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Das Mondtal

Jack London: Das Mondtal - Kapitel 13
Quellenangabe
authorJack London
titleDas Mondtal
publisherUniversitas
year1929
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
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Früh am Montagmorgen, drei Tage darauf, fuhren Saxon und Billy nach der Endstation und machten sich zum zweitenmal nach San Juan auf. Der Weg war voller Pfützen, aber die Sonne schien, der Himmel war blau, und überall sah man eine schwache Andeutung von keimendem Grün. Vor Bensons Hof wartete Saxon, während Billy hineinging, um sich seine sechs Dollar für die drei Tage Pflugarbeit geben zu lassen.

»Er wütete wie ein Stier, weil ich gehen wollte«, sagte er, als er wiederkam. »Anfangs wollte er gar nichts davon hören – sagte, in ein paar Tagen hätte er wieder Arbeit für mich, es gäbe nicht so viele gute Leute, die mit vier Pferden fahren, daß man sie, ohne zu mucksen, gehen lassen könnte.«

»Und was sagtest du?«

»Ach, ich sagte nur, ich müßte weiter. Dann versuchte er, mich zu überreden, und ich sagte, ich hätte meine Frau mit, und sie hätte es verflucht eilig, weiter zu kommen.«

»Aber das hast du doch auch, Billy?«

»Selbstverständlich, aber nicht so wie du! Teufel auch, eigentlich gefiel mir das Pflügen sehr gut. Vor der Arbeit hab ich keine Angst mehr. Ich hab die Geschichte jetzt weg, und du kannst darauf schwören, daß ich ungefähr ebenso gut pflügen kann wie alle andern.«

Eine Stunde später hörten sie ein Automobil hinter sich, und sie traten an den Wegrand, um es vorbei zu lassen. Aber das Automobil fuhr nicht vorbei. Es war Benson, der darin saß, und er war allein und hielt bei ihnen an.

»Wo wollen Sie hin?« fragte er Billy, warf aber gleichzeitig Saxon einen hastigen, forschenden Blick zu.

»Nach Monterey – wenn Sie so weit fahren«, lachte Billy.

»Sie können bis Watsonville mitfahren. Das sind zu Fuß und mit dem Gepäck mehrere Tage. Klettern Sie nur herauf!« Dann wandte er sich direkt zu Saxon. »Haben Sie Lust, auf dem Vordersitz zu sitzen?«

Saxon sah Billy an.

»Tu es nur!« sagte er zustimmend. »Es sitzt sich großartig vorn. Ja, das ist übrigens meine Frau, Herr Benson.«

»So, Sie waren es also, die mir den Mann nahm?« sagte Benson gutmütig brummend und wickelte sie in den Mantel.

Saxon gab zu, daß es allerdings ihre Schuld wäre, und bald interessierte sie sich eifrig dafür, wie er den Wagen in Gang setzte.

»Ja, ich wäre ein elender Landwirt, wenn ich nicht mehr Boden hätte, als Sie je gepflügt hatten, ehe Sie zu mir kamen«, sagte Benson pfiffig über die Schulter hinweg zu Billy.

»Ich hatte noch nie einen Pflug in Händen gehabt – außer einem einzigen Mal«, gestand Billy, »aber man muß ja lernen.«

»Für zwei Dollar den Tag?«

»Ja, wenn man jemand findet, der sie einem gibt«, sagte Billy wohlwollend.

Benson lachte herzlich.

»Sie lernen schnell!« sagte er anerkennend. »Ich konnte schon sehen, daß Sie noch keine nähere Bekanntschaft mit einem Pflug gemacht hatten. Aber Sie griffen die Sache sehr vernünftig an. Nicht ein Mann von zehn, die ich auf der Landstraße kriegen kann, könnte leisten, was Sie am dritten Tage geleistet haben. Aber Ihre Stärke ist nun doch Ihr Pferdeverstand. Als ich Sie an dem Morgen aufforderte, die Leinen zu nehmen, tat ich es halb im Scherz. Sie sind ein geübter Kutscher und übrigens auch ein geborener.«

»Er ist so gut zu Pferden«, sagte Saxon.

»Ja, mehr als das«, Benson wandte sich wieder zu ihr. »Ihr Mann hat den richtigen Griff. Das ist schwer zu erklären. Aber das ist es eben – der Griff. Der ist fast wie ein Instinkt. Und wenn es notwendig ist, gut zu Pferden zu sein, so ist es noch notwendiger, den Griff zu haben. Ihr Mann hat den Griff. Die Probe zum Beispiel, die ich mit ihm anstellte, als ich ihn den Wagen mit den vier Pferden fahren ließ! Mit Freundlichkeit allein hätte er es nicht fertiggebracht. Dazu war es zu verwickelt und schwierig. Es gehörte der Griff dazu. Das konnte ich im selben Augenblick sehen, als er anfing. Er hatte nicht den geringsten Zweifel. Und die Pferde hatten auch nicht den geringsten Zweifel. Sie hatten gleich Fühlung mit ihm. Sie wußten, was zu tun war, und wußten, daß sie es zu tun hatten. Sie fürchteten sich nicht, wußten aber doch, daß der Mann auf dem Kutschbock ihnen über war. Als er die Leine faßte, faßte er gleichzeitig die Pferde. Er hatte den Griff, verstehen Sie? Er nahm sie und brachte sie dorthin, wo er sie haben wollte, schwang sie auf und nieder, rechts und links, ließ sie ziehen, lockerte die Zügel und ging rückwärts, und sie wußten, daß es schon gehen sollte. Ach, Pferde können selbstverständlich dumm sein, aber Idioten sind sie auch nicht. Sie wissen, ob der richtige Kutscher mit ihnen fährt, wenn es mir auch ein Rätsel ist, wie sie das so schnell begreifen können.«

Benson hielt inne, ein wenig ärgerlich über seine eigene Redseligkeit, und sah Saxon forschend an, ob sie ihn verstanden hätte. Ihr Gesichtsausdruck befriedigte ihn, und er fügte mit kurzem Lachen hinzu: »Pferde sind nun mal eine meiner Leidenschaften. Ja, das glauben Sie vielleicht nicht, weil ich mit einer solchen Stinkmaschine fahre? Ich würde auch viel lieber mit einem Paar tüchtiger Pferde fahren. Aber das würde mich mehr Zeit kosten und, was noch schlimmer wäre – sie würden mir zu viel Sorge machen. So ein Ding wie das hier hat weder Nerven noch Glieder noch feine Sehnen – man braucht es nur rattern zu lassen.«

Saxon war bald ganz in das Gespräch mit ihrem Wirt vertieft. Sie war sich klar darüber, daß sie hier einen typischen modernen Landwirt vor sich hatte. Das Wissen, das sie schon gesammelt hatte, machte, daß sie sich verhältnismäßig leicht ausdrücken konnte, und wenn Benson sprach, war sie ganz verblüfft, wie viel sie von dem, was er sagte, verstehen konnte. Auf seine direkte Frage erzählte sie ihm von ihren und Billys Aussichten, gab ihm einen kleinen Einblick in ihr Leben in Oakland und verweilte ausführlicher bei ihren Zukunftsplänen.

Es war beinahe wie ein Traum, als sie vor der Baumschule bei Morgans Hügel erfuhr, daß sie schon zwanzig Meilen gefahren waren, eine bedeutend längere Strecke, als sie an diesem Tage zu gehen gedacht hatten. Und immer noch schnurrte die Maschine weiter, und kaum hatte sie irgendeinen Punkt in der Ferne erblickt, so waren sie auch schon vorbei.

»Ich konnte auch nicht begreifen, warum ein so tüchtiger Mensch wie Ihr Mann sich auf der Landstraße herumtreibt!« sagte Benson.

»Ja«, lächelte sie, »er erzählte mir, daß Sie ihn für einen guten Mann hielten, dem es schlecht gegangen sein müßte.«

»Ja, sehen Sie, damals wußte ich nichts von Ihnen. Aber jetzt verstehe ich alles, wenn ich auch sagen muß, daß es heutzutage etwas sehr Ungewöhnliches ist, ein paar junge Leute wie Sie und Ihren Mann mit dem Bündel auf dem Rücken herumziehen und nach Boden suchen zu sehen. Und da fällt mir gerade etwas ein, was ich Ihnen erzählen will.« Er wandte sich zu Billy. »Ich erzählte eben schon Ihrer Frau, daß auf meinem Hof feste Arbeit auf Sie wartet. Und da ist ein hübsches Häuschen mit drei Zimmern, wo Sie und Ihre Frau wohnen können. Vergessen Sie das nicht.«

Unter anderm erfuhr Saxon, daß Benson einen Kursus über Landwirtschaft an der Kalifornischen Universität durchgemacht hatte; sie hatte keine Ahnung gehabt, daß etwas Derartiges existierte. Aber betreffs des Staatsbodens, den sie suchten, konnte er ihnen nicht viel Ermutigendes sagen.

»Der einzige Staatsboden, den es noch gibt«, teilte er ihr mit, »ist Boden, mit dem sich abzugeben aus irgendeinem Grunde nicht lohnt. Wenn dort, wo Sie hin wollen, guter Boden ist, dann ist er zu weit vom Markt entfernt. Ich glaube nicht, daß es dort eine Eisenbahnverbindung gibt.«

»Warten Sie, bis wir nach dem Pajaro-Tal kommen«, sagte er, als sie Gilroy passiert hatten und sich lärmend Sargent näherten. »Ich werde Ihnen zeigen, was aus dem Boden gemacht werden kann – und zwar nicht von Leuten, die landwirtschaftliche Hochschulen besucht haben, sondern von Ausländern ohne die geringste Vorbildung, Leuten, wie die großmächtigen Amerikaner sie immer verspotteten. Jetzt will ich es Ihnen zeigen. Es ist etwas vom Merkwürdigsten, was man im Staate sehen kann.«

Bei Sargent verließ er sie einen Augenblick, um einige Geschäfte zu erledigen.

»O je, das ist doch anders, als zu marschieren!« sagte Billy. »Es ist noch früh am Tage, und wenn er uns absetzt, sind wir noch frisch und können gut ein paar Meilen zu Fuß laufen. Aber deshalb glaube ich doch, daß ich bei Pferden bleiben werde, wenn wir erst festen Boden unter den Füßen und uns ein bißchen zurückgelegt haben. Pferde sind das Beste für mich.«

»So eine Maschine ist nur gut, wenn man schnell irgendwohin fahren muß«, gab Saxon zu. »Selbstverständlich, wenn wir reich würden, sehr reich –«

»Weißt du, Saxon«, fiel Billy ihr ins Wort, als wäre ihm gerade etwas eingefallen. »Eines habe ich doch gelernt. Ich habe keine Angst mehr, daß ich der Arbeit auf dem Lande nicht gewachsen wäre. Anfangs hatte ich sie, wenn ich dir auch nichts davon erzählte. Aber ich hatte eine Todesangst, als wir bei San Leandro abstiegen. Und jetzt habe ich schon zwei Angebote – von Frau Mortimer und von Benson – für wirklich gute feste Arbeit. Ja, man kann schon Arbeit auf dem Lande kriegen.«

»Nun«, berichtigte Saxon mit einem stolzen kleinen Lächeln, »das stimmt doch nicht ganz. Nur gute Leute bekommen Arbeit auf dem Lande. Die großen Bauern nehmen wohl niemand aus Wohltätigkeit.«

»Nein, natürlich nicht! Zu ihrem Vergnügen betreiben sie ja auch keine Landwirtschaft«, lachte er.

»Und sie sind ganz versessen auf dich. Das kommt, weil du ein guter Mann bist. Das können sie mit einem halben Auge sehen, und – denk nur an all die Vagabunden, die wir unterwegs treffen, und die Arbeit suchen! Nicht einer von ihnen konnte sich mit dir vergleichen. Ich habe sie alle gemustert. Sie sind schwach – schwach im Körper und im Kopfe – schwach in jeder Beziehung.«

»Ja, es ist eine elende Gesellschaft«, pflichtete Billy ihr bescheiden bei.

»Es ist nicht die richtige Jahreszeit, um sich das Pajaro-Tal anzusehen«, sagte Benson, als er wieder neben Saxon saß und Sargent hinter ihnen lag. »Deshalb ist es aber doch sehenswert, welche Jahreszeit es auch sein mag. Denken Sie nur – zwölftausend Morgen mit Apfelbäumen bepflanzt. Wissen Sie, wie man das Pajaro-Tal nennt? Das neue Dalmatien. Wir werden herausgedrängt. Wir Yankees bildeten uns ein, die stärkere Macht zu sein. Ja, und dann kamen die Dalmatiner und zeigten, daß sie noch smarter waren. Es waren die elendesten Auswanderer – arm wie Kirchenmäuse. Zuerst arbeiteten sie in der Obsternte als Tagelöhner. Dann begannen sie in aller Friedlichkeit das Obst von den Bäumen zu kaufen. Je mehr Geld sie verdienten, desto größere Geschäfte machten sie. Bald pachteten sie die Obstgärten auf längere Zeit. Und jetzt beginnen sie selbst, Boden zu kaufen. Es dauert nicht lange, so gehört ihnen das ganze Tal, und der letzte Amerikaner ist verschwunden.«

»Ja gewiß – wir Yankees sind smart! Ja, sehen Sie, als die ersten zerlumpten Slaven ihre Geschäfte mit uns machten, verdienten sie nicht mehr als zwei- bis dreitausend lumpige Prozente. Und jetzt sind sie mit hundert Prozent zufrieden. Es ist ein reines Unglück, wenn ihre Einnahmen auf fünfundzwanzig oder fünfzig Prozent fallen.«

»Ganz wie in San Leandro«, sagte Saxon. »Die ursprünglichen Besitzer des Bodens sind fast alle verschwunden. Das macht die intensive Wirtschaft.« Sie fand selbst, daß das sehr fein klang. »Es kommt nicht darauf an, möglichst viele Morgen zu haben, sondern, möglichst viel herauszuholen.«

»Ja, darauf kommt es an«, antwortete Benson und nickte nachdrücklich mit dem Kopfe. »Da sind massenhaft Leute wie Luke Scurich, der das Geschäft in großem Stil betreibt. Mehrere von ihnen sind schon eine Viertelmillion schwer. Zehn weiß ich allein, die durchschnittlich hundertundfünfzigtausend Dollar schwer sind. Sie haben den Griff mit Äpfeln. Das ist beinahe eine Gabe. Sie kennen ihre Bäume ungefähr ebenso, wie Ihr Mann Pferde kennt. Für sie ist jeder Baum so individuell, wie für mich ein Pferd. Sie kennen jeden Baum, seine ganze Geschichte, alles was diesem Baum je begegnet ist, jede kleinste Eigenart, die er hat. Ihr Finger ruht auf seinem Puls. Sie können sagen, ob er sich heute ebenso gut befindet wie gestern. Und wenn er das nicht tut, dann wissen sie, warum, und können gleich etwas dagegen tun. Sie können einem Baum, der in Blüte steht, ansehen, wieviel Pfund Äpfel er tragen wird – und nicht nur das – sie können sagen, von welcher Güte die Äpfel sein werden. Ja, sie kennen sogar jeden einzelnen Apfel und pflücken ihn mit Sorgfalt und Liebe, damit er nicht beschädigt wird, und sie packen ihn in Kisten und schicken ihn weg, immer mit derselben Sorgfalt und Liebe, und wenn die Äpfel auf den Markt kommen, dann sind sie weder angestoßen noch faul und werden mit den höchsten Preisen bezahlt.«

»Ja, das ist mehr als intensiver Bodenbau. Diese Slaven vom adriatischen Meer verstehen sich auf Geschäfte. Nicht nur, daß sie Äpfel züchten können – sie können auch Äpfel verkaufen. Kein Markt? Nun, wenn schon! Dann schafft man eben einen Markt. So fangen sie es an, während Leute unseres Schlages das Obst in großen Haufen unter den Bäumen verfaulen lassen. Da ist zum Beispiel Peter Mengol! Alljährlich reist er nach England und nimmt hundert Waggons gelbe Newton Pippins mit. Ja, die lieben Dalmatiner haben gerade jetzt Pajaro-Äpfel auf den südafrikanischen Markt geworfen und verdienen mächtig daran.«

»Aber, was tun sie denn mit all dem Geld?« fragte Saxon.

»Sie kaufen natürlich die Amerikaner im Pajaro-Tal aus – wie sie schon angefangen haben.«

»Und dann?« fragte sie.

Benson warf ihr einen hastigen Blick zu.

»Dann kaufen sie die Amerikaner im nächsten Tal aus. Und die Amerikaner brauchen Geld, und von der nächsten Generation an beginnen sie in den Städten zu verfaulen, wie Sie und Ihr Mann verfault wären, wenn Sie nicht herausgekommen wären.«

Saxon konnte einen leisen Schauder nicht unterdrücken. Wie Mary verfault war, dachte sie, wie Bert und alle andern verfault waren, wie Tom und alle andern verfaulten.

»Ja, es ist ein großes Land«, fuhr Benson fort. »Aber wir sind kein großes Volk. Kipling hat recht – andere haben uns zu unserm Haus herausgedrängt, und jetzt sitzen wir auf der Schwelle. Und das allerschlimmste ist, daß wir es besser hätten wissen können. Das ist, was wir die Leute in all unsern landwirtschaftlichen Schulen und Versuchsstationen zu lehren versuchen. Aber die Leute wollen es sich nicht aneignen, und die Auswanderer, die in einer harten Schule erzogen sind, nehmen ihnen den Wind aus den Segeln. Als ich mit der Schule fertig war – das war, ehe mein Vater starb, und er war aus der alten Schule und lachte über das, was er meine Theorien nannte – da ging ich ein paar Jahre auf Reisen. Wollte sehen, wie sie in der alten Welt Landwirtschaft betrieben. Oh, ich sah es! –

Jetzt kommen wir bald in das Tal. – Sie können sich darauf verlassen, daß ich es sah. Erstens sah ich – das war in Japan – Berge und Hänge, die in Terrassen eingeteilt waren. Denken Sie sich einen Hang, so steil, daß man nicht mit Pferden hinauffahren kann! Das störte sie nicht. Sie bauten ihre Terrassen – eine Steinmauer – gute Maurerarbeit, sechs Fuß hoch – eine flache Terrasse, sechs Fuß breit, immer höhere Mauern und Terrassen – ganz bis oben hinauf. Mauer auf Mauer, Terrasse auf Terrasse, bis eine Mauer von zehn Fuß nötig war, um einer Terrasse von drei Fuß Raum zu gewähren, und zwanzig Fuß Mauer für vier bis fünf Fuß Boden, wo sie Getreide und Gemüse pflanzen konnten. Und die Erde schleppten sie in Körben auf dem Rücken den Berg hinan.

Und überall, wo ich hinkam, war es dasselbe – in Griechenland, in Irland, in Dalmatien –, denn ich bin überall gewesen. Sie sammelten jedes bißchen Erde, das sie finden konnten, sammelten sie, ja, stahlen sie in Schaufeln und Händen, trugen sie auf dem Rücken Berge hinan und bauten Höfe – bauten sie auf den nackten Felsen. Sehen Sie, in Frankreich habe ich Bergbauern in Wasserläufen nach Humus graben sehen, wie unsere Vorfahren in den kalifornischen Flüssen nach Gold gruben. Der Unterschied ist nur, daß das Gold verschwunden ist, während der Boden der Bauern immer noch da ist, Ernte auf Ernte bringt und beständig etwas erzeugt. Aber jetzt habe ich Ihnen wohl bald genug erzählt.«

»Mein Gott«, murmelte Billy benommen. »Das haben unsere Leute nie getan. Es ist so merkwürdig, daß sie verdrängt wurden.«

»Dort liegt das Tal«, sagte Benson. »Sehen Sie die Bäume! Sehen Sie die Hänge! Das ist ein neues Dalmatien. Sehen Sie hin! Ein Apfelparadies! Sehen Sie den Boden! Sehen Sie, was sie daraus gemacht haben.«

Es war kein großes Tal, das sich Saxons Blick zeigte. Aber überall, auf den flachen Feldern und über den niedrigen Höhenzügen, waren die Zeugnisse vom Fleiß der Dalmatiner zu sehen. Und während sie sah, hörte sie immer noch auf Benson.

»Wissen Sie, was die ersten Pioniere mit ihrem schönen Boden taten? Sie bepflanzten die Ebenen mit Getreide und benutzten die Berghänge als Weiden für das Vieh. Und jetzt werden zwölftausend Morgen als Apfelgärten benutzt. Das ist eine ganze Sehenswürdigkeit für Leute aus dem Osten, die auf Besuch nach Del Monte kommen, und sie fahren mit ihren Automobilen heraus, um die Bäume in der Blüte oder in der Reife zu sehen. Nehmen wir zum Beispiel Matteo Lettunich – er ist einer der ersten Apfelbauer. Er kam aus Castle Garden hierher und wurde Tellerwäscher. Sobald er dieses Tal sah, wußte er, daß es sein Klondike war. Jetzt hat er siebenhundert Morgen gepachtet, besitzt selbst hundertunddreißig – die feinsten Obstsorten im ganzen Tal – und exportiert vierzig- bis fünfzigtausend Kisten jedes Jahr. Er läßt jeden einzelnen Apfel von Dalmatinern pflücken. Eines Tages fragte ich ihn im Scherz, wie teuer er seine hundertunddreißig Morgen verkaufen würde. Er antwortete im vollen Ernst. Er erzählte mir, was sie ihm Jahr auf Jahr eingebracht hatten, und berechnete eine Art Durchschnittseinnahme. Dann sagte er, daß ich das als sechsprozentige Verzinsung rechnen sollte. Das tat ich, und es kamen über dreitausend Dollar den Morgen dabei heraus.«

»Aber was tun denn alle die Chinesen hier im Tal?« fragte Billy. »Bauen die auch Äpfel?«

Benson schüttelte den Kopf.

»Das ist auch ein Punkt, in dem wir Amerikaner zu kurz kommen. Hier im Tal wird nichts vergeudet, nicht ein Apfelgehäuse oder eine Apfelschale, aber es sind nicht Amerikaner, die dieses Sparsystem durchführen. Hier sind siebenundfünfzig Öfen, in denen Äpfel gedörrt werden, gar nicht zu reden von all den Anstalten, wo Äpfel eingemacht werden, und von den Apfelwein- und Essigfabriken. Und es ist unser Freund, der Chinese, der dies Nebengeschäft betreibt. Sie verschiffen jährlich fünfzehntausend Tonnen Apfelwein und Essig.«

»Unsere Väter haben dieses Land geschaffen«, sagte Billy nachdenklich. »Haben dafür gekämpft, es der Umwelt zugänglich gemacht, haben alles getan.«

»Ja, nur nicht seine Möglichkeiten entwickelt«, fiel Benson ihm ins Wort. »Wir taten unser Bestes, um es zu vernichten, wie wir den Boden in Neu-England vernichteten.« Er machte eine Handbewegung irgendwo nach der andern Seite der Berge hinüber. »Dort drüben liegt Salina. Dort könnte man sich einbilden, in Japan zu sein. Und mehr als ein gutes kleines Obsttal in Kalifornien befindet sich heute in den Händen von Japanern. Ihre Methode ist etwas anders als die der Dalmatiner. Zuerst arbeiten sie als Tagelöhner beim Obstpflücken. Sie sind besser als die amerikanischen Obstpflücker, und die Yankees sind froh, wenn sie sie kriegen können. Wenn sie dann stärker werden, bilden sie Gewerkschaften und verdrängen die amerikanischen Arbeiter. Aber die Obstgartenbesitzer sind immer noch froh. Der nächste Schritt ist, daß die Japaner kein Obst mehr pflücken wollen. Die amerikanische Arbeitskraft ist verschwunden. Die Obstgartenbesitzer sind hilflos. Das Obst verfault an den Bäumen. Dann melden sich die japanischen Arbeiterführer. Sie schwingen schon das Zepter. Sie verkaufen das Obst an den Bäumen. Die Obstgartenbesitzer sind vollkommen in ihren Händen, verstehen Sie. Und bald sind es die Japaner, die im Tal regieren. Die Obstgartenbesitzer brauchen nicht mehr hier zu wohnen und haben bald genug damit zu tun, eine vornehmere Lebensart in den Städten zu lernen und Reisen nach Europa zu machen. Jetzt fehlt nur noch der letzte Schritt. Die Japaner kaufen sie aus. Sie sind gezwungen, zu verkaufen, denn die Japaner beherrschen den Arbeitsmarkt und können sie jeden Augenblick ruinieren.«

»Aber wenn das so weiter geht, was wird denn schließlich aus uns?« fragte Saxon.

»Was es jetzt schon ist. Die von uns, die nichts haben, verfaulen in den Städten. Die von uns, die Boden haben, verkaufen ihn und gehen nach den Städten. Einige werden größere Kapitalisten, andere gehen zum Handwerk über, der Rest verbraucht sein Geld und beginnt dann zu verfaulen, und wenn sie bei ihrem Tode noch nicht verfault sind, so verfaulen eben ihre Kinder.«

Die lange Fahrt war jetzt zu Ende, und beim Abschied erinnerte Benson Billy an die feste Arbeit, die seiner wartete, sobald er sie haben wollte.

»Ich denke, wir gucken uns erst einmal den Staatsboden dort ein bißchen an«, antwortete Billy. »Wir wissen noch nicht, was daraus wird, aber eins gibt es, womit wir uns nicht abgeben – das ist sicher.«

»Was denn?«

»Äpfel zu dreitausend Dollar den Morgen zu pflanzen.«

Billy und Saxon marschierten ein Stückchen, ihre Bündel auf dem Rücken. Er war der erste, der das Schweigen brach.

»Und eins will ich dir sagen, Saxon! Das machen wir nie, daß wir kleine Krümel Erde in Körben einen Berg hinaufschleppen. Es gibt noch Platz genug in den Vereinigten Staaten. Mir ist es einerlei, was Benson und die andern sagen – die Vereinigten Staaten haben noch nicht ausgespielt. Millionen von Morgen, die noch niemand angerührt hat, warten auf uns, wir müssen sie nur finden.«

»Und ich will dir auch etwas sagen«, sagte Saxon. »Wir lernen eine Masse. Tom ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, aber er weiß von Landwirtschaft lange nicht so viel, wie wir schon jetzt. Und ich will dir noch etwas sagen. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, daß wir von dem Staatsboden enttäuscht werden.«

»Man soll nicht alles glauben, was die Leute sagen«, wandte er ein.

»Ach, das ist es nicht. Ich richte mich nur nach meinem eigenen Urteil und möchte dich fragen, ob du nicht findest, daß ich recht habe. Wenn der Boden hier einen Wert von dreitausend den Morgen hat, wie kommt es dann, daß der Staatsboden, wenn er wirklich etwas taugt, nicht weit von hier liegt und nur darauf wartet, daß die Leute ihn sich nehmen?«

Billy dachte eine Weile über diese Frage nach, kam aber zu keinem Ergebnis. Schließlich räusperte er sich und erklärte:

»Nun, wir können ja abwarten und ihn uns erst einmal ansehen, nicht wahr?«

»Ja, das ist sehr richtig«, gab Saxon zu, »wir können abwarten und ihn uns erst einmal ansehen.«

Sie waren die gerade Landstraße über die Berge von Monterey gegangen, statt dem siebzehn Meilen langen Fahrweg an der Küste zu folgen, und deshalb standen sie plötzlich Angesicht zu Angesicht mit der Carmelbucht, ohne geahnt zu haben, welche Schönheit ihrer hier wartete. Sie gingen durch harzduftende Kiefernwälder, vorbei an waldumkränzten, phantastisch und primitiv eingerichteten Villen, die Künstlern und Schriftstellern gehörten, und sie gingen weiter über windumsauste, wogende Dünen, wo der Sand durch harte Lupinen festgehalten wurde und der blasse kalifornische Mohn im Winde nickte. Saxon stieß vor Verwunderung und Freude einen lauten Schrei aus, dann sah sie atemlos die wunderbare graublaue Farbe der Brandung schillernd von goldenem Sonnenlicht, die sich mit Lärm und Gepolter weißschäumend an einem halbmondförmigen Strande brach, dessen Sand kaum weniger weiß war.

Wie lange sie hier standen und auf den stolzen Zug der mächtigen Wogen schauten, die sich von dem tiefen, schaumbewipfelten Meer erhoben, um sich schließlich lärmend auf dem Sande zu ihren Füßen zu brechen, das wußte Saxon nicht. Sie wurde erst dadurch wieder in die Wirklichkeit zurückgerufen, daß Billy lachend begann, ihr den Rucksack, den sie auf dem Rücken trug, abzuschnallen.

»Du siehst aus, als hättest du Lust, einige Zeit hierzubleiben«, sagte er, »da können wir es uns ebensogut gleich bequem machen.«

»Das hab ich mir nie träumen lassen, das hab ich mir nie träumen lassen!« sagte sie und preßte bezaubert die Hände gegeneinander. »Ich – ich fand die Brandung bei Cliff House herrlich, aber sie gibt doch keine Vorstellung von dem hier. – Ach, sieh! Sieh! Hast du je eine so herrliche Farbe gesehen? Und das Sonnenlicht spielt gerade hindurch. Ach, Billy!«

Es dauerte lange, bis sie ihren Blick von der Brandung losreißen und über das Meer schweifen lassen konnte, das in tiefstem Pfaublau unter mächtigen Wolkenmassen bis zum Horizont, jenseits der Biegung des Ufers südlich von der unebenen Klippenspitze und bis zu der unebenen Linie von blauen Bergen reichte, die sich jenseits der weichen, niedrigen Dünen weiter oben im Carmeltal erhoben.

»Wir können uns ebensogut gleich setzen und es uns bequem machen«, sagte Billy entgegenkommend. »Es ist zu schön, als daß wir gleich wieder weglaufen können.«

Saxon willigte ein und begann sich sofort die Schuhe aufzuschnüren.

»Willst du wirklich?« fragte Billy froh und überrascht und begann sich auch die seinen aufzuschnüren. Ehe sie aber barfuß auf dem schmalen schaumbedeckten Sande, wo Land und Meer sich trafen, laufen konnten, geschah etwas Neues und Wunderbares, das sich ihre Aufmerksamkeit zuzog. Aus dem dunklen Kiefernwald über den Dünen kam ein Mann gelaufen, der nur eine kleine Schwimmhose trug und sonst ganz nackt war. Seine Haut war blaß und rosig, sein Gesicht ein richtiges Engelgesicht, eingerahmt von mächtigem gelben, lockigen Haar, aber sein Körper war so muskulös wie der eines Herkules.

»Nanu – das muß Sandow sein!« sagte Billy leise zu Saxon. Aber sie dachte an den Holzschnitt im Poesiealbum ihrer Mutter und an die Wikinger am feuchten Strande Englands.

Der Fremde lief in einer Entfernung von wenigen Metern an ihnen vorbei über den nassen Sand, ohne sich aufzuhalten, bis die Wellen ihm bis ans Knie reichten, während sich vor ihm eine Mauer von Wogen auftürmte, die mindestens zehn Fuß hoch war. So gesund und stark, wie sein Körper zuvor ausgesehen hatte, so weiß und zerbrechlich wirkte er in diesem Augenblick, da das Meer sich anschickte, ihn in seinen mächtigen Armen aufzufangen. Saxon war atemlos vor Angst, und als sie Billy einen verstohlenen Blick zuwarf, bemerkte sie, daß sein Körper gleichsam in gespannter Erwartung erstarrte.

Aber der Fremde machte, als das Meer ihm entgegenschlug, einen Sprung, und im selben Augenblick, als er schon zerschmettert zu werden schien, tauchte er in die Brandung und verschwand. Die mächtigen Wassermassen fielen mit Lärm und Gepolter auf den Strand, aber dahinter tauchte ein goldhaariger Kopf auf, ein Arm erschien und ein Stück Schulter. Er konnte nur wenige Schwimmzüge machen, als er auch schon gezwungen war, sich in einem neuen Brecher zu ducken. Das war es, um was er kämpfte – das Meer zu erreichen, die Wogen, durch die Wellen hindurch, die mit Getöse zur Küste hasteten. Jedesmal, wenn er tauchte und ihren Augen entschwand, preßte Saxon die Hände gegeneinander. Zuweilen, wenn eine der mächtigen Wogen vorbei gezogen war, konnten sie ihn gar nicht finden, und wenn sie ihn schließlich sahen, war er weit fort geschleudert wie ein Schiff in der tosenden Brandung. Oft sah es aus, als müßte er es aufgeben und würde an den Strand geworfen, als aber eine halbe Stunde vergangen war, hatte er den äußersten Rand der Brandung hinter sich und schwamm mit starken Zügen, ohne zu tauchen, und beständig auf dem Gipfel der Wogen. Bald war er so weit fort, daß sie ihn nur hin und wieder als einen Punkt in der Ferne sehen konnten. Aber auch dieser Punkt verschwand, und Saxon und Billy sahen sich an, ganz erfüllt von Erstaunen über die Tapferkeit des Schwimmers, Billy mit leuchtenden Augen.

»Der kann schwimmen, der Junge, der kann schwimmen«, sagte er bewundernd. »Der hat keine Angst – nein! Weißt du, ich kann im Bassin schwimmen und in kleinen Wellen, aber jetzt will ich im großen Meere schwimmen lernen. Könnte ich das, so würde ich so stolz sein, daß du mir gar nicht nahe kommen dürftest! Ja, Saxon, das sage ich dir – das würde ich lieber tun, als tausend Bauernhöfe besitzen. Oh, ich kann auch schwimmen, sage ich dir, aber ich habe noch nie jemand schwimmen sehen wie den Burschen dort. Ich gehe nicht weg vom Strande, ehe er wiederkommt – ganz allein draußen in berghohen Seen – denk dir nur! Der hat Mut, Donnerwetter!«

Saxon und Billy liefen barfuß am Strande auf und ab, verfolgten sich mit Peitschen aus Tang, die sie durch die Luft schwangen, und spielten wie zwei Kinder. Das dauerte eine ganze Stunde, und erst als sie sich die Schuhe wieder anzogen, erblickten sie den gelben Kopf, der sich jetzt auf das Land zu bewegte. Billy stand dicht vor der Brandung, um ihn zu empfangen, und als er kam, war er nicht weißhäutig wie in dem Augenblick, als er sich in die Wellen gestürzt hatte, sondern kupferrot von den vielen Schlägen, die das Meer ihm erteilt hatte.

»Das war großartig, sage ich Ihnen!« begrüßte Billy ihn mit ehrlicher Bewunderung.

»Ja, die Brandung war heute schlimm«, antwortete der junge Mann, anerkennend nickend.

»Sie sind doch wohl nicht ein Boxer, von dem ich nie etwas gehört habe?« fragte Billy, der gern gewußt hätte, wer dieses physische Wunder sein könnte.

Der andere lachte und schüttelte den Kopf, und Billy ahnte nicht, daß er den Anführer einer bekannten Universitätsfußballmannschaft und im übrigen einen Familienvater und Verfasser vieler Bücher vor sich hatte. Der Schwimmer maß Billy mit einem forschenden Blick, wie einen jungen Studenten, der sich zum Fußballklub meldete.

»Sie sind selbst ein ganzer Kerl«, sagte er anerkennend. »Am besten sehen Sie sicher ohne Kleider aus. Irre ich mich, wenn ich sage, daß Sie sicher etwas von Boxen verstehen?«

Billy nickte. »Mein Name ist Roberts.«

Der Schwimmer runzelte die Stirn, als versuchte er vergebens, sich des Namens zu erinnern.

»Bill – Bill Roberts!« fügte Billy hinzu.

»Oho! – Doch nicht der Große Bill Roberts? Dann habe ich Sie vor dem Erdbeben boxen sehen. Es war im Handwerkerpavillon, und gerade vor Eddi Hanlon und einem andern Boxer. Sie boxten mit beiden Fäusten, und Sie haben furchtbare Fäuste, sind aber sehr langsam. Ja, ich erinnere mich – Sie waren an dem Abend langsam, aber Sie schlugen Ihren Gegner.« Er streckte ihm eine nasse Hand entgegen. »Mein Name ist Hazard – Jim Hazard.«

»Und wenn Sie der große Fußballspieler sind, von dem vor ein paar Jahren so viel die Rede war, so habe ich in der Zeitung von Ihnen gelesen. Hab' ich recht?«

Sie drückten sich die Hände mit großer Herzlichkeit, und dann wurde Saxon vorgestellt. Sie fühlte sich unsagbar klein neben den beiden jungen Riesen, gleichzeitig aber war sie sehr stolz, einer Rasse anzugehören, deren Frauen Männer wie diese geboren hatten. Sie konnte nur zuhören, wenn die beiden sprachen.

»Ich hätte Lust, jeden Tag eine halbe Stunde mit Ihnen zu boxen«, sagte Hazard. »Sie könnten mich viel lehren. Bleiben Sie lange hier?«

»Nein, wir müssen weiter die Küste entlang – wir sehen uns nach Grund und Boden um. Aber deshalb könnte ich Sie doch dies oder jenes lehren, und eines können Sie mich lehren – nämlich Schwimmen in der Brandung.«

»Ich will gern jederzeit den Unterricht mit Ihnen tauschen«, sagte Hazard. Dann wandte er sich zu Saxon. »Warum bleiben Sie nicht einige Zeit hier in Carmel? Hier ist es wirklich schön.«

»Hier ist es herrlich«, gab sie mit einem dankbaren Lächeln zu. »Aber –« sie wandte sich um und zeigte auf ihre Bündel, die am Rande der Lupinen lagen, »wir sind auf der Wanderung und auf der Umschau nach Staatsboden.«

»Wenn Sie dazu nach Sur wollen, er läuft er Ihnen nicht weg«, lachte er. »Nun, jetzt muß ich aber zuerst sehen, in die Kleider zu kommen. Wenn Sie diesen Weg zurückkommen, müssen Sie mich ja besuchen. Alle Menschen können Ihnen sagen, wo ich wohne. Auf Wiedersehen!«

Und er verschwand, wie er gekommen war, im Lauf über die Dünen.

Billy sah ihm bewundernd nach.

»Ein tüchtiger Kerl! Ein tüchtiger Kerl!« murmelte er. »Weißt du, Saxon – er ist ein berühmter Mann. Ich habe sein Gesicht in den Zeitungen gesehen, ach, mindestens tausendmal, und dabei tut er sich nicht im geringsten dicke. Er sprach mit mir wie mit seinesgleichen. Weißt du – ich bekomme direkt wieder Glauben an den alten Stamm.«

Dann gingen sie vom Strande fort und kauften in der winzigen Hauptstraße Fleisch, Gemüse und ein Dutzend Eier. Billy mußte Saxon von einem höchst anziehenden Schaufenster direkt wegziehen, wo es viele Abalonenperlen mit und ohne Fassung gab, die in allen Farben des Regenbogens spielten.

»Die ganze Küste entlang gibt es Abalonen«, sagte Billy, »du kannst so viele haben, wie du willst. Man findet sie bei Ebbe.«

»Mein Vater hatte Manschettenknöpfe aus Abalonenschalen, in reines weißes Gold gefaßt. Ich habe viele Jahre nicht daran gedacht und möchte wohl wissen, wer sie jetzt hat?«

Sie machten kehrt und gingen nach Süden. Überall guckten zwischen den Kiefern schöne eigenartige Häuser hervor, Häuser, die verschiedenen Künstlern gehörten, und als der Weg plötzlich nach dem Carmelfluß abbog, waren sie nicht vorbereitet auf das Gebäude, das sich hier ihren Blicken darbot.

»Ich weiß gut, was das ist«, flüsterte Saxon. »Eines von den alten spanischen Missionsgebäuden. Es ist selbstverständlich die Carmelmission! Ja, so war es, als die Spanier aus Mexiko herkamen – sie bauten überall Missionshäuser und bekehrten die Indianer –«

»Bis wir sie verjagten, Spanier und Indianer und die ganze Bande«, sagte Billy mit ruhiger Zufriedenheit.

»Aber deshalb ist es doch wunderbar!« sagte Saxon nachdenklich und starrte auf das große, halbverfallene Gebäude aus ungebrannten Ziegeln. »In San Franzisko ist die Dolores-Mission, aber sie ist kleiner als diese und nicht so alt.«

Gegen das Meer durch niedrige Felsen geschützt, von den Menschen verlassen, stand diese Kirche aus in der Sonne getrocknetem Lehm und Stroh und Kreidestein so still und friedlich inmitten der Ziegelruinen, die einst Tausenden von Andächtigen Schutz gewährt hatten. Der Geist, der über der Stätte ruhte, senkte sich auf Saxons und Billys Gemüt herab, und sie gingen vorsichtig und sprachen flüsternd, als fürchteten sie sich, durch die offene Tür hineinzugehen. Hier gab es weder Priester noch Andächtige, aber sie fanden alle Anzeichen, daß die Stätte von einer Gemeinde benutzt wurde.

Später erkletterten sie den Glockenturm, der beim Erdbeben geborsten war, und saßen auf dem Holzwerk, das mit der Hand zugehauen war; und auf der Galerie, wo sie bemerkten, daß ihre Stimmen besonders rein und klar klangen, sang Saxon, über ihre eigne Kühnheit zitternd, die ersten Verse eines Hirtenliedes. Und begeistert über das Ergebnis lehnte sie sich über das Geländer, und ihre Stimme erlangte allmählich ihre volle Kraft.

Billy lehnte sich an die alte Mauer und betrachtete sie mit der warmen Glut der Liebe in den Augen, und als sie fertig war, murmelte er, fast flüsternd:

»Das war schön – ach so schön! Und du hättest nur dein Gesicht sehen sollen, als du sangst. Es war ebenso schön wie deine Stimme. Ist es nicht komisch – ich denke nie an Religion, ohne gleichzeitig an dich zu denken.«

Sie ließen sich unter den Weiden nieder, bereiteten ihr Mittagessen und verbrachten den Nachmittag auf dem niedrigen Felsvorsprung nördlich von der Flußmündung. Es war nicht ihre Absicht gewesen, den Nachmittag hier zu bleiben, aber sie waren zu bezaubert, um die Brandung, die an die Felsen schlug, und die vielerlei farbenprächtigen Lebewesen verlassen zu können, die sie im Meere fanden – Sternfische, Krabben, Muscheln, Seeanemonen und einmal in einem kleinen Binnensee zwischen den Felsen einen kleinen Teufelsfisch, der es ihnen kalt über den Rücken laufen ließ, wenn er sein Netz nach den kleinen Krabben auswarf, die sie ihm hinwarfen. Als das Wasser zu sinken begann, sammelten sie Muscheln zu einer Mahlzeit – mächtige Kerle, fünf bis sechs Zoll lang und bärtig wie Patriarchen. Und während Billy vergebens nach Abalonen suchte, plätscherte Saxon in dem kristallklaren Wasser eines kleinen Binnensees mitten im Felsen und wirbelte ganze Hände voll funkelnder Juwelen hoch – Stücke von Muschelschalen und Steine in leuchtend Rosa und Blau und Grün und Violett. Billy kam wieder und legte sich neben sie, und da lagen sie nun in dem seefrischen Sonnenschein, während sie zusammen die Sonne hinter dem Horizont versinken sahen, wo das Meer am tiefsten pfaublau war.

Sie reichte Billy die Hand und seufzte innig zufrieden. Es kam ihr vor, als hätte sie nie einen so wunderbaren Tag erlebt. Es war, als wollten alle alten Träume in Erfüllung gehen. Sie hatte sich nie gedacht, daß die Welt so herrlich sein könnte, nicht einmal in ihren schönsten Träumen. Billy drückte ihr zärtlich die Hand. »Woran denkst du?« fragte er, als sie sich schließlich erhob, um zu gehen.

»Ach, das weiß ich nicht recht, Billy. Vielleicht dachte ich daran, daß ein Tag wie der heutige viel schöner war als zehntausend Jahre in Oakland.«

* * *

 

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