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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 26
Quellenangabe
pfad/stehr/mandelha/mandelha.xml
typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120207
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25

Lange Zeit litt Amadeus nun nicht mehr so sehr unter der Qual der Schule, denn wenn es ihm wieder einmal gar zu schlimm ging, dann dachte er nur daran, wie er mit der Leier, die er einst haben würde, sich alles erspielen wollte, was die anderen in der Schulbank lernen, und noch viel mehr. Außerdem hatte er von Veronika erfahren, daß eine Leier kein Haus koste. Da war er seiner Erhöhung noch sicherer als vorher. Während die anderen lasen, schrieben und rechneten, sang er in seiner Seele das Leiblied Windels. Allerhand leuchtende Straßen öffneten sich vor ihm, die zu großen Städten mit goldenen Königen führten. Er redete mit diesen wie mit seinesgleichen, und sie schenkten ihm am Ende so viel, daß er seinem Vater ein großes und schönes Haus kaufen konnte. Alles das aber behielt er ganz für sich und lief und saß nur immer mutterseelenallein in Wald und Feld, am Wasser und unter dem Winde, und lauschte gespannt auf alle Lieder, mit denen der Himmel und die Erde von sich sangen, damit er sie dann auch auf seiner Leier spielen könne. Und bald öffneten auch die stummen Dinge ihren geheimen Mund, und seine verzückte Seele verstand das weiche Brausen, mit dem die Dämmerung gegen die Berge wandelt, den Gesang des Schattens und was die Blumen reden, die im Grase nebeneinander stehen und sich mit ihren roten und blauen, weißen und gelben Blüten zunicken, Röhrsdorf ward ihm auch wieder weit, und die Wege, die zur Zeit seines großen Kummers nur noch nach Saalweiden, Glatz und Reinerz geführt hatten, liefen wie ehedem nach Hamburg, Berlin und Hildesheim. Allein, wie er auch stand und hinauf- und hinabspähte – auf der einen Seite spannte der Fuhrmann Schilling seinen Fuchs ein und aus, auf der anderen Seite saß die alte Mahlingen unter ihrem Fenster und wartete hustend auf Kunden; nichts Wunderbares aber ereignete sich, selbst der Bonifaz Windel, der doch Bescheid wissen mußte, ließ sich nicht sehen.

Eusebius merkte von der geheimen Sehnsucht seines Amadeus nichts, sondern war glücklich über die freiere Stirn und das eiligere Wesen seines Einzigen und meinte, jetzt könne es auch in der Schule nicht mehr soviel Kopfnüsse und Haselstecken regnen.

Amadeus aber getraute sich nicht, dem Vater etwas zu sagen. Denn einmal hatte er ihn so von ungefähr gefragt, ob eine Flöte oder eine Leier besser spiele, und von ihm barsch zur Antwort erhalten, mit allem, worauf man spielen könne, verspiele man bloß. Sein Onkel Ignaz – womit Eusebius seinen verstorbenen Schwager, den Bruder seiner Frau Agathe meinte – habe auch »partuh« nicht von der Trompete gelassen, die er sich bei den Teufelssoldaten zugezogen hätte, und das Ende vom Liede wäre gewesen, daß er von der Musikerbank auf die Saufbank geraten sei und sein schönes Haus, seine Kühe, sein Weib und seine Kinder in alle Winde geblasen habe und elend im Straßengraben zugrunde gegangen sei. Er, Amadeus, solle nur alle Flausen lassen und tüchtig schreiben, lesen und rechnen. Dann finde sich alles von selber.

So rannen dem Amadeus die Tage, Wochen und Monate des Sommers und des Herbstes doch recht traurig durch seine Seele, ja manche Woche vergaß er ganz seine Sehnsucht. Wehrlos duldete er dies ganze unbegreifliche Leben und ging wie an einem unsichtbaren Seile gezogen umher, ohne je durch die Träume zu dringen, die gleich bunten Dämmerungen um ihn lagen. Bonifaz Windel, den er um vieles hätte fragen können, kam noch immer nicht, statt dessen zog ein schwerer, schneereicher Winter ins Land. Der Lange Busch donnerte hinter einem grauen Tuch in den hohen Himmel hinauf, und die Schneejungfrauen tanzten alle Nacht um das Haus, indes der Ahornbaum mit leeren Ästen ein hohes angstvolles Lied sang. Die Wellen des kleinen Baches neben der krummen Weide glucksten unter dem trüben Eise wie ertrinkende Kätzchen vorbei. Vielleicht leben die Pflanzen so, wie seine Seele in diesen matten winterlichen Tagen in ihm lag, so ganz ohne eigenen Ton, dem Wachsen unerklärbar großer Mächte ganz hingegeben, das Wissen um sich ausgelöscht. In geduldiger Schwermut ertrug Amadeus seine geheime Sehnsucht, und als er von Eusebius einmal gehört hatte, die Leiermänner seien im Winter eingefroren, beschloß er, noch bis zum nächsten Frühjahr auszuharren.

Tapfer stiefelte er alle Tage die gute Dreiviertelstunde bis zur Neudecker Schule und ebenso wieder zurück durch den Schnee. Tapfer saß er auf seinem untersten Platz in der letzten Bank, keine Scham schmerzte ihn, er war nur froh, daß ihn der Lehrer dort anscheinend vergessen hatte und ganz in Ruhe ließ. Und als ihm dieser zu Beginn der Weihnachtsferien ein Brieflein für den Vater mitgab, nahm er es wie ein Geschenk von ihm hin, brachte es ebenso heim und konnte es nicht fassen, daß sich der Vater darüber so erboste, wie er ihn noch nie gesehen hatte. Der Mandelschneider war freilich von seinem innersten Wesen her viel zu klug, um nicht zu wissen, daß Schläge hier nichts fruchten würden. Nicht seinem Jungen gab er die Schuld an dessen Unvermögen, sondern allein dem Lehrer Körber, der eben keine blasse Ahnung davon habe, wie ein Mandeljunge zu behandeln sei. Tagelang sprühte der Meister so vor Zorn auf den groben Fläz im Schulhause, daß es dem Amadeus angst und bange ward. Denn er glaubte, jetzt und jetzt würde der Vater seinen Pfefferrohrstock hervorholen und damit nach Neudeck stapfen, um mit dem Lehrer abzurechnen. Wenn das aber geschähe, so fürchtete er, dürfe er dann sicher nicht mehr in die Schule gehen und würde in seinem ganzen Leben kein Musiker werden können. Darum bettelte er den Vater so sehr, den Lehrer Körber zu verschonen, daß Eusebius, der tatsächlich mit dem Gedanken gespielt hatte, dem Schulmeister gelegentlich »auf die Bude« zu rücken, ganz gerührt wurde und dem Jungen versprach, noch bis Ostern damit zu warten.

Insgeheim aber litt Eusebius alle Qualen eines Mannes, dem seine schönste Zukunft zerstört wurde. Und da sein eigenes Lebensschiff obendrein wieder einmal nur noch mühsam in vielerlei widrigen Winden kreuzte, ist es kaum zu verwundern, daß es in der letzten Nacht des Jahres, die mit einem brausenden Schneesturm um das Mandelhaus fuhr, gänzlich die Richtung verlor.

Der letzte Tagesschimmer war längst ins tiefste Dunkel hineingestorben, Amadeus lag schon in seinem Bette, und Eusebius schritt unruhig in einem fort die Schneiderstube ab, immer vom Ofen an die Tür bis zur Schneiderhölle am Fenster und wieder zurück, redete mit irgend jemandem abgebrochene Worte, zog sich zu seinem Bett zurück, legte einige Kleidungsstücke ab, zog sie seufzend wieder an, löschte endlich das Licht in der Stube und setzte sich mit hochgezogenen Beinen wieder an seinen Schneidertisch am Fenster. Dort saß er lange Zeit und starrte unter Räuspern und gelegentlichem Gebläse durch die Nase in das Wetter der Nacht.

Dem Amadeus, der von dem Getöse um das Häusel nicht einschlafen konnte, wurde es schon bänglich zumute, auf was der Vater dort wohl noch aus der grauslichen Finsternis draußen warten mochte – da sprang der Mandelschneider mit einem Ruck vom Tisch, tastete sich durch die Stube, riß ein Zündhölzchen an, holte sich die kleine Petroleumlampe herunter, die immer auf dem Wandbrett über seinem Bett bereit stand, entzündete sie und schickte sich an, die Stube zu verlassen.

Unter der Tür hielt er an und rief nach seinem Jungen hin:

»Ich muß sehn, was es Wetter macht und ob all's im Hause in Ordnung is. Sei stille und schlaf; ich komm' glei wieder.«

Die Haustür ging, der Riegel am Ziegenstall fiel klappernd an die Tür, dann ächzte die Bodentür ganz schwach, und schließlich hörte Amadeus nichts mehr. Auch der Schneesturm hatte sich von einem Augenblick zum anderen ausgerast, und in der plötzlichen Stille fühlte Amadeus, wie er langsam in den Schlafgrund fiel. Doch noch war er nicht ganz in ihn hinabgesunken, da vernahm er, wie über ihm ein merkwürdiges Rumoren anhob. Es drang nur schwach aber ununterbrochen an sein Gehör, und Amadeus wußte bald nicht mehr, ob er noch wache oder schon träume. Ihm war, als ob der alte große Webstuhl, der als Erbstück von seinem Großvater her zerlegt unter den Sparren des Dachbodens steckte, zu knarren begonnen hätte. Wie das zugehen konnte, vermochte das Junglein freilich nicht zu begreifen, er war doch ganz auseinandergenommen, aber er knarrte genau wie eine lebendige Maschine, die gehorsam unter den Händen des alten Mandelwebers schnurrte und Faden auf Faden durcheinanderschlug. Davon wurde Amadeus wieder munterer, schlug die Augen auf und suchte durch die Nacht und die niedrige Decke über sich das Geheimnis zu ergründen. Und wirklich, nach einer Weile, sah er seinen Großvater rüstig am Weberbaum rucken, indessen seine langen weißen Haare unter jedem Stoß zitterten. Zwischen dem gedämpften Poltern klang seine schwache, schöne Stimme, die sich bald in das Lied aus Bonifaz Windeis Leier verwandelte. Da war Amadeus auch schon mitten in den Süchten seiner Seele und lag die ganze Nacht mit traumroten Wangen. Doch als er erwachte, nahm er sich vor, niemandem auf der Welt sein Geheimnis zu offenbaren.

Was sich wirklich in dieser letzten Nacht des Jahres auf dem Boden zugetragen hatte, davon konnte der Mandeljunge nichts ahnen. Aber die Wirklichkeit der Sinne ist niemals gleich der Wirklichkeit der Seelen, und daß Amadeus keineswegs nur einer Alfanzerei seiner Sinne erlegen war, sollte sich erst allmählich herausstellen.

Als der Mandelschneider in der Silvesternacht aus dem dunklen Fenster seiner Schneiderstube in die Winternacht starrte, war ihm zumute, als schnüre ihm der Sturm, der draußen tobte, den Atem ab. Es war aber nichts anderes als der Gram um das Versagen seines Einzigen in der Schule, das Gefühl seiner väterlichen Ohnmacht dagegen, wie überhaupt die Erkenntnis, daß ihm der Zugang zu dem Jungen ganz und gar verlorengegangen war und zugleich die Einsicht in seine eigene, schon zum Gespött der Gegend gewordene Schneiderunmächtigkeit, die sich ihm zentnerschwer auf die Seele legte.

Wie weit zurück lag doch jene glückliche Zeit, da er sein ganzes Leben als ein einziges hohes Gelingen in sich gespürt hatte, damals, als er mit der Stummen wie in einer zauberhaften roten Kugel zu schweben meinte. Und so heiß überflutete diese Erinnerung den vereinsamten Mann, daß es ihn wie einen Traumwandler über die quietschende Stiege auf den Boden vor die Tür der Dachkammer zog. Und ganz wie ein Schlafwandler, der aufwacht, wen ihn jemand anruft, stieß es ihn in die nüchterne Wirklichkeit zurück, als er vergeblich an der Klinke rüttelte, bis ihm einfiel, daß er ja den Schlüssel längst, im vergangenen Winter war's, durch die Dachluke in den Schnee geschleudert hatte.

»Gut, gut...« Des Eusebius Atem hauchte die Worte mehr vor sich hin, als daß sie sich zu Lauten von seinen Lippen formten.

»Da hat's nichts mehr zu rütteln. Vorbei ... vorbei ... unterm Schnee begraben.«

Als er dann bedrückt nach der Petroleumlampe griff, die er gedankenlos irgendwo abgestellt hatte, stieß er mit dem Schenkel gegen ein Stück Holz, das plötzlich und knarrend rückwärts glitt, daß er hingeschlagen wäre, hätte er nicht rasch eine Stütze gesucht und gefunden. Im Anblick des zerlegten alten Webstuhles durchfuhr ihn mit einem Male der Gedanke, sein Vater habe ihm »zu Fleiße« ein Bein stellen wollen, um ihm in seiner Ratlosigkeit einen nützlichen Wink zu geben. Kaum daß er, noch darüber nachsinnend, mit der erhobenen Lampe einen vollen Blick über die Stellage geworfen hatte, kam es wie eine Erleuchtung über ihn. Er brauchte ja nur zuzupacken, das nutzlose Möbel wieder zusammenzusetzen und wie sein Vater zu webern, um dadurch vielleicht doch noch einmal von seinem Schneiderelend loszukommen.

Närrisch wie ein Kind, das unverzüglich jedem Einfall nachgibt, machte sich der von diesem »Wink« bis zum Herzklopfen erregte schmächtige Meister beim trübseligen Schein seines Lämpchens an die Arbeit. Mit Aufbietung aller Kräfte rückte und zerrte er die einzelnen Teile zurecht und hatte wahrhaftig nach stundenlangem Mühen den Webstuhl wieder soweit beisammen, daß er nur noch die hölzernen Bolzen einzusetzen brauchte, die das Gestänge zusammenhalten. Aber diese waren nirgends zu finden. Ärgerlich gab es Eusebius für diese Nacht auf.

Am frühen Neujahrsmorgen schnitzte er sich heimlich, denn niemand sollte etwas von seinem Plan erfahren, auf dem Hackklotz vor dem Ziegenstall neue Bolzen zu und konnte es dann tagsüber in seinem Schneidergehäuse kaum erwarten, daß es wieder dunkelte und nach ein paar weiteren Stunden Amadeus endlich in seinem Bette eingeschlafen war. In dieser Nacht wollte er mit der Geschichte schon zu Rande kommen.

Die Bolzen paßten haargenau, als er sie aufsetzte. Doch damit war auch alles schon so gut wie zu Ende. Denn als er sie, wie es sich gehörte, erst noch mit dem Hammer tiefer in die Löcher der Leisten zu treiben begann, brach das von innen her völlig vermorschte Holz auseinander. Jetzt erst untersuchte Eusebius die übrigen Teile genauer. Das Ergebnis war niederschmetternd. In den dreißig Jahren, die der Webstuhl nun schon auf dem Boden stand, hatte der Holzwurm ganze Arbeit getan, und Eusebius stand als Narr seiner bunten Einbildung davor. Die Erschütterung darüber lähmte ihn dermaßen, daß er augenblicklich seinen ganzen Plan begrub, alles stehen- und liegenließ, wie es war und in den nächsten Tagen mit einer Erbitterung über sich selbst die Nadel durch die verwünschten Flicksachen der Kundschaft fliegen ließ, daß er manches Mal meinte, sie fange ihm zwischen den Fingern zu glühen an. Den Dachboden betrat er von da ab bis an sein Lebensende nicht mehr.

Eines Morgens aber, mehrere Tage danach, erwachte Amadeus, dem in der Nacht der Mandelweber bereits zum dritten Male mit seiner schönen Stimme des Bonifaz Windels Leiblied zum Takt des Weberbaumes gesungen hatte, so erfüllt von seinem nächtlichen Erleben, daß er nicht länger an sich halten konnte, seinen Vorsatz, niemandem etwas davon zu verraten, fallen ließ und dem Vater mit glückhafter Stimme erklärte:

»Gestern nacht hat der Großvater wieder gewebert unterm Dache.«

Der Mandelschneider machte große Augen, die starr waren wie vor Schreck.

»Wer hat gewebert?« fragte er, wartete jedoch die Antwort des Amadeus nicht erst ab, sondern setzte gleich hinzu:

»Du bist wohl nicht recht gescheide, Junge. Untersteh' dich und sag' das noch amol!«

Aber Amadeus, der des Großvaters weiße Haare hatte zittern sehen und dem die schöne Stimme noch in der Seele klang, blieb dabei und beschrieb seinem Vater alles genau, wie es gewesen war. Da gebot ihm Eusebius mit aller Strenge noch einmal, ihm niemals wieder vom Großvater und all dem »Traumgemäre« zu sprechen. Dann tat er behutsam seine Arbeit auf die Seite, legte seine langen, mageren Hände auf die Knie und blickte unverwandt darauf, ohne aufzusehen. Schließlich begann sein Atem ruckweise zu gehen, fast wie schluchzend. Amadeus blickte ihm von seinem Bette her erschrocken zu, denn mit einem Male sprang der Vater auf und lief aus der Stube. Wäre der Junge nicht viel zu verschüchtert gewesen, ihm nachzugehen, hätte er sehen können, was für sonderbare Dinge Eusebius trieb. Erst lief er in den Holzstadel, aus dem er nach einer Weile mit einer alten Weidenrute herauskam, dann schlich er sich auf die Bank hinters Haus und schrieb mit dem Rütchen lange allerlei krause Figuren in den Schnee, wobei er halb scheu, halb verächtlich bestimmte Worte vor sich hin murmelte.

Von dem Moment an, da ihm Amadeus seine Traumgeschichte erzählt hatte, sah Eusebius, daß es jetzt nur noch zwei Möglichkeiten gab: Entweder ging seines Vaters Seelenleib wirklich unter dem Dache um; dann geschah es, weil er seines sündhaften Lebens halber noch immer nicht hatte in die ewige Ruhe eingehen dürfen. Aber warum hatte er sich dann dreißig Jahre nicht hören oder blicken lassen? Oder ... und bei dem Gedanken wurde es dem armen Meister heiß und kalt zugleich – oder es bedeutete eine schlimme Botschaft für ihn, Christoph Eusebius. Denn so viel stand ja fest, daß der Geist eines Verstorbenen, mußte er nicht seiner Sünden wegen noch lange auf Erden umgehen, sich nur meldete, und auch nur vor unschuldigen Kinderseelen, um einen Todesfall anzukündigen, der sich spätestens zwölf Monde danach ereignen mußte.

Der Mandelschneider war sich im klaren darüber, daß die Ankündigung, wenn es eine war, nur ihm gegolten haben konnte. Doch um ganz sicher zu gehen, versuchte er es mit der althergebrachten Beschwörung unerlöster Seelen durch die Wünschelrute.

Den Tag darauf drang er, kaum daß Amadeus die Augen aufgeschlagen hatte, mit der Frage in den Jungen:

»Hat der Großvater in der Nacht wieder gewebert? He?«

Das Junglein, das meinte, der Vater wolle ihn nur listig dazu verlocken, sein strenges Verbot zu übertreten, sagte nach kurzem Besinnen: »Das weiß ich nicht.«

Was Eusebius auch anstellen mochte, er blieb dabei und ließ sich weder mit Drohen noch mit Schmeicheln noch ein Wörtlein mehr darüber entreißen. Und da Amadeus, als der Vater immer wieder mit der gleichen Frage in ihn drang, standhaft bei derselben Antwort blieb, gab es Eusebius endlich auf, den kleinen Hartkopf zu erweichen und auf diese Weise zu erfahren, ob er mit seiner Beschwörung den Geist des Mandelwebers hatte vertreiben können. So blieb ihm auch der nagende Zweifel im Herzen, ob er nicht doch binnen Jahresfrist werde sterben müssen. Darum begann er kummervoll darüber nachzusinnen, wie er es zuwege bringen könne, für seines Amadeus Zukunft zu sorgen, bevor man ihn selber aus dem Mandelhause auf den Gottesacker tragen würde.

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