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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 27
Quellenangabe
pfad/stehr/mandelha/mandelha.xml
typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120207
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26

Über alledem verging, viel zu rasch für den immer gramvoller in die Welt blickenden Eusebius, und viel zu langsam für sein sehnsüchtiges Junglein, der Winter, und eines Tages schrie der Wald des Langen Busches laut über das Dach des Schneiderhauses; der krummen Weide kam der goldene Traum ihrer Kätzchen; durch das junge Gras liefen die ersten Lerchenrufe, und einmal hörte Amadeus übers Feld selbst ein leises Lied, fast als sei es aus Windeis ungehorsamer Leier erklungen. Daraus entnahm er, daß die Erfüllung seines Wunsches ganz nahe sei. Von diesem Tage an überfiel ihn eine solche schmerzvoll-glückhafte Beklemmung, daß er immerzu dachte, er müsse sterben, wenn er jetzt nicht bald ein Musiker werden könne.

Er klopfte sich wohl Pfeifchen aus jungen Zweigen und blies darauf, aber die Weidenhölzchen sangen nur öde lange Töne. Die vielen Lieder in seiner Seele konnte sie nicht fassen. Er versuchte es mit dem Gesang, aber auch der brachte ihm das Glück nicht, nach dem er sich sehnte. Da lief er in die Wälder und lag hinter den Sträuchern am Wege, lauschte und spähte, ob Windel nicht käme.

An einem Nachmittage endlich schien es ihm, als ob das leise Lied, das er schon einmal gehört, wieder erklinge und diesmal hinter ihm näher und näher käme. Er wagte nicht, sich danach umzudrehen, nicht einmal sein Weidenpfeifchen ließ er aus seinen Lippen, lauschte dabei aber mit angehaltenem Atem und dachte, vielleicht kann ich es mir einfangen, wenn ich mich nur nicht rühre. Und wirklich, das Lied erklang immer klarer und süßer hinter ihm, dann brach es plötzlich ab und eine Stimme rief:

»Sieh an, da sitzt ja Mandels Weißköpfchen!«

Als Amadeus sich bei diesem Anruf, fast unwillig über die Störung, umblickte, stand der Lehrer Wudhof schon dicht hinter ihm am Strauch und unter seinem Arm hatte er einen merkwürdigen, rotbraunen, länglichen Kasten und in der rechten Hand einen langen dünnen Stecken, der aber fast aussah wie ein Lineal, nein, eher schon wie ein grader Flitzbogen.

Des Amadeus Träumerei war wie fortgewischt, und die Kinderneugier gewann die Oberhand. Nur wußte er nicht recht, wie er den Lehrer anreden könne, denn in der Schule hatte Körber den Kindern eingebläut, daß man ungefragt zu einem Lehrer niemals sprechen dürfe.

Aber Wudhof, der sich von seinem Wesen her, wie wenige seiner Zunft, auf kindliche Gedanken und Wünsche verstand, und je bunter es hinter den kleinen Stirnen zuging, um so größere Freude daran hatte, las in des Amadeus Mienen wie in einem offenen Buche. Er zwinkerte ihm ein paarmal zu, hob seine Geige unters Kinn, setzte den Bogen an und begann eine so liebliche Tanzweise in die Luft zu fiedeln, daß es dem Amadeus in die Beine fuhr und er sich, ob er wollte oder nicht, vor lauter Glück und Staunen Luft schaffen mußte.

Woher hatte der Junge nur dieses feine Empfinden für Melodie und Rhythmus? staunte Wudhof, er hob seine Füßchen so geschmeidig und wiegte sich so graziös im Takte, als sei es für ihn das Natürlichste von der Welt, ein Mozartsches Menuett zu tanzen.

Als Wudhof schließlich mit einer jubelnden Kadenz abbrach, hatte das Junglein alle Scheu verloren. Es flog nur so auf ihn zu und sprudelte alles heraus, was es sich in den langen Wintermonaten in seiner verworrenen Sehnsucht ausgedacht hatte; von Windel Bonifaz, von der Leier, die er sich kaufen wolle, um ebenso schön wie Windel spielen zu können, daß das aber lange nicht so schön gewesen sei wie eben, und daß er jetzt erst recht ein Musiker werden wolle.

Wudhof unterbrach den Redestrom des Knaben mit keinem Wort, aber er betrachtete ihn dabei von der Stelle, auf der er sich, die Geige auf den Knien, gemächlich niedergelassen hatte, so verzückt, als stünde eine Lichterscheinung vor ihm, nicht aber des dürren Mandelschneiders hoffnungsloser Sprößling, von dem er wußte, daß er noch immer nicht viel weiter in die Geheimnisse des Schreibens und Rechnens eingedrungen sei als ein Bälgetreter in die Kunst des Orgelspiels.

»Die Menschen sind doch merkwürdige Geschöpfe«, sann Wudhof vor sich hin, indes sich Amadeus zutraulich dicht neben ihn hinhockte, freilich ein wenig erstaunt darüber, daß ihn der Herr Wudhof so unverwandt anschaute, ohne zu sprechen. »Wohl haben sie alle eine Seele, das ist der Atem Gottes in ihnen«, sinnierte Wudhof weiter, »doch die meisten halten sich lieber an ihre eigenen Lungen und kriechen daher zeitlebens nur gleich Würmern durchs Erdenleben. So manchem gelingt es allerdings auch, sich zu verpuppen und als Schmetterling auszuschlüpfen, aber ach, sie bringen es meist nur zu gewöhnlichen Kohlweißlingen, und nur ganz selten fliegt einer als königlich gezeichneter Falter ins Licht.

Ich bin auch nur ein Kohlweißling geworden, auch der Mandelschneider ist nur einer, obgleich er so rührend emsig durch die Lüfte flattert – aber sein Sprößling gehört, wie mir scheint, zu jenen seltenen geflügelten Exemplaren aus Gottes Werkstatt, die mit ihrer Seele hören, sehen und denken. Und diese sind es von jeher, aus denen die richtigen Musiker, Maler oder Dichter wachsen. Ja, irgend etwas dergleichen steckt in dem Bürschlein, und wenn es ein Musiker sein sollte, so will ich schon dahinterkommen. Auf meiner alten Kindergeige soll er bei mir fiedeln lernen. Mit seinen bald acht Jahren hat der Mozart schon ganz tüchtig geigen können.«

»Du willst also unbedingt ein Musiker werden, Amadeus?« begann Wudhof ernsthaft.

Der Knabe nickte ihm aufmerksam und ebenso ernsthaft zu.

»Nu, da kann ich dir vielleicht ein bissel helfen, Junge, willst du?«

Amadeus schluckte, beklommen vor Glück, und konnte als Antwort wieder bloß nicken.

Wudhof hatte sich, seitdem er seinen Dienst quittieren mußte, in eine Stube im Auszugshäusel beim Nesselmüller zurückgezogen, dessen Anwesen noch zu den Röhrsdorfer Berghäusern zählte, obwohl es schon in halber Höhe des Rimberges lag. Dort konnte ihn Amadeus, wenn er einen nicht allzu großen Bogen beim Heimweg von der Schule schlug, aufsuchen. Da ihm aber daran lag, daß die Lästermäuler über ihn verstummten, nachdem er sich auch seiner Wirtschafterin entledigt hatte, wollte er nicht, daß der Junge einstweilen in der Schule oder dem Vater etwas davon erzählte. Das war so recht ein Geheimnis nach dem Herzen des Amadeus, und als Wudhof sich gar mit einem Handschlag ihre Abmachung besiegeln ließ, fühlte sich das Junglein fast so erwachsen wie sein großer neuer Freund.

 

*

 

Schon nach ein paar Wochen gab es für Wudhof angesichts der Anstelligkeit und des scharfen musikalischen Gehörs des Knaben, der mit wahrem Feuereifer bei der Sache war, keinen Zweifel mehr darüber, daß dieser Mandeljunge das Zeug dazu hatte, einmal ein tüchtiger, ja vielleicht ein begnadeter Geiger zu werden. Doch dieser Gedanke stimmte Wudhof in anderer Hinsicht nachdenklich. Wie konnte Amadeus samt seiner Geige im Leben vorwärts kommen, wenn er weiter so in der Schule versagte? Am Ende wurde aus ihm nichts anderes als ein lieber, aber beschränkter Tölpel, und vielleicht eine Art belächelter Straßen- oder Wirtshausmusikant, von dem die Leute sagen würden, »er hoat halt eim Oberstübel zu wing Grütze mitgekriegt«. Aber wie, so grübelte es in Wudhof weiter, wenn ihn nur die Neudecker Schrotsäge auf dem Gewissen hatte? Auch aus ein und derselben Geige lockt ja der Bogen eines Meisters betörende Klänge und unter den Händen eines Stümpers läßt sie die herrlichsten Melodien nur hart und hohl wiedertönen.

Eines Tages war Wudhof mit sich ins reine gekommen und ging entschlossen daran, auf seine Art die Probe aufs Exempel zu machen. Hatte er sich bis jetzt bei seinen Unterweisungen auf die rein manuelle Handhabung des Instruments und auf das Nachspielenlassen einfacher Liedchen nach dem Gehör beschränkt, so begann er nun, den Knaben in die Zauberwelt der Noten einzuführen. Das aber war für Amadeus im Grunde ein altes Spiel. Denn als ob es nur des sicheren Begreifens dessen bedurft hätte, was, ihm unbewußt, einst bei seiner spielerischen Malsängerei vorschwebte, als ihn die Lieder umgaukelten, die ihm aus seiner Seele aufstiegen, kletterte er jetzt bald, wieder Pünktchen nach Pünktchen malend, die Tonleitern so emsig und geschickt herauf und herunter, daß sich sein Lehrerfreund kaum vor Verwunderung über den kleinen Musikus zu fassen vermochte. Und das Allerschönste war, daß auch das, was er sich als Nebenwirkung davon für Amadeus erhofft hatte, eintrat, ohne daß er, Wudhof, selbst mehr dabei zu tun hatte, als ihn mit leichter Hand auf dem eingeschlagenen Wege weiterzuführen. Denn in seiner eifervollen Beglückung, dem Geheimnis auf die Spur gekommen zu sein, Töne, Klänge und Melodien zwischen ein dünnes Gitter von fünf Notenlinien unverrückbar aufs Papier zu bannen, trug es den Jungen wie einen furchtlosen Wellenreiter fast wiegend auch durch die sechsundzwanzig Wirbel des Alphabets, als ob ihn ihre Tücken nicht immer wieder in der Schule überfallen und jedesmal kläglich auf die Sandbank der Nichtskönner zurückgeworfen hätten. Ja, es zeigte sich, daß es dem Amadeus aus einer Laune der Natur nicht möglich war, die Schlüssel zu dem elementaren Wissen, das sich der Mensch nun einmal fürs Leben aneignen muß, und das ihm durch die Schule vermittelt wird, anders zu finden, als auf dem Umweg über die Notenschlüssel. Von dem Moment an, da sich seinen Ohren und Augen von dorther eine Welt der Ordnung und der Gesetzmäßigkeit geöffnet hatte, war es, als flöge sein Verstand nur so durch die Türlein eines Käfigs, darin er so lange hilflos wie ein Vöglein herumgeflattert war, in die Lüfte; und so rasch wie mit dem Abc ging es mit Wudhofs gelinder Nachhilfe bald auch mit dem Einmaleins und allem, was ein Achtjährling aus der Schule mit nach Hause tragen muß.

Wudhof aber, den gestrandeten Mann, spülte die Flut, die seinen Schützling ergriff und auf das Meer des Lebens hinaustrug, halb gegen, halb mit seinem Willen, auch wieder von der Klippe, an der er gescheitert war. Seine Scham wie seine Menschenscheu, vor denen er in die Selbstverbannung beim Nesselmüller geflüchtet war, und von wo er sich nur noch auf wenig begangenen Pfaden ins Freie gewagt hatte, verloren sich zusehends aus ihm und wichen im Erwecken des traumbefangenen Schneiderjungleins zu einem lebenstüchtigen Menschenkinde immer mehr dem Gefühl einer neuen Menschenwürde seiner selbst.

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