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Das Mondtal

Jack London: Das Mondtal - Kapitel 18
Quellenangabe
authorJack London
titleDas Mondtal
publisherUniversitas
year1929
translatorErwin Magnus
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Sie wurden von Possum geweckt, der ärgerlich ein Eichhörnchen ausschalt, weil es nicht herunterkommen und sich töten lassen wollte. Das Eichhörnchen plauderte und war so geschwätzig, daß Possum in seiner Wut einen wahnsinnigen Versuch machte, den Baum zu erklettern, und Billy und Saxon lachten und amüsierten sich köstlich über den Ärger des Terriers.

»Wenn wir uns hier niederlassen, dann werden keine Eichhörnchen geschossen«, sagte Billy.

Saxon drückte ihm die Hand und stand auf. Vom Hang ertönte das Singen einer Lerche.

»Jetzt haben wir alles, was wir uns wünschen können«, sagte sie mit einem glücklichen Seufzer.

»Ja, außer den Papieren für den Hof«, berichtigte Billy.

Nach einem hastigen Frühstück begannen sie Untersuchungen anzustellen, folgten der unregelmäßigen Grenze und gingen mehrmals vom Zaun zum Bach und wieder zurück. Sieben Quellen fanden sie am Fuße des Hanges bei der Wiese.

»Hier haben wir Wasser«, sagte Billy. Wenn die Wiese dräniert und die Erde ordentlich durchgearbeitet wird, so kann man sich mit Dünger und all dem Wasser eine Ernte nach der andern das ganze Jahr hindurch verschaffen. Es müssen fünf Morgen von diesem Boden sein, und ich möchte nicht mit Frau Mortimer tauschen.«

Sie standen in einem alten Obstgarten auf dem Hange, wo sie siebenundzwanzig sehr vernachlässigte, aber im übrigen gute und große Bäume gezählt hatten.

»Und oben auf dem Hang, hinter dem Hause, können wir Obststräucher ziehen.« Saxon schwieg, ein neuer Gedanke beschäftigte sie. »Wenn nur Frau Mortimer herkommen und uns beraten wollte! – Glaubst du nicht, daß sie das tun würde, Billy?«

»Selbstverständlich will sie. Es sind nicht mehr als vier Stunden von San José. Aber zuerst müssen wir sehen, die Geschichte zu kriegen. Dann kannst du ihr ja immer noch schreiben.«

Der Sonomabach bildete die Grenze des kleinen Gehöfts auf der einen langen Seite, zwei Seiten wurden von dem Zaun und die vierte vom Wildwasser begrenzt.

»Denk dir – daß wir die zwei schönen Menschen zu Nachbarn bekommen«, sagte Saxon nachdenklich. »Der Bach bildet die Grenze zwischen ihrem und unserm Hof.«

»Es ist noch nicht unser Hof«, meinte Billy. »Laß uns hingehen und sie besuchen. Sie können uns vielleicht über alles Bescheid sagen.«

»Es ist schon so gut wie unser«, antwortete sie. »Die Hauptsache war, es zu finden. Und wem das Haus auch gehört, so hat er sich jedenfalls nichts daraus gemacht. Seit langer, langer Zeit hat niemand hier gewohnt. Und – ach, Billy, bist du denn zufrieden?« »Ich bin mit jeder Kleinigkeit zufrieden«, gab er ehrlich zu, »jedenfalls, soweit es reicht. Aber das Unglück ist, daß es nicht weit genug reicht.«

Ihr enttäuschter Ausdruck ließ ihn indessen seinen Lieblingstraum aufgeben.

»Wir kaufen es – darüber reden wir nicht mehr«, sagte er. »Aber hinter der Wiese ist so viel Wald, daß es nicht viel Weide gibt, nur gerade genug für ein paar Pferde und eine Kuh. Aber das muß alles warten. Wir können nicht alles auf einmal haben, und was da ist, ist richtig.«

»Dann nennen wir es eben einen Anfang«, tröstete sie ihn. »Später können wir ja mehr dazu kaufen – vielleicht das Stück am Wildwasser bis zu den drei Hügeln, die wir gestern sahen –«

»Wo ich sagte, daß meine Pferde weiden könnten«, sagte er, und seine Augen leuchteten bei dem Gedanken. »Ja, warum nicht? Es ist so viel in Erfüllung gegangen, seit wir unsere Wanderung begannen, so wird auch das in Erfüllung gehen.«

»Wir können ja arbeiten, um es zu erreichen, Billy.«

»Ja, wir wollen arbeiten wie der Teufel«, erklärte er.

 

Sie gingen durch die primitive Gartenpforte und einen Weg entlang, der sich durch ein Stück gepflegten Waldes schlängelte. Es war nicht das geringste vom Hause zu sehen, bis sie ganz plötzlich zwischen den Bäumen standen, die es umgaben. Es war ein achteckiges Haus und so gut in seinen Verhältnissen, daß seine zwei Stockwerke nicht hoch wirkten. Das Haus gehörte auf den Platz. Es war mit dem Boden verwachsen wie die Bäume. Es war kein Garten im üblichen Sinne, der Wald reichte bis zur Tür. Die Haustür mit dem niedrigen Vorbau lag nur eine Stufe über dem Boden. »Trillium Zuflucht« stand mit seltsam geschnitzten Buchstaben über der Tür.

»Kommt nur herauf, Kinderchen«, ertönte eine Stimme aus dem oberen Stock, als Saxon anklopfte.

Sie traten zurück und sahen einen Balkon, von wo die kleine Frau zu ihnen herablächelte. Sie trug ein loses Hauskleid aus weichem rosa Stoff und erinnerte Saxon wieder an eine Blume.

»Macht nur die Tür auf und kommt – den Weg findet ihr schon selber«, lautete ihre Anweisung.

Saxon ging voran, und Billy folgte ihr auf den Fersen. Sie kamen in eine helle Stube mit vielen Fenstern und einem großen Granitkamin, in dem große Scheite schwelten. Auf dem steinernen Bord über dem Kamin stand eine mächtige, mit Herbstlaub und feinen leichten Weinranken gefüllte mexikanische Vase. Die Wände waren mit Holz in einer warmen natürlichen Farbe bekleidet, das schwach gebeizt, aber nicht poliert war. Die Luft war rein und angenehm, mit einem starken Duft von Holz. In einer Ecke der Stube stand ein Nußbaumharmonium, in einer andern Ecke befanden sich Regale mit vielen Büchern. Durch die Fenster über einer niedrigen Ruhebank, die offenbar gebraucht wurde, konnte man die friedliche Herbstlandschaft mit gelben Bäumen und verblichenem Gras sehen; viel betretene Gänge führten nach allen Richtungen über den kleinen Hof. Eine schöne kleine Treppe ging an mehreren Fenstern vorbei nach dem oberen Stock. Dort stand die kleine Frau, empfing sie und führte sie in eine Stube, die, wie Saxon sofort sah, ihre eigene war. Auch hier gab es viele Fenster und Bücherregale, von dem langen Fensterbrett bis zum Fußboden. Überall standen und lagen Bücher, auf dem Arbeitstisch, auf dem Ruhebett und im Schreibpult. In dem offenen Fenster stand wieder eine Vase mit Herbstlaub, und der ganze Raum war von derselben Anmut und Feinheit geprägt wie die kleine braune Frau selbst, die sich auf einen winzigen Kinderschaukelstuhl aus spanischem Rohr setzte, der leuchtend rot gestrichen war.

»Ja, es ist ein komisches Haus«, sagte Frau Hale mit frohem, jungmädchenhaften Lachen. »Aber wir lieben es. Edmund hat es mit eigenen Händen gemacht, selbst die Klempnerarbeit – obgleich es ihm sehr schwer wurde, bis es klappte.«

»Auch den Fußboden unten und den Herd?« fragte Billy.

»Alles, alles!« antwortete sie stolz. »Und die Hälfte von den Möbeln. Das Zedernholzpult dort und den Tisch – alles mit eigenen Händen.«

»Und dabei sind es so zarte Hände«, rief Saxon unwillkürlich.

Frau Hale warf ihr einen schnellen Blick zu, und ein dankbarer Ausdruck trat in ihr lebhaftes Gesicht.

»Sie sind zart«, sagte sie mit weicher Stimme, »die zartesten Hände, die ich je gekannt habe. Und es ist lieb von Ihnen, daß Sie das bemerkt haben, denn Sie sahen ihn ja nur gestern im Vorbeifahren.«

»Ich konnte es einfach nicht lassen«, sagte Saxon.

Ihr Blick glitt von Frau Hale auf die Wand hinter ihr, die mit einem reizenden Muster von Bienenwaben, hie und da mit goldenen Bienen, geschmückt war. An der Wand hingen einige wenige eingerahmte Bilder.

»Sie stellen nur Menschen vor«, sagte Saxon, die sich der schönen Gemälde in Mark Halls Villa erinnerte.

»Meine Landschaftsbilder habe ich dort«, antwortete Frau Hale und wies zum Fenster hinaus. »Drinnen will ich nur Bilder von meinen Lieben haben, die nicht immer bei mir sein können. Einige davon sind schreckliche Landstreicher.«

»Ach!« Saxon war aufgestanden und betrachtete eine Photographie. »Sie kennen Klara Hastings?«

»Das sollte ich meinen. Ich bin ihr wie eine Mutter gewesen. Sie kam als kleines Kind zu mir, und ihre Mutter war meine Schwester. Wissen Sie, daß sie ihr verblüffend ähnlich sehen? Das sagte ich auch gestern zu Edmund, und er hatte es auch schon bemerkt. Kein Wunder, daß ich mich gleich so zu euch beiden hingezogen fühlte, als ihr mit den schönen Pferden angefahren kamt.«

So war Frau Hale also die Tante Klaras, und gehörte auch zu dem alten Geschlecht, das über die Prärie gewandert war. Saxon wußte jetzt erst, warum sie sie so sehr an ihre eigene Mutter erinnerte.

Das Gespräch entglitt Billy ganz, der nur immer die Einzelheiten der Tischlerarbeit am Zedernholzpult bewunderte. Saxon erzählte, wie sie Klara und Jack Hastings auf ihrer Jacht und auf der Fahrt in Oregon getroffen hätten. Sie seien immer noch auf der Reise, sagte Frau Hale, hätten ihre Pferde von Vancouver heimgeschickt und wären mit einem Dampfer der Kanada-Pazifik-Linie nach England gefahren. Frau Hale kannte Saxons Mutter oder vielmehr ihre Gedichte und zeigte ihr nicht nur die »Geschichte der Reihen«, sondern auch ein dickes Buch mit vielen aus Zeitungen ausgeschnittenen Gedichten, die Saxon nie gesehen hatte. Sie sei eine gute Sängerin gewesen, sagte Frau Hale, aber so viele hätten in jenen goldenen Tagen gesungen und seien seither vergessen worden. Es hatte damals noch nicht ein ganzes Heer von Magazinen gegeben, und die Gedichte waren mit den verschiedenen lokalen Zeitungen verloren gegangen.

Jack Hastings hatte sich in Klara verliebt, wie sie weiter erzählte; bei einem Besuch in »Trillium Zuflucht« hatte er sich in das Sonomatal verliebt und einen prachtvollen Hof gekauft, von dem er jedoch nicht viel Freude hatte, da er die meiste Zeit auf Reisen in allen Weltteilen verbrachte. Frau Hale erzählte von ihrer eigenen Wanderung über die Prärie gegen Ende der fünfziger Jahre, als sie noch ein kleines Mädchen war, und wie Frau Mortimer wußte sie sehr gut Bescheid über den Kampf bei Little Meadow und die Vernichtung des Emigrantenzuges, dessen einziger Überlebender Billys Vater gewesen war.

»Und so«, schloß Saxon eine Stunde später, »haben wir drei Jahre lang unser Mondtal gesucht, und jetzt haben wir es gefunden.«

»Mondtal?« fragte Frau Hale. »Da habt ihr es also die ganze Zeit gewußt? Aber warum habt ihr denn so lange gewartet?«

»Nein, wir haben es nicht gewußt, wir zogen nur aus, um es zu suchen, ohne das geringste davon zu wissen. Mark Hall nannte es eine Pilgerfahrt und neckte uns immer, daß wir lieber lange Stäbe mitbringen sollten. Er sagte, wenn wir den Ort fänden, würden wir es daran erkennen, daß die Stäbe ausschlügen. Er lachte über all die Herrlichkeiten, die wir in unserm Tal zu finden erwarteten, und eines Tages zog er mich auf die Veranda hinaus und zeigte mir durch ein Glas den Mond. Er sagte, das sei die einzige Stelle, wo wir ein solches Wundertal finden könnten. Er meinte natürlich, es sei nur ein Traum, und wir nannten es schon selber so und suchten weiter danach.«

»Das ist doch ein merkwürdiger Zufall«, rief Frau Hale. »Denn dies ist ja eben das Mondtal.«

»Das weiß ich sehr gut«, sagte Saxon ruhig und zuversichtlich, »denn hier ist alles, was wir uns gewünscht haben.«

»Aber Sie verstehen mich nicht, Kind. Dies ist wirklich das Mondtal – das Sonomatal. Sonoma ist ein altes Indianerwort, das Mondtal bedeutet. So nannten die Indianer es vor vielen Generationen, ehe die ersten Weißen hierherkamen. Und wir, die es lieben, nennen es immer noch so.«

Und da erinnerte sich Saxon der geheimnisvollen Andeutungen, die Hastings und seine Frau gemacht hatten, und die Unterhaltung zwischen den beiden Frauen wurde fortgesetzt, bis Billy ungeduldig wurde. Er räusperte sich und ergriff selbst das Wort: »Wir möchten gern etwas über den Bauernhof auf der anderen Seite des Baches erfahren – wem er gehört, ob er zu verkaufen ist, wo wir den Besitzer finden und so weiter.«

Frau Hale stand auf.

»Lassen Sie uns hineingehen und mit Edmund sprechen«, sagte sie, ergriff Saxons Hand und ging mit ihr voraus.

»Sieh einmal«, sagte Billy, der sie hoch überragte. »Ich habe immer gedacht, daß Saxon klein war, aber es könnten doch zwei wie Sie aus ihr gemacht werden.«

»Sie sind auch ein großer Mann«, lächelte die kleine Frau, »aber Edmund ist noch größer als Sie und breitschultriger.«

Sie gingen durch das helle Vorzimmer und trafen den großen, schönen Mann in seinem Zimmer, wo er in seinem bequemen Schaukelstuhl saß und las. Neben dem Schaukelstuhl stand wieder ein kleiner rotlackierter Kinderschaukelstuhl aus spanischem Rohr. Auf den Knien des Mannes lag eine ungewöhnlich große gestreifte Katze, die den Blick auf ein Stück Brennholz im Kamin richtete. Wie ihr Herr, wandte sie den Eintretenden den Kopf zu, um sie willkommen zu heißen. Saxon fühlte wieder die Liebe und den Segen, die ihr entgegenströmten aus dem Gesicht dieses Mannes, seinen Augen und von seinen Händen, die ihr Blick ganz unwillkürlich suchte. Die Zartheit dieser Hände bezauberte sie direkt. Es waren zärtliche Hände. Es waren Hände, die von einem Männertyp erzählten, von dem sie sich nie etwas hatte träumen lassen. Niemand in der heiteren Schar in Carmel hatte sie ahnen lassen, daß ein solcher Mann existierte. Das dort waren Künstler gewesen. Hier war der Wissenschaftler, der Philosoph. Statt dem leidenschaftlichen Aufruhrdrang der Jugend stand sie hier dem in Weisheit begründeten Wohlwollen gegenüber. Diese zarten Hände hatten alle Bitternis des Lebens von sich gestoßen und nur seine Süße behalten. So gern sie auch die heitere Schar in Carmel hatte, schauderte ihr doch bei dem Gedanken, wie einige von ihnen wohl im Alter sein würden – namentlich der Theaterkritiker und der Eisenmann.

»Hier hast du die beiden lieben Kinder, Edmund«, sagte Frau Hale. »Und kannst du dir denken – sie wollen die Madronjoranch kaufen. Sie haben drei Jahre lang danach gesucht – aber ich habe übrigens vergessen zu erzählen, daß wir zehn Jahre lang nach ›Trillium Zuflucht‹ gesucht haben. Erzähl ihnen jetzt alles, was du weißt. Herr Naismith will wohl immer noch verkaufen?«

Sie setzten sich auf die großen einfachen Stühle; Frau Hale in den winzigen Schaukelstuhl neben dem großen, und ihre feine Hand lag wie eine Ranke in der Edmunds. Und während Saxon zuhörte, erfaßte ihr Blick alle Einzelheiten des strengen Raumes mit den hohen Bücherregalen. Ihr begann aufzugehen, daß ein Gebäude aus Holz und Stein sehr wohl dem Geist des Mannes, der es sich erdacht und erschaffen hat, Ausdruck verleihen kann. Die zarten Hände hatten alles dies geschaffen – selbst die Möbel – wie sie sich sagte, während ihr Blick vom Pult zum Stuhl, vom Arbeitstisch zum Lesetisch neben dem Bett in dem anderen Zimmer schweifte, wo eine Lampe mit grünem Schirm stand und große geordnete Stapel von Zeitschriften und Büchern lagen.

Mit der Madronjoranch, sagte er, sei es sehr einfach. Naismith wolle verkaufen. Er wolle schon seit fünf Jahren verkaufen, seit er angefangen habe, die Mineralquellen weiter abwärts im Tal zu erschließen. Es sei ein Glück, daß er der Besitzer sei, denn fast der ganze Boden in der Gegend gehöre einem Franzosen – einem Ansiedler aus der frühesten Zeit – der auch nicht einen Fußbreit verkaufen wolle. Er sei Bauer mit der ganzen Liebe des Bauers zu seiner Erde, und diese Liebe sei bei ihm zu einer Art Besessenheit, einer Krankheit geworden. Er sei ein Geizhals mit seinem Bodengeiz. Da er aber gleichzeitig ein schlechter Geschäftsmann, alt und eigenwillig wäre, sei er doch ein armer Mann, und es sei eine offene Frage, was zuerst kommen würde – sein Tod oder sein Konkurs.

Die Madronjoranch gehörte Naismith, der den Boden auf fünfzig Dollar den Morgen taxierte. Das machte tausend Dollar, denn es waren zwanzig Morgen. Als landwirtschaftliche Spekulation und nach alten Methoden bewirtschaftet, war es das nicht wert. Als Geschäftsspekulation, ja, denn die Außenwelt hatte gerade jetzt das Tal und seine Möglichkeiten entdeckt, es gab keine bessere Lage für ein Sommerheim. Und als Spekulation in Freude an einer schönen Umgebung und einem herrlichen Klima war es tausendmal den Preis wert, der verlangt wurde. Und er wußte, daß Naismith den Hauptbetrag lange stunden würde. Edmunds Vorschlag ging darauf hinaus, daß sie das Haus auf zwei Jahre mit Vorkaufsrecht pachten sollten, so daß die Pacht von der Kaufsumme abgezogen würde, wenn sie sich dazu entschlössen. Naismith hatte einmal ein gleiches Arrangement mit einem Schweizer gehabt, der eine monatliche Abgabe von zehn Dollar bezahlte. Dann aber war seine Frau gestorben, und er hatte alles aufgegeben.

Edmund erriet bald, daß Billy hier zu einer Entsagung gezwungen war, wenn ihm auch nicht ganz klar wurde, worauf diese Entsagung hinausging, und durch ein paar Fragen erfuhr er, was es war – der alte Ansiedlertraum von mächtigen Landstrecken, von Vieh, das auf hundert Hügeln weidete, und von hundertundsechzig Morgen Land als Minimum für ein Gütchen.

»Aber Sie brauchen all das Land gar nicht, mein lieber junger Freund«, sagte Edmund milde, »ich sehe, Sie verstehen wirklich etwas von intensiver Landwirtschaft. Haben Sie je an Pferdezucht gedacht?«

Billy blieb der Mund offenstehen, so lähmend neu erschien ihm der Gedanke. Er versuchte, ihn durchzudenken, konnte aber die beiden Dinge nicht miteinander vereinigen. Ein ungläubiger Ausdruck trat in seine Augen.

»Das müssen Sie mir zuerst erklären«, rief er.

Der Ältere lächelte freundlich.

»Lassen Sie uns sehen! Erstens brauchen Sie die zwanzig Morgen nur zum Ansehen. Die Wiese ist fünf Morgen groß. Sie brauchen nicht mehr als zwei, um vom Verkauf des Gemüses leben zu können. In Wirklichkeit können Sie und Ihre Frau, selbst wenn Sie von Tagesanbruch bis zum Dunkelwerden arbeiten, nicht einmal die beiden Morgen ordentlich bewirtschaften. Bleiben drei Morgen übrig. Sie haben reichlich Wasser von den Quellen. Sie dürfen sich nicht mit einer Ernte im Jahr begnügen wie die andern unmodernen Landwirte hier im Tal. Betreiben Sie alles, wie Sie das Stückchen mit Gemüse betreiben, bis zur äußersten Tragfähigkeit des Bodens und das ganze Jahr hindurch, in Ernten, die zum Futter für Pferde benutzt werden können, und indem Sie beständig berieseln, düngen und Wechselwirtschaft betreiben. Auf den drei Morgen können Sie so viele Pferde halten wie auf einem, Gott mag wissen, wie großen Areal vernachlässigter, unbesäter Weide. Denken Sie über die Sache nach. Ich will Ihnen Bücher über den Gegenstand leihen. Ich weiß nicht, wie groß Ihre Ernten werden, und weiß auch nicht, wieviel ein Pferd frißt – das müssen Sie selber herauszufinden suchen. Aber ich bin ganz sicher, daß Sie sich, wenn Sie sich einen Mann mieten, der Ihrer Frau bei dem Gemüse helfen kann, allmählich so viele Pferde anschaffen können, wie Sie auf Ihren drei Morgen ernähren können. Und dann wird es Zeit sein, mehr Boden, mehr Pferde, mehr Reichtum zu erwerben, wenn das Sie glücklich macht.«

Billy verstand ihn und brach begeistert aus:

»Sie verstehen etwas von Landwirtschaft, das muß ich sagen!«

Edmund sah seine Frau lächelnd an.

»Sag du ihm, was du dazu meinst, Annette.«

Ihre blauen Augen funkelten, als sie der Aufforderung nachkam.

»Der liebe Mensch, er betreibt nie die geringste Landwirtschaft und hat es nie getan. Aber er versteht sich darauf.« Sie machte eine Handbewegung über die gefüllten Bücherregale an den Wänden. »Er studiert das Gute. Er studiert alles Gute, das alle guten Männer unter der Sonne verrichtet haben. Sein Vergnügen ist es, zu lesen und Tischlerarbeiten zu verfertigen.«

»Vergiß nicht Dulcie«, protestierte Edmund sanft.

»Ja, und Dulcie!« Annette lachte. »Dulcie ist unsere Kuh. Jack Hastings kann sich nie darüber klar werden, ob Edmund Dulcie mehr liebt oder Dulcie Edmund. Wenn er nach San Franzisko reist, ist Dulcie ganz verzweifelt. Und das ist Edmund auch, und es endet damit, daß er Hals über Kopf heimkommt. Ja, ich bin oft ganz eifersüchtig auf Dulcie gewesen. Aber ich muß gestehen, daß er sie wie kein anderer zu nehmen weiß.«

»Ja, das ist der einzige praktische Gegenstand, den ich aus Erfahrung kenne«, bestätigte Edmund. »Ich bin eine Autorität in bezug auf Jersey-Kühe. Wenn Sie einen guten Rat brauchen, so wenden Sie sich nur an mich.«

Er stand auf und trat an die Bücherregale, und sie sahen, wie groß und gut gewachsen er war. Er blieb mit einem Buch in der Hand stehen, um eine Frage zu beantworten, die Saxon an ihn richtete. Nein, es gäbe keine Moskitos, wenn auch in einem Sommer, als der Südwind volle drei Tage wehte – etwas ganz Unerhörtes –, ein paar Moskitos von der San Pablo-Bucht hergekommen wären. Und was den Nebel beträfe, so sei er es, der das Tal zu dem machte, was es wäre. Und da es im Schutz des Sonomaberges läge, gehörten die Nebel fast immer den höheren Luftschichten an. Sie kämen vom vierzig Meilen entfernten Ozean, stießen dann gegen den Sonomaberg und würden hoch in die Luft getrieben. Und noch eines – ›Trillium Zuflucht‹ und die Madronjoranch lägen sehr geschützt in einem schmalen Wärmegürtel, so daß die Temperatur an den kalten Wintermorgen mehrere Grad höher als im übrigen Tal sei. In Wirklichkeit sei Frost etwas sehr Seltenes im Wärmegürtel, was deutlich daraus hervorginge, daß man mit Erfolg gewisse Apfelsinen- und Zitronenarten gezüchtet hätte.

Edmund las ihnen weiter Titel vor und nahm Bücher heraus, bis er einen ganzen Stapel zusammen hatte. Er schlug das oberste, Bolton Halls »Drei Morgen und Freiheit« auf und las ihnen von einem Manne vor, der sechshundertundfünfzig Meilen jährlich ging, um auf veraltete Weise zwanzig Morgen zu bebauen, von denen er dreitausend Scheffel schlechter Kartoffeln erntete, und von einem andern Mann, einem »modernen« Landwirt, der nur fünf Morgen bebaute, zweihundert Meilen ging und dreitausend Scheffel Frühkartoffeln erntete, die er zu einem weit höheren Preise verkaufte als der erste Mann.

Saxon nahm die Bücher und belud, nachdem sie die Titel gelesen hatte, Billy damit.

»Ihr könnt mehr holen, wenn ihr sie braucht«, sagte Edmund freundlich. »Ich habe Hunderte von Büchern über Landwirtschaft und alle landwirtschaftlichen Berichte –, und sobald ihr einen Tag Zeit habt, müßt ihr kommen und Dulcie kennenlernen«, rief er ihnen nach, als sie durch die Tür schritten.

 

Als Frau Mortimer mit Sämereikatalogen und Büchern über Landwirtschaft kam, fand sie Saxon in den Büchern vergraben, die sie sich von Edmund Hale geliehen hatte. Saxon zeigte ihr alles, und sie war sehr begeistert, auch über den Mietskontrakt und das Vorkaufsrecht.

»Und jetzt«, sagte sie, »wollen wir sehen, wie wir es anpacken. Setzt euch, alle beide! Jetzt haltet ihr Kriegsrat, und ich bin der einzige Mensch in der Welt, der euch erzählen kann, was ihr zu tun habt. Und das sollte ich wohl noch fertigbringen! Ein Mensch, der eine große Bibliothek umgeordnet und katalogisiert hat, sollte wohl noch zwei junge Menschen in Gang bringen können. So, wo wollen wir anfangen?«

Sie bedachte sich einen Augenblick.

»Zunächst ist die Madronjoranch ein ausgezeichneter Kauf. Ich verstehe mich auf Boden, ich verstehe mich auf Klima, ich verstehe mich darauf, was schön ist. Die Madronjoranch ist eine wahre Goldgrube. Es steckt ein Vermögen in ihr. Wie ihr sie bewirtschaften sollt – aber das will ich euch später erzählen. Erstens habt ihr den Boden. Zweitens – was wollt ihr damit machen? Ihr wollt euer Brot damit verdienen? Ja, Gemüse? Selbstverständlich. Was wollt ihr damit machen, wenn ihr es geerntet habt? Verkaufen? Aber wo? – Nun hört mal zu! Ihr müßt es machen wie ich. Ihr müßt den Zwischenhändler ausschalten. Verkauft direkt an den Verbraucher. Trommelt euch euern eigenen Markt zusammen. Wißt ihr, was ich vom Zug aus sah, als ich nur ein paar Meilen von hier durch das Tal fuhr? Hotels, Quellen, Sommerhäuser – Bevölkerung, Menschen, die gefüttert werden wollen: den Markt. Wie wird der Markt versorgt? Ich sah mich vergebens nach Handelsgärtnereien um! Billy, spannen Sie die Pferde vor den Wagen und machen Sie mit Saxon und mir eine Spazierfahrt. Um das übrige braucht ihr euch vorläufig nicht zu kümmern. Laßt es nur gehen, wie es will. Hat es einen Zweck zu fahren, wenn man nicht einmal die Adresse weiß? Wir wollen uns heute nachmittag nach der Adresse erkundigen. Dann werden wir wissen, wie es steht.«

Aber Saxon fuhr nicht mit. Es war zu viel zu tun; in dem vernachlässigten Hause aufzuräumen und dafür zu sorgen, daß Frau Mortimer eine Stelle hatte, wo sie schlafen konnte. Und Billy und Frau Mortimer kehrten erst spät nach der üblichen Abendbrotzeit zurück.

»Ihr beiden glücklichen Kinder!« begann sie, sobald sie zur Tür hereingetreten war. »Das Tal hat eben angefangen sich zu regen. Hier habt ihr euern Markt. – Nicht eine Konkurrenz in dem ganzen Tal. Mir schien ja schon, daß die Hotels so neu aussahen – Caliente, die Thermalquellen von Boyes, El Verano und die ganze Reihe durch. Und auch in Glen Ellen gibt es drei kleine Hotels, direkt nebeneinander. Oh, ich habe mit allen Besitzern und Verwaltern gesprochen.«

»Sie ist prachtvoll«, sagte Billy bewundernd. »Sie würde direkt zum lieben Gott fahren und mit ihm über Geschäfte reden. Du hättest sie nur sehen sollen.«

Frau Mortimer dankte für das Kompliment und fuhr fort:

»Und wo kommt all das Gemüse her? Mit dem Wagen zwölf und fünfzehn Meilen weit, von Santa Rosa und oben von Sonoma. Das sind die nächsten Höfe, die sich mit Gemüse abgeben, und wenn sie nicht die steigende Nachfrage befriedigen können, was oft geschieht, dann müssen die Verwalter sich das Gemüse aus San Franzisko schicken lassen. Ich habe ihnen Billy vorgestellt, und sie haben sich bereit erklärt, ihn zu unterstützen. Das ist auch besser für sie. Ihr könnt ihnen ebenso gutes Gemüse zum selben Preis liefern. Ihr müßt sehen, daß ihr etwas Besseres liefert, frischeres Gemüse; ihr dürft ja nicht vergessen, daß ihr billiger liefern könnt, weil ihr ein kürzeres Stück zu fahren habt.

Hier gibt es keine ganz frischen Eier, kein Eingemachtes, kein Gelee; aber ihr habt massenhaft Platz auf dem Hang, wo ihr kein Gemüse anbauen könnt. Morgen will ich euch zeigen, wie ihr Hühnerställe und einen Hühnerhof anlegen könnt. Und auch Kapaunen für den Markt in San Franzisko müßt ihr haben. Ihr fangt selbstverständlich klein an damit, nur als Nebengeschäft. Ich werde euch schon Bescheid sagen und euch Bücher schicken. Ihr müßt eure Köpfe anstrengen. Laßt die andern die Arbeit tun. Das müßt ihr euch ein für allemal richtig klarmachen. Es ist immer teurer, jemand zur Beaufsichtigung zu haben als für die Arbeit selbst. Ihr müßt buchführen. Ihr müßt wissen, wie ihr steht. Ihr müßt wissen, was sich lohnt, was sich nicht lohnt, und was sich am besten lohnt. Das werden die Bücher euch sagen. Ich will euch alles zeigen – wenn es so weit ist.«

»Und alles das auf zwei Morgen!« murmelte Billy.

Frau Mortimer warf ihm einen strengen Blick zu.

»Was ist das für ein Unsinn mit zwei Morgen?« sagte sie strenge. »Fünf Morgen! Und dabei könnt ihr nicht einmal die Nachfrage befriedigen. Und Sie, mein junger Freund, werden schon nebst Ihren Pferden genug zu tun bekommen, um die Wiese zu dränieren, wenn der erste Regen kommt. Das werden wir alles morgen besprechen. Auch die Frage bezüglich des Beerenobstes auf dem Hang – und feiner Spaliertrauben – zum Rohessen. Dafür erzielen Sie direkt phantastische Preise. Und Brombeeren – Burbanks, er lebt in Santa Rosa – Loganbeeren, Mammutbeeren. Aber verschwendet keine Zeit auf Erdbeeren. Das ist eine ganze Arbeit für sich. Die sind nicht wie Weinstöcke, versteht ihr? Ich habe den Obstgarten untersucht. Es ist gutes Material, das nur bearbeitet werden muß. Später können wir über Okulieren und dergleichen reden.«

»Aber Billy will doch drei Morgen von der Wiese haben«, erklärte Saxon, sobald sie ein Wort einwerfen konnte.

»Wozu?«

»Für Heu und sonstiges Futter für die Pferde, die er züchten will.«

»Kaufen Sie das für einen Teil des Verdienstes, den Sie mit den drei Morgen erzielen«, erklärte Frau Mortimer rasch.

Billy mußte wieder entsagen.

»Na ja«, sagte er mit einem ehrlichen Versuch, froh und vergnügt auszusehen. »Dann lassen wir den Vogel fliegen – und halten uns ans Gemüse.«

In den Tagen, die der Besuch Frau Mortimers dauerte, überließ Billy es den Frauen, alles zu ordnen, wie es ihnen gefiel. Für Oakland hatte eine Periode des Aufstiegs begonnen, und vom Fuhrmann dort war eine dringende Nachfrage nach weiteren Pferden gekommen. Folglich war Billy früh und spät unterwegs und durchstöberte die ganze Gegend, um junge Arbeitspferde zu finden. Auf die Weise lernte er das Tal gleich gründlich kennen. Der Stall wollte auch eine Anzahl Pferde verkaufen, denen die Füße auf dem harten Steinpflaster in den Städten verdorben waren, und ihm wurde, was er brauchte, zu sehr billigen Preisen angeboten. Es waren gute Tiere. Das wußte er, denn er kannte sie von früher her. Der weiche Boden mußte den Schaden bald kurieren, namentlich, wenn er ihnen anfangs eine Weile ohne Eisen Ruhe auf der Weide gönnte. Selbstverständlich konnten sie nie wieder fürs Pflaster gebraucht werden, aber für Landarbeit waren sie noch viele Jahre lang zu verwenden. Und dann mußte er ja auch an das Gestüt denken. Aber er wagte es nicht, sich auf den Kauf einzulassen. Er kämpfte heimlich mit sich und sagte Saxon nichts davon.

Abends saß er in der Küche und rauchte, während er zuhörte, was die beiden Frauen im Laufe des Tages verrichtet und geplant hatten. Es war schwer, die richtigen Pferde zu finden und, wie er sich ausdrückte, es wurde den Bauern so schwer, als sollten sie sich einen Zahn ziehen lassen, wenn sie sich auch nur von einem einzigen trennen sollten, und das, obgleich er autorisiert war, die Kaufsumme um fünfzig Dollar zu erhöhen. Trotz den Automobilen stieg der Preis für schwere Arbeitspferde beständig. Solange Billy denken konnte, war der Preis für große Arbeitspferde immer gestiegen. Nach dem großen Erdbeben war eine plötzliche Steigerung gekommen, aber die Preise waren nie wieder gefallen.

»Billy, Sie verdienen als Pferdehändler wohl mehr, als Sie als gewöhnlicher Arbeiter hatten?« fragte Frau Mortimer. »Nun ja! Aber Sie sollten sich lieber daran machen, die Wiese zu dränieren, zu pflügen oder dergleichen. Sie kaufen weiter Pferde. Sie müssen mit dem Kopf arbeiten. Aber von dem, was Sie verdienen, werden Sie gefälligst einen Mann entlohnen, der mit Saxon im Gemüse arbeiten kann. Das ist eine gute Geldanlage, und so etwas bringt hohe Prozente – ja, und das schnell.«

»Gewiß«, antwortete er. »Deshalb bezahlt man wohl einen Mann – um an ihm zu verdienen. Aber wie Saxon und ein Mann mit den fünf Morgen fertig werden sollen, wenn Herr Hale sagt, daß wir zwei nicht alle Arbeit auf zwei Morgen verrichten können – das geht über meinen Verstand.«

»Saxon soll auch nicht selber arbeiten«, antwortete Frau Mortimer. »Habt ihr vielleicht gesehen, daß ich in San José etwas arbeitete? Saxon soll ihren Kopf gebrauchen – es wird bald Zeit, daß ihr das merkt! Anderthalb Dollar täglich. Das verdienen Leute, die nicht mit dem Kopfe arbeiten. Und sie soll sich nicht mit anderthalb Dollar den Tag begnügen. Hört mal! Ich hatte heute Nachmittag eine lange Unterhaltung mit Herrn Hale. Er sagt, daß man tatsächlich keine ordentlichen Leute zur Arbeit hier im Tal bekommen kann.«

»Das weiß ich gut«, warf Billy ein. »Alle tüchtigen Leute gehen in die Städte. Nur der Bodensatz bleibt. Und die guten, die bleiben, arbeiten nicht für andere.« »Ja, das ist Wort für Wort wahr. Aber hört einmal, Kinder. Ich weiß das sehr gut, und ich habe mit Herrn Hale darüber gesprochen. Er ist bereit, alles für euch zu ordnen. Er versteht sich darauf, und er kennt den Inspektor. Kurz, ihr könnt zwei bedingt begnadigte Gefangene aus San Quentin für die Gartenarbeit bekommen. Es gibt dort eine Menge Chinesen und Italiener, und die sind bei weitem die besten Handelsgärtner. Auf die Weise schlagt ihr zwei Fliegen mit einer Klappe. Ihr helft den armen Gefangenen, und ihr helft euch selber.«

Saxon war erschrocken und wußte nicht, was sie sagen sollte, während Billy den Vorschlag mit tiefem Ernst überlegte.

»Ihr kennt doch John?« fuhr Frau Mortimer fort. »Ich meine, Herrn Hales Gärtner. Wie gefällt er euch?«

»Ach, ich habe erst heute morgen gedacht, wie nett es wäre, einen Mann wie John zu bekommen«, sagte Saxon eifrig. »Er ist eine freundliche, treue Seele. Frau Hale hat mir viel Gutes von ihm erzählt.«

»Aber eines hat sie nicht erzählt«, sagte Frau Mortimer lächelnd, »nämlich, daß John ein bedingt begnadigter Strafgefangener ist. Vor achtundzwanzig Jahren geriet er mit einem Mann um fünfundsechzig Cent in Streit, und in der Heftigkeit erschlug er ihn. Er ist jetzt seit drei Jahren bei der Familie Hale. Erinnert ihr euch an den alten Franzosen, den ich hatte? Mit dem war es genau ebenso. Darüber sind wir uns also einig. Wenn eure zwei kommen, natürlich müßt ihr ihnen einen guten Lohn zahlen – und wir wollen schon dafür sorgen, daß sie von der selben Nationalität sind, Chinesen oder Italiener – nun ja, wenn sie kommen, dann wird John mit ihnen zusammen und unter Aufsicht von Herrn Hale eine kleine Hütte für sie bauen, wo sie wohnen können. Wir können selbst die Stelle dafür aussuchen. Wenn aber der Betrieb erst in vollem Gange ist, müssen wir sehen, euch mehr Hilfe zu verschaffen. Sie müssen eben die Augen ein wenig offen halten, Billy, wenn Sie durch das Tal wandern.«

Am nächsten Abend war Billy zur gewöhnlichen Zeit nicht heimgekommen, und um neun Uhr erschien ein reitender Bote von Glen Ellen mit einem Telegramm. Billy hatte es von Lake County geschickt. Er war auf der Suche nach Pferden für Oakland.

Erst am dritten Tage kam er heim, todmüde, aber sehr stolz, was er nicht zu verhehlen suchte.

»Nun, was haben Sie in den drei Tagen gemacht?« fragte Frau Mortimer.

»Ich habe meinen Kopf gebraucht«, antwortete er mit großem Selbstbewußtsein. »Ich habe zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, und ich habe eine ganze Schar geschlagen. Hm! Ich hörte etwas davon in Lawndale, und ich will Ihnen nur sagen, daß Hazel und Hattie fast zuschanden gefahren waren, als ich sie in einen Stall in Calistoga stellte und mit der Post weiter nach St. Helena fuhr. Ich kam gerade zurecht und kriegte sie zu fassen – acht starke Tiere – sie gehörten alle einem Fuhrmann in den Bergen. Es waren junge Tiere, so gesund und frisch, wie man sie sich nur wünschen kann, und das leichteste von ihnen wog über fünfzehnhundert. Ich habe sie heute abend in Calistoga verladen. Und – das ist noch nicht alles. Zuerst habe ich in Lawndale mit dem Mann gesprochen, der für den Steinbruch fährt. Pferde verkaufen? Er war ganz versessen darauf, welche zu kaufen. Ja, er wollte sie sogar mieten, sagte er.«

»Und da schicktest du ihm die acht, die du gekauft hattest«, fiel Saxon ihm ins Wort.

»Du mußt noch einmal raten. Ich kaufte die acht mit dem Geld des Alten in Oakland, und sie wurden nach Oakland geschickt. Aber ich redete mit dem Fuhrmann, und er ging darauf ein, mir bis zu sechs Pferden für je fünfzig Cent täglich abzumieten. Dann telegraphierte ich dem Alten, daß er mir sechs von den Pferden mit wundgelaufenen Füßen schicken sollte. Bud Strothers sollte sie auswählen, und das Geld könnte er von meiner Provision nehmen. Bud weiß schon, was ich haben will. Sobald sie kommen, dann ab mit den Eisen, und dann kommen sie zwei Wochen auf die Weide. Danach gehen sie direkt nach Lawndale. Mit der Arbeit werden sie leicht fertig. Es geht auf einem weichen Sandweg den Hügel hinab zur Eisenbahn. Fünfzig Cent das Stück – das macht drei Dollar den Tag, die ich in den sechs Tagen der Woche an ihnen verdiene. Ich brauche weder für Futter noch Eisen oder sonst etwas zu sorgen und kann mich noch davon überzeugen, daß sie gut behandelt werden. Drei Dollar täglich – nun ja. Das deckt schon die Kosten für die beiden Leute zu anderthalb Dollar täglich für Saxons Gemüse, wenn sie sie nicht Sonntags arbeiten läßt. Hm, das Mondtal! Es dauert nicht lange, und wir können uns Diamanten kaufen. Nun ja. Man könnte tausend Jahre lang in einer Stadt herumlaufen, ohne eine solche Chance zu finden. Das ist besser als eine chinesische Lotterie.«

Er stand auf.

»Jetzt gehe ich, gebe Hazel und Hattie Wasser und Futter, ja, und dann sollen sie Ruhe haben. Sobald ich wiederkomme, möchte ich gern mein Abendbrot haben.«

Die zwei Frauen sahen sich mit leuchtenden Augen an und wollten gerade etwas sagen, als Billy noch einmal den Kopf zur Tür hereinsteckte.

»Etwas habt ihr vielleicht noch nicht richtig begriffen. Ich nehme jeden Tag die drei Dollar ein, aber dabei gehören die sechs Pferde doch mir. Sie gehören mir. Sie sind mein. Versteht ihr?«

 

»Ich bin noch nicht mit euch fertig, Kinder«, hatte Frau Mortimer beim Abschied gesagt, und mehrmals im Laufe des Winters kam sie zu einem kurzen Besuch, um ihnen gute Ratschläge zu erteilen und Saxon zu lehren, wie sie ihr Gemüse für den Markt, der im Augenblick stattfand, für den Frühlingsmarkt, der bedeutend größer werden würde, und für die Hochsaison berechnen sollte, wie sie alles, was zu beschaffen war, verkaufen konnte, und selbst dann die Nachfrage noch nicht befriedigte. Unterdessen mußten Hazel und Hattie, sobald sie einen Augenblick Zeit hatten, Dünger von Glen Ellen holen, wo die Ställe noch nie einer so durchgreifenden Reinigung unterzogen worden waren. Und ganze Wagenladungen von Kunstdünger, der auf Frau Mortimers Rat gekauft war, mußte von der Bahn geholt werden.

Die beiden bedingt begnadigten Gefangenen waren Chinesen. Sie hatten viele Jahre gesessen und waren beide ältere Männer, aber die Arbeit, die sie im Laufe eines Tages schafften, fand Frau Mortimers Beifall. Gow Yum hatte vor zwanzig Jahren die Gemüsegärten auf einem der großen Güter in Menlo-Park beaufsichtigt. Sein Unglück war in Form einer Prügelei in einer Spielhölle des Chinesenviertels in Redwood City gekommen. Sein Kamerad, Chan Chi, war zu der Zeit, als die Kämpfe zwischen den verschiedenen Stämmen um San Franzisko heftig tobten, ein berüchtigter Raufbold gewesen, aber ein mit strenger Arbeit in den Gemüsegärten des Gefängnisses verbrachtes Vierteljahrhundert hatte sein Blut abgekühlt, so daß er die Axt jetzt gern mit der Hacke vertauschte. Als die beiden Gehilfen in Glen Ellen ankamen, hatte der Gemeindevorsteher für sie quittiert; außerdem mußte er einen monatlichen Rapport den Gefängnisbehörden über sie erstatten, wie auch Saxon einen Monatsbericht einschickte.

Ihre anfängliche Furcht, daß sie ihr den Hals abschneiden würden, schwand bald. Die gepanzerte Faust des Staates war immer bereit, auf die zwei Männer niederzuschmettern. Tranken sie nur ein einziges Mal zu viel, so war die Faust gleich da, um sie in die Gefängniszelle zurück zu befördern. Sie durften auch nicht kommen und gehen, wie sie wollten. Als der alte Gow Yum dringend nach San Franzisko mußte, um einige Papiere beim chinesischen Konsul zu unterschreiben, mußte er sich zuerst die Erlaubnis dazu in San Quentin einholen. Dazu kam, daß keiner von ihnen von Natur aus boshaft war. Saxon hatte sich gefürchtet, das Zepter über zwei gefährlichen Strafgefangenen zu schwingen, als sie aber kamen, merkte sie bald, daß es eine Freude war, mit ihnen zu arbeiten. Sie konnte ihnen sagen, was sie zu tun hatten, aber sie wußten, wie es zu machen war. Sie lernte von ihnen tausend kleine Kniffe, wie sie nur der ausgelernte Gärtner kennt, und es dauerte nicht lange, so war ihr vollkommen klar, wie hilflos sie gewesen wäre, wenn sie nicht diese Hilfe gehabt hätte.

Und endlich fürchtete sie sich nicht, weil sie nicht mehr allein war. Sie hatte ihren Verstand gebraucht, und es war ihr schnell aufgegangen, daß sie nicht gleichzeitig alle Arbeit außer und in dem Hause hinreichend beaufsichtigen könnte. Deshalb schrieb sie der energischen Witwe, die ihre Nachbarin in Ukiah gewesen war, und die für die Leute wusch. Sie nahm sofort das Angebot Saxons an. Frau Paul war vierzig Jahre alt, klein und sehr dick, und Billy erklärte, daß sie die beiden Chinesen auf einmal mit ihren mächtigen Armen bezwingen könnte. Frau Paul stellte sich mit ihrem Sohn, einem sechzehnjährigen Bauernburschen, ein, der sich auf Pferde verstand und Hilda, die schöne Jersey-Kuh, die vor Edmunds kritischem Blick Gnade gefunden hatte, melken konnte. Obwohl Frau Paul alle Arbeit im Hause mit großer Tüchtigkeit verrichtete, gab es doch eines, das Saxon selber tun wollte – nämlich, ihre eigenen feinen Sachen waschen.

»Wenn ich das nicht mehr kann«, sagte sie zu Billy, »dann kannst du einen Spaten nehmen, zu den Riesentannen am Wildwasser gehen und mir ein Grab schaufeln; denn dann wird es Zeit sein, mich zu begraben.«

Es war in der ersten Zeit auf der Madronjoranch, und Frau Mortimer war gerade zu ihrem zweiten Besuch gekommen, als Billy eines Tages mit einer ganzen Wagenladung Wasserröhren kam und Haus, Hühnerhof und Scheune mit Wasser aus den Reservoirs, die er unterhalb der Quelle anlegte, versorgte.

»Huh! Ich weiß meinen Kopf doch zu gebrauchen«, sagte er. »Ich sah, wie eine Frau auf der anderen Seite des Tales Wasser von der Quelle ins Haus schleppte, und es waren gut zweihundert Fuß. Da begann ich zu rechnen. Ich sagte mir, daß sie an einem Waschtag mindestens dreimal täglich Wasser schleppen müßte, und ihr könnt nicht erraten, wie viele Meilen ich herausbekam, die sie jährlich Wasser schleppen müßte. Hundertundzweiundzwanzig Meilen! Versteht ihr? Hundertundzweiundzwanzig Meilen! Ich fragte sie, wie lange sie da war. Einunddreißig Jahre. Ihr könnt selber multiplizieren. Dreitausendsiebenhundertundzweiundachtzig Meilen – nur um zweihundert Fuß Röhren zu sparen. Ist das nicht zum Verrücktwerden?

Nun aber, ich bin noch nicht fertig. Sobald ich eine Gelegenheit dazu habe, will ich mir eine Badewanne und einen festen Waschzuber anschaffen. – Und weißt du, Saxon, erinnerst du dich an den kleinen gerodeten Fleck, dort, wo der Wildwasserbach in den Sonoma mündet? Da ist ein Morgen Erde, und die Erde gehört mir. Verstehst du? Und andere Leute haben nichts auf dem Gras zu suchen, denn das Gras gehört mir. Etwas weiter aufwärts will ich ein hydraulisches Hebewerk anlegen. Ich kann ein gutes gebrauchtes Hebewerk für zehn Dollar kriegen, und das pumpt mehr Wasser, als ich brauche. Und dann will ich dort Alfalfa bauen, daß dir das Wasser im Munde zusammenläuft. Ich muß noch ein Pferd haben, mit dem ich herumreisen kann. Du brauchst Hazel und Hattie zu viel, als daß ich sie noch benutzen könnte, und wenn du erst Gemüse lieferst, kriege ich sie überhaupt nicht mehr zu sehen. Ich denke, ein weiteres Pferd wird eine gute Hilfe sein, wenn ich das Alfalfa baue.«

Aber in den nächsten Wochen geschah so vieles andere und Aufregenderes, daß Billy für eine Weile sein Alfalfa ganz vergaß. Erstens kamen pekuniäre Schwierigkeiten. Die paar hundert Dollar, die er gehabt hatte, als er in das Sonomatal kam, und alle Provisionen, die er seitdem verdient hatte, waren auf Verbesserungen und den täglichen Unterhalt draufgegangen, die achtzehn Dollar wöchentlich, die er als Miete für seine sechs Pferde in Lawndale bekam, reichten gerade für den Lohn der Leute, und er konnte sich das Reitpferd nicht kaufen, so sehr er es bei seinem Pferdehandel brauchte. Aber die Schwierigkeit überwand er, indem er seinen Kopf gebrauchte und zwei Fliegen mit einer Klappe schlug. Er begann, Kutschpferde einzufahren und fuhr mit ihnen dorthin, wo er andere Pferde besichtigen wollte.

Soweit war alles schön und gut. Da aber kamen neue Männer in San Franzisko ans Ruder, und auf der ganzen Linie wurde größere Sparsamkeit eingeführt und alle Arbeit auf den Straßen eingestellt. Das bedeutete, daß der Steinbruch in Lawndale, der einen Teil der Pflastersteine lieferte, schließen mußte. Er bekam nicht nur seine sechs Pferde zurück, sondern mußte sie auch noch füttern. Wo er das Geld hernehmen sollte, um Frau Paul, Gow Yum und Chan Chin zu bezahlen, das ging über seinen Verstand.

»Wir haben wohl mehr verschluckt, als wir verdauen können«, räumte er Saxon gegenüber ein.

»Es ist alles in Ordnung«, sagte sie, als sie zur Scheune kam, wo er ein müdes, aber immer noch widerspenstiges Pferd ausspannte. »Ich habe mit allen dreien geredet. Sie sind sich über die Situation ganz klar und sind vollkommen bereit, ihren Lohn eine Zeitlang stehenzulassen. Nächste Woche fangen Hazel und Hattie an, Gemüse zu fahren, und dann kommt das Geld von den Hotels hereingeströmt, und meine Bücher werden nicht mehr so leer aussehen. Und dann – ach Billy, du rätst es nie! Der alte Gow Yum hat ein Bankkonto. Er kam nachher zu mir – er hatte wohl darüber nachgedacht – und erbot sich, mir vierhundert Dollar zu leihen. Was sagst du dazu?«

»Daß ich nicht zu stolz bin, es von ihm zu leihen, wenn er auch ein Chinese ist. Er ist ein weißer Chinese, es kann schon sein, daß ich es jetzt brauche. Weil ich – nein, du kannst unmöglich raten, was ich gemacht habe, seit ich mich heute morgen von dir verabschiedete. Ich habe so viel zu tun gehabt, daß ich nicht einen Bissen zu essen bekommen habe.«

»Hast du deinen Kopf gebraucht?« lachte sie.

»Du kannst es gern so nennen«, sagte er und lachte auch. »Ich habe Geld hinausgeschmissen.«

»Aber du hast doch keins«, wandte sie ein.

»Ich habe Kredit hier im Tal, will ich dir nur sagen«, antwortete er. »Und ich muß gestehen, daß ich den heute Nachmittag ziemlich hart auspreßte. Kannst du jetzt raten?«

»Ein Reitpferd?«

Er brüllte vor Lachen, was das Pferd so erschreckte, daß es durchgehen wollte und ihn halb vom Boden hob, als er es bei Maul und Hals packte.

»Ach, ich meine: richtig raten«, sagte er eindringlich, als das erschrockene Tier wieder auf dem Boden stand und ihn zitternd und mißtrauisch betrachtete.

»Zwei Reitpferde?«

»Ach, du hast auch gar keine Phantasie. Aber ich will es dir erzählen. Du kennst doch Thiercoft. – Ich habe seinen großen Wagen für sechzig Dollar gekauft. Dann kaufte ich dem Schmied in Kenwood einen Wagen ab, nicht gerade besonders, aber er ist noch zu gebrauchen, für fünfundzwanzig Dollar. Und Pings Wagen kaufte ich – das ist etwas, das will ich dir nur sagen – für fünfundsechzig Dollar. Ich hätte ihn für fünfzig bekommen können, wenn er nicht gesehen hätte, daß ich ihn so gern haben wollte.«

»Aber das Geld?« fragte Saxon mit schwacher Stimme. »Du hast doch keine hundert Dollar übrig.«

»Habe ich dir nicht gesagt, daß ich Kredit hätte? Nun ja, den habe ich jetzt jedenfalls. Die drei Wagen bekam ich auf Kredit, und ich habe den ganzen Tag keinen Pfennig bar ausgegeben, außer für ein paar lange Peitschen. Dann kaufte ich drei gebrauchte Arbeitsgeschirre – doppelte Geschirre – für zwanzig Dollar das Stück. Ich kaufte sie von dem Mann, der für den Steinbruch fuhr. Er braucht sie jetzt nicht mehr. Und ich mietete ihm vier Wagen und vier Gespanne für einen halben Dollar täglich für jedes Pferd und einen halben Dollar täglich für den Wagen ab – das macht sechs Dollar täglich, die ich ihm an Miete bezahlen muß. Dias Geschirr ist für meine eigenen sechs Pferde. – Laß mich sehen – ja – dann mietete ich zwei Scheunen in Glen Ellen und bestellte fünfzig Tonnen Heu und eine ganze Wagenladung Kleie und Gerste beim Kaufmann in Kenwood – denn ich muß doch die vierzehn Pferde füttern, weißt du, sie beschlagen und so weiter.

Ja, ich habe schon etwas verrichtet. Ich mietete sieben Mann, um für zwei Dollar täglich für mich zu fahren, und – oha, lieber Gott, was machst du denn?«

»Nein«, sagte sie mit tiefem Ernst, nachdem sie ihn in den Arm gekniffen hatte, »du träumst nicht.« Sie fühlte ihm den Puls und die Stirn. »Kein Zeichen von Fieber.« Sie roch seinen Atem. »Und getrunken hast du auch nichts. Also weiter, erzähl mir alles – was sonst!«

»Bist du noch nicht zufrieden?«

»Nein, ich will noch mehr hören. Ich will alles wissen.«

»Na ja, aber ich will dir nur erzählen, daß der Alte, für den ich in Oakland arbeitete, nicht so sehr viel klüger ist als ich. Ich bin ein glänzender Geschäftsmann, das kannst du sagen, wenn jemand mit einem Gemüsewagen kommt und dich fragt. Also du sollst hören – obwohl es mir unbegreiflich ist, daß die Leute in Glen Ellen mir nicht zuvorgekommen sind. Aber die schlafen wohl – denn in der Stadt wäre es ganz unmöglich, daß man so etwas übersehen könnte. Siehst du, es hängt so zusammen: du kennst doch die feine Ziegelei, die jetzt in Betrieb gesetzt werden soll, um die feuerfesten Klinkersteine zu machen? Und ich dachte über die sechs Pferde nach, die ich füttern muß, und die mich ins Armenhaus fressen würden, wenn sie hier herumliefen und nichts verdienten. Ich mußte sehen, ihnen Arbeit zu verschaffen, und da fiel mir die Ziegelei ein. Ich fuhr hin und redete mit dem japanischen Chemiker, der das Laboratorium unter sich hat. Nun ja! Die Geschichte sollte gerade in Gang gesetzt werden. Ich sah, wie es lag und dachte über die Sache nach. Dann fuhr ich zur Lehmgrube, wo sie gerade zu arbeiten angefangen hatten – du weißt, das feine, weiße, kalkartige Zeugs, worin wir sie bohren sahen, gerade vor den hundertvierzig Morgen mit den drei Hügeln. Es geht eine Meile bergab, und die Pferde können es bequem leisten. Die schwerste Arbeit wird es tatsächlich sein, die leeren Wagen nach der Lehmgrube zu fahren. Dann band ich das Pferd an, und begann die Geschichte zu berechnen. Der japanische Professor erzählte mir, daß der Direktor mit allen andern großen Herren mit dem Morgenzuge käme. Ich zerbrach mir nicht weiter den Kopf, sondern machte mich nur zu einer Art Deputation, die die Herren willkommen heißen sollte, und als der Zug einlief, stand ich da und begrüßte sie freundlich im Namen der ganzen Stadt, ja, und da war auch dieser Idiot, den du einmal in Oakland kennenlerntest, ein Boxer dritten Ranges namens – laß mich sehen, ja, jetzt hab' ich es – der große Bill Roberts, so hieß er, aber jetzt heißt er wohl Herr William Roberts.

Nun ja, wie gesagt, ich begrüßte sie recht hübsch und begleitete sie nach der Ziegelei. Dann nahm ich die Gelegenheit wahr und machte ihnen meinen Vorschlag. Ich hatte die ganze Zeit eine mörderische Angst, daß sie schon mit einem Fuhrmann abgeschlossen hätten, aber als sie mich fragten, wie ich es berechnete, wußte ich schon, daß sie es nicht hatten. Ich hatte die Zahlen im Kopf und redete drauflos, und der Vornehmste von der ganzen Gesellschaft schrieb alles in sein Notizbuch.

›Aber wir fangen in großem Stil an, und das gleich‹, sagte er, und sah mich scharf an. ›Was für Pferde und Wagen haben Sie, Herr Roberts?‹

Ich – ja, ich hatte ja nur Hazel und Hattie, und die sind dabei noch zu klein für schwere Fuhren. – ›Ich kann vierzehn Pferde und sieben Wagen stellen, wenn es sein soll‹, sage ich. ›Und wenn Sie mehr haben wollen, kann ich auch die verschaffen – mehr kann ich Ihnen nicht sagen.‹

›Lassen Sie uns eine Viertelstunde Zeit, um über die Sache nachzudenken, Herr Roberts‹, sagte er.

›Natürlich‹, sage ich von oben herab, wie der Teufel. ›Aber ich möchte zunächst ein paar Dinge sagen. Ich will einen zweijährigen Kontrakt haben, und meine Zahlen stehen und fallen alle mit einer einzigen Sache.‹

›Und was ist das?‹ fragte er.

›Mit dem Abladeplatz‹, sage ich. ›Jetzt will ich ihn Ihnen zeigen, da wir gerade an Ort und Stelle sind.‹

Und das tat ich. Ich zeigte ihm, daß ich Schaden dabei hätte, wenn sie an ihrem Plan festhielten, weil eine Senkung und dann wieder eine schwere Fahrt nach dem Abladeplatz kam. ›Alles, was Sie zu tun haben‹, sage ich, ›ist, einen Weg um den Hügel herum anzulegen und eine Art Brücke von siebzig oder achtzig Fuß Länge zu bauen.‹

Ja, Saxon – da hatte ich sie in der Tasche. Es war furchtbar einfach. Die Geschichte war eben nur, daß sie an nichts anderes als an Mauersteine gedacht hatten, während ich an das Fahren dachte.

Nun ja, sie überlegten ungefähr eine halbe Stunde, und das Warten machte mich fast ebenso elend wie damals, als ich darauf wartete, daß du ja sagen solltest, als ich um dich angehalten hatte. Ich ging die Zahlen noch einmal durch und berechnete, wieviel ich nachlassen könnte, wenn ich dazu gezwungen würde. Denn, siehst du, ich hatte den Mund ein bißchen voll genommen – mit richtigen Stadtpreisen und so weiter, und ich war bereit, ein bißchen nachzulassen. Aber dann kamen sie wieder.

›Die Preise sollten hier auf dem Lande niedriger sein‹, sagte der Vornehmste von der Gesellschaft.

›Nein‹, sage ich, ›hier ist ja ein Weintal. Hier gibt es nicht Heu genug für all die Pferde, das muß erst aus dem San Joaquintal geschickt werden. Ich kann wahrhaftig Heu und Häcksel billiger in San Franzisko kaufen, ja, und dazu frei ins Haus geliefert, als hier, wo ich es mir selber holen muß.‹

Und das überzeugte sie. Es stimmte, und sie wußten das. Aber – hör jetzt! Wenn sie nach dem Kutscher und den Preisen für das Beschlagen der Pferde gefragt hätten, so hätte ich heruntergehen müssen, denn siehst du, auf dem Lande gibt es keine Gewerkschaften für Kutscher und keine Gewerkschaften für Hufschmiede, und die Miete ist niedrig, und die beiden Posten werden ein ganz Teil billiger. Hm! Heute nachmittag habe ich eine mündliche Vereinbarung mit dem Schmied gegenüber der Post getroffen, er übernimmt die ganze Geschichte und läßt fünfundzwanzig Cent auf jeden Beschlag nach, aber darüber darf selbstverständlich nicht geredet werden. Aber danach zu fragen, daran dachten sie natürlich nicht – dazu waren sie zu sehr von ihren Ziegelsteinen in Anspruch genommen.«

Billy griff in die Brusttasche, zog ein juristisch aussehendes Dokument hervor und reichte es Saxon.

»Hier ist er«, sagte er. »Ja, ich meine, der Kontrakt, mit Vereinbarungen, Preisen, Strafen und allem. Ich traf Herrn Hale in der Stadt und zeigte ihn ihm. Er sagt, er sei großartig. Und da schloß ich ab. Ich war in der ganzen Stadt herum, in Kenwood, Lawndale, überall. Das Fahren für den Steinbruch endet Freitag dieser Woche. Und ich übernehme die ganze Geschichte und fange nächsten Mittwoch an, schaffe Holz für die Bauten und Ziegelsteine für die Öfen und alles andere hin. Und wenn sie dann so weit sind, daß sie mit dem Lehm anfangen können, dann bin ich es, der ihn ihnen hinschafft.

Aber das Beste habe ich dir noch nicht erzählt. Ich konnte nicht gleich Verbindung von Kenwood nach Lawndale bekommen, und während ich wartete, ging ich alle meine Zahlen noch einmal durch. Du rätst es nicht – nein, und wenn du tausend Jahre dazu brauchtest. Beim Zusammenzählen hatte ich irgendwo einen Fehler gemacht, ich hatte zehn Prozent mehr gesetzt, als ich selbst glaubte. Wenn das kein gefundenes Geld ist, dann weiß ich es nicht. Wenn du die beiden Extraleute brauchst, dann sag es mir nur. Aber natürlich werden wir die ersten Monate knapp sein, also leih nur ruhig die vierhundert von Gow Yum. Und sag ihm, daß du ihm acht Prozent Zinsen zahlst, und daß wir es nicht länger als drei bis vier Monate brauchen.«

Als Billy sich aus Saxons Armen gelöst hatte, begann er das Pferd auf und ab zu führen, damit es sich abkühlen konnte. Er blieb so plötzlich stehen, daß sein Rücken mit dem Maul des Pferdes zusammenstieß, und in der nächsten Minute hielt das Pferd sie beide in Atem, da es stieg und sich auf die Hinterbeine stellte. Saxon wartete, denn sie wußte, daß Billy eine neue Idee hatte.

»Verstehst du etwas von Bankkontos«, sagte er, »und von Schecks?«

* * *

 

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