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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/stehr/mandelha/mandelha.xml
typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120207
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6

So genoß Christoph Eusebius Mandel noch lange voll Behagen, daß sich sein Bürschlein mit dem Stift in der Welt umhertrieb, wie er einst mit seinem Wanderstecken, und aufspießte, was ihm merkwürdig erschien. Die kleine Stube klang tagaus, tagein von dem Liede der kindlichen Stimme, und alles Junge, Bunte und Eingehegte, was je in diesem Raume gelacht, geschimmert und begehrt hatte und seit lange im Dämmern enger Winkel eingeschlafen war und in seinen Schrotwänden vergessen ruhte, wachte aus der Verwunschenheit auf und wurde zu jenem Schleier unwirklicher Bilder, um dessentwillen den Menschen das Leben so kostbar ist. Die Dachkammern wiederholten den Gesang wie ein undeutlich versunkenes Echo, und der Wind, der vor den Fenstern spielte, trug ihn bis an die krumme Weide, die sich deshalb vor Rührung noch ein wenig tiefer neigte und dabei mit den langen Ruten zitterte, als denke sie ihrer eigenen Jugend.

Alles hatte seine helle Freude an dem malenden Sänger, der oft schon so tief in die selbstherrlichen Wunder des Liedes vordrang, daß er die Bilder des Stiftes auf seiner Fahrt in die tönende Verklärung gar nicht mehr gebrauchte, sondern an Pünktchen, wie an winzigen Fußtapfen, in das Spiel der Klänge hineinfand und wieder heraus. Das Traumtürlein in des Amadeus Seele schloß sich gar nicht mehr. Es wurde immer weiter und weiter, und endlich wohnte das Junglein mit dem blassen Gesicht nur noch in jenen Beglückungen, welche Menschen von der Welt erfahren, die an einem Herrgottssonntag geboren sind. Fernher wandelte das Lied in seinen Mund, aus Weiten, wo Mächte am Werk sind, die kein Denken fassen, kein Wort ausschöpfen kann.

Auch in des Christoph Eusebius Seele grub das Lied des Amadeus, seit es losgebunden, nur Klang, Farbe und Licht geworden war, Tiefen auf, über die der alte Mandel keine Gewalt besaß. Umsonst wartete er darauf, daß der Gesang seines Jungen ihm wieder einmal das Bild seines Weibes aus dem Hainwalde hervorzaubere. Es schien in ihm erloschen und verschüttet für immer. Und ob er sich noch so viel Mühe gab und mancherlei Listen anwendete, er kam in seiner Erinnerung stets nur bis zu dem Punkt, wo er als junger Bursch, in die Feldergasse geduckt, auf Agathe gewartet hatte. Je öfter er an diesem Bilde stockte und sich mit seinem Gemüt in den Zauber jener weit zurückliegenden Zeit verfing, desto unentrinnbarer wurde er wie in einem Feuerkreis gefangengenommen. Ja, manches Mal vergaß er ganz, daß er als alter Mann, dem die Haare schon grau an den Schläfen flockten, auf hartem Brett in enger Stube hockte, und es schien ihm, er liege wirklich draußen unter dem sommerlich-heißen Himmel und das reife Korn woge mit leisem Rauschen um ihn. Dann wandelte wohl aus seines Söhnleins Munde Agathes Gesang zu ihm heran wie damals. Aber die Klänge, die in solchen Augenblicken ihn trafen, waren nicht die versonnen milden, die er ersehnte. Es wehte ihn eine leidenschaftliche Glut an, daß er wie an lustvollem Ersticken würgen mußte.

Dann lockte es ihn von seiner Arbeit weg und führte ihn in leichtem Gange über die Diele. Seine Füße vergaßen, daß sie auf mühseligem, achtundvierzig Jahre langem Wege schon hart und steif geworden waren und setzten im Übermut zwischen das gewohnte Schreiten einen schottischen Hüpfer oder das Schleifen eines Ländlers. Oft faßte ihn auch ein ganz ausbündiger Geist. Er fiel mit krähend hoher Stimme in seines Amadeus Lied ein und marschierte mit sägenden Armen in solch kühner Haltung durch die Stube, als sei er entschlossen, ein neues, unerhörtes Abenteuer seiner vielfältigen Lebensfahrt anzugliedern und direkt nach Rußland oder womöglich gar in die Türkei hineinzuwandern.

Von solcher Fröhlichkeit angezogen, trat selbst die stumme Maruschka an den kleinen Sänger heran, entzündete sich an seinem eifervollen Gesicht, seinem schimmernden Blick und sog die Gebärde seiner Töne mit den Augen von seinem Munde. Auf diese Weise strömte auch in ihren vollen, üppigen Leib die unbändige Jugend, daß sie nicht mehr bedrückt von ewigem Schweigen, schwer und benommen umherwandelte. Sie reckte die Schultern. Ihr Gesicht glühte. Die Augen bekamen jungen Glanz. Ihre Schritte wurden frei und fest, daß sich die Dielen unter der Last ihres Körpers bogen.

Sobald aber Maruschka auf dem Plane erschien, rettete sich der alte Mandel zu seiner Jacke und sah verstohlen und scheu ihrem Aufblühen zu. Der heiße Dunst aus dem Liede seines Jungen umnebelte ihm wie ein leiser Schwindel den Kopf. Und das Gesicht seiner stummen Wirtschafterin nahm dann die Züge seiner Agathe an, die Kleider flossen wie bei ihr um den Schritt, ein Duft wie von reifem Getreide strömte auf ihn ein, und sein Herz zog sich furchtsam bei dem Gedanken zusammen, daß das Weib zu ihm herankommen und ein Schläglein gegen seinen Rücken führen könne, wie es ihre Art war, um ihn mit dem Spiel ihrer entblößten Arme zu fragen, weshalb er gar so versimpelt über der alten Jacke kauere.

So flochten sich die beiden alten Menschen durch das Lied des Knaben ineinander, und ohne daß sich Amadeus umzudrehen brauchte, wußte er, wen sein Gesang hinter seinem Rücken bewege: bald wurden seine Töne von leidenschaftlicher, flimmernder Heiterkeit beflügelt, bald strömte bändigend und schwer ein Dunkles, Gewaltsames in sie, je nachdem sein Vater oder Maruschka in sein Bereich kamen.

Da ereignete sich eines Tages etwas Seltsames, das dem Singen des Amadeus für lange ein Ende bereitete.

 

*

 

Gewöhnlich fährt das Schlafwäglein uns mit hartem Ruck an den Rand der Wirklichkeit, und wie mit einem Stoß werden wir in den Tag geschleudert. Am Morgen jenes Tages aber, der für das Mandelhaus unter dem Ahorn so bedeutsam werden sollte, weil das Schicksal aller Menschen, die darin wohnten, einen merkwürdigen Schritt tat, war der kleine Malsänger gleichsam ohne Erwachen in die Welt des Lichtes gehoben worden. Alle Gegenstände schienen hinter glasigem, durchsichtigem Wasser zu stehen, ungewiß, schwank und fern, und Amadeus selbst fühlte sich nicht fest in seinem Bett, sondern eher auf einer Welle sitzen, mit der er in die Tiefe sauste, wenn er seine Augen schloß, die ihn heraufatmete, sobald er die Lider hob.

Sein Vater hatte vor ihm das Bett verlassen, das, schon sauber geordnet, die graugestreifte Decke glatt über die hochgebauschten Federkissen gestrichen, gleich einem Planwagen in der Ecke stand, von dem die Pferde abgespannt sind. Der alte Mandel war fadenleise von seinem Lager in die Kleider gestiegen, als gelte es, an einer Gefahr vorüber, zu seinem Tagewerk zu schleichen, und auch jetzt, da er vor dem kleinen Spiegel an der Wand die letzten Handgriffe zu seiner vollkommenen Ausrüstung besorgte, verhielt er sich gebückt und still. Mit peinlicher Genauigkeit verteilte er die spärlichen, grauenden Haarsträhne über den blasig aufgetriebenen Vorderkopf. Dabei wendete er sich hin und her, um die schwierige Arbeit von allen Seiten auf ihre Wohlgelungenheit zu prüfen. Nachdem alles zur Zufriedenheit beendet war, legte er unter einem schmeckenden Laut seiner Lippen den Kamm in das strohgeflochtene Kästchen unter dem Spiegel zurück, näßte die Flächen seiner Hände mit Speichel und fuhr säubernd über seine Hosen. Dies war so seine Art am Ende jeder Zurüstung, wenn diese auch, mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, nie so gründlich betrieben wurde.

Amadeus verfolgte alles mit der Aufmerksamkeit des Frühwachen und dem Erstaunen, das ihm vom Traume noch in den Augen hängengeblieben war. Er sah seinen Vater weit draußen in einer Ungewißheit, daß er es für unmöglich hielt, ihn mit seiner Stimme zu erreichen. Und doch hätte er ihn gern zu sich gerufen; aber er fürchtete, zu sprechen, weil er hätte seine Worte gar so dünn und ängstlich machen müssen, um sie bis in diese Ferne zu bohren.

Allein, als er seinen Vater eifrig an den Hosen hinabfahren sah und bemerkte, wie er dann aufgeregt von einem Fenster zum andern trat, in Purzelstößen murmelte und dazu die Schultern hochzog, bekam Amadeus Furcht, er habe etwas Besonderes vor. Vielleicht könne er gar fortreisen wollen. Deswegen faßte sich das Junglein ein Herz und redete durch das glasige Wasser zu dem alten Mandel hin: »Wohin willst du denn gehen, Vater?«

Der Schneider, versunken, nur mit sich selber beschäftigt, glaubte, sein Söhnlein schlafe noch. Jetzt, da er von dessen zaghafter Stimme getroffen wurde, drehte er sich jäh herum und krähte fröhlich:

»Ach, da bist du ja auch schon aus den Federn! – Ich, Amadeusla, fort? – Ach nee, nirgends will ich hin. Nich nach Rußland und nich in die Türkei.«

»Aber warum bist du denn in einem solchen weiten Wasser und putzt die Hosen wie am Sonntage?« fragte der Knabe und stockte ratlos.

»Das is doch kee Wasser, das is doch Luft. Das plätschert ja nich. Sieh doch! Na?!« sprach der Schneider sprudelnd und schlug mit den Armen nach allen Richtungen, um sein Söhnlein von den Einbildungen zu heilen. »Du bist schon ein komischer Junge! Mit dem rechten Auge muß man aufwachen, nich mit dem linken. Sonst geht's einem den ganzen Tag konträr.«

Dann kam er mit seinen ungleichen, etwas hüpfenden Schritten eilfertig heran, nahm das Kinn des Kindes in Daumen und Zeigefinger, kehrte dessen Gesicht zu sich herauf und redete ermunternd in seine fragenden Augen:

»Sieh deinen Vater an, das is ein Kerl, verstehste mich! Wenn mich heute der Herr Gufernement sähen tät, ha, der würde Augen machen! Denn in Rußland geht dir's zu, mein Junge, daß einer manchmal nich sicher is in seinen eigenen Stiefeln. Da darf eens nich lange strizeln, wenn eem der Morgen amal gegen den Strich über die Nase fährt. Da muß man, hops, 'raus und drauf zu, verstehste. Aber das erzähl' ich dir ein andermal. Jetzt steh auf und sei hübsch artig. Gelt, Amadeusla?«

Damit verließ er den Kleinen jäh und begann, entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, ein eifriges, unruhiges Wirtschaften in der Stube, im Hause und im Gärtlein, ohne eigentlich etwas Rechtes zu fördern. In seinem schrankenlosen Kopfe gärte ein Wirbel von Bildern. Und während er in seiner Stube zu Oberröhrsdorf auf und ab hüpfte, glaubte er, in einem weiten Saal sich zu einem gefährlichen Unternehmen zu rüsten. Die Wiese im heißen Morgendunste verwandelte sich in eine unendliche Ebene, durch die ein Gewirr von Wegen hastete, kreuz und quer, und er wußte nicht, welchen er einschlagen und wohin er sich wenden sollte. Der Hainwald stand verschwommen im Frühdunst, wie eine ausgedehnte, fremdländische Stadt. Bäume verloren sich als tausend Türme, Häusergiebel, Essen und Fahnenstangen in der rauchigen Höhe. Überall aber, wohin seine erregte Einbildung ihn führte, witterte er eine gewichtige, unerbittliche Person, zu der ihn ein unbegreifliches Anliegen hindrängte, und vor der er zugleich auf der Hut sein mußte.

Amadeus war seiner Aufforderung, das Bett zu verlassen, nicht nachgekommen, sondern hockte, das Hemd über die Knie gezogen, auf seinem Lager.

Bald strich Maruschka an ihm vorüber: gerötet, schwer und stark, daß alles schütterte und die Teller im Topfschrank leise klirrten; bald rettete sich Christoph Eusebius aus der russischen Ebene in seine Behausung, um schnell wieder von der Scheu vor diesem verwandelten Raume vertrieben zu werden. Durch dies ziellose, leidenschaftliche Umherfahren wurde ihm sein Vater wieder fast so fremd, als da er einst ein Vogel gewesen, und jeder verfehlte Gang brachte ihn ein Stück weiter von ihm. Dazu verdichtete sich das glasige, durchsichtige Luftwasser immer mehr und hüllte den alten Mandel zuletzt wie in Flimmer ein.

»Mein Vater ist jetzt in Rußland«, dachte Amadeus, weil er sich das Unbegreifliche nicht anders erklären konnte.

Dann verließ er sein Bett und saß nicht lange danach wieder vor dem Stuhl am Fenster, seinem gewohnten Träumerplatz. Denn er sehnte sich nach einem schönen Liede aus der Unrast, die von seinem Vater auf ihn eingedrungen war. Aber auch draußen fand er keinen Halt. Die Luft war ein heißes, silberweißes Zittern, ein unruhiger, zuckender Schleier, hinter dem alle Gegenstände halbverweht aussahen. Nur das Blau des fernen Bergwaldes baute sich finster und sicher in den hellblauen Himmel hinauf.

Ließ Amadeus seinen Blick auf diesem schönen Dunkel ruhen, so machte sich, ganz leise gehaucht, der Prunk schwerer, samtener Töne irgendwo auf und strich gleich dem windzerblasenen Arpeggio einer fernen Äolsharfe an seinem Ohr vorüber. Sobald aber eine Sonnenschwinge über den Wald tauchte oder sein Vater die Stube betrat, erlosch das Klingen und war auch nicht zu erhaschen, wenn er die Händchen auf seine Augen preßte und in das Dunkel in sich hineinkroch. Nichts nahm er wahr als die Gebärde der dahinwandelnden Töne, aber wie hinter Floren, und spürte nur ihren lautlosen Takt gegen sein Herz schlagen.

»Vater, ich kann das Lied nicht kriegen«, sagte er endlich vorwurfsvoll zu Christoph Eusebius, der eben wieder vor der fremdländischen Stadt in die Stube geflüchtet war.

»Welches Lied?« fragte der alte Mandel zerstreut und trat zu ihm.

»Nu, das Lied, das im Schwarzen ist und hinter dem Langen Busch«, antwortete das Kind.

Aber der Schneider war zu tief in den Wirbel der Bilder verstrickt, die ihm sein kochend gewordenes Blut in das Hirn trieb. Er murmelte Unverständliches unter der Nase hin und heftete in ungeduldig-furchtsamem Erwarten seine Augen auf die Tür, die er zum Schutze hinter sich ins Schloß gezogen hatte, obwohl doch eine unbewegliche Hitze in der Stube lagerte.

In diesem Augenblick hörte Amadeus Schritte durch das Gras auf das Haus zusteuern und sah, wie sein Vater, der sie auch erlauscht haben mußte, davon erblaßte, sich tief vor einem Unsichtbaren neigte und anfing, stammelnd zu sprechen:

»Sie wer'n verzeihen«, redete er, »Herr Gufernement, daß ich und ich erlaube mir, bei Ihnen einzutreten. Ich bin zwar bloß ein eefacher Schneider, aber ...« Allein er konnte die Szene des Empfanges, in die unbezwingliche Einbildung seine Sucht hüllte, nicht zu Ende spielen, denn Maruschka trat hochaufgerichtet, breit und fest in die Stube. Wieder glommen ihre Augen in ungewöhnlichem Glanz. Ihre Arme blühten in brauner Frische, und ein unterjochender, aufreizender Strom ging von ihr aus. Der drang auch auf den zarten Knaben ein, daß sich etwas wie Furcht seiner bemächtigte, denn noch nie war ihm seine stumme Mutter so stark und gewaltsam erschienen, und während er auf seinem Fußbänklein ein wenig hinrückte, um aus ihrem Bereich zu kommen, bemerkte er, wie auch sein Vater scheu in den Schneidertisch kletterte und von dort aus nach Maruschka hinblinzelte, indes Blässe und Röte über sein Gesicht jagten.

»Herr Gufernement ... Herr Gufernement ... Herr Gufernement ...« murmelte er fortwährend demütig – bittend – heiß – erstickt.

Ein unnennbares Bangen packte da den Amadeus, und er vermochte nicht mehr, in die Stube zu sehen, die von Drohen und Schwüle ganz erfüllt war. Aber kaum, daß sein Blick wieder das tiefe Blau des Bergwaldes hinter dem Zittern der Luft traf, schlug es wie das Rauschen großer, feuriger Flügel über ihm zusammen, die Flore seiner Seele zerrissen, und gleich einer tönenden Flamme sprang das ersehnte Lied in ihm auf. Erst waren es lange, süchtige Schreie, die er singen mußte. Dann wurde sein Gesang ein Spiel besonnter, schneller Flügel über Wipfel tief drunten. Endlich schwang es ihn fort wie ein heißer Sturz ins Raumlose, bis er mit stammelnd-süßen Lauten vor einem Tor schwebte, in dem sich der Tanz schwerer Schatten drehte. Und während er so an dem Zauber des Liedes litt, von dem er getragen wurde, spürte er, wie hinter ihm die Klänge seinen Vater aus dem Schneidertisch hoben und über die Diele führten, immer näher an ein Dunkles, Gewaltsames heran, das an ihm sog. Dem Knaben ging fast die Stimme aus vor dem, was dem Vater und seinem Lied drohte. Aber er vermochte sich nicht aus dem Bann zu retten. Es unterjochte ihn derart, daß sein Gesang zuletzt sich in ein leidenschaftliches Hauchen auflöste.

In dieser höchsten Not der Verzückung fühlte er einen Schlag durch seinen Körper gehen, wie er uns durchzuckt, wenn nach langer, schneller Fahrt unvermutet der Wagen hält, auf dem wir sitzen. Jäh und schmerzend brach das Lied in ihm zusammen. Erschöpft, wie ein Taumel, saß Amadeus eine Weile, als erwache er aus einem schweren Traume.

Endlich wagte er, sich umzuwenden. Da sah er seinen Vater dicht an die stumme Mutter geschmiegt, die ihn, glühenden Gesichts, wie eine wehrlose Beute in den starken Händen hielt. Des Schneiders Finger lagen im Fleisch ihrer Arme vergraben. Er war blaß, trug den Ausdruck tiefen Schmerzes im Gesicht und zitterte wie vor Frost.

Dem Knaben traten die Tränen in die Augen, weil Maruschka seinem Vater so übel mitgespielt hatte. Er stand auf, löste Mandels Hand von dem Arm des Weibes und zog ihn zur Stube hinaus. Der Schneider war keines Wortes mächtig und verließ mit seinem Jungen das Haus. Beide gingen über das Wiesenstreiflein bis an die krumme Weide. Dort setzten sie sich nieder und sahen lange, ohne eine Wort zu reden, in das kleine Wasser, das vor ihnen durch das Gras zog.

Am Ende holte Christoph Eusebius tief Atem, strich über den Scheitel seines Knaben und sagte, furchtsam bittend:

»Amadeusla, gelt, du singst nich mehr?«

Das Kind wagte nicht aufzublicken und nickte nur trauervoll mit dem Kopfe.

Der Vater schlich sich windschief und gedrückt von ihm auf das Bänklein hinter dem Hause, wo man den Oberröhrsdorfer Weg in den Hainwald laufen sah. Dort verharrte er, ohne nach Speise und Trank zu verlangen, wie stumm und taub, bis es stockfinster war.

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