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Das Mondtal

Jack London: Das Mondtal - Kapitel 12
Quellenangabe
authorJack London
titleDas Mondtal
publisherUniversitas
year1929
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
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Es sind vierzig englische Meilen von Oakland bis San José, und diese Entfernung legten Saxon und Billy in drei Tagen zurück. Sie trafen keinen einladenden und gereizt geschwätzigen Telephonarbeiter mehr, und nur selten hatten sie Gelegenheit, mit zufällig des Weges Kommenden zu reden. Sie trafen unzählige Vagabunden mit ihrem Bettzeug in einem Bündel auf dem Rücken, Vagabunden, die auf der Landstraße nordwärts und südwärts reisten; und in Gesprächen mit ihnen wurde sich Saxon bald darüber klar, daß sie sehr wenig, um nicht zu sagen nichts, von den Verhältnissen der ländlichen Bevölkerung wußten. Es waren in der Regel alte Männer, schwächlich oder durch Trinken verkommen, und alles, was sie wußten, war, wo man gute Arbeit bekommen konnte, und wo es sich gut gearbeitet hatte, aber die Orte, die sie nannten, lagen fast alle weit fort. Eines erfuhr sie aber doch von ihnen, und das war, daß der Distrikt, den sie und Bill jetzt durchwanderten, in der Hauptsache von »kleinen Bauern« bewohnt wurde, die selten bezahlte Arbeitskraft und, wenn doch, in der Regel nur Portugiesen nahmen.

Die Bauern selbst waren unfreundlich. Sie fuhren an Billy und Saxon zuweilen mit leeren Wagen vorbei, luden sie aber nie zum Mitfahren ein. Wenn Saxon eine Gelegenheit fand, ihnen eine Frage zu stellen, sahen sie sie neugierig oder mißtrauisch von oben bis unten an und gaben zweideutige oder scherzhafte Antworten.

»Es sind keine Amerikaner, die verfluchten Kerle«, sagte Billy mürrisch. »In alten Tagen waren alle Menschen freundlich zueinander.«

Aber Saxon erinnerte sich ihrer letzten Unterhaltung mit dem Bruder.

»Es ist der Zeitgeist, Billy. Der Zeitgeist ist anders. Und es ist auch noch zu nahe. Warte, bis wir weiter von den Städten fortkommen, du wirst sehen, dann werden sie schon freundlicher sein.«

»Das hier ist eine richtige Lausebande«, sagte er höhnend.

»Aber sie haben vielleicht auch Grund dazu«, lachte sie. »Du kannst doch nicht wissen, ob nicht mehrere von den Streikbrechern, die du verprügeltest, ihre Söhne sind.«

»Wenn ich das nur glauben könnte«, sagte Billy mit Überzeugung. »Aber selbst, wenn ich zehntausend Morgen besäße, so könnte ich doch nicht wissen, ob der Mann, der mit seinem Bettzeug auf dem Rücken angelatscht kommt, nicht ebenso gut ist wie ich selber – vielleicht noch etwas besser. Ich würde doch jedenfalls freundlich sein.«

Billy fragte nach Arbeit, anfangs aufs Geratewohl, später nur auf den größeren Höfen. Aber die Antwort lautete unweigerlich, daß sie keine Arbeit hätten. Einzelne sagten, nach dem ersten Regen würde es Pflugarbeit geben. Hier und da wurde ein wenig auf den trockenen Feldern gepflügt, aber im großen und ganzen machten es die Bauern.

»Aber kannst du denn pflügen?« fragte Saxon.

»Nein, aber das kann doch nicht so schwer sein. Und wenn ich wieder einen Mann pflügen sehe, will ich ihn dazu bringen, daß er mir Unterricht gibt.«

Am Nachmittag des nächsten Tages bot sich eine Gelegenheit für Billy. Er kletterte auf den Zaun, der ein kleines Feld umgab, und sah einen alten Mann, der immer wieder mit dem Pflug herumfuhr.

»Ach, das ist ja so leicht wie gar nichts«, meinte Billy verächtlich. »Wenn so ein alter Knabe mit einem Pflug fertig werden kann, dann kann ich es mit zweien.«

»Geh hin und versuch es«, sagte Saxon eifrig.

»Was hat das für einen Zweck?«

»Fürchtest du dich?« neckte sie ihn, aber mit lächelndem Gesicht. »Du brauchst nichts zu tun als ihn zu fragen. Mehr als nein sagen kann er ja nicht. Und wenn er das tut? Du hieltest doch dem ›Schrecken von Chicago‹ zwanzig Runden stand, ohne zu blinzeln.«

»Ja, aber das ist etwas ganz anderes«, wandte er ein und sprang dann auf der andern Seite hinunter.« Ich möchte zwei gegen eins wetten, daß der alte Idiot mich zum Teufel schickt.«

»Nein, das tut er nicht. Du brauchst ihm nur zu erzählen, daß du gern lernen willst, und ihn bitten, daß er dich den Pflug ein paarmal herumfahren läßt. Sag' ihm, er brauchte nichts dafür zu bezahlen.«

»Hm! Wenn er großschnauzig wird, nehme ich ihm den verdammten Pflug einfach weg.«

Vom Zaun aus, in einer Entfernung, daß sie nichts hören konnte, beobachtete Saxon die Begegnung zwischen den beiden Männern. Nach einigen Minuten wurden Billy die Leinen um den Hals gelegt und der Griff in die Hand gesteckt. Dann setzte sich das Gespann in Bewegung, und der alte Mann ging neben Billy und gab ihm seine Anweisungen. Als sie ein paarmal um das Feld herumgekommen waren, schritt der Bauer über den gepflügten Streifen Erde auf Saxon zu.

»Er hat früher schon gepflügt, ein bißchen – nicht wahr?«

Saxon schüttelte den Kopf.

»Nie im Leben! Aber er versteht sich auf Pferde.«

»Ja, ich konnte doch sehen, daß er nicht ganz grün war, und er lernt schnell.« Der Bauer lachte und schnitt sich einen Priem. »Wenn ich hier sitze, kann er mich ja nicht gut müde machen!«

Das ungepflügte Stück wurde immer kleiner, aber Billy machte keine Miene, aufzuhören, und die Zuschauer am Zaun waren in ihr Gespräch vertieft. Saxons Fragen kamen mit rasender Schnelligkeit, und sie brauchte nicht lange, um zu dem Ergebnis zu gelangen, daß der alte Mann große Ähnlichkeit mit der Beschreibung hatte, die der junge Telephonarbeiter von seinem Vater gemacht hatte.

Billy hielt aus, bis das Feld fertig gepflügt war, und der alte Bauer forderte ihn und Saxon auf, die Nacht über bei ihm zu bleiben. Es gebe ein Nebengebäude, das nie benützt würde, wo sie einen kleinen Ofen finden würden, und er sagte auch, daß er ihnen frisch gemolkene Milch geben wollte. Und wenn Saxon gern ihrer Lust zu Bauernarbeit frönen wollte, so könnte sie ja versuchen, die Kuh zu melken.

Sie hatte mit dem Melken nicht so viel Glück wie Billy mit dem Pflügen, als er sich aber hinreichend über sie lustig gemacht hatte, forderte sie ihn auf, es zu versuchen, und es mißlang ihm ebenso kläglich wie ihr. Saxon sah alles und fragte nach allem, und es dauerte nicht lange, bis ihnen klar wurde, daß es die Schattenseiten des Landlebens waren, mit denen sie hier Bekanntschaft gemacht hatten. Hof und Besitzer waren gleich veraltet. Hier war nicht die Rede davon, soviel wie möglich aus dem Boden herauszuholen. Es war allzuviel Boden, und er wurde nicht hinreichend bearbeitet. Alles war unsagbar zufällig. Haus und Scheune und Nebengebäude waren recht verfallen. Der Vordergarten war mit Unkraut überwuchert. Einen Gemüsegarten gab es nicht. Der kleine Obstgarten war alt, schlecht und vernachlässigt. Die Bäume waren verwachsen, dünn und mit grauem Moos überwuchert. Die Söhne und Töchter lebten rings in den Städten, wie Saxon erfuhr. Eine Tochter war mit einem Arzt verheiratet, eine andere war Lehrerin an der Staatsschule, ein Sohn war Lokomotivführer, ein anderer Architekt, ein dritter Polizeireporter in San Franzisko. Der Vater sagte, daß sie hin und wieder, wenn es not tat, den Eltern halfen.

»Was meinst du?« fragte Saxon, als Billy nach dem Abendessen seine Zigarette rauchte.

Er zuckte die Achseln.

»Hm! das ist doch ganz einfach. Der alte Idiot ist genau wie sein Obstgarten – bemoost! Nach dem, was wir in San Leandro gesehen haben, ist es so klar, wie wir die Nase mitten im Gesicht haben, daß er nicht das Geringste von Landwirtschaft versteht! Und die Pferde! Es wäre eine reine Wohltat für sie, ja, und eine Ersparnis für ihn, wenn man beide totschösse. Du kannst darauf wetten, daß man die Portugiesen nicht mit solchen Pferden sieht. Und wenn man gute Pferde haben will, so ist der Grund nicht, daß man sich damit dicke tun will. Sie lohnen sich. Das gehört mit zum Geschäft. Alte Pferde fressen mehr als junge, wenn man sie in guter Verfassung behalten will, und können dabei nicht dieselbe Arbeit leisten. Aber du kannst darauf wetten, daß es genau so viel kostet, sie zu beschlagen. Und seine sind obendrein verbraucht. Jede Minute, die er die Pferde behält, bedeutet Geld aus der Tasche für ihn. Du solltest nur sehen, wie sie in der Stadt mit den Pferden rechnen.«

Sie schliefen in dieser Nacht ruhig, und nach dem Frühstück machten sie sich zum Aufbruch bereit.

»Ich möchte euch gern für ein paar Tage Arbeit geben«, sagte der alte Mann beim Abschied bedauernd, »aber ich kann es mir nicht leisten. Der Hof kann jetzt, da die Kinder weg sind, gerade mich und meine alte Frau ernähren. Und das nicht einmal immer. Die Zeiten sind schlecht, und das sind sie im übrigen schon lange. Nichts ist mehr, wie es früher war.«

Früh am Nachmittage, als sie sich San José näherten, machte Saxon halt.

»Hier will ich hineingehen und mich ein bißchen unterhalten, wenn sie die Hunde nicht auf mich hetzen. Das ist die schönste Stelle, die wir bisher gesehen haben, nicht wahr?«

Billy, der sich beständig Höhen und große Felder vorstellte, wo seine Pferde sich tummeln konnten, gab murmelnd, aber nicht gerade begeistert, seine Zustimmung.

»Und das Gemüse! Sieh das nur an! Und die Blumen, die auf den Beeten wachsen. Das ist noch feiner als Tomaten in Packpapier.«

»Ich kann nicht einsehen, wozu das gut sein soll«, wandte Billy ein. »Was hat man von Blumen, die nur den Platz wegnehmen, wo gutes Gemüse wachsen könnte?«

»Ja, das will ich eben herausbringen.« Sie zeigte auf eine Frau, die, über die Erde gebückt, mit einem Spaten vor dem winzigen Hause arbeitete. »Ich weiß nicht, wie sie ist, aber schlimmstenfalls kann sie großschnauzig sein. Schau! Jetzt sieht sie uns an. Leg dein Bündel neben meines und laß uns hineingehen!«

Billy legte sein Bündel auf die Erde, zog aber vor zu bleiben, wo er war. Als Saxon durch den schmalen Gartenweg mit den Blumenbeeten ging, sah sie zwei Männer, die mit dem Gemüse beschäftigt waren – der eine war ein alter Chinese, der andere war ebenfalls alt und dunkeläugig und offenbar auch Ausländer. Hier gab es Zierlichkeit, Tüchtigkeit und äußerste Ausnutzung des Bodens – das konnte selbst ihr ungeübtes Auge sehen. Die Frau erhob sich von den Blumen und wandte sich der Eintretenden zu, und Saxon sah, daß sie in mittleren Jahren, schlank und einfach, aber nett gekleidet war. Sie trug eine Brille, Saxons unmittelbarer Eindruck von ihrem Gesicht war, daß sie freundlich, aber etwas nervös aussah.

»Ich brauche heute nichts«, sagte sie, ehe Saxon Zeit fand, etwas zu sagen, begleitete aber die Ablehnung mit einem freundlichen Lächeln. Saxon stöhnte innerlich bei dem Gedanken an den Rucksack. Die Frau hatte offenbar gesehen, wie sie ihn niedersetzte.

»Wir sind keine Hausierer«, erklärte sie hastig.

»Ja, da müssen Sie wirklich meinen Irrtum entschuldigen.«

Diesmal war das Lächeln der Frau noch freundlicher, und sie wartete ruhig, daß Saxon sagen sollte, was sie wünschte.

Das kam Saxon zupaß, und sie begann dann auch ohne weitere Einleitung:

»Wir suchen Ackerboden. Wir wollen Landwirtschaft betreiben, wissen Sie, und ehe wir Boden kaufen, müssen wir uns klar darüber werden, was wir haben wollen. Und als ich Ihren hübschen Hof sah, mußte ich etwas von Ihnen hören. Denn sehen Sie, wir verstehen nichts von Landwirtschaft. Wir haben unser ganzes Leben in der Stadt verbracht, und jetzt haben wir uns entschlossen, auf dem Lande zu wohnen und froh und glücklich zu sein.« Sie hielt inne. Ein seltsamer Ausdruck trat in das Gesicht der Frau, aber ihre Liebenswürdigkeit wurde nicht geringer.

»Aber woher wissen Sie denn, daß Sie auf dem Lande glücklich werden?« fragte sie.

»Das weiß ich gar nicht. Ich weiß nur, daß arme Leute in der Stadt nicht glücklich sein können, wo es immer Streiks und dergleichen gibt. Wenn Sie auch auf dem Lande nicht glücklich sein können, dann gibt es nirgends Glück, und das finde ich nicht gerecht, was meinen Sie?«

»Das ist sehr vernünftig gedacht, mein Kind. Aber vergessen Sie nicht, daß es viele arme Leute auf dem Lande gibt und auch viele unglückliche.«

»Aber Sie sehen doch weder arm noch unglücklich aus«, sagte Saxon schnell. »Sie sind wirklich reizend.«

Saxon sah, wie die andere vor Freude errötete, und die Röte färbte ihr Gesicht noch, als sie fortfuhr:

»Aber ich eigne mich vielleicht auch besonders dazu, auf dem Lande zu leben und etwas von meiner Arbeit zu haben. Wie Sie selbst sagen, haben Sie Ihr ganzes Leben in der Stadt verbracht. Sie wissen nichts vom Land. Es würde Sie ganz entmutigen.«

Saxons Gedanken kehrten zurück zu den furchtbaren Monaten in dem kleinen Haus in der Pine Street.

»Ich weiß jedenfalls, daß das Leben in der Stadt mich ganz entmutigt. Vielleicht wird es auf dem Lande ebenso sein, aber deshalb ist es doch meine einzige Möglichkeit, verstehen Sie? Das oder nichts. Außerdem ist meine Familie vom Lande. Es ist gleichsam eine natürlichere Lebensweise. Und was noch besser ist – hier stehe ich, und das beweist doch, daß ich mich innerlich nach dem Lande sehne und, wie Sie es nennen, mich besonders für das Land eignen muß – sonst wäre ich ja gar nicht hier.«

Die andere nickte beifällig und sah Saxon mit steigendem Interesse an.

»Der junge Mann –«, begann sie.

»Das ist mein Mann. Er war Kutscher, bis der große Streik ausbrach. Ich heiße Roberts, Saxon Roberts, und mein Mann heißt William Roberts.«

»Und ich heiße Frau Mortimer«, sagte die andere und neigte höflich den Kopf. »Ich bin Witwe. Und wenn Sie Ihren Mann bitten wollen einzutreten, so werde ich versuchen, einige Ihrer vielen Fragen zu beantworten. Sagen Sie ihm, daß er sein Bündel in den Garten legen soll. – Also was für eine Menge Fragen ist es, die Sie an mich richten wollen?«

»Ach, alles mögliche. Wie machen Sie es, daß es sich lohnt? Wie haben Sie das Ganze eingerichtet? Was hat der Boden gekostet? Haben Sie selbst das schöne Haus gebaut? Wieviel bezahlen Sie den Leuten? Wo haben Sie alles gelernt – was wächst am besten, und was lohnt sich am meisten? Wie kann man es am besten verkaufen? Wie machen Sie es mit dem Verkauf?« Saxon hielt inne und lachte. »Ach, ich habe noch kaum angefangen. Warum haben Sie überall Blumen an den Beeten? Ich habe die portugiesischen Gehöfte in der Nähe von San Leandro gesehen, aber dort sind nie Blumen und Gemüse durcheinander.«

Frau Mortimer hob die Hand. »Lassen Sie mich zuerst die letzte Frage beantworten. Das ist gewissermaßen der Schlüssel zu allem andern.«

Aber jetzt trat Billy hinzu, und die Erklärung mußte aufgeschoben werden, bis er vorgestellt war.

»Die Blumen fingen Ihren Blick, nicht wahr, mein Kind?« begann Frau Mortimer wieder. »Und die Blumen veranlaßten Sie, einzutreten und zu mir zu kommen. Ja, und deshalb sind eben die Blumen mit dem Gemüse zusammengepflanzt, um die Aufmerksamkeit der Leute anzuziehen. Sie können sich nicht vorstellen, wieviele Menschen auf diese Weise in meinen Garten gelockt wurden. Es ist ein guter Weg, der viel von Leuten aus der Stadt befahren wird. Nein, mit Automobilen habe ich kein Glück gehabt. Die können vor Staub nicht sehen. Aber ich fing an, als alle Menschen noch mit Pferden fuhren. Leute aus der Stadt kamen beständig vorbeigefahren. Ihre Aufmerksamkeit wurde angezogen, erst von meinen Blumen und dann von meinem Haus. Dann sagten sie zu dem Kutscher, daß er halten sollte. Und, nun ja, ich richtete es eben so ein, daß ich meistens im Vordergarten war, so daß sie ein Gespräch mit mir anfingen. Und es endete denn auch meistens damit, daß ich sie einlud, meine Blumen anzusehen – und selbstverständlich mein Gemüse. Alles war frisch, rein und nett. Es tat alles seine Wirkung. Und« – Frau Mortimer zuckte die Achseln – »es ist eine alte Geschichte, daß der Magen durch die Augen sieht. Der Gedanke an Gemüse, das zwischen den Blumen wuchs, gefiel ihnen. Sie wollten mein Gemüse haben. Sie mußten es haben. Und sie bekamen es zum doppelten Marktpreis und bezahlten gern.

Sehen Sie, ich kam, wenn ich so sagen darf, in Mode. Niemand verlor dabei. Das Gemüse war wirklich ausgezeichnet, so gutes Gemüse, wie es nur je auf dem Markt zu haben war, und oft auch frischer. Und zudem schlugen meine Kunden zwei Fliegen mit einer Klappe; denn sie konnten sich gleichzeitig einbilden, etwas Gutes zu tun. Sie bekamen nicht nur das beste und frischeste Gemüse, das zu haben war, sondern sie hatten auch gleichzeitig die Befriedigung, zu wissen, daß sie einer würdigen, bedürftigen Witwe helfen. Ja, und es verlieh ihrem Hause ein gewisses vornehmes Gepräge, wenn sie sagen konnten, daß sie ihr Gemüse bei Frau Mortimer kauften. Die andere Seite der Sache Ihnen zu erklären, wäre zu umständlich. Kurz, mein kleines Haus wurde eine Art Ausstellungsobjekt – ein Ausflugsort, wenn man die Zeit totschlagen wollte. Und dann begann es herauszukommen, wer ich war, wer mein Mann und was ich selbst gewesen war. Einige Damen in der Stadt hatte ich persönlich in alten Tagen gekannt, und sie taten das ihre dazu, um mir meinen Erfolg zu sichern. Und dann begann ich, auch Tee zu geben. Ich gebe immer noch Tee, wenn sie mit ihren Freundinnen herausgefahren kommen, um mich zu zeigen. Und da sehen Sie selbst, daß die Blumen dazu beitrugen, meinen Erfolg zu schaffen.«

Saxons Wangen waren ganz heiß vor Begeisterung geworden, als Frau Mortimer jetzt aber Billy ansah, bemerkte sie, daß er nicht recht zufrieden aussah, und daß ein düsterer Ausdruck in seine blauen Augen getreten war.

»Nun, heraus mit der Sprache!« sagte sie ermunternd. »Woran denken Sie?«

Zu Saxons großem Erstaunen antwortete er gleich, und zu ihrem noch größeren Erstaunen galt seine Kritik einem Punkt, an den sie gar nicht dachte.

»Es ist ja nur ein Trick«, erklärte Billy. »Das meinte ich –«

»Aber ein Trick, der sich lohnt«, unterbrach Frau Mortimer ihn, und ihre Augen funkelten lebhaft hinter der Brille.

»Ja und nein!« sagte Billy eigensinnig auf seine gewöhnliche, langsame Art. »Wenn jeder Bauer Blumen und Gemüse mischte, würde kein doppelter Marktpreis dafür bezahlt werden. Alles würde sein, wie es zuvor war.«

»Sie führen eine Theorie ins Feld gegen Tatsachen«, erklärte Frau Mortimer. »Es ist Tatsache, daß nicht alle Bauern das tun. Es ist Tatsache, daß ich den doppelten Preis erhalte. Das können Sie nicht bestreiten.«

Billy war nicht überzeugt, wenn er auch keine Antwort wußte.

»Ja«, murmelte er und schüttelte besonnen den Kopf. »Ich verstehe es nun doch nicht. Etwas stimmt nicht dabei, wenn wir es von unserm Standpunkt aus betrachten, ich meine von meinem und dem meiner Frau. Aber vielleicht werde ich noch dahinterkommen.«

»Und unterdessen wollen wir uns umsehen«, schlug Frau Mortimer vor. »Ich will Ihnen gern alles zeigen und Ihnen erzählen, wie ich es mache. Später wollen wir uns setzen und über die Sache reden, und dann werde ich Ihnen von der ersten Zeit erzählen. Sehen Sie« – sie wandte sich zu Saxon – »Sie sollen wissen, daß man auf dem Lande vorwärts kommen kann, wenn man die Sache nur richtig anpackt. Auch ich verstand nicht das geringste von der Sache, und ich hatte keinen großen hübschen Mann, der mir half, wie Sie. Ich war ganz allein. Aber das werde ich Ihnen später erzählen.«

 

Die nächste Stunde verbrachten sie zwischen Gemüse, Obst, Obststräuchern und Bäumen, und Saxon füllte ihr Gehirn mit einer ungeheuren Menge von Wissen, das sie gelegentlich verdauen konnte. Auch Billy hatte Interesse, überließ es aber Saxon, zu sagen, was zu sagen war, und fragte nur hin und wieder einmal. Hinter dem Hause, wo alles ebenso hübsch und ordentlich wie im Vordergarten war, lag der Hühnerhof. Hier waren in verschiedenen Abteilungen mehrere hundert kleine schneeweiße Hühner.

»Das sind weiße Italiener«, sagte Frau Mortimer. »Sie machen sich keine Vorstellung, was die mir eingebracht haben. Ich behalte kein Huhn auch nur einen einzigen Tag über die beste Zeit hinaus –«

»Genau das, Saxon, was ich von Pferden sage«, unterbrach Billy sie.

»Und weil ich ganz einfach dafür sorge, daß sie zur rechten Zeit ausgebrütet werden – und daran denkt nicht ein Bauer von tausend – so bekomme ich sie dazu, daß sie im Winter legen, wenn die meisten Hühner es nicht mehr tun und die Eier am teuersten sind. Und noch eines: Ich habe meine speziellen Kunden. Die bezahlen mir zehn Cents das Dutzend über die höchste Notierung, weil meine Spezialität Eier sind, die nur einen Tag alt sind.« Hier sah sie zufällig Billy an und erriet, daß er sich mit demselben Problem beschäftigte.

»Immer noch derselbe Einwand?« fragte sie.

Er nickte. »Immer noch derselbe Einwand. Wenn alle Bauern Eier lieferten, die einen Tag alt wären, so würde es keine zehn Cents über den Höchstpreis geben. Sie würden nicht besser dastehen als zu Anfang.«

»Aber die Eier würden nur einen Tag alt sein, alle Eier würden nur einen Tag alt sein; das dürfen Sie nicht vergessen«, sagte Frau Mortimer.

»Ja, aber das bringt meiner Frau und mir kein Geld«, wandte er ein. »Das ist es, worüber ich mir klar werden wollte, und jetzt bin ich es. Sie sprechen von Theorie und von Tatsachen. Zehn Cents über den Höchstpreis, das ist für Saxon und mich nur Theorie. Die Sache ist nämlich, daß wir keine Eier, keine Kücken und keinen Boden haben, wo die Hühner laufen und legen können.«

»Und da ist noch etwas, woraus ich nicht klug werden kann«, fuhr er fort. »Ich kann nicht sagen, was ich meine, aber etwas ist da, soviel ist sicher.«

Dann zeigte Frau Mortimer ihnen ihre Katzen, ihre Schweine, ihre Molkerei und ihre Hunde. Es war nirgends viel, aber sie versicherte ihnen, daß sie gut an allem verdiente, und erzählte mit großer Zungenfertigkeit, was jedes einbrachte. Sie verblüffte sie ganz, als sie ihnen die Preise nannte, die für persische Katzen mit Stammbäumen, für Chester-Schweine von der verbesserte Ohiorasse, für schottische Collies mit Stammbäumen und für Jersey-Kühe verlangt und bezahlt wurden. Für die Milch ihrer Jersey-Kühe hatte sie auch einen besonderen Privatmarkt, und sie erhielt fünf Cents den Liter mehr, als für die beste Milch aus den Meiereien bezahlt wurde. Billy bemerkte bald, daß ein großer Unterschied zwischen ihrem Obstgarten und dem, welchen sie am vorigen Nachmittag besichtigt hatten, bestand, und Frau Mortimer zeigte ihnen Dutzende anderer Unterschiede, die er als Tatsache hinnehmen mußte.

Dann erzählte sie ihnen von einer andern Industrie, von selbst eingemachtem Kompott und Gelée, das im voraus zu Preisen verkauft wurde, die schwindelnd hoch über den üblichen Marktpreisen standen. Sie saßen in bequemen Korbstühlen auf der Veranda, während sie erzählte, wie sie auf ihre Spezialität mit Eingemachtem gekommen war, und wie sie mit dem einzigen Restaurant ersten Ranges und dem einzigen Klub ersten Ranges in San José handelte. Sie war mit den Proben zum Hotelbesitzer und zum Ökonom gegangen, hatte nach langer Diskussion alle Einwände besiegt, hatte ihre Gleichgültigkeit überwunden und den Wirt überredet, aus ihren Waren eine »Spezialität« zu machen, sie im stillen seinen Kunden anzupreisen und vor allem für die Gerichte, zu denen sie verwandt wurden, einen hohen Preis zu nehmen.

Billy hörte alles mit einem verdrossenen, unzufriedenen Ausdruck in den Augen an. Frau Mortimer sah es und wartete.

»Und jetzt müssen Sie uns den Anfang erzählen«, bat Saxon.

Aber Frau Mortimer weigerte sich, wenn sie nicht wenigstens versprächen, über Abend zu bleiben. Billy hatte nicht viel Lust, aber Saxon warf ihm einen strengen Blick zu und sagte für beide zu.

»Nun ja denn«, fuhr Frau Mortimer in ihrem Bericht fort, »anfangs wußte ich ebenso wenig wie alle, die in einer Stadt geboren und erzogen sind. Alles, was ich vom Land wußte, war, daß man in den Ferien hinging, und ich reiste stets in Bäder und Bergsanatorien. Ich hatte fast mein ganzes Leben zwischen Büchern verbracht. Ich war viele Jahre lang Oberbibliothekarin an der Doncaster Bibliothek. Dann heiratete ich Professor Mortimer von der San-Miguel-Universität – er war ein Büchermensch wie ich. Aber dann wurde er krank und lag lange, und als er starb, war nichts mehr übrig. Selbst seine Lebensversicherung war fast ganz draufgegangen, als ich alle Schulden bezahlt hatte. Was mich betraf, so war ich von der Nervosität vollkommen ruiniert und taugte zu nichts. Aber ich hatte noch fünftausend Dollar, und ohne näher auf die Einzelheiten einzugehen, beschloß ich, einen Hof zu kaufen. Ich fand das Grundstück hier. Das Klima ist herrlich, und es liegt nahe bei San José – es sind nur zehn Minuten zu Fuß bis zur Endstation der elektrischen Straßenbahn – und ich kaufte es. Ich bezahlte Zweitausend in bar und nahm eine Hypothek von Zweitausend auf. Der Boden kostete nämlich zweihundert Dollar den Morgen.

»Zwanzig Morgen also!« rief Saxon.

»War das nicht etwas wenig?« meinte Billy vorsichtig.

»Es war zu viel – viel zu viel. Deshalb verpachtete ich denn auch gleich zehn davon, und die sind immer noch verpachtet. Selbst die zehn, die ich behielt, erwiesen sich lange als zu viel. Erst jetzt wird der Platz ein klein wenig zu eng.«

»Und mit zehn Morgen können Sie sich und zwei Arbeiter ernähren?« fragte Billy erstaunt.

Frau Mortimer schlug vergnügt die Hände zusammen. »Hören Sie! Ich bin Bibliothekarin gewesen, und ich wußte, wieviel man aus Büchern lernen kann. Zuerst las ich alles, was über die Frage geschrieben steht, und abonnierte auf einige der besten landwirtschaftlichen Zeitschriften. Und Sie fragen mich, ob meine zehn Morgen genügt hätten, um mich und zwei Arbeiter zu ernähren! Ich will Ihnen etwas erzählen. Ich beschäftige vier Arbeiter. Die zehn Morgen müssen sie ernähren, und außerdem noch Hanna, die Witwe eines Schweden, die das Haus versorgt, und sie ist ein wahrer Tyrann, solange die Einmachzeit dauert; und dazu Hannas Tochter, die zur Schule geht und hin und wieder mit zupackt, und endlich meinen Neffen, den ich zu mir genommen habe und erziehe. Ja, und es fehlt nicht viel, daß die zehn Morgen den Verdienst für alle zwanzig bringen und für das Haus hier und alle Nebengebäude und den ganzen Viehbestand.«

Saxon mußte daran denken, was der junge Telephonarbeiter von den Portugiesen gesagt hatte.

»Aber die zehn Morgen gaben nicht den Ausschlag«, rief sie. »Den gab Ihr eigener Verstand, und das wissen Sie auch gut.«

»Ja, das ist es eben, mein Kind! Das zeigt, daß alle, die vom richtigen Schlage sind, sich auf dem Lande durchschlagen können. Vergessen Sie nicht, daß der Boden freigebig ist. Aber man muß auch selbst freigebig zu ihm sein, und das ist etwas, das der Amerikaner von der alten Schule nicht in den Kopf kriegen kann. Und deshalb ist es auch der Kopf, der zählt. Selbst wenn seine ausgehungerten Äcker ihn endlich überzeugt haben, daß sie Dung brauchen, so sieht er nicht ein, daß billiger Dung und guter Dung zweierlei ist.«

»Darüber möchte ich auch gern etwas wissen«, rief Saxon.

»Ja, ich will Ihnen auch alles erzählen, was ich weiß, aber Sie müssen sehr müde sein. Ich bemerkte, daß Sie hinkten. Kommen Sie mit hinein – kümmern Sie sich nicht um Ihre Bündel, die kann Chang holen.«

Für Saxon, die eine angeborene Liebe für Schönheit und Eleganz in allem, was das rein Persönliche betraf, besaß, war das Innere der Villa die reine Offenbarung. Sie war noch nie in einem Bürgerheim gewesen, und was sie sah, übertraf nicht allein ihre kühnsten Erwartungen, sondern war auch ganz anders, als sie sich vorgestellt hatte. Frau Mortimer bemerkte, wie ihre Augen, die offenbar alles sahen, bei dem Anblick strahlten, und sie machte sich die Mühe, ihnen das Haus zu zeigen, tat es jedoch in einer Form, als sei sie stolz und froh, daß sie ihnen ihre Arbeit zeigen konnte, erzählte, was das Material für die einzelnen Gegenstände gekostet hatte, erklärte, wie sie ein ganz Teil davon mit eigenen Händen verfertigt, die Fußböden lackiert, die Bücherschränke gebeizt und den großen Lehnstuhl zusammengesetzt hatte. Billy ging vorsichtig hinter ihnen her, und wenn es ihm auch nicht einfiel, die feinen Leute, die er gesehen hatte, nachahmen zu wollen, so glückte es ihm doch zu vermeiden, daß er sich besonders auffallender Ungeschicklichkeiten schuldig machte, selbst bei Tisch, wo er und Saxon etwas so einzig Dastehendes erlebten, daß ihnen in einem Privathause von Dienerschaft aufgewartet wurde.

»Wenn Sie doch nur nächstes Jahr gekommen wären«, klagte Frau Mortimer, »dann hätte ich das Fremdenzimmer gehabt, an das ich schon so lange denke.«

»Machen Sie sich nichts daraus!« ergriff Billy das Wort. »Deshalb ist es doch nett von Ihnen. Wir fahren mit der Straßenbahn nach San José und sehen, dort ein Zimmer zu bekommen.«

Frau Mortimer tat es immer noch sehr leid, daß sie sie nicht über Nacht beherbergen konnte, und Saxon brachte das Gespräch auf ein neues Gleis, indem sie sie bat, ihnen mehr zu erzählen.

»Sie erinnern sich, daß ich sagte, ich hätte nur Zweitausend bar für den Hof gegeben«, fuhr Frau Mortimer fort. »Auf diese Weise blieben noch Dreitausend zum Experimentieren. Selbstverständlich prophezeiten mir alle Freunde und Verwandten, daß es schief gehen würde, und selbstverständlich machte ich Dummheiten, massenhaft Dummheiten, aber mir wurde noch mehr erspart, weil ich die Frage so gründlich studiert hatte und es immer weiter tat.« Sie zeigte auf die Bücherregale an den Wänden mit ihrer landwirtschaftlichen Literatur und langen Reihen von landwirtschaftlichen Zeitungen. »Und ich studierte weiter. Ich war entschlossen, mitzukommen, und ich ließ mir alle Berichte von der Versuchsstation kommen. In fast allen Punkten ging ich davon aus, daß das, was die Bauern der alten Schule getan hatten, falsch war, und wissen Sie – es war dabei gar nicht so falsch! Es ist fast unglaublich, wie dumm die Bauern von der alten Schule sind. – Oh, ich beriet mich mit ihnen, stritt mich über die verschiedensten Fragen mit ihnen, griff ihre stereotypen Methoden an, verlangte, daß sie die Richtigkeit ihrer Behauptungen und Vorurteile beweisen sollten, und erreichte schließlich, alle wie einen davon zu überzeugen, daß ich ein Dummkopf war, und daß es mir noch schlecht in der Welt gehen würde.«

»Aber das tat es nicht. Das tat es nicht.«

Frau Mortimer lächelte, und es war ein dankbares Lächeln.

»Zuweilen bin ich freilich selbst erstaunt, daß es nicht schief ging. Aber ich stamme von einem Geschlecht mit einem ganz Teil gesunden Menschenverstand, und wir waren so lange vom Lande weggewesen, daß wir uns neue und freiere Anschauungen über alles angeeignet hatten. Wenn ich überzeugt war, daß etwas vernünftig war, so tat ich es gleich und ganz, wenn es auch noch so verschwenderisch aussah. Zum Beispiel der alte Obstgarten. Wertlos! Schlimmer als wertlos! Der alte Calkins wollte sich ein Herzleiden anärgern, als er sah, wie ich ihn verheerte. Und seht, wie er jetzt aussieht! Wo das Haus jetzt liegt, stand eine elende verfallene Bude. Ich fand mich hinein, ließ aber gleich den Kuhstall, den Schweinekoben, die Hühnerhäuser, die ganze Geschichte abreißen – rottete alles mit Stumpf und Stiel aus. Sie schüttelten den Kopf und jammerten, als sie eine so rücksichtslose Verschwendung bei einer Witwe sahen, die selbst fürs tägliche Brot arbeiten mußte. Aber es wurde noch schlimmer, und als ich erzählte, was ich für drei feine Chester-Ferkel bezahlt hatte – ich hatte sie für sechzig Dollar gekauft, obwohl sie eben erst entwöhnt waren – waren sie vollkommen gelähmt. Dann beeilte ich mich, all die alten Hühner von verschiedenen Rassen zu verkaufen und ersetzte sie durch weiße Italiener. Die beiden elenden Kühe, die ich mit übernahm, verkaufte ich für dreißig Dollar das Stück an den Schlachter und bezahlte zweihundertundfünfzig für zwei feine Jersey-Kühe und verdiente noch an dem Tausch; während Calkins und alle andern ihre alten Tiere behielten, die nicht Milch genug gaben, um Futter und Stall zu bezahlen.«

Billy nickte beifällig. »Denk daran, was ich dir von Pferden erzählte!« sagte er wieder zu Saxon.

Und auf Antreiben Frau Mortimers entwickelte er sehr vernünftige Anschauungen über Pferde und die Art, wie man rein geschäftsmäßig das meiste aus ihnen herausbekommen konnte.

Als er hinausging, um eine Zigarette zu rauchen, brachte Frau Mortimer Saxon dazu, etwas über sich und Billy zu erzählen, und sie war nicht im geringsten empört, als sie von seinem Boxen und seiner Neigung, Streikbrecher zu verprügeln, hörte.

»Er ist ein prachtvoller junger Mann – und gut!« sagte sie zu Saxon. »Das kann man seinem Gesicht ansehen. Und was das beste von allem ist – er liebt Sie und ist stolz auf Sie. Sie ahnen nicht, welche Freude es mir macht, ihn zu beobachten, wenn er Sie ansieht, namentlich wenn Sie sprechen. Er hat Achtung vor Ihrer Urteilskraft. Und das muß er natürlich haben, wenn er Ihnen auf diese Pilgerfahrt gefolgt ist, die so ganz und gar Ihre Idee ist.« Frau Mortimer seufzte. »Sie sind sehr glücklich, mein liebes Kind, sehr glücklich! Und dabei wissen Sie noch nicht einmal, was der Kopf eines Mannes wert ist. Warten Sie, bis er Feuer und Flamme für Ihren Plan ist! Sie werden ganz verblüfft sein, wie er sich die Dinge aneignet. Sie werden sich anstrengen müssen, um Schritt mit ihm zu halten. Bis dahin müssen Sie ihn führen. Vergessen sie nicht, daß er immer in der Stadt erzogen ist. Es wird ein schwerer Kampf sein, ihm die einzige Form des Daseins, die er gekannt hat, abzugewöhnen.«

»Aber er litt auch unter dem Leben in der Stadt«, begann Saxon.

»Aber nicht auf dieselbe Art wie Sie. Liebe ist nicht alles für den Manu, wie sie es für die Frau ist. Das Leben in der Stadt quälte Sie mehr, als es ihn quälte. Sie waren es, die das süße Kind verloren. Sein Interesse für das Kind und seine Verbindung mit ihm war zufällig und locker im Vergleich mit der Tiefe und Innigkeit Ihrer Gefühle.«

Frau Mortimer wandte sich wieder zu Billy, der in diesem Augenblick in die Stube trat.

»Nun, sind Sie jetzt dahinter gekommen, was Sie stört?« fragte sie.

»So einigermaßen«, antwortete er und setzte sich auf ihre Aufforderung in den großen Sessel. »Es hängt so zusammen –«

»Warten Sie einen Augenblick«, sagte Frau Mortimer. »Das ist ein schöner, großer und starker Stuhl – und Sie sind ebenso – jedenfalls groß und stark, und Ihr kleines Frauchen ist sehr müde – nein, nein, bleiben Sie nur sitzen; es sind Ihre Kräfte, die sie braucht. Ja, es ist mein Ernst. Breiten Sie die Arme aus, Verehrtester.«

Sie führte Saxon zu ihm hin und setzte sie auf seinen Schoß. »Und jetzt – Sie sehen reizend aus, Sie Beiden – jetzt rücken Sie heraus mit Ihren Einwänden gegen meine Art und Weise, mir mein Brot zu verdienen.«

»Es ist nicht Ihre Art und Weise«, wandte Billy hastig ein. »Ihre Art und Weise ist sehr gut. Sie ist großartig. Was ich sagen will, ist nur, daß Ihre Art und Weise nicht für uns paßt. Für uns würde das so nicht gehen. Sehen Sie, Sie haben Verbindungen, wohlhabende Bekannte, Leute, die wußten, daß Sie Bibliothekarin gewesen waren und Ihr Mann Universitätsprofessor. Und Sie hatten« – er zögerte einen Augenblick, als wollte er seine Gedanken in eine feste Form zwingen. »Nun ja, Sie haben etwas, was wir nicht bekommen können. Sie waren eine gelehrte Dame und – ja, ich weiß nicht recht, aber ich kann mir denken, daß Sie Bescheid wußten mit feinen Leuten und Geschäften – auf eine Art und Weise, die wir nie kapieren werden.«

»Aber mein lieber junger Freund, Sie können leicht lernen, was Sie brauchen«, wandte sie ein.

Billy schüttelte den Kopf.

»Nein, Sie verstehen mich nicht. Vielleicht kann ich es Ihnen durch ein Beispiel klarmachen. Nehmen Sie an, ich wäre es, der das Geschäft mit dem Eingemachten machen wollte, und ich ginge geradeswegs in dieses vornehme Restaurant, wie Sie es taten, um mit dem Alten zu reden. Nun, sobald ich in sein Kontor träte, wäre ich wie ein Fisch auf dem Trocknen. Und noch schlimmer – ich würde das selber fühlen. Dadurch würde ich gereizt werden und geneigt sein; Krach zu schlagen, was nicht gerade die beste Art ist, Geschäfte zu machen. Und dabei hätte ich das Gefühl, daß er mich für einen Banditen hielte, der ihm sein Eingemachtes aufdrängen wollte. Und wie würde es dann gehen? Ich würde großschnäuzig werden – das ist so sicher wie nur etwas. Und ich würde glauben, daß er mich für einen Esel hielte, und dann würde ich losplatzen und ihm erzählen, daß er ein Esel sei. Verstehen Sie? Ich bin eben so erzogen. Ich würde ihm zu verstehen geben, daß er kaufen könnte oder nicht, wie es ihm paßte, und auf die Art kann man kein Eingemachtes verkaufen.«

»Was Sie da sagen, ist sehr richtig«, sagte Frau Mortimer heiter. »Aber Sie haben doch Ihre Frau. Sehen Sie sie nur an! Sie könnte schon auf jeden Geschäftsmann Eindruck machen. Er würde sie mehr als gern anhören.«

Billy richtete sich auf, und ein zorniger, finsterer Ausdruck trat in seine Augen.

»Was habe ich nun schon wieder getan«, lachte Frau Mortimer.

»Ich bin noch nicht so tief gesunken, daß ich Geschäfte auf das hübsche Gesicht meiner Frau hin machen will«, brummte er grimmig.

»Nein, das ist sehr richtig. Aber Sie beide sind eben fünfzig Jahre hinter Ihrer Zeit zurück. Sie sind Amerikaner von der alten Schule. Wie es überhaupt unter modernen Lebensbedingungen Leute Ihres Schlages geben kann, ist ein reines Wunder. Wer hat in dieser degenerierten Zeit je von einem jungen Mann und einer jungen Frau gehört, die sich ihr Bettzeug auf den Rücken luden und auswanderten, um Boden zu suchen? Das ist der Geist, der seinerzeit die Argonauten beseelte. Sie sind genau wie die, welche ihren Ochsen das Joch auflegten und westwärts nach den Ländern jenseits des Sonnenunterganges wanderten. Ich wette, Ihre Väter und Mütter, oder Ihre Großväter und Großmütter gehörten dem Geschlecht an.«

Saxons Augen leuchteten, und der zornige Ausdruck verschwand aus Billys Gesicht. Beide nickten.

»Ich gehöre selbst einem der alten Geschlechter an«, fuhr Frau Mortimer stolz fort. »Meine Großmutter war eine der wenigen Überlebenden der Verunglückten im Donnerzug. Mein Großvater, Jason Whitney, war einer von denen, die die Bärenflagge in Sonoma hißten. Er war in Monterey, als John Marschall in Sutters Mühlbach Gold fand. Eine Straße in San Franzisko ist nach ihm genannt.«

»Die kenne ich«, warf Billy ein. »Whitney Street. In der Nähe vom Russian Hill. Saxons Mutter ist auch über die Prärie hierher gewandert.«

»Und Billys Großvater und Großmutter wurden von den Indianern niedergemacht«, sagte Saxon. »Sein Vater war ein kleiner Junge, der unter den Indianern lebte, bis die Weißen ihn wieder holten. Er wußte nicht einmal, wie er hieß, und wurde von einem Mann namens Roberts adoptiert.«

»Aber Kinder, da sind wir ja beinahe verwandt«, sagte Frau Mortimer freudestrahlend. »Das ist wie ein Hauch aus alten Tagen, den alten Tagen, die leider in unserer eigenen Rastlosigkeit so vollkommen vergessen sind. Ich interessiere mich sehr für alles derartige, weil ich alles, was mit der Periode zu tun hatte, katalogisiert und gelesen habe. Sie« – hier wandte sie sich direkt zu Billy – »sind eine historische Persönlichkeit, oder vielmehr Ihr Vater war es. Ich erinnere mich der Sache gut. Sie steht in Bancrofts Geschichte. Es waren Modoc-Indianer. Es waren achtzehn Wagen. Ihr Vater war der einzige, der nicht getötet wurde, aber er war ein ganz kleines Kind und wußte nicht das geringste von dem, was geschah. Er wurde später von dem Anführer der Weißen adoptiert.«

»Das stimmt«, sagte Billy. »Es waren Modoc-Indianer. Der Zug, in dem er sich befand, muß nach Oregon bestimmt gewesen sein. Aber er wurde vollkommen aufgerieben. Ich möchte wissen, ob Sie etwas über Saxons Mutter wissen. Sie schrieb damals Gedichte.«

»Ist etwas davon gedruckt?«

»Ja«, antwortete Saxon, »in den alten Zeitungen von San José.«

»Erinnern Sie sich einiger davon?«

»Ja, da ist eines, das so anfängt:

Süß wie die luftigen Windharfensaiten,
So konnte deine holde Muse singen,
Und Kaliforniens endlose Weiten,
Sie ließen sanft das Echo wiederklingen.«

»Das kommt mir bekannt vor«, sagte Frau Mortimer sinnend.

»Und ein andres Gedicht fängt so an:

Fort schlich ich von den andern in den Hain,
Wo nackte Statuen unter kühlen Blättern stehn –

Es sind noch viel mehr von derselben Art. Ich verstehe nicht alles. Es ist an meinen Vater gerichtet.«

»Ein Liebesgedicht!« fiel Frau Mortimer ihr ins Wort. »Ja, jetzt erinnere ich mich«, rief sie, »warten Sie. – Da, da – dah, ja, jetzt hab' ich es.

Im Gesprüh des Springbrunns, dessen Amethystensaat
Einen Augenblick auf Brust und Hand erzittern –

Den Vers mit der Amethystensaat habe ich nie vergessen, aber an den Namen Ihrer Mutter kann ich mich nicht erinnern.«

»Sie hieß Daisy –« begann Saxon.

»Nein, Dayelle«, berichtigte Frau Mortimer, deren schlummernde Erinnerung jetzt geweckt war.

»Aber niemand nannte sie so.«

»Nein, aber es war der Name, den sie unter ihre Gedichte setzte. Wie weiter?«

»Daisy Wiley Brown.«

Frau Mortimer trat ans Bücherregal und kehrte gleich mit einem großen dunklen Band zurück.

»Das ist ›Die Geschichte der Reihen‹«, erklärte sie. »Unter anderem enthält sie alle guten Verse aus jener Zeit, aus alten Zeitungen gesammelt.« Ihr Blick durchlief das Inhaltsverzeichnis und blieb plötzlich haften. »Ja, es stimmt! Dayelle Wiley Brown. Hier ist es. Und hier sind obendrein zehn Gedichte von ihr: ›Die Suche des Wikings‹, ›Tage des Goldes‹, ›Treue‹, ›Der Caballero‹, ›Gräber am Little Meadow‹ –«

»Dort schlugen wir die Indianer«, fiel Saxon ihr eifrig ins Wort. »Und Mutter, die damals erst ein kleines Mädchen war, ging und holte Wasser für die Verwundeten. Die Indianer wollten nicht auf sie schießen. Alle Menschen sagten, daß es ein Wunder war.« Sie riß sich von Billy los, streckte die Hände nach dem Buch aus und rief: »Ach, lassen Sie mich sehen! Lassen Sie mich sehen! Das ist etwas ganz Neues für mich. Ich kenne die Gedichte nicht. Darf ich sie mir abschreiben? Ich will sie auswendig lernen. Denken Sie – meine Mutter!«

Frau Mortimer merkte plötzlich, daß ihre Brille geputzt werden mußte, und eine halbe Stunde saßen sie und Billy schweigend da, während Saxon sich eifrig mit den Gedichten ihrer Mutter beschäftigte. Zuletzt stand sie da und starrte das Buch an, das sie über dem Finger geschlossen hatte, und in Verwunderung und Ehrfurcht konnte sie nur wiederholen:

»Und das habe ich nie gewußt! Das habe ich nie gewußt!«

Aber Frau Mortimers Gehirn war in dieser halben Stunde nicht untätig gewesen, und kurz darauf legte sie ihnen ihren Plan dar. Sie glaubte an wissenschaftlichen Meiereibetrieb so gut wie an wissenschaftliche Landwirtschaft, und es war ihre Absicht, gleich nach Ablauf des Pachtvertrages auf den andern zehn Morgen eine derartige Meierei einzurichten. Wie alles, was sie anfing, sollte auch die nach allen Regeln der Kunst betrieben werden, und das hieß, daß sie mehr Hilfe brauchte. Billy und Saxon waren für diese Arbeit wie geschaffen. Noch vor dem nächsten Sommer konnte sie sie in dem kleinen Hause, das sie zu bauen gedachte, unterbringen, bis dahin mußte sie irgendwie versuchen, Billy Arbeit zu verschaffen. Sie wollte ihnen gern für den ganzen Winter Arbeit garantieren, und sie wußte, daß am Ende der Straßenbahnlinie ein Häuschen zu vermieten war. Unter ihrer Aufsicht konnte Billy den Bau von Anfang an überwachen. Auf die Weise konnten sie Geld verdienen und sich auf den selbständigen Betrieb eines Gehöfts vorbereiten, während sie sich gleichzeitig umsehen konnten.

Aber ihre Überredungskünste waren fruchtlos. Zunächst erklärte Saxon kurz und bündig, was sie dazu meinte.

»Wir können nicht an der ersten Stelle bleiben, wo wir hinkommen, wenn auch Ihr Haus und dieses Tal noch so schön und gut sind. Wir wissen ja nicht einmal, was wir selber wollen. Wir müssen weiter wandern und uns alle möglichen Orte und Methoden ansehen, um herauszufinden, wie alles zusammenhängt. Wir haben gar keine Eile. Wir wollen unserer Sache sicher sein – ja, ganz sicher! Und außerdem –,« sie bedachte sich ein wenig, »– außerdem machen wir uns nichts aus Flachland. Billy will am liebsten etwas Berge. Und ich auch.«

Als sie sich verabschiedeten, wollte Frau Mortimer ihr Exemplar von der »Geschichte der Reihen« Saxon schenken, aber Saxon schüttelte den Kopf und bat Billy um zwei Dollar.

»Hier steht, daß es zwei Dollar kostet«, sagte sie. »Wollen Sie ein Exemplar für mich kaufen und aufbewahren, bis wir eine Stelle finden, wo wir wohnen können? Dann schreibe ich Ihnen, daß Sie es mir schicken können.«

»Ach, ihr Amerikaner!« schalt Frau Mortimer und steckte das Geld ein. »Aber ihr müßt mir versprechen, mir, ehe ihr einen Entschluß faßt, hin und wieder zu schreiben.«

Sie brachte sie bis auf die Landstraße.

»Ihr seid zwei mutige junge Seelen!« sagte sie beim Abschied. »Ich wünschte nur, ich könnte mit euch in die Welt hinaus wandern, mein Gepäck auf dem Rücken. Ihr seid prachtvoll, ihr Beiden! Wenn ich je etwas für euch tun kann, so laßt es mich nur wissen. Ihr werdet sicher Glück haben, und ich möchte meinen Anteil an euerm Erfolg haben. Laßt mich wissen, wie es mit dem Staatsboden geht, wenn ich auch nicht sehr daran glaube. Der liegt sicher viel zu weit vom Markt ab.« Sie drückte Billy die Hand, schloß aber Saxon in ihre Arme und küßte sie.

»Seid nur guten Mutes«, sagte sie leise und mit tiefem Ernst in der Stimme. »Ihr werdet schon durchkommen. Ihr fangt die Sache richtig an. Und ihr habt recht, daß ihr nicht auf meinen Vorschlag eingehen wollt. Aber vergeßt nicht, daß dies – oder etwas Besseres – euch immer offensteht. Ihr seid noch so jung, alle beide. Übereilt euch nur nicht. Sobald ihr euch irgendwo für eine Weile niederlaßt, gebt mir Bescheid, dann schicke ich euch eine Menge Bücher über Landwirtschaft und dergleichen. Auf Wiedersehen! Glückliche Reise! Glückliche Reise!«

 

An diesem Abend saß Billy eine Zeitlang unbeweglich auf dem Bettrand in dem kleinen Zimmer, das sie in San José gemietet hatten, und Saxon bemerkte einen grübelnden Ausdruck in seinen Augen.

»Ja«, sagte er schließlich und schöpfte tief Atem, »ich kann nur sagen, daß es doch wirklich noch brave Menschen auf der Welt gibt. Zum Beispiel Frau Mortimer. Sieh, die ist vom richtigen Schlage – von dem der guten alten Amerikaner!«

»Eine feine, gelehrte Dame«, sagte Saxon, »und sie schämt sich nicht im mindesten, Landwirtschaft zu betreiben. Und sie verdient sogar dabei!«

»Ja, mit zwanzig Morgen – nein, mit zehn – und hat den Boden und alle Verbesserungen bezahlt und ernährt sich selber, vier Tagelöhner und eine schwedische Frau mit Tochter, sowie ihren eigenen Neffen. Nein, das verstehe ich nicht! Mein Vater sprach nie von weniger als hundertundsechzig Morgen. Selbst dein Bruder Tom spricht nur von den großen Höfen – und dabei ist sie doch nur eine Frau. Es war gut, daß wir sie trafen.«

»Ja, es war das reine Märchen«, rief Saxon. »Sieh, das hat man vom Reisen. Man weiß nie, was geschehen kann. Und es fiel uns direkt in den Schoß, als wir schon müde werden wollten und daran dachten, wie weit es wohl noch bis San José wäre. Und sie behandelte uns nicht wie Vagabunden. Das Haus – wie rein und schön es war! Ich habe mir nie träumen lassen, daß etwas so Feines und Schönes existieren könnte wie das Innere dieses Hauses.«

»Ja, es roch so gut«, erklärte Billy.

»Das ist es eben. Das ist, was sie in den Frauenzeitschriften Atmosphäre nennen. Ich habe nie gewußt, was das bedeutete. Das Haus hat so eine feine, schöne Atmosphäre –«

»Genau wie all deine hübsche Wäsche«, sagte Billy.

»Und das ist das nächste, wenn man sich selbst rein und hübsch hält: Sein Heim nett und sauber und schön halten.«

»Aber das kann man nicht mit einem Mietshause. Man muß es selbst besitzen. Solche Häuser bauen Hauswirte überhaupt nicht. Und doch – das konnte jedes Kind sehen – das Haus war nicht teuer. Es kommt nicht darauf an, was es gekostet hat. Es ist die Art, wie es gemacht ist. Das Holz war gewöhnliches Holz, wie man es auf jedem Holzplatz kaufen kann. – Das Haus in der Pine Street war aus demselben Holz gebaut! Aber die Art und Weise, wie es gemacht ist, ist anders. Ich kann nicht erklären, was ich meine, aber du verstehst mich wohl.«

Saxon, die in Gedanken verloren dasaß und sich die kleine Villa, die sie soeben verlassen hatten, ins Gedächtnis zurückrief, wiederholte geistesabwesend: »Das ist es eben – die Art und Weise.«

Am nächsten Morgen waren sie früh auf den Beinen und suchten durch die Vorstädte San Josés den Weg nach San Juan und Monterey. Saxon hinkte noch mehr als am vorigen Tage. Sie hatte eine Blase bekommen, die sich durchgerieben hatte, und jetzt wollte die Haut an der ganzen Ferse abgehen. Billy erinnerte sich, was sein Vater ihm über Fußpflege erzählt hatte, und er blieb bei einem Schlachterladen stehen, um für fünf Cent Schaftalg zu kaufen.

»So muß es sein«, sagte er zu Saxon. »Reines Schuhzeug und die Füße gut eingeschmiert. Wir wollen etwas darauf schmieren, sobald wir vor die Stadt kommen. Und die ersten Tage wollen wir lieber etwas langsamer gehen. Wenn ich etwas Arbeit bekäme, daß du dich ein paar Tage ausruhen könntest, das wäre großartig. Ich muß doch auf dich achten.«

Gleich vor der Stadt ließ er Saxon auf der Landstraße zurück und ging selbst einen langen Fahrweg entlang bis zu etwas, das wie ein großer Bauernhof aussah. Freudestrahlend kam er wieder.

»Alles in Ordnung!« rief er, sich nähernd. »Und jetzt gehen wir nur zu der Baumgruppe am Bach und schlagen unser Lager dort auf. Morgen fange ich mit der Arbeit an – zwei Dollar täglich bei Selbstbeköstigung. Wenn er mich beköstigt hätte, würde er anderthalb Dollar gegeben haben. Ich sagte, ich wollte es lieber so, ich hätte meine eigenen Sachen mitgebracht. Das Wetter ist gut, und wir können ein paar Tage bleiben, bis dein Fuß wieder gesund ist. Komm! Wir wollen ein ordentliches Lager aufschlagen.«

»Wie hast du die Arbeit bekommen?« fragte Saxon, als sie sich umsahen, wo sie das Lager aufschlagen sollten.

»Warte, bis wir alles in Ordnung haben, dann werde ich es dir erzählen. Es war der reine Traum, so glatt ging es.«

Erst als sie die Decken ausgebreitet, das Feuer angezündet und einen Topf mit Bohnen aufgesetzt hatten, warf Billy den letzten Arm voll Brennholz auf die Erde und begann:

»Zunächst ist Benson kein unmoderner Esel. Man sollte nicht glauben, daß er Bauer ist, wenn man ihn sieht. Er denkt so scharf wie ein Rasiermesser und redet und handelt wie ein richtiger Geschäftsmann. Ich wußte es, sobald ich seinen Hof sah – noch ehe ich ihn selbst gesehen hatte. In etwa fünfzehn Sekunden war alles abgemacht.

›Können Sie pflügen?‹ sagt er.

›Das kann ich!‹ sage ich.

›Pferdeverstand?‹ fragt er.

›Ich habe mein ganzes Leben im Stall verbracht‹, sage ich.

Und gerade in dem Augenblick – erinnerst du dich der Wagenladung Maschinen mit vier Pferden davor, die gleich hinter mir kamen – gerade in dem Augenblick kommen sie an.

›Was meinen Sie zu vier Pferden?‹ fragt er, wie zufällig.

›Das ist meine geringste Kunst. Ich kann sie vor einem Pflug, einer Nähmaschine oder einem Karussell fahren.‹

›Springen Sie auf und nehmen Sie die Leine‹, sagt er schnell und entschlossen, denn er verliert nicht eine Sekunde. ›Sehen Sie den Schuppen da! Fahren Sie rechts um die Scheune herum und wieder zurück, daß abgeladen werden kann.‹

Und ich sage dir, es war ein feines Stück Fuhrarbeit, das er von mir verlangte. An den Gleisen konnte ich sehen, daß alle Wagen links um die Scheune herum gefahren waren. Was er verlangte, war nicht gerade schön – ein doppelter Schwung wie ein S, zwischen einer Hausecke und um die Scheune herum bis zum letzten Schwung. Und das bißchen Platz, das da war, wurde noch kleiner, weil ein Haufen Mist gerade vor die Scheune geworfen und noch nicht weggefahren war. Aber ich ließ mir natürlich nichts merken. Der Kutscher gab mir die Leinen, und ich konnte sehen, daß er grinste, denn er war sicher, daß ich hereinfiel. Ich möchte wetten, daß er es selbst nicht gekonnt hätte. Aber ich ließ mir immer noch nichts merken, und wir rasselten ab, und dabei kannte ich nicht einmal die Pferde – ja, du hättest mich sehen sollen, wie ich die zwei vorderen Pferde direkt auf den Mist zulenkte, so daß das eine die Scheune berührte und das Handpferd nur sechs Zoll vom Eckpfosten des Hauses entfernt war. Das war die einzige Möglichkeit, es zu machen – aber es waren auch prachtvolle Pferde, und sie taten genau, was ich wollte.

›Gut!‹ sagt Benson. ›Das war ein schönes Stück Arbeit.‹

›Was zum Teufel!‹ sage ich so gleichgültig, wie ich nur kann. ›Geben Sie mir etwas wirklich Schweres zu tun.‹ Er lächelt, denn er versteht gleich, was ich meine. ›Sie haben das gut gemacht‹, sagt er. ›Und ich nehme es sonst sehr genau mit jedem, der mit meinen Pferden zu tun hat. Sie sind zu gut für die Landstraße. Sie müssen ein guter Mann sein, dem es schlecht gegangen ist. Aber deshalb können Sie doch mit meinen Pferden pflügen, und morgen können Sie anfangen.‹ Und das zeigt, daß er doch nicht so klug war. Ich hatte ihm ja nicht gezeigt, daß ich pflügen konnte.«

Als Saxon die Bohnen aufgetan und Billy den Kaffee fertig hatte, blieb er einen Augenblick stehen und sah alle die Dinge an, die auf den Decken um sie her standen – die Zuckerdose, kondensierte Milch in einer Blechdose, die dünnen Scheiben gepökelten Ochsenfleischs, der Salat mit den Tomatenscheiben, das frische Weißbrot, die dampfenden Bohnen und die Kaffeekanne.

»Welch ein Unterschied gegen gestern Abend«, rief Saxon und klatschte in die Hände. »Es ist ein Märchen, wie man es in den Büchern liest. Ach, ich muß an den Jungen denken, der fischen ging. Denk an den schönen Tisch und das schöne Haus gestern, und sieh jetzt das hier. Wir hätten ganze tausend Jahre in Oakland leben können, ohne je eine Dame wie Frau Mortimer zu treffen oder uns träumen zu lassen, daß ein Haus wie das ihre existierte. Und Billy, denk nur, dabei haben wir eben erst angefangen.«

Billy arbeitete drei Tage lang, und wenn er auch behauptete, gut fertig zu werden, so gab er doch zu, daß das Pflügen schwerer war, als er sich gedacht hatte. Saxon war stillvergnügt, als sie hörte, daß es ihm Spaß machte.

»Ich hätte nie gedacht, daß ich mir etwas aus Pflügen machen würde – nein«, meinte er. »Aber es ist großartig. Es ist auch gut für die Beinmuskeln. Die übt man nicht genug, wenn man fährt. Wenn ich je wieder für einen neuen Boxkampf trainieren sollte, so kannst du drauf schwören, daß ich auch pflügen würde. Und die Erde duftet so herrlich, wenn man sie wendet, und immer wieder wendet. Sie ist direkt zum essen, so riecht sie. Und wenn man sie den ganzen Tag wendet – so frisch und fett und gut. Auch die Pferde – die sind ein paar Prachtexemplare! Die wissen so gut wie ein Mensch, was sie zu tun haben. Das muß man sagen – Benson hat nicht eine einzige Schindmäre auf seinem Betrieb.«

Am letzten Tage, den Billy für Benson arbeitete, überzog sich der Himmel, die Luft war feucht, es begann stark aus Südwest zu wehen, und alles deutete daraufhin, daß dies der Anfang des Winterregens war. Billy kam am Abend mit einem kleinen Bündel alter Sackleinwand zurück, die er sich geliehen hatte, und woraus er eine Art Dach über ihrem Zelte machte, um den Regen fernzuhalten. Er klagte mehrmals über den kleinen Finger seiner linken Hand. Er hatte ihn den ganzen Tag gestört, wie er zu Saxon sagte, ja, er störte ihn eigentlich schon mehrere Tage und war so empfindlich wie eine Beule – vermutlich hatte er sich einen Splitter eingerissen, aber er konnte ihn nicht finden.

Er machte sich an die Vorbereitungen für die Nacht, hob das Bett auf ein paar alte Bretter, die er aus einer verlassenen und verfallenen Scheune auf der anderen Seite des Baches holte. Auf die Bretter schichtete er trockene Blätter, daß sie eine Art Matratze bildeten. Zuletzt befestigte er das Sackleinen noch besser mit gefundenen Bindfäden und Bändern.

Als die ersten Regentropfen auf das Sackleinen schlugen, war Saxon begeistert. Billy interessierte sich sehr wenig für das Ganze. Sein Finger schmerzte ihn allzu sehr, sagte er. Weder Saxon noch er konnten begreifen, was es war.

»Ich erinnere mich, daß Cadys Frau einmal etwas ähnliches hatte – auch im kleinen Finger. Ich glaubte, sie legte einen Grützbeutel darauf. Und ich erinnere mich, daß sie Salbe darauf schmierte. Er wurde sehr schlimm, und schließlich ging der Nagel ab. Dann wurde es schnell wieder besser, und ein neuer Nagel wuchs. Soll ich dir nicht einen warmen Umschlag machen?«

Aber davon wollte Billy nichts wissen, er meinte, es würde am nächsten Tage schon besser werden. Saxon war besorgt, und als sie endlich einschlummerte, wußte sie, daß er unruhig dalag und offenbar arge Schmerzen hatte. Einige Minuten später wurde sie durch einen heftigen Windstoß geweckt, der den Regen gegen das Sackleinen peitschte, und sie hörte Billy leise stöhnen. Sie erhob sich auf den Ellbogen und strich ihm mit der freien Hand über Stirn und Augen, wie sie es sich angewöhnt hatte, und dadurch beruhigte sie ihn schließlich, so daß er einschlief.

Dann schlief auch sie wieder. Und wieder wurde sie geweckt, diesmal jedoch nicht vom Sturm, sondern von Billy. Sie konnte ihn nicht sehen, als sie aber nach ihm tastete, merkte sie, daß er eine höchst merkwürdige Stellung einnahm. Er kniete vor den Decken und seine Stirn ruhte auf den Brettern, während seine Schultern in unterdrücktem Schmerz zuckten.

»Es klopft darin, daß ich ganz verrückt werde«, sagte er, als sie zu ihm sprach. »Das ist schlimmer als tausend Zahnschmerzen. Aber es ist nichts – wenn nur das Sackleinen nicht wegweht. Denk daran, was unsere Vorfahren durchmachen mußten –« murmelte er mit zusammengebissenen Zähnen. »Sieh, mein Vater war einmal in den Bergen, und der Mann, der mit ihm war, wurde von einem Bären angefallen – das Fleisch wurde ihm bis auf die Knochen heruntergerissen. Sie hatten keinen Proviant, so daß sie gezwungen waren, weiter zu wandern. Zweimal von den dreien, die Vater ihn aufs Pferd setzte, wurde er ihm unter den Händen ohnmächtig, ja, er mußte ihn festbinden. Und es dauerte fünf Wochen, aber sie kamen durch. Und die Geschichte von Jack Quigley. Seine ganze rechte Hand wurde ihm abgerissen, als sein Gewehr explodierte, und das Hündchen, das er bei sich hatte, fraß drei Finger. Und er war ganz allein im Sumpf und –«

Aber Saxon sollte nichts mehr von den abenteuerlichen Erlebnissen Jack Quigleys hören. Ein furchtbarer Windstoß riß das Sackleinen los und stürzte die Bretter um, so daß sie einen Augenblick lang unter dem Sackleinen begraben waren. Und im nächsten Augenblick wurde alles in der Dunkelheit fortgewirbelt, und Billy und Saxon wurden vom Regen vollkommen durchnäßt.

»Da ist nur eins zu machen«, brüllte er ihr ins Ohr, »alles zu nehmen und zu versuchen, in die alte Scheune zu kommen.«

Das taten sie in Dunkelheit und triefendem Regen, aber sie mußten zweimal auf Steinen durch den Bach waten und wurden bis zu den Knien durchnäßt. Die alte Scheune leckte wie ein Sieb, aber es glückte ihnen, eine trockene Stelle zu finden, wo sie ihr alles eher als trockenes Bettzeug ausbreiten konnten. Saxon war ganz verzweifelt, wie furchtbar Billy leiden mußte. Sie brauchte eine ganze Stunde, um ihn zum Schlafen zu bringen, und nur, indem sie beständig über seine Stirn strich, konnte sie ihn am Aufwachen verhindern. Sie fror und war sehr elend, aber sie hätte sich mit Freuden darein gefunden, eine ganze Nacht lang wach zu liegen, wenn sie nur gewußt hätte, daß es ihn von der schlimmsten Qual befreite.

Als es ihrer Berechnung nach gerade Mitternacht sein mußte, kam eine neue Störung. Ein elektrisches Licht zeigte sich wie ein winziger Scheinwerfer in der Türöffnung und bewegte sich durch die Scheune, bis es schließlich auf ihr und Billy haftete, während eine barsche Stimme sagte:

»Aha, jetzt hab' ich euch. Wollt ihr machen, daß ihr wegkommt!«

Billy setzte sich, halb geblendet von dem Licht, auf. Die Stimme hinter dem Licht näherte sich und wiederholte, daß sie machen sollten wegzukommen.

»Was gibt es?« fragte Billy.

»Ich bin es«, lautete die Antwort, »und ich passe auf, das sage ich euch nur!«

Die Stimme war dicht neben ihnen, nur einen Schritt entfernt, und sie konnten nichts sehen, weil das Licht, das nicht gerade sehr stetig war, jeden Augenblick ausging, wenn der, welcher es bediente, es müde wurde, den Daumen auf den Knopf zu drücken.

»Also ein bißchen schnell!« fuhr die Stimme fort. »Rollt eure Decken zusammen und kommt mit! Ich warte auf euch!«

»Wer sind Sie zum Donnerwetter?« fragte Billy.

»Ich bin Polizist, kommen Sie jetzt!«

»So, was wollen Sie denn hier?«

»Euch beide mitnehmen, selbstverständlich.«

»Warum?«

»Weil ihr Vagabunden seid. Na, ein bißchen schnell! Ich habe keine Lust, hier die ganze Nacht zu stehen!«

»Ach, dann können Sie ja selber machen, daß Sie wegkommen!« sagte Billy. »Ich bin kein Vagabund. Ich bin Arbeiter.«

»Vielleicht – vielleicht auch nicht«, sagte der Polizist.

»Aber das können Sie morgen früh Richter Neusbaumer erzählen.«

»Was, zum Teufel – bildest du dreckiger, stinkender Köter dir ein, daß du mich festnehmen kannst?« fing Billy an. »Dreh das Licht zu dir selber um. Ich will sehen, was für eine häßliche, dreckige Fratze du hast. Mich festnehmen, wie bitte? Mich festnehmen? Ich hätte Lust, herauszukommen und dich kurz und klein zu schlagen.«

»Nein, nein, Billy«, bat Saxon. »Mach keinen Krach, du kommst nur ins Gefängnis.«

»Sehr richtig!« sagte der Schutzmann beifällig. »Hören Sie darauf, was das Mädel sagt!«

»Das ist meine Frau, und ich muß bitten, daß du ordentlich von ihr redest«, sagte Billy drohend. »Aber jetzt mach lieber, daß du wegkommst, sonst hast du es zu bereuen.«

»Ich bin früher schon mit Leuten deines Schlages fertig geworden«, antwortete der Schutzmann. »Und ich habe meinen kleinen Assistenten bei mir. Kannst du sehen?«

Der Lichtstrahl bewegte sich, und sie sahen eine Hand mit einem Revolver, unheimlich stark beleuchtet, aus der Dunkelheit herausragen. Diese Hand war gleichsam etwas für sich, etwas, das kraft seiner selbst existierte und nicht zu einem bestimmten Körper gehörte, und sie tauchte auf und verschwand wieder wie ein Geist, als der Daumen den Knopf losließ. Einen Augenblick starrten sie auf die Hand mit dem Revolver, im nächsten Augenblick herrschte undurchdringliches Dunkel, und dann sahen sie wieder die Hand und den Revolver.

»Nun, ich denke, ihr macht diesmal keine Schwierigkeiten mehr«, sagte der Schutzmann triumphierend.

»Da denkst du falsch«, begann Billy.

Im nächsten Augenblick ging das Licht aus. Sie hörten den Schutzmann eine schnelle Bewegung machen und dann die elektrische Lampe dumpf zu Boden fallen. Sowohl Billy wie der Schutzmann suchten nach ihr, aber Billy war es, der sie fand, und den Lichtstrahl auf den andern richtete. Sie sahen einen graubärtigen, in triefend nasses Oelzeug gekleideten Mann. Es war ein alter Mann, der Saxon an die alten Männer erinnerte, die sie am dreißigsten Mai in den Veteranenprozessionen gesehen hatte.

»Gib mir meine Lampe!« befahl er.

Billy lachte höhnisch.

»Ja, dann muß ich dir eine Kugel in den Leib schießen, weiß Gott, ich muß!«

Er richtete den Revolver auf Billy, dessen Daumen nicht einen Augenblick den Knopf losließ, und sie konnten im Schein der Laterne in den Revolverlauf hineinsehen.

»Du altes bärtiges Gestell, du hast ja nicht einmal so viel Mut, einen sauern Apfel zu schießen!« antwortete Billy. »Ich kenne Leute deines Schlages – tapfer wie Löwen, wenn ihr elenden Feiglingen und Vagabunden gegenübersteht, aber vorsichtig wie Schakale, wenn ihr einen Mann trefft. Auf mich schießen! Du elendes feiges Stück Dreck, du nimmst den Schwanz zwischen die Beine, wenn ich nur Buh sage!«

Billy ließ die Tat dem Worte folgen und stieß ein Buh aus, und Saxon mußte unwillkürlich lachen, als sie den Schutzmann zusammenfahren sah.

»Ich sage es jetzt zum letztenmal«, fauchte der mit zusammengebissenen Zähnen. »Gib mir die Lampe und kommt mit, ohne weitere Schwierigkeiten zu machen – sonst knalle ich dich nieder.«

Saxon fürchtete für Billy, aber doch nur halb. Sie glaubte fest, daß der Mann nicht zu schießen wagte, und wie so oft zuvor wurde sie beim Anblick von Billys Mut von Bewunderung durchbebt. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, wußte aber so sicher, wie wenn sie es gesehen hätte, daß es denselben leidenschaftslosen, erschreckenden Ausdruck hatte, den es gehabt hatte, als er sich mit den drei Irländern schlug.

»Es ist nicht das erstemal, daß ich einen Menschen töte«, sagte der Schutzmann drohend. »Ich bin ein alter Soldat, und ich kann sehr gut Blut sehen –«

»Und Sie sollten sich schämen«, fiel Saxon ihm ins Wort, »herzukommen und mit friedlichen Leuten anzubinden, die Ihnen nichts getan haben.«

»Ihr dürft hier nicht schlafen«, verteidigte er sich. »Das gehört euch hier nicht. Es ist ungesetzlich. Und Leute, die gegen das Gesetz verstoßen, kommen ins Gefängnis, und das werdet ihr beiden auch. Ich habe schon vielen Vagabunden einen ganzen Monat Gefängnis verschafft, nur weil sie in diesem Schuppen geschlafen haben. Ja, es ist eine richtige Falle! Ich habe eure Gesichter gesehen und weiß, daß ihr gefährliche Individuen seid.« Er wandte sich zu Billy. »So, jetzt genug mit den Dummheiten. Wollt ihr euch ergeben und ohne Lärm mitkommen?«

»Jetzt will ich dir etwas sagen, du alter Affe«, antwortete Billy. »Erstens kriegst du uns nicht. Zweitens werden wir heute Nacht hier schlafen.«

»Gib mir die Lampe!« befahl der Schutzmann.

»Halt das Maul, alter Graubart! Und mach jetzt, daß du wegkommst – nimm dir ein Billet. Deine Lampe kannst du dir draußen im Dreck suchen.«

Billy bewegte den Lichtstrahl, bis er auf die Türöffnung fiel, dann schleuderte er die Lampe hinaus. Jetzt war es vollkommen dunkel, und sie konnten ihren zudringlichen Gast vor Wut mit den Zähnen knirschen hören.

»Ja, jetzt kannst du versuchen zu schießen – dann sollst du etwas erleben«, sagte Billy drohend.

Saxon tastete nach Billys Hand, erwischte sie und drückte sie stolz. Der Schutzmann murmelte eine Drohung.

»Was?« fragte Billy scharf. »Bist du noch nicht weg? Jetzt hör mich an, alter Graubart! Jetzt hab ich mir so viel von dir gefallen lassen, wie ich gesonnen bin. Jetzt machst du, daß du wegkommst – sonst helf ich dir auf die Beine. Und wenn du uns hier weitere Scherereien machst, dann kriegst du was. Hinaus mit dir!«

Das Brüllen des Sturmes war so ohrenbetäubend, daß sie nichts hören konnten. Billy drehte sich eine Zigarette. Als er sie anzündete, war die Scheune leer. Billy lachte.

»Weißt du, ich wurde so wütend, daß ich meinen schlechten Finger ganz vergaß. Aber jetzt meldet er sich wieder.«

Saxon brachte ihn dazu, sich hinzulegen, und strich ihm wieder über die Stirn, um ihn zu beruhigen.

»Es ist nicht daran zu denken, daß wir vor morgen früh hier wegkommen«, sagte sie. »Aber sobald es hell wird, fahren wir mit der Straßenbahn nach San José, mieten uns ein Zimmer, frühstücken etwas Warmes und gehen dann in eine Apotheke und kaufen, was zu einem warmen Umschlag gehört, oder was sonst gemacht werden muß.«

»Aber Benson?« wandte Billy ein.

»Du rufst ihn von der Stadt aus an – das kostet nur fünf Cent. Ich sah, daß er Telephon hatte. Und bei dem Regen könntest du ja auch nicht pflügen, selbst wenn du den schlechten Finger nicht hättest. Dann können wir beide uns auf einmal erholen. Meine Ferse wird schon besser sein, wenn es sich aufklärt, und dann können wir ja weiter reisen.«

* * *

 

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