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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/stehr/mandelha/mandelha.xml
typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120207
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3

Länger als andere Kinder lebte Amadeus in wunderbaren Gesichten. Aber auch bei ihm fügte sich aus Morgen und Abend der erste Tag, und er erwachte zum Leben der andern.

Wie immer saß er mit einem Töpfchen Milch und einer Schnitte Brot, seinem Frühstück, auf der Fußbank vor dem Stuhle und sah durchs Fenster. Alles bisher traumhaft Vertraute kam ihm rätselhaft vor.

Die Weide auf dem Wiesenplan, die er schon so oft gesehen hatte, stand krumm da, als blicke sie sich auf die Füße.

»Warum steht der Baum auf der Wiese?« fragte er seinen Vater.

»Weil sie ihn hingepflanzt haben.«

»Warum haben sie ihn hingepflanzt?«

»Wegen dem Schatten.«

»Was ist das: Schatten?«

»Das ist schwarz und kühl und liegt unter dem Baume.«

»Wem gehört der Schatten?«

»Dem Baum, Amadeus.«

Dann nahm der Kleine einen Bissen Brot und einen Schluck Milch. Er rückte herum und sah des Nachbars rotes Ziegeldach.

»Wem gehört das rote Dach?«

»Dem Bauer Schnallke.«

»Warum ist der kein Schneider?«

»Weil er Kühe und Pferde hat.«

»Warum wohnt er neben uns, und wir haben keine Kühe und Pferde?«

»Er gehört zum Dorfe, Junge.«

»Heißt das Dorf auch Schnallke?«

»Nein, es heißt Röhrsdorf, liegt im Kreise Mittelschwer und gehört zum Königreich Preußen.«

Nach einer Weile bückte sich Amadeus und schaute durch das kleine Fenster hinauf in den Himmel, um zu sehen, wie hoch das Königreich Preußen ginge.

»Wohnt dort der König von Preußen?«

Christoph Eusebius stieg aus dem Schneidertisch, bückte sich auch und blickte an dem Arm des Kleinen entlang.

»Nein, Amadeus, das ist kein Haus, das ist der Lange Busch.«

»Aber dahinter wohnt der König.«

»Nein, da wohnt deine Muhme, und wenn du groß bist und fleißig lernst, so gehen wir durch den Busch einmal zu ihr.«

Eusebius stieg wieder in den Schneidertisch und schmunzelte, daß Amadeus ein so geweckter Junge sei. Der Kleine vollendete gedankenvoll sein Frühstück. Dann sah er wieder aufmerksam und gründlich zu jedem Fenster hinaus. Zuletzt schüttelte er das Köpfchen und fragte beklommen:

»Gehört das Dorf Röhrsdorf uns?«

»Freilich, Amadeus«, antwortete der alte Mandel, »denn wir wohnen ja drin.«

Dieser Aufschluß vertrieb die Kümmernis von des Jungleins Gesicht, und aufgehellt verließ er die Stube.

Draußen stieg er, nicht allzu weit vom Hause, auf einen Haufen Lesesteine, um zu erforschen, wie groß seines Vaters Dorf sei. Jedesmal, wenn er ein Haus erblickte, sagte er: »Röhrsdorf«, und je mehr Dächer vor seinem erstaunten Auge auftauchten, desto froher wurde er, und zuletzt sang er den Namen seines Heimatortes, seines Vaters und flocht auch ein Lied vom Könige von Preußen ein. Das, was er sang, stürmte ganz unbändig, solange es in seiner Nähe war, sobald es aber immer tiefer in die helle Luft hineinflog, wurde es immer glänzender, ihm fremder. Und nichts war imstande, sein Lied zu hemmen. An den Grashalmen glitt es hin, daß sie zitterten, die Bäume berührte es, daß sie grüner wurden, und gar bis an die rote Sonne reichte es hinauf und schien dort oben aus dem Feuerrad an der blauen Decke tiefe, friedsame Laute loszulösen. Manchmal war es, als sänken diese Klänge gerade aus dem Himmel herab, dann wieder kam es ihm vor, als würden sie über den Hainwald hinübergetragen. Nun erkannte er deutlich, daß es die Glocken von Neudeck seien, und schwieg bestürzt, weil er meinte, seine Stimme habe sie ausgestoßen und sie müßten läuten, solange er singe. Wirklich verstummten sie nach einer Weile, und Amadeus dachte, wenn er der König von Preußen wäre, dann hätte sein Singen solche Gewalt, daß es die Kirchenglocken der ganzen Welt weckte. Auf der Straße drüben fuhr hin und wieder ein Wagen nach Berlin oder Hildesheim. Und Amadeus erkannte, wenn er ein König werden wolle, der die ganze Welt mit seiner Stimme beherrschte, müsse er erst eine Stadt haben. Darum stieg er von dem Steinhaufen herunter und errichtete aus großen Steinen einen Wall, hinter dem er Hildesheim erbaute. Hohe, schmale Steine waren die Türme; lange, plumpe Brocken bildeten die Häuser. Da waren auch kleine Häuschen, putzige Knötchen, daß Amadeus lachte, wie Leute so dumm sein könnten, darin zu wohnen. Als er auf dem Steige eine weggeworfene Streichholzschachtel fand, war ihm um Leute und Glocken nicht mehr bange. Er brach das Schüblein auseinander und hatte vier Leute: zwei große und zwei kleine. Der eine lange Span war die Frau, die aus der Stadt läuft, weil sie darin zu sehr mit den Glocken läuten.

Sie stand vornübergeneigt nahe beim Wall. Damit sie hinauskäme, nahm er einen Stein aus der Stadtmauer und hatte nun das schönste Tor. Die kleinen Spänchen, die Kinder des Weibes, die mit ihrer Mutter flüchten wollen, sind hingefallen und liegen jämmerlich vor der Stadt, auf deren längstem Turme die Glocke wackelt, die Hülse an dem queren Hölzchen. Amadeus gönnt ihr keine Ruhe. Immer stößt er sie mit dem Finger an und läutete mit seiner Stimme dazu, ob auch die Frau ganz verzweifelt ist und ihre armen Kinder auf der Nase liegen. Allein, nun soll doch sein Vater nach Hildesheim hereinkommen, und es ist noch keine Brücke über die alte Wasserfurche gebaut, damit er über den großen Fluß könne. Amadeus hält den reisigen Eusebius, den andern langen Span, in der Hand und weiß einen Augenblick nicht, wie da zu helfen sei. Wie er so über den Wiesenplan nach allen Seiten ausschaut und denkt: es muß doch wer aus Berlin oder Hamburg kommen, ruft es von des Schnallkebauers Schuppen her: »Schmiedla, hier!« und bald läuft hinter einem Spitzhündchen, das im Grase tanzt und komisch bald das eine, bald das andere lange Ohr umklappt, des Bauern kleiner Junge. Als der den Amadeus erblickt, schreit er noch viel lauter nach seinem Hunde. Der kleine Mandel, der neben Hildesheim steht und seinen Vater in die Steine gesteckt hat, wünscht sich, Schmiedla, der Spitz, möchte herkommen, damit er ihn streicheln könne. Aber er rührt sich nicht, und auch als der Hund bei ihm ist und an seinem Bein hinaufschnobert, greift er ihn aus einer unbehaglichen Empfindung nicht an, die ihm der Schnallkejunge einflößt. Das ist ein strunkiger, kleiner Mensch mit einer Knopfnase und einem verwegenen, gesunden Gesicht. Seine braunen Haare stehen durcheinander wie die Borsten eines zerstrichenen Butterpinsels, mit dem man die Kuchenbleche einfettet, und das eine Lederhöslein ist unten ohne Schnüre.

Als er herangekommen ist, ergreift er den Hund an den längeren Haaren des Halses und fragt:

»Bist du etwa der Schneiderjunge?«

Amadeus antwortet nicht, setzt sich neben die Stadtmauer und deckt seinen Vater zur Vorsicht mit der Hand zu. Diese Schweigsamkeit ärgert den kleinen Bauern offenbar, und um zu beweisen, was er für ein Mensch sei, sagte er:

»Die Wiese gehört uns. Dort ist unser Hof, und dort ist unser Korn.«

»Und die Weide?« fragt Amadeus.

»Die gehört auch uns.«

Der kleine Mandel lacht; denn er weiß es besser. Da ereifert sich der Schnallkejunge und ruft laut: »Der Baum und der und der dahinter und die andern und der ganze Busch, alles, alles gehört uns, und ich heiße Martin Schnallke.«

Er läuft um den Steinhaufen herum und zeigt auf die ganze Welt. Als er an Amadeus vorbei will, greift ihm dieser an die Hosen, um zu erkunden, aus was für Stoff sie seien.

Eigentlich wollte Martin nach Hause laufen, um seinem Vater zu klagen, es sitze draußen auf der Vorderwiese ein Junge, der nicht glaube, daß alles dem Schnallkebauer gehöre. Als er aber des kleinen Schneiders Hand an seinem Bein fühlt und ein Verwundern in dessen Gesicht gewahrt, beruhigt er sich und sagt gewichtig: »Ja, ja. Das sind Lederhosen. Glaubst du etwan, die sein nich meine?«

Amadeus deckt die Hand noch fester auf seinen Vater und fragt: »Wem gehört das Dorf?«

»Unser Dorf?«

»Nu ja, Röhrsdorf?«

»Doch nich etwan dir?«

Nun ist des kleinen Mandel großer Augenblick gekommen. Er erhebt sich und sagt mit tiefstem Ernst:

»Das gehört dem König von Preußen.«

Da erschrak der Schnallke-Martin doch sehr und setzte sich neben Amadeus, und der erzählte ihm vom Königreich Preußen. Das ginge bis an den Himmel und hinter dem Walde, noch viel weiter als seine Muhme wohne der König von Preußen, der Hosen habe, so weit wie Kornsäcke, gar nicht zu Hause zu sein brauche wie die andern Menschen, sondern immerfort mit allen Eisenbahnen fahre.

Dann spielten sie »Hildesheim«. Der Schnallke-Martin wurde der Glöckner von Hildesheim und freute sich, daß die Frau fortlief, und daß die Kinder da lagen und schrien. Er wackelte mit der Streichholzschachtel in einem fort und läutete mit seiner Stimme, so laut er konnte, um die armen Kinder recht bis in den Tod zu ängsten. Amadeus aber führte seinen Vater unter vielen Gefahren durch den unaufhörlichen Graswald gen Hildesheim und ließ ihn dort am Tor mit dem Weibe ein ganz artiges Gespräch führen.

Der Spitz »Schmiedla« aber lag in dem Graben ob der Stadt und schlief. Wenn die Glocke einmal gar zu stark läutete, richtete er sich ein wenig auf, hielt den Kopf halb schief und steifte das obere Ohr.

Das wäre mit dem Hildesheimspiel nun schön den ganzen Tag lang gegangen, wenn der Martin nicht auch hätte einmal den Handwerksburschen führen wollen. Amadeus konnte das aber nicht zugeben, weil es doch sein Vater war. Er sagte davon zwar nichts, sondern stellte sich nur vor die Wasserfurche und schützte den Eusebius, der auf seinem Marsche von Berlin her eben tief im Graswalde steckte.

Nach manchem Hin und Her verlor Martin endlich die Geduld, stieß ganz Hildesheim um, suchte den Handwerksburschen auf und stampfte ihn unter Schimpfreden in die Erde. Als Amadeus seinem Vater so übel mitspielen sah, stürzte er, um Hilfe schreiend, auf den Schnallkejungen. Der aber gab dem kleinen Mandel noch eins vor die Brust und begann dann über die Wiese zu traben, weil in des Schneiders Hause die Tür knackte.

Eben hatte er die Schuppenecke erreicht, als Eusebius auf dem Plan erschien. Er bemerkte wohl gleich, wer der Schuldige an dem Handel gewesen sei. Anstatt aber dem kleinen Unhold zu Leibe zu gehen, machte er sich über seinen Jungen her, der am Boden lag und unter Geschuchz ein zertretenes Spänchen aus der Erde grub. Auf alle Fragen, was der Martin mit ihm vorgehabt habe, rief er nur immer verzweifelt: »Er hat ihn zertreten.« Mehr war durchaus nicht aus ihm herauszubringen. Deshalb hob ihn Eusebius auf und gängelte ihn dem Hause zu. Ehe er aber unter der Tür verschwand, kam seine Ruhe doch zum Platzen, und er schoß gegen Martins Kopf, der von Zeit zu Zeit hinter der Schuppenecke hervorkam, einen heidenmäßigen Hagel von Verwünschungen und Drohungen ab. Als er aber einmal absetzte, um Atem zu holen, schrie der Schnallkejunge aus seinem Versteck: »Fabelaffe! Fünfzehnschneider!«

Da fand es Eusebius für geraten, das Feld zu räumen, damit sein Sohn von diesen respektwidrigen Worten nicht noch mehr zu hören bekomme; denn wer mit heißem Eisen zu lange an einer Stelle bügelt, verbrennt das beste Gewebe.

Drin empfing Maruschka den Geschlagenen, reinigte seine Höschen vom Staube und tröstete ihn mit herzlichen Gurgellauten. Den Eusebius stachelte sie durch Faustbewegungen zur Rache auf. Der sah eine Weile in ihr erregtes Gesicht, auf ihre fliegende Brust und zwinkerte mit den Augen, wie es seine Art war, wenn ihm etwas nicht geheuer vorkam. Dann trat er auf sie zu und drückte ihre Arme an dem Körper herunter. Das sollte heißen: Geh und mach deine Arbeit!

Und das tat der Schneider, obwohl es selbst noch in ihm rumorte. Aber es war ihm unmöglich, diese nackten, prallen Arme vor sich zu sehen, denn dann hätte er hinausstürzen und aufs neue laut schreien müssen, und doch wurde es nicht besser, als seine Hände des Weibes weiches, heißes Fleisch berührten. Nein, ihn packte einen Augenblick gar etwas wie die fliegende Sucht. Deswegen ließ er die Stumme los und stieg kopfschüttelnd in seinen Schneidertisch. Dort nähte er die ganze Geschichte in den Ärmel, den er eben vorhatte, seinen Zorn auf der Wiese und das Zittern in der Stube. Seine Nadel beschrieb lange, jähe Stöße, und sein Gesicht war gerötet wie damals, als er Napoleon die Arbeit aufgesagt hatte. Das Licht in der Stube schwankte wie trunken, und die Luft darin war dick, daß sie kaum durch Mandels Lunge ging. Als Maruschka die Stube verließ, um im Garten zu schaffen, hörten die Sonnenringel auf, über die Diele zu tanzen, und alles kriegte wieder sein gemessenes Aussehen. Der Schneider richtete sich von der Arbeit auf und suchte mit den Augen seinen Jungen. Der lehnte im Winkel neben dem Topfschrank. Sein Gesicht war blaß und erschreckt, und seine Blicke lagen schmerzvoll auf seinem Vater, als sei eben etwas Schlimmes passiert, was er nicht begreifen konnte. Mandel legte die Jacke hin und führte den Verschüchterten an den Stuhl. Währenddessen redete er gütig auf ihn ein. Er verbot ihm, je wieder mit dem Martin zu spielen, der den Teufel im Leibe habe und eines Vaters Sprosse sei, der sich zwei Weiber halte. Und wenn er ihm verspreche, nie wieder ohne Erlaubnis sich herumzutreiben, so kaufe er ihm eine Tafel und einen Stift, daß er schreiben und malen könne, was ihm einfalle.

Der kleine Amadeus saß neben dem Stuhl auf dem Fußbänklein und hörte auf alles, was sein Vater sagte. Als der aber wieder in seinem Schneidertisch saß und sänftlich mit der Nadel hantierte, begannen aus den Augen des Knaben die Tränen wieder ganz stille zu fließen. Denn er war traurig, daß der Schnallkejunge zwei Mütter habe und er bloß eine, die noch dazu weder sprechen noch singen konnte. Dabei war es doch ein ausgemachter Teufelsjunge, der ihm Hildesheim umgestoßen und seinen Vater zertreten hatte. Und als er bei diesem Punkt angekommen war und seinen Vater von der Seite unauffällig ansah, schien es dem Amadeus auch nicht mehr ganz gewiß, daß ihm Röhrsdorf gehöre.

Seine Welt hatte einen Stoß erhalten. Ein Gleiten und Anderssein kam über alles in seiner Seele. Das war manchmal so stark, daß er sich nicht getraute, aufzustehen, wenn er saß, und nicht den Mut hatte, stillezustehen, wenn er rannte. Nicht anders als in eine Fremde war er gekommen, und doch stand seines Vaters Stube um ihn wie immer.

Beim Abendbrot sah er plötzlich von seinem Teller auf und richtete seine blaßblauen ruhigen Augen lange auf die stumme Maruschka.

Dann fragte er seinen Vater:

»Warum kann die Maruschka-Mutter nicht reden und ich kann?«

»Deine Mutter ist im Himmel«, antwortete Eusebius und kehrte dabei sein Gesicht ab, damit seine Wirtschafterin ihm nicht die Worte vom Munde absehen könne.

»Ist die Maruschka-Mutter nicht meine Mutter?« fragte Amadeus weiter.

»O ja, sie ist auch dein.«

Darüber geriet der kleine Mandel in große Freude.

»Dann habe ich auch zwei Mütter wie Martin«, rief er, »und du hast auch zwei Weiber wie der Schnallkebauer.«

Eusebius antwortete darauf nichts, trat ans Fenster und fuhr sich mit dem Taschentuch übers Gesicht. Bei seiner Rückkehr zwinkerte er noch immer mit den Augen und sagte, es sei ihm eine Mücke hineingeflogen. Maruschka, die seine Worte auch verstanden hatte, wollte ihm das Tierchen herauswischen und streckte schon die Hand nach ihm aus. Aber um alles in der Welt hätte es der Schneider jetzt nicht ertragen können, daß sie ihn angriff. Er schüttelte den Kopf, ging hinaus und lehnte sich über den Zaun. Der Himmel war schon tiefer blau von der nahen Nacht, und hinter dem Wald des Langen Busches stieg ein weißes Glänzen herauf. Dorthinein verlor sich des Mandel-Schneiders Sinnen.

Maruschka wartete eine Weile, daß Mandel zurückkehre und sein Abendbrot vollende. Als er aber zu lange ausblieb, ging sie auch hinaus und stellte sich zu ihm. Amadeus blieb allein in der Stube zurück, denn er war gar zu glücklich, daß er nun auch zwei Mütter hatte wie der Schnallke-Martin. Und er dachte bald an die eine und bald an die andere. Wenn er die Augen zumachte und über die Stumme nachsann, so wurde das Dämmern in der Stube noch grauer, und die Wände fingen an, ein tiefes, eintöniges Brummen auszuströmen. Lenkte er aber sein Träumen auf die andere Mutter, die nach seines Vaters Worten im Himmel wohnte, so tauchte sich alles in ein weißes Licht, und ganz ferne hörte er Klingen und Singen. Deswegen wünschte er sich, die beiden möchten miteinander tauschen, daß auch seine himmlische Mutter einmal bei ihm sei, ihm gutes Essen koche, seines Vaters Geschichten höre und ihn am Händchen herumführe.

Das letzte Fünkchen Sonne war schon lange erloschen, als Mandel und Maruschka ins Zimmer zurückkehrten. Sie zündeten Licht an und fanden Amadeus noch auf dem alten Platz am Tisch. Er lag mit dem Kopf auf seinen Armen und schaute aus großen, stillen Augen geradeaus. Maruschka trat herzu, um ihn zu Bett zu bringen. Bei ihren begütigenden, formlosen Lauten schrak er leicht zusammen. Dann schloß er die Augen und war nicht mehr zu bewegen, sie zu öffnen.

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