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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 24
Quellenangabe
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typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120207
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23

Das Schicksal des Menschen macht gern tausend verwirrende Umwege, bis ihm der vollgeladene Wagen des Glückes oder auch des Unglückes in das Haus fährt.

Schon nach den ersten Schulwochen des Jungen schien dem alten Mandel des Amadeus' völlige Untauglichkeit erwiesen, jemals auch nur das Abc schreiben zu lernen, und für ihn war es ausgemacht, daß nur der verderbliche und auch jetzt noch andauernde Hang zum Herumstreunen und das Gesinge schuld daran trage. Von der stickigen Luft aber, in die der kleine Amadeus hineingestoßen worden war, ahnte er lange nichts.

Der neue Schulmeister Körber, den die Siebenhufener mit wahrem Aufatmen an die Neudecker abgegeben hatten, weil er ihre Kinder wie ein ungeduldiger, grober Fläz behandelte, war, genau genommen, ein armer Mensch; denn er war wirklich schon als kleine Säge zur Welt gekommen, und mit der Zeit hatte er sich unter der Ungunst des Lebens und der harten Last des Berufes zu einer richtigen, tief geschränkten Schrotsäge entwickelt. Schon vor dem Morgengebet sprang der Stock vom Klassenschrank und gab auch am Ende des Unterrichts die letzten eindrucksvollen Ermahnungen.

Dieser mehr tatsächlichen Lehr- und Erziehungsweise blieb Körber treu, solange er sein Amt ausübte. Seine Haltung war leicht geneigt, und das blaßgelbe Gesicht trug immer von halben Bartstoppeln grämliche Schatten. Hinter der Brille kreisten spürende scharfe Augen, und während er die Finger der auf dem Rücken liegenden Hand auf- und zuspreizte, pfiff er mit schütteren Lippen leise wie eine überheizte Maschine.

Seine ganze Lehrtätigkeit stellte sich im Grunde als Rache an den Eltern der Kinder dar, mit denen er wegen seiner Reizbarkeit in steter Fehde lebte. Jeden unschuldigen Spaß der Knaben ahndete er als heimtückische Bosheit, jedes Überschäumen kindlicher Freude als Frechheit; weinte jemand nach der empfindlichen Strafe, so war es Verstellung, und nahm er den Schmerz stumm hin, so machte er sich der Verstocktheit schuldig. Der großen Zahl der Fehler und Untugenden der Kinder paßten sich die Strafen in ihrer Vielfältigkeit an.

Wer aber das Wasser gar zu tief umrührt, macht es schmutzig, und darum waren die Siebenhufener Jungen weit und breit die wildesten, und die Neudecker standen ihnen darin bald nicht nach.

So stockte die Luft in der Neudecker Schulstube von der Verschlossenheit der Kinderseelen und dem Lauern des Lehrers. Stand einer auf, um eine Frage zu beantworten, so krachte die Bank hart in der übergroßen Stille, und die Stimme des Kindes klang schreiend vor geheimer Furcht und einem wilden Mut.

Amadeus fühlte sich in der großen Schar Kinder beklommen, drückte sich soviel als möglich zusammen, um nicht gesehen zu werden, und hielt seine Tafel mit beiden Händen fest unter die Bank, weil er fürchtete, der Lehrer könne es ihr ansehen, wie sie von Stift und Lied mißhandelt worden war. In all diese geheime Angst mischte sich jedoch seine schrankenlose Bereitwilligkeit zum Erstaunen. Heftete er die Augen auf den Lehrer und dachte, daß in ihm alles steckte von dem Königreich Preußen, von dem Meer und den großen Städten, den Kriegen, wo man große Löcher in den Leib macht, daß alles Blut herausläuft, und von den wilden Tieren, von denen eines so laut schreien kann, daß die Bäume vor Schreck umfallen und das Gras vor Angst nicht wachsen mag – wenn er sich das alles dachte, dann stand der griesgrämige Körber für ihn in einem bunten Glanze. Er hörte mit offenem Munde auf alles, was er zu den größeren Kindern sagte, und es erschien ihm um so herrlicher, je weniger er davon verstand, weil er dann von allem träumen konnte.

Während der großen Pause sprang er dann jubelnd und singend im Hofe umher, daß alle um ihn standen und lachten, und einmal trat der Lehrer zu ihm und fragte: »Gelt, du bist Mandelschneiders Junge?«

Da durchfuhr ihn ein großer Schreck, daß er kaum mit dem Kopfe zu nicken wagte. Der Lehrer aber lachte und sagte: »Das sieht man.« Deshalb war er bald wieder fröhlich, und erzählte zu Hause dem Vater, der Lehrer habe ihn gelobt. Eusebius wurde rot bis an die Ohren und sah verwirrt zum Fenster hinaus. Nachdem er sich gefaßt hatte, wollte er genau die Worte des »Herrn« wissen. Amadeus konnte sich aber durchaus nicht an sie erinnern, und so begnügte sich der alte Mandel stolz mit der Tatsache, eines gelehrten Mannes Wohlgefallen erregt zu haben. Von diesem Tage an hielt er es sogar für möglich, auf seiner Wanderschaft auch Rußland berührt zu haben. Glückvoll hörte er den Geschichten zu, die sich Amadeus aus dem Ton der Körberschen Stimme und dem Takt seiner Worte gebildet hatte und als Erzählungen des Lehrers in der Schneiderstube daheim wiedergab; und der vielgereiste Meister mußte sich eingestehen, die Schule sei »heutzutage weit, sehr weit« gekommen.

Diese glücklichen ersten Tage schwanden schnell hin. Die kleinen Schützen, die mit großen Augen voller Erwartung alles beobachteten, was um sie vorging, wurden wie alle die anderen in den schreienden Strom der Unterweisung untergetaucht. Statt der Geheimnisse, denen die feinen Seelen entgegenzitterten, mußten sie sich mit unverständlichen Worten beladen. Stieg aus einem Ton oder aus einem Bild eine nie gesehene Geschichte in ihnen auf, so wurden sie von dem Zwang dieses gemeinsamen Lebens fortgestoßen. Schnell starb das Eigenleben der kleinen Menschen, wenn die dumpfe Luft des Schulzimmers um sie war. Alle Erwartung, aller Eigenwille erlosch in ihnen. Die Begeisterung verwandelte sich schon bald in furchtsame Bereitwilligkeit. In Amadeus aber glühte der Dampf märchenhafter Ferne, das Bunt der Träume, der krause Tanz verschlungener Geschichten so stark, daß ihn nichts dauernd in das regelmäßige Klappern der Stunden zu bannen vermochte. In seinem Kopfe, in dem sich auch das Gewöhnliche als ein Großes wie das erste Mal auf Erden gebar, formten sich alle Erkenntnisse so seltsam und neu, daß es den scholastischen Kunstgriffen Körbers unmöglich wurde, aus ihnen den Zwirn gewohnter Einsicht zu drehen. Die Antworten des kleinen Mandel wurden für ihn die naiven Äußerungen schnurriger Torheiten, die er dem Spott der ganzen Klasse preisgab.

Lachte dann die Menge überlaut, so bog der Geschändete sein Köpfchen tiefer und weinte stumme Tränen auf die Bank. Trotz allem blieb er, wie er in seiner Seele war: wie vorher staunte er mit großen Augen in die Sonne hinauf, wenn der Name Gott genannt wurde, wie sonst erbebte seine Seele, sooft von den Engeln erzählt wurde, die mit den Menschen sprechen, und voll ehrfürchtiger Sehnsucht erwartete er ihr Erscheinen, wenn er sie droben am Himmel als weiße Wolken fliegen sah. Die anderen alle schalteten mit Worten, er litt immer an den schönen Schauern des Erlebens.

Auch der Stift und die Tafel ließen nicht von ihrer Zauberkraft. Nach wie vor formten sich die Buchstaben unter seiner Hand zu lebendigen Dingen und verloren so ihre natürliche Gestalt. Niemand gab es, der ihm aus dieser verzweifelten Lage helfen konnte. Nun wagte er den Lehrer nicht mehr anzusehen, im Hofe drückte er sich, von allen gehänselt, in einem entfernten Winkel am Zaune umher und schielte sehnsüchtig nach dem Spiel der anderen. Auf dem Heimwege wandelte er ausgestoßen hinter seinen Mitschülern und sprang oft, um nicht weinen zu müssen, die Gräben hin und zurück, bis er keuchte und sich niederlegen mußte. Himmel und Erde kreisten dann um ihn, und schwoll von Neudeck das Geläut der Glocken herüber, so erzitterten die Wolken, und es war dem Junglein, als wolle das tiefe Dröhnen gar die Würzlein aus der Erde ziehen und zu einem Tanz durchs Gras verführen.

Bald blieb dem armen Amadeus von seiner ganzen Schulzeit nichts Schönes als diese Schulgänge über die Wiesen an dem Hainwalde hin. Denn er durfte auf die Begleitung der anderen nie mehr hoffen, seitdem er in Verzweiflung dem Zelkerjungen gesagt hatte, er sei vom Teufel besessen. Sie warfen, von jenem bestochen, mit Steinen nach ihm, sooft er ihnen nahe kam.

Dem alten Eusebius blieb dieser schmerzvolle Umschwung in seinem Amadeus auch nicht verborgen, und seit das Junglein auf sein Erkunden, wie es in der Schule gehe, ihm einmal bitterlich an die Knie gesunken war, traute er sich nicht mehr zu fragen, um es ihm und sich nicht noch schwerer zu machen. Er begnügte sich damit, bei seiner Heimkehr verstohlen hinzusehen; und lag wieder dieselbe blasse, gramvolle Verlorenheit auf seinem Gesicht, trat er zu ihm hin und streichelte liebkosend seinen silberblonden Scheitel, ohne ihn mit einem Wort anzurühren.

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