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Das Mondtal

Jack London: Das Mondtal - Kapitel 14
Quellenangabe
authorJack London
titleDas Mondtal
publisherUniversitas
year1929
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
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Sie verließen den Carmelfluß und Carmel, und im Sonnenaufgang wanderten sie nach Süden über die Hügel zwischen den hohen Bergen und dem Meere. Der Weg war arg überschwemmt und voller Wasserläufe und sah nicht nach starkem Verkehr aus.

»Weiter unten verschwindet er ganz«, sagte Billy. »Dort gibt es nur Viehsteige. Aber es sieht nicht danach aus, daß es dort Wald gäbe, und dieser Boden ist nicht besonders gut. Er ist nur als Weide zu gebrauchen – nichts für Landwirtschaft.«

Die Hügel waren kahl und mit Gras bewachsen. Nur in den Canyons gab es Wälder, während die höheren und ferneren Berge ganz zottig von Chaparral waren. Einmal sahen sie einen Coyoten in den Busch schlüpfen, und einmal hätte Billy gern ein Gewehr gehabt, da eine große Wildkatze sie boshaft anstarrte und erst flüchtete, als sie mit einem Klumpen Erde vertrieben wurde, der wie eine Granate um ihre Ohren explodierte.

Saxon klagte über Durst, und an einer Stelle, wo der Weg fast in gleicher Höhe mit dem Meeresspiegel ging und über eine kleine Bergschlucht führte, sah Billy sich nach Wasser um. Die Felsschlucht war feucht von dem Wasser, das von den Hügeln herabsickerte, und er ließ sie sich niedersetzen und sich ausruhen, während er nach einer Quelle suchte.

»Hör mal«, rief er ein paar Minuten später, »komm herunter. Das mußt du wirklich sehen. Wenn du das siehst, wirst du ganz wild.«

Saxon folgte dem halbverwischten Pfad, der über den steilen Hang durch das Dickicht hinabführte. Ungefähr in der Mitte, wo ein von großen Steinen beschwerter Stacheldrahtzaun hoch über die Mündung der Schlucht hinwegführte, sah sie den ersten Schimmer des winzigen Strandes. Nur vom Meere aus konnte man die Existenz dieser Schlucht erraten, so völlig war sie zwischen den drei Seiten nach dem Land zu mit Buschwerk bedeckt. Aber vom Strande ging eine schmale Bucht in das Land hinein, und durch diese hindurch brüllte das Meer, um sich schließlich wieder in der ganz schwach pulsierenden Brandung zu verlieren. Vor dieser Bucht befanden sich viele freistehende Klippen, gegen die die Brandung in all ihrer Gewalt wütete, wobei sie Schaum und Spritzer hoch in die Luft sandte. Der Fuß dieser Klippen, der sich aus den Wogen erhob, war schwarz von Muscheln. Obendrauf lagen mächtige Seelöwen, glänzend von Wasser und die Sonne anbrüllend, während hoch oben in der Luft eine Menge Seevögel flogen, die hin und her wirbelten, kreischten und laute Schreie ausstießen.

Das letzte Stück des Weges bis zum Stacheldrahtzaun hinab war eine Rutschbahn von einigen Metern, und Saxon landete sitzend auf dem weichen, trocknen Sand.

»Ach, ich sage dir – das ist großartig!« sagte Billy mit überströmender Freude. »Sieh, das ist noch eine Stelle, wo es sich lohnt zu rasten. Unter den Bäumen ist die reizendste Quelle, die du dir denken kannst. Und sieh all das gute Brennholz und« – sein Blick schweifte über das Meer hinaus, und seine Augen sahen, was er nicht mit Worten ausdrücken konnte – »und das alles. Sieh die Muscheln dort. Ich möchte wetten, daß wir Fische fangen könnten. Was meinst du dazu, wenn wir ein paar Tage hierbleiben? – Wir haben doch Ferien – und ich könnte nach Carmel zurückgehen, um Angelschnüre und Haken zu holen.«

Saxon, die ganz davon in Anspruch genommen war, seine freudestrahlende Miene zu betrachten, verstand, daß er jetzt im Ernst das Leben in der Stadt vergessen wollte.

»Und es ist kein Wind hier«, sagte er überredend. »Nicht ein Hauch. Und sieh, wie unberührt es ist – ganz, als wären wir viele Meilen von allen Menschen entfernt.«

Der Wind, der auf den Hügeln kalt und scharf gewesen war, konnte nicht in die Bucht hereindringen, und die Luft am Strande war warm und balsamisch, von einem würzigen, durchdringenden Duft aus dem Gebüsch erfüllt. Hie und da, mitten im Gebüsch, standen kleine Eichen und andere kleine Bäume, deren Namen Saxon nicht kannte. Ihre Begeisterung war jetzt mindestens ebenso groß wie die Billys, und Hand in Hand gingen sie, um die Umgegend zu erforschen.

»Hier können wir ja Robinson Crusoe spielen«, rief Billy, als sie von der Hochwassermarke über den harten Sand bis ans Wasser gingen. »Komm, Robinson. Laß uns ein Weilchen hierbleiben. Ja, ich bin natürlich nur dein Diener Freitag, und alles wird geschehen, wie du es wünschst.«

»Aber was sollen wir denn mit Herrn Sonnabend machen?« Sie zeigte mit gut gespielter Bestürzung auf einen frischen Fußabdruck im Sande. »Er kann ja zum Beispiel ein böser Menschenfresser sein.«

»Dies nicht, das ist kein nackter Fuß sondern ein Tennisschuh.«

»Aber ein Wilder hätte doch gut einen Tennisschuh von einem ertrunkenen Seemann bekommen können, den er gefressen hat«, wandte sie ein.

»Aber Seeleute tragen auch keine Tennisschuhe«, antwortete Bill rasch.

»Du bist zu klug, um Freitag zu sein«, schalt sie. »Aber deshalb können wir uns doch hier niederlassen, wenn du die Bündel holen willst. Außerdem braucht es ja kein Seemann zu sein, der gefressen wurde. Es kann auch ein Passagier gewesen sein.«

Ehe eine Stunde vergangen war, hatten sie sich ein warmes, gemütliches Lager bereitet. Die Decken waren ausgebreitet; trockenes Treibholz wurde geholt, zu Brennholz gehackt und die Kaffeekanne über das angezündete Feuer gehängt, wo sie bald zu schnurren begann. Saxon rief Billy, der dabei war, aus einer von den Wellen stark verwaschenen Planke einen improvisierten Tisch zu verfertigen. Auf dem Felsvorsprung in der Ferne stand ein nackter, nur mit Schwimmhosen bekleideter Mann. Er starrte zu ihnen herüber, und sie konnten sehen, wie der Wind sein langes schwarzes Haar packte. Als er die Dünen nach dem Lande zu erklomm, machte Billy Saxon darauf aufmerksam, daß der Fremde Tennisschuhe trug. Wenige Minuten später hatte er sich von dem Felsen an den Strand geschwungen und kam jetzt auf sie zu. »Großer Gott«, flüsterte Billy Saxon zu. »Er ist ja mager genug, aber sieh seine Muskeln! Hier scheinen ja alle Menschen richtige Sportsleute zu sein.«

Als der Fremde näher kam, sah Saxon sein Gesicht, und sie mußte an die ersten Ansiedler und an gewisse Gesichter denken, die man häufig unter Soldaten aus jener Zeit sieht. Obwohl dieser Mann jung war – nicht über dreißig, wie sie sich sagte –, hatte er doch dasselbe lange, schmale Gesicht mit den starken Backenknochen, der hohen, schmalen Stirn und der starkgebogenen Nase, die fast wie ein Adlersehnabel war. Die Lippen waren dünn und sehr beweglich; aber die Augen waren ganz anders als die Augen eines Pioniers oder eines Veteranen, oder überhaupt irgendeines Mannes, den sie je gesehen hatte. Sie waren so dunkelgrau, daß sie fast braun wirkten, und ihr Blick ging in die Ferne und war wachsam wie ein klares Licht, das unendliche Tiefen erforscht. Saxon hatte eine unklare Vorstellung, daß sie ihn früher schon einmal gesehen hatte.

»Guten Tag«, sagte er. »Hier scheint es ja recht gemütlich zu sein.« Er warf einen halb mit Muscheln gefüllten Sack auf den Boden. »Das ist alles, was ich fangen konnte. Das Wasser stand noch nicht niedrig genug.«

Saxon hörte Billy einen leisen Ruf ausstoßen, und sie sah, wie sich die höchste Überraschung in seinem Gesicht malte.

»Weiß Gott, ich bin stolz und froh, Sie zu treffen!« brach es aus ihm heraus. »Darf ich Ihre Hand drücken? Ich habe immer gesagt, wenn ich Sie je vor Augen sehe, wollte ich Ihre Hand drücken. – Wissen Sie!«

Aber hier wurde Billy von seinen Gefühlen überwältigt, und das halberstickte Kichern, womit er begann, wurde bald zu einem schallenden Gelächter.

Der Fremde sah ihn neugierig an und warf Saxon einen fragenden Blick zu.

»Sie müssen entschuldigen«, sagte Billy mit einem gurgelnden Geräusch, während er dem andern immer wieder die Hand schüttelte. »Aber ich muß wirklich lachen. Ich sage Ihnen, daß ich nachts aufgewacht bin und gelacht habe, weiß Gott! Kennst du ihn nicht, Saxon? Das ist doch der – sagen Sie, Freund, Sie sind ein tüchtiger Kerl im Hundertmeterlauf, nicht wahr?«

Und im selben Augenblick wußte Saxon, wo sie den Fremden schon gesehen hatte. Es war der, welcher mit Roy Blanchard bei dem Auto gestanden hatte, als sie krank und bewußtlos in einen fremden Stadtteil geraten war. Und an dem Tage hatte sie ihn auch nicht zum erstenmal gesehen.

»Erinnern Sie sich noch an das Fest der Maurer im Weasel Park?« fragte Billy. »Und an das Rennen? Ich hätte Ihre Nase aus Millionen herausgekannt. Sie waren es, der Timothy McManus den Stock zwischen die Beine steckte und den schlimmsten Krawall veranlaßte, den Weasel Park oder irgendein anderer Sportplatz je gesehen hat.«

Jetzt mußte auch der Fremde lachen. Er stand bald auf einem Bein, bald auf dem andern, je nachdem ihn das Lachen zu überwältigen drohte, und schließlich setzte er sich auf ein Stück Treibholz.

»So, Sie waren auch dort!« stammelte er schließlich. »Na, haben Sie es gesehen? Haben Sie es gesehen?« Er wandte sich zu Saxon. – »Und Sie?«

Sie nickte.

»Sagen Sie«, begann Billy wieder, als das Lachen sich etwas gelegt hatte, »ich möchte gern wissen, warum Sie das taten. Sagen Sie, warum taten Sie das nur? Das habe ich mich seither immer wieder gefragt.«

»Ich mich auch!« lautete die Antwort.

»Sie hatten Timothy McManus nie zuvor gesehen, nicht wahr?«

»Nein, ich hatte ihn nie zuvor gesehen, und ich habe ihn auch seither nicht wiedergesehen.«

»Aber warum taten Sie es dann?« fragte Billy eindringlich.

Der junge Mann lachte weiter, bezwang sich aber schließlich und antwortete:

»Und wenn es mein Leben kosten sollte, ich weiß es nicht! Ich habe einen Freund, einen sehr intelligenten Burschen, der ernste wissenschaftliche Bücher schreibt, und der sagt, daß es ihm immer in den Fingern juckt, ein Ei in einen elektrischen Ventilator zu werfen, um zu sehen, was geschehen wird. Vielleicht war es mit mir genau dasselbe – und es war nur das, was ich tat. Als ich die Beine herankommen sah, steckte ich einfach den Stock dazwischen. Ich wußte selber gar nicht, daß ich es tun wollte. Ich tat es eben. Timothy McManus konnte nicht erstaunter sein, als ich es war.«

»Hat man Sie gekriegt?« fragte Billy.

»Sehe ich aus, als ob ich mich kriegen ließe? Ich bin nie in meinem Leben so erschrocken gewesen. An dem Tag hätte selbst Timothy McManus mich nicht fangen können. Aber was geschah hinterher? Ich habe gehört, daß es einen furchtbaren Krach gab, aber ich konnte es nicht abwarten.«

Erst nach einer Viertelstunde, als Billy die Prügelei beschrieben hatte, stellte der Fremde sich vor und erfuhr ihren Namen. Er hieß Mark Hall und wohnte in einer kleinen Villa zwischen den Kiefern bei Carmel.

»Aber wie haben Sie eigentlich den Weg in die Biercebucht gefunden?« fragte er neugierig, »auf dem Wege läßt sich niemand etwas davon träumen.«

»Ach, so heißt sie also?« fragte Saxon.

»Ja, so haben wir sie jedenfalls genannt. So hieß einer von den Kameraden, die eines Sommers hier lagerten, und wir nannten sie nach ihm. Ich möchte übrigens gern eine Tasse Kaffee haben – wenn Sie sie mir geben wollen.« Dies zu Saxon gewandt. »Und dann werde ich Ihrem Mann die Gegend zeigen. Wir sind sehr stolz auf die Bucht. Hier kommt keiner her außer uns.«

»Die Muskeln haben Sie doch nicht alle daher bekommen, daß Sie McManus wegrannten?« meinte Billy, als sie beim Kaffee saßen.

»Massage unter Spannung«, lautete die völlig unverständliche Antwort.

»So«, sagte Billy und starrte ihn dumm an. »Ist das etwas, das man mit Löffeln einnimmt?«

Hall lachte.

»Ich will es Ihnen zeigen! Sie können irgendeine Muskel nehmen, sie spannen und dann mit den Fingern bearbeiten – so und so!«

»Und das ist alles?« fragte Billy skeptisch.

»Alles!« sagte der andere stolz. »Für jede sichtbare Muskel hat man fünf, die nicht zu sehen sind, die man aber doch beherrscht. Setzen Sie den Finger an eine beliebige Stelle meines Körpers – dann werden Sie sehen.«

Billy tat, wie er sagte, und berührte seine rechte Brust. »Sie verstehen wohl etwas von Anatomie, da Sie eine Stelle wählen, wo es keine Muskeln gibt«, schalt Hall. Billy grinste triumphierend, dann aber sah er zu seinem Erstaunen, daß unter seinem Finger eine Muskel erschien. Er tupfte darauf und spürte, daß es ein harter, fester Muskel war.

»Massage unter Spannung!« triumphierte Hall.

»Nur weiter – wo Sie wollen!«

Und überall, wo Billy hinfühlte, kamen große und kleine Muskeln zum Vorschein, die sich unter seinen Händen hoben, zitterten und wieder zusammensanken, bis der ganze Körper eine wogende Masse von lebendigem, willensbeseelten Fleisch wurde.

»So was hab' ich noch nie gesehen«, sagte Billy schließlich mit großer Verwunderung. »Und ich habe doch in meinem Leben viele gute Männer unbekleidet gesehen. Sie sind ja lauter lebendige Seide!«

»Das kommt alles von der Massage und der Spannung, mein Freund! Die Ärzte hatten mich aufgegeben. Meine Freunde nannten mich die kranke Ratte und den räudigen Poeten und dergleichen mehr. Da verließ ich die Stadt, reiste nach Carmel und begann ein richtiges Leben im Freien – und Massage unter Spannung.«

»Aber Jim Hazard hat seine Muskeln nicht auf die Art bekommen«, sagte Billy herausfordernd.

»Nein, das hat er nicht, der glückliche Kerl – er ist mit ihnen geboren. Ich habe meine selbst verfertigt. Das ist der Unterschied. Ich bin ein Kunstprodukt. Er ist ein Höhlenbär. Kommen Sie! Jetzt werde ich Ihnen alles zeigen. Ziehen Sie sich lieber aus. Behalten Sie nur die Schuhe an – und Ihre Unterhosen, wenn Sie keine Schwimmhose haben.«

»Meine Mutter war selbst Dichterin«, sagte Saxon, während Billy sich im Gebüsch auszog. Sie hatte gehört, wie Hall auf seine Arbeit hindeutete.

Es schien ihn nicht zu interessieren, und sie wagte sich etwas weiter:

»Etwas davon wurde auch gedruckt.«

»Wie hieß sie?« fragte er gleichgültig.

»Dayelle Wiley Brown. Sie schrieb ›Der Sohn des Wikings‹, ›Tage des Goldes‹, ›Treue‹, ›Der Caballero‹, ›Gräber am Little Meadow‹ und eine ganze Menge anderer Gedichte. Zehn davon stehen in der ›Geschichte der Reihen‹.«

»Ich habe das Buch zu Hause«, bemerkte er, zum erstenmal mit wirklichem Interesse. »Sie war natürlich eine von den Pionierinnen – lange vor meiner Zeit. Ich will mir ihre Verse ansehen, wenn ich heimkomme. Meine Familie gehörte auch zu den Pionieren. Sie kamen in den Fünfzigen über Panama aus Long Island. Mein Vater war Arzt, wurde aber Geschäftsmann in San Franzisko und plünderte seine Mitgeschöpfe in einem solchen Maße aus, daß ich und der Rest einer großen Familie seitdem davon haben leben können. Sagen Sie, wo wollen Sie mit Ihrem Mann hin?«

Als Saxon ihm erzählt hatte, wie sie sich entschlossen hatten, Oakland zu verlassen und auszuziehen, um Land zu suchen, sprach er sich sehr anerkennend über den ersten Teil ihres Programms aus, schüttelte aber den Kopf über den zweiten.

»Dort unten hinter Sur ist es schön«, sagte er zu ihr. »Ich bin in all den Riesentannen-Canyons gewesen, und es wimmelt dort von Wild. Ja, es gibt auch Staatsboden, den man bekommen kann. Aber es würde dumm von Ihnen sein, sich dort niederzulassen. Es ist zu weit weg, und um die Canyons herum gibt es auch nur stellenweise guten Ackerboden. Ich kenne einen Mexikaner dort, der ganz versessen darauf ist, seine fünfhundert Morgen für fünfzehnhundert Dollar zu verkaufen. Drei Dollar den Morgen! Und was bedeutet das? Daß er keinen Pfennig wert ist, weil er keinen Käufer findet. Ackerboden, wissen Sie, ist nur soviel wert wie man dafür geben oder erhalten kann.«

In diesem Augenblick kam Billy aus dem Busch, nur in Schuhen und Unterhose, die bis zu den Knien aufgekrempelt war, und damit wurde das Gespräch für diesmal beendet. Saxon sah den beiden Männern, die in physischer Beziehung so verschieden waren, nach, wie sie die Felsen hinaufkletterten und dann die Südseite der Bucht entlang gingen. Anfangs dachte sie nicht weiter darüber nach, was sie unternahmen, bald aber wurde sie besorgt. Um das Rückgrat des Felsens zu erreichen, führte Hall Billy eine fast senkrechte Felswand empor. Billy ging langsam und ungeheuer vorsichtig, aber zweimal sah sie ihn stolpern, während die Steine ihm unter den Händen wegrollten und in die Bucht hinabrasselten. Als Hall den Gipfel des Felshanges, hundert Fuß über dem Meeresspiegel, erreichte, sah sie ihn aufrecht wie ein Licht dastehen und auf dem schmalen Felsgrat leicht hin und her schwanken, der, wie sie wußte, an der anderen Seite ebenso steil abfiel. Als Billy den Grat erreicht hatte, klammerte er sich mit Händen und Füßen an, wogegen sein Führer ruhig weiter ging, vollkommen aufrecht und ungestört, als sei es ein gewöhnlicher Zimmerfußboden. Billy erhob sich allmählich aus seiner knienden Stellung, hielt sich aber immer noch an dem Grat fest und mußte oft die Hände gebrauchen.

Der scharfe Felsgrat war tief ausgezackt, und die beiden Männer verschwanden in einer dieser Spalten. Saxon konnte ihre Angst nicht bezwingen, und sie kletterte an der Nordseite der Bucht entlang, die weniger uneben und viel leichter zu passieren war. Aber selbst hier wurde sie ganz nervös durch die ungewohnte Höhe, durch den Boden, der unter ihren Füßen nachgab und durch die heftigen Angriffe des Windes. Sie stand bald den beiden Männern gerade gegenüber, die über eine schmale Schlucht gesprungen waren und jetzt einen anderen schmalen Bergkamm hinaufkletterten. Billy war schon etwas gewandter geworden, aber sein Führer blieb häufig stehen und wartete auf ihn. Der Weg wurde immer schwieriger, und zeitweise gingen die Schluchten, die den Weg versperrten, bis zum Meer hinunter und waren angefüllt vom Schaum der Wellen, die knurrend hereinbrachen. Dann wieder konnten sie aufrecht stehen und mußten sich über tiefe, enge Schluchten vornüberwerfen, bis ihre Hände den Rand gegenüber berührten; und, sich dann mit den Händen anklammernd, preßten sie ihre Körper hinauf und hinüber.

Fast am Ende der Wanderung verschwanden sie auf der Südseite des Grates, und als Saxon sie wiedersah, befanden sie sich auf dem äußersten Felsvorsprung und hatten auf der Seite, die sich der Bucht zukehrte, den Rückweg eingeschlagen. Hier sah es aus, als wäre der Weg ganz versperrt. Eine breite Rinne mit senkrechten Seiten klaffte aus einem schaumweißen Wirbel gen Himmel, das wütende Wasser spritzte viele Fuß hoch in die Luft, um ebenso plötzlich wieder in die schwarze Tiefe der sturmgepeitschten Klippen und des wirbelnden Tangs zu sinken.

Die beiden Männer gingen vorsichtig den unsicheren Steig und die Bucht entlang, während der Schaum sie umspritzte. Dann blieben sie stehen. Saxon konnte sehen, wie Hall in die Schlucht zeigte, und sie dachte sich, daß er Billy irgendeine Merkwürdigkeit zeigte. Aber sie war nicht auf das vorbereitet, was jetzt geschah. Die kochende Wassermasse zog sich zurück, und Hall sprang über sie hinweg und hinab auf einen schmalen Felsvorsprung, wo das brüllende Meer sich vor einem Augenblick befunden hatte. Ohne sich aufzuhalten, verschwand er um die scharfe Ecke und arbeitete sich dann mit Händen und Füßen aufwärts, um nicht vom Wasser gepackt zu werden. Billy war jetzt allein zurückgeblieben. Er konnte Hall nicht einmal sehen und noch weniger Rat von ihm erhalten, und Saxon wartete mit so gespannter Aufmerksamkeit, daß der Schmerz in ihren Fingerspitzen, die sie gegen die Felsen preßte, sie fast zum Loslassen zwang. Billy wartete, bis sich wieder eine Gelegenheit bot, nahm zwei Anläufe, um zu springen, zog sich aber jedesmal wieder zurück, worauf er über die Schlucht und auf den Felsvorsprung sprang, der sich einen einzigen Augenblick seinem Blicke zeigte, um die Ecke kam, und bis zum Gürtel naß wurde, als er sich zu Hall hinauf arbeitete, aber doch jedenfalls nicht fortgerissen wurde.

Saxon war erst ruhig, als die beiden wieder bei ihr am Feuer waren. Ein einziger Blick auf Billy sagte ihr, daß er sehr erstaunt über sich selber war.

»Sie sind nicht schlecht für einen Anfänger!« rief Hall, indem er ihn gemütlich auf die nackte Schulter schlug. »Die Kletterpartie ist eines meiner Steckenpferde. Manch ein mutiger Mann, der mit mir zusammen hingegangen ist, hat es aufgegeben, ehe wir die Hälfte hinter uns hatten. Ich habe Dutzende von Menschen bei dem großen Sprung zurückschrecken sehen. Nur die Allerstärksten können es fertigbringen.«

»Ich muß ehrlich sagen, daß ich verfluchte Angst hatte«, brummte Billy. »Sie sind ja die reine Ziege, und Sie haben mich ein dutzendmal fast zu Tode erschreckt. Aber jetzt bin ich ganz wild darauf. Es ist nur Training, worauf es ankommt, und ich will hierbleiben und trainieren, bis ich Sie zu einem Wettlauf den ganzen Weg am Strande und zurück herausfordern kann.«

»Das ist ein Wort!« sagte Hall und reichte ihm zur Bestätigung ihrer Abmachung die Hand. »Und wenn wir uns einmal in San Franzisko treffen, werde ich Sie mit Bierce zusammenbringen – das ist der, nach dem die Schlucht genannt ist. Sein Steckenpferd – wenn er nicht unterwegs ist, um Klapperschlangen zu sammeln – ist, einen richtigen Orkan abzuwarten und dann auf dem Rande eines Wolkenkratzers herumzuspazieren – in Lee, wissen Sie, so daß ihn, wenn er herunterweht, nichts auffängt als die Straße. Er wollte mich einmal mitnehmen.«

»Taten Sie es?« fragte Billy eifrig.

»Ich würde es nicht getan haben, wenn ich mich nicht darauf vorbereitet hätte. Ich hatte mich heimlich eine ganze Woche geübt. Und ich gewann zwanzig Dollar auf die Wette.«

Die Ebbe war jetzt tief genug, daß sie Muscheln sammeln konnten, und Saxon folgte den Männern auf die nördliche Felswand. Am Nachmittag sollte ein kleiner Wagen kommen, wie Hall erklärte, um die Muscheln nach Carmel zu transportieren. Als die Säcke voll waren, wagten sie sich weiter zwischen die Felsspalten und wurden durch drei Abalonen belohnt, und in den Schalen der einen fand Saxon eine Perle, die sie sich so gewünscht hatte. Hall weihte sie in den geheimnisvollen Prozeß ein, mit dem man das Fleisch der Abalonen stoßen und zubereiten mußte. Es schien Saxon jetzt, als hätte sie Hall schon lange gekannt. Sie mußte an alte Tage denken, wenn Bert bei ihnen gesessen und seine Lieder gesungen oder von den letzten Mohikanern geschwatzt hatte.

»Hören Sie, jetzt will ich Sie etwas lehren«, sagte Hall gebieterisch, während er einen großen, runden Stein über dem Abalonenfleisch schwang. »Ihr dürft nie Abalonen klopfen, ohne dies Lied zu singen. Und ihr dürft dieses Lied auch nicht zu einer anderen Zeit singen – das wäre eine Heiligtumschändung. Abalonen sind eine Götterspeise. Die Zubereitung ist eine religiöse Zeremonie. Hört jetzt zu und paßt gut auf, es ist eine sehr feierliche Handlung.«

Der Stein fiel klatschend auf das weiße Fleisch, und dann hob und senkte er sich wie eine Art Tamtambegleitung zum Gesang des Dichters:

So mancher preist den Kaviar
Als Bestes aller Zonen,
Ich aber halte immer mich
An meine Abalonen.

Oft sammeln sich die Freunde froh,
Die hier in Carmel wohnen,
Sie sind und bleiben ihnen treu,
Den feisten Abalonen.

Sie wandern durch die ganze Welt
Und tun es seit Äonen,
Und singen toll aus Herzenslust,
Die klagenden Abalonen.

Der eine lebt in wildem Braus,
Der andre will sich schonen,
Wir aber bleiben in Carmel
Und fangen Abalonen.

Mit offenem Mund, den Stein in der erhobenen Hand, hielt er inne. Es ertönte Wagenrumpeln, und eine Stimme rief von der Stelle aus dem Felsen, wo sie die Säcke mit den Muscheln hintransportiert hatten. Da ließ er krachend den Stein auf die Abalonen niedersausen und stand auf.

»Es gibt noch tausend Strophen von der gleichen Art«, sagte er. »Es tut mir leid, daß ich keine Zeit habe, sie euch alle zu lehren.« Er streckte die Hand gegen sie aus. »Und jetzt, Kinder – Gott segne euch! – seid ihr Mitglieder des Clans der Abalonenesser, und ich lege euch feierlich ans Herz, nie, wie es auch geht, Abalonenfleisch zuzubereiten, ohne das heilige Lied zu singen, das ich euch jetzt offenbart habe.«

»Aber wie sollen wir uns der Worte erinnern, wenn wir sie nur einmal gehört haben?« wandte Saxon ein.

»Das werden wir schon machen. Am nächsten Sonntag wird der Stamm der Abalonenesser hierher zu euch in die Biercebucht kommen, und ihr werdet alle Zeremonien, die Verfasser und Verfasserinnen, ja, sogar den eisernen Mann mit dem Basiliskenauge sehen, der gewöhnlich unter dem Namen ›König der Priestereidechsen‹ geht.«

»Kommt Jim Hazard auch?« rief Billy, als Hall im Busch verschwand.

»Ja, er kommt ganz sicher. Er ist ja der Oberprügelmeister der Höhlenbären, der furchtbarste und nach mir erhabenste aller Abalonenesser.«

Billy und Saxon sahen sich an, bis das Geräusch der Wagenräder sich in der Ferne verlor.

»Teufel auch!« erklärte Billy. »Das ist ein Kerl! Und nicht im geringsten großschnauzig. Er ist genau wie Jim Hazard. – Kommt her und tut, als sei er zu Hause – du bist gerade so gut wie er, und er ist gerade so gut wie du – und wir sind alle gute Freunde, sofort und ohne die geringsten Mätzchen.«

»Er stammt auch aus dem alten Geschlecht«, sagte Saxon. »Das erzählte er mir, als du dich auszogst. Seine Familie ist aus Panama hierhergekommen, bevor die Eisenbahn gebaut wurde, und nach dem, was er sagte, glaube ich, daß er eine Menge Geld hat.«

»Das sollte man nicht glauben, wenn man ihn sieht.«

»Und ist er nicht komisch?« rief Saxon.

»Furchtbar komisch! Und das – das soll ein Dichter sein!«

»Ach, ich weiß nicht recht, Billy! Ich habe gehört, daß viele Dichter nicht wie andere Menschen sind.«

»Ja, das ist sehr richtig, jetzt, da ich daran denke. Da ist Joaquin Miller – der wohnt in den Bergen, hinter dem Fruchttal. Das ist ein merkwürdiger Mensch. Ganz in der Nähe von seinem Landsitz war es, wo ich um dich anhielt. Aber deshalb glaubte ich doch, daß Dichter mit Backenbärten und Kneifern herumliefen, und ich glaubte nicht, daß sie je Läufern auf Freiluftplätzen das Bein stellen oder so nackt herumliefen, wie die Polizei es erlaubt, und Muscheln sammeln und wie Ziegen klettern.«

Diese Nacht lag Saxon wach unter der Decke, und sie sah zu den Sternen empor, freute sich über den balsamischen Duft aus dem Busch und lauschte auf das dumpfe Poltern der Brandung und auf das Flüstern des Wassers, das sich wenige Fuß von ihnen auf dem schirmenden Strande kräuselte. Billy regte sich, und sie wußte, daß auch er nicht schlief.

»Freust du dich jetzt, daß du Oakland verlassen hast, Billy?« sagte sie und schmiegte sich eng an ihn.

»Huh!« lautete die Antwort. »Ist eine Muschel glücklich?«

 

Vor jeder Flut lief Billy den südlichen Felsgrat entlang – den ganzen gefährlichen Weg, den er und Hall gemacht hatten, und jedesmal legte er ihn in kürzerer Zeit zurück. »Warte bis Sonntag«, sagte er zu Saxon. »Ich will den Dichter schon für sein Geld laufen lassen. Es gibt nicht eine Stelle, die mir Schwierigkeiten macht. Ich fühle mich so sicher. Wo ich früher auf Händen und Füßen kroch, laufe ich jetzt. Ich denke so: Gesetzt, es wäre nur einen Fuß auf jeder Seite tief, und es wäre weiches Heu, dann würdest du überhaupt nicht fallen. Du würdest wie der Blitz hinüberkommen. Und ob es auf jeder Seite eine Meile hinuntergeht, ist ganz einerlei. Das geht dich nichts an. Was dich angeht, ist, daß du oben bleibst und wie der Blitz weiterläufst. Und weißt du, Saxon, als ich es erst so ansah, störte es mich gar nicht mehr. Warte, bis er mit allen anderen am Sonntag kommt. Ich bin bereit, ihn zu empfangen.«

»Ich möchte wissen, wie die andern sind«, sagte Saxon nachdenklich.

»Selbstverständlich genau wie er. Gleich und gleich gesellt sich gern. Sie sind sicher nicht großschnauzig – keiner von ihnen, das wirst du schon sehen.«

Hall hatte ihnen durch einen mexikanischen Cowboy Angelschnüre und Badeanzüge geschickt, und von dem Mann, der weiter südwärts nach seinem Hofe sollte, erfuhren sie manches über den Staatsboden, und wie sie ihn bekommen konnten. Die Woche flog geradezu dahin; jeden Tag nickte Saxon der Sonne ein glückliches Lebewohl zu, wenn sie hinter dem Horizont verschwinden wollte, jeden Morgen begrüßte sie ihre Rückkehr mit frohem Lachen, weil ein neuer glücklicher Tag begann. Sie nahmen sich nichts vor, sondern fischten, sammelten Muscheln und Abalonen und kletterten zwischen den Felsen herum, den Eingebungen des Augenblicks folgend. Das Abalonenfleisch klopften sie sorgfältig unter Aufsagen eines improvisierten Gedichtes, das Saxon gemacht hatte. Billy gedieh ausgezeichnet. Saxon hatte ihn nie so gesund und stark gesehen. Sie selbst brauchte sich gar nicht in ihrem kleinen Handspiegel zu betrachten, um zu wissen, daß sie seit ihrer frühesten Jugend nie eine so warme Gesichtsfarbe gehabt hatte und so natürlich und lebhaft gewesen war.

»Es ist das erstemal in meinem Leben, daß ich Zeit gehabt habe zu spielen«, sagte Billy. »In all der Zeit, die wir verheiratet sind, haben wir nie gespielt. Kein Millionär kann es besser haben als wir.«

»Keine Fabrikpfeife früh um sieben«, triumphierte Saxon. »Ich hätte Lust, morgens im Bett liegenzubleiben, nur um zu zeigen, daß es so ist, wenn nicht alles so wundervoll wäre, daß es eine Sünde wäre, das zu tun. Und jetzt, Herr Freitag, jetzt sollst du nur spielen, daß du etwas Brennholz hackst und einen feinen großen Barsch oder sonst etwas zum Mittagessen fängst.«

Billy erhob sich, die Axt in der Hand, von der Stelle, wo er der Länge nach gelegen und mit den nackten Zehen Löcher in den Sand gebohrt hatte.

»Aber das dauert nicht mehr lange«, sagte er mit einem tief bedauernden Seufzer. »Der Regen kann jeden Augenblick kommen. Es ist unbegreiflich, daß er so lange auf sich hat warten lassen.«

Am Sonnabendmorgen, als er von seinem Lauf über die südliche Felswand zurückkam, konnte er Saxon nicht finden. Nachdem er sie einige Zeit vergeblich gerufen hatte, kletterte er den Weg hinan. Ein Stückchen weiterhin sah er sie rittlings ohne Sattel und Zaum auf einem Pferde sitzen, das sich langsam und unwillig über die Weide bewegte.

»Ein Glück für dich, daß es eine alte Stute ist, die gewohnt ist, daß man sie reitet. Kannst du den Druck vom Sattel sehen«, brummte er, als sie schließlich neben ihm hielt und ihm erlaubte, ihr herab zu helfen.

»Ach, Billy!« sagte sie mit strahlenden Augen. »Ich habe noch nie auf einem Pferd gesessen. Es war herrlich! Und ich fühlte mich so hilflos, ja, und so schwach.«

»Aber deshalb bin ich doch stolz auf dich«, sagte er und brummte noch mehr als zuvor. »Nicht alle verheirateten Frauen könnten sich so mit einem fremden Pferd einlassen, namentlich, wenn sie noch nie auf einem gesessen haben. Und ich habe auch nicht vergessen, daß du einmal ein feines Reitpferd ganz für dich haben sollst – oh, ein richtiges Prachtexemplar.«

 

Die Abalonenesser kamen in voller Kriegsstärke nach der Biercebucht. Sie hatten zwei Wagen, und einige von ihnen waren zu Pferde. Es waren ein Dutzend Männer und ungefähr ebensoviele Frauen. Sie waren alle jung, im Alter von fünfundzwanzig bis vierzig, und anscheinend alles gute Freunde. Die meisten von ihnen waren verheiratet. Sie strömten über vor guter Laune, stellten einander auf dem glatten Hang ein Bein und nahmen Billy und Saxon mit einer Kameradschaftlichkeit unter sich auf, die so warm war wie der Sonnenschein selbst. Saxon wurde gleich von den jungen Frauen mit Beschlag belegt – sie konnte nicht recht verstehen, daß sie verheiratet waren; und die wiederum machten viel Wesens von ihr, lobten ihr Zelt und ihre Reiseausrüstung und wollten durchaus ihre Geschichte hören. Sie waren selbst alle das Freiluftleben gewöhnt, wie Saxon bald merkte, als sie die Töpfe und Pfannen und die großen Eimer sah, die sie zum Kochen der Muscheln mitgebracht hatten.

Unterdessen hatten Billy und die andern Männer sich ausgezogen und zerstreuten sich jetzt nach allen Seiten, um Muscheln und Abalonen zu suchen. Die jungen Frauen entdeckten Saxons Ukulélé und gaben sich erst zufrieden, als sie begann, ihnen vorzuspielen und vorzusingen. Mehrere von ihnen waren in Honolulu gewesen, kannten das Instrument und sagten, es sei sehr richtig, wenn Mercedes es den springenden Floh genannt hätte. Sie kannten auch die hawaischen Lieder, die Saxon von Mercedes gelernt hatte, und bald sangen sie alle zu ihrer Begleitung: »Aloha Oe«, »Honolulu Tomboy« und »Sweet Lei Lehua«. Sie nahm ehrlichen Anstoß daran, als einige von ihnen, selbst die älteren, eine Hula am Strand zu tanzen begannen.

Als die Männer, mit Säcken voller Schaltiere beladen, zurückkehrten, kommandierte Mark Hall als Hoherpriester den ganzen Stamm zum feierlichen Gottesdienst. Auf ein Zeichen von ihm fielen die vielen Steine gleichzeitig auf das weiße Fleisch nieder, und alle Stimmen erhoben sich, um zum Preis der Abalonen zu singen. Die alten Verse sangen alle mit, aber hin und wieder sang einer eine neue Strophe, die dann im Chor wiederholt wurde. Billy verriet Saxon, indem er sie leise bat, den Vers zu singen, den sie gemacht hatte, und ihre hohe Stimme erhob sich furchtsam zu folgender Strophe:

Zu unserer vollen Becher Klang
Wir auf dem Hochsitz thronen,
Zu frohen Liedern schmausen wir
Die heißen Abalonen.

»Großartig!« rief der Dichter. »Sie spricht die Sprache des Stammes. Kommt, Kinder, kommt!«

Und alle sangen Saxons Vers. Dann kam Jim Hazard mit einem neuen Vers und eines der jungen Mädchen, und dann der eiserne Mann mit den blaugrünen Basiliskenaugen, den Saxon nach der Beschreibung von Hall erkannte. Sie selbst fand, daß er ein Gesicht wie ein Priester hatte.

Und so ging es weiter, neue Verse und alte Verse, endlose Verse zur Verherrlichung der fleischigen Schaltiere Carmels. Saxon war glücklich, fast außer sich vor Entzücken, und sie konnte beinahe nicht glauben, daß alles Wirklichkeit war. Es war wie ein Märchen oder wie eine Geschichte aus einem Buch, die Wirklichkeit geworden war. Dann wieder glaubte sie in einem Theater zu sein, auf dessen Bühne sie und Billy sich als Schauspieler auf irgendeine unfaßbare Weise verirrt hatten. Viele von den Witzen, die sie hörte, konnte sie nicht verstehen, und das Puritanertum in ihr ließ sie über einige plumpe Ausdrücke erstaunen und Anstoß nehmen, aber sie wollte nicht über die anderen zu Gericht sitzen. Sie sahen aus, als ob sie gut wären, diese frohen jungen Menschen; und sicher waren sie nicht grob oder gewöhnlich, wie so viele von denen, die sie auf ihren Sonntagsausflügen getroffen hatte. Keiner der Männer trank zu viel, obwohl sie Cocktail in Kühlflaschen und Rotwein in einer mächtigen Korbflasche mitgebracht hatten. Was Saxon am meisten imponierte, war ihre überströmende Heiterkeit, ihre kindliche Freude über die Dinge und die kindlichen Dinge, die sie unternahmen. Diese Wirkung wurde noch dadurch erhöht, daß sie bekannte Romanschriftsteller und Maler, Dichter und Kritiker, Bildhauer und Musiker waren. Ein Mann mit einem feinen, scharfgeschnittenen Gesicht – Theaterkritiker an einer großen San Franziskoer Zeitung, wie sie Saxon erzählten – verstand eine Kunst, die alle Männer versuchten, die ihnen aber allen auf das Lächerlichste mißlang. Mit regelmäßigen Zwischenräumen wurden an der Küste Planken als Hindernisse aufgestellt. Dann galoppierte der Theaterkritiker auf allen Vieren über den Sand und sprang wie ein Pferd, das alle Hindernisse nimmt, die ganze Bahn entlang über die Planken.

Sie hatten Wurfscheiben mitgebracht und warfen eine Zeitlang mit großem Eifer. Dann begannen sie zu springen, und ein Spiel löste das andere ab. Billy war immer mit dabei, aber er machte es nicht ganz so gut, wie er erwartet hatte. Ein englischer Schriftsteller schlug ihn beim Gerwerfen um einige Fuß, und Mark Hall konnte aus dem Stand und mit Anlauf besser springen als er. Aber beim Rückwärtshochsprung siegte Billy, und das, obgleich er durch sein Gewicht gehandikapt war, ein Sieg, den er im wesentlichen seiner ausgezeichneten Rücken- und Bauchmuskulatur verdankte. Unmittelbar darauf erlitt er indessen eine schmähliche Niederlage gegen Mark Halls Schwester, eine kräftige junge Frau in Reitkleidung, welche für den Herrensattel berechnet war, indem sie ihn zweimal in einem indianischen Ringkampf warf.

»Sie sind leicht zu werfen«, spottete der Eisenmann, dessen Name, wie sie gehört hatten, Pete Bideaux lautete.

Billy nahm die Herausforderung an und merkte bald, daß der andere seinen Spitznamen zu Recht trug. Billy hatte mit gewaltigen Kämpfern, wie Jim Jeffries und Jack Johnson, gerungen und ihnen standhalten können, nie aber hatte er einen Mann getroffen, der so stark war wie der Eisenmann. So sehr Billy sich auch anstrengte, konnte er doch nichts machen, und zweimal berührte er mit den Schultern den Sand.

»Aber Sie werden schon Gelegenheit zur Revanche bekommen«, flüsterte Hazard Billy heimlich zu. »Ich habe Boxhandschuhe mitgebracht. Selbstverständlich können Sie in seiner eigenen Branche nicht gegen ihn stehen. Er hat mit Hackenschmidt im Londoner Varieté gerungen. Aber seien Sie nur ruhig – wir werden es schon machen, aber ganz wie zufällig. Er weiß nichts von Ihnen.«

Bald befand sich der Engländer, der den Gerwurf gemacht hatte, in einem Ringkampf mit dem Theaterkritiker; dann begannen Hazard und Hall die Parodie eines Boxkampfes, und dann gingen sie mit den Boxhandschuhen in der Hand herum und hielten nach dem nächsten Paar Ausschau, das ihrer Ansicht nach für einander paßte. Ganz selbstverständlich fiel die Wahl auf Bideaux und Billy.

»So, jetzt nicht zu hitzig! Keinen Krach, Bideaux, nur leichte Schläge, verstehst du.« Das waren die Ermahnungen, die von verschiedenen Seiten an den Eisenmann gerichtet wurden.

»Warten Sie einen Augenblick«, sagte er zu Billy, und ließ die Hände sinken. »Wenn ich Ohrfeigen kriege, werde ich leicht hitzig. Aber machen Sie sich nichts daraus. Ich kann nichts dafür, verstehen Sie. Es dauert nur einen Augenblick, und ich meine es nicht so.«

Saxon war sehr nervös, und sie mußte unwillkürlich an Billys blutige Schlägerei und an die Streikbrecher denken, die er verprügelt hatte; aber sie hatte ihn nie boxen sehen, und nach einigen Minuten war sie vollkommen beruhigt. Der Eisenmann hatte nicht die geringste Chance. Billy war so entschieden überlegen, parierte jeden Schlag und schlug den anderen immer wieder und gleichsam wie absichtlich ins Gesicht und überall auf den Körper. In Billys Schlägen war kein Gewicht, es waren eher leichte, bissige Ohrfeigen, aber der Umstand, daß sie immer wiederkamen, machte den Eisenmann ganz rasend. Vergebens forderten die Zuschauer ihn auf, ruhig zu bleiben. Sein Gesicht war dunkelrot vor Zorn, und seine Schläge wurden immer wütender. Aber Billy schlug weiter – klatsch, klatsch, klatsch, – ruhig, ohne sich stören zu lassen. Der Eisenmann verlor die Selbstbeherrschung und wurde ganz mörderisch in seinen Ausfällen, und Billy duckte sich und wich ihm immer wieder aus. Jedesmal, wenn sie in Clinch gingen, was natürlich unvermeidlich war, preßte er die Arme des Eisenmannes, so daß der sich nicht rühren konnte, und dann mußte der Eisenmann unweigerlich lachen und sich entschuldigen, aber nur, um im selben Augenblick, wenn sie sich losgelassen hatten, bei dem ersten Schlag noch wütender als je zu werden.

Und als der Kampf dann vorbei und es herausgekommen war, wer Billy war, da lachte der Eisenmann selbst herzlich über den Streich, den sie ihm gespielt hatten. Es war eine glänzende Leistung Billys gewesen. Wie er seinen Körper und seinen Geist in der Gewalt hatte, machte einen sehr vorteilhaften Eindruck auf alle. Saxon war sehr stolz auf ihren Mann und bemerkte auch, daß alle andern ihn bewunderten.

Sie selbst hatte auch viele Erfolge. Als die müden und schweißbedeckten Kämpfer auf dem trockenen Sand lagen, um sich abzukühlen, ließ sie sich überreden, alle ihre Gesänge auf der Ukulélé zu begleiten. Es dauerte auch nicht lange, so wurde sie von der allgemeinen Stimmung angesteckt, sang ihnen vor und lehrte sie kleine Lieder aus alten Tagen, die Lieder, die sie selbst als kleines Mädchen von Cady gelernt hatte – dem Gastwirt, Pionier und früheren Kavalleristen, der in den Tagen vor der Eisenbahn Ochsenführer auf dem Wege nach dem Salzsee gewesen war.

Mark Hall erwähnte zufällig, daß Billy behauptet hatte, mit ihm um die Wette auf dem Bergrücken an der Südseite der Bucht zu laufen, aber er erwähnte diese Probe als etwas, das in ferner Zukunft lag. Billy überraschte ihn, indem er sagte, daß er jeden Augenblick dazu bereit sei. Da begann die ganze Gesellschaft zu rufen, daß sie es sofort sehen wollte. Hall wollte selbst auf sich wetten, aber niemand wollte die Wette halten. Er bot Jim Hazard die Wette drei zu eins an, nur zum Spaß. – Billy hörte es und biß die Zähne zusammen. »Ich will fünf Dollar gegen Sie halten«, sagte er zu Hall. »Aber nicht zu den Odds. Gleich gegen gleich.«

»Ihr Geld will ich nicht haben, sondern das Hazards«, wandte Hall ein. »Aber ich will drei zu eins gegen euch beide halten.«

»Gleich oder gar nicht«, sagte Billy eigensinnig.

Schließlich ging Hall beide Wetten ein – gleich gegen gleich mit Billy und drei zu eins mit Hazard.

Der Weg auf dem Berggrat war so schmal, daß die Laufenden nicht aneinander vorbeikommen konnten, und deshalb wurde bestimmt, sie auf Zeit laufen zu lassen. Hall zuerst und Billy eine halbe Minute später.

Hall ging an den Start und schoß mit einer Schnelligkeit wie ein Sportläufer davon. Saxon war ganz unglücklich. Sie wußte, daß Billy die Sandfläche noch nie mit dieser Schnelligkeit genommen hatte. Dreißig Sekunden später sprang Billy los und erreichte den Fuß des Felsen, als Hall halb oben war.

Als sie beide auf dem Grat waren und von Einschnitt zu Einschnitt flogen, erklärte der Eisenmann, daß sie die Wand genau auf die Sekunde in derselben Zeit erklommen hätten.

»Ich habe immer noch keine Angst um mein Geld«, meinte Hazard. »Ich möchte nur, daß keiner von ihnen sich den Hals bricht. Ich würde das nicht machen um alles Gold, das in der Bucht liegen könnte.«

»Aber du läufst doch oft größere Gefahr, wenn du bei Sturm vor dem Strande von Carmel schwimmst«, sagte seine Frau vorwurfsvoll.

»Ach, das weiß ich nicht!« antwortete er. »Beim Schwimmen kann man jedenfalls nicht so tief fallen.«

Billy und Hall waren verschwunden und liefen jetzt die Strecke um das andere Ende der Felswand herum. Die Gesellschaft am Strande war sicher, daß der Dichter durch seinen schwindelnden Lauf auf der Messerschneide einen Vorsprung erlangt hatte. Selbst Hazard räumte das als sehr wahrscheinlich ein.

Hall war jetzt wieder nach dem großen Sprung aufgetaucht und lief auf die Küste zu. Aber zwischen ihm und Billy war kein Abstand. Billy folgte ihm auf den Fersen, und so blieb es, über die Felsenmauer hinweg bis zum Zeichen am Strande. Billy hatte mit einer halben Minute gewonnen.

»Nur nach der Uhr«, stöhnte er. »Bei der Biegung war mir Hall um mehr als eine Minute voraus. Ich bin nicht langsamer, als ich glaubte, aber er ist schneller. Er ist ein toller Läufer. Er hätte mich mindestens zehnmal schlagen können, wenn er kein Pech gehabt hätte. Als er springen wollte, wurde er von einer großen Welle aufgehalten. Dort holte ich ihn ein. Ich sprang gleich hinter ihm her, und dann brauchte ich nichts weiter zu tun, als ihm zu folgen.«

»Es ist alles in Ordnung«, sagte Hall. »Sie taten mehr, als daß Sie mich schlugen. Es ist das erstemal, seit Menschen in die Biercebucht kamen, daß zwei Männer den Sprung auf dieselbe Welle gemacht haben. Und Sie waren es, der die Gefahr dabei lief, denn Sie kamen zuletzt.«

»Es war nichts als Glück«, behauptete Billy.

Und zum Schluß legte Saxon den edlen Wettstreit bei und brachte die ganze Versammlung zum Lachen, indem sie eine heitere Melodie auf der Ukulélé spielte und die Parodie eines alten Negerkirchenliedes sang.

Am Nachmittag tauchten Jim Hazard und Hall in die Wogen und schwammen bis zu den Klippen weit draußen, wo sie die protestierenden Seelöwen in die Flucht jagten und von ihrer schaumgepeitschten, festen Burg Besitz ergriffen. Billy folgte den Schwimmern mit den Augen, und über sein Gesicht legte sich ein verschleierter Ausdruck von Sehnsucht, so daß jetzt Hazards Frau zu ihm sagte:

»Warum bleiben Sie diesen Winter nicht in Carmel? Jim wird Sie alles lehren, was er selbst von der Brandung weiß. Und er ist ganz versessen darauf, mit Ihnen zu boxen. Er sitzt so viele Stunden an seinem Schreibtisch, daß er wirklich Bewegung braucht.«

Die Sonne ging unter, als die heitere Gesellschaft ihre Töpfe, Pfannen und Muscheln nahm, sich auf den Weg machte und verschwand. Saxon und Billy sahen sie auf den Pferden hinter den ersten Hügeln verschwinden, und dann gingen sie Hand in Hand durch das Gebüsch nach dem Lager. Billy warf sich in den Sand und reckte sich.

»Ich kann mich nicht erinnern, je so müde gewesen zu sein«, gähnte er. »Und eins ist sicher – einen solchen Tag hab ich noch nie erlebt. Er ist zwanzig Jahre meines Lebens wert und noch was dazu.«

Er streckte die Hand nach Saxon aus.

»Und ich war so stolz auf dich, Billy«, sagte sie. Ich habe dich noch nie boxen sehen. Ich wußte nicht, daß es so war. Die ganze Zeit hattest du den Eisenmann in der Hand und sorgtest noch dafür, daß es weder roh noch schlimm wurde. Alle Menschen konnten es sehen und sich freuen – und das taten sie auch.«

»Huh! Ich will dir nur sagen, daß du es selbst großartig machtest. Sie sind schrecklich begeistert von dir. Bei Gott, Saxon, im Singen hast du alle geschlagen, du mit deiner Ukulélé. Und allen Frauen gefielst du gut – und darauf kommt es eben an.«

Es war ihr erster gesellschaftlicher Triumph, und der Sieg war sehr süß.

»Herr Hall erzählte mir, daß er in der ›Geschichte der Reihen‹ nachgesehen hätte«, berichtete Saxon. »Und er sagte, daß meine Mutter eine wahre Dichterin gewesen sei. Er sagte, es sei erstaunlich, wie großartig das Geschlecht war, das über die Prärie wanderte. Er erzählte mir eine Menge von der Zeit und von Leuten, die ich nicht kenne. Und er hat alles gelesen, was über den Kampf am Little Meadow geschrieben steht. Er sagt, daß er alles in einem Buch zu Hause hat, und, wenn wir wieder nach Carmel kommen, will er es mir zeigen.«

»Ja, das ist schon richtig – er will gern, daß wir wieder nach Carmel kommen. Weißt du, was er mir sagte? Er gab mir einen Brief für irgend jemand – einen Dichter, der ein Stück von dem Staatsboden hat –, so daß wir bei ihm wohnen können, ja, und das wäre sehr angenehm, wenn wir gerade in der großen Regenzeit hinkämen. Und – nun ja – was ich sagen wollte: Er sagte, er hätte einen kleinen Schuppen, in dem er wohnte, während das Haus gebaut wurde. Augenblicklich wohnt der Eisenmann darin, aber er geht in ein katholisches Seminar, um Priester zu werden, und Hall sagte, es könnte uns gehören, so lange wir darin wohnen wollten. Und er sagte auch, ich könnte dasselbe tun wie der Eisenmann, um unser tägliches Brot zu verdienen. Hall genierte sich etwas, als er mir Arbeit anbot. Er sagte, es sei nur Gelegenheitsarbeit, aber wir könnten damit durchkommen. Ich könnte ihm helfen, Kartoffeln zu legen, sagte er; und er wurde ganz wütend, als er sagte, daß ich kein Holz hacken dürfte. Das sei seine Arbeit, sagte er, und man konnte sehen, daß er Angst hatte, jemand könnte sie ihm nehmen.«

»Und mir sagte Frau Hall ungefähr dasselbe, Billy. In Carmel ließe sich sehr hübsch wohnen, so lange die Regenzeit dauerte. Und du könntest auch mit Herrn Hazard schwimmen.«

»Es scheint beinahe, daß wir uns niederlassen könnten, wo wir Lust haben«, stimmte Billy ihr zu. »Carmel ist jetzt der dritte Ort, der uns angeboten wird. Nun, da brauchen wir keine Angst zu haben, daß wir uns auf dem Lande nicht durchschlagen sollten.«

»Nein, nicht wenn man ein guter Mann ist«, berichtigte Saxon.

»Das stimmt.« Billy bedachte sich einen Augenblick. »Aber auch ein Dummkopf schlägt sich auf dem Lande eher durch als in der Stadt.«

»Wer hätte je geglaubt, daß es so prächtige Menschen gäbe?« sagte Saxon nachdenklich. »Es ist herrlich, wenn man darüber nachdenkt.«

»Es ist nichts anderes, als was man von einem reichen Dichter erwarten kann, der einem Läufer bei einem irischen Freiluftfest ein Bein stellt«, erklärte Billy. »Die Leute, mit denen so ein Bursche umgeht, müssen genau so sein wie er, oder sie werden es unter seinem Einfluß. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn er die ganze Bande zusammengebracht hätte. Und seine Schwester, die ist wirklich großartig, das kannst du ruhig sagen, wenn jemand auf einem Seelöwen angeritten kommen und dich fragen sollte. Sie konnte auf richtige Indianerart ringen, ja, weiß Gott, und sie ist auch so gewachsen, daß sie es kann. Und sag mal, ist seine Frau nicht ein Staatsmädel?«

Ein Weilchen lagen sie noch in dem warmen Sand. Billy brach das Schweigen, und es klang, als wäre das, was er sagte, das Ergebnis langer Überlegung.

»Weißt du, Saxon, mir ist es wirklich gleichgültig, ob ich je wieder in ein Kino gehe oder nicht.«

 

Saxon und Billy waren mehrere Wochen auf ihrer Wanderung nach dem Süden unterwegs, und dann kamen sie nach Carmel zurück. Sie hatten bei dem Dichter Hafler im Marmorhaus gewohnt, das er mit eigenen Händen gebaut hatte. Das ganze merkwürdige Gebäude bestand aus einem einzigen Zimmer, das fast ausschließlich aus weißem Marmor gebaut war. Hafler kochte sich sein Essen, wie am Lagerfeuer, auf dem mächtigen Marmorkamin, der ihm überhaupt als Küche diente. Es gab eine Reihe von Bücherregalen, und das massive Mobiliar hatte er aus Rotholz verfertigt, ebenso die Deckenbalken. Durch eine in einer Ecke aufgespannte Decke wurde Saxon ein kleiner Raum abgeteilt. Der Dichter war im Begriff, nach San Franzisko und New York zu reisen, aber er blieb noch einen Tag länger zu Hause, um ihnen das Land ein wenig zu zeigen und mit Billy einen Ausflug rings um die Staatsländereien zu machen. Saxon wäre gern mitgegangen, aber Hafler hatte sie etwas überlegen beiseite gewinkt und gesagt, daß ihre Beine zu kurz seien. Als die Männer abends zurückkamen, war Billy vollkommen erschöpft, er erklärte ehrlich, daß Hafler ihn beinahe totgelaufen hätte, und daß ihm nach der ersten Meile schon die Zunge zum Hals herausgehangen hätte. Hafler veranschlagte ihren Ausflug auf ungefähr fünfundfünfzig Meilen.

»Aber was für Meilen!« hatte Billy gerufen. »Den halben Weg ging es auf und ab, und fast die ganze Zeit war es ungebahnter Weg. Und was für ein Tempo! Er hatte wahrhaftig recht, als er von deinen kurzen Beinen sprach, Saxon. Du hättest es nicht fertigbringen können – nicht einmal die erste Meile. Und welch Land! So etwas haben wir noch nie gesehen.«

Hafler verließ sie am nächsten Tage, um den Zug in Monterey zu erreichen. Er erlaubte ihnen im Marmorhaus zu wohnen und sagte, sie könnten den ganzen Winter bleiben, wenn sie wollten. Billy ruhte sich an diesem Tage aus. Alle Glieder waren steif und schmerzten ihn. Außerdem war er vollkommen gelähmt von der Leistung des Dichters.

»Alle Menschen können irgend etwas – in ganz großem Stil – hier im Lande«, sagte er bewundernd. »Sieh dir Hafler an! Er ist größer als ich und schwerer – und das Gewicht ist etwas Schlimmes für einen Fußgänger. Aber für ihn hat das keine Geltung. Er ist einmal siebzig Meilen in vierundzwanzig Stunden gegangen, erzählte er mir, und einmal hundertundsiebzig Meilen in drei Tagen. Er machte mich direkt lächerlich, und ich war verlegen wie ein kleines Kind.«

»Vergiß nicht, Billy«, sagte Saxon beruhigend, »daß jeder seine Spezialität hat. Und hier bist du der große Stil – auf deinem Gebiet. Nicht einer von ihnen kann mit einem Paar Boxhandschuhen umgehen wie du.«

»Das stimmt vielleicht«, gab er zu. »Aber deshalb ist es doch nicht schön, in Grund und Boden gelaufen zu werden – von einem Dichter, denk dir – von einem Dichter!«

Viele Tage verbrachten sie damit, den Boden zu untersuchen, und zuletzt beschlossen sie widerstrebend, den Plan, ihn zu pachten, aufzugeben. Die Riesentannen-Canyons und die großen Felsen bei den Santa-Lucia-Bergen bezauberten Saxon; aber sie dachte daran, was Hafler ihr von den Sommernebeln erzählt hatte, die zuweilen die Sonne eine oder zwei Wochen hintereinander versteckten und monatelang andauern konnten. Dazu war auch kein Markt in der Nähe. Es waren viele Meilen bis zu dem Ort, wo der nächste Fahrweg begann, und von dort an Sur vorbei bis nach Carmel war der Weg schmal und beschwerlich. Billy, der sich gut auf Fahrwege verstand, gab zu, daß er alles eher als gut war, wenn es auf schwere Fuhren ankam. Auf Haflers Boden befand sich der Marmorbruch. Er hatte gesagt, er würde ein Vermögen wert sein, wenn er in der Nähe einer Eisenbahn läge, aber wie die Verhältnisse wären, könnten sie ihn umsonst bekommen, wenn sie sich etwas daraus machten.«

Billy sah im Geist die mit Gras bewachsenen Hänge als Weiden für seine Pferde und sein Vieh, und es erschien ihm schwer, seinen Plan aufzugeben, aber er hörte Saxons Argumente für einen richtigen Bauernhof, wie der, den sie im Kino in Oakland gesehen hatten. Ja, gab er zu, was sie haben müßten, sei ein richtiger, gewöhnlicher Bauernhof und einen solchen richtigen, gewöhnlichen Bauernhof sollten sie auch schon kriegen, und wenn sie vierzig Jahre herumlaufen müßten, um ihn zu finden.

»Aber es müssen Riesentannen darauf stehen«, bedang Saxon sich schnell aus. »In die Bäume bin ich ganz verliebt. Aber wir können ohne Nebel fertig werden. Und es müssen gute Fahrwege und nicht allzu fern muß eine Eisenbahn sein.«

Zwei Wochen lang waren sie durch schwere Regenschauer an das Marmorhaus gefesselt. Saxon machte Streifzüge durch Haflers Bücher, wenn auch die meisten hoffnungslos über ihrem Horizont lagen, und Billy ging mit Haflers Büchsen auf die Jagd. Aber er war ein schlechter Schütze und ein noch schlechterer Jäger. Das einzige, womit er Glück hatte, waren die Kaninchen, die zu töten ihm hin und wieder glückte, wenn sie still saßen. Mit der Büchse konnte er nichts bekommen, obwohl er auf ein Dutzend verschiedene Tiere schoß und einmal auch auf ein mächtiges Geschöpf aus dem Katzengeschlecht mit einem langen Schwanz, das seiner Ansicht nach ein Berglöwe war. Obwohl er aber beständig über sich murrte, konnte Saxon doch gut sehen, welche Freude ihm dieses ganze Leben machte. Dieses späte Erwachen des Jägerinstinkts machte ihn beinahe zu einem andern Menschen. Er war früh und spät draußen, unternahm mächtige Klettertouren und Spaziergänge, und einmal kam er ganz bis zu den Goldminen, von denen Tom gesprochen hatte, und blieb zwei Tage lang fort.

»Rede mir nicht davon, sich in der Stadt abzurackern, ins Kino und Sonntags in den Park zu gehen – wenn man sich richtig amüsieren will«, konnte er manchmal ausrufen. »Ich begreife nicht, daß ich mir je das Hundeleben habe gefallen lassen. So ein Ort wie hier – hier hätte ich mein ganzes Leben verbringen sollen.«

Die neue Lebensweise erfüllte ihn ganz und rief ihm beständig die alten Jagdgeschichten seines Vaters ins Gedächtnis zurück, die er Saxon erzählte.

»Weißt du, jetzt werden mir die Glieder nicht mehr steif, wenn ich einen ganzen Tag lang trabe«, sagte er triumphierend. »Jetzt bin ich es gewohnt. Und eines Tages, wenn ich diesen Hafler treffe, werde ich ihn zu einem Spaziergang herausfordern, daß ihm die Luft ausgeht.«

»Du dummer Junge, immer willst du allen andern die Luft wegnehmen – auf ihrem eigenen Gebiet«, sagte Saxon mit heiterem Lachen.

»Ja; und das ist sehr richtig«, brummte er. »Hafler wird immer ein besserer Fußgänger bleiben als ich. So ist er nun einmal. Wenn ich ihn aber je wiedersehe, werde ich ihn doch zu einem kleinen Boxkampf herausfordern – wenn ich auch nicht so gemein sein werde, ihn so schlimm zu mißhandeln, wie er mich mißhandelt hat.«

Auf dem Rückwege nach Carmel zeigte der Zustand der Wege ihnen hinreichend, daß sie klug getan hatten, den Plan mit dem Staatsboden aufzugeben. Sie kamen an einem Bauernwagen vorbei, der umgestürzt war, an einem andern Wagen, dessen Achse gebrochen war, und an der Post, die hundert Meter weiter abwärts mit Passagieren, Pferden und allem auf dem Hange lag.

»Ich glaube schon, daß sie im Winter den Weg nicht versuchen«, sagte Billy. »Das ist der reine Menschen- und Tiermörder, und ich möchte wissen, wie sie den Marmor hier transportieren wollen.«

* * *

 

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