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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 28
Quellenangabe
pfad/stehr/mandelha/mandelha.xml
typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120207
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27

Nicht nur der schon fast zum Ausgedinger seiner einst so hoch geschwungenen Lebenshoffnungen gewordene Lehrer Wudhof wurde in diesen eilfertig dem höchsten Sonnenstand des Jahres zustrebenden Wochen von den Glückswirbeln des Lern- und Musiktreibens, in denen sich sein kleiner Zögling tummelte, bis zur Rückverwandlung in sein wahres Wesen ergriffen. Auch für Christoph Eusebius kam der Tag, an dem er durch seinen Einzigen bis in sein nur noch grämlich schlagendes Schneiderherz hinein erschüttert und noch einmal in einen neuen, letzten Tanz seiner einst so unerschöpflichen Bildkraft gedreht werden sollte.

Seit der Berührung mit den Todesschatten, die ihm der Mandelweber angekündigt hatte, schien dem Meister jene Kraft, sich durch den Zauber seiner Seele all die wundersamen Geschichten zusammenzufügen, in denen er sich vor sich selber und der Welt wie in einer schimmernden Wolke verbergen konnte, ganz gebrochen zu sein. Wie ein Schiffbrüchiger am Strande saß er Tag für Tag auf seinem Schneidertisch und sann selbstverloren in die Welt hinaus, in der sein Amadeus, ohne daß er etwas davon ahnte, längst munter darauf losmarschierte, sich darin zwischen Zahlen, Buchstaben und himmlischen Klängen auf die krause Art der verträumten Mandelsippe zurechtzufinden. Nichts als eine drohende Weite, nach der er hinschauen mußte, obgleich er sich dagegen wehrte, sog von ferne an ihm. Die Wege, die aus dem Langen Busch nach Röhrsdorf führten, hingen vor seinen Augen wie graue Bindfäden wirr aus der grünen fernen Höhe herunter und verknoteten sich zwischen Feldern und Hecken. Die Straße vor seinen Fenstern buckelte leer und reizlos vorbei, und während vieler Stunden tauchte höchstens einmal der Fuhrmann Schilling auf, der breit und grobschlächtig neben seinem Gefährt hinwatete. Und der Anblick der alten Mahlingen, die, einzig mit ihrem blasenden Husten beschäftigt, vor ihrem kleinen Kramladen hockte, war auch nicht danach angetan, des Eusebius Gemüt aufzuheitern. Zwar erscholl von den Ernteplätzen tiefer hinaus dann und wann der rauhe Ruf eines Bauern oder das Gelächter der Mägde – aber alles das traf den Schneider nüchtern, abgerissen. Umsonst blinzte er mit den versteckten Äuglein. Dabei hungerte er förmlich danach, daß ihm von irgendwoher ein Eindruck käme, ein glänzender Faden zufliege, der ihn für eine Weile wenigstens die Öde in sich vergessen ließe.

Eines Tages, als der Mandelschneider wieder so verstockt bei seiner Arbeit saß, war es ihm, als trete ein linder, lichter Mensch an ihn heran und lege die Hand auf seine Achsel. Der Meister fuhr auf und meinte, es habe wer durch das offene Fenster herüber an seine Schulter gerührt und wolle ein Gespräch mit ihm beginnen oder ihm seinen Gruß entbieten. Aber wie er sich umdrehte, war das Fenster leer, und er wußte nicht, was das zu bedeuten habe. Kopfschüttelnd langte er wieder nach der Nadel und zog den Stich fest, da glitt ein leises Klingen durch die Stube, und wie Christoph Eusebius nach der Richtung schaute, von woher dieser weiche Wohllaut erklungen war, sah er seinen Amadeus unter dem anderen Fenster über den kleinen Tisch gebeugt sitzen, daran er zu spielen oder seine Schularbeiten zu verrichten pflegte. So andächtig und versunken hockte der Knabe dort, als gälte es, einer geheimnisvollen, doch zugleich höchst beglückenden Aufgabe, die sein Herz bedrängte, auf die Spur zu kommen. Ein Blättlein Papier lag vor ihm und Wiesenblumen, Knöterich und Wolfsmilch, Schafgarbe und Skabiosen hatte er als einen bunten Kranz darum gestreut. Amadeus verwandte kein Auge von dem Stilleben, hielt nur seinen Stift zwischen den Fingern, bewegte summend die Lippen und tupfte ab und zu mit dem Stift irgendwelche Zeichen auf das Blättchen.

Der Anblick war so rührend, daß der alte Mandel behutsam die Arbeit beiseite legte und auf den Zehenspitzen über die Stube hinter seinen Jungen schlich. Da sah er dann mit vor Staunen offenem Munde, daß vor Amadeus ein merkwürdig liniertes Blatt lag, da hinein er schon zwei Zeilen, oder wie man das nennen sollte, mit fast genau solch winzigen Pünktchen ausgefüllt hatte, wie er sie schon auf seine erste Schiefertafel zu malen pflegte.

Wie dem Eusebius eben vorher selbst geschehen war, so tat er nun mit seinem Jungen: er sagte nichts, sondern legte nur sanft die Hand auf dessen Schulter.

Der Knabe sah herauf. Seine tief in den Zauber der Klänge getauchten Augen waren zehrend weit, und sein Gesichtchen schien blaß wie von einer großen Anstrengung. Er mochte wohl erwartet haben, jemand anderes wäre hinter ihn getreten und beuge sich über ihn. Als er aber nun seinen Vater erkannte, malte sich einen Augenblick Erschrecken in seinen Zügen, dann errötete er und senkte verwirrt den Kopf.

»Was soll denn das sein, Amadeusla?« fragte Mandel aus beklommenem Verwundern heraus. Doch der Knabe verbarg sein Gesicht zwischen den Armen, mit denen er zugleich auch wie schützend die Blumen bedeckte, und war lange nicht aus der Verschämtheit herauszubringen. Weil aber Mandel mit gütigem Drängen nicht nachließ, hob Amadeus endlich seinen Kopf und hauchte:

»Ein Liedchen für meine himmlische Mutter.«

Da hob sich der Schatten, der in diesen Wochen um den Mandelschneider gelegen hatte und trat so weit von ihm zurück, daß er ein lindes Licht über sich sinken fühlte. Er hob seinen Jungen zu sich herauf, drückte einen langen Kuß auf seine Stirn und bat ihm im Herzen ab, daß er ihn die langen Wochen seit dem schlechten Weihnachtszeugnis und dann seit dem Vorfall mit der Erscheinung des Mandelwebers bis in ein paar grämliche Worte hinein vernachlässigt hatte. Und während er ihn liebkosend in den Armen hielt, entlockte er ihm listig und Stück nach Stück das ganze Geheimnis, das Amadeus ihm bis heute getreu seiner Abmachung mit Wudhof vorenthalten hatte, seine Freundschaft mit dem entlassenen Lehrer, sein Lern- und Musiktreiben mit ihm und damit natürlich auch seine gewaltigen Fortschritte in der Schule.

Anfänglich wollte sich Christoph Eusebius angesichts dieser Eröffnungen gekränkt einreden, Wudhof habe ihm zu Fleiße den Amadeus angestiftet, ihn zu hintergehen, um ihm, dem Mandelschneider, dadurch seine Überlegenheit zu zeigen und um wieviel besser er sich auf den Jungen verstehe als der eigene Vater. Dann aber verwarf er diesen Gedanken bald als unchristlich, und die Spannung gegen Wudhof, von der er aber den Amadeus nichts merken ließ, löste sich auf in eine sänftliche Erleichterung, in der ihm sein eigenes Leben plötzlich nicht mehr so gefährdet erschien. Mit einer gewissen festen Gemessenheit reichte er, als er sicher war, sich nun aber auch aller Heimlichkeiten des Knaben bemächtigt zu haben, Amadeus die Hand, was ihm selbst als der Ausdruck höchster väterlicher Anerkennung erschien und als die es auch auf den Jungen wirkte.

Nach ein paar Tagen innerer Bedenklichkeit, das Aufderhutsein vor dem Drohenden gänzlich von sich abzustreifen, dessentwegen er all die Monate kaum noch tief zu atmen gewagt hatte, fand der Mandelschneider den Mut, sich dieser Lebenserleichterung, die ihm von seinem Amadeus gekommen war, ohne Widerstreben zu überlassen und sich durch das Spiel bunter Einbildungen das Lichte und Schöne zu eigen zu machen und ganz in sein Leben zu führen, darin er zum ersten Male seit seinen Ehetagen wieder Agathe, sein gestorbenes Weib, um sich fühlte. Er hütete sich allerdings, diesem Gefühl ihren Namen zu geben, wenn Amadeus in der Stube war, da er fürchtete, er würde den Jungen dadurch verleiten, sich nur noch tiefer in das Liederwesen einzulassen und ihn darüber am Ende doch wieder dem Lernen und der Schule entfremden.

Christoph Eusebius scheute aber noch viel mehr davor zurück, vor Fremden, etwa wie früher, als sich noch ein Kreis von Kunden unter seiner Lampe einzufinden pflegte, von jener höchsten Glückhaftigkeit seines Lebens zu reden, die ihm einst durch die Lieblichkeit seines Weibes Agathe geschenkt worden war, und der er sich nun dank einer wundersamen Fügung wieder teilhaftig fühlte. Auf diese Weise geriet der vereinsamte Meister schon bald so sehr in die Gefangenschaft seiner Erinnerungsseligkeit, daß mit jedem Liede, das Amadeus nun oft daheim aus einer Geige fiedelte und darin Eusebius den Gesang seiner Agathe zu hören glaubte, eine Unruhe in ihm hochstieg, die so an ihm lockte und sog, daß er am liebsten seine Flickarbeit in einen Winkel gefeuert und zum Hause hinaus in alle Welt getanzt wäre.

»Das ist ja rein zum Närrischwerden«, sprach er dann wohl zu sich und sah mit hilflosem Verwundern umher, ob auch alles an ihm noch an seinem alten Fleck säße. Hatte er sich notdürftig mit seinen Augen wieder in sein Leben hineingefunden, so vertiefte er sich gewaltsam in die Arbeit. Allein auch hier lief das Rad, und der Wagen stand: die Nadel stolperte fast bei jedem Stich und wußte oft nicht, zu welchem der vielen Löcher sie hineinfahren sollte. Der alte Mandel befand sich wirklich in einem Zustand, daß er nicht wußte, ob er fluchen oder lachen sollte, und er wagte kaum mehr, seinem Jungen ins Gesicht zu sehen, weil er fürchtete, er könne es ihm von den Mienen ablesen, was für ein ausgemachter Narr sein Vater geworden sei.

Endlich, nach langem Zögern, entschloß er sich eines Tages kurz nach dem Mittagessen, der Sache auf den Leib zu rücken. Er mußte über einen noch ziemlich vage in ihm brodelnden Plan, wie er freilich keinem anderen als dem Mandelschneider hätte überhaupt in den Sinn kommen können, mit sich ins reine gelangen, und dazu war es nötig, daß er sich seinen Kopf frei lief. Also rüstete er sich für einen langen Marsch, wählte bedachtsam statt des Pfefferrohrstockes den griffigeren aus Berghasel mit der geschnitzten Krücke, trat dann vors Haus, vergewisserte sich, daß nichts auf einen Wechsel des warmen und sonnigen Wetters deutete, und verließ ohne Jacke und Mütze sein Haus. Amadeus, der seinen letzten Ferientag hatte, war schon wieder mit der Wudhof geige irgendwohin entlaufen; nur die Finger-Lene werkte noch mit Kübeln und Schäffern an der großen Wäsche herum, die sie sich für diesen Tag eingerichtet hatte und die schon zum größeren Teil zum Bleichen auf der rückwärtigen Wiese lag.

Nach etwa einer halben Stunde überquerte Christoph Eusebius, der seine Füße laufen ließ, wohin sie wollten, die saure Wiese des Schnallkebauern und geriet unversehens in die Nähe einer Strauchwildnis, auf der die stille Sonne des Spätsommers golden tanzte. Es war der vom Mandelschneider noch nie aufgesuchte Lieblingsplatz seines Amadeus, jenes Strauchstüblein, von dem aus er einst seine Federbotschaften für Veronika in die Lüfte geschickt hatte. Wie Eusebius hier seine Schritte verhielt, weil sein Ohr ein feines Zirpen traf, das aber ganz anders als das von Grillen klang und das aus jener Richtung zu kommen schien, sah er mit einem Male das Weißhaar seines Amadeus im Gesträuch untertauchen. Nun erst recht neugierig geworden, näherte er sich der grünen Mauer und fand, daß sie sich um einen großen Haufen von Rodesteinen gebildet hatte. Auf diesem so von Lichtgarben überschütteten Steinberg, daß des Schneiders schwache Augen zuerst nur wie geblendet blinzeln konnten, saß der kleine Geiger mit dem Rücken zu ihm und neben ihm ein anderes Kind, ein Mädelchen, das, wie er schließlich nach längerem Hinschauen feststellen konnte, keine andere als die Hübner-Veronika war. Das Mädchen saß mit über den Knien verschränkten Ärmchen da und horchte glücklich lächelnd dem auf und ab klingenden Tönewogen zu, das ihr fast gleichaltriger Schulkamerad aus seiner Geige zauberte. Schon stiegen dem alten Mandel bei diesem Anblick vor Rührung Tränen in seine Augen, als er sich noch rasch auf seine väterliche Würde besann und mit gemachter Barschheit seinen Berghasel schwang und zu den beiden ganz in ihre Seligkeit Versunkenen herüberrief:

»Was treibt ihr denn da, ihr Audiate?«

Die beiden fuhren davon wie von einer Tarantel gestochen auf, so daß der Mandelschneider hell herauslachen mußte. Das machte sich Amadeus gleich zunutze, kletterte von seinem Sitz, wand sich durch die grüne Rotunde und versicherte Eusebius mit einem Schwall von schmeichelnden Worten, daß er der Veronika nur habe vorspielen wollen, wie er, wenn er noch etwas größer geworden sei und dann noch viel besser werde spielen können, seine Mutter vom Himmel in die Hübnerbäuerin hineingeigen wolle, so daß er doch noch eine Mutter für sich bekäme und sie dann beide dieselbe Mutter hätten.

Christoph Eusebius aber, der ausgegangen war, mit seinem geheimen Plan zurechtzukommen, durch den er sich auf seine Weise sein Weib Agathe noch einmal so in sein Dasein beschwören zu können hoffte, daß ihr mildes Wesen sein ruhelos gewordenes Herz besänftige, erschrak über die gläubige Phantasie seines Sprößlings dermaßen, daß er ihn wohl minutenlang sprachlos anblickte, als stünde ein Bote aus dem Jenseits vor ihm, nicht aber sein eigen Fleisch und Blut. Amadeus jedoch hatte seine Gedanken schon wieder auf ganz andere, irdische Dinge gerichtet und bettelte jetzt darum, daß der Vater ihm doch ein einziges Mal erlauben möge, die Veronika nach Hause zu bringen, über Nacht im Hübnerhof bleiben und morgen mit ihr von dort zusammen in die Schule gehen zu dürfen. Zum Erstaunen von Amadeus erhob der Vater kaum einige Einwendungen dagegen. Ja, der Mandelschneider fand, was Amadeus freilich nicht ahnen konnte, daß es ihm sein geheimes Vorhaben nur erleichtern würde, wenn der Junge einmal eine Nacht nicht im Mandelhause schliefe.

Kaum hatte Eusebius dem kleinen Bittsteller das Versprechen abgenommen, daß er sich mit Veronika nun auch sofort auf den Weg zum Hübnerhof machen und dort auch aufs akkurateste benehmen werde, kroch Amadeus jauchzend vor Glück wieder durch das Gesträuch zu seiner kleinen Freundin. Der Mandelschneider aber schlug die Richtung nach dem Rimberg ein und war bald hinter einer Lehne verschwunden.

 

*

 

Um die sechste Stunde, als die Finger-Lene, ermüdet von der Arbeit und der schwülen Luft, doch zufrieden mit ihrem Tagewerk, die blütenweiße, halbtrockene Wäsche zum Mangeln zusammenlegte, begann es vom Langen Busch herüber dumpf zu grollen, ein heftiger Wind kam auf, der bald schwere dunkle Wolken vor sich her trieb, und es dauerte keine halbe Stunde, bis es rings um das Mandelhaus blitzte und krachte, daß das Mädchen sich ängstlich eine Gewitterkerze anzündete und zur heiligen Muttergottes zu beten anfing. Als ob alle Schleusen des Himmels sich geöffnet hätten, strömten die Regenfluten auf Äcker, Wiesen und Häuser, schließlich prasselten Hagelkörner so groß wie Pflaumenkerne aufs Schindeldach, und rings ums Häusel glitzerte es weiß wie von frisch gefallenem Schnee. Nach wohl einer Viertelstunde hatte sich der Hagelschlag ausgetobt, aber es goß noch immer wie aus Kübeln, und nach wieder einer Stunde gab es die Finger-Lene auf, darauf zu warten, daß der Landregen, zu dem sich der Himmel entschlossen zu haben schien, heute noch einmal aufhöre. Sie band sich ihr Kopftuch um, schürzte ihre Röcke und wollte gerade in großen Sprüngen nach Hause traben, als sie dem Mandelschneider geradenwegs in die Arme lief, der eben, taumelnd vor Schwäche, bis auf die Haut durchnäßt und zitternd vor Kälte, auf sein Häusel zustrebte.

Sogleich faßte sie resolut den Schneider unter, stützte ihn, bis sie ihn ins Haus gebracht hatte, und redete dabei auf ihn ein:

»Herrjeeses nee, Herr Mandel, wie se ock aussiehn, se müssen glei ins Bette, ich wer' ihn' een' heeßen Ziegel zurechte machen und nei legen« – aber Christoph Eusebius hatte ganz etwas anderes im Sinne. Sowie er in der Schneiderstube stand, schüttelte er sich wie ein ins Wasser gefallener Pudel und verlangte von dem Mädel, sie solle ihm »stantepeh« die Kiste vom Boden runterholen, die gleich rechter Hand neben dem Webstuhl stehe, und sich dann ohne langes Gemäre nach Hause machen. Es war das aber die Kiste, in die er einst die Kleider, die Agathe am letzten Sonntag ihres Lebens getragen, weggepackt hatte. Die Finger-Lene wußte zwar nicht, was sie davon halten solle, tat aber ohne Widerrede, wie ihr geheißen war und begab sich dann kopfschüttelnd, doch ohne einen weiteren Versuch, dem Schneider behilflich zu sein, zum zweiten Male auf den Heimweg.

Kaum hatte sie das Haus verlassen, zündete sich der Mandelschneider, dem ein Frostschauer nach dem anderen über den Leib lief, daß ihm die Zähne aufeinanderschlugen, den Petroleumkocher an, kochte sich einen Pfefferminztee, schnitt sich ein paar dicke Scheiben Brot, griff, während er noch hastig kaute, nach Hammer und Zange und machte sich daran, den Kistendeckel zu lösen. Als er die langen Schindelnägel herausgezogen hatte, fiel ihm ein, daß er noch etwas Wichtiges vorzubereiten habe. Er lief, so durchnäßt wie er war, noch einmal hinaus in den Regen nach dem Holzschuppen, von wo er nach einer Weile, ein um das andere Mal in der Finsternis stolpernd, mit der seit langem dort unbenutzt weggestellten großen Schneiderpuppe zurückkam. Er stellte sie in den halbdunklen Stubenwinkel hinter dem Schneidertisch und zog aus der geräumigen Flickenlade darunter das ebenfalls längst nicht mehr gebrauchte Rohrgestell, das für Frauenkleider unten am Rumpf der Puppe befestigt werden kann. Mit fahrigen, ungeschickten Griffen hantierte er so lange, bis es ihm endlich gelang, das Geflecht anzubringen. Dann wandte er sich wieder der Kiste zu, hob behutsam den Deckel ab, entfernte das wegen der Motten obenauf gelegte Zeitungspapier, nahm die Haube mit den bunten Bändern, den langen braun und schwarz gestreiften halbwollenen Rock, die blaugeblümte Jacke, das Mieder und die Unterkleider heraus und begann mit seinen fieberheißen und zitternden Händen, der Puppe der Reihe nach die Kleidungsstücke überzuziehen.

Als er sein Werk vollendet hatte, ließ er sich erschöpft samt den nassen Kleidern auf sein Bett fallen, starrte von dort auf das in seinem Winkel vom Schein der Schirmlampe in der Mitte der Stube nur noch ungewiß angeleuchtete, aufrechtstehende Kleiderwesen und verfiel in seinem Anblick der ihm immer gewisser werdenden Einbildung, daß es jetzt nur noch eines Anrufs bedürfe, um es aus seiner Unbeweglichkeit zu erlösen, und es würde auf ihn zukommen und ihm mit linden Händen über seinen sonderbar schmerzenden Kopf streichen. Doch zugleich schnürte ihm ein Bangen wie vor etwas, das auch übel ausgehen könne, die Brust ein, so daß er es nicht über sich brachte, das Kleiderwesen mit dem einzigen Namen anzurufen, auf das es hätte hören und folgen müssen.

So lag der schmächtige Meister lange zwischen der Furcht vor etwas, was er doch ersehnte, und der Hoffnung auf etwas, was er doch fürchtete, bis ihm das Herz in den Hals hinein zu klopfen begann und eine siedende Hitze durch seine Adern tobte, ohne daß er fähig gewesen wäre, sich gegen den Aufruhr in seinem Inneren zu wehren. Auf den Gedanken, daß er sich, von seinem stundenlangen Marsch auf dem Rimberg erhitzt, dann durchgefroren vom Hagelschlag, der ihn in der Riegerhohle überraschte, eine Lungenentzündung angelaufen hatte, kam er gar nicht. Die Fieberschauer schlugen über ihm zusammen und stürzten ihn in eine Welt, darin es so phantastisch zuging, wie er es nie für möglich gehalten hätte. Alle Dinge waren auf seltsame Weise verwandelt. Er selbst war Amadeus und fürchtete sich zum Weinen vor der stummen Maruschka, die vor dem Feuerloch am Ofen hockte; dann wieder war er der Lehrer Wudhof, der welteinsam mit entgleisten Augen auf der Ofenbank saß und über sein verpfuschtes Leben klagte – nur der Christoph Eusebius Mandel, der er einmal gewesen, war er nicht mehr und konnte ihn auch, so sehr er sich mühte, ihn auf dem Schneidertisch flink mit der Nadel hantieren zu sehen, nirgends entdecken. Dabei wußte er ganz genau, daß alles wieder in seine Ordnung käme, wenn es ihm nur gelänge, das eine Wort zu finden, das er eben noch auf der Zunge gehabt und das er jetzt total vergessen hatte. So lange grübelte er sich damit ab, dieses Wort zu erjagen, das ihm immer wieder entglitt, bis er sich widerstandslos den heißen Strudeln überließ, die ihn gepackt hatten und in einen Wirbeltanz drehten, daß ihm der Atem ausging und er die Besinnung verlor.

 

*

 

Am anderen Morgen vergewisserte sich die Hübnerbäuerin, bevor sie die beiden kleinen Schläfer weckte, daß die Welt wie frischgewaschen unter einem wolkenlosen Himmel lag. Und da sie ohnehin an diesem Tage der Moserwirtin, ihrer alten Mutter, den fälligen Geburtstagsbesuch abstatten wollte, schloß sie sich den Kindern auf ihrem Schulweg an.

Als sie unter fröhlichem Geplauder nach etwa einer halben Stunde am Birkenwäldchen angelangt waren, durch das der Abkürzungssteig von Oberröhrsdorf nach Neudeck läuft, verabschiedete sie die beiden mit herzlichen Worten und wollte in Richtung auf die Moserschenke abbiegen. Allein Amadeus verhielt sich mit einem Male so sonderbar, blieb unentschlossen stehen, druckste an irgend etwas herum, was ihm offenbar eben eingefallen war, was er aber nicht auszusprechen wagte, daß die Bäuerin sich den Jungen vornahm und ihm zusprach, ihr doch zu sagen, was er auf dem Herzen habe. Da kam es denn auch bald zutage, daß er doch die Wudhofgeige nicht mit in die Schule bringen könne und deshalb jetzt gleich noch einmal ins Mandelhaus laufen müsse, um die Geige loszuwerden; auch habe er ja seinen Schulranzen noch zu Hause liegen.

Die Bäuerin hörte sich diese Eröffnungen eher belustigt an, fragte ihn dann, ob es denn am ersten Schultag nach den großen Ferien nicht auch mal ohne den Schulranzen ginge, und als er das mit einem Kopfnicken zugab, schlug sie ihm vor, die Geige doch ihr zu überlassen. Es sei jetzt sowieso keine Zeit mehr, nach Hause zu laufen, wenn er pünktlich in die Schule kommen wolle. Sie werde lieber selbst ins Mandelhaus gehen und seinem Vater erzählen, wie brav er sich auf dem Hübnerhof aufgeführt habe, und daß er, wenn der Vater einverstanden sei, so lange ganz bei ihnen auf dem Hofe bleiben könne, wie er wolle. Darüber geriet Amadeus fast außer sich vor Freude, fiel der Bäuerin um den Hals und herzte sie so zärtlich, daß sie sich richtig Vorwürfe darüber machte, sich um dieses mutterlose Bürschlein nicht schon längst mehr gekümmert zu haben.

Sie winkte den Kindern, die Hand in Hand loszogen, noch nach, bis sie im Wäldchen verschwunden waren, war sich aber dabei noch nicht recht klar, ob sie jetzt gleich auf die Moserschenke zusteuern und sich den im Grunde doch recht lästigen Umweg nach dem Mandelhause bis zum Heimweg nach der Vesper aufsparen solle. Da huschte es ihr durch den Kopf, daß sie ja den weit und breit als wunderlich bekannten Meister Eusebius überhaupt noch niemals aufgesucht hatte; immer hatte ihr Mann, und einmal auch Veronika, ihm ausgerichtet, was zu bestellen war. Kaum hatte sie dies gedacht, als sich ihre Schuhspitzen auch schon hügelabwärts drehten.

Wer vermöchte nun wohl mit Sicherheit zu sagen, ob die Hübnerbäuerin der Verlockung zur ungesäumten Besichtigung der Schneiderburg nur aus erwachter weiblicher Neugier nachgab, oder ob nicht in diesen Sekunden von ganz woandersher, durch einen unseren Sinnen verborgenen Magnetismus ihr Herz in die Richtung des Mandelhauses gezogen wurde.

Wie dem auch sei: der Entschluß der Bäuerin, sich nicht erst in etwa zehn Stunden ihres dem Amadeus gegebenen Versprechens zu entledigen, verhalf dem Mandelschneider zu einem gnädigen, ja glückhaften Ausgang seiner abenteuerlich-bunten Lebensreise.

Mit verweintem und ratlosem Gesicht trat ihr im Mandelhause die erst kurz vor ihr dort zu ihrem Tagewerk erschienene Finger-Lene entgegen, die eben nach Hause eilen wollte, um ihre Mutter zu Hilfe zu holen. Mit einem Blick auf das Bett in der Schneiderstube übersah die tüchtige und gescheite Frau, was hier als erstes zu tun war. Sie schickte das Mädel los, den Doktor aus Siebenhufen heranzuholen, wohin es freilich zwei gute Wegstunden waren. Wenn er nicht gerade unterwegs war, konnte er bis gegen Mittag im Mandelhaus eintreffen. Dann wandte sie sich dem kleinen, mageren, fieberglühenden und röchelnden Schneider zu, entkleidete ihn, holte sich aus der Mangelwäsche, was sie an Tüchern für feuchte Umschläge brauchte, und wickelte ihn, der offensichtlich nichts von dem wahrnahm, was um ihn vorging, nicht anders, als wenn er ihr krankes Kind wäre. Erst als er endlich versorgt unter den hochgebauschten Federkissen in dem alten, für ihn viel zu großen Ehebett lag und sie ihm auch etwas Tee eingeflößt hatte, zog sie sich einen Stuhl ans Bett und sah sich in der großen Stube um. Immer wieder wurden ihre Blicke von der großen Kleiderpuppe in der dunklen Stubenecke angezogen, die sie bis jetzt kaum beachtet hatte. Bald war ihr klar, daß es mit diesem sorgfältig hergerichteten Kleiderwesen eine besondere Bewandtnis haben mußte; doch erst, als sie die stehengebliebene, offene leere Kiste mit dem hineingeknüllten Zeitungspapier entdeckt hatte, ging ihr auf, daß es sich um nichts anderes als um die Kleider der seligen Agathe Mandel handeln konnte, in denen sie sie noch selbst, wie sie sich jetzt erinnerte, bei den sonntäglichen Kirchgängen nach Neudeck gesehen hatte. Je länger sie darüber nachdachte, desto gewisser spürte sie, daß der Mandelschneider den Tod seiner Frau bei der Geburt des Amadeus niemals hatte verwinden können und nur davon in jene Wunderlichkeit gestürzt worden war, mit der er sich wohl über den Abgrund seines Grames hinwegspielen konnte, es aber nicht vermocht hatte, ihn zuzuschütten. Auch alles, was sie im Laufe der Zeit über die taubstumme Maruschka und des Schneiders Verhältnis zu ihr hatte munkeln hören, erschien ihr nun in einem gänzlich neuen Licht, und grenzenloses Mitleid mit dem vereinsamten, im Grunde seines Wesens so fröhlichen und liebenswerten Mann zog in ihr Herz. Nun wollte sie erst recht alles tun, ihm wieder auf die Beine zu helfen.

Da holte der unbekümmert tickende alte »Seeger«, der zwischen dem Topfschrank und dem großen Kachelofen an der Wand hing, zum Schlage aus. Erschrocken stellte sie fest, daß mindestens schon eine Stunde seit ihrer Ankunft vergangen sein mußte und beeilte sich, dem Schneider, der noch immer wie ein Backofen glühte, den schon salztrocken gewordenen Umschlag zu erneuern. Um nicht weiter untätig an seinem Bett zu sitzen, kramte sie so lange in den Schüben, bis sie ein abgenutztes, schwarzes Gebetbuch gefunden hatte.

Als sie es aufblätterte, sah sie aus der Einschritt, daß es der Agathe Mandel gehört hatte, und ohne daß sie hätte sagen können warum, rührte sie das auf eine ganz sonderbare Weise an.

Nach einer ganzen Weile, während sie Gebet nach Gebet in sich hineinmurmelte, spürte sie, daß der Kranke seine wie versteckt in dem großen Kopf liegenden kleinen Augen aufgeschlagen hatte und sie unverwandt anblickte.

Unwillkürlich erschrocken, fast als hätte der Schneider sie bei etwas Unrechtem ertappt, drückte sie das Gebetbuch an ihre Brust, nur die Schlußworte des Vaterunser, das sie gerade vor sich hingesprochen, glitten ihr etwas lauter von den Lippen:

»... und erlöse uns von allen Übeln, Amen!«

Da stockte ihr buchstäblich das Herz, denn der Mandelschneider, in seinem Fieberwahn, hielt die Gestalt, die da ganz nahe seinem Gesicht, mit ihrem glatt in der Mitte gescheitelten Haar und ihrem langen, ruhigen Gesicht, das Gebetbuch in Händen, an seinem Bette saß, für das Wesen, das er sich noch ein einziges Mal hatte in sein Leben beschwören wollen. Mit Anstrengung hob er den Kopf und hauchte mit ausgehendem Atem, aber wie verzückt, zweimal: »Agathe ... Agathe.« Dann fielen ihm die Augen zu, der Kopf sank in die Kissen zurück, und Christoph Eusebius Mandel hatte heimgefunden in jenes Reich des Friedens und der Glückseligkeit, das allen Menschen auf Erden von der Stunde ihrer Geburt an bereitet ist.

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