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Das Mondtal

Jack London: Das Mondtal - Kapitel 11
Quellenangabe
authorJack London
titleDas Mondtal
publisherUniversitas
year1929
translatorErwin Magnus
correctorreuters@abc.de
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Drittes Buch

Die elektrische Straßenbahn ging ganz bis nach Haywards, aber auf Saxons Vorschlag stiegen sie in San Leandro aus.

»Es ist ganz gleich, wo wir unsere Wanderung beginnen«, sagte sie, denn irgendwo müssen wir ja anfangen. Da wir uns nach Boden umsehen und etwas über Boden erfahren wollen, müssen wir es ja lieber tun, sobald wir können. Außerdem wollen wir über jede Art von Boden etwas erfahren, sowohl in der Nähe der großen Städte wie tief in den Bergen.«

»Na ja! Das hier muß das Hauptquartier der Portugiesen sein«, meinte Billy immer wieder, als sie durch San Leandro wanderten.

»Ja, es sieht so aus, als wäre hier für Leute unseres Schlages kein Platz«, meinte Saxon.

»Hier ist es überfüllt, finde ich«, knurrte Billy, »es sieht aus, als gäbe es für den freigeborenen Amerikaner keinen Platz mehr in seinem eigenen Lande.«

»Dann ist es deine eigene Schuld«, sagte Saxon mit einer Strenge, die sich jedoch an keinen Bestimmten richtete; sie ärgerte sich nur im allgemeinen über die Lebensbedingungen, die sie unklar zu verstehen begann.

»Ach, das weiß ich nun gerade nicht. Ich rede mir ein, daß ein Amerikaner dasselbe tun könnte wie die Portugiesen – wenn er nur wollte. Aber er will nicht – Gott sei Dank! Er will nicht von Abfall leben wie ein Schwein.«

»Nein, auf dem Lande vielleicht nicht«, antwortete Saxon eifrig. »Aber in den Städten habe ich doch eine schreckliche Menge Amerikaner gesehen, die wie die Schweine lebten.«

Billy brummte etwas, mußte ihr aber doch recht geben. Ich kann mir denken, daß sie von den Bauernhöfen in die Stadt gegangen sind, weil sie glaubten, daß es dort besser sei, und daß sie dort nur Ohrfeigen kriegen.

»Sieh die Kinder!« rief Saxon. »Die Schulen fangen an – und es sind fast alles Portugiesen!«

»Drüben, wo sie herkommen, haben sie nie so gute Kleider gehabt«, spottete Billy. »Sie sind herüber gekommen, um anständige Kleider und anständige Kost zu kriegen. Sie sind so rund wie kleine Butterkugeln.«

Saxon nickte bestätigend, und es war, als ginge ihr plötzlich ein Licht auf.

»Das ist es ja eben, Billy! Sie schlagen sich durch, und zwar glänzend, indem sie den Boden bebauen Für sie gibt es keinen Streik.«

»Du willst doch die dummen Gärten nicht Ackerbau nennen«, sagte er und wies auf ein kleines Stück Land, an dem sie gerade vorbei kamen.

»Ach, du redest dir immer ein, daß es so groß sein muß!« lachte sie. »Du bist wie Onkel Bill, der Tausende und aber Tausende von Morgen Land besaß, schließlich eine Million haben wollte und als Nachtwächter endete. Das ist es eben mit uns Amerikanern. Alles soll so groß sein. Alles, was weniger ist als hundertundsechzig Morgen, ist uns zu kleinlich.«

»Nun, immerhin« – Billy wollte sich nicht geschlagen geben –, »immerhin sind die großen Betriebe doch viel besser als all die lächerlichen kleinen Gärten hier.«

Saxon nickte.

»Ich weiß nicht, was lächerlicher ist, bemerkte sie schließlich: ein paar Morgen Boden und die Pferde, mit denen man fährt, zu besitzen oder gar keinen Boden zu besitzen und ein Gespann, das andern gehört, zu fahren – für Geld.«

Billy krümmte sich ein wenig.

»Nur weiter, Robinson Crusoe!« brummte er gutmütig. »Spar ja dein Pulver nicht! Und das allerschlimmste ist, daß es stimmt. Ich bin verrückt und kein freier Amerikaner gewesen; ich habe die Pferde anderer Leute gefahren und gestreikt und Streikbrecher verprügelt – und nicht einmal die Ratenzahlung für das bißchen Möbel aufbringen können. Aber eines tut mir doch leid! Es kam mir verflucht schwer an, den großen Sessel zurückzugeben – du hast ihn so gern gehabt. Wir haben doch manche Stunde unserer Flitterwochen in dem Sessel verbracht.«

Sie hatten jetzt San Leandro hinter sich und kamen an einer ganzen Reihe winziger Bauernhöfe vorbei – Höfchen nannte Billy sie – und Saxon nahm ihre Ukulélé, um ihn mit einem Lied zu erheitern. Zuerst kam das Lied von dem alten Bauern, dann ging sie zu einem alten Kirchenlied über, wie die Neger sie bei den Gebetversammlungen singen.

»Ach, der jüngste Tag bricht an,
Er bricht an, ja er bricht an.
Und die Trompeten gellen dann,
Hört nur, wie sie gellen.«

Ein großes Automobil, das vorbeifuhr, wirbelte den Staub um sie auf und zwang Saxon, eine Pause zu machen. Sie benutzte die Zeit, um Billy ihren letzten Einfall zu erzählen.

»Weißt du, Billy, denk daran, daß wir nicht das erste beste Stück Boden nehmen, das wir sehen. Wir müssen die Augen aufmachen –«

»Na, viel können wir noch nicht sehen«, warf er ein.

»Und wir müssen vorsichtig sein. Wer sucht, findet, weißt du ja. Wir haben massenhaft Zeit, alles zu lernen. Es kann uns gleich sein, ob es mehrere Monate dauert. Wir haben keinen festen Boden unter den Füßen. Und man muß lieber einmal richtig anfangen als ein dutzendmal falsch. Wir müssen mit den Leuten reden, die wir treffen. Wir wollen sie ausfragen. Wir wollen alle Menschen fragen. Das ist die einzige Möglichkeit, etwas zu erfahren.«

»Im Ausfragen bin ich nun gerade nicht groß«, sagte Billy zögernd.

»Dann frage ich«, antwortete sie. »Wir werden es schon erreichen, aber wir müssen zuerst Bescheid wissen. Sieh all diese Portugiesen! Wo sind die Amerikaner? Ihnen gehörte das Land zuerst nach den Mexikanern. Warum gingen die Amerikaner fort? Wie machen die Portugiesen es, daß es geht? Wir müssen Tausende von Dingen fragen.«

Sie klimperte ein wenig auf der Ukulélé und sang dann mit ihrer schönen, klaren Stimme:

»Ich muß zurück nach Dixie,
Ich muß zurück nach Dixie,
Zurück dorthin, wo die Orangen blühn,
Ich hör die Kinder lallen,
Ich seh die Tränen fallen –
Mein Herz sehnt sich nach Dixie,
Dort muß ich hin.«

Dann unterbrach sie sich plötzlich: »Ach, wie schön es hier ist! Sieh doch den Baum – der ist ganz mit Weinranken überwuchert!«

Immer und immer wieder wurde ihre Aufmerksamkeit von den kleinen Gehöften gefesselt, an denen sie vorbeikamen. Jetzt hieß es: »Sieh die Blumen!« oder: »Nein, welch Gemüse!« oder: »Sieh, die haben eine Kuh!«

Männer – Amerikaner –, die in Einspännern und Landauern den Weg entlang fuhren, betrachteten Saxon und Billy neugierig. Saxon fand sich viel besser darein als Billy, der knurrende und gereizte Kehllaute ausstoßen konnte.

Am Wegrand trafen sie einen Telephonarbeiter, der sein Frühstück aß.

»Bleib stehen und sprich mit ihm«, flüsterte Saxon.

»Ach, wozu? Der ist nur Telephonarbeiter. Was weiß der von Landwirtschaft?«

»Das kann man nicht wissen. Er ist einer von unseren Leuten. Los, Billy, rede mit ihm. Er arbeitet doch jedenfalls augenblicklich nicht, und da ist die Wahrscheinlichkeit größer, daß er Lust hat zu reden. Sieh den Baum dort hinter dem Tor, und die Art, wie die Zweige zusammengewachsen sind. Das ist eine Kuriosität. Frag ihn danach. Das ist eine gute Art, ein Gespräch einzuleiten.«

Billy blieb bei dem Mann stehen.

»Guten Tag«, sagte er barsch.

Der Telephonarbeiter, ein ganz junger Mann, hielt in seiner Beschäftigung, ein hart gekochtes Ei einzuschlagen, inne, um die beiden anzusehen.

»Guten Tag!« sagte er.

Billy nahm sein Bündel ab und legte es auf die Erde, und Saxon legte ebenfalls ihren Rucksack neben sich.

»Hausierer?« fragte der junge Mann, der zu zurückhaltend war, um eine direkte Frage an Saxon zu richten, sie aber mit einem Seitenblick auf den Rucksack für beide gelten ließ.

»Nein«, sagte sie eifrig. »Wir sehen uns nach Boden um. Wissen Sie, ob es hier in der Nähe etwas gibt?«

Er ließ wieder von seinem Ei ab und sah sie neugierig an, wie um sich über ihre finanzielle Leistungsfähigkeit klar zu werden.

»Wissen Sie, was der Boden hier in der Gegend kostet?« fragte er.

»Nein«, antwortete Saxon. »Sie?«

»Ja, das sollte ich meinen. Ich bin hier geboren. Und Boden wie der, den Sie um sich her sehen, kostet zwei- bis vierhundert Dollar den Morgen.«

Billy stieß einen Pfiff aus. »Ja, dann glaube ich nicht, daß wir etwas davon kriegen werden!«

»Aber warum ist er denn so teuer? – Sind es Bauplätze?« fragte Saxon.

»Nein, die Portugiesen schrauben die Preise so hoch.«

»Ich glaubte, daß man für hundert den Morgen sehr guten Boden bekäme«, sagte Billy.

»Ach, das ist vorbei. Es gab auch Zeiten, da man den Boden und den ganzen Viehbestand geschenkt bekam, wenn man sehr brav war.«

»Aber wie steht es hier in der Nähe mit staatlichem Boden?« lautete Billys nächste Frage.

»Hier gibt es gar keinen und hat nie welchen gegeben. Das hier ist alter mexikanischer Besitz. Mein Großvater kaufte sich hundert Morgen vom besten Boden hier in der Nähe für eintausendfünfhundert Dollar – fünfhundert auf den Tisch und den Rest im Laufe von fünf Jahren – zinsfrei. Aber das war die gute alte Zeit. Er kam 48 nach dem Westen, weil er ein Land finden wollte, wo es weder Erkältung noch Fieber gab.«

»Und das fand er denn auch«, sagte Billy.

»Ja, darauf können Sie schwören! Und wenn er und mein Vater auf dem Boden sitzen geblieben wären, so würde das besser gewesen sein als eine Goldmine, und ich wäre nicht gezwungen, für mein tägliches Brot zu arbeiten. Was ist Ihr Beruf?«

»Kutscher.«

»Den Streik in Oakland mitgemacht?«

»Eben! Ich bin dort fast mein ganzes Leben lang Kutscher gewesen.«

Die beiden Männer vertieften sich in eine Unterhaltung über die Wirtschaftsfragen und die Aussichten des Streiks, aber Saxon wollte sich nicht ausschalten lassen und brachte das Gespräch wieder auf die Bodenpreise.

»Woher kommt es, daß die Portugiesen die Preise so hoch geschraubt haben?« fragte sie.

Der junge Mann riß sich mit einiger Mühe von der Diskussion über die Gewerkschaften los und sah sie einen Augenblick mit einem schlaffen Blick an, bis die Frage in sein Bewußtsein gedrungen war.

»Weil sie so mächtig mit dem Boden gearbeitet haben. Weil sie morgens, mittags und abends geschuftet haben – Männer, Frauen und Kinder. Weil sie aus zwanzig Morgen mehr herauspressen können, als wir aus hundertsechzig. Sehen Sie den alten Silva – Antonio Silva. Ich kannte ihn schon, als ich ein kleiner Bengel war. Er hatte nichts zu essen, als er hierher kam und Boden von meiner Familie pachtete. Und sehen Sie ihn jetzt – er hat reichlich seine viertel Million in bar, und ich möchte wetten, daß er für eine ganze Million Kredit hat, und Gott weiß, was die übrige Familie besitzt!«

»Und das alles hat er an dem Boden verdient, der Ihrer Familie gehörte?« fragte Saxon.

Der junge Mann nickte, aber es war klar, daß er es nicht gern einräumte.

»Aber warum tat Ihre eigene Familie denn nicht dasselbe?« fuhr sie fort.

»Ja, das fragen Sie nur!« sagte er.

»Aber das Geld war doch da!« Saxon wollte den Kampf nicht aufgeben.

»Den Teufel war es da!« lautete die Antwort mit einem schwachen Anflug von Heftigkeit. Wir haben nie etwas davon gesehen – nein, wahrhaftig nicht! Ich glaube eher, daß das Geld in den Köpfen der Portugiesen steckte. Die verstanden mehr von der Geschichte als wir.«

Saxons offensichtliche Unzufriedenheit mit seiner Erklärung spornte ihn an, sich anzustrengen. Er erhob sich.

»Kommen Sie, ich will es Ihnen zeigen«, sagte er erbittert. »Ich will Ihnen zeigen, warum ich mich für das liebe Brot abrackern muß, obwohl ich Millionär hätte sein können, wenn meine Vorfahren nicht Idioten gewesen wären. Das sind wir eben, wir alten Amerikaner – ein Haufen Idioten.«

Er führte sie durch die Pforte zu dem Obstbaum, der vom ersten Augenblick an Saxons Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte. Vom Stamme spalteten sich vier Äste ab, aber zwei Fuß darüber waren die Äste durch ein Band lebender Zweige verbunden.

»Sie glauben vielleicht, daß er so gewachsen ist! Nun ja, das ist er auch auf seine Art. Aber es war doch der alte Silva, der ihn machte – als der Baum noch ganz jung war, verflocht er zwei Schößlinge miteinander. Sehr schlau, nicht wahr? Ja, darauf könnt ihr Gift nehmen! Der Baum wird nie umgeweht. Es ist ein natürliches Dach, das prachtvoll federt und besser ist als alle eisernen Klammern. Sehen Sie die Reihen entlang. Jeder Baum ist so gemacht. Verstehen Sie? Und das ist nur eine von den Schlauheiten der Portugiesen. Die wissen viel dergleichen.

Sie können es sich ja denken. Die Bäume brauchen keine Stütze, wenn sie auch noch so gut tragen. Wenn unsere Bäume so gut trugen, so brauchten wir für jeden fünf Stützen. Sagen wir, daß wir ein paar Morgen Obstbäume hätten! Das macht mehrere tausend Stützen, und die kosten Geld und die Arbeit dazu, sie einzurammen und jedes Jahr wieder auszureißen. Das hier kommt von selber und ist jederzeit da. Ja, die Portugiesen sind viel klüger als wir – das sind sie. Kommen Sie, ich will Ihnen etwas anderes zeigen!«

Billy, dem die Angst des Städters vor verbotenen Wegen in den Gliedern steckte, war etwas nervös über die Ungeniertheit, mit der sie durch die kleine Wirtschaft gingen.

»Ach, das macht nichts, solange wir nichts zertreten«, beruhigte der Telephonarbeiter sie. »Außerdem hat das alles einmal meinem Großvater gehört. Die Leute kennen mich. Vor vierzig Jahren kam der alte Silva von den Azoren herüber. Er hütete ein paar Jahre lang in den Bergen Schafe, und dann kam er nach San Leandro. Die fünf Morgen waren die ersten, die er pachtete. Und das war nur der Anfang. Dann pachtete er Höfe von hundert Morgen und hundertsechzig Morgen. Und seine Schwestern und Onkel und Tanten strömten von den Azoren hierher – drüben sind sie alle miteinander verwandt, wissen Sie – und bald war ganz San Leandro eine portugiesische Kolonie.

Und der alte Silva kaufte zuerst die fünf Morgen von meinem Großvater. Aber bald – und zu dem Zeitpunkt war mein Vater so verschuldet, daß er nicht aus und ein wußte – bald kaufte er meinem Vater den Boden in großen Stücken zu hundertundsechzig Morgen ab. Und seine Verwandten taten alle dasselbe. Mein Vater redete immer davon, reich zu werden – aber es sollte immer schnell gehen, und er starb als verschuldeter Mann. Doch der alte Silva übersah nicht das Geringste, nein, und wenn es noch so klein und unansehnlich gewesen wäre. Und so sind all die andern auch. Sehen Sie da draußen vor dem Hause bis zu den Wagengleisen – das sind lauter Pferdebohnen. Wir hätten nie an solche lächerlichen Kleinigkeiten gedacht. Aber Silva dachte daran! Und jetzt hat er ein Haus in San Leandro und fährt in einem Tourenauto für viertausend Dollar herum. Und doch wachsen Zwiebeln in seinem Vordergarten bis auf die Straße hinaus. Er verdient allein daran dreihundert Dollar. Ich weiß, daß er letztes Jahr zehn Morgen kaufte – sie verlangten tausend Dollar den Morgen, aber er blinzelte nicht einmal! Er wußte, daß er das wieder hereinbekommen würde und mehr dazu. Und in den Bergen hat er ein Gut von fünfhundertundachtzig Morgen, die er für ein Butterbrot kaufte, und ich sage Ihnen, für das Geld, das er dort verdient, könnte ich jeden Tag in der Woche in einem neuen Auto herumreisen. Er züchtet dort Pferde jeder Art, von schweren Brauerpferden bis zu den feinsten Luxustieren.«

»Ja, aber – wie – hat er denn das alles bekommen?« fragte Saxon.

»Indem er vernünftigen Ackerbau getrieben hat. Ich sage – die ganze verfluchte Familie arbeitet. Sie schämen sich nicht, die Ärmel aufzukrempeln und zu graben – Söhne und Töchter und Schwiegersöhne, der Alte und die Frau und alle Kinder. Sie haben ein altes Sprichwort, daß ein vierjähriger Bengel nichts taugt, der einer Kuh kein Futter auf der Landstraße verschaffen und sie in gutem Stande halten kann. Sehen Sie die Silvas, den ganzen Stamm der Silvas – sie bebauen hundert Morgen mit Erbsen, achtzig mit Tomaten, dreißig mit Spargel, zehn mit Rhabarber, vierzig mit Kürbis – ach, und massenhaft andere Sachen.«

»Ja, aber wie machen sie das denn nur?« forschte Saxon weiter. »Wir haben uns auch nie geschämt, etwas zu tun. Wir haben all unsere Tage schwer gearbeitet. Ich kann besser arbeiten als eine Portugiesin – das habe ich in der Jutefabrik gesehen. Dort saßen eine Menge portugiesischer Mädchen an den Webstühlen um mich her, und ich konnte sie in Grund und Boden weben – und das tat ich auch. Auf die Arbeit kommt es nicht an. Aber worauf denn?«

Der Telephonarbeiter sah sie an, als wüßte er nicht recht, was er sagen sollte.

»Ja, ich habe mir oft dieselbe Frage gestellt. Wir sind besser als diese lumpigen Auswanderer, sage ich mir. Wir waren zuerst da, und uns gehörte die Erde. Ich kann jeden Portugiesen, den die Azoren je ausgebrütet haben, verprügeln. Ich habe eine bessere Erziehung genossen. Aber wie geht es dann zu, zum Donnerwetter, daß sie uns übertrumpfen, uns den Boden wegnehmen und sich Bankkontos einrichten? Die einzige Antwort, die ich weiß, ist, daß wir nicht ihr Sabe haben. Wir gebrauchen unsere Köpfe nicht ordentlich. Das ist es. Nun, und jedenfalls waren wir nicht so gerissen in bezug auf Ackerbau. Wir spielten nur mit der Erde. Soll ich es Ihnen zeigen? Deshalb habe ich Sie mit herein genommen – damit Sie sehen, wie der alte Silva und sein Stamm Ackerbau treiben. Sehen Sie sich das an! Hier wohnt ein Vetter von ihm, der gerade von den Azoren gekommen ist und hiermit anfangen soll. Er bezahlt dem alten Silva eine recht hübsche Abgabe, aber bald wird er soweit sein, daß er sich selber von irgendeinem ruinierten amerikanischen Farmer Boden kauft.

Und sehen Sie das dort – ja, Sie sollten es selbstverständlich im Sommer sehen, aber das ist nun einerlei! Nicht ein Zoll geht verloren. Wo wir eine magere Ernte haben, haben sie vier fette Ernten. Und sehen Sie, wie sie es ausnutzen – Johannisbeeren zwischen den Bäumen, eine Reihe grüner Bohnen zu beiden Seiten der Bäume und Bohnenreihen zu beiden Enden der Bäume. Der alte Silva würde die fünf Morgen hier nicht für fünfhundert den Morgen verkaufen, und wenn er das Geld bar auf den Tisch bekäme. Er bezahlte meinem Großvater fünfzig für den Morgen, mit langer Zahlungsfrist, und ich arbeite hier für die Telephongesellschaft und lege den Vettern des alten Silvas aus den Azoren die Telephone an, obwohl sie nicht einmal amerikanisch reden können.

Pferdebohnen am Wegrand – ja, als Silva auf die Idee kam, verdiente er mit Schweinemast mehr, als mein Großvater an seinem ganzen Betrieb verdient hatte. Mein Großvater rümpfte die Nase über Pferdebohnen. Er starb bis über beide Ohren verschuldet und mit Hypotheken bis zum Schornstein belastet. Tomaten in Packpapier pflanzen – haben Sie so etwas je gehört? Mein Vater fauchte, als er die Portugiesen das zum erstenmal tun sah. Und er fauchte weiter. Aber deshalb erzielten sie doch mächtige Ernten, und Vaters bißchen Tomaten wurden von schwarzen Käfern gefressen. Wir haben nicht [die] Sabe, das dazu gehört, oder die Geschicklichkeit, oder was es nun ist. Sehen Sie nur das Stück Erde – vier Ernten im Jahr, und jeder Zoll Boden macht doppelte Arbeit. Sehen Sie, hinter der Stadt liegt Boden, wo man auf einem einzigen Morgen mehr verdient, als wir in alten Tagen auf fünfzig verdienten. Die Portugiesen sind die geborenen Ackerbauer, das ist es, und wir verstehen nichts davon und haben es nie getan.«

Saxon sprach mit dem Telephonarbeiter und ging mit ihm herum, bis es eins war. Dann sah er auf die Uhr, verabschiedete sich und kehrte zu seiner Arbeit zurück, die darin bestand, bei einem der zuletzt angekommenen Auswanderer von den Azoren ein Telephon anzulegen.

Wenn sie durch ein Städtchen kamen, trug Saxon ihren Rucksack in der Hand; aber er hatte Riemen, durch die sie die Arme stecken konnte, so daß sie ihn, sobald sie auf die Landstraße kamen, auf dem Rücken trug. Wenn sie das tat, schob sich der Ukulélékasten unter ihren linken Arm.

Als sie etwas weiter gekommen waren, machten sie an einer Stelle halt, wo ein kleiner, schilfumkränzter Bach quer über die Landstraße floß. Billy wollte, daß sie sich mit kaltem Frühstück begnügen und das Butterbrot essen sollten, das die letzte Mahlzeit war, die Saxon im Hause in der Pine Street bereitet hatte. Aber sie blieb dabei, daß sie Feuer machen und Kaffee kochen wollten. Nicht, daß sie sich selbst etwas aus dem Kaffee gemacht hätte, aber sie war fest entschlossen, alles vom Beginn dieser abenteuerlichen Wanderung an so angenehm wie möglich für Billy zu machen. Und da sie ihn um jeden Preis zu einer Begeisterung entflammen wollte, die sich mit ihrer eigenen messen konnte, wollte sie nicht den Funken, der möglicherweise in ihm glomm, mit etwas so Trostlosem wie kaltem Essen allein auslöschen.

»Sieh, etwas, das wir uns gleich von Anfang an aus dem Kopfe schlagen müssen, ist, daß wir Eile hätten. Wir haben keine Eile, und uns ist es gleichgültig, ob Schule oder Feiertag ist. Wir wollen uns amüsieren, wir sind auf Abenteuer ausgegangen – wie man es in den Büchern liest! Gott, wie wünschte ich, daß der Junge, der mich in seinem Boot mitnahm, mich in diesem Augenblick sehen könnte! Oakland sei der rechte Startplatz, sagte er. Und – nun ja, wir sind gestartet, nicht wahr? Und hier machen wir nun halt und kochen Kaffee. Du mußt Feuer machen, Billy, und ich hole Wasser und packe das Frühstück aus.«

»Weißt du«, sagte Billy, während sie darauf warteten, daß das Wasser kochte, »weißt du, woran mich das hier erinnert?«

Saxon wußte es sehr gut, aber sie schüttelte den Kopf. Sie wollte es ihn sagen hören.

»Selbstverständlich an den Sonntag, nachdem ich dich kennen gelernt hatte, als wir mit King und Prince vor dem Wagen nach dem Moraga-Tal fuhren. Da packtest du auch das Frühstück aus.«

»Nur mit dem Unterschied, daß es ein viel üppigeres Frühstück war«, fügte sie mit einem glücklichen Lächeln hinzu.

»Aber ich möchte im übrigen wissen, warum wir damals keinen Kaffee bekamen«, fuhr er fort.

»Das hätte vielleicht etwas zu sehr ausgesehen, als ob wir verheiratet gewesen wären«, lachte sie, »etwas, das Mary unpassend genannt hätte –«

»Oder roh«, warf Billy ein. »Sie gebrauchte das Wort immer.«

»Und nun kannst du sehen, was aus ihr geworden ist!«

»Ja, so geht es immer«, brummte Billy mürrisch. »Ich habe immer bemerkt, daß die Empfindlichsten und Zimperlichsten zuerst um die Ecke gehen. Sie sind wie gewisse Pferde, die am meisten vor den Dingen scheuen, die sie am wenigsten fürchten.«

Saxon schwieg, beschwert von dem Gefühl einer unbestimmbaren und fernen Traurigkeit, das sie immer überkam, wenn Berts Witwe erwähnt wurde.

»Ich weiß noch etwas anderes, das an dem Tage geschah, aber das errätst du selbstverständlich nie«, sagte Billy, in Erinnerungen an die Vergangenheit verloren. »Ich möchte wetten, daß du es nicht rätst!«

»Da bin ich aber neugierig«, sagte Saxon, aber ihre Augen zeigten deutlich, daß sie es erraten hatte.

Billys Augen antworteten ihr, und ganz unwillkürlich beugte er sich zu ihr herab, ergriff ihre Hand und drückte sie zärtlich gegen seine Wange.

»Sie ist so winzig klein, ach Gott ja!« sagte er zu der gefangenen Hand. Und dann sah er Saxon an, die vor Freude über seine Worte warm geworden war. »Wir fangen wohl wieder von vorne damit an, Liebesleute zu spielen, nicht wahr, Saxon?«

Sie aßen beide gut, und Billy trank drei ganze Tassen Kaffee.

»Weißt du – die Landluft macht tüchtigen Appetit«, murmelte er und nahm sich das fünfte Stück Butterbrot. »Ich könnte ein ganzes Pferd essen und es hinterher in Kaffee ertränken.«

Saxons Gedanken beschäftigten sich wieder mit dem, was der junge Telephonarbeiter gesagt hatte, und sie faßte alle Auskünfte, die sie erhalten hatte, zu einer Art Resümee zusammen.

»Herrgott!« rief sie. »Wieviel wir schon gelernt haben!«

»Ja, eines haben wir jedenfalls gelernt, nämlich, daß dies nicht der rechte Ort für uns ist, wenn der Boden tausend Dollar den Morgen kostet, und wir nur zwanzig Dollar in der Tasche haben.«

»Ja, hier wollen wir auch gar nicht bleiben«, warf sie schnell ein. »Aber deshalb sind es doch die Portugiesen, die dem Boden seinen Wert gegeben haben, ihm große Ernten abzwingen und ihre Kinder für das, was sie damit verdienen, in die Schule schicken ... und Kinder haben, die, wie du selbst sagtest, so rund wie Butterkugeln sind.«

»Und ich ziehe den Hut vor ihnen«, antwortete Billy. »Aber deshalb möchte ich doch lieber vierzig Morgen zu hundert Dollar als vier Morgen zu tausend Dollar den Morgen haben. Mir wäre mörderlich bange vor einem solchen Betrieb von vier Morgen – bange, daß ich hinaustrudele, verstehst du?«

Sie verstand ihn gut, denn tief in ihrem Herzen war auch sie mehr auf die vierzig Morgen erpicht. Mit dem Unterschied, den eine zwischen ihnen liegende Generation schuf, hatte sie auf ihre Art denselben Drang nach Raum um sich her, wie ihr Onkel Will ihn gehabt.

»Nun, hier bleiben wir jedenfalls nicht«, versicherte sie Billy. Wir sind ausgezogen – nicht nach vierzig Morgen, sondern nach hundertundsechzig, die der Staat uns ganz umsonst geben soll.«

»Ja, ich finde auch, daß der Staat uns das schuldet, für alles, was unsere Väter und Mütter getan haben. Ich sage dir, Saxon, und wenn eine Frau über die Prärie marschiert, wie deine Mutter getan, und wenn ein Mann und eine Frau von den Indianern niedergemacht worden sind, wie mein Großvater und meine Großmutter, dann schuldet der Staat ihnen doch etwas.«

»Ja, und wir werden ihn auch dazu bringen, uns zu bezahlen, was er uns schuldet.«

»Und wir wollen ihn auch schon dazu bringen, da brauchst du keine Angst zu haben – irgendwo in den Riesentannenwäldern südlich von Monterey.«

 

Erst spät am Nachmittag erreichten Billy und Saxon Niles. Sie mußten zuerst nach Haywards, und ließen sich zudem Zeit zu allen möglichen kleinen Abstechern von der Hauptlandstraße. Sie folgten den parallelen Wegen durch gepflegte Felder, wo der Boden bis zu den Wagenspuren ausgenutzt war. Saxon sah mit großem Erstaunen die kleinen dunkelhäutigen Auswanderer, die sich in dieser Gegend niederließen, ohne das geringste zu besitzen, und doch aus dem Boden zweihundert, fünfhundert und tausend Dollar den Morgen herausholten.

Überall herrschte Geschäftigkeit. Frauen und Kinder arbeiteten wie die Männer auf den Feldern. Der Boden wurde gepflügt und wieder gepflügt; es war, als gönnten sie ihm nie Ruhe. Aber er lohnte ihnen die Mühe. Er mußte ihnen die Mühe lohnen – sonst hätten sie es sich nicht leisten können, in all den kleinen lächerlichen Fahrzeugen herumzufahren, in gebrauchten Einspännern oder starken, leichten Wagen.

»Sieh ihre Gesichter!« sagte Saxon. »Sie sind froh und zufrieden. Sie sehen nicht aus wie die Leute in unserer Nachbarschaft nach Beginn der Streiks.«

»Ja, sie haben es gut«, gab Billy zu, »das kann man mit einem halben Auge sehen. Aber deshalb brauchen sie sich vor mir nicht dicke zu tun, das sage ich dir nur – weil sie uns um den Boden und alles betrogen haben.«

»Ja, aber ich finde gar nicht, daß sie sich dicke tun«, wandte Saxon ein.

»Nein, das tun sie auch nicht, wenn ich es recht bedenke. Aber deshalb sind sie doch nicht so klug, wie sie selber glauben. Ich möchte wetten, ich könnte ihnen allerlei von Pferden erzählen.«

Die Sonne wollte schon untergehen, als sie das Städtchen erreichten. Billy, der die letzten zehn Minuten geschwiegen hatte, kam jetzt zögernd mit einem Vorschlag.

»Sag mal – wir könnten uns doch wohl ein Zimmer im Hotel leisten. Was meinst du?«

Aber Saxon schüttelte sehr bestimmt den Kopf.

»Wie lange, glaubst du, würden die zwanzig Dollar auf die Art reichen? Die einzige Art, wie wir es machen könnten, ist, daß wir beim ersten Anfang beginnen. Wir haben nicht damit gerechnet, in Hotels zu schlafen.«

»Wie du willst!« sagte er. »Ich mache alles mit. Ich dachte nur an dich.«

»Da mußt du lieber denken, daß ich das Schlimmste mitmache!« sagte sie besänftigend. »Und jetzt wollen wir sehen, uns etwas zum Abendessen zu kaufen.«

Sie kauften Rindfleisch, Kartoffeln, Zwiebeln und ein Dutzend Speiseäpfel und gingen dann vor die Stadt bis zu dem Gürtel von Bäumen und Büschen, wo, wie sie wußten, ein kleiner Bach floß. Auf einer Sandbank, im Schutz der Bäume, richteten sie sich ihr Nachtquartier ein. Es gab massenhaft trockenes Holz in der Nähe, und Billy pfiff heiter, während er Brennholz sammelte und hackte. Saxon, die einen scharfen Blick für alle seine verschiedenen Stimmungen hatte, wurde ganz lustig, als sie die furchtbar disharmonischen Laute hörte, die aus seinem Munde kamen. Sie lächelte bei sich, als sie die Decken auf dem Sand ausbreitete, nachdem sie zuvor alle Zweige entfernt und das Segeltuch als Unterlage ausgebreitet hatte. Sie hatte noch viel zu lernen in bezug auf das Kochen an offenem Feuer, aber sie machte gute Fortschritte und hatte bald herausgefunden, daß es mehr darauf ankam, das Feuer auszunutzen, als ein besonders großes Feuer zu machen. Als der Kaffee gekocht hatte, goß sie eine viertel Tasse kalten Wassers darauf, damit er sich setzte, und stellte dann die Kaffeekanne an den Rand des Feuers, wo sie sich warm halten konnte, ohne ins Kochen zu kommen. Sie briet Kartoffelscheiben und Zwiebeln in derselben Pfanne, aber jedes für sich, und stellte sie dann in ihrem Blechteller, der mit Billys umgekehrtem Teller bedeckt wurde, auf die Kaffeekanne. Auf der trockenen, warmen Pfanne briet sie dann das Fleisch so, daß Billy begeistert war. Als das getan war, richtete sie das Fleisch auf den Tellern an, während Billy den Kaffee eingoß und sie Kartoffeln und Zwiebeln für einen Augenblick wieder in die Bratpfanne legte, damit sie ganz warm wurden.

»Was kann man mehr verlangen?« sagte Billy herausfordernd und mit der tiefsten Zufriedenheit, als die letzte Tasse Kaffee getrunken war und er sich eine Zigarette drehte. Er lag der Länge nach auf der Seite, auf den Ellenbogen gestützt. Das Feuer brannte hell, und der flackernde Schein verlieh Saxons Teint einen wärmeren Ton als sonst.

»Sieh, wenn unsere Vorfahren auf der Wanderung waren, mußten sie beständig Indianer, wilde Tiere und derlei fürchten, und hier liegen wir nun so sicher wie in Mutters Truhe. Und sieh den Sand! Kann man sich ein besseres Bett wünschen? So weich wie Daunen. Weißt du, daß du schön bist in meinen Augen – meine kleine Squaw? Ich sage dir, du siehst aus, als wärest du sechzehn Jahre alt und nicht ein Tüttelchen mehr, Frau Spielkameradin.«

»Wirklich!« sagte sie vergnügt, machte eine schnelle Kopfbewegung und zeigte ihre weißen Zähne. »Wenn du nicht dalägst und eine Zigarette rauchtest, so würde ich fragen, ob deine Mutter dir auch erlaubt hätte, so lange draußen zu bleiben, Herr Schuljunge?«

»Hör einmal«, begann er mit einem leicht zu durchschauenden Versuch, den Ernsten zu spielen. »Ich möchte dich gern etwas fragen, wenn du mir versprichst, nicht böse zu werden. Ich will deine Gefühle natürlich nicht verletzen, aber etwas muß ich wissen, und zwar etwas sehr Wichtiges.«

»Nun, was denn«, fragte sie, nach kurzem, vergeblichem Warten.

»Ja, nur das, Saxon. Ich hab' dich schrecklich lieb, aber die Nacht kommt, und wir sind viele, viele Meilen von allen Menschen entfernt, und, nun ja, was ich wissen will, ist, ob wir jetzt auch ganz im Ernst verheiratet sind, du und ich.«

»Ganz im Ernst!« versicherte sie. »Warum?«

»Ach, weiter nichts, aber ich wußte es nicht mehr so recht, und ich wollte mich schon genieren, weißt du, denn wenn wir nicht verheiratet wären, dann würde das hier – wie ich erzogen bin, nicht der rechte Ort sein.«

»Laß es gut sein«, sagte sie streng. »Es ist hier gerade die rechte Zeit und der rechte Ort, daß du Brennholz für morgen früh sammelst, während ich die Teller aufwasche und die Küche instand setze.«

Er stand gehorsam auf, zuerst aber mußte er den Arm um sie schlingen und sie an sich ziehen. Keines von ihnen sagte etwas, als er aber ging, klopfte Saxons Herz unruhig, und ein leises Danklied drängte sich über ihre Lippen.

Die Nacht brach an, dunkel, mit einem schwachen Sternenschimmer. Aber die Sterne selbst waren hinter Wolken verborgen, die kamen – keiner von ihnen hatte gesehen, woher. Der schöne Spätsommer Kaliforniens stand vor der Tür. Die Luft war warm, mit einer Andeutung der ersten Nachtkühle, und nicht ein Windhauch regte sich.

»Ich habe ein Gefühl, als begännen wir erst jetzt zu leben«, sagte Saxon, als Billy mit seinem Brennholz zu ihr kam und sich auf die Decken am Feuer niederließ. »Ich habe heute mehr gelernt als in zehn Jahren in Oakland.« Sie schöpfte tief Atem und richtete sich auf. »Es ist viel schwerer, Landmann zu werden, als wir gedacht hatten.«

Billy sagte nichts. Er starrte ins Feuer, und sie wußte, daß er über irgend etwas grübelte.

»Also was ist es?« fragte sie, als sie sah, daß er zu einem Ergebnis gelangt war, und legte gleichzeitig ihre Hand auf die seine.

»Ich habe über den Hof nachgedacht, den wir haben wollen«, antwortete er. »Die dummen Höfchen sind schön und gut. Sie sind was für die Ausländer. Aber wir Amerikaner – wir brauchen Platz. Wir müssen auf dem Gipfel einer Anhöhe stehen und wissen, daß das unser Boden ist, ebenso wie das Land jenseits der Höhe und die nächste Höhe hinan, und wir wollen wissen, daß dahinter, an einer kleinen Bucht vielleicht, Pferde grasen, die unsere Pferde sind, und kleine Füllen, die mit ihnen grasen, oder laufen und ausschlagen. Du weißt, man kann viel Geld mit Pferdezucht verdienen, namentlich mit Arbeitspferden, die bis zu achtzehnhundert und zweitausend bezahlt werden. Sie geben sieben- bis achthundert für das Paar vierjähriger Stuten, ja, das geben sie jeden Tag in der Stadt. Gutes Gras in großer Menge und dazu ein Klima wie das hier, das ist alles, was sie brauchen, und dazu ein bißchen Dach über dem Kopf und etwas Heu, wenn einmal längere Zeit schlechtes Wetter herrscht. Ich habe noch nie daran gedacht, aber das will ich dir sagen – jetzt fange ich an, ganz wild nach einem Bauernhof zu werden.«

Saxon war ganz Ohr. Hier kamen neue Auskünfte über den Gegenstand, der ihrem Herzen so nahe stand, und – was das Beste von allem war – sie kamen von Billy. Und – was noch besser war – auch er begann, Interesse zu fassen.

»Ein gewöhnlicher Bauernhof muß selbstverständlich wie für alles andere auch dafür Platz bieten«, sagte sie ermunternd.

»Gewiß! Gleich am Hause wollen wir Gemüse und Obst und Hühner und alles das haben – wie die Portugiesen, und außerdem brauchen wir eine Menge Platz ringsum, wo die Pferde grasen können.«

»Ja, aber sind Pferde nicht sehr teuer, Billy?«

»Nicht besonders. Pferde werden auf dem Pflaster verbraucht. Dort will ich mir meine Zuchtstuten verschaffen – von denen, die in der Stadt nicht mehr zu gebrauchen sind, ja, die Seite der Sache kenne ich ausgezeichnet! Sie werden auf Auktionen verkauft und können viele, viele Jahre halten – sie taugen nur nicht mehr fürs Pflaster.«

Dann trat eine lange Pause ein. In dem erlöschenden Feuer sahen beide Bilder des Hofes, der einst ihr Heim sein sollte.

»Hier ist es recht still, nicht wahr?« sagte Billy schließlich und erhob sich mit einer Kraftanspannung. Er sah sich um. »Und so schwarz, wie ein ganzes Bataillon schwarzer Katzen.« Er schüttelte sich, knöpfte sich den Mantel zu und warf ein paar Zweige aufs Feuer. »Aber deshalb ist es doch das beste Klima von der Welt. Als kleiner Junge hörte ich meinen Vater oft prahlen, daß Kalifornien ein so warmes Klima hätte. Er reiste einmal nach dem Osten und blieb einen Sommer und einen Winter dort, dann hatte er aber genug davon.«

»Meine Mutter sagte, es gäbe kein Land in der Welt mit einem solchen Klima. Wie wunderbar muß es für die gewesen sein, die hierher kamen, nachdem sie durch Wüsten und Berge gewandert waren. Sie nannten es das Land, wo Milch und Honig fließt. Der Boden war so reich, daß sie ihn nur anzukratzen brauchten – das sagte Cady immer.«

»Und überall war Wild«, fuhr Billy fort. »Robert, der Adoptivvater meines Vaters, trieb Vieh von San Joaquin nach dem Columbia. Er hatte vierzig Mann zur Hilfe, und sie nahmen nichts mit als Pulver und Salz. Sie lebten von dem Wild, das sie schossen.«

»Die Berge waren voller Rehe, und meine Mutter sah ganze Herden von Elchen in der Nähe von Santa Rosa. Dort wollen wir einmal hingehen, Billy. Ich habe immer so gern einmal Santa Rosa sehen wollen.«

»Und als mein Vater ein junger Mann war und nördlich von Sacramento im sogenannten Cache Slough lebte, waren die Sümpfe voll von Grizzlybären. Er schoß sie oft. Und wenn sie einem im Freien begegneten, so ritten er und die Mexikaner hin und fingen sie – mit Lassos, weißt du. Er sagte, daß ein Pferd, das sich nicht vor einem Grizzlybären fürchtete, zehnmal so hoch bezahlt wurde wie jedes andere. Und Panther – die Leute nannten sie Pumas – und dergleichen mehr in jedem Tal. Ja, gewiß gehen wir nach Santa Rosa! Vielleicht gefällt uns das Land an der Küste nicht, und dann müssen wir weiterstiefeln.«

Das Feuer war jetzt fast niedergebrannt, und Saxon hatte ihr Haar gebürstet und geflochten. Sie brauchten nicht viele Vorbereitungen, um zur Ruhe zu kommen, und bald lagen sie Seite an Seite unter den Decken. Saxon schloß die Augen, konnte aber nicht schlafen. Im Gegenteil, nie war sie wacher gewesen. Sie hatte noch nie in ihrem Leben im Freien geschlafen, und so sehr sie sich auch bemühte, konnte sie doch das Gefühl nicht überwinden, daß alles sehr merkwürdig war. Dazu kam, daß die Glieder ihr vom langen Gehen steif waren, und daß zu ihrem Erstaunen der Sand alles eher als weich war. Eine Stunde verging. Sie versuchte sich einzureden, daß Billy schlief, war aber überzeugt, daß er es nicht tat. Da knisterte es in dem erlöschenden Feuer, und sie fuhr erschrocken auf. Sie war jetzt ganz sicher, daß Billy sich geregt hatte.

»Billy«, flüsterte sie, »bist du wach?«

»Ja, antwortete er leise, und ich denke, daß dieser Sand härter als Zement ist. Mir ist es selbstverständlich einerlei, aber wer hätte das gedacht?«

Sie veränderten beide ihre Lage ein wenig, konnten aber die Berührung mit dem Sande nicht vermeiden, der eine dumpfe Qual für alle Glieder wurde.

Da plötzlich wurde Saxon von einem metallischen, schwirrenden Geräusch aufgeschreckt – es war eine Grille, die dicht neben ihnen zu zirpen begann. Sie hielten es ein paar Minuten aus, bis Billy rief:

»Zum Donnerwetter, was kann das sein?«

»Glaubst du, daß es eine Klapperschlange ist?« fragte sie mit einer Ruhe, die sie keineswegs fühlte.

»Eben das dachte ich.«

»Ich habe einmal zwei Klapperschlangen in Bowmans Laden gesehen. Und weißt du, Billy, die haben einen hohlen Zahn, und wenn sie den in einen hineinhauen, dann läuft das Gift durch die Rinne heraus.«

»Brr!« sagte Billy schaudernd, und sein Schrecken war nicht nur vorgegeben. »Es ist der gewisse Tod, das sagen alle Menschen, wenn man nicht so wie Bosco ist. Erinnerst du dich an Bosco?«

»Er frißt sie lebendig! Er frißt sie lebendig! Bosco! Bosco!« antwortete Saxon, den Ausrufer einer Jahrmarktsbude nachahmend.

»Aber deshalb waren doch allen Klapperschlangen Boscos die Giftzähne ausgerissen. Das müssen sie gewesen sein. Nun ja! Aber es ist nun doch komisch, daß ich nicht einschlafen kann. Ich wünschte, das verfluchte Ding hielte das Maul. Ich möchte wissen, ob es eine Klapperschlange ist.«

»Nein, das kann es unmöglich sein«, sagte Saxon bestimmt. »Alle Klapperschlangen sind längst totgeschlagen.«

»Aber wo hat Bosco seine denn her?« fragte Billy mit unangreifbarer Logik. »Und warum schläfst du nicht ein?«

»Das kommt wohl, weil alles so neu ist«, lautete die Antwort. »Siehst du, ich habe noch nie im Leben unter freiem Himmel geschlafen.«

»Ich auch nicht. Und ich habe immer geglaubt, es sei ein reines Vergnügen.« Er wechselte die Lage, aber der Sand blieb hart, wie er sich auch wandte und drehte. Er seufzte tief. »Mit der Zeit können wir uns wohl auch daran gewöhnen. Was andere Menschen können, das können wir auch, und es gibt eine Menge Menschen, die unter freiem Himmel geschlafen haben. Es ist etwas sehr Gutes. Wir sind so frei wie die Vögel in der Luft, wir haben keine Miete zu bezahlen und sind unsere eigenen Herren.«

Er hielt plötzlich inne. Irgendwo im Gebüsch ertönte ein warnendes Rascheln. Als sie herauszufinden versuchten, wo es herkam, hörte es ganz unerklärlicherweise wieder auf, aber jedesmal, wenn sie schläfrig wurden, begann das geheimnisvolle Rascheln wieder.

»Das klingt, als wolle sich jemand an uns anschleichen«, sagte Saxon und schmiegte sich enger an Billy.

»Nun ja, jedenfalls keine Indianer, das wissen wir doch«, war das einzige, womit er sie trösten konnte. Dann gähnte er. »Ach was! Was haben wir zu befürchten? Denk an das, was die Pioniere durchmachen mußten.« Einige Minuten später begannen seine Schultern zu zittern, und Saxon wußte, daß er lachte.

»Mir fiel eine Geschichte ein, die mein Vater mir so oft erzählt hat«, erklärte er. »Von der alten Susan Kleghorn – einer der Pionierinnen in Oregon. Die blinde Susan nannte man sie – aber sie konnte schießen, daß keiner es ihr nachmachte. In der Prärie wurde einmal der Wagenzug, in dem sie sich befand, von Indianern überfallen. Alle Wagen wurden im Kreise aufgestellt, und alle Menschen und Ochsen standen innerhalb des Kreises, und sie trieben die Indianer in die Flucht und töteten eine Menge von ihnen. Sie waren zu stark, als daß die Indianer ihnen auf die Art beikommen konnten, aber da kamen sie auf die Idee, zwei Mädchen, die sie in einem anderen Lager gefangen hatten, zu holen und zu foltern, um die andern ins Freie zu locken. Sie stellten sie eben außer Schußweite auf, aber so, daß alle es sehen konnten. Ihr Gedanke war, daß die Weißen es nicht ertragen könnten und auf sie losgehen würden, und dann hatten die Indianer sie in der Falle.

Die Weißen konnten nichts machen. Wenn sie hinausgingen, um die Mädchen zu retten, waren sie erledigt, denn dann gingen die Indianer auf die Wagen los. Es war der gewisse Tod für sie alle. Aber die alte Susan, sie nimmt eine alte Kentuckybüchse mit einem langen Lauf. Sie tut ungefähr dreimal so viel Pulver hinein, wie zu einem gewöhnlichen Schuß gehört, zielt auf einen großen Indianer, der sich besonders eifrig damit abgibt, die Mädchen zu foltern, und knallt los. Als der Schuß losging, fiel sie hintenüber, und sie war ganz lahm in der Schulter, bis sie nach Oregon kamen, aber sie traf doch den großen Indianer, daß er für diesmal fertig war. Er bekam nie Zeit darüber nachzudenken, was an ihm entzwei gegangen war.

Nun, die Geschichte wollte ich eigentlich nicht erzählen. Aber die alte Susan hatte eine mächtige Schwäche für Whisky. Sobald sie eine Gelegenheit fand, trank sie sich von Sinnen. Und ihre Söhne und Töchter und der Alte mußten tüchtig aufpassen, daß sie nichts stehen ließen, so daß sie es zu fassen kriegte. Aber eines Tages mußten sie alle irgend etwas besorgen – irgendwo in der Nähe von etwas, das Bodega hieß, wo sie sich nach ihrer Ankunft aus Oregon niedergelassen hatten. Und die alte Susan behauptete, die Gicht plagte sie so, daß sie nicht mitgehen könnte. Aber die Familie war ebenso klug. Sie sagten, sie sollte tun, was sie wollte, und ehe sie gingen, mußte einer der Enkel in einen großen Baum bei der Scheune im Hof klettern und das Faß sechzig Fuß über der Erde festbinden. Als sie aber am Abend heimkamen, lag doch die alte Susan vollkommen betrunken in der Küche.«

»Da war sie also auf den Baum geklettert«, meinte Saxon, als Billy keine Miene machte, fortzufahren.

»Nein, das hatte sie nicht getan«, sagte er mit einem triumphierenden Lachen. Sie stellte einfach einen Waschzober auf die Erde, gerade unter dem Whiskyfaß, dann nahm sie ihre alte Büchse und schoß das Faß in Stücke, daß sie nur den Whisky aus dem Zober auszulecken brauchte.«

Saxon wollte gerade wieder einschlafen, als das Rascheln von neuem ertönte, diesmal näher. In ihrer Phantasie hatte das Geräusch etwas Schleichendes, und sie bildete sich ein, daß es ein Raubtier sei, das sie überfallen wollte.

»Billy«, flüsterte sie.

»Ja, ich lausche«, lautete seine Antwort – er war auch wach.

»Meinst du nicht, daß das ein Panther sein kann, oder vielleicht eine Wildkatze?« –

»Das ist unmöglich. Das Zeugs ist alles längst totgeschlagen. Hier ist friedliches Ackerland.«

Ein verirrter Windhauch bewegte seufzend die Zweige der Bäume, und Saxon zitterte. Das Zirpen der Grille hörte mit verdächtiger Plötzlichkeit auf. Dann wurde das raschelnde Geräusch von einem dumpfen, schweren Klopfen abgelöst, das Saxon sowohl wie Billy sich in ihren Decken aufsetzen ließ. Dann hörte man nichts mehr, und sie legten sich wieder nieder, obwohl jetzt die Stille selbst unheilverkündend schien.

»Hm«, murmelte Billy erleichtert. »Jetzt weiß ich doch, was es war. Ein Kaninchen. Ich habe zahme Kaninchen genau ebenso mit den Hinterbeinen auf die Erde trommeln hören.«

Saxon versuchte vergebens, einzuschlafen. Mit der Zeit wurde der Sand immer härter. Ihr ganzer Körper schmerzte bei der bloßen Berührung. Und wenn auch ihr gesunder Menschenverstand jeder Möglichkeit einer Gefahr hier im Freien spottete, so wurde ihre Phantasie doch nie müde, sie sich auszumalen. Da kam ein neues Geräusch. Es war weder Rascheln noch Klopfen, aber es klang fast, als bewegte sich ein großer Körper durch das Gebüsch. Sie konnten Zweige knicken und brechen hören, und einmal hörten sie, wie die Zweige im Gebüsch beiseite gebogen wurden und wieder zurücksprangen.

»Wenn das etwas anderes als ein Panther ist, dann ist es ein Elefant«, war Billys wenig erheiternde Auffassung der Situation. »Das ist ein mächtiger Teufel. Hör nur! Und er kommt immer näher!«

Häufige Pausen traten ein, aber jedesmal begann das Geräusch wieder, immer lauter und immer näher. Billy setzte sich wieder auf, den einen Arm um Saxon geschlungen, die sich gleichfalls aufgesetzt hatte.

»Ich habe nicht ein Auge geschlossen«, sagte er. »Sieh, da ist es wieder. Ich wünschte, ich könnte es sehen.«

»Es macht Lärm genug für einen Grizzlybären«, sagte Saxon, und die Zähne klapperten ihr teils aus Angst, teils wegen der Kühle der Nachtluft. »Ein Grashüpfer ist es nicht, so viel ist sicher.«

Billy wollte die Decken abwerfen, aber Saxon packte ihn am Arm.

»Was willst du tun?«

»Ach, ich fürchte mich sonst nicht«, antwortete er. »Aber offen gestanden, Saxon, dies fängt an, mich nervös zu machen. Wenn ich nicht bald herausbringe, was für ein Ding das ist, dann werde ich ganz verrückt. Ich will nur ein bißchen rekognoszieren.«

Die Nacht war sehr dunkel, und im selben Augenblick, als Billy so weit gekrochen war, daß Saxon ihn nicht mehr mit den Händen erreichen konnte, war er ganz aus ihrem Gesichtskreis verschwunden. Das Geräusch hatte aufgehört, und sie konnte jetzt Billy auf seinem Wege durch das Gebüsch folgen, wo er trockene Zweige und Äste brach. Nach einigen Minuten kam er wieder und kroch unter die Decken.

»Ich glaube, jetzt habe ich es verjagt. Es hat die besseren Ohren von uns beiden, und als es mich kommen hörte, zog es ab. Daher gab ich mir die größte Mühe, keinen Lärm zu machen. – Großer Gott, da ist es wieder!« Sie setzten sich auf. Saxon puffte Billy.

»Horch!« flüsterte sie kaum hörbar. »Es atmet. Es hat Luft geschöpft, es klang fast, als ob es schnaufte.«

Ein welker Zweig brach krachend, und das so nahe, daß sie beide, ohne sich dessen zu schämen, vor Schrecken einen kleinen Sprung machten.

»Jetzt lasse ich mir das nicht mehr gefallen!« erklärte Billy wütend. »Jetzt überfällt es uns ja bald.«

»Was willst du denn tun?« fragte sie besorgt.

»So laut heulen, daß ich mir den Mund verrenke. Ich will es schon einschüchtern, was es auch sein mag.«

Er schöpfte tief Atem und stieß ein wildes Geheul aus.

Das Ergebnis übertraf seine kühnsten Erwartungen, und Saxons Herz begann vor Angst laut zu klopfen. Im selben Augenblick war das Dunkel ein einziges Chaos furchtbarer Geräusche. Sie konnten die Sträucher im Gebüsch unter schweren Körpern, die in der entgegengesetzten Richtung fortstürzten, krachen hören. Zum Glück verzogen sich diese Geräusche bald und verschwanden in der Ferne.

»So, was sagst du dazu?« Es war Billy, der das Schweigen brach. »Lieber Gott, beim Boxkampf sagten die Leute immer, daß ich mich vor nichts fürchtete. Aber ich freue mich doch, daß sie mich heute Abend nicht gesehen haben!« Er stöhnte. »Aber jetzt habe ich genug von dem verfluchten Sand. Jetzt stehe ich auf und mache ein Feuer an.«

Es war ein Leichtes, das Feuer anzuzünden, denn unter der Asche war noch Glut, die schnell die Zweige, die sie darauf warfen, entzündete. Ein paar Sterne kamen im Zenith hinter dem Nebelschleier des Himmels zum Vorschein. Er sah zu ihnen auf, dachte einen Augenblick nach und schritt dann auf das Gebüsch zu.

»Was willst du jetzt?« rief Saxon.

»Ach, mir fiel nur etwas ein«, antwortete er ausweichend und schritt kühn zum Lichtkreis des Feuers hinaus.

Saxon zog sich die Decken bis unter das Kinn und bewunderte seinen Mut. Er hatte nicht einmal die Axt mitgenommen und ging in der Richtung, wo das Geräusch verschwunden war.

Nach zehn Minuten kam er wieder, aus voller Kehle lachend.

»Die verfluchten Biester, die haben mich gut hinters Licht geführt. Schließlich fürchte ich mich noch vor meinem eigenen Schatten. – Was es war? Hm! Du rätst es nie. Und wenn du tausend Jahre alt wirst. Eine Herde halb ausgewachsener Kälber, und die hatten wahrhaftig mehr Angst als wir.«

Er rauchte eine Zigarette am Feuer und schlüpfte dann neben Saxon unter die Decke.

»Ja, ich kann ein fabelhafter Bauer werden«, neckte er sie, »wenn eine Herde kleiner Kälber mich so erschrecken kann. Ich möchte wetten, daß weder dein Vater noch meiner auch nur geblinzelt hätte. Das Geschlecht ist entartet.«

»Nein, das ist es nicht!« eiferte Saxon. »Das Geschlecht ist schon gut, wir sind genau so gut wie unsere Vorfahren es je waren, und wir sind obendrein gesunder. Wir sind nur anders erzogen – das ist alles. Wir haben unser ganzes Leben in Städten verbracht. Wir kennen Stadtgeräusche und alles, was zu einer Stadt gehört, aber wir wissen nicht, wie es auf dem Lande ist. Wir haben eine unnatürliche Erziehung genossen, das ist alles. Aber jetzt wollen wir uns selbst eine natürlichere Lebensweise beibringen. Wenn wir uns nur etwas Zeit lassen, werden wir schon bald ebenso ruhig und sicher im Freien schlafen, wie dein oder mein Vater es je getan hat.«

»Aber nicht auf Sand«, stöhnte Billy.

»Das wollen wir gar nicht versuchen. Das haben wir doch gleich gelernt. Aber jetzt sollst du still sein und dich schlafen legen.« Ihre Furcht war vergangen, aber der Sand, dem sie jetzt ihre ungeteilte Aufmerksamkeit widmeten, wurde immer unangenehmer. Billy duselte zuerst ein, und die Hähne krähten in der Ferne, ehe Saxon die Augen schloß, aber der Sand war und blieb hart und ihr Schlaf unruhig.

Als der erste Tagesschimmer sich zeigte, kroch Billy heraus und machte ein mächtiges Feuer. Zitternd vor Kälte kroch Saxon hin. Sie waren beide müde und verschlafen. Saxon brach in Lachen aus. Billy lachte mit, anfangs verdrossen und mürrisch, dann aber klärte sich sein Gesicht auf, als sein Blick auf die Kaffeekanne fiel, und im nächsten Augenblick hatte er sie aufs Feuer gestellt.

* * *

 

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