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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/stehr/mandelha/mandelha.xml
typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120207
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8

So weit war der Mandel-Schneider durch das letzte Lied des Amadeus gekommen.

Sein Haus lag auf ihm wie ein Alp. Maruschka versank nach dem wilden Auflodern ganz hinter die Mauer ihrer doppelten Abgeschlossenheit. Sein Junge stahl sich wie ein Fremder in weitem Bogen um ihn. Alles Schimmern und aller Tanz war in die Schrotwände des Hauses zurückgesunken, und Eusebius brachte es zu nichts weiter als zu leerem Trödeln und wußte nicht ein noch aus.

Sicher rührte es von jenem Abende her, an dem Amadeus in seinem Bett hinter des Vaters Rücken das seltsame Tierweinen miterlebt hatte, daß der Knabe von dem Bilde besessen war, Eusebius und Maruschka hingen, in einer roten Kugel gefangen, hoch in der Nacht am unsichtbaren Seile. Die mürrische Trauer, von der die Stumme umfangen war, machte ihm die Ziehmutter noch unheimlicher, als es früher der Fall war. Ja, der Junge konnte sich des Schneiders Schweigsamkeit nicht anders erklären, als daß er dachte, Maruschkas Stummheit läge wie eine böse Hexerei auf seinem Vater und raube ihm die Worte. Tagelang schlich er der Wirtschafterin nach, um zu ermitteln, wohin sie das Reden tue, um das sie seinen Vater brachte. Aber Amadeus erlistete nicht mehr, als daß er sie einmal im Holzstalle ertappte, wie sie in der Ecke stand und weinte. Die Laute, die sie dabei ausstieß, klangen seinen empfindlichen Ohren so furchtbar, daß er erschreckt davonlief.

So hatte in diesen Wochen das Kind in Wahrheit weder Vater noch Mutter. Kaum eine rechte Freude hatte es. Denn sobald es versucht wurde, seine Seele durch ein Lied ins Glänzen auffliegen zu lassen, durfte es nur auf seinen Vater sehen, der blaß und eingeknickt im Schneidertisch hockte, und das klingende Wogen verlief sich in ihm. Um alles in der Welt hätte es der Junge nicht über sich gebracht, seinen Vater der Stummen ein zweites Mal in die Arme zu singen, daß er weiß werden und zittern mußte wie dazumal.

Nur manchmal grüßte den einsamen Amadeus aus den Wolken frühester Tage eine weiße Gestalt, jenes Traumwesen, das er einst in dem leuchtenden Tore des Himmels hatte verschwinden sehen, und das er seine Mutter nannte.

Die Seele des Kindes brach in ihr eigenes Innere auf. Um dieses Bild wob und kreiste alles, was ihm als Lied verwehrt war, und von dem er doch nicht loskommen konnte.

Wie von Rausch und Betäubung wurde er erfüllt, wenn sich der Strom verborgener Töne in ihm aufmachte.

Dann, ob er stand oder saß, lief oder lag, war er wie verwunschen: seine großen Augen wurden noch weiter und schimmerten, sein langes Gesicht nahm den Zug tiefen Leidens an. Und verließ ihn der Zauber, dem er innerlich lauschte, so ging er mit Schritten davon, die unbeholfen und stolpernd waren, sein Kopf hing zur Seite, und der Ausdruck seines Gesichts war erloschen, fast dümmlich. Er saß auf Steinen, scheinbar mit nichts beschäftigt, und ließ das Sonnenlicht über sich rinnen; ging versonnen, Unbegreifliches summend, im Felde und schrak mit tiefem Atmen auf, wenn ihn jemand anredete. Er erschien allen Leuten als beschränkter Tölpel.

Aber die Wäglein des Lebens sausen ohne Unterlaß an dem Menschen vorüber, und ist man von einem heruntergefallen, so nimmt uns das andere wieder auf. Vor allem aber die Kinder gleichen den Vöglein, die immer auf ihre Flügel stürzen.

An dem Tage, der den Amadeus ein gut Stück weiter in sein traumhaftes Leben führen sollte, hatte der Hübner-Bauer, unwirsch über die Lässigkeit, sein kleines Mädchen mit einem Zettel zu dem Mandel-Schneider geschickt und ihm darauf mitgeteilt, daß die bestellte Jacke spätestens am Sonntage der sieben Schmerzen, das heißt in der dritten Woche des September, abgeliefert werden solle. Im anderen Falle möge er das Tuch behalten und sich einen Schlafrock daraus machen.

Die kleine Veronika Hübner traf in den frühen Vormittagsstunden in dem Mandelhause ein. Eusebius steckte mit einem sauersüßen Lächeln die Ohrfeige ein, entschuldigte sich ein langes und breites und versprach, sicher eher als an dem gedachten »Termus« sich mit der Arbeit in Bauerröhrsdorf einzufinden. Dann gab er dem Mädchen abgespulte Garnwickel zum Spielen und ließ sie die sichergestellte Nähmaschine treten. Er suchte das Kind auf alle Weise zu erfreuen und hinzuhalten, daß sein Junge sie noch treffen und mit ihr motzen könne. Durch solche Artigkeiten hoffte er den erzürnten Bauern wieder zu besänftigen.

Doch Amadeus blieb aus. Er war schon zeitig hinausgestreift zwischen Stoppel- und Rübenfelder, in Gräben und Kartoffelfurchen, nicht allzu weit von seines Vaters Hause, daß er dessen Esse gerade noch als ein weißes Mützlein auf dem First balancieren sah. Dort fing er Käfer, sperrte sie in Blätterkästchen, sah die Wasserspinnen über die Tümpel sausen, sammelte sich das winzige Samengeld aus den Klappertöpfen und geriet dabei immer weiter gegen das Ende des Dorfes hin, schweigsam und verführt wie immer.

Der Weg, auf dem er sich verlor, strebte sacht bergunter, einer Felsenschwelle entgegen, die, stark umbuscht, sich wie ein grüner Wall quer in die Felder legte. Ehe das schmale Sträßlein sich aber in das Dunkel einer Höhle bohrte, bog es sich in ein paar Windungen und schoß dann schnurgerade und steil bergab.

An dieser jähen Stelle stand der Schneiderjunge, als Veronika nicht länger im Mandelhause auf ihn warten wollte und sachte davonging. Er maß die Örtlichkeit mit kritischen Blicken. Und ob es ihn auch gelüstete, es dem Wege gleichzutun und in schnellem Lauf hinunter zwischen die kühlen Bäume zu jagen, er setzte sich auf einen Stein am Straßenrande und schaute versunken so lange auf das Buschwerk drunten, bis ein zauberhaftes Glänzen um die Bäume zu gaukeln begann.

Die Bäume hielten erschöpft ihre Kronen in der stillen Hitze, und Amadeus erstaunte darüber, wie sie so regungslos auf ihrem einzigen Beine stehen konnten, ohne umzufallen. Tief im Grün klopfte irgendwo ein Specht wie mit einem kleinen Hämmerchen gegen das Holz, und der Knabe, der den Vogel weder kannte noch sah, dachte, das müsse ein gar winzig Männlein sein, das so leise schlage, und wartete, daß es hervorkomme und ihm Geschichten erzähle, weil sein Vater nicht mehr mit ihm reden mochte. Vielleicht wüßte es gar den Weg zu seiner Mutter. Nicht lange danach, als es das gesonnen hatte, hörte es hinter sich leichte, kurze Schritte und war der Meinung, was es gewünscht habe, geschähe und das Klopfmännlein komme gerade auf ihn zu, konnte aber nicht begreifen, wie das auf einmal hinter ihn geflogen sei. Das Trippeln kam näher und näher, und Amadeus schloß vor lauter Erwarten die Augen, um es nicht zu vertreiben. Da stand das Männlein endlich bei ihm, und der Schneiderjunge hörte es über sich atmen.

»Hast du dich verlaufen, Junge, und weißt du nicht mehr nach Hause?« fragte es nach einigem Warten mit einer Stimme, die so schön war, wie Amadeus noch keine gehört hatte in seinem Leben.

Er antwortete aber nicht, sondern schüttelte nur den Kopf, damit das Wundermännlein weiterspreche.

Aber das verlegte sich auch eine Weile aufs Schweigen. Dann fuhr es ihm mit weichen Fingern über die Augen und fragte:

»Warum machst du deine Augen nicht auf und siehst umher? Bist du denn blind?«

»Nein«, antwortete Amadeus, »aber, wenn ich nicht aufseh', hör' ich alles besser, was du sagst, und du kannst mir auch den Weg zu meiner Mutter zeigen.«

»Wo ist denn deine Mutter?«

»Ja, der Vater sagt, die ist im Himmel. Und wenn es licht ist, kann keine Straße sein. Aber wenn ich es finster mach' vor mir, wie in der Ziegennacht, da kann wieder eine silberne werden, und ich geh' hinauf zu ihr und kann wieder singen.«

Das sagte das Büblein alles mit aufgelöster, süchtiger Stimme und saß dann wieder ganz still mit gesenktem Kopfe.

»Wie heißt du denn?« wurde es weiter gefragt.

»Das wirst du schon wissen. Denn bist du nicht das Wundermännlein?«

Da ertönte auf einmal ein so lustiges Gelächter, daß der Schneiderjunge verdutzt die Augen aufschlug. Allein er hätte sie gern wieder zugemacht; denn neben ihm stand ein Mädchen, nicht viel größer als er und nicht viel anders angezogen als die Kinder der Bauern zur Sommerzeit. Ein geblümtes Tüchlein saß ihr auf dem Kopfe, und ein rotes Kattunkleidchen ging ihr wenig weiter als über die Knie der nackten Beinchen. Es lachte noch immer, wie wenn es sich ausschütten wollte, und sah dabei den Amadeus vergnügt an.

»Gelt, du bist Mandel-Schneiders Junge?« fragte es dann. Aber Amadeus konnte noch immer nicht reden. Denn wenn auch das Wundermännlein aus dem Walde nicht gekommen war, so war das Mädchen da ihm aus dem hellsten Zauber seiner Seele geschenkt worden, daß es nicht minder wundersam erschien und er kaum glauben konnte, es habe Vater und Mutter wie die andern Kinder und sei von der Welt, und er sah sie ohne Wenden mit großen, erstaunten Augen an.

So hatte das Mädchen Zeit genug, den Schneiderjungen zu betrachten, von dem es schon allerhand Absonderliches unter den Kindern gehört hatte, und der stille, betrachtsame Ernst dieses frühwachen Gesichtes ging ihm zu Gemüt. Denn es sah aus, als traure der Knabe immerfort darüber, keine Mutter zu haben.

Deswegen kam die Kleine aus Betretenheit in ein überstürztes Plaudern und erzählte mit vielen Umschweifen, daß sie Veronika Hübner heiße und bei des Amadeus Vater, dem Schneider, gewesen, damit er endlich die Jacke mache, die schon so lange bestellt sei.

Ihre Worte klangen hurtig, und dem Knaben war es, als singe ein Vöglein. Darum stand er nur immer und hörte zu und wünschte, es möchte kein Ende nehmen. Doch endlich hatte Veronika alles erzählt, was ihr einfiel, von den vielen Kühen in ihres Vaters Stall daheim zu Bauerröhrsdorf, von ihrem weißen Schafe, das ihr nachlaufe wie ein Hund, und von der Schule. Sie wußte nichts mehr, bückte sich, zupfte da und dort am Grase und fragte den Amadeus dies und das. Der aber war, als sei ihm Maruschkas Stummheit aufgehockt, und antwortete kaum mit einem »Ja« und »Nein«. Doch da bemerkte er, daß Veronika Anstalten machte, nach Hause zu gehen, ergriff er leidenschaftlich ihre Hand und bat, sie möchte ihn mitnehmen. Obwohl er sich festmachte, nicht zu weinen, so klang seine Stimme doch traurig.

Das Mädchen war von der unvermuteten Hitze des Mandeljungen etwas betroffen, noch mehr freilich von seinem Schweigen und eigentümlichen Schauen, das ihr besser gefiel als anderer Knaben Schreien und tolles Gespringe.

Deswegen sagte es zu Amadeus, er solle hier warten, bis sie zurückkomme, und lief das Stücklein Weges zurück ins Mandelhaus. Dort bat sie den Meister, seinen Jungen mit ihr gehen zu lassen, und kehrte bald darauf mit einer Mütze zurück, denn der Knabe war barhäuptig.

So gingen sie beide auf dem Hohlwege durch die Felsenschwelle und sahen nicht lange danach den felderbunten Kessel von Bauerröhrsdorf unter sich liegen. Die weißen Höfe standen im grünen Grase und waren so groß, daß sie dem Schneiderjungen vorkamen wie ebenso viele Städte. Zwischen den Gehöften machten sich Teiche breit, und auf jedem schwammen Gänse und Enten, daß das Wasser wie mit winzigen, weißen Schiffen übersät war.

Amadeus staunte über alle und schaute ein über das andere Mal Veronika von der Seite an, weil er glaubte, all das gehöre ihr. Seine beredsamen Augen, die voll des Glückes im Staunen waren, schlossen in Veronika manches Türlein auf, von dem sie kaum etwas gewußt hatte, und das Mädchen geriet in rechtes Schweifen mit Worten, wie es wohl alle Reichen überfällt, wenn die verwunderten Blicke der Armut ihren Wert ins Ungemessene steigern.

So langten sie im Hübnerhofe an, und die Bäuerin war betroffen von dem Knaben, der keine Mutter hatte als nur die taubstumme Maruschka und doch so gehalten und klug vor ihr stand, als behüte ihn Tag um Tag ein achtsames Herz. Sie streichelte seinen Scheitel und redete zu ihm in Güte und Liebe, daß sich Amadeus wie bei seiner Mutter im Himmel vorkam. Es gab auch fettes Butterbrot und Milch und Honig, soviel er wollte, und als die Kinder sich gesättigt hatten, liefen sie durch den Hof. In dem Stalle nannte Veronika jede Kuh beim Namen. Die Tiere drehten den Kopf nach den beiden um und sahen sie aus großen, verwunderten Augen an. Alle Scheu und Ferne wich von Amadeus, und als sie vor den Pferden standen, sagte er, sein Vater sei auch einmal auf einem fast bis nach Frankreich hineingeritten, und wenn er groß sei, dann werde er ebenfalls in alle Welt wandern, nach Hildesheim, Hamburg und Berlin. Veronika hörte zu und lachte ein über das andere Mal, daß dem Schneiderjungen sein Leben so schön und licht vorkam wie vorher. In all dem Reden waren sie aus dem Hofe durch den Garten an den Teich gewandelt. Dort saßen sie und warfen Blumen in das Wasser. Das Rot des nahen Abends stieg schon herauf. Der Teich lag wie eine blanke, große Glasscheibe, und der Himmel mit all seinen verzückten Wölkchen hauchte sein Abbild hinein, und wenn man es sehen wollte, durfte man sich nur vorneigen und auf den Grund schauen. Da war es, als käme die ganze Herrlichkeit der hohen Luft durch ein dunkles Tor aus der Erde herauf. Veronika sagte, das mache der Wassermann, um die Kinder zu verlocken und zu sich in den Teich zu ziehen. Deswegen liefen sie weg, ein Stück in die Wiese hinein, und suchten die Federn der Enten und Gänse, die im Grase zerstreut lagen. Amadeus bekam so viel, daß er seine Taschen füllen und sie kaum mit zwei Händen fassen konnte. Darauf ließen sie die Federn fliegen. Manche schwangen sich auf und verschwanden als kleine Luftschifflein in der Höhe; andere setzten sich ins Gebüsch, als wollten sie Vögel sein und in den Zweigen Nester bauen. Die Kinder sangen ihnen auch die Reimlein vom Maikäfer und bliesen sie lachend davon. Überdem begann es zu dunkeln, und plötzlich stand der Mandel-Schneider bei ihnen. Nicht wie ein Mensch, wie ein Gnom tauchte er auf, der von den Bäumen fällt oder aus der Erde wächst, schaute versunken auf das Spiel der beiden und rückte unschlüssig an seiner Mütze. Amadeus, der merkte, worauf das hinaus wollte, flüchtete sich zu Veronika, und ehe noch Eusebius was sagen konnte, erklärte das Junglein, daß es bei seiner Freundin bleiben wolle. Erst als das Mädchen sagte, Amadeus dürfe nur eine Feder nach Bauerröhrsdorf zu in den Wind lassen, so werde sie kommen und ihn besuchen, willigte er ein. Sie gab ihm zum Abschiede auch einen Kuß und lief dann schnell dem Hofe zu.

Die beiden gingen in das dichte Dämmern hinein. Die Höfe lagen bald unter ihnen, und ehe der Weg in das Gebüsch kroch, langte Amadeus in die Hosentasche und ließ eine Feder fliegen. Er war so voll des neuen Reizes, daß er des Erzählens kein Ende finden konnte. Aber je fröhlicher die Worte des Jungen sich drängten, um so einsilbiger wurde der Vater. Das verschobene Männchen strebte, in sich hineinbrütend, vorwärts. Sein Gang war noch ungleicher als sonst.

Als das Haus unter dem Ahorn vor ihnen auftauchte, blieb er stehen, nahm des Kindes Hand und schaute sich nach allen Seiten um, ob jemand in der Nähe sei, und sagte dann mit schmerzlicher Stimme: »Sieh, Amadeusla, der Vogel weiß dir's nicht, ob er einen Kuckuck ausbrütet, und was der Mensch manchmal als Stein wegschmeißt, das ist vielleicht das Auge aus seinem Kopfe.« Dann ging er gebückt unter sein Dach, und das Kind, das ihn nicht verstand, folgte ihm zaghaft und furchtsam.

An demselben Abende ließ es sich nicht waschen und schlief, mit dem Händchen den Mund bedeckend, ein, um Veronikas Kuß nicht zu verlieren.

 

*

 

Das Glänzen, das Amadeus mit in den Schlaf nahm, wurde ihm nicht durch den Traum verwandelt und entwunden. Mit dem ersten Schritt in den Morgen stand der Knabe wieder mitten in dem Zauber des vorigen Tages. Nicht weit von dem Wiesenstreiflein, über das die krumme Weide eine sanfte Herrschaft ausübte, mitten in einer sauren Wiese des Schnallke-Bauers, wucherte eine kleine Wildnis von Haselstauden, Hohlkirschen, Hirschholder, und einige Pfaffenhösleinsträucher waren auch darunter. Die scharten sich ungeordnet und dicht um einen großen Haufen aus Rodesteinen und wisperten und stritten Tag und Nacht, seitdem sie erwachsen waren, wie sie die störenden, stumpfsinnigen Steine fortschaffen oder wenigstens mit ihrem Schatten zermergeln könnten. Aber wie sie sich auch mühten, sie brachten keine solch langen Äste auf, daß sie hätten die Steine unter einem grünen Dache begraben können. Es blieb immer noch ein weiter Trichter, durch den die Sonne ungestört Licht herniedergoß, daß der Steinberg mit seinen Flimmeraugen glücklich blinzelte. In diese grüne Rotunde flüchtete Amadeus aus dem Stocken und Lasten der Schneiderstube. Kein Haus von Röhrsdorf war zu sehen, und selten hörte man aus der Höhe den Glockenruf des Neudecker Kirchturmes vorübersinken. Dort konnte der Knabe machen, was er wollte, und die Sträucher sagten es niemand weiter. Zuoberst auf den Haufen wälzte sich das Büblein einen Stein, der in der Mitte eine Mulde, wie einen bequemen Sesselplatz, hatte. Dann kletterte er hinauf und saß droben auf einem Throne, gleich dem Könige von Preußen. Der kühle Brodem, der über den Wurzeln der Sträucher lag, wurde von der hereinsinkenden Sonnenhitze erwärmt und strich durch die grüne Esse geradeswegs in die Höh'. Amadeus sah die Blätter an dem untersten Zweig sich leise bewegen, als käme unsichtbar jemand zu ihm hereingewandelt. Und wirklich, während er so saß und wartete, was geschehen würde, taumelte ein Schmetterling, der zwei blaue Augen auf den Flügeln trug, durch das Geblätter. Er wurde sogleich von dem Luftstrom erfaßt und in die Höhe getragen. Das zarte Tierlein glitt so nahe an des Knaben Gesicht vorüber, daß seine Wange von den Flügeln wie von einer unendlich weichen Liebkosung gestreift wurde. In diesem Augenblick fiel dem Amadeus der Kuß ein, den Veronika ihm gestern abend gegeben hatte, und es war ihm, als sei er soeben von den Lippen des Mädchens wieder berührt worden. Das brachte einen solch freudigen Schreck über ihn, daß er mit angehaltenem Atem dem Schmetterling noch nachsah, als dieser schon lange von dem Winde durch den grünen Trichter davongetragen worden war. Ein Spiel bunter Farben glomm an der Stelle, wo ihn die blaue Höhe aufgenommen hatte. In dieses Blühen stammelte Amadeus verzückt den Namen seiner Geliebten: »Veronika! Veronika!« Und da alles still blieb, setzte er hinzu: »Komm zu mir von deinem großen Wasserteiche. Ich bin ganz allein und möcht' mit dir spielen.«

Das sagte er so leise, wie kleine Kinder oft für sich allein reden, daß es niemand hörte als nur sein süchtiges Seelchen, das diese Worte gebar.

Doch Veronika Hübner aus Bauerröhrsdorf erwiderte auf den Ruf ihres kleinen Freundes nichts, ob der auch noch so lange aus seinem Traumstüblein in den Himmel hinaufhorchte.

Nur ein schwarzer Vogel kam endlich herangeschwirrt und ließ sich auf der höchsten Strauchspitze nieder. Er blies die Federn auf, hielt den Kopf schief und sah auf den Knaben herunter. Dann flog er mit einem klitschenden Laut davon.

Da erinnerte sich Amadeus an die Worte, die das Mädchen gestern beim Abschiede zu ihm gesprochen hatte: wenn er wolle, daß sie komme und ihn besuche, dann müsse er eine Feder hinauf in den Wind lassen. Und er langte in die Tasche und gab einer von den Federn, die er sich vom Hübner-Teiche mitgebracht hatte, die Freiheit. Anfangs wollte diese gar nicht fliegen, sondern taumelte und wär' am liebsten zu den Strauchwurzeln gekrochen. Aber der Knabe half mit der Hand und dem Atem nach, bis das weiße Luftschifflein in den richtigen Zug kam. Es stieg über die Äste in die Luft hinauf, setzte sich in den Wind und segelte fort.

Nun war der Mandeljunge auf eine glückliche Art von seinem Einsamsein erlöst. Alle Tage verbrachte er viele Stunden in seinem Strauchzimmerlein, schickte fleißig Botschaften in die Luft und wartete auf Antwort. Da kam es denn manchmal vor, daß irgendwo im Felde ein Kind seine Stimme erhob und nach seiner Mutter rief oder seinem Geschwister. Und wenn so ein Ruf recht weit hergetragen wurde und schön hoch klang, meinte Amadeus allemal, Veronika hätte durch die Luft zu ihm geredet, machte sich nach Gutdünken ihre Antwort zurecht und war über alle Maßen froh. Sein grünes Stüblein weitete sich dann: Wiesen breiteten sich um ihn aus, sonnige Felder, blanke, große Wasserteiche, alles, wie er es in Bauerröhrsdorf gesehen hatte, und das Mädchen war auch da mit ihren fliegenden Röckchen und der hurtigen Vogelstimme. Er trieb sich mit seiner Freundin in dem Traumgärtlein umher und sagte ihr alles, was ihm über die Seele lief.

Als die Teichfedern alle weg waren, suchte er sich andere zusammen und schickte sie als Boten denselben Weg. Damit sie aber, die doch seine Veronika noch nicht kannten, in den Hübner-Hof fänden, gab er es ihnen jedesmal besonders auf. Er ahmte auch des Mädchens schönes Geplauder nach, daß sie wüßten, wer unter den vielen Kindern die sei, die er meinte. Und weil Amadeus in den Worten nicht alles unterbrachte, was er für seine Gespielin auf dem Herzen hatte, so dehnte er sie und füllte den Schwung und unbändigen Klang seiner Seele hinein.

Auf diese Weise kam Amadeus wieder zu seinem Liede, und da sein Vater nicht dabei war, wagte er, immer lauter zu singen. Nicht lange danach sandte er auch ein Federschifflein an die mütterliche Bäuerin, ja sogar an den Bauer, den er doch nicht kannte. Das Getön des felderbunten Kessels war in seinem Gesänge, der Laut des Teichwassers, das unterm Ufer gluckt, und der hohe Flug roter Wölkchen.

Leute, die auf dem Steige, nicht weit davon, nach Sauerborn oder Ransern in die Berghäuser gingen, verwunderten sich darüber, schlichen herzu und bogen die Äste auseinander, den Sänger zu sehen. Erkannten sie aber den Mandeljungen, so verführten sie Reden gegen Christoph Eusebius, die er sich nicht hinter den Spiegel gesteckt hätte, wenn sie geschrieben worden wären.

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