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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 3
Quellenangabe
pfad/stehr/mandelha/mandelha.xml
typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120207
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2

Als Christoph am siebenten Sonntage wieder verstohlen den Strauß frischer Blumen auf seines Weibes Grab gedrückt hatte, haderte er nicht mehr so bitter mit dem Geschick, das sie ihm entrückt hatte, und begann, sie demütig dem Herrn zu gönnen.

Bis jetzt hatte er den braun und schwarz gestreiften halbwollenen Rock und die blaugeblümte Jacke, die Agathe am letzten Sonntage ihres Lebens getragen, an dem Wandrechen neben ihrem Bette hängen lassen, um die tröstende Täuschung nicht zu entbehren, sein liebes Weib könne jeden Augenblick über die Schwelle treten und wirtschaftend durchs Haus gehen wie sonst, als sei der Tod nichts als ein langer Kirchgang gewesen. Nun legte er die Sachen in eine Kiste, deckte Zeitungspapier darauf wegen der Motten, nagelte den Deckel mit langen Schindnägeln fest und stellte die Kiste auf den Boden in einen Winkel.

Diese Aussöhnung mit dem Schmerze verwischte langsam das Totengesicht, mit dem ihn die Gestorbene aus seiner Seele herauf ansah, und mehr und mehr erblickte er sie in allem, worauf beider Augen im Leben geruht hatten. Sie schaute mit dem Licht, das hinter den Bergen hervorging, in seine Stube; das Wässerlein unter der Weide hatte ihre Stimme; die Blumen blickten ihn mit ihren Augen an. Sie summte im Rauschen des Ahornbaumes in seine Träume.

Sein Zwirn fand wie in den guten Tagen wieder von selbst das Öhr. Die Nadel hüpfte regsam auf und ab, und beschlich ihn ja einmal das Leid, so durchlöcherte er es kreuz und quer und schnürte ihm mit dem Faden den Dampf ab. War er solch schwerer Heimsuchungen ledig, dann spann er an den Hoffnungen weiter, die so jäh abgerissen worden. Denn der Pfarrer hatte seinem Knaben den schönen, reichen Namen Amadeus nicht abgestritten, sondern nur gütig dazu gelächelt. Das war doch so, als sei dem Kinde nun die Tür sperrangelweit aufgetan in die weite, reiche Welt, und wenn es groß geworden war, durfte es nur hingehen und mit seinen zwei gesunden Armen raffen nach Herzenslust. Manchmal ward er ganz verzückt über das Glück, das seinem Amadeus einmal beschieden sein könnte. Er warf die Arbeit in den Schneidertisch, nahm den Kleinen in die Arme, zeigte ihm die Sonne, die Blumen, den Himmel und sagte, dort oben sei seine Mutter.

So teilte sich Christoph Eusebius' Leben zwischen seiner Arbeit und seinem Kinde. Am liebsten aber war er bei ihm und vergaß, daß es ein Gasthaus gäbe, darin zu sitzen, und Männer, mit denen man plaudern könne zu seinem Vergnügen. Trug Maruschka den Knaben im Garten vor seinen Fenstern, so hatte er auch teil an ihrer Freude. Da der armen Ziehmutter Mund verschlossen war, wurde der kleine Amadeus nicht so zeitig eingefangen von dem Menschenworte und blühte und sog sich tief hinein in die tausend Lieder, die sich Gott selber vorspielt mit den Bäumen, den Vögeln, dem Wasser und dem Wind. Bald war es möglich, ihn auf den Ziegen reiten zu lassen, indem man seine Achseln unterstützte. Aus dem Kleidchen sprang er ins erste Höschen. Da war er ein richtiger Junge, trieb sich mit einem Stecken im Garten umher und blies auf den hohlen Stielen der Maiblume.

Viel Zeit, und das blieb die schönste seines Lebens, zum Glück und auch zum Kummer, saß der kleine Amadeus neben seinem Vater im Schneidertisch. Wenn ihn der hereinhob, drückte er allemal einen Kuß auf seinen blonden Scheitel, und seine Blicke lugten dann wohl eine Weile bewegt durch den Spalt des Jetzigen auf das, was gewesen war. Allein lange tauchte Eusebius nicht in die Schatten. Denn so ein Schneider bekommt überhaupt in seine Seele etwas von der Nadel, die er handhabt, so etwas scharf Entschlossenes, das wohl freilich bei manchen in komische Eitelkeit umschlägt. Und wie das spitze, glänzende Eisenlänzlein eilig und sicher aus wirren Haufen von Flecken ein gemessen ordentlich Kleid zusammenheftet, gelingt es vor allem dem Schneider, die bunten Zufälle seines Lebens zu einer wohlgeordneten Welt zu verwerten und um sich auszubreiten. Dem Christoph Eusebius glückte das noch besser, und das gerade darum, weil er eigentlich, mit Respekt zu sagen, nur Flickschneider war. Denn aus diesem Grunde brachte er sein Sinnen niemals ganz in seinem Werke unter. Mit dem Besten seiner Seele, während er mit überschlagenen Beinen bastelte, wandte und drehte er an seinem Leben herum, bis eine ganz außerordentliche Weltfahrt daraus geworden war, die ihm wohl gestattete, sich ihrer zu freuen.

Da erzählte er denn manchmal dem Amadeus davon. Am besten aufgelegt war er, wenn er auf seinen Hildesheimer Ritt zu sprechen kam. Dieser bildete überhaupt den Glanzpunkt seines Lebens.

Also sagte er:

In Berlin ist die Hauptstadt der Welt. Da gibt es so viele Menschen, daß sie auf der Gotteserde nicht Platz haben, und deswegen reisen wohl tausend fortwährend über die Dächer; andere fahren zum puren Vergnügen in tiefe Löcher hinein und kommen wohlbehalten auf der andern Seite wieder heraus. Dort wohnt auch der Kaiser, wenn er zu Hause bei seiner Kaiserin ist. Mehrenteils aber kutschiert er umher und hält die Welt imstande. Also sah ich ihn nicht, und weil sie damals die Hosen in Berlin gar so weit machten, gefiel mir's nicht lange, und ich schnürte meinen Ranzen, um mir Frankreich anzusehen. Ging und ging. Endlich steht wieder eine solche Stadt vor mir, und die Glocken läuten so laut von den Türmen, daß man meinen konnte, alle Leute hingen an den Stricken und zögen aus Leibeskräften. Wie ich ein Weib frage, das so eilig läuft, als mache sie sich vor dem Lärm aus dem Staube, wie die gute Stadt mit dem starken Geläut heiße, so sagt sie: Hildesheim und rennt weiter. Aha, denk' ich: Hildesheim, ein feiner Name! und gehe hinein und frage nach Arbeit. Bekam sie auch in einem schönen Hause bei einem Meister, der einen Bart wie Napoleon hatte. Das aber ging mir im ersten Augenblick wider den Strich; denn denen der Bart quer wie eine Säge und lang wie ein Stemmeisen steht, die sind allemal auf des Teufels Seite gewachsen. War auch so. Denn kaum hatte ich mich hingesetzt, so zerbrachen mir drei Nadeln. Auf diese Art bekam ich gleich wieder Feierabend, denn Napoleon meinte, zum Nadelzerbrechen brauche er keinen Gesellen, dazu seien die Lehrjungen da. Des war ich ganz zufrieden. Bei einem Schneider, der nicht genug Nadeln im Schube hat, steht der Gerichtsvollzieher schon hinter der Tür. Das halte aus, wer wolle, sagte ich und befand mich in einem Augenblicke auf der Straße. Da hatte ich, was ich haben wollte; auch fand ich nicht lange danach die Straße, die nach Paris führt. Wie ich so geh' und die Steine zähle, die am Graben hin stehen, und denke, wieviel tausend wohl an mir vorbeirennen müssen, ehe ich die ersten roten Hosen sehen werde, macht's hinter mir: Trapp, trapp und wieder trapp, trapp. Ich drehe mich um. Da kommt ein lediges Pferd daher. Kein Mensch weit und breit zu sehen, und die Zugblätter schleift es auf der Straße. Ich lasse es ein wenig an mir vorbei, laufe ihm dann nach und ergreife ein Zugblatt. Da meint das Pferd, der Wagen sei hinter ihm, und bleibt stehen. Es war ein Brauner und so gut gefüttert, daß ihm die Taler auf den Backen standen. Nun ich es klatschte, sieht es mich an und blinzt mit den Augen, als kenne es mich schon lange. Darum binde ich die Zugblätter herauf, führe es an einen Stein und schwinge mich auf den Rücken. Im nächsten Dorfe fragst du nach, wem es gehört, denke ich. Denn ich wußte wohl, daß der Herrgott keinem Handwerksburschen so mir nichts dir nichts einen spiegelblanken Braunen schenkt. Gehörte es niemandem, so wollte ich nach Frankreich reiten wie Blücher. Indessen lass' ich mein Roß den Stecken kosten. Da wirft es die Erde unter sich fort wie einen Pfefferkuchen, und die Bäume neben mir ducken sich förmlich, wenn ich vorbeisause. Das ging bis zum Abende, und ich fühlte weder Hunger noch Durst, denn wenn ich so rechts und links über das Feld sah, das sich langsam drehte wie ein bunter Mühlstein, war es mir nicht anders, als gehörte mir alles.

Endlich sah ich den ersten Stern über mein Mützenschild lugen. Häuser und Höfe hüpfen vor mir auf und nieder, und Leute stehen an den Türen und machen große Augen. Ich reiße mein Pferd an der Halfter, daß es Funken gibt, und ehe ich mich's versehe, komme ich herunter. Als alles wieder in Ordnung ist, frage ich christlich nach dem Eigentümer meines wackeren Reisegenossen. Nicht lange, so stand ein Mann vor mir wie aus Bohlen und Balken zusammengeschlagen und sah mir fest ins Gesicht. Als er bemerkte, ein wie guter, handfester Kerl ich sei, schmunzelte er und reichte mir unter vielem Dank seine fette, große Hand und sagte, das Bräunlein gehöre ihm. In meiner Hand aber ließ er einen harten, blanken Mansfeldischen Taler zurück. Ich war mit dem Handel zufrieden, denn ein ehrlicher Taler ist besser als ein gestohlenes Pferd.

»Bist du denn nach Frankreich gekommen?« fragte Amadeus, wenn Eusebius an dieser Stelle abbrach. Aber da sagte der Schneider weder ja noch nein, sondern fuhr fort: Das war ähnlich wie in Köln, oder das lief auf dasselbe hinaus, wie ich in eines Schlächters Hof gelaufen, der halbwegs gen Hamburg steht. So blieb es auch unentschieden, ob Christoph Eusebius je Hamburg gesehen hatte. Für den kleinen Amadeus aber wurde der Name gemach wie ein großes, leuchtendes Tor, hinter dem alle Wunder leben, und sein Vater, der bald dort gewesen wäre, erschien ihm merkwürdiger als alle Menschen. Der Schneider ging also über dies Faktum, das sein Söhnlein solchergestalt aufregte, in der strengen Sachlichkeit eines weitgereisten Mannes bald zu einem neuen Abenteuer über, und während dem Büblein die goldenen Berge Frankreichs noch vor den Augen lagen, merkte es wohl an seines Vaters Nadel, dieser sei in Gedanken schon wieder fortgereist. Denn je nachdem Christoph Eusebius von dem Dom zu Köln, von den Salzbergwerken zu Halle, dem weiten Meer oder einem Walde, der gar kein Ende nahm, erzählte, führte er seine Nadel so oder so. Alle seine Wanderschaften nähte er in die Kleider, die ihm die Leute brachten. Das schlug nun manchmal durchaus nicht zu seinem Vorteil aus. Denn wenn er einem Bauer hinten in die Hosen den großen, ebenen Platz vor dem Berliner Königlichen Schloß genäht hatte, so wollte der freilich die überstarke Rundung nicht zugeben, die einem rechten Bauern dort von selbst wächst. Und wenn der Landmann dennoch seinen Willen durchsetzte und, die Beine spreizend, in die Knie fiel, mußte der König von Preußen eben nachgeben und seinen schönen Platz in Fetzen gehen lassen. Nicht viel besser ging es mit andern Abenteuern aus, die der Mandel-Schneider in ander Leuts Sachen unterbrachte, und sein Ruf nahm eher ab als zu. Doch gab es immer noch genug Menschen, denen er zu Dank arbeitete. Seine Nadel spießte Pfennig auf Pfennig aus den Taschen der Kunden, erwarb Balken um Balken seines Hauses, brachte ihn recht und schlecht durchs Leben und gab ihm reichlich Gelegenheit, seines Söhnleins Seele mit bunten, seltsamen Geschichten und Träumen zu füllen.

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