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Das Mondtal

Jack London: Das Mondtal - Kapitel 15
Quellenangabe
authorJack London
titleDas Mondtal
publisherUniversitas
year1929
translatorErwin Magnus
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Das Bleiben in Carmel wurde ihnen leicht gemacht. Der Eisenmann war schon nach dem katholischen Seminar gereist und der »Schuppen« erwies sich bei näherer Besichtigung als ein sehr bequem für eine kleinere Familie eingerichtetes Haus mit drei Stuben. Hall ließ Billy auf dem Kartoffelfeld arbeiten – ein Feld von sechzig Morgen, das der Dichter zur großen Freude der ganzen Gesellschaft gelegentlich bebaute. Er legte Kartoffeln, wann es ihm einfiel; unter den andern war allgemein die Meinung verbreitet, daß das, was nicht verfaulte, zu gleichen Teilen zwischen Wühlmäusen und verirrten Kühen geteilt wurde. Sie liehen vom Nachbar einen Pflug und mieteten ein paar Pferde, und dann machte Billy sich an die Arbeit. Er zäunte das Feld auch ein, und nachher mußte er das Schindeldach der Villa anstreichen. Hall kam auf den First geklettert, um Billy daran zu erinnern, daß er sich nicht an seinem Brennholzstapel vergreifen dürfte. Eines Morgens kam er und sah Billy zu, der Brennholz für Saxon hackte. Der Dichter beobachtete ihn mit gierigen Blicken, zuletzt aber konnte er sich nicht länger halten.

»Sie haben offenbar keine Ahnung, wie man eine Axt gebraucht«, spottete er. »Kommen Sie, ich will es Ihnen zeigen.«

Er arbeitete getrost eine ganze Stunde und lieferte während der Arbeit eine lange Erklärung über die Kunst des Holzhackens.

»Sagen Sie«, wandte Billy ein, »darf ich jetzt einen Armvoll von Ihrem Brennholz hacken – damit ich nichts schuldig zu bleiben brauche?«

Hall übergab ihm widerstrebend die Axt.

»Ich rate Ihnen nur, sich von meinem Brennholzstapel wegzuhalten, das ist alles, was ich Ihnen sage«, drohte er. »Mein Brennholzstapel ist mein Schloß, das sage ich Ihnen.«

In materieller Beziehung war alles außerordentlich befriedigend, Saxon und Billy sparten viel Geld. Sie bezahlten keine Miete, ihre einfache Lebensart kostete nicht viel, und Billy hatte so viel Arbeit, wie er wollte. Die verschiedenen Mitglieder der Kolonie schienen sich direkt verschworen zu haben, ihn in Bewegung zu halten. Es war alles Gelegenheitsarbeit, aber ihm gefiel es, denn es setzte ihn instand, seine Zeit nach der Jim Hazards einzurichten. Jeden Tag boxten sie und schwammen lange durch die Brandung. Wenn Hazard mit seiner Morgenarbeit fertig war, stieß er ein Geheul aus, das in den Kiefern widerhallte, und Billy warf die Arbeit weg, die er gerade in den Händen hatte. Nach dem Schwimmen nahmen sie zu Hause bei Hazard ein Sturzbad, rieben sich tüchtig ab und waren zum Mittagessen bereit. Am Nachmittag kehrte Hazard an seinen Schreibtisch und Billy an seine Arbeit im Freien zurück, aber oft trafen sie sich später noch einmal zu einem raschen kleinen Lauf über die Hügel. Für beide war Training eine reine Gewohnheit. Als Hazard sein Fußballspiel aufgab, was er vor sieben Jahren getan, hatte ihn das Bewußtsein des traurigen Todes – der des Athleten mit den schweren Muskeln wartet, wenn er plötzlich aufhört zu trainieren – gezwungen, in Übung zu bleiben. Das war nicht nur eine Notwendigkeit, er hatte Gefallen daran gefunden. Billy gefiel es auch, denn er war stolz auf seinen gesunden, starken Körper.

Oft wanderte er in früher Morgenstunde mit der Büchse in der Hand hinaus, in Gesellschaft Mark Halls, der ihn Schießen und Jagen lehrte. Hall war seit den Tagen, da er noch in kurzen Hosen ging, mit der Büchse umgegangen, und seine scharfe Beobachtungsgabe und Kenntnis von den Gewohnheiten der wilden Tiere war Billy eine Offenbarung. Dieser Teil des Landes war zu bewohnt, als daß sie Großwild hier gefunden hätten, aber Billy versorgte Saxon beständig mit Eichhörnchen und Wachteln, Schnepfen und Wildenten. Und sie lernten auch, Wildenten und Kanevasenten, auf die alte kalifornische Art in 16 Minuten in einem sehr warmen Ofen gebraten, zu essen. Als er allmählich Übung im Gebrauch von Büchse und Flinte bekam, begannen ihn die Hirsche und der Berglöwe, der ihm hinter Sur entgangen war, zu ärgern; und zu den Bedingungen, die er an den Hof knüpfte, den er und Saxon suchten, fügte er jetzt die, daß es dort eine Menge Wild geben müßte.

Aber es war nicht alles Spiel in Carmel. Der Teil der Kolonie, mit dem Saxon und Billy in Berührung kamen, arbeitete recht schwer. Einige arbeiteten regelmäßig morgens oder spät abends. Andere arbeiteten stoßweise, wie der verrückte irische Dramatiker, der sich eine ganze Woche hintereinander einschließen konnte, um dann blaß und mitgenommen wieder aufzutauchen und sich ebenso wütend zu amüsieren, bis er sich wieder in seine Einsamkeit zurückzog. Der blasse, jugendliche Familienvater, der ein Gesicht wie Shelley hatte, Lustspiele schrieb, weil er leben mußte, und Versdramen und Sonnettenzyklen zur Verzweiflung von Theaterdirektoren und Verlegern verfaßte, versteckte sich in einer Betonzelle mit Wänden, die drei Fuß dick waren, und einem Wasserrohrsystem, das so eingerichtet war, daß er durch Drehen eines Hebels jedem Eindringling ein Sturzbad bescheren konnte. Aber im großen ganzen respektierte einer die Arbeitszeit des andern. Sie besuchten einander, wann es sie dazu zog, fanden sie aber einen Mann in seine Arbeit vertieft, so gingen sie wieder. Das galt von allen mit Ausnahme Mark Halls, der nicht zu arbeiten brauchte, um zu leben, und der in die Bäume kletterte, um seinem großen Freundeskreis zu entgehen und in Frieden arbeiten zu dürfen.

Die ganze kleine Gesellschaft war vollkommen einzigartig in bezug auf den demokratischen solidarischen Geist, der unter den einzelnen Mitgliedern herrschte, und sie pflogen sehr wenig Verkehr mit dem gesetzteren und korrekteren Teil von den Bewohnern Carmels. Diese Clique bildete eine Künstler- und Schriftstelleraristokratie, und die andern lachten über sie und nannten sie Snobs. Dafür wieder sahen die Snobs Mark Hall und seine Freunde wegen ihrer lärmenden Bohèmemanieren scheel an. Ihre Boykottierung erstreckte sich auch auf Billy und Saxon. Billy machte gemeinsame Sache mit dem Clan, suchte keine Arbeit im andern Lager, und sie wurde ihm auch nicht angeboten.

Hall hielt offenes Haus. Die große Wohnstube mit dem mächtigen Kamin, die Diwane, Regale und die vielen Tische mit Büchern und Zeitschriften waren der Mittelpunkt für das ganze Leben in der Kolonie. Saxon und Billy waren ebenso willkommen wie alle andern, und sie merkten, daß sie sich in Wirklichkeit hier ebenso zu Hause fühlten wie die übrige Gesellschaft. Wenn nicht heftige Diskussionen über alle möglichen Themen unter der Sonne geführt wurden, spielten sie allerhand Spiele, an denen Billy sich beteiligte. Saxon, die unter den jungen Frauen sehr beliebt war, nähte mit ihnen, unterwies sie in der Anfertigung hübscher Dinge und lernte dafür manches andere von ihnen.

Sie waren noch keine Woche in Carmel, als Billy eines Tages fast verschämt zu Saxon sagte:

»Du weißt gar nicht, wie ich all deine hübschen Dinge entbehre. Warum kannst du nicht an Tom schreiben und sie dir schicken lassen? Wenn wir weiter wandern, können wir sie ja immer zurückschicken.«

Saxon schrieb den Brief, und den ganzen Tag klang ein Jubellied in ihrem Herzen. Ihr Mann war immer noch ihr Anbeter, und in seinen Augen war wieder das alte Spiel des Lichts, das in der unheimlichen Zeit des Streikes verlöscht war.

»Sie haben sehr hübsche Wäsche hier, aber du schlägst sie alle – soweit ich mich darauf verstehe«, sagte er zu ihr. Und bei einer andern Gelegenheit rief er: »Ach, ich liebe dich bis in den Tod, wie es auch gehen mag. Wenn aber die Sachen nicht bald geschickt werden, dann gibt es einen toten Mann in der Gegend!«

Hall und seine Frau hatten jeder ein Reitpferd, das bei einem Fuhrmann in Pflege gegeben war, der Wagen vermietete, und dieser Stall übte natürlich eine große Anziehungskraft auf Billy aus. Dem Fuhrmann gehörte auch die Diligence, die die Post von Carmel nach Monterey beförderte, und ferner vermietete er Wagen und große Fuhrwerke für Gebirgstouren mit Platz für neun Personen. Zu jedem Wagen stellte er einen Kutscher, und da man gewöhnlich vier Kutscher brauchte, wurde oft nach Billy geschickt, der auf diese Weise Ersatzmann im Stall wurde. Bei solchen Gelegenheiten erhielt er drei Dollar den Tag, und er fuhr viele Gesellschaften den siebzehn Meilen langen Weg durch das Carmeltal und die Küste entlang nach den verschiedenen Aussichtspunkten und Strandplätzen.

»Aber es ist fast alles ein großschnauziges Pack«, sagte er zu Saxon über die Leute, die er fuhr. »Es heißt immer Herr Roberts hier und Herr Roberts da – und ich werde nicht vergessen, daß sie sich für besser halten als mich. Ich bin zwar nicht ihr Diener, aber ich bin ihnen doch nicht gut genug. Ich bin ihr Kutscher – ein Mittelding zwischen Tagelöhner und Chauffeur! Wenn sie essen, geben sie mir mein Frühstück für mich – oder hinterher. Keine Familiarität wie bei Hall und seiner Gesellschaft. Und die Leute heute – die gaben mir überhaupt kein Frühstück. In Zukunft mußt du mir immer mein eigenes Frühstück mitgeben. Ich will ihnen nichts schulden, den verdammten Idioten. Und du wärest vor Lachen gestorben, wenn du gesehen hättest, wie einer von ihnen mir ein Trinkgeld geben wollte. Ich sagte nichts. Ich blickte ihn nur an, als hätte ich ihn noch nie gesehen, und dann wandte ich mich wie zufällig ab, und er war verlegen wie der Teufel.«

Aber das Fahren machte Billy doch Spaß, namentlich wenn er nicht vier schwere Arbeitspferde, sondern vier rassige, feurige Tiere zügelte und, den Fuß auf der kräftig wirkenden Bremse, um Kurven bog oder an steilen Felshängen vorbeifuhr, während die weiblichen Passagiere laut vor Schreck schrien. Und wenn man einen Mann brauchte, der sich auf Pferde verstand und kranke oder zu Schaden gekommene Pferde zu behandeln wußte, dann machte selbst der Besitzer des Stalles Billy Platz.

»Ich könnte jeden Tag eine feste Anstellung bekommen«, prahlte er vor Saxon. »Ich sage dir, das ganze Land wimmelt von Chancen, wenn man nur einigermaßen tüchtig ist. Ich möchte wetten, wenn ich in diesem Augenblick dem Alten sagte, daß ich eine feste Stellung für sechzig Dollar bei ihm annehmen wollte, so würde er mit beiden Händen zugreifen. Er hat es mir direkt vorgeschlagen. – Und sag mal, bist du dir eigentlich klar darüber, daß Unterzeichneter jetzt ein neues Handwerk gelernt hat? Nun, er weiß es jedenfalls. Er kann eine Diligence fahren oben bei den Seen – und mit sechs Pferden. Wenn wir je dort hinkommen, werde ich mich mit einem Kutscher befreunden – nur um einmal versuchen zu dürfen, mit sechs Pferden zu fahren. Und du sollst neben mir auf dem Bock sitzen. Das soll flutschen! Ach, das soll flutschen!«

Billy interessierte sich nur wenig für die vielen Gespräche, die in Halls großer Wohnstube geführt wurden. Für ihn war es nur eine Vergeudung der kostbaren Zeit, die zum Kartenspielen oder zum Schwimmen oder Ringen im Sand gebraucht werden konnte. Saxon dagegen war entzückt von diesen Diskussionen, wenn sie auch nicht viel davon verstand, sondern ihnen mehr gefühlsmäßig folgte und nur hin und wieder blitzhaft erfaßte, um was es sich handelte. Was sie jedoch nie verstand, war der Pessimismus, der so oft auftauchte. Der verrückte irische Dramatiker war zeitweise schrecklich niedergeschlagen. Shelley, der Lustspiele in einer Zementzelle schrieb, war ein chronischer Pessimist. St. John, ein junger Schriftsteller, der für Magazine schrieb, war Anarchist und eifriger Nitzscheaner. Masson, ein Maler, hatte sich die Theorie gebildet, daß es immer wieder dasselbe war, was geschah, und diese Theorie wirkte direkt lähmend. Und Hall, der meistens heiter war, konnte schlimmer als jeder andere sein, wenn er anfing, von dem kosmischen Pathos der Religion und ihrem Anthropomorphismus, der nicht sterben wollte, zu reden. Bei solchen Gelegenheiten wurde Saxon ganz schwermütig, wenn sie den betrübten Kindern der Kunst zuhörte. Es war unfaßbar, daß gerade sie das Leben so hoffnungslos sehen sollten.

Eines Abends wandte Hall sich plötzlich zu Billy, der nur eine unklare Vorstellung von dem, was sie sagten, besaß und nichts anderes verstanden hatte, als daß das ganze Leben ihnen als etwas Verfluchtes und Sinnloses erschien.

»Sagen Sie mal, Sie Heide, Sie unerschütterlicher erdgebundener Ochse, Sie Monstrum von überströmender und ewiger Gesundheit und Lebensfreude, was meinen Sie dazu?« fragte er.

»Ach, ich habe wohl auch meine Sorgen gehabt«, antwortete Billy in seiner gewöhnlichen, bedachten Art. »Ich habe Not gelitten, und ich habe einen Streik mitgemacht, der zu nichts führte, und ich habe meine Uhr versetzt und konnte doch nicht die Miete bezahlen und Essen kaufen, und ich habe Streikbrecher verprügelt und bin selbst verprügelt worden, und ich habe im Gefängnis gesessen, weil ich mich wie ein Idiot benommen habe. Wenn ich Sie recht verstehe, so ist es besser, ein feines Schwein zu sein, das gemästet und auf dem Markt verkauft wird, und sich über nichts zu ärgern hat, als ein Bursche, der Leibschmerzen hat, weil er nicht in seinen Kopf hineinkriegen kann, wie die Welt gemacht ist, und immer darüber nachdenken muß, welchen Zweck alles hat.«

»Das ist gut – Prämienschwein!« lachte der Dichter. »Der geringste Reibungswiderstand, die geringste Anstrengung – das ist der ideelle Zustand, eine Qualle, die im ruhigen, lauen, halbdunklen Meere treibt.«

»Aber ihr bekommt ja gar nicht all die guten Dinge mit«, wandte Billy ein.

»Nennen Sie sie«, sagte der andere herausfordernd.

Billy saß einen Augenblick schweigend da. Ihm war, als sei das Leben etwas Großes, Freigebiges. Er hatte das Gefühl, daß die Arme förmlich schmerzten, weil er nicht alles fassen konnte, und er begann zögernd und mit vielen Pausen, seine Gefühle in Worten auszudrücken.

»Wenn Sie je einen Boxkampf mitgemacht und mit einem Mann, der ebenso gut war wie Sie selber, gekämpft und zwanzig Runden lang gestanden haben, dann werden Sie verstehen, was ich meine. Jim Hazard und ich kennen das, wenn wir durch die Brandung schwimmen und den größten Wellen, die je gegen den Strand schlugen, ins Gesicht lachen, und wenn wir warm und angekleidet, mit Haut und Muskeln wie Seide und Körpern und Hirnen wie lauter knisternde Seide, aus dem Sturzbad kommen.«

Er hielt inne, weil er vollkommen außerstande war, die Gedanken auszudrücken, die bestenfalls doch nur verschwommen waren und in Wirklichkeit eher wie wieder zurückgerufene Eindrücke waren.

»Seide im Körper – verstehen Sie das?« schloß er still, denn er fühlte, daß er nicht gesagt hatte, was er sagen wollte, und der große Zuhörerkreis machte ihn verlegen.

»Das wissen wir alles«, antwortete Hall. »Lügen des Fleisches. Hinterher kommen Gicht und Zuckerkrankheit. Der Wein des Lebens ist berauschend, aber er verwandelt sich nur zu bald in –«

»Harnsäure!« warf der verrückte irische Dramatiker ein.

»Es gibt massenhaft andere gute Dinge in der Welt«, fiel Billy ihnen mit plötzlichem Eifer und Zungenfertigkeit ins Wort. »Gute Dinge durch und durch, von leckerem, saftigen Ochsenfleisch bis zu solchem Kaffee, wie Frau Hall ihn kocht, bis –«, er zögerte ein wenig, ehe er fortfuhr, dann aber faßte er Mut, »bis zu einer Frau, die man lieben kann, und die einen liebt. Sehen Sie Saxon, die hier mit der Ukulélé auf dem Schoß dasitzt. Da ist es für mich aus mit der Qualle im Aufwaschwasser und dem Prämienschwein.«

Die jungen Frauen brachen in laute Beifallsrufe aus und klatschten in die Hände, und man sah Billy an, daß er sich furchtbar genierte.

»Aber gesetzt, die Seide ginge aus Ihrem Körper heraus, daß Sie wie ein rostiger Bohrer knirschten?« fuhr Hall fort. »Gesetzt, ich sage nur gesetzt, Saxon ginge mit einem anderen Manne durch? Was dann?«

Billy bedachte sich einen Augenblick.

»Ja, dann würde es mir sicher ebenso ergehen wie dem Aufwaschwasser und der Qualle.« Er richtete sich auf und drückte unbewußt die Schultern zurück, als ließe er die Hand über die Muskeln des Oberarms gleiten und spürte ihr Schwellen. Dann sah er wieder auf Saxon. »Aber Gott sei Dank, daß ich immer noch Kraft genug in meinen Armen zu einer tüchtigen Ohrfeige und eine liebe kleine Frau habe, um die sie sich schließen können.«

Wieder gaben die jungen Frauen laut ihren Beifall kund, und Frau Hall rief:

»Seht Saxon! Wie sie errötet, was haben Sie dazu zu sagen?«

»Daß keine Frau glücklicher sein könnte«, stammelte sie, »und keine Königin stolzer. Und dann –«

Sie beendete den Gedanken, indem sie in die Saiten der Ukulélé griff, und sang:

Wenn Gott mal einen Fehler begeht,
Macht er gute Miene dazu.

»Ich gebe mich besiegt«, sagte Hall lachend zu Billy.

»Ach, das weiß ich nicht«, sagte Billy bescheiden. Sie haben so viel gelesen, daß Sie natürlich viel mehr wissen als ich.«

»Nein, nein, Verräter, wollen Sie das zurücknehmen«, riefen die jungen Frauen.

Billy faßte Mut und antwortete langsam und mit einem beruhigenden Lächeln:

»Aber deshalb bleibe ich doch lieber der alte, als daß ich mir an all den Büchern den Magen verderbe. Und was Saxon betrifft, so ist mir ein einziger Kuß von ihren Lippen mehr wert als alle Bibliotheken der Welt.«

 

»Dort müssen Hügel und Täler sein und reiches Land und Wasserläufe mit klarem Wasser und gute Fahrwege und eine Eisenbahn nicht allzu weit weg, ein Land mit viel Sonnenschein, aber doch kalt genug, daß man nachts Decken braucht, und nicht nur Kiefern, sondern alle möglichen andern Bäume, mit freien Weiden, wo Billys Pferde und Vieh grasen können, und mit Rehen und Hasen, die man schießen kann, und mit vielen Riesentannen – und – nun ja, und kein Nebel«, schloß Saxon ihre Beschreibung des Hofes, den sie und Billy suchten.

Mark Hall lachte heiter.

»Und Nachtigallen in allen Bäumen«, rief er, »und Blumen, die weder welken noch vertrocknen, Bienen ohne Stachel, jeden Morgen Honigtau, Manna, der hin und wieder vom Himmel herab regnet, Jungbrunnen und ganze Steinbrüche vom Stein der Weisen – ja, ich kenne eben eine solche Stelle. Lassen Sie sie mich Ihnen zeigen.«

Sie wartete, während er eine Eisenbahnkarte der Vereinigten Staaten studierte. Als das nicht das geringste Ergebnis brachte, nahm er einen großen Atlas hervor, aber obwohl es eine Karte über alle Länder der Welt war, konnte er doch nicht finden, was er suchte.

»Nun, es ist ja auch einerlei«, sagte er. »Kommen Sie heute abend, dann kann ich es Ihnen vielleicht zeigen.«

Abends führte er sie auf die Veranda zum Fernrohr, durch das sie den Vollmond betrachtete.

»Dort oben, in irgendeinem Tal, werden Sie den Hof finden können«, neckte er sie.

Frau Hall sah ihn fragend an, als sie wiederkamen.

»Ich habe ihr ein Tal im Mond gezeigt, wo sie denkt, Landwirtschaft betreiben zu können«, lachte er.

»Als wir aufbrachen, waren wir auf eine lange Wanderung vorbereitet«, sagte Saxon, »und wenn wir ganz bis zum Mond sollen, so können wir das wohl auch.«

»Aber liebe Kinder, Sie können sich doch unmöglich denken, ein solches Paradies auf Erden zu finden«, beharrte Hall. »Zum Beispiel gibt es keine Riesentannen ohne Nebel. Die beiden Dinge sind unzertrennlich. Riesentannen wachsen nur im Nebelgürtel.«

Saxon bedachte sich einen Augenblick.

»Nun ja, ein bißchen Nebel könnten wir uns ja noch gefallen lassen«, gab sie zu, »wir könnten uns alles gefallen lassen, um nur Riesentannen zu bekommen. Ich weiß nicht, was der Steinbruch vom Stein der Weisen ist, aber wenn es so etwas ist wie der Marmorbruch Haflers, und wenn es eine Eisenbahn in der Nähe gibt, dann würde es schon gehen. Und man braucht nicht nach dem Mond zu reisen, um Honig zu finden. In Nevada streifen sie ihn von den Blättern der Büsche. Das weiß ich ganz bestimmt, denn mein Vater hat es selbst meiner Mutter erzählt, und die hat es mir wieder erzählt.«

Etwas später am Abend, nachdem sie sich fast ausschließlich über Landwirtschaft unterhalten hatten, entwickelte Hall ausführlich seine Ansicht über das »Paradies der Spieler«, wie er die Vereinigten Staaten nannte.

»Wenn man an die wunderbare Chance denkt«, sagte er. »Ein neues, vom Meere begrenztes Land, auf dem richtigen Breitengrad gelegen, mit dem reichsten Boden und den mächtigsten natürlichen Hilfsquellen der Welt, von Auswanderern bewohnt, die sich aus dem Trott der alten Welt herausgerissen und demokratische Prinzipien durchgesetzt haben. Es gibt nur eines in der Welt, das sie hindern könnte, die demokratische Verwaltung durchzuführen, mit der sie begonnen haben, und das ist ihre Gefräßigkeit.

Sie begannen alles zu verschlingen, was sie erblickten, wie eine Schweineherde, und während sie es verschlangen, ging die Demokratie zum Teufel. Ihre Gefräßigkeit wurde zur Spielerleidenschaft. Es ist eine Nation von Berufsspielern. Jedesmal, wenn ein Mann alles verloren hatte, was er besaß, brauchte er nur die Grenze ein paar Meilen westwärts zu stecken und zu versuchen, sich etwas Geld zu verschaffen. Sie bewegten sich über die Erde wie ein Heuschreckenschwarm. Vernichteten alles – Indianer, Boden, Wälder, ganz wie sie den Büffel und die Wandertaube vernichteten. Ihre Moral in Geschäft und Politik war Spielermoral. Ihre Gesetze waren Spielergesetze – es galt nur, richtig zu spielen. Alle Menschen spielten. Deshalb – es lebe das Spiel! Keiner erhob Einwände, weil alle spielen konnten, und wie gesagt, die Verlierenden verrückten nur die Grenze weiter nach Westen, um neues Geld zu gewinnen. Wer heute gewann und morgen verlor, konnte übermorgen vielleicht wieder alle Karten in der Hand haben.

Und so fraßen und spielten sie sich vom Atlantischen Ozean bis zum Stillen Ozean durch, bis sie ein ganzes großes Festland gefressen hatten. Wenn sie mit der Erde und den Wäldern und den Wiesen fertig waren, kehrten sie um, begannen von vorne und spielten um die Kleinigkeiten, die sie möglicherweise übersehen hatten, spielten um Stimmrecht und Monopole und gebrauchten die Politik, um ihre Winkelzüge in Geschäften und anderen Dingen zu decken. Und die Demokratie war zum Teufel gegangen.

Und jetzt kam die allerkomischste Zeit. Die Verlierenden konnten kein Geld mehr zum Spielen bekommen, und die Gewinnenden spielten miteinander weiter. Die Verlierenden standen, die Hände in den Taschen, ringsumher und sahen zu. Wenn sie hungrig wurden, nahmen sie den Hut in die Hand und bettelten die glücklichen Spieler um Arbeit an. Die Verlierenden begannen für die Gewinner zu arbeiten, und seitdem haben sie gearbeitet. Sie, Billy Roberts, haben nie in ihrem Leben mitgespielt, das kommt daher, daß Ihre Familie unter denen war, denen es schlecht ging.«

»Und Sie selber?« fragte Billy. »Ich habe noch nie gesehen, daß Sie gute Karten hatten.«

»Das ist auch nicht nötig. Ich zähle nicht mit. Ich bin ein Parasit.«

»Was ist das?«

»Ein Floh, eine Laus, alles, was etwas bekommt, ohne etwas dafür zu geben. Ich mäste mich an der räudigen Haut der Arbeiter. Ich brauche nicht zu spielen. Ich brauche nicht zu arbeiten. Mein Vater hat genügend gewonnen, daß ich es nicht zu tun brauche. – Ach, brüsten Sie sich deswegen nicht, Kamerad! Ihre Familie war genau so toll wie die meine. Aber Ihre Familie verlor, und deshalb pflügen Sie meinen Kartoffelacker.«

»Ich verstehe das nicht«, erklärte Billy eigensinnig. »Ein Mann, der einen guten Kopf hat, kann es in der Welt zu etwas bringen –«

»Auf Staatsboden?« fragte Hall schnell.

Billy verschluckte die Pille.

»Aber deshalb kann er es doch in der Welt zu etwas bringen«, wiederholte er.

»Selbstverständlich – er kann die Arbeit von andern gewinnen. Ein junger starker Bursche mit gutem Verstand wie Sie kann überall Arbeit gewinnen. Aber denken Sie daran, wie schwer es den Leuten gemacht wird, die verlieren. Wie viele von den Vagabunden, die Sie unterwegs getroffen haben, konnten mit vier Pferden für den Fuhrmann in Carmel fahren? Und einige waren in ihrer Jugend ebenso stark wie Sie. Alles in allem haben sie nichts, womit sie prahlen können. Wenn man um einen Kontinent gespielt hat, ist es ein mächtiger Rückgang, um Arbeit spielen zu müssen.«

»Aber immerhin –« begann Billy wieder.

»Ach, es steckt ihnen im Blut«, fiel Hall ihm überlegen ins Wort »und warum nicht? Alle hierzulande haben gespielt, viele Generationen hindurch. Es lag in der Luft, als sie geboren wurden. Sie haben es ihr ganzes Leben lang eingeatmet. Sie haben selber nie im Spiel gewonnen, aber sie schreien immer danach und ziehen den Hut davor.«

»Aber was sollen alle wir Verlierenden tun?« fragte Saxon.

»Nach der Polizei schicken und die Spielhölle schließen«, empfahl Hall. »Es ist kein ehrliches Spiel.«

Saxon runzelte die Stirn.

»Tut, was eure Vorfahren nicht taten«, fuhr er fort. »Führt die volle Demokratie ein.«

Saxon mußte an eine Bemerkung von Mercedes denken.

»Eine meiner Freundinnen sagt, Demokratie sei ein Zauber.«

»Das ist sie – in einer heimlichen Spielhölle. Millionen Jungens in den Gemeindeschulen verschlingen die Geschichte von dem Holzhacker, der Präsident von Amerika wurde, und Millionen von würdigen Bürgern schlafen jede Nacht ruhig in dem Bewußtsein, daß sie bei der Verwaltung des Landes mitzureden haben.«

»Sie sprechen wie mein Bruder Tom«, sagte Saxon, die ihn nicht ganz verstand. »Wenn wir uns alle mit der Politik abgeben und schwer arbeiten, um etwas Besseres zu erreichen, dann können wir es vielleicht erreichen – in tausend Jahren oder so. Aber ich will es jetzt haben.« Sie preßte leidenschaftlich die Hände gegeneinander. »Ich kann nicht warten; ich will es jetzt haben.«

»Aber das ist es ja gerade, was ich Ihnen erzähle, mein Kind. Das ist das Unglück bei allen Verlierenden. Sie können nicht warten. Sie wollen es jetzt haben – ein Haufen Jetons, und dann wollen sie selbst mitspielen. Nun ja, aber dazu kommt es nicht. Und so ist es auch mit Ihnen, die Sie nach einem Tal im Monde jagen. Das ist es mit Billy, der vor Sehnsucht brennt, mir im Pedro zehn Cent abzugewinnen, und mich im stillen verflucht, weil ich Unsinn schwatze.«

»Na ja – Sie hätten eigentlich das Zeug zu einem guten Agitator«, bemerkte Billy.

»Und ich wäre auch ein guter Agitator geworden, wenn ich nicht zu viel damit zu tun gehabt hätte, den ungesetzlich erworbenen Mammon meines Vaters wieder durchzubringen. Es geht mich nichts an. Lassen Sie ihn verfaulen. Sie würden übrigens ebenso verrückt sein, wenn Sie oben auf dem Kuchen säßen. Es kommt alles aus einer Wurzel – blinde Fledermäuse, ausgehungerte Schweine und ekelhafte dreckige Dummköpfe –«

Aber jetzt legte Frau Hall sich ins Mittel:

»Hör jetzt auf, Mark, sonst bist du nachher nur schlechter Laune.«

Er schüttelte seine mächtige Mähne und lachte ein wenig angestrengt.

»Nein, das bin ich nicht«, sagte er. »Ich werde Billy schon zehn Cent im Pedro abgewinnen. Er hat nicht die geringste Chance.«

Saxon und Billy gediehen ausgezeichnet in der lustigen, ausgesprochen menschlichen Atmosphäre Carmels, und sie genossen vollauf das Gefühl, daß sie wirklich etwas galten. Saxon fühlte, daß sie mehr war als eine Wäschereiarbeiterin, die mit einem unter den Gesetzen der Gewerkschaft stehenden Kutscher verheiratet war. Sie war nicht mehr von dem engen Arbeiterklassenmilieu der Pine Street und der umliegenden Straßen bedrängt. Ihr Dasein war reicher geworden. Es ging ihnen physisch, materiell und geistig besser; und all das spiegelte sich in ihren Zügen und in ihrer ganzen Haltung. Sie wußte, daß Billy nie besser ausgesehen und körperlich nie besser in Form gewesen war. Er schwor, daß er einen Harem hätte, und daß sie seine zweite Frau wäre – doppelt so schön wie die erste, die er geheiratet hätte. Und sie erzählte ihm mit ehrbar niedergeschlagenen Augen, daß Frau Hall und einige andere von den verheirateten Frauen an dem Tage, als sie im Carmelfluß geschwommen waren, ihre Gestalt bewundert hätten. Sie hatten sich um sie gesammelt und sie eine Venus genannt, und sie hatten sie veranlaßt, sich zu beugen und verschiedene Stellungen einzunehmen.

Billy verstand sehr gut den Hinweis auf Venus, denn in Halls Wohnzimmer stand eine Marmorvenus mit abgebrochenen Armen, und der Dichter hatte ihm erzählt, daß die ganze Welt sie als das Ideal der weiblichen Gestalt anbetete.

»Ich habe immer gesagt, daß du bergehoch über Annette Kellermann ständest«, sagte Billy, und er sah so stolz und siegesbewußt aus, daß Saxon errötete und zitternd ihr brennendes Gesicht an seiner Brust barg.

Die Männer in der kleinen Kolonie äußerten oft ihre Bewunderung für Saxon, und immer auf die gleiche ungenierte Art. Aber sie mißverstand es nicht und verlor nicht die Besinnung. Das war nicht zu fürchten, denn ihre Liebe zu Billy war stärker als je. Und sie machte sich auch keiner übertriebenen Bewunderung schuldig. Sie wußte, was er war, und ihre Liebe war nicht blind. Er hatte keine Büchergelehrsamkeit und wußte nichts von Kunst wie die anderen Männer. Seine Sprache war schlecht, das wußte sie gut, und sie wußte auch, daß sich das nie ändern würde. Und doch hätte sie ihn gegen keinen der andern eingetauscht, nicht einmal gegen Mark Hall mit dem großen Herzen, diesen Mann, den sie ungefähr ebenso liebte, wie sie seine Frau liebte.

Sie fand auch, daß Billy eine gewisse Gesundheit und einen Gerechtigkeitssinn, eine Redlichkeit hatte, die in eben seinem Wesen wurzelte, und die sie höher schätzte als Bücherweisheit und alle Bankkonten. Diese Gesundheit, dieser Gerechtigkeitssinn und diese Redlichkeit waren es, durch die er Hall an dem Abend, als der Dichter sich in seinem Pessimismus verlaufen wollte, in der Diskussion besiegt hatte. Billy hatte ihn geschlagen, nicht durch Gelehrsamkeit, sondern nur, indem er ganz er selber war und ehrlich die Wahrheit, die in ihm lebte, aussprach. Und das beste war – er wußte nicht einmal, daß er den andern geschlagen hatte, und hatte den ganzen Beifall als gutmütige Neckerei aufgefaßt. Aber Saxon wußte es, wenn sie auch kaum sagen konnte, woher, und sie vergaß nie, wie Shelleys Frau ihr hinterher mit leuchtenden Augen zugeflüstert hatte: »Ach Saxon, wie glücklich Sie sein müssen!«

Hätte Saxon versuchen sollen auszudrücken, was Billy für sie bedeutete, so würde sie es mit dem einen Wort »der Mann« gesagt haben. Das war er immer für sie. Die Bezeichnung »der Mann« stand immer in flammender Strahlenglorie vor ihr, wenn sie an Billy dachte. Zuweilen, wenn sie allein war, konnte sie die Freudentränen kaum unterdrücken bei der Erinnerung, wie er irgendeinen Burschen darauf aufmerksam machen konnte, daß er ihm zu nahe trat. »Du trittst mir auf den Fuß. Mach, daß du wegkommst!« Das war Billy. Das war ihr prächtiger Billy. Und dieser Billy war es, den sie liebte. Das wußte sie. Er liebte sie allerdings weniger wild, andererseits aber auch mit größerer Innigkeit und Reife. Es war die Liebe, die dauern sollte – wenn sie nur nicht in die Stadt zurückkehrten, wo all die feinen Regungen der Seele zugrunde gingen und das wilde Tier seine Zähne fletschte.

 

Anfang des Frühlings reisten Mark Hall und seine Frau nach New York. Die beiden japanischen Diener wurden entlassen, und Billy und Saxon zogen in das Haus, um es zu versorgen. Jim Hazard war auch wie alljährlich nach Paris gereist, und wenn Billy ihn auch sehr vermißte, so setzte er doch sein Schwimmen in der Brandung fort. Hall hatte seine beiden Reitpferde in seiner Obhut hinterlassen, und Saxon hatte sich ein sehr hübsches Reitkleid aus gelbbraunem Cord angefertigt, das gut zu ihrem Haar stand. Billy übernahm keine Gelegenheitsarbeit mehr. Als Kutscher verdiente er bei dem Fuhrmann viel mehr, als sie brauchten, und lieber als Geld verdienen wollte er Saxon reiten lehren, und so machte er Tagesausflüge mit ihr durch die Umgegend. Ihr Lieblingsritt ging die Küste entlang nach Monterey, wo er sie in dem großen Del Monte-Bassin schwimmen lehrte, und abends pflegten sie über die Hügel zurückzukehren. Sie begann ihn auch zu begleiten, wenn er frühmorgens auf die Jagd ging, und das Leben war für sie wie eine einzige lange Ferienreise.

»Ich will dir etwas sagen«, meinte er eines Tages, als sie ihre Pferde anhielten und in das Carmeltal hinabblickten. »Ich will nie mehr für einen Menschen regulär arbeiten – nein, nicht, so lange ich lebe.«

»Arbeit ist nicht alles«, gab sie zu.

»Nein, das sollte ich meinen. Sag, Saxon, was würde es bedeuten, wenn ich als Kutscher in Oakland für eine Million Dollar täglich eine Million Jahre lang arbeitete und weiter dort wohnen und so leben sollte, wie wir damals lebten? Es war ja nichts als Arbeit von morgens bis abends, drei reguläre Mahlzeiten und Kino, wenn wir uns amüsieren wollten. Kino! Jetzt erleben wir selbst einen Film. Lieber ein Jahr, wie wir es hier in Carmel haben und dann sterben, als tausend Millionen Jahre wie das in der Pine Street.«

Saxon hatte Hall und seiner Frau geschrieben, daß sie und Billy, sobald der Sommer käme, weiterziehen und nach dem Mondtal suchen wollten. Glücklicherweise brachte das den Dichter nicht in Verlegenheit, denn Bideaux, der Eisenmann mit den Basiliskenaugen hatte seinen Traum, Geistlicher zu werden, aufgegeben und sich entschlossen, Schauspieler zu werden. Er verließ das katholische Seminar und kam rechtzeitig in Carmel an, um die Aufsicht über die Villa zu übernehmen. Zu Saxons großer Freude war die Gesellschaft ganz betrübt, als sie fortzogen. Der Fuhrmann in Carmel bot Billy einen besseren Posten zu neunzig Dollar monatlich an, und ein ähnliches Angebot erhielt er von einem andern großen Fuhrmann in der Nähe.

»Wo wollt ihr hin?« rief der verrückte irische Dramatiker ihnen zu, als er sie auf dem Bahnsteig in Monterey traf. Er war gerade von einer Reise nach New York zurückgekommen.

»Nach einem Tal auf dem Monde«, antwortete Saxon heiter.

Er betrachtete ihre wohlgeordneten Bündel.

»Weiß Gott!« rief er. »Ich tue es! Weiß Gott! Laßt mich mitkommen!« Dann aber glitt ein Schatten über sein Gesicht. »Aber ich habe ja den Kontrakt unterschrieben«, stöhnte er. »Drei Akte! – hört, ihr seid wirklich ein Paar glückliche Menschen, und obendrein noch zu dieser Jahreszeit!«

 

»Vorigen Winter kamen wir zu Fuß in Monterey angetrabt, aber jetzt fahren wir«, sagte Billy, als der Zug den Bahnhof verließ und sie sich auf dem Sitz zurücklehnten.

Sie hatten sich entschlossen, nicht die Strecke zu wandern, die sie schon einmal zurückgelegt hatten, sondern fuhren mit der Bahn nach San Franzisko. Mark hatte sie vor dem entnervenden südlichen Klima gewarnt, und sie waren jetzt unterwegs nach kälteren, nördlicheren Gegenden. Ihre Absicht war, über die Bucht nach Sausalito zu fahren und die Küste entlang zu wandern. Hier, hatte Hall ihnen erzählt, würden sie die wahre Heimat der Riesentannen finden. Aber Billy, der in den Raucherwagen gegangen war, um sich eine Zigarette anzustecken, setzte sich zufällig neben einen Mann, der der Anlaß werden sollte, daß sie ihren Kurs änderten. Es war ein dunkeläugiger Mann mit einem scharfgeschnittenen Gesicht, zweifellos ein Jude, und Billy, der sich der Ermahnung Saxons erinnerte, immer zu fragen, nahm die Gelegenheit wahr und begann ein Gespräch mit dem Manne. Es dauerte nicht lange, so erfuhr er, daß der Mann Gunston hieß und Kommissionär war, und bald war er sich im reinen darüber, daß das, was der andere sagte, zu wertvoll war, als daß Saxon es nicht hätte hören sollen. Als er sah, daß der andere seine Zigarre aufgeraucht hatte, bat er ihn denn auch gleich, mit in den nächsten Wagen zu gehen und Saxon zu begrüßen. Etwas derartiges hätte Billy vor dem Aufenthalt in Carmel nie tun können, und so viel soziale Beweglichkeit hatte er also jedenfalls erreicht.

»Er hat mir gerade von den Kartoffelkönigen erzählt, und ich wollte gern, daß du es auch hörst«, erklärte er Saxon, als die Vorstellung erfolgt war. »Also los, Herr Gunston, erzählen Sie ihr von dem Chinesen, der im vorigen Jahr neunzehntausend mit Spargel und Sellerie verdiente.«

»Ja, ich habe Ihrem Mann gerade erzählt, wie die Chinesen am San Joaquin es machen. Es würde sich für Sie lohnen, hinzufahren und es sich anzusehen. Es ist jetzt gerade die beste Zeit – zu früh für Moskitos. Sie können bei Black Diamond oder Antioch aussteigen und auf kleinen Dampfern zwischen den großen angebauten Inseln herumreisen. Die Fahrt kostet nicht viel, und mehrere von den Motorbooten, wie die Duchess und die Princess, sind schon fast große Dampfer.«

»Erzählen Sie ihr von Chow Lam«, sagte Billy eindringlich.

Der Kommissionär lehnte sich zurück und lachte.

»Chow Lam war vor ein paar Jahren ein elendes, ruiniertes Gerippe von Spieler. Er besaß nicht einen Groschen, und seine Gesundheit war nicht die beste. Er hatte in den Goldminen gearbeitet, bis ihm der Rücken ganz steif war, und hatte ausgewaschen, was die Minenarbeiter der ersten Jahre übriggelassen hatten. Und alles, was er gewann, verlor er im Spiel. Er schuldete auch den sechs Gesellschaften dreihundert Dollar – Sie wissen, es sind chinesische Unternehmungen. Und vergessen Sie nicht – es war erst vor sieben Jahren – seine Gesundheit war ruiniert, er war dreihundert schuldig und hatte keine Beschäftigung. Nun, so endete Chow Lam in Stockton und fand Arbeit als Tagelöhner in den Torfmooren. Es war eine chinesische Aktiengesellschaft am Middle River, die Sellerie und Spargel baute. Bei der Gelegenheit packte er sich selber am Nacken und begann, über die Geschichte nachzudenken. Ein Vierteljahrhundert in den Vereinigten Staaten – der Rücken nicht so stark, wie er gewesen war, und nicht einen Groschen auf die hohe Kante gelegt, so daß er nach China zurückkehren konnte. Er sah, wie die Chinesen in der Gesellschaft es gemacht – wie sie ihren Lohn gespart und Aktien gekauft hatten.«

»So sparte er denn zwei Jahre lang seinen Lohn und kaufte sich eine Aktie in einer Gesellschaft von dreißig Aktien. Das ist erst fünf Jahre her. Sie pachteten dreihundert Morgen Torfmoor von einem Weißen, der lieber in Europa herumreisen wollte. Für das, was er in dem ersten Jahr an seiner Aktie verdiente, kaufte er sich zwei Aktien in einer andern Gesellschaft. Und im Jahre darauf gründete er mit den Einnahmen aus den Aktien selbst eine Aktiengesellschaft. Dann kamen schlechte Zeiten, und er stand ungefähr so, wie er die ganze Zeit gestanden hatte. Das war vor drei Jahren. Im folgenden Jahr, als es eine riesige Ernte gab, bekam er viertausend für sich. Im nächsten Jahr fünftausend. Und im letzten Jahr hatte er einen Nettoverdienst von neunzehntausend Dollar. Ausgezeichnet, nicht wahr, für einen alten ruinierten Burschen wie Chow Lam.«

»Gott, mein Gott«, war alles, was Saxon sagen konnte. Ihr lebhaftes Interesse spornte indessen den Kommissionär an, fortzufahren.

»Sehen Sie zum Beispiel Sing Kee – den Kartoffelkönig in Stockton. Ich kenne ihn sehr gut. Ich habe mehrere große Geschäfte mit ihm gemacht und an ihm weniger verdient als an irgendeinem andern, den ich kenne. Er war nur Kuli, und vor zwanzig Jahren schmuggelte er sich in die Vereinigten Staaten ein. Begann als Tagelöhner, und ging dann herum und verkaufte Gemüse in einem Paar Körben, die an einer Stange befestigt waren, und dann eröffnete er in der Chinesenstadt in San Franzisko ein Geschäft. Aber er hatte ein gutes Köpfchen und kannte bald die chinesischen Bauern, die in seinem Geschäft handelten, und wußte, was sie sich vornahmen. Er konnte mit dem Laden nicht so viel Geld verdienen, wie er wollte. So zog er denn nach San Joaquin. Ein paar Tage tat er nicht viel anderes als die Augen offen zu halten, dann stürzte er sich hinein und pachtete zwölfhundert Morgen zu sieben Dollar den Morgen.«

»Mein Gott!« sagte Billy verdutzt. »Achttausendvierhundert Dollar nur als Pacht im ersten Jahr. Ich kenne fünfhundert Morgen, die ich für dreihundert Dollar kaufen kann.«

»Können Kartoffeln darauf wachsen?« fragte Gunston.

Billy schüttelte den Kopf. »Und wohl auch nicht viel anderes«, sagte er.

Sie lachten alle drei herzlich, und der Kommissionär nahm seine Erzählung wieder auf.

»Die sieben Dollar waren nur der reine Pachtpreis. Wissen Sie vielleicht, was es kostet, zwölfhundert Morgen zu pflügen?«

Billy nickte feierlich.

»Und er erzielte hundertundsechzig Säcke auf jedem Morgen im ersten Jahr«, fuhr Gunston fort. »Kartoffeln wurden zu fünfzig Cent verkauft. Mein Vater machte damals das Geschäft, ich weiß es also genau. Und Sing Kee hätte für fünfzig Cent verkaufen und viel Geld daran verdienen können. Aber glauben Sie, daß er das tat? Sie können sich drauf verlassen, die Chinesen kennen den Markt. Sie sind viel klüger als die Kommissionäre. Sing Kee hielt sich zurück. Als fast alle Menschen ausverkauft hatten, begannen die Kartoffeln zu steigen. Er verlachte unsere Aufkäufer, als sie sechzig Cent, siebzig Cent, einen Dollar boten. Wissen Sie, wofür er sie schließlich verkaufte? Für einen Dollar fünfundsechzig den Sack. Sagen wir, daß sie ihn vierzig Cent kosteten! Hundertundsechzig mal zwölf hundert – macht – zwölf mal Null ist Null und zwölf mal sechzehn ist hundertundzweiundneunzig – hundertundzweiundneunzigtausend Säcke zu ein und einem viertel Dollar Nettoverdienst – hundertzweiundneunzig durch vier sind achtundvierzig plus hundertzweiundneunzig – ja, da sehen Sie selbst zweihundertundvierzigtausend Dollar Nettoverdienst im ersten Jahr.«

»Und ein Chinese!« klagte Billy. Dann wandte er sich zu Saxon. »Es müßte ein neues Land für uns Weiße geben. Großer Gott – ja, wir sitzen wahrhaftig auf der Treppe, daran ist kein Zweifel.«

»Aber selbstverständlich war das etwas Ungewöhnliches«, beeilte Gunston sich hinzuzufügen. »Die Kartoffeln hatten in andern Gegenden eine Fehlernte ergeben, und es war eine Hausse, aber auf irgendeine mystische Art und Weise machte Sing Kee mit. Er hat nie wieder eine solche Einnahme gehabt. Aber er schlägt sich sehr gut durch. Voriges Jahr hatte er viertausend Morgen mit Kartoffeln, tausend mit Spargel, fünfhundert mit Sellerie und fünfhundert mit Bohnen. Außerdem hat er sechshundert Morgen mit Saatgetreide. Selbst wenn die eine Ernte fehlschlägt, kann er doch nicht an allem zusammen verlieren.«

»Ich habe zwölftausend Morgen mit Apfelbäumen gesehen«, sagte Saxon. »Und ich möchte gern viertausend mit Kartoffeln sehen.«

»Das kannst du haben«, antwortete Billy mit großer Entschlossenheit. »Wir gehen nach San Joaquin. Wir wissen nicht, was wir in unserem eignen Land haben. Da ist es nicht weiter merkwürdig, wenn wir auf der Treppe sitzen.«

»Ja, Sie werden eine Menge Könige dort finden«, erzählte Gunston. »Hon Lee – sie nennen ihn den großen Jim – und Ah Pock und Ah Whang, und dann Shima, den japanischen Kartoffelkönig. Er ist mehrfacher Millionär. Er lebt wie ein Fürst.«

»Aber warum haben die Amerikaner denn nicht ebensoviel Glück?« fragte Saxon.

»Wohl weil sie selbst nicht wollen. Nichts hindert sie, vorwärts zu kommen – außer ihnen selber. Eins will ich Ihnen sagen – ich mache gern Geschäfte mit Chinesen. Der Chinese ist ehrlich. Sein Wort ist ebenso gut wie seine Unterschrift auf einem Kontrakt. Wenn er sagt, daß er irgend etwas tun will, so tut er es. Und unter allen Umständen hat der Weiße keinen Begriff von Landwirtschaft. Selbst der moderne weiße Bauer begnügt sich mit einer Ernte auf einmal und Wechselbau. Aber unser Freund, der Chinese, ist ihm ein gut Teil voraus, bei ihm wachsen zur gleichen Zeit und auf demselben Fleck zwei Ernten. Ich habe es selbst gesehen – Radieschen und Gelbe Wurzeln, zwei Ernten, die auf einmal gesät waren.«

»Aber das kann doch nicht stimmen«, wandte Billy ein. »Dann kann es doch nur die Hälfte von jedem geben.«

»Nicht zu machen, mein Freund«, sagte Gunston lustig. »Gelbe Wurzeln müssen ausgezogen werden, wenn sie groß genug sind. Und Radieschen auch. Aber Gelbe Wurzeln wachsen langsam, Radieschen schnell. Die langsam wachsenden Gelben Wurzeln werden gebraucht, um Platz zwischen den Radieschen zu schaffen. Und wenn die Radieschen herausgezogen werden und fertig zum Verkauf sind, dann schafft es Platz für die Gelben Wurzeln, die später kommen. Nein, der Chinese ist schon pfiffig.«

»Ich kann nicht begreifen, warum ein Weißer nicht dasselbe tun kann wie ein Chinese«, protestierte Billy.

»Das ist natürlich sehr richtig«, antwortete Gunston. »Tatsache ist eben nun, daß der Weiße es nicht tut. Der Chinese gönnt sich nie Ruhe, und er gönnt auch seinem Boden nie Ruhe. Er versteht, System in die Arbeit zu bringen. Wer hat je von weißen Bauern gehört, die Bücher führten? Das tut der Chinese. Für ihn gibt es kein Raten. Er weiß genau, wie er steht, bis auf den letzten Heller, und zwar jederzeit und mit jedem Feld. Und er kennt den Markt. Er fängt am richtigen Ende an. Wie er das macht, geht über meinen Verstand, aber er weiß vom Markt mehr als ein Kommissionär.

Und dabei ist er geduldig, aber nicht eigensinnig. Gesetzt, er irrt sich, sät etwas, und entdeckt dann, daß der Markt fehlschlägt. In einer solchen Situation wird der Weiße eigensinnig und verbeißt sich wie eine Bulldogge in seine Ware. Aber so macht der Chinese es nicht. Er begrenzt den Verlust. Die Erde ist da, um aus. Die Namen an den merkwürdigen, armseligen Läden waren unsagbar fremdartig. Das einzige, sehr wenig saubere Hotel wurde von einem Griechen betrieben. Griechen waren es alle. Dunkelhäutige Männer in Seestiefeln und Seemannsmützen, barköpfige Frauen, in bunte Farben gekleidet, Horden gesunder Kinder, die alle eine fremde Sprache redeten und mit ihren schrillen, lebhaften Stimmen durcheinanderriefen, wie man sie an den Küsten des Mittelmeeres rufen hört.

»Huh! Das sind ja gar nicht die Vereinigten Staaten«, murmelte Billy.

Am Hafen fanden sie eine kleine Fischkonservenfabrik und eine kleine Spargelkocherei. Es war gerade mitten in der Saison, und unter den Arbeitenden sahen sie sich vergebens nach Gesichtern von dem wohlbekannten amerikanischen Typ um. Billy erklärte, daß die Buchhalter und Vorarbeiter Amerikaner wären, der ganze Rest aber Griechen, Italiener und Chinesen.

Auf dem Dampferkai sahen sie die griechischen Boote, mit starken Farben bemalt, ankommen, ihre Ladungen von prachtvollen Lachsen löschen und dann wieder verschwinden. Der New Yorker Kanal, wie die Schlammpfütze hieß, machte eine Biegung nach Westen und Norden und mündete in ein mächtiges Gewässer, gebildet aus dem Sakramento und dem San Joaquin, die hier zusammenflossen.

Auf der andern Seite des Dampferkais treppten sich die Fischerkais ab, und hier trocknete man Netze; und hier, fern vom Lärm und Getöse der fremden Stadt, legten Billy und Saxon ihre Bündel nieder und ruhten sich aus. Das hohe, raschelnde Schilf wuchs dicht bei der verfallenen Landungsbrücke, auf der sie saßen, aus dem tiefen Wasser hervor. Der Stadt gegenüber lag eine lange, flache Insel, auf der sich eine ungleiche Reihe von Pappeln gegen den Horizont abhob.

»Es ist genau wie das Bild einer holländischen Windmühle, das Mark Hall hat«, sagte Saxon.

Billy wies von der Mündung des Sumpfes über die breite Wasserfläche hinweg auf einen Haufen winziger weißer Gebäude, hinter denen wie eine leuchtende Fata Morgana die niedrigen Montezuma-Berge sich mit ihren langen Wellenlinien erhoben.

»Die Häuser dort sind Collinsville«, erklärte er ihr. »Dort fließt der Sakramento, und man fährt auf ihm hinauf bis nach Rio Vista und Isleton und Walnut Grove und all den Orten, von denen Herr Gunston uns erzählte. Lauter Inseln und Sümpfe, die in einer Reihe bis nach San Joaquin zurückführen.«

»Ist die Sonne nicht herrlich?« sagte Saxon und gähnte. »Und wie still es hier ist – so nahe bei den merkwürdigen Ausländern! Und wenn man bedenkt – in den Städten mißhandeln und prügeln in eben diesem Augenblick Männer einander, um Arbeit zu bekommen.«

Hin und wieder sauste ein Überlandzug in der Ferne vorbei, und das Getöse hallte wider von einem Hintergrund niedriger Ausläufer des Mt. Diablo, der sich groß und mächtig mit seinen Zwillingsgipfeln und seinen grünen Hängen vom Himmel abhob. Dann senkte sich die schläfrige Stille wieder über alles, um hin und wieder von einem fernen Ruf in irgendeiner fremden Sprache oder von einem Motorfischerboot unterbrochen zu werden, das fauchend in die Mündung des Sumpfes einfuhr.

Keine hundert Fuß vom Schilf entfernt lag eine schöne, weiße Jacht vor Anker. So winzig sie war, sah sie doch geräumig und bequem aus. Aus dem Schornstein vorn stieg Rauch auf. Achtern stand mit Goldbuchstaben der Name »Wanderer«. Auf dem Deck saßen ein Mann und eine Frau in der Sonne, die Frau mit einem hellen Chiffontuch um den Kopf. Der Mann las ihr aus einem Buch vor, und sie nähte. Neben ihnen lag ein Foxterrier.

»Nun, in den Städten können sie auch glücklich sein«, meinte Billy.

Ein Japaner erschien im Kajüteneingang, setzte sich vorn hin und begann ein Huhn zu rupfen. Die Federn trieben in einer langen Reihe der Mündung der Schlammpfütze zu.

»Ach, sieh!« rief Saxon eifrig und zeigte auf das Boot. »Der angelt. Und die Angelschnur ist an seinem Fuß befestigt.«

Der Mann hatte das aufgeschlagene Buch auf die Kajütstreppe gelegt, und die Hand nach der Schnur ausgestreckt, während die Frau von ihrem Nähzeug aufsah und der Terrier zu bellen begann. Dann wurde die Schnur mit beiden Händen eingezogen, und am Ende hing ein großer Katzenfisch. Ein neuer Köder wurde auf den Haken gesteckt, die Schnur wieder ausgeworfen, und der Mann befestigte sie um seinen einen Zeh, worauf er weiter las.

Ein Japaner kam auf die Landungsbrücke neben Saxon und Billy und rief die Jacht an. Er hatte verschiedene Pakete mit Fleisch und Gemüse, und seine eine Tasche war ganz voll von Briefen, die andere von Morgenzeitungen. Als Antwort stand der Japaner auf der Jacht mit dem halbgerupften Huhn in der Hand auf. Der Mann auf dem Schiff sagte etwas zu ihm, legte das Buch beiseite, kletterte in die weiße Jolle, die achtern nachschleppte und ruderte an die Landungsbrücke. Als er davor lag, zog er die Riemen ein, hielt sich an der Brücke fest und sagte freundlich guten Morgen.

»Aber Sie kenne ich doch gut«, sagte Saxon impulsiv zu Billys großer Überraschung. »Sie sind –«

Sie unterbrach sich verwirrt.

»Nur weiter«, sagte der Mann und lächelte beruhigend.

»Sie sind Jack Hastings, das weiß ich ganz bestimmt. Ich habe oft Ihr Bild in den Zeitungen gesehen, als Sie Korrespondent im russisch-japanischen Kriege waren. Sie haben eine Menge Bücher geschrieben, aber ich habe nie eines davon gelesen.«

»Das stimmt«, bestätigte er. »Und wie heißen Sie?«

Saxon stellte sich und Billy vor, und als sie sah, daß der Dichter einen forschenden Blick auf ihr Bündel warf, beschrieb sie in kurzen Zügen ihre Pilgerfahrt. Der Bauernhof im Mondtal appellierte offenbar an seine Phantasie, und obwohl der Japaner und seine Pakete sich längst in der Jolle befanden, blieb Hastings doch noch stehen. Als Saxon von Carmel sprach, schien er die ganze Gesellschaft Halls zu kennen, und als er hörte, daß sie nach Rio Vista wollten, lud er sie gleich ein, mit an Bord zu kommen.

»In einer Stunde, sobald die Strömung sich legt, fahren wir selber hin«, rief er. »Das wäre etwas für Sie. Wir können um vier Uhr heute Nachmittag da sein, wenn nur ein klein wenig Wind aufkommt. Aber kommen Sie. Meine Frau ist an Bord, und Frau Hall ist eine ihrer besten Freundinnen. Wir sind gerade aus Südamerika zurückgekommen, sonst würden Sie uns in Carmel getroffen haben. Hall schrieb uns schon über Sie.«

Es war das zweitemal in ihrem Leben, daß Saxon in einem kleinen Boot war, der »Wanderer« war die erste Jacht, die sie je betreten hatte. Die Frau des Schriftstellers, die er Klara nannte, hieß sie herzlich willkommen, und sie gefiel Saxon gleich, was offenbar auf Gegenseitigkeit beruhte. Sie glichen einander so auffallend, daß nur wenige Minuten vergingen, bis Hastings die Aufmerksamkeit der andern darauf lenkte. Er ließ sie sich Seite an Seite aufstellen, betrachtete Augen, Mund und Ohren, verglich ihre Hände, ihr Haar, ihre Fesseln und schwor, daß einer seiner teuersten Träume vernichtet wäre, nämlich, daß die Form nach Klaras Guß zerschlagen worden sei.

Als Klara meinte, es könnte ja ungefähr dieselbe Form gewesen sein, begannen sie ihre Lebensgeschichte zu vergleichen. Sie stammten beide von den ersten Pionieren ab. Klaras Mutter war, wie die Saxons, mit einem Ochsengespann über die Prärie gekommen, und wie Saxons Mutter hatte sie den Winter in Salt Lake City verbracht – tatsächlich hatte sie mit ihren Schwestern die erste nicht mormonische Schule in dieser festen Burg der Mormonen gegründet. Und war Saxons Vater unter den Aufrührern gewesen, die die Bärenflagge in Sonoma gehißt hatten, so war in Sonoma auch Klaras Vater unter die Fahnen der Aufrührer gegangen und mit seiner Kompagnie nach Salt Lake City geritten, wo er, als der Streit mit den Mormonen ausbrach, Bürgermeister war. Und um allem die Krone aufzusetzen, ging Klara in die Kajüte und holte eine Ukulélé aus Koaholz, genau wie die Saxons, und zusammen sangen sie »Honolulu Tomboy«.

Hastings entschloß sich, vor der Abfahrt Mittag zu essen – er nannte die Mahlzeit mitten am Tage bei dem alten Namen; und als sie hinunterkamen, war Saxon überrascht und begeistert, als sie sah, wieviel Komfort so eine kleine Kajüte enthalten konnte. Es war nur gerade so viel Platz, daß Billy aufrecht stehen konnte. Ein mit Holz verkleideter Senkkiel teilte die Kajüte der Länge nach, und daran war der Klapptisch, an dem sie aßen, befestigt. Niedrige, mit lebhaft grünem Stoff bekleidete Kojen liefen der ganzen Länge nach durch die Kajüte und dienten gleichzeitig als Sofas. Eine mit Haken zwischen dem Senkkielschott und der Decke befestigte Gardine ergab einen geschützten Schlafplatz für Frau Hastings. Auf der Seite gegenüber befanden sich die Kojen der beiden Japaner, und vorn, unter Deck lag die Kombüse. Das Deck war so niedrig und die Kombüse so klein, daß sie gerade Platz für den Koch bot, der genötigt war, zu hocken. Der andere Japaner, der die Pakete an Bord gebracht hatte, bediente bei Tisch.

»Sie suchen ein Gehöft im Mondtal«, sagte Hastings schließlich, als er seiner Frau von der Pilgerfahrt ihrer Gäste berichtet hatte.

»Aber – weißt du denn nicht –« rief sie, aber ihr Mann unterbrach sie.

»Still!« sagte er gebieterisch, und dann wandte er sich zu den Gästen. »Hören Sie: Es ist etwas an der Idee mit dem Mondtal, aber ich will nicht sagen, was. Es ist ein Geheimnis. Sehen Sie, wir haben ein Gehöft im Sonomatal, ungefähr acht Meilen von Sonoma, wo die Väter von euch beiden Mädeln Krieg führten, und wenn Sie je unsern Hof besuchen, so [sollen Sie] das Geheimnis erfahren. Aber Sie können mir glauben, daß es etwas mit [Ihrem] Mondtal zu tun hat – nicht wahr, Kamerad?«

Bei diesem Namen nannten er und Klara sich.

Sie lächelte, lachte dann und nickte.

»Und vielleicht werden Sie die Entdeckung machen, daß es gerade unser Tal ist, das Sie suchen«, sagte sie.

Aber Hastings schüttelte den Kopf, um ihr zu bedeuten, daß sie nicht mehr sagen dürfe. Sie wandte sich zu dem Foxterrier und ließ ihn um ein Stück Brot betteln.

»Er heißt Peggy«, sagte sie zu Saxon. »Wir hatten zwei irische Terrier in der Südsee, Bruder und Schwester, aber sie starben. Sie hießen Peggy und Possum, und diesen haben wir nach dem ursprünglichen Peggy genannt.«

Billy imponierte die Leichtigkeit, mit der der »Wanderer« manövrierte. Während sie noch bei Tisch saßen, waren die zwei Japaner auf einen Wink von Hastings an Deck gegangen. Billy konnte hören, wie sie die Falle lösten, die Seisinge abwarfen und mit dem winzigen Spill den Anker lichteten. Wenige Minuten darauf rief einer von ihnen in die Kajüte herunter, daß alles in Ordnung sei, und alle gingen an Deck. Das Heißen des Großsegels und Papegoiensegels war Sache eines Augenblicks. Dann holten Koch und Kajütsjunge den Anker ein, und während der eine ihn einzog, setzte der andere den Klüver. Hastings, der am Ruder stand, bediente die Schoot, und der »Wanderer« fiel ab, während die Segel sich füllten und das Boot mit leichtem Krängen über den glatten Wasserspiegel und aus dem Sumpf hinausglitt. Die Japaner rollten die Falle auf und gingen dann hinunter, um Mittag zu essen.

»Jetzt kommt bald die Flut«, sagte Hastings und zeigte auf eine gestreifte Stagboje, die am Rande des Kanals in der Strömung leise auf und ab wippte.

Die winzigen Häuser von Collinsville, die sich jetzt näherten, verschwanden hinter einer niedrigen Insel, aber die Montezumaberge mit ihren langen, niedrigen, ruhigen Linien schlummerten am Horizont, scheinbar so fern wie je.

Als der »Wanderer« die Montezumapfütze passiert hatte und in den Sacramento einbog, kamen sie dicht bei Collinsville vorbei. Saxon klatschte in die Hände.

»Das sieht ja aus wie aus Pappe geschnittene Spielzeughäuser«, sagte sie, »und die hügeligen Felder da hinten sehen aus wie gemalt.«

Sie segelten an vielen Fischerbooten vorbei, die als Wohnung für die Fischer und ihre Familien eingerichtet waren. Sie lagen im Schilf vor Anker, und Frauen und Kinder waren, wie die Männer in den Booten, dunkelhäutig, schwarzäugig, ausländisch. Als sie den Fluß hinauffuhren, begegneten sie mehreren Baggern, die von dem sandigen Flußboden Stücke wegfraßen und den Schlamm zu gewaltigen Deichen aufhäuften. Große, bis hundert Meter lange Weidengeflechte waren auf dem Deich angebracht und wurden von Stahlkabeln und Tausenden von Zementblöcken gehalten. Die Weiden würden bald Wurzel schlagen, erzählte Hastings, und wenn die verflochtenen Zweige verfault waren, wurde der Sand durch die Wurzeln festgehalten.

»Das muß verteufelt viel kosten«, bemerkte Billy.

»Aber das Land ist es wert«, erklärte Hastings. »Der Boden dieser Insel ist der fruchtbarste von der Welt. Dieser Teil Kaliforniens ist wie Holland. Man sollte es nicht glauben, aber das Wasser, auf dem wir fahren, liegt höher als die Insel. Die Insel selbst ist wie ein Boot, das leckt und kalfatert, gedichtet und gepumpt werden muß, Tag und Nacht und immer. Aber es lohnt sich. Es lohnt sich.«

Mit Ausnahme der Bagger, des frisch aufgehäuften Sandes, des dichten Weidengeflechts und des Mt. Diablos im Süden war nichts zu sehen. Hin und wieder fuhr ein Dampfer vorbei, und blaue Reiher flogen durch die Bäume.

»Es muß sehr einsam sein«, meinte Saxon.

Hastings lachte und erzählte ihr, daß sie bald anders darüber denken würde. Er erzählte ihr vieles von den Landstrecken am Flusse, und nach einiger Zeit begann er von Pachtackerboden zu sprechen. Saxon hatte ihn darauf gebracht, indem sie von den landhungrigen Angelsachsen sprach.

»Erdschweine!« sagte er. »So nennen wir uns hier in diesem Land. Wie ein alter Bauer einmal zu einem Lehrer einer landwirtschaftlichen Versuchsstation sagte: »Es hat keinen Sinn, daß Sie mir Landwirtschaft beibringen wollen. Habe ich vielleicht nicht drei Höfe zugrunde gerichtet?« Leute seines Schlages waren es, die Neu-England ruinierten. Dort hinten sind weite Strecken, die reine Wüsten werden. Wenigstens in einem Staat hat sich das Wild so vermehrt, daß es direkt zur Plage geworden ist. Es gibt Tausende und aber Tausende von verlassenen Bauernhöfen. Ich habe die ganze Liste durchgesehen, Bauernhöfe im Staat New York, auf New Jersey, in Massachusetts und Connecticut. Sie wurden billig ausgeboten. Der Preis, der verlangt wurde, deckt nicht einmal die Verbesserungen, und den Boden bekommt man selbstverständlich als Dreingabe.

Und ebenso geht es im ganzen Lande, derselbe Bodenraub, dieselbe Bodenvernichtung – in Texas, in Missouri, in Kansas und hier in Kalifornien. Denken Sie an die Pachtungen! Ich kenne einen Hof in meiner Gegend, wo der Boden seine Hundertfünfundzwanzig den Morgen wert war. Und bei dieser Berechnung ergab er eine gute Einnahme. Als der Alte starb, verpachtete der Sohn den Hof an einen Portugiesen und zog selbst nach der Stadt. Im Laufe von fünf Jahren hatte der Portugiese die Sahne abgeschöpft und die Milch aus dem Euter gepreßt. Dann wurde der Hof auf drei Jahre an einen andern Portugiesen verpachtet, und der zog ein Viertel von dem heraus, was der andere bekommen hatte.

Kein dritter Portugiese wollte ihn pachten. Es war nichts mehr übrig. Der Hof war seine Fünfzigtausend wert, als der Alte starb. Zuletzt bekam der Sohn Elftausend dafür. Ja, ich habe den Boden gesehen, der zwölf Prozent und, nachdem die Sahne durch fünfjährige Verpachtung abgeschöpft war, nur noch ein Viertel Prozent ergab.«

»In unserem Tal ist es ebenso«, warf Frau Hastings ein. »Alle alten Bauernhöfe verfallen. Denk nur an den Ebellhof, Kamerad.« Ihr Mann nickte bestätigend. »Als wir ihn kannten, war er ein reines Paradies von Bauernhof. Da waren Teiche und Seen, schöne Wiesen, saftige Weiden, große Hügel mit Weinstöcken, Hunderte von Morgen gute Weide, herrliche Kiefern- und Eichenwälder, ein gemauertes Treibhaus, gemauerte Scheunen, Gärten – ach, ich könnte Ihnen viele Stunden davon erzählen. Als Frau Bell starb, verstreute sich die Familie und begann den Hof zu verpachten. Jetzt ist er eine vollkommene Ruine. Die Bäume sind gefällt und als Brennholz verkauft. Nur ein kleines Stück von dem Weinberg ist nicht aufgegeben, gerade so viel, wie der jetzige italienische Pächter braucht, um seinen eigenen Wein zu ziehen, und im übrigen betreiben sie eine elende, armselige Meierei auf dem Rest des Bodens. Ich ritt voriges Jahr hindurch und hätte weinen mögen. Der schöne Obstgarten ist ein wahrer Schrecken. Die Erde ist zur vollkommenen Wüste geworden. Nur weil sie nicht dafür sorgten, die Dachrinnen rein zu halten, sickerte der Regen hindurch, und es kam Schwamm in das Holzwerk, und die große steinerne Scheune ist ganz eingestürzt. Und ebenso ein Teil des Treibhauses – der andere Teil wird als Kuhstall benutzt. Und das Haus – es ist gar nicht zu beschreiben.«

»Es wird schon der reine Beruf«, fuhr Hastings fort. »Ich meine, dies von einem Ort nach dem andern ziehen. Die Leute pachten einen Hof und pressen in wenigen Jahren Salz und Kraft heraus, und dann ziehen sie weiter. Sie machen es nicht wie die Ausländer – Chinesen, Japaner und alle andern. In der Regel ist es eine faule, herumlungernde weiße Proletarierklasse, die nichts tut, als den Boden auszupressen und dann wieder weiter zu ziehen. Denken Sie an die Portugiesen und Italiener hier im Lande. Die machen es ganz anders. Sie kommen ins Land ohne einen Groschen in der Tasche und arbeiten für ihre Landsleute, bis sie die Sprache und etwas von den Sitten des Landes kennengelernt haben. Dann bleiben sie seßhaft. Was sie haben wollen, ist Boden, der ihnen gehört, den sie lieben, pflegen und behüten können. Aber wo bekommen sie den her? Es sich vom Lohn zusammen zu sparen, ist eine langweilige Methode. Es kann viel schneller gehen. Sie pachten Boden. Im Laufe von drei Jahren können sie aus dem Boden eines andern Mannes genug herauspressen für Lebenszeit. Es ist ein Sakrileg, eine wahre Vergewaltigung, aber was tut das? So macht man es eben in den Vereinigten Staaten.«

Er wandte sich plötzlich zu Billy.

»Schauen Sie, Roberts. Sie und Ihre Frau sehen sich nach ihrem eigenen Flecken Erde um. Es ist ihnen sehr darum zu tun. Befolgen Sie meinen Rat. Es ist ein harter, unbarmherziger Rat. Pachten Sie irgendeinen Hof, wo die Alten gestorben sind und die Söhne und Töchter zu fein sind, um auf dem Lande zu wohnen. Dann pressen Sie ihn aus. Pressen Sie den letzten Dollar aus dem Boden heraus, und im Laufe von drei Jahren haben Sie genug, um sich ihren eigenen Hof zu kaufen. Und dann beginnen Sie mit einem frischen und hüten Sie Ihren Boden. Nähren Sie ihn. Jeder Dollar, den Sie hineinstecken, wird doppelt wieder herauskommen. Und sorgen Sie dafür, daß Sie kein altes Gerümpel irgendwelcher Art auf dem Hofe haben. Sei es ein Pferd, eine Kuh, ein Schwein, ein Huhn oder ein Weinstock, sorgen Sie dafür, daß alles von reiner Rasse ist.«

»Aber das ist doch ein Verbrechen«, rief Saxon. »Das ist ein böser und schlechter Rat.«

»Wir leben in einer bösen und schlechten Zeit«, antwortete Hastings mit barschem Lächeln. »Dieses Auspressen des Bodens in großem Stil ist augenblicklich das Nationalverbrechen der Vereinigten Staaten. Ich würde Ihrem Mann auch nie einen solchen Rat geben, wäre ich nicht völlig überzeugt, daß das Land, das er auspreßt, doch von irgendeinem Portugiesen oder Italiener ausgepreßt werden würde, wenn er es nicht täte. Sobald [sie] ein bißchen zur Ruhe gekommen sind, schicken sie nach ihren Schwestern und Kusinen und Tanten. Wenn Sie durstig wären und ein Warenhaus in Flammen stände, wo herrlicher Rheinwein zum Teufel ginge, würden Sie dann Ihre Hand zurückhalten, wenn Sie sie nur auszustrecken brauchten, um Ihren Durst zu löschen? Nun ja, das nationale Warenhaus steht an vielen Stellen in Flammen, und viele gute Dinge gehen verloren. Nehmen Sie, was Sie brauchen. Tun Sie es nicht, so tun die Einwanderer es.«

»Ach, Sie kennen ihn nicht«, beeilte Frau Hastings sich zu erklären. »Er verbringt seine ganze Zeit auf dem Hofe damit, den Boden zu behüten. Wir haben allein rund tausend Morgen Wald, und wenn er auch immer rodet und wie ein Arzt operiert, so darf doch kein einziger Baum ohne besondere Erlaubnis gefällt werden. Er hat hunderttausend Bäume gepflanzt, und er drainiert Wiesen und experimentiert damit, legt Gräben an und dergleichen mehr. Und jeden Augenblick kauft er einen ausgepreßten Bauernhof, der an unsern grenzt, und beginnt den Boden wieder zu pflegen.«

»Aber deshalb weiß ich auch, was ich sage«, fiel Hastings ihr ins Wort. »Und meinen Rat nehme ich nicht zurück. Ich liebe den Boden, aber deshalb würde ich doch, wie die Verhältnisse liegen, heute noch, wenn ich ein armer Mann wäre, fünfhundert Morgen auspressen, um mir selbst fünfundzwanzig kaufen zu können. Wenn ihr nach dem Sonomatal kommt, will ich euch alles zeigen, die Vorder- wie die Rückseite der Medaille. Ich will euch zeigen, was aufgebaut und was niedergerissen werden kann. Und wenn ihr dann einen Bauernhof findet, der unter allen Umständen dazu verurteilt ist, ausgepreßt zu werden, ja dann greift zu und tut es selbst.«

»Ja, und dabei belastete er seinen Besitz bis zu den Schornsteinen, um zu verhindern, daß fünfhundert Morgen in die Hände eines Köhlers kamen.«

Vor ihnen, am linken Ufer des Sakramentos, wo die Montezumaberge in die Niederungen übergingen, kam jetzt Rio Vista zum Vorschein. Der »Wanderer« glitt über das ruhige Wasser, an Dampfschiffkais, Landungsbrücken und Speichern vorbei. Die zwei Japaner waren vorn. Auf einen Befehl Hastings flog der Klüver herunter, und er drehte den »Wanderer« mit verringerter Schnelligkeit in den Wind, bis er rief: »Anker nieder!« Der Anker fiel, und die Jacht lag so nahe an der Küste, daß die Zweige der Weiden ganz über die Jolle fielen.

»Weiter aufwärts am Fluß vertäuen wir am Ufer selbst«, sagte Frau Hastings, »und wenn wir morgens aufwachen, gucken ganze Zweige zu uns in die Kajüte herein.«

»Au!« klagte Saxon und zeigte auf eine Schwellung an ihrem Handgelenk. »Sehen Sie, ein Moskito!«

»Es ist reichlich früh für Moskitos«, sagte Hastings, »aber später sind sie schrecklich.«

»Im Mondtal gibt es keine Moskitos«, sagte Saxon.

»Nein, dort gibt es keine«, sagte Frau Hastings, und ihr Mann begann zu bedauern, daß die Kajüte so klein war, und daß er ihnen nicht anbieten konnte, an Bord zu schlafen.

Ein Auto kam auf dem Deich angefahren, und die jungen Leute, die darin saßen, riefen Saxon, Billy und Hastings, die in der Jolle an Land ruderten, zu: »Ach, diese Kinder!« Hastings rief ihnen »Ach, diese Kinder!« nach, und Saxon, die sich über den jungenhaften Ausdruck in seinem sonnenverbrannten Gesicht freute, mußte an die jungenhafte Art Mark Halls und seiner ganzen Gesellschaft in Carmel denken.

* * *

 

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