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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/stehr/mandelha/mandelha.xml
typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120207
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4

An diesem Abend lag Amadeus wach, bis das Licht ausgelöscht war. Denn er wollte aufpassen, wie Maruschka in den Himmel fliegen würde.

Draußen stand die blaue Nacht, und das Mondlicht lag im Fenster. Und er sah immer dorthinein, in den weißen Schimmer.

Ganz fern erblickte er goldene, zitternde Zweige, die auf und ab schwankten. Das rührte gewiß von den Engeln her, die der stummen Mutter winkten, daß sie heraufkommen möge. Nun begannen die Zweige gar zu drehen, erst langsam, dann immer schneller, bis es ein blitzender Wirbel wurde. Endlich hatten sie ein kreisrundes, goldenes Türlein in den blauen Himmel gebohrt. Das stieg allmählich höher, und eine silberweiße Straße floß daraus hervor, die Nacht herunter, durch das Fenster in die Stube.

Auf dem Boden über ihm wurden Schritte laut, schwebten die Stiege herab ins Haus, und als sie an der Stubentür anlangten, ging diese von selbst auf. Maruschka trat lautlos ein. Sie hatte ein langes, schleppendes, weißes Gewand an und führte die zwei weißen Ziegen an ihrer Seite. Amadeus verhielt es den Atem. Die Ziegen schnupperten am Boden hin, als suchten sie nach Hälmchen. Als sie aber an die silberblanke Straße kamen, die aus dem Himmel in die Stube hing, stiegen sie auf die Hinterbeine. Seine stumme Mutter wurde lang und fuhr die glänzende Bahn hin durch das Fenster in die Nacht hinaus. Ein Brausen zog hinter ihr drein. Das war bald über dem Dach und versummte zuletzt im Ahornbaume.

Dann lag der weiße Weg in den Himmel wieder ganz vereinsamt da, und es sah nur aus, als ob er fortwährend fließe. Das Türlein in der blauen hohen Nacht draußen wurde nicht kleiner oder finsterer, ob auch noch so viel Silberweg daraus hervorschoß. Nein, es zuckte sogar manchmal ein schärferes Blitzen zwischen den Pfosten des himmlischen Ausganges auf, und jedesmal durchfuhr dabei den Amadeus ein freudiger Schreck, weil er dachte, seine andere Mutter würde nun bald erscheinen und durchs Fenster zu ihm in die Stube hereingleiten. Aber er wartete und wartete vergeblich, und die Finsternis kroch aus allen Winkeln der Stube immer dichter an den silbernen Weg heran und verschlang ihn. Wie leicht konnte der Schatten einmal stärker zupacken und heftiger daran ziehen, daß die weiße Bahn mitten entzweiriß. Dann fand seine Mutter nicht zu ihm durch das Schwarze, und er mußte ganz allein im Bett liegen. Das überfiel ihn so, daß er aus Leibeskräften schrie. Eusebius, dessen Bett in der anderen Ecke stand, hörte ihn endlich und kam heran, um ihn zu beruhigen. Amadeus klammerte sich an seinen Vater und wimmerte immerzu: »Die Mutter. Die Ziegen.« Als der Schneider das Fenster verhängt hatte, schlief das Büblein ein.

Tief am anderen Morgen, da Christophs Arbeit sich schon in lauter Sonne wendete, trat die Stumme an des Amadeus Bett und weckte ihn. Das Knäblein fuhr schnell herum, und als es die Maruschka vor sich sah, erstarrte sein Gesicht in einem Ausdruck, der halb aus Überraschung und halb aus Bestürzung gemischt war. Dann schob er die Hände des Weibes weg, die ihm über die Stirn fahren wollten, und sah sich ratlos in der Stube um. Maruschka war mit demselben Rock wie je bekleidet, sein Vater saß und nähte, und von den goldenen Zweigen, die das Türlein in den Himmel gebohrt hatten, war auch nichts mehr wahrzunehmen. Nur das Fenster stand angelweit auf, und der Lerchengesang klang in die Stube herein. Aha, dachte Amadeus, während ich geschlafen habe, ist meine stumme Mutter wieder hereingeflogen ins Haus. Aber da mußten die zwei Ziegen doch auch wieder daheim sein. Schnell kletterte er aus dem Bett und lief, wie er war, hinüber in den Ziegenstall. Die beiden Tiere standen wirklich in der halben Finsternis hinten an der Wand und drehten die Köpfe nach ihm hin. Er aber getraute sich nicht an sie heran. Um die zwei Ziegen, die gestern abend in den Himmel gesprungen waren, hatte ein heller Schimmer gestanden. Die beiden andern da vor ihm im Stall trugen hartes Haar, das wirr durcheinander lag. Es waren böse Tiere, die sich mit den Hörnern stießen, und jetzt, da er nicht zu ihnen kam, meckerten sie leer und schreiend und stiegen mit den Vorderbeinen auf die Raufe, als wollten sie sich von den Stricken losreißen und auf ihn stürzen. Amadeus flüchtete, so eilig ihn seine Beinchen tragen konnten, in die Stube und kauerte sich in die hinterste Ecke. Dort schloß er die Augen und wartete beklommen, was sich nun ereignen werde.

Eusebius sah wohl, daß sein Junge von etwas Unsichtbarem gejagt würde, daß nicht alles wie sonst bei ihm im Lot sei, und mischte sich lange nicht hinein, mochte Amadeus mit noch so scheuen Augen umherschauen, minutenlang mit blassem Gesicht regungslos an der Wand lehnen und dann bis zu Tränen erschrecken, wenn er angerufen wurde. Zuletzt wurde es ihm mit diesen »Alfanzereien« doch zuviel, und wenn man da beizeiten nicht einen Knoten knüpfte, so gewöhnte sich am Ende das Kind solcherlei Luftnaht an, weil es denkt, es sei schön, und verpfuscht sich seine Zukunft, noch ehe es anfangen kann. Deswegen setzte es der Schneider durch, daß Amadeus übers Anziehen und Waschen in geordneter Laufbahn auf den Fußschemel zu seinem Frühstück kam. Dort hantierte er dann mit dem Töpfchen und dem Brot gar aufmerksam. Eigentlich zu vorsichtig und gemessen, das Köpfchen geneigt, fast wie ein Alter. Und Eusebius dachte bei sich: ein starker Junge; der hat alles von mir! und spitzte seinen Mund noch einmal so froh, als er den Faden näßte, um ihn ins Öhr zu führen. Dann kümmerte sich niemand mehr um den Knaben, der zu essen aufgehört hatte. Die Händchen lagen vor ihm auf dem Stuhle, und sein Köpfchen war noch immer geneigt. Von Zeit zu Zeit nur lugte er unter der Stirn hervor. Denn die Stube da vor ihm, alle Geräte darin, überhaupt sein ganzes Leben waren ihm ganz fremd geworden. Der Ofen hatte am Fuß ein schreckhaft gähnendes Loch, aus dem ehedem die tausend Menschen von Berlin hervorgefahren und mit großem Geräusch über die Dächer weitergereist waren. Heute stand nichts als ein alter Stiefel seines Vaters darin und ließ den Schaft auf die Seite hängen. Die Schemel stemmten ihre steifen Beine hölzern gegen den Boden, und ehedem waren es doch Pferde gewesen, mit denen man nach Hamburg oder Halle reiten konnte. Der Blechtrichter blies nicht mehr so laut, daß man schon springen mußte, wenn man nur darauf sah, und der bauchige Krug, der früher als eine dicke Frau so possierlich im Topfschrank auf und ab marschiert war, streckte starr seine Schnauze von sich und rührte sich nicht, als sei er gar tot.

Amadeus bekam schwer Atem in dieser heimlichen Fremdheit. Dazu schoben sich auf einmal draußen dichte Nebel um das Schneiderhaus, und die Sonne lag darin, daß die Federn der Frau Holle da und dort goldig schimmerten. Durch jedes Fenster flossen blaßgoldene Lichtsträhne in die Stube und hingen bebend in der Luft wie Saiten, auf denen jemand spielt; immer vier nebeneinander, gerade so viel wie Scheiben im Fenster waren. Amadeus horchte, was für eine Musik daraus hervorgehen würde; aber es blieb still. Manchmal stiegen die goldenen Saiten nur gegen die Decke oder sanken zu Boden. Als der Knabe das sah, fiel ihm die Silberstraße ein, auf der Maruschka gestern nacht in den Himmel geflogen war, und er dachte: wenn das nicht aufhört, kann es noch so weit kommen, daß mein Vater auch noch zum Fenster hinausfährt. Aber er verhielt sich doch ruhig, schloß die Augen und lauschte, weil er das Klingen der goldenen Zweige hören wollte, mit denen die Engel die Menschen von der Erde locken. Nachdem er so eine Weile in seiner Nacht gesessen hatte, begann es ganz weit vorüberzuwandeln, so leise und so hoch wie der Ton einer kleinen Glocke. Je näher das Läuten aber in ihm kam, desto mehr vermischte es sich mit einem Rauschen und ging endlich ganz darin unter, daß zuletzt nur ein Geräusch in seinen Ohren war, als wenn der Wind die Kleider eines Menschen treibt. Da wurde dem Amadeus angst bis in seine Seele hinein, denn er meinte, jetzt hätte es seinen Vater gefaßt und trüge ihn zum Fenster hinaus.

Deswegen öffnete er schnell wieder seine Augen und sah nach seinem Vater im Schneidertisch hin. Was er da sah, war zum Erschrecken. Ein kleiner, magerer Mann hockte dort. Sein großer Kopf, an dem vorn eine lange Nase war, hing tief herunter. Alle Augenblicke stieß ein Rucken durch den dünnen Körper, und dann war es jedesmal, als sei das gar kein Mensch, geschweige denn sein Vater, sondern ein großer, schwarzer Vogel, der ohne Unterlaß nach etwas pickte. Niemand anders war schuld daran als der Schnallke-Martin, daß sich sein Vater gar so unähnlich geworden war, weil er ihn gestern so mit den Füßen getreten hatte. Da wurde es ihm weh und weher zumute, was werden sollte, wenn er einen großen, schwarzen Vogel zum Vater habe. Endlich war das nicht mehr zum Aushalten. Er rief mit ausgehender Stimme nach seinem Vater und ließ dabei in Furcht seine Augen wieder zusinken. Ehe er den Ruf noch einmal wiederholen konnte, stolperten schon Schritte über die Diele zu ihm. Er fühlte eine feuchte Hand an seiner Wange herabfahren und dabei sprach eine zirpende Stimme: »Was is dr denn, Amadeus? He, sag och, was hat's denn um Gottes wille mit dir?«

Der Knabe bebte am ganzen Leibe. Denn sein richtiger Vater, ehe der Schnallkejunge mit den Füßen über ihn geraten war, hatte weiche, warme Hände gehabt, und seine Stimme hatte geklungen, wie wenn die Sonne in stiller Sommerluft über uns singt. Darum fürchtete er sich, den Verwandelten anzusehen. Auf vieles Bitten wagte der kleine Mandel endlich, doch seinen Blick ins Licht zu führen. Da sah er das erstemal seinen Vater, wie er war: ein schmales, windschiefes Männchen in einer speckigen Jacke, die auf dachschrägen Schultern hing. Mit langen, dürren Fingern ergriff der jetzt seines Söhnleins Hand und zirpte, sie herzlich pressend: »So ein Tausendsasa! Was du bloß schon aso fir Flausen in deinem Köppel hast.«

Dann stieg er wieder in den Schneidertisch und flatterte weiter. Amadeus aber war noch immer so betroffen von der unbegreiflichen Wirrsal des Lebens, daß er sich nicht zu rühren getraute, weil er dachte, dann könne vielleicht noch etwas Schlimmeres passieren. Die Balken der Decke hingen, als sollten sie jeden Augenblick herunterfallen. Die Maruschka war in den Himmel gefahren und ging mir nichts dir nichts immerfort ein und aus, und er konnte nicht herausbringen, ob es seine Mutter sei oder nicht. Von seinem Vater wußte er nicht genau, reise er mit dem König von Preußen in der halben Welt umher oder habe ihn der Schnallkejunge in einen schwarzen Vogel verwandelt oder sei er bloß ein krummer Schneider. Alles das bedrückte ihn so sehr, daß er aufspringen und hinauslaufen mußte.

Da flogen die Wolken am Himmel. Die krumme Weide schlug mit ihren langen Ästen, als möchte sie für ihr Leben gern mit droben in der Luft reisen. Der Wind warf die Vögel in die Höh', als wären's kleine Steine, und die Bäume neigten sich und fingen sie auf. Aber alles, was Amadeus da sah, passierte ganz weit von ihm, wie in einem andern Lande, und er konnte mit seinen Augen nicht einmal dahin gelangen. Deswegen setzte er sich auf das Bänklein neben der Tür und wartete, daß alles, was er einst gehabt hatte, zu ihm kommen möge.

Allein es wurde Abend und änderte sich nicht. Seines Vaters Stimme klang fremd durch die Wand. Der Hainwald stand blau drüben und rückte immer weiter in die Wiese hinein, daß man kaum seine Stämme mehr unterscheiden konnte, und Amadeus dachte, der Wald wandert fort, und wenn er verschwunden ist, bin ich ganz, ganz allein. Eben, als er das sann, sah er hoch in der Luft einen Schwarm Krähen ziehen. Über dem Ahornbaum, unter dem er saß, schwenkten sie ein paarmal im Kreise umher, und in der Mitte war eine, die wäre gern heruntergeflogen und hätte sich in den Zweigen niedergelassen, aber die andern rissen mit lautem Geschrei an ihr, daß sie davon abließ und mit den übrigen weiter in der Höhe dahinschwamm, bis sie alle in den Wipfeln des Waldes verschwanden. Vielleicht war sein Vater doch ein Vogel geworden und wollte gern wieder herunter in sein Haus. Aber die andern ließen das nicht zu und hatten ihn mit sich fortgenommen.

Das preßte dem Amadeus so die Brust ein, daß er an seinem Atem gestorben wäre, hätte er nicht angefangen zu singen. Er ließ die Augen zufallen und hing sich mit seiner ganzen Seele an seine Stimme. Die führte ihn sachte aus seiner Angst heraus in eine Welt hinein, die er noch nicht gesehen hatte, und wenn er so oder so sang, wurde Himmel oder Wolke oder Wald oder sein Vater oder seine Mutter, alles, wie es gewesen war und noch viel, viel schöner.

Endlich, als es schon ganz dunkel geworden und die Zeit zum Schlafengehen herangekommen war, trat der Mandel-Schneider zu seinem Söhnlein und fragte, was er Schönes singe. Aber Amadeus konnte nicht sagen, was ihm geschehen sei, sondern fiel seinem Vater um den Hals und preßte sich an ihn.

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