Billy. »Na, wenn ich kaufe, brauche ich jedenfalls nichts für Verbesserungen auszugeben. Und eines will ich dir sagen. Hier ist Wasser im Überfluß, und wenn Glen Ellen jemals trockengelegt wird, dann kommen sie zu mir, um Wasser zu kriegen.«

Billy kannte den Grund und Boden aus und ein, und er ritt auf halbverwischten Viehsteigen durch den Wald. Einmal griff er hastig in die Zügel, und beide hielten an. Gerade gegenüber, ein Dutzend Schritt von ihnen, stand ein halbausgewachsener roter Fuchs. Das wilde Geschöpf beobachtete sie etwa eine halbe Minute mit seinen kleinen schimmernden Augen, und es zuckte in den empfindlichen Nüstern, als sie die Botschaft auffingen, welche die Luft ihnen brachte. Dann sprang es auf sammetweichen Pfoten beiseite und war im nächsten Augenblick zwischen den Bäumen verschwunden.

»Das verfluchte Biest!« rief Billy.

Als sie sich dem Wildwasser näherten, kamen sie auf eine lange schmale Wiese. In der Mitte war ein Teich. »Natürliches Wasserreservoir, wenn Glen Ellen einmal Wasser kaufen muß«, sagte Billy. »Sieh dort am unteren Ende – es würde fast nichts kosten, einen Deich quer hindurch zu ziehen. Und ich kann auch eine Leitung anlegen und alles, was von den Hügeln herabrieselt, auffangen. Und Wasser wird Geld hier im Tal und das, ehe tausend Jahre vergangen sind. Und all die Schwachköpfe, die nicht sehen, was kommen wird, na ja, und die Inspektoren, die das Tal mit einer elektrischen Bahn von Sausalito mit einer Seitenbahn durch das Napatal beglücken wollen!«

Sie erreichten den Rand des Wildwasser-Canyons, und, sich im Sattel zurücklehnend, ließen sie die Pferde eine steile Böschung hinabgleiten und gelangten durch große Kiefernwälder auf einen alten, ganz verwischten Pfad.

»Dieser Weg ist in den Fünfzigern angelegt«, erklärte Billy. Es war der reine Zufall, daß ich ihn fand. Ich fragte gestern Poppe danach – er ist hier im Tal geboren. Er sagte, das war damals, als die Goldgräber von Petaluma herüberkamen. – Aber das waren die reinen Wilden. Es waren Spieler, die ihn anlegten, und sie müssen eine Menge Idioten mitgebracht haben. Kannst du die Ebene dort und die alten Baumstümpfe sehen? Dort hatten sie ihr Lager, und unter den Bäumen errichteten sie ihre Spielbuden. Damals war die Ebene größer, aber der Bach hat ein gut Teil davon weggefressen. Poppe sagte, ein paar Mann wären totgeschlagen und einer gelyncht worden.«

Über den Hals der Pferde gebeugt, arbeiteten sie sich einen schmalen Viehsteig zum Canyon hinan und ritten dann über unebenes Gelände auf die Hügel zu.

»Weißt du, Saxon, du hast dich immer nach allem Schönen umgeschaut. Aber jetzt will ich dir etwas zeigen, das dich sprachlos machen wird – warte nur, bis wir durch diese Manzanitas hindurch sind.«

Nie auf ihrer langen Reise hatte Saxon eine so herrliche Aussicht gesehen wie die, welche sich ihrem Blicke zeigte, als sie aus dem Gebüsch herauskamen. Der halbverwischte Pfad glich einem unregelmäßigen roten Schatten, den die großen Riesentannen und breitästigen Eichen auf den weichen Waldboden geworfen hatten. Es war, als hätten all die verschiedenen Baumarten und Weinranken, die die Vegetation ausmachten, sich verschworen, das laubreiche Dach zu flechten. Ahorn, große Madronjos und Lorbeerbäume, hohe Eichen mit braungelber Rinde, abgeschält und verflochten mit wildem Wein und flammenden Gifteichen. Saxon lenkte Billys Aufmerksamkeit auf eine mit Farnen bedeckte Moosbank. Es war, als ob alle Hänge sich trafen, um diese mächtige Höhle und Laubhütte in der Tiefe des Waldes zu bilden. Der Boden zu ihren Füßen war feucht wie ein Schwamm. Ein unsichtbarer Wasserlauf rieselte unter breitblättrigen Farnen. Zu allen Seiten waren bezaubernde Durchblicke, wo junge Riesentannen schweigend und stattlich um gefallene Hünen standen, die den Pferden bis zur Schulter reichten und mit Moos bedeckt waren, während ihre Stämme und Wurzeln sich langsam mit der weichen Erde mischten.

Schließlich, nach noch einer Viertelstunde, banden sie die Pferde am Rande des schmalen Canyons an, der sich durch die Wildnis bis zu den Hügeln wand. Durch eine Öffnung zwischen den Bäumen wies Billy auf die Wipfel der sich neigenden Kiefern.

»Gerade darunter ist es«, sagte er. »Wir müssen dem Bachbett folgen. Ein Weg existiert nicht, aber du kannst sehen, daß es viele Stellen gibt, wo die Tiere über den Bach setzen. Du mußt dich auf nasse Füße gefaßt machen.«

Saxon lachte vergnügt und hielt sich dicht hinter ihm, während sie durch kleine Wasserpfützen plätscherten und auf Händen und Füßen die glatten Seiten des Felsens erklommen, wo das Wasser sein verheerendes Werk verrichtet hatte. Vorsichtig gingen sie unter den Stämmen alter, gestürzter Bäume hindurch.

»Der Berg hat keinen richtigen Felskern«, sagte Billy belehrend. »Das Wasser schneidet immer tiefer ein, und deshalb stürzen die Seiten zusammen. Sie sind so steil, daß sie gerade noch stehen können, ohne ganz einzustürzen. Etwas höher hinauf ist der Canyon kaum etwas anderes als ein Spalt im Boden, aber ein mächtig tiefer Spalt, das kannst du sagen, wenn dich einer fragen sollte. Man kann hinüber spucken, man kann sich aber auch den Hals darin brechen.«

Ihr Vorwärtskommen wurde immer schwieriger und schließlich wurden sie von einer engen Schlucht aufgehalten, wo eine Menge Treibholz sich auf ihrem Wege aufgehäuft hatte.

»Bleib du hier«, sagte Billy. Dann legte er sich flach auf den Boden und kroch durch das Gebüsch, das unter ihm krachte und knisterte.

Saxon wartete, bis das letzte Geräusch verschwunden war. Sie wartete noch zehn Minuten, und dann folgte sie Billy auf dem Wege, den er gebahnt hatte. An der Stelle, wo das Flußbett ganz unwegbar wurde, gelangten sie zu einem Hirschwechsel. Er lief den steilen Fels hinauf und bildete einen Tunnel in dem dichten Grün. Dann sahen sie einen Schimmer der sich neigenden Kiefer, gerade über ihren Köpfen, und kamen zu einem kleinen klaren Waldsee, der sich auf dem Grunde einer aus Lehmboden bestehenden Senkung befand. Diese Senkung war in jüngerer Zeit entstanden, offenbar dadurch, daß der Boden und die Bäume abgerutscht waren. Auf der andern Seite des Waldsees erhob sich eine fast senkrechte Wand. Sie wußte gleich, was es war, und sah sich nach Billy um. Da hörte sie ihn pfeifen und sah auf. Zweihundert Fuß über ihr ein der weißen Wand, dicht unter dem Gipfel stand er und hielt sich an einem Baum fest. Der Abgrund war nur wenige Schritt von ihm entfernt.

»Ich kann die kleine Wiese hinter deinem Feld sehen«, rief er ihr zu. »Kein Wunder, daß dies nie jemand aufgestöbert hat. Die einzige Stelle, von wo man es sehen kann, ist das bißchen Wiese. Und du warst es, die es zuerst sah. Warte, bis ich herunterkomme – dann will ich dir alles erzählen. Ich habe es nicht früher gewagt.«

Man brauchte nicht besonders klug zu sein, um die Wahrheit zu erraten, und Saxon war sich denn auch gleich klar darüber, daß es der kostbare Lehm war, den die Ziegelei brauchte. Billy ging in einem großen Bogen um den Erdrutsch herum und arbeitete sich langsam an der Seite des Canyons von Baum zu Baum, als kletterte er eine Leiter herab.

»Ist das nicht großartig?« sagte er triumphierend, als er sich neben ihr herabgleiten ließ. »Sieh nur – so hat es dagelegen, unter vier Fuß Erde verborgen, wo niemand es sehen konnte, ja, da hat es gelegen und gewartet, bis wir ins Mondtal kämen. Und da – bitte, da wird ein großes Stück hübsch abgeschält, so daß wir es sehen können.«

»Ist es denn der richtige Lehm?«

»Ja, darauf kannst du deinen Kopf wetten! Ich habe zu viel davon in den Händen gehabt, daß ich es nicht im Dunkeln erkennen sollte! Du brauchst nur ein kleines Stück zwischen den Fingern zu zerreiben – so! Ja, ich könnte es schon am Geschmack merken. Ich habe genug von dem Staub geschluckt, wenn ich mit den Arbeitern im Wagen fuhr. Aber jetzt sollst du nur sehen! Weißt du, daß wir, seitdem wir in dieses Tal kamen, nichts getan haben, als uns die Köpfe zu zerbrechen. Aber jetzt haben wir ausgesorgt.«

»Aber es gehört dir ja nicht«, wandte Saxon ein.

»Nun ja, aber dir wird kein graues Haar wachsen, bis es das tut. Von hier geht es direkt zu Payne, und dann schließe ich mit ihm ab. Vorkaufsrecht, verstehst du. Und unterdessen beschaffe ich das Geld. Wir müssen die vierhundert von Gow Yum leihen, und ich nehme, soviel ich kriegen kann, auf meine Pferde und Wagen und auf Hazel und Hattie und alles, was sonst ein bißchen Wert hat, auf. Und dann gebe ich Hilyard auf den Rest eine Hypothek, und es gehört mir. Ja, und übrigens – es ist, als nähme man einem kleinen Kind seinen Schnuller! Ich schließe mit der Ziegelei um zwanzig Cent das Meter ab – vielleicht mehr. Sie werden ganz toll vor Freude, wenn sie es sehen. Sie brauchen gar nicht zu bohren. Zu beiden Seiten liegen fast zweihundert Fuß, die freigelegt sind. Der ganze Hügel besteht aus Lehm, mit einer dünnen Erdschicht darüber.«

»Aber verdirbst du denn nicht den herrlichen Canyon, wenn du allen Lehm hin und her fährst?« rief Saxon erschrocken.

»Nein, nichts als den Hügel. Der Weg kommt von der andern Seite herab. Es sind nur zehn Minuten bis zu Chavons Lehmgrube. Ich will entweder den Weg selbst anlegen und mehr für die Fuhrmannsarbeit verlangen, oder die Ziegelei kann ihn anlegen, und dann besorge ich die Fuhrmannsarbeit zum selben Preise wie bisher. Ich muß sicher mehr Pferde kaufen, um die Arbeit leisten zu können.«

Sie saßen Hand in Hand an dem kleinen Waldweg, um alle Einzelheiten zu bereden.

»Und weißt du, Saxon«, sagte Billy, als eine Pause eintrat, »jetzt mußt du singen: ›Wenn die Tage des Herbstes vorbei!‹ Du willst doch?«

Und als sie getan, um was er gebeten, sagte er: »Als du mir das Lied zum erstenmal vorsangst, saßen wir in der Eisenbahn –«

»Es war das allererste Mal, daß wir ums getroffen hatten«, fiel sie ihm ins Wort. »Was dachtest du damals von mir?«

»Dasselbe, was ich seither immer gedacht habe – daß du wie für mich geschaffen warst. Das dachte ich sofort, als wir den ersten Walzer tanzten. Und was dachtest du von mir?«

»Ach, ich mußte darüber nachdenken – und zwar gleich, als wir uns vorgestellt waren und uns die Hand gegeben hatten – ich mußte darüber nachdenken, ob du vielleicht der Rechte wärst. Ja, der Gedanke erstand im selben Augenblick in mir: Ist das der Mann?«

»Da fandest du also, daß ich nett aussah?« fragte er.

»Das fand ich, und meine Augen sind immer gut gewesen.«

»Weißt du«, sagte Billy, plötzlich zu einem andern Gegenstand übergehend, »nächsten Winter, wenn alles erst richtig im Gang ist – was meinst du dann dazu, eine Fahrt nach Carmel zu machen! Dann ist stille Zeit für dich und dein Gemüse, und ich kann es mir wohl auch leisten, mir einen Vorarbeiter zu nehmen.«

Zu seinem großen Erstaunen war Saxon nicht begeistert.

»Was ist los?« fragte er eifrig.

Langsam und zögernd, mit ehrbar niedergeschlagenen Augen, sagte Saxon:

»Ich habe gestern etwas getan, ohne mich mit dir zu beraten, Billy.«

Er wartete.

»Ich schrieb an Tom«, sagte sie mit furchtsamer Miene, als legte sie ein Bekenntnis ab.

Er wartete immer noch – er wußte selber nicht, worauf.

»Ich bat ihn, mir die alte Kommode zu schicken – du weißt, die von meiner Mutter – die er für uns aufbewahren sollte.«

»Hm! Dabei ist doch nichts Merkwürdiges!« sagte Billy erleichtert. »Wir können die Kommode ja gebrauchen – nicht wahr? Wir können uns auch die Fracht leisten, nicht wahr?«

»Du bist lieb, Billy, aber du bist doch ein bißchen dumm. Weißt du denn nicht, was in der Kommode ist?«

Er schüttelte den Kopf, und sie sagte so leise, daß es fast wie ein Flüstern klang:

»Das Kinderzeug.«

»Aber nein!« rief er.

»Ja, es ist wahr.«

»Ganz sicher?«

Sie nickte, und eine warme Röte stieg ihr hastig in die Wangen.

»Das habe ich mir gewünscht, Saxon, mehr als alles andere auf der Welt. Ich habe, seit wir ins Tal kamen, immer wieder daran gedacht«, fuhr er mit halberstickter Stimme fort, und zum erstenmal sah sie, daß er Tränen in den Augen hatte. »Aber nach allem, was ich getan hatte, nach all dem Krach, den ich gemacht hatte – da – wollte ich dich nicht quälen, ich habe auch nie ein Wort davon gesagt. Aber ich sehnte mich danach – ich sehnte mich danach, wie ich mich jetzt nach dir sehne.«

Er breitete die Arme aus, und sie schmiegte sich an seine Brust, und eine selige Stille senkte sich auf den kleinen Wildsee im Herzen des Canyons.

Saxon fühlte, wie Billy ihr warnend den Finger auf die Lippen legte. Sie bog den Kopf zurück, und zusammen sahen sie zu dem kleinen Hügel auf, wo ein Reh mit seinen gesprenkelten Kitzlein stand und sie durch eine winzige Lichtung zwischen den Bäumen betrachtete.

* * *

 

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