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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 25
Quellenangabe
pfad/stehr/mandelha/mandelha.xml
typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120207
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24

In jener Zeit, da Eusebius seines Jungen halber so viel Kummer und Herzeleid mit seiner Nadel in den Kleidern seiner Kunden zu überwinden hatte, verging keine Woche, daß nicht ein Röhrsdorfer den Meister in seiner Schneiderstube wegen einer verpfuschten Arbeit bedrängt hätte. Das ging alles nicht so ohne weiteres ab. Denn die Oberröhrsdorfer wohnen alle nahe beim Wald in einem niederträchtigen Wetterwinkel, der das rechte Stelldichein der Winde ist, die man sonstwo nicht brauchen kann. Deswegen sind ihre Köpfe recht wie aus Astknorren zusammengedübelt, und was sich einmal da eingenistet hat, bringt niemand wieder heraus, und hätte er auch wie der alte Mandel die halbe Welt gesehen und noch etwas mehr. Umsonst bewies Eusebius ihnen mit allen vier Himmelsgegenden und allen Meistern, die aufzutreiben waren, daß sein Werk nach den Regeln der Kunst gebaut sei. Die Männer warfen sein sauberes Werk nur immer zwischen den gespreizten Beinen auf die Dielen, die Weiber dehnten es auf dem Schoß auseinander, daß die unglücklichen Nähte platzten. Niemand hörte auf die Abenteuer, die der bedrängte Mann in seiner höchsten Not einflocht, um die zornigen Kunden auf andere Gedanken zu bringen, sondern jeder schnitt wie nach einer Verabredung mit höhnischen Worten die schönen Geschichten mitten durch und erlangte endlich von dem erschöpften Schneider die Zusage einer völligen Änderung der verfehlten Arbeit.

Amadeus zog sich bei solchen Kämpfen ängstlich in einen Winkel zurück oder flüchtete gar vor die Tür unter die Bank, weil er, auf welchem Wege immer, zu der Überzeugung gekommen war, schuld an der Bedrängnis seines lieben Vaters zu sein. Dann saß er wohl draußen unter der Weide und sah in quälender Vereinsamung umher. Das Wasser lief zu seinen Füßen, die Wolken breiteten ihre weißen Fächer und flogen davon, der Lange Busch stand fern und rauschte vor sich hin. Alles, was sonst so leicht zu seiner verzückten Seele geredet hatte, ging fremd, kühl und stumm an ihm vorüber. Je öfter er von dem Vater wegen seiner Fehler zurückwich, desto größer erschien ihm seine Schuld. Selbst wenn er, mit Zwang herbeigeholt, an seiner Seite lehnte oder neben ihm hinging, war er nicht ganz bei ihm, und die Geschichten, die nun wieder reichlicher aus der empfindungsreichen Seele des Schneiders flössen, erlebte er mit heimlicher Bedrücktheit, wie die Luft eines Fremden. Eusebius litt nicht nur an der unbegreiflichen Scheu seines Einzigen, sondern auch an dem Scheitern der verborgenen Hoffnungen, die er auf seinen Sohn vom ersten Tage gesetzt hatte. Die feinfühlige Seele des Kleinen empfand gar oft dieses Schwelen aus der väterlichen Brust. Die Augenblicke, in denen er den Vater in seiner zerbrechlichen Zeitlichkeit erblickte, kamen nun öfter über ihn und verleiteten ihn zur Widersetzlichkeit. Aber was er mit seinem Trotz ersehnte, daß der Vater ihm wehe tun möge, geschah niemals. Eusebius wiederholte seine Vermahnungen nur in immer größerer Liebe und schwieg endlich, wenn Amadeus zusammengekauert mit gesenktem Kopf auf seinem Platz verharrte.

So kam der arme Junge ganz in die Irre, und weil er zuletzt nicht mehr ein noch aus wußte, überfiel ihn Erschöpfung wie einen, der in unbekanntem Walde lange nach einem Auswege gelaufen ist. Gleichgültig saß er weiter in der Schule auf dem letzten Platz, still, wie verweht, wohnte er im Hause seines Vaters, ging mit ihm um wie früher und lebte doch in einer fremden Welt, in der er alles um ihn so qualvoll genau verstand und erkannte; doch wagte er nie, weil er das Hohnlachen Körbers nicht aus dem Ohr brachte, davon zu sprechen. In tiefster Seele aber blühte in ihm die Gewißheit einer traumhaften Erhöhung, die oft aus seinem Gesicht als schwermütige Verzückung leuchtete, daß er allen ein Rätsel war, die, von seinem Anblick gefesselt, von irgendwem erfuhren, »er sei nicht recht bei Kopf und komme in der Schule nicht vom Flecke«. Allerhand abfällige Bemerkungen über seinen Vater nahm er mit Augen hin, die groß und starr ins Weite sahen, und machte keine Miene, ihn zu verteidigen, wenn man den Schneider einen Fabelhengst oder Flausenbläser nannte. Nicht, daß er seinen Vater durch die Erzählung solcher Vorfälle betrübt hätte, aber er saß und ging spähend umher. Endlich tat sich doch ein Zugang zu seinen verborgenen Süchten auf.

Eines Tages, als er wieder als letzter über die Wiesen tändelte und, von Zeit zu Zeit aufsehend, seine Kameraden in übermütigem Spiel den Abhang hinauftollen sah, der sich aus der welligen Ebene zum Hainwalde erhob, es war gegen ein Uhr nachmittag im lichtesten Vorsommer, begann vom Turme her das kleine Glöckchen seine dünnen Schläge, eilig und energisch, als rührten die Engel im Himmel eine klingende Trommel. Unversehens fiel er nach dem Takt des Geläuts in frohen Marschtritt. Die anderen waren schon entschwunden, und als er mit fliegendem Atem auf der Höhe angelangt war, flatterten die bunten Kleidchen der Mädchen schon zwischen den Feldern nach Röhrsdorf zu. Die Knaben riefen sich manchmal etwas laut zu, schwenkten die Mützen und liefen dann eine Strecke aus allen Kräften.

Amadeus hätte nun auch denselben Weg wählen und in einer Viertelstunde zu Hause sein können; aber er suchte sich den halb vergessenen Steig auf, der im lichten Gesträuch dem Rande des Hainwaldes folgend in großem Bogen der Chaussee zuführte, die vor Rohrsdorf durch die Felder schnitt. Da ein Blatt vom Zweige zupfend, dort sich nach einer Blume bückend, jetzt einem Vogel nachrufend, der aufgeschreckt in den Wald flüchtete, und dann wieder in dem wunderbaren Gefühl unter einem Strauch sitzend, die Blätter seien ein grüner Regen, der über ihn herniedergehe, kam er langsam weiter und immer tiefer in allerhand unnennbare Träume hinein. Er vergaß ganz, der arme Mandeljunge zu sein, den alle verlachten, und der fast keinen Vater mehr hatte.

Da hörte er nicht weit von sich auf das offene Feld zu einen hellquiekenden Ton, den er für den Laut eines schlecht geschmierten Karrens gehalten hätte, wäre nicht darauf von irgend etwas eine Kadenz gezittert worden, so ohnmächtig und zaghaft, daß sie aus Bestürzung bald abbrach. Er bog das Gesträuch ein wenig auseinander und bemerkte einen alterskrummen Mann unter Murmeln an einem Kästchen hantierend, das vor ihm auf einem Gestell balancierte. Es war nicht nur Neugierde, was es Amadeus rätlich erscheinen ließ, in vorsichtigem Bogen das Freie zu gewinnen, denn in dem Augenblick fielen ihm alle die Geschichten seines Vaters von Räubern und Zauberern ein. Er setzte sich also draußen in einiger Entfernung von dem Manne in einen Graben, das Schulzeug mit entschlossenem Griff auf den Knien haltend, damit er jeden Augenblick fliehen könne. Aber der Alte hatte einen friedlich geflickten Rücken und redete immer über den Kasten gebeugt, kosend und verweisend, begütigend und zornig, vor sich nieder, als sei wer da, der in grilligem Trotz nicht tue, was ihm zukomme. Indessen waren seine Arme in eiliger Bewegung, und das Kästchen schnurrte, knackte und klapperte dazu. Endlich ließ er von dieser eifrigen Tätigkeit ab, streckte seinen zusammengehutzelten Körper seufzend auf und ging schwerfällig nach demselben Graben, an dessen Rande, ein Stück weiter oben, Amadeus saß. Nachdem er dort gemächlich die Füße breit auseinandergestellt und einigemal verwundert vor sich hin gelächelt hatte, hob er sein Gesicht und sah den kleinen Mandel freundlich prüfend an, indem er nach einer Weile sagte: »Ja, ja, ich weeß schon.«

Amadeus hörte die Worte nicht vor dem seltsamen Gesicht, das er sah. Eigentlich war es wie das Gesicht eines jeden Menschen, aber die große Nase hatte es ganz in Unordnung gebracht, sie hing wie ein Schlagbaum daraus hervor und hatte offenbar den Stolz, sich ohne Rücksicht auf ihre nächste Umgebung noch mehr zu entwickeln, denn an straff gespannten Falten zog sie an der Stirn, die unwillig ein wenig herabgerutscht war, und an den Augenlidern, die kaum den Blick freiließen. Der Mund war von ihrer Last ganz eingedrückt worden und lag immer im Schatten. Als der Alte bemerkte, daß Amadeus vor seiner Nase zu keiner Antwort kommen konnte, sagte er:

»Ich bin Windel Bonifaz«, und als er noch keinen Bescheid erhielt, fragte er: »Gelt, du bist aus'm Röhrsdorfe?«

Amadeus faßte Mut, und weil der alte Windel ihn nicht verlachte wie die anderen alle, daß er in der Schule nichts taugte, sondern immerfort freundlich auf ihn einsprach, erzählte er endlich alles von seinem Vater, dem Schneider, und seiner Mutter im Himmel, von der stummen Maruschka, der Finger-Lene und den Ziegen. Er war Windel immer näher gerückt und sah jetzt, daß der Kasten auf dem Gestell eine Drehorgel sei, die man Vogelleier nennt, weil sie so dünn pfeift wie die Vögel im Walde.

»Ja, ja, ihr Purschen«, sagte jetzt Windel Bonifaz, »ihr Volk, ihr denkt, a so ein Leiermann hat's gut. Nu, da hat's woll manches, was eenem 's Leben auch schwer macht und nie a so leichte is, wie die Pfennige in die Tasche und das Brot in den Sack stecken. Zum Beispiel ein solches Leierla is bloß ein Kasten und hat Mucken wie ein großer Mensch, und wenn se und se will nich, da kann ich mir die Arme ausdrehen, se pfeift nich, se gibt keenen Ton und hält keenen Takt. Früher, wie ich noch jung war und raschig, da dacht' ich, es mißte mit Gewalt giehn. Aber da hätt' se mir den Kasten zerrissen. Etze aber seh ich, wo's fehlt, gieh von ihr weg, stell' se ins Grüne und warte, bis se sich erholt hat.«

Amadeus guckte sich die trotzige Leier an, aber sie sah gar nicht widerspenstig aus, sondern stand gehorsam auf dem Gestell. Der Gurt hing gemächlich von ihrem Rücken, und die blanke Kurbel hielt sie richtig an der rechten Seite. Dann sah er wieder den Alten an, dessen Gesicht doch recht mager und voll Kummer war. Als dieser aber das Mitleid in den Mienen des kleinen Mandel bemerkte, hustete er energisch und sagte dann:

»Aber daß ihr etwan ja nich denkt, een Leiermann is weniger als ein Schneider oder sonst was. Musik erfreut des Menschen Herze, sagte schon unser Herrgott und ließ seine Engel singen. Siehste, mei Jungel, und wenn's mit mir altem Manne mal gar nich gehen will, da such ich mir wo einen Pusch, der da den Schall weit übers Feld schmeißen kann, wie dahier, stell die Leier davor, rück' ein lustiges Stückel zurecht und dreh und dreh, da kommt das Lied zurücke über mich, und mir is dann immer, als wenn ich een kleiner Junge wär' und die Mutter säng' mir übers Gesichte und spräch': ›Bonifazla, laß gut sein, es wird sich alles wieder machen.‹«

Dann erhob sich Windel, rückte seine Leier zurecht und spielte »Gott erhalte Franz den Kaiser«.

Sein Arm flog nur so, die kleine Leier hüpfte leidenschaftlich hin und her, daß er sie festhalten mußte, und das Gestell zitterte. Der nahe Hochwald nahm das dünne Lied auf, führte es hoch in seine Äste hinauf und verwandelte es in ein leises Brausen, das sich endlich im ruhigen Licht der sommerlichen Felder ganz zart verlor.

Als Bonifaz Windel das Lied dreimal gespielt hatte, nahm er den Kasten auf den Rücken, das Gestell in die Linke, den Stock in die Rechte, nickte dem Amadeus freundlich zu und schritt so stark und sicher auf einem Raine nach Neudeck zu, als habe er eine stärkende Mahlzeit genossen.

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