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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/stehr/mandelha/mandelha.xml
typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120207
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7

Tags darauf schwang sich der Mandel-Schneider trotzdem mir nichts dir nichts auf seine Bank und wichste den Faden, als sei nichts gewesen.

Den Erfolg der Arbeit konnte man freilich an einen Nagel hängen, der in die Luft eingeschlagen ist, und ob der alte Mandel scheinbar noch so heftig hantierte, hüpfte seine Nadel nur immer in die Höhe, ohne zu stechen; doch regierte ihn dies Treiben nicht aus Verlegenheit, sondern er vollführte es in bedeutsamer Absicht.

Der Meister hatte sich vorgenommen, an das Erlebnis des gestrigen Tages nicht mehr zu denken und ruhig seinen gewohnten Weg zu gehen. Und das war das einzige Mittel, die ganze Geschichte aus der Welt zu schaffen. Denn mit Sachen, die uns aus dem Hinterhalt aufhocken, hat es so seine eigene Bewandtnis. Sie reiten uns eine Weile. Aber wenn man im ersten Augenblick, da ihr Quengen ein wenig nachläßt, sie abwirft und entschieden die Tür hinter sich zuschlägt, stehen sie gewöhnlich noch eine Weile und warten, ob man sich wieder zu ihnen findet. Bleibt man aber hartnäckig auf dem Platze, den Überlegung uns angewiesen hat, so schaben sie wohl an der Tür wie ungeduldige Bettler, gucken einem gar mit roten Gesichtern ins Fenster, als sei man ihnen etwas schuldig, und verlieren sich dann doch, daß man unangefochten wieder Herr in seinem Hause ist.

Das sann Eusebius, während seine Nadel immer in die Luft schnappte, und je fester er diesen Vorsatz dergestalt zusammenheftete, desto sicherer geriet er in seine alte Laune.

Ja, alles hätte sich in dem Schneiderhause wieder an die alte Stelle gefunden, wenn Maruschka nicht gewesen wäre. Ging sie über die Stube, so zog ein weißes Wehen durch die Luft, irgendwo nestelte sich ein Klingen los, und der Meister mochte wollen oder nicht, er mußte sich ducken und mit weiten Augen hinter dem blühenden Weibe herfahren.

Auch Amadeus paßte mit einem gewissen Bangen auf, wenn die Stumme in die Nähe seines Vaters geriet, und lugte, ob sie ihm wieder das Zittern über den Körper und die blasse Wehtat ins Gesicht treiben würde wie gestern.

Diese Störungen, deren Vermeidung nicht in der Hand des Schneiders lagen, heizten der Mandelstube so ein, daß Eusebius einsah, er müsse sich auf ein anderes Pferd werfen, wollte er in Ehren aus dieser Schwemme reiten, in die er geraten war.

Der Förster auf dem Rimberge hatte vor einiger Zeit etwas von dem schadhaften Zustande seiner Montur zu ihm gesagt. Wenn er ihn noch zu Hause traf, ließe sich vielleicht ein Geschäft andrehen.

Ohne lange zu fackeln, stieg Mandel aus der Schneiderbank, begann im Hin- und Wiederschreiten sich zu entkleiden und seine Einführung in das Försterhaus durchzuproben.

Also: Er klopfte an. – Guten Morgen, Herr Revierjäger! – Morgen, Meister! Was Tausend bringt Sie mal hier herauf? – Sie wissen, Herr Revierjäger, Schwalben und Schneider haben die gleiche Vorliebe. – Na und inwiefern? – Nu, es leid't sie nich um die niedrigen Traufen. Am liebsten gehn sie hoch 'naus. Ja, deswegen komm' ich eben zu Ihnen ... und so weiter. Er wollte Hannes, nicht Christoph Eusebius heißen, wenn er dem Förster nicht eine Uniform machte, wie noch keine in einem Jägerschrank gehangen hatte, solange der Rimberg stand: Militär! Schneid! Einen Schnitt zum Reißen!

Jawohl, so wollte es Mandel deichseln. Diese bunten Blasen kochte seine Seele, indes er bei ruhloser Wanderung die Vorbereitungen zum Weggange beendete.

Zuletzt stand er mitten in der Stube und schätzte ab, welchen Stock er nehmen sollte, den aus Berghasel mit der geschnitzten Krücke oder das blanke Pfefferrohr mit der schönen Meltonfarbe. Er entschied sich für den letzteren, das vornehmere Gehgerät, weil er sich überlegte, daß nichts einen Handwerker, insbesondere einen Schneider, besser bei den Kunden einführe als eine unaufdringliche Vornehmheit im Äußeren. Aus diesem Grunde hängte er auch den grünen Flausch wieder in den Schrank, tat seinen schwarzen Spenser um und bedeckte sich mit dem halbharten Filz.

So ausgerüstet, winkte er Maruschka herbei, und als sie vor ihm stand, wie immer die drallen Arme friedsam ergeben unter der hohen Brust verschlungen und die Blicke achtsam auf des Meisters Mund gerichtet, erschien dem Eusebius die ganze russische Geschichte als belangloser Schwank und seine gestrige Unruhe bis in den Abend hinein als ein unsinniges Nebeleinsacken.

Wenn's irgendwo in das geheime Nadelbüchschen seines Innern ein Loch gebohrt hätte, so wäre er doch jetzt, da er stand und sie ansah, nicht so knopfkühl gewesen. Nein, nein! Und wenn sich trotzdem bei dem Amadeusliede ein Unkrautsämlein bei ihm eingeschmuggelt hatte, so konnte er es ja gleich mit dem ersten Faserchen herausreißen.

Um einen Anlaß war er nicht verlegen. Er richtete sich auf, legte die Hand auf seine schadhafte Hüfte, setzte den Fuß ein wenig vor und sagte dann in verweisendem, aber durchaus würdigem Tone:

»Die Beete im Garten sind voller Melden.«

Maruschka sah ihn erst verdutzt an und brach dann in spöttisches Gelächter aus.

Mandel ließ sich nicht aus dem Konzept bringen und wiederholte standhaft: »Melden!«

Und als die Stumme, anstatt von der ernsten Unbeirrtheit des Schneiders zerschmettert zu sein, ihr Gelächter nur vergnügter wiederholte, schnitt der Meister ein Paar messerscharfe Lippen und sagte drohend: »Melden, dumme Meste, Melden!« Dazu versetzte er ihr andeutungsweise mit der flachen Hand einen Schlag auf den bloßen Unterarm. »Ich werd' dir's zeigen!«

Dann ging er mit ihr hinaus, lehnte sich an den Zaun des Gartens, und obwohl die Beete nicht ein Speierchen Unkraut aufwiesen, lachte er der Stummen frech in das jetzt blasse, eingekniffene Gesicht, fuhr mit der Hand über allem hin und sprach rücksichtslos: »Wenn ich dir sage, Melden, da hat's eben Melden! Das merk dir ein und für allemal.« Dann schwenkte er sich aufgereckt in die Straße nach dem Rimberge und weiter durchs Dorf.

Hinter den ersten Häusern blieb er einigemal stehen, suchte sich einen kleinen Stein auf dem Wege aus, stieß seinen Stock darauf und lachte dabei in höhnischem Triumph.

Auf den Rimberg zu seinem großen Geschäft kam der Schneider trotzdem nicht.

Zunächst geriet er dem Fingerkrämer ins Garn, der am Ende des Dorfes, etwas abseits in einer kleinen Mulde unter Obstbäumen, seinen winzigen Handel trieb. Er saß mit ihm auf der Hausbank und hörte den Neuigkeiten zu, die der bartlose, endlos magere Mann mit hoher, fast singender Stimme zusammenschwatzte. Beim Nesselmüller erfuhr er, daß der Förster an der äußersten Grenze seines Reviers beim Wegebau sei und vor dem Abend nicht nach Hause komme. Er verweilte sich auch hier ein Viertelstündchen und stieg dann, in eine gehobene Zerstreuung verfallend, doch den Rimberg empor. Ein Singen, in dem des Fingerkrämers und seines Amadeus Stimme durcheinandergingen, lief neben dem Schneider her.

»Wo willst du denn hin? Der Förster ist doch nicht zu Hause«, schrie ihm der Müller nach.

»Daß ich den Weg schon weiß, wenn ich wieder 'rauf muß«, rief Eusebius zurück, und beide Männer lachten.

Auf der halben Höhe stand eine Wirtschaft unter zwei mächtigen Linden, und ein Weg führte zwischen Scheuer und Wohnhaus in die Felder hinaus und dann in mählicher Steigung den steilen Abhang hinauf, bis er am Rande einer Waldwiese sich zu einem Fußsteige einengte und unter wilden Kirschbäumen hinlief.

Die singende, hohe Krämerstimme, durch die fortwährend doch eine unbestimmbare Trunkenheit blakte, verlor sich nicht aus des Schneiders Ohren. Bald war es, als gehe der lange, bartlose Mann an seiner linken, bald an seiner rechten Seite. Atemlos vom schnellen Steigen, in Schweiß gebadet von der Hitze, wie im Taumel von diesem »Fingergemäre«, kam Eusebius unter den Kirschbäumen an. Er setzte sich in den Schatten, nahm den Hut ab, kühlte sich mit dem bunten Taschentuch das Gesicht und überließ sich ein wenig dem Behagen der Ruhe. So wie ihm aber die Augen zufielen, gab es einen Ruck, und dem Eusebius war es, als falle er vom Berge in die Luft. Er schrak auf und sah über die Wiese, um zu erkunden, wer das gewesen sei. Da gewahrte er ein tanzendes Mädchen, das in solch leidenschaftlichen Wirbeln gerade zwischen den Büschen verschwand, daß ihre Kleider weit über die Waden hinaufflogen. Schnell wischte sich Mandel die Augen aus, um genauer zu sehen; aber da erblickte er nichts als zwei junge Birken, die ihre Kronen auf den weißen Stämmen wiegten.

Der Schneider sprang unter Verwünschungen des Krämers auf, trat ärgerlich ein Rainfarnbüschel nieder und machte sich wieder auf die Strümpfe. Gegen Abend fand er sich erschöpft und ausgehungert, ohne rechten Überblick über den Erfolg seiner Geschäftstour, in der Sauerborner Mühle ein. Die war zugleich ein Einkehrhaus.

Die Müllerin, sauber und geputzt wie immer, neugierig und zutulich, wie es ihre Art war, setzte dem Eusebius zu, wo er herkomme, und weswegen er im Sonntagsstaat sei. Aber sie kriegte nichts aus ihm heraus. Das verdrückte Männchen biß gierig in das Brot und den Käse und trank das Glas einfaches Bier, ohne zu schlingen. Dabei schaute er in einer Art verzückter Trauer zum Fenster hinaus. Als die Müllerin ihm mit Fragen und Schwatzen gar zu lästig fiel, stopfte er ihr einige schnell zusammengeraffte Lügen ins Ohr. Nach dem Eintritt der Dunkelheit machte er sich auf den dreiviertelstündigen Heimweg. Schon in der Finsternis kam er auf dem Steige, der von den Berghäusern herführt, seinem Hause nahe. An dem Gebüsch hinter dem Schnallkehof stand er still und lauschte. In seinem Hause mußte ein Fenster offen sein; denn er hörte, wenn er den Atem anhielt, doch seinen Amadeus singen: erst weich, wie flehend; dann liefen leichte Triller hin, wie Fächeln durch goldblondes Haar bebt. Eusebius blieb unbeweglich, wo er war, solange das Lied dauerte. Es huschte schnell vorüber und endete mit Klängen von solch leiser Inbrunst, daß dem Meister jeder Ton wie ein siedender Tropfen den Rücken hinunterlief.

Im Hause lag dagegen alles schon in tiefster Ruhe. Amadeus schlief, einen Arm unter den Kopf geschoben, und lächelte im Traume.

Der alte Mandel kam sich rein wie verhext vor, lehnte den Pfefferrohrstock in den Winkel und schüttelte den Kopf.

 

*

 

Den andern und die folgenden Tage kam der Eusebius-Schneider aus dem Sonntagsstaat und den unruhigen Unternehmungen nicht heraus.

Wenn der erste Hahnenschrei im Schnallkehofe aufzückte, wurde er wach und lag mit umgehenden Augen, als gelte es, mit Blicken ein ganzes Dorf hinter seine Stirn zu fegen. Immer war er im Mandelhaus zuerst auf den Beinen, machte sich reisefertig und verlangte nach dem Frühstück. Das Erstaunen seiner Wirtschafterin übersah er vollkommen. Indes die Stumme eifrig am Herde hantierte, stand er am Fenster und sah sinnend hinaus. Hastig trank er dann den Kaffee, steckte Modenblätter in die Seitentasche des Rockes und machte sich davon.

Aber jedesmal kehrte er nach den ersten hundert Schritten ins Feld zurück und gab Maruschka Anweisungen für den Tag: die Ziegen seien zu striegeln; das Gras müsse gesichelt werden; das Holz im Schuppen sei zu nachlässig gestößelt. Alles sagte er mit Entschiedenheit, und als die Stumme einst mit höhnischen Gebärden fragte, ob der Schornstein etwa gescheuert werden sollte, fuchtelte er eine so erregte Antwort in die Luft, als säßen keine Arme, sondern scharfgeschliffene Messer an seinem Leibe.

Er stieg in die Berghäuser hinauf, streifte durch den Ranser, eine Bauernsiedlung unter dem Langen Busch; wanderte nach dem Sauerborn, zerstreuten Wirtschaften, die weltflüchtig eine jäh geneigte, liebliche Talrinne füllten, und trieb sich auch in Bauerröhrsdorf umher. Immer eilig, immer atemlos, den Pfefferrohrstock in der Rechten, den Hut in der Linken, trabte der Schneider durch den Sommerdunst von Hof zu Hof. Er breitete seine Modenblätter aus, redete von den Vorzügen der neuesten Tracht, suchte hier zu einem neuen Anzug, dort zu einer gefälligen Hose oder auch nur zu einer blumigen Weste zu überreden, rollte sein Maßband auf, entfaltete das Merkbuch, war unerschöpflich in seinen Anpreisungen und näßte fortwährend die Spitze seines Bleistifts mit der Zunge. Es nutzte nichts. Die Frauen lächelten versteckt über seine Sprünge, die Bauern riefen ihm lose Grüße auf dem Felde nach, wenn er die Raine schief entlanghüpfte, oder ließen ihn verborgen-schwelenden Spott kosten, wenn er sich zu ihnen auf den Grabenrand setzte und seine Manöver machte.

Und alle Tage kehrte der alte Mandel erst in der Finsternis zurück, blieb stehen, betrachtete sein Haus erwartungsvoll aus der Ferne und fühlte sich jeden Abend beklommener, wenn er alles immer dunkel, leer und schweigsam fand.

Denn in ihm kauerte hinter Schleiern die Hoffnung etwa auf einen überraschenden, festlichen Empfang: prangende Stimmen, fliegendes Bunt, fröhlich-geschwungene Arme; aber all dies voll Zagen tief in die Brust zurückgeschoben und doch voll Inbrunst zugleich schreiend gesteigert, wie nur die Seele eines geborenen Schneiders leiden kann. Die Sehnsucht, sich ins Ungemessene, Fessellose zu verlieren, trieb ihn zu diesen Geschäftsgängen, auf denen der unmächtige Mann fuderweise prahlte, von großen Veränderungen in seinem »Methir« sprach und dabei höchst seltsame Wendungen gebrauchte. Er wollte die Zeit reiten, das Glück umarmen, das Geschick ins Dünne stoßen und die Gunst ins Bein kneifen. Und von all dem bunten Rausch, den er in den ruhelosen Tagen um sich spann, blieb am Abend, wenn er zagend in sein Haus zurückschlich, nichts als ein schwimmendes Fiebern, eine verzückte Trauer in seinen Augen hängen.

Dem Amadeuslein entging die Veränderung seines Vaters nicht. In den kurzen Augenblicken der morgendlichen Vorbereitungen zu den »Touren« hatte der Junge reichlich Gelegenheit, über das Zucken zu erstaunen, das dem alten Mandel fortwährend übers Gesicht lief, und vor der Unruhe sich zu fürchten, die bald als Erblassen, bald als fliegende Röte über ihn flatterte. Er sah ihn Maruschka aus dem Hinterhalt anfunkeln und hörte ihn vor jedem Weggange scharf und schneidend mit ihr sprechen. Wenn er seinen Hut dann in den Ährenfeldern schief untergehen sah, dachte der Knabe allemal, das tut der Vater nur wegen der Maruschka-Mutter. Er ist vielleicht noch in Rußland, und sie soll ihn nicht mehr in die Arme nehmen, daß er krank und blaß wird. Bei diesem Gedanken fühlte Amadeus seinen Vater so nahe, als ob er hinter ihm stehe, und hörte mit leiser Trauer sagen: »Amadeusla, gelt, du singst nicht mehr.« Da brachte der Knabe seine Lieder zum Schweigen, auch wenn Eusebius fort war. Am meisten aber litt der Kleine, daß sein Vater ihn gar nicht mehr liebkoste und kaum ein Wort zu ihm redete. Amadeus nahm sich immer vor, ihn anzusprechen. Doch kaum, daß er Miene machte, sich ihm zu nahen, schrak der Schneider herauf, wandte sich betroffen ab oder fragte ungeduldig: »Na, was willst du denn schon wieder, Amadeusla?« Dann brachte der Junge nichts heraus, schlich zum Fenster und preßte das Gesicht an die Scheiben, daß die Stirn weiß wurde. Ein Blumensträußlein, das er dem Vater in einem alten Tassenkopf auf den Schneidertisch stellte, verwelkte und wurde zuletzt von Maruschka heruntergestoßen und hinausgeworfen.

 

*

 

An einem Tage endeten des Meisters Unternehmungen schon am frühen Nachmittage in dem Birkenwäldchen, durch das der Kirchsteig von Oberröhrsdorf nach Neudeck gleich einem trödelnd hingeworfenen grauen Salende läuft.

Mandel wußte eigentlich nicht genau, wie und warum er dahin geraten war, lag, von einer Weißdornhecke gegen die Blicke Vorübergehender geschützt, hatte eine Schmele zwischen den Lippen und trommelte manchmal mit den Fingern auf seinen halbharten Hut, den er neben sich ins Gras gestellt hatte. Zwischen den weißen Stämmen sah er den kochend heißen Sommerdunst über den gelben Ährenweiten zittern, und manchmal blitzte da und dort eine Sense aus den falben Wogen grell auf. Das Wetzen der Mäher hörte sich an wie das Schleifen eherner Grillen. Zuzeiten polterte eine unförmige Männerstimme in der Weite auf. Schläfriges Radknarren zog in den Ährengassen.

»Es wird eine gute Ernte«, sagte Eusebius leise, und ihm war, wenn er hier liege und warte, wachse auch für ihn ein Reichtum.

»Es wird eine gute Ernte«, wiederholte er und setzte nach langem, lustreichem Verlieren in einem Gewölk bunter Träume hinzu: »Ich werd's schon machen. Ja, ja, ich mach's.«

Auf dem Wege hinter der Weißdornhecke gingen gerade zwei Menschen vorüber.

»Du! – So? – Und was hast du denn da gemacht?« fragte eine vor Erregung rauhe Männerstimme.

»Was ich gemacht habe?« fragte schnippisch eine Frau wieder.

»Na ja.« Dumpf und lauernd klang es.

»Stehen gelassen hab' ich ihn. Was denkst du denn etwa weiter, he?« Die Frau lachte voll boshafter, doch, wie er empfand, nicht ganz ehrlicher Geringschätzung. Dann fuhr sie, in überstürztes Schwatzen verfallend, fort: »Er hatte sich schon immerfort ums Haus 'rumgetrieben. Was kann ich denn da dafür, wenn er ...« Die Stimmen wurden undeutlich und verloren sich über den Abhang hinunter.

Eusebius ließ die Schmele aus dem Munde fallen, raffte Hut und Stock an sich und zwängte sich durch die Weißdornhecke auf den Weg. Aber die beiden waren schon hinter einer Biegung verschwunden, und nachlaufen mochte ihnen der Schneider nicht. Der Tag stand zudem schon in tiefer Neige. Deswegen schlenderte er bis an das Ende des Wäldchens und sah gespannt nach Oberröhrsdorf hinüber, dessen Wirtschaften und Häuser aus den Essen einen blauen Schleier über die im abendlichen Rot spielenden Schindeldächer in die ruhige Luft hauchten. Das Mandelhaus konnte er nicht finden. In der Richtung, wo es liegen mußte, stand eine Frau auf einem Hügel und sah angestrengt nach der Straße hin, als warte sie auf jemand. Die sinkende Sonne hing gerade hinter ihr über dem Langen Busch. Scharf umrissen und schwarz hob sie sich gleich einem übermenschlichen Wesen gegen das rote Licht ab, drohend und regungslos.

Je länger der Schneider hinsah, um so unabweislicher drängte es sich ihm auf, daß in der Gegend, wo das Weib stand, sein Haus liegen mußte.

»Heda, gehn Sie gefälligst dort weg. Sie da!« rief Christoph Eusebius für sich. »Mein Haus ist doch nicht dazu da, daß es Ihn'n unter den Rock kriecht.«

Als hätte das Weib die Worte gehört, die er in gespaßigem Ärger rief, streckte sie jetzt die Arme zur Seite und beschrieb mit ihnen einige Bewegungen, die wie Ratlosigkeit und Sehnsucht aussahen.

Da erkannte er Maruschka in ihr.

Zugleich hörte er neben sich die Worte der Frau aufklingen, die er hinter dem Strauche erlauscht hatte: »Er hatte sich schon immerfort ums Haus getrieben«, und unterlag einem unsinnigen Grimm, der wie seit jeher unterirdisch nur auf das Emporspringen in ihm gelauert hatte.

»Was hat Sie da 'rauszulaufen? – Wenn sich die Ziegen losreißen! – Oder es kommt ein Kunde. – Alles läßt Sie wieder fünfe gerade sein, das ganze Haus und den Amadeus.«

So bohrte Mandel in sich hinein und hieb zornig mit dem Pfefferrohrstock ins Gras, in einen Heckenrosenstrauch, in den grünen Hafer, daß die Körner prasselten. Blindlings schlug er zu, wo es hintraf.

Er wartete, bis die Dämmerung eingebrochen war, und schlich dann, gewunden wie ein Schraubenzieher, in sein Haus.

Alles war schon wieder finster. Amadeus lag auch schon im Bett und schlief. Niemand, niemand erwartete ihn. Alles war still, wie ausgestorben. Das Essen stand auf dem Tisch, so wie für den ersten besten.

Seufzend hing er den Rock an den Nagel, stand eine Weile mitten in der Stube und horchte Nichts rührte sich. Deswegen setzte er sich verstockt hin und aß.

Aber er verschlang achtlos und eilfertig die Speise, als müsse er vor dem Schlafengehen noch zu irgend etwas Zeit gewinnen, und lag indessen voll heimlichen, blinden Grimmes weiter mit seinem Gehör auf der Lauer.

Doch nichts als die gewohnten Laute der Sommernacht ließen sich vernehmen: der Ahorn rauschte verhalten über dem Dache; das Wässerchen regte unausgesetzt sein winziges, pinkendes Glockenspiel in der Wiese; ein Wachtelkönig schnarrte durch das heiße, finstereinsame Feld, und dann und wann trug der Wind aus den fernen Wäldern einen leisen Brummlaut durch das geöffnete Fenster, der klang wie das traumhafte Spiel einer eingeschlafenen Baßgeige.

Da mischte sich unerwartet in dies versunkene Konzert der Sommernachtsfinsternis ein seltsames Geräusch: ein dumpfes Rasseln, und manchmal klang es auch wie das brodelnde Schnarchen eines großen, sterbenden Tieres, wie das Weinen der stummen Kreatur; brach jäh ab, setzte drucksend ein und verlor sich in hohem Wimmern. Jetzt klang es gerade über dem horchenden Schneider durch die Decke, nun schien es von der andern Ecke des Hauses zu kommen, sich im Holzstall zu verlieren, und nun glaubte Mandel, es trage sich von draußen herein. Es wehte über den Hausflur an der Stubentür hin. Darauf erlosch es ganz und klang nicht wieder auf. Eusebius hörte alles, zwischen Angst und Erraffen eingeklemmt. Durch dies regellose, tagelange Wandern und Wuchern über die Grenze seines Wesens hinaus, befand er sich in einer Seelenverfassung, in der er es mit wollüstigem Grausen selbst hingenommen hätte, wenn durch die Tür der Schatten eines Abgeschiedenen getreten wäre. Denn das Mandelhaus war in gar seltsamen Schicksalen seiner Bewohner alt geworden. Dem Großvater des Schneiders, dem Mandel-Fuhrmann, hatte hinter der Neudecker Mulde in einem engen Schlunge, der seitdem die Schwarze Duhne hieß, der Teufel einst ein Bein gestellt. Den Mandel-Weber, seinen Vater, hatten endlose Not- und Hungerjahre mit geräuschlosen, unbarmherzigen Zangen gezwickt, bis er an dem wunden Glanze seiner Hoffnungen gestorben war.

Wer weiß, welchen von beiden es nächtlicherweile wieder einmal aus dem Grabe durch das Haus trieb. Eusebius starrte lange an die Wand, ob sich dort die tränenden Augäpfel des Vaters als blutrote Flecken sehen ließen, oder ob etwa der Tote an dem zernommenen Stuhle unter dem Dache zu webern beginne. Es ließ sich nichts mehr hören. Darum wagte der Schneider endlich mit behutsam eingedrücktem Atem das Geschirr vom Tisch zu räumen. Dann ermannte er sich vollends, verschloß die Haustür, schob den Sperrbalken vor, untersuchte jedes Fenster und war so in die Sorge um Abwendung einer möglichen Gefahr verstrickt, daß er nicht bemerkte, wie Amadeus halbaufgerichtet vom Bett aus alles mit ansah und traumbefangen überlegte, warum sein Vater, in einer roten Kugel eingesperrt, immerfort durch die Nacht baumele. Jetzt, da der Schneider noch einmal an das Lager des Jungen trat, lag Amadeus schon wieder in tiefem Schlafe. Nur sein Gesicht war blaß und von Kummer leicht entstellt.

Christoph Eusebius sann über die Veränderung aber nicht nach, sondern löschte das Licht aus und suchte sein Lager auf. Während er in die Nacht über sich sah, erblickte er noch einmal ganz deutlich Maruschka vor der Abendsonne auf dem Hübel stehen und sehnsüchtig die Arme in die Luft werfen. Dabei huschte ein Widerklang des Tierweinens durch sein Erinnern. In diesem Augenblick lag er schon im Traume. – – –

 

*

 

Mitten in der Nacht fuhr er entsetzt in die Höhe und sah um sich; denn irgendwo hatte es einen Krach gegeben, als schleudere jemand einen Stein gegen die Bohlenwand des Hauses oder breche ein Brett los.

Sein waches Ohr konnte nichts vernehmen.

Sobald er sich jedoch ins Schummern verlor, ging das Gepolter wieder los, nicht immer in derselben Weise. Manchmal klang es ganz leise, als sei es nur ein Rumoren im Schneider selbst. Das wurde dem Eusebius endlich zu arg, daß es ihn nicht mehr im Bett litt. Notdürftig bekleidet, mit einem langen Lineal bewaffnet, rückte er aus, um der Störung auf den Grund zu gehen. Er durchstöberte alle Winkel, in den Ziegenstall, ja sogar in den Holzschuppen hinein. Zuletzt kam er, ohne etwas Verdächtiges gefunden zu haben, wieder im Hausflur an, stand an der Bodenstiege zu Maruschkas Kammer still, hob die Laterne, horchte hinauf und zählte die Stufen. Es waren ihrer acht bis dahin, wo die Treppe die jähe Kehre machte. Wenn es einen Eindringling gelüstete, hinaufzugehen, so war das ein kleiner Sprung. Denn acht Stufen und die paar, die im Schatten lagen, boten keine Schwierigkeiten. – Warum sollte er nicht hinaufsteigen und sich überzeugen, ob alles in Ordnung sei?

Maruschka mit ihrem doppelten Fehler war schutzlos wie eine Kümmeldolde auf dem Rain, die ausklopfen kann wer will, und er war doch als Mann und viel mehr noch als Dienstherr für ihre Sicherheit verantwortlich. Außerdem ließ sich ja bei dieser Gelegenheit auch mit ihr über die Gründe verhandeln, weswegen sie heut abend den Jungen samt dem Hause verlassen und auf dem Hübel jemand herangewinkt hatte.

Zögernd öffnete er die Laterne und blies das Licht aus. Sowie der Schneider aber den Fuß auf den ersten Sprossen setzte, um hinaufzusteigen, begann sein Atem zu flattern. Dieser lächerliche Furchtanfall ließ ihn nicht zum zweiten Schritt kommen.

Er setzte sich auf die Treppe und wartete im Finstern, bis die Kälte ihm die Knie aneinanderschlug.

Der Mandel-Schneider saß eine Stunde und noch länger im Dunkeln. Endlich ließ der unvernünftige Zwang in ihm nach, und er fand gegen Morgen einen tiefen Schlaf. In der nächsten Nacht wiederholte sich der nächtliche Spektakel, und in der folgenden Nacht war es kein Haar besser. Ja, es nahm eher zu als ab, und Eusebius konnte sich keinen Vers darauf machen, was ihm allnacht solcherlei Schabernack mitspiele, daß er nur zu ein paar Stunden der Ruhe kam.

Um der Sache auf den Grund zu kommen, ob es mit natürlichen Dinge zugehe, gab Mandel sein geschäftliches Umherstreifen auf, hing den Spenser in den Schrank, kroch wieder in seine speckige Jacke und verlegte sich auf ein geheimes Vigilieren in seinem Hause.

Er konnte es ja mit Händen greifen, daß mit seiner Wirtschafterin eine Veränderung vorgegangen war. Sie tauchte nur selten in der Stube auf. In unruhigem Fleiß irrte sie durch den Schuppen, vom Stall in den Garten, über den Hausflur auf den Boden. Mußte sie am Herd hantieren, so duckte sie sich förmlich in die Ecke der Ofenhölle. Ihr Gang war unhörbar geworden, ihre Handgriffe waren ohne Geräusch. Unversehens dampften die Gerichte auf dem Tisch und verschwanden fast auf unerklärliche Weise nach der Mahlzeit, zu der die Stumme nie an ihrem Platz erschien. Nie sah man sie essen, nie ruhen. Sie sah blaß und mißmutig aus, und manchmal erwischte sie Mandel dabei, daß sie ihm einen bitterbösen Blick zuwarf.

Es gibt Menschen, die uns ins Unrecht zu setzen wissen, sobald sie sich zu einem Verrat an uns anschicken. Dies Fremd- und Beleidigttun faßte der Schneider, der in allen Finten des Lebens wohlbewandert war, nicht anders als den Beweis verborgener Unternehmungen auf, die von der Stummen gegen ihn begonnen worden waren. Er sah in seiner Phantasie Strickleitern aus Dachfenstern baumeln und nächtliche Besucher in die Kammer seiner Wirtschafterin steigen. Deswegen verdoppelte er seine Wachsamkeit. Kein Picken in der Nacht entging ihm. Das verschlafene Meckern der Ziegen erschien ihm als unterdrücktes Gelächter. Er hörte den Schlüssel der Haustür vorsichtig knacken, und strich der Wind übers Dach, dann war es ihm, als schleiche jemand in Strümpfen über den Boden.

In einer Nacht peinigte es ihn mehr als je vorher. Er vernahm sogar etwas wie lustvolles Seufzen bis in den Hausflur hinunter, wo er stand und in fliegender Sucht alle Geräusche mit den Ohren verschlang; da, nun ächzte es wieder! Das ging so nicht weiter. Nein! Die Zähne fest geschlossen, zu allem bereit, stieg der Schneider die Hälfte der Stiege empor, bis er mit dem Kopfe die Diele des Bodenraumes überragte, und beobachtete lange das Bett Maruschkas. Er sah es ganz deutlich im Dämmer des Mondlichtes stehen, das durch das Dachfenster daran vorüberstreifte. Jetzt nahm er genau wahr, wie es unruhig darin wurde. Die Decke wogte, ein nackter Arm streckte sich auf und fiel taumelnd aufs Bett zurück.

Dem Schneider stockte der Atem, und er bebte am ganzen Leibe.

»Pssst!« machte er laut und setzte in Gedanken entrüstet hinzu: »Was ist denn das! Wirst du wohl 'rausgehn, verdammter Audiat!« Dann wiederholte er abermals sein empörtes: »Pssst!« Da wurde es stockstill.

Das Bett stand ruhig wie ein Sarg in der grauen Bodenluft, die flimmernd heiß geworden war. Das runde Giebelfenster hing als bleiches Gesicht droben vor ihm in der Finsternis und stierte ihn mit drohendem Entsetzen an.

Eusebius hätte für sein Leben gern noch einmal sein warnendes »Pssst« unter dem Dache hingeschickt, besann sich aber und stieg unhörbar hinunter auf sein Lager.

Am andern Morgen war er entschlossen, es koste was es wolle, diese Beule aufzuschneiden. Maruschka trat nach ihrer Gewohnheit achtlos und gleichgültig in die Stube. Allein Mandel ließ sich nicht mehr auswattieren. Er nahm sie aufs Korn und richtete sein streng untersuchendes Auge lange auf sie.

Aber da kam er schön bei ihr an.

Sie hielt nicht nur seinen Blick aus. Nein, sie kriegte rote Flecken im Gesicht, richtete sich zur ganzen Höhe auf, maß ihn vom Kopf bis zum Fuß und bewegte unter geringschätzigem Lächeln den Kopf, als wolle sie sagen: »Was bildst du dir denn ein?« Und als er zum Beweise der Berechtigung seines Verdachtes auf das nächtliche Spektakel kommen wollte, fing sich seine Zunge in einem glühenden Faden, und die Arme saßen ihm so fest an der Seite, als seien sie überwendlich angenäht.

Mit höhnischem Lachen machte die Stumme der Szene ein Ende und schritt der Tür zu. Dort aber kehrte sie sich auf dem Absatz um und ging, aufs höchste erregt, abermals gegen den Schneider los.

Ihr Gesicht glühte. Die Brust kochte wie im Krampf. Der ganze Körper zitterte. Aus ihrem Munde kam Sprudeln, Stampfen und Poltern, und mit den Armen schleuderte sie alles entrüstet heraus, was sich gegen den Schneider in ihr angesammelt hatte: er solle sich weder um Ziegen, noch um Melden, weder um Stiegen, noch um Kammern scheren, sondern lieber seinem Handwerk nachgehen. Alle Tage kämen die Leute und mahnten ihn an die Ablieferung der bestellten Sachen, und wenn er sich nicht dazuhalte, so werde der Hübnerbauer die Jacke halbfertig abholen lassen und zu einem andern Schneider schicken.

Christoph Eusebius war sprachlos und sah voll Verwunderung in den Wirbel ihrer Arme, der wie ein rotes Feuer vor ihm in der Luft sprühte.

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