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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 23
Quellenangabe
pfad/stehr/mandelha/mandelha.xml
typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
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22

Am anderen Tage war der Himmel golden klar, nicht ein grämliches Wolkenfältchen zu sehen, weit und breit. Wie ein strahlendes Netz fiel das Licht aus der Höhe herunter. Die ersten Lerchen hingen flatternd in seinen leuchtenden Maschen und jubelten über ihre glückvolle Gefangenschaft. Alle Rinnsale in den Gräben schlugen mit ihren Wellen klingende Wirbel. Die Waldwand des Langen Busches stürzte verzückt in die blaue Höhe; die Berghäuser tummelten sich wie eine Herde bunter Rinder über das junge Grün der Hochwiesen, und der Hainwald hauchte aus tausend dunklen Torfahrten stille weiße Dunstschleier über das Feld, die an der Grenze seiner Schatten ins Licht zerflossen.

Das war für den Amadeus nach dem gestrigen Abend so ein rechter Morgen. Niemand konnte seiner habhaft werden, so schweifte er auf den trockenen Rainen durch alle Felder; und wenn man ihn so traben sah, daß seine weißen Haare im leichten Sonnenwinde spielten, war es, als habe er an seinem Kopfe glänzende Flügel, mit denen er durch das Feld gaukele. Manch ein Griesgram von Oberröhrsdorf guckte durchs Fenster, zog sein Weib vom Ofen zu sich heran und sagte: »Da sieh, das richtige Mandelblut!« Dem Amadeus aber standen rundum in der Welt große sonnige Tore, höher und strahlender noch als das, aus dem gestern der Lehrer Wudhof zu ihm gesprochen hatte. Ihre Wölbungen reichten bis ins Blaue hinauf, der Hainwald fuhr darunter durch wie ein schwarzblauer Planwagen, und der Lange Busch stand gleich einem Fuder Heu darunter. Wenn das Amadeuslein gewollt hätte, er hätte zu einer der vielen Sonnentüren hinaustreten können und wäre dann vielleicht zu seiner Mutter gekommen oder zu Veronika oder zu seinem Vater, wie er war, als er noch mit dem König von Preußen reiste. Aber er lief immer nur eine Strecke gegen das Sonnentor hin. Dann merkte er bald, daß es doch weiter entfernt sei, als er anfänglich geglaubt hatte. Deswegen setzte er sich und ließ allerlei Gedanken die Straße reisen, zu der seine Beine noch nicht lang genug waren. Was ihm vorkam, das sagte er zu sich selber. So, gegen die lange Lehne gewendet, sprach er:

»Es kriecht ein Haus über die Lehne. Es ist an die Felder gespannt wie eine Kuh vor den Wagen. Und vor ihr geht ein Baum. Der hat nur ein Bein und fällt nicht um. Auf dem Kopfe trägt er ein Reisigbündel. Das bringt er der Sonne. Wenn er auf dem Berge ist, wirft er es hinein. Da brennt das Sonnenfeuer viel roter.«

Und alles, was er sagte, das wußte er nicht aus sich selber, sondern ungesehen stand der Lehrer Wudhof neben ihm und flüsterte es in seine Ohren. Amadeus nannte das neue Spiel Schule halten und wurde nicht müde, es immer und immer zu wiederholen, bis es in ihm feststand, daß der Lehrer die Kinder durch Sonnentüren führe, um ihnen zu zeigen, was in aller Welt sei.

Eusebius sah seinen Jungen an diesem Tage und den folgenden durch die neuen Einbildungen spazieren, und er war eigentlich froh, daß Amadeus wieder ein Wesen gefunden hatte, in dem er hausen konnte. Außerdem würde das Kind auf diese Weise fröhlich über des Schulmeisters Schwelle schlüpfen, was bei manchen nicht so ohne Sperren und Tränensackschütteln abgeht. Aber doch fiel dem Eusebius in diesen Schluck Beruhigung ein geheimes Tröpflein Bitternis. Denn nicht durch ihn, sondern diesen wilden, verdröselten Menschen, den Wudhof, war dem Jungen der Weg zu den goldenen Pforten gewiesen worden, wohin ihn das Spiel drängte, und wenn er den Amadeus sein verträumtes Gesprächeln treiben sah, so kam es ihm manchmal in den Sinn, daß das irgendein fremdes Kind sei und nicht sein eigen Fleisch und Blut, das da herumvagierte. Und schlüpfte der Schneider recht in ein solches Betrachten hinein, dann konnte es nicht fehlen, daß es sich wie eine Wolke über ihm zusammenzog, aus der sich ein Brausen losnestelte und um ihn herschwoll. Er kam sich an seinem Schneidertisch nicht zu Hause vor, und ihm war, als kreise irgendwer um das Mandelhaus und riefe, wie es des Lehrers Wirtschafterin in der Wetternacht getan, aber nicht etwa nach Wudhof, sondern nach ihm. Der Klang der Stimme hatte jedoch eine andere Färbung und der Ruf einen Sinn, den er zwar nicht ganz zu fassen vermochte, von dem er jedoch ganz genau spürte, daß er auf ihn gemünzt sei.

Freilich wußte der Mandelschneider, daß er mit seinem Leben einem Manne glich, der in der Ebene aufgewachsen ist; zudem hatte er es von seinem Vater her im Blute, das heißt, er war weitsichtig, und was ihm vorkam, das übertrieb er ein wenig. Deswegen suchte er sich damit zu trösten und bemühte sich an allerlei anderes zu denken, an Geschichten, die er im Pfennigmagazin gelesen hatte, von dem Handwerksburschen zu Anklam oder von dem General Elliot, und sann auch darüber nach, was er den Amadeus werden lassen sollte, wenn er soweit wäre, einen Feldmesser oder einen Gerichtsbeamten oder einen Förster. Doch wenn er anfangen wollte, den Zwirn zu spalten, um herauszubekommen, auf welche Weise der Mandelname durch seinen Jungen an den höchsten Giebel geschrieben werden könne, schlich das Rufen wieder um sein Haus, und es war aufs neue, als gösse es aus der Rinne. Er verwünschte den Abend, an dem dieser Mensch in seinem Hause gewesen war und sagte sich, er hätte klüger getan, die Laterne auf seinem Rücken in Scherben zu schlagen, als ihm noch freundlich die Wege zu weisen. Denn zum Dank hatte ihm der Lehrer seinen Schatten dagelassen, der ihm das Gemüt verdunkelte, den Schrei seiner Wirtin, der um sein Haus scholl, und seinen Blick, der ihm alles im Auge verkehrte.

In diesem Schritt trabte der Mandelschneider durch die Woche und konnte das Brot nicht in den Ofen kriegen, an dem er herumwirkte.

Am Sonnabend, genau acht Tage nach dem Wudhofwetter, wie der Schneider bei sich den Besuch des Lehrers nannte, ereignete sich etwas, dessen Bedeutung er erst einsah, als alle Wasser, durch die er sich jetzt zwängte, schon über den Berg hinabgelaufen waren.

Es war vielleicht zehn Uhr vormittags, die Aprilsonne fiel in die Schneiderstube und schnitt alle Gegenstände haarscharf aus dem Schatten ins Licht. Die Stubentür stand halb auf, daß von seinem Platz aus ein Teil des kleinen Flures zu übersehen war, wo die Finger-Lene, auf einem Schemel sitzend, Kartoffeln abkeimte und in ein Schäffchen fallen ließ. Das Licht traf ihre Augen von der Seite, daß sie wie zwei blitzende Kugeln in dem frischen jungen Gesicht standen, ihre Brust stieg strotzend unter der Jacke. Die Muskeln ihrer prallen Arme spielten zuckend unter der roten Haut, hinter ihr lag der Schatten ihres Leibes, aus dem ihre Gestalt wie ein stilles, unaufhaltsames Lodern floß, daß dem Eusebius schier die Augen übergingen und er sie für Sekunden schließen mußte, weil ihn ein Schwindel anfiel. Das Mädel schien diesem Aufgehen im Licht ganz hingegeben und streifte mit keinem Blick die Stube, geschweige über den Schneider.

Amadeus aber segelte draußen im Felde durch seine Sonnenschule, und Eusebius sah ihn durch die frühlingsblanken Ruten des Gesträuches wie von einem goldenen Gitter umfriedet. Immer wenn der Schneider von dem flackernden Glühen, in dem die Lene aus ihrem Schatten wuchs, seinen Blick in das sonnige Vogelschweben seines Amadeus hob, tauchte er wieder in das Brausen der Wudhofnacht wie in einen unsichtbaren Strom, und sein Junge erschien ihm als fremdes Kind, das auf einer fremden Erde spielte. Unbekümmert, vaterlos, mutterlos, vom Licht getragen, vom Blau überdacht.

Den verborgenen Sinn dieser Empfindungstatsache spürte Eusebius an sich als eine Zurücksetzung und von seinem Jungen als eine Art Überheblichkeit. So bitter spürte er es, wie nur ein Schneider dazu die Macht hat, der alles in sich auf der Nadel balanciert. Doch er geriet nicht, weil er wollte, in diesen geheimen Essigdampf – der saure Geruch einer Mahlzeit fiel über ihn, die in den unsichtbaren Häusern seines Schicksals für ihn gekocht wurde. Und es gelang ihm nicht, diese beizende Bitterkeit aus sich herauszubeuteln. Nein, je länger er seines Jungen Getreibe auf dem Felde beobachtete, desto tiefer kam er in das Schwelen.

»Haha, ein schöner Feldmesser das«, sagte er in einer Art Hohn zu sich, »läuft wie ein Hase über die Raine und springt wie ein dreibeiniger Bock. Das is ein Junglein, ha, wo sollte denn da um Himmels willen der Gerichtsbeamte stecken?«

Nein, das war zuviel. Jetzt gebärdete sich Amadeus geradezu irrsinnig da draußen, sprang in die Höhe wie ein Fisch, drehte sich wie ein Kreisel und schoß dann wie ein Pfeil geradeaus, ohne zu sehen, wohin er trat, über Saaten, Sturzäcker und Gräben! Eusebius trommelte ans Fenster, daß die Scheiben klirrten: »He, wirst du wohl, Amadeus, hierher!«

Und wirklich, nach einer Weile hielt der »vermaledeite Junge« auf das Mandelhaus zu, doch nicht geduckt und betreten, sondern gaukelnden, glücklichen Schrittes. Von Zeit zu Zeit wandte er sein Gesicht zurück, als locke er mit seinen Augen etwas hinter sich her, und verfiel dann wieder in dies verrückte wie selige Traben. Jetzt wand er sich durch das Gebüsch. Nun konnte Eusebius sein glühendes Gesicht unterscheiden und sein jubelndes Geschrei hören. Der durch den Lärm herbeigezogene Schnallkebauer trat breitbeinig aus dem Hofe und schüttelte spöttisch den Kopf. Der Schneider zog sich in Scham zurück und konnte vor Zorn kaum atmen. »So ein Hallodri!«

»Das Veronikavögelchen hat mich gesucht!« hörte er seinen Jungen schon nahe am Hause schreien. »Komm, komm ... hier wohn' ich, Schmetterlinglein, hier ist meines Vaters Haus. Hier, komm! ... Lene, sieh doch, er fliegt mir nach!«

Von göttlicher Freude getragen erschien Amadeus im Hausflur. Die Finger-Lene hob den Kopf von ihrem Kartoffelschaff und sah mit herzlichem Aufmerken den Knaben an. Als sie einen gelben Falter gewahrte, der, angezogen von dem sonnigen Weißgold der Haare, dem Amadeus folgte, nicht anders, als halte er des Knaben Kopf für eine blühende Frühlingsblume, glitt ein warm leuchtendes Lächeln durch ihre Züge und verlieh für Augenblicke ihrer ganzen Gestalt etwas von dem Liebreiz einer eben erblühten Menschenknospe.

Kaum daß Eusebius dieser zauberhaften Verwandlung des Mädchens gewahr wurde, flatterte er auch schon kopfüber aus dem Tisch und stand, die aufgerissene Tür mit bebendem Arm von sich haltend, auf der Schwelle. Eben hatte sich der Schmetterling auf des Amadeus Scheitel niedergelassen. Er faltete die Flügel immer wieder auseinander und lief über das seidige Haar. Der Knabe stand verzückt wie im Scheine eines Wunders, sah unter halb geneigter Stirn zu seinem Vater auf und flüsterte glücklich: »Sei still, Vater, das Sommervöglein wird mir gleich was von Veronika sagen!«

Dem Mandelschneider saß es so dick im Nacken, daß er nach kurzem Stutzen, wohl mehr fuchtelnd als schlagend, den Schmetterling von dem Kopfe des Amadeus strich und wütig sagte:

»Ein Molkendieb is's, sonst nischte! Was schreiste denn da das ganze Dorf voll. Mach dich jetze rein, man muß sich ja schämen, du Nichtsnutz, du Rumtreiber!«

Aber zur Verblüffung des Schneiders machte Amadeus keine Miene zu gehorchen. Dem Mandeljungen war dieser Ausbruch einfach unverständlich. Er blickte den Vater nur aus blitzenden Augen an, stampfte einmal und noch einmal mit seinen Füßchen auf, rief dabei verächtlich: »Du alter Mann!« und hatte sich, ehe ihn Eusebius noch am Ärmel erwischen konnte, schon wieder zur Türe herausgedreht, dem entschwundenen Falter nachzusetzen.

Dem Mandelschneider trat vor Zorn der Schweiß auf die Stirn, aber er beherrschte sich, trat in die Stube zurück, warf die Tür hinter sich zu und zog sich knurrend in sein Gehäuse zurück, wo er über irgendeiner Flickarbeit in tiefe Meditationen versank.

Mit dem Jungen war nicht mehr fertig zu werden, soviel war nun erwiesen. Diesem Hang zu sinnlosem Schweifen mußte ein Ende gemacht werden, und das schleunigst. Das einzige, was hier helfen konnte, war die Schule. Da würde man ihn schon tüchtig an die Kandare nehmen und ihm die Flausen austreiben. Wenn der Wudhof jetzt seinen Dienst quittieren mußte, kam doch bestimmt ein anderer Lehrer an seine Stelle. Der Wudhof wäre für den Jungen auch nicht der Richtige gewesen. Gleich heute im Laufe des Abends konnte man ja einmal ganz unverfänglich die Sache mit dem Nachfolger aufs Tapet bringen.

Aber so erleichtert der Schneider bei diesem Gedanken aufatmete, richtig wohl wurde ihm nicht. Was hatte der Malefizkerl ihm da zugerufen? »Du alter Mann!« Ja, und vorher, da war doch noch etwas ganz anderes gewesen, das ihn erst so verwirrt hatte, daß er aufspringen mußte, um sich Luft zu schaffen; na ja, und dann war das mit dem Lausejungen halt über ihn gekommen. Richtig, das Mädel, die Lene, dort hinter der Tür ... himmlischer Vater, ging es denn schon wieder los? »Du alter Mann!«, »Du alter Mann!« hatte der Junge gerufen. Christoph Eusebius erschrak bis in seine Seele. Plötzlich ließ er seine Arbeit fahren und warf aufs Geratewohl einige groteske Bewegungen mit seinen Armen in die Luft, die er sich zu Zeiten Maruschkas angewöhnt hatte, um sie heranzurufen.

Nein, fuhr es ihm durch den Sinn, das war keine Entgleisung, das war der Zusammenbruch, und wenn das auch nur kurze Zeit noch so weiter ging und das Mädel ihm gänzlich den Kopf verdrehte, daß er es ... nicht auszudenken, dann wichen ihm die Leute schon von weitem aus, anstatt ihm Arbeit in die Stube zu bringen, und eines schönen Tages saß er mit seinem Jungen im Armenhause.

Und jedesmal, wenn er dieses Kapitel seiner möglichen Not durchgesonnen und bis an das verzweifelte Ende gekommen war, fuhr er jäh auf und rief in die Stube: »So kann's een schmeißen, schockschwerenot, und an allem ist bloß der Weibsteufel schuld!«

Der Weibsteufel, das war's! Diese Erkenntnis fuhr wie ein Blitz, der einen Baum spaltet, durch den Mandelschneider, daß sein Gesicht abwechselnd blaß und rot wurde. Dann war ja das damals mit der Stummen wie jetzt mit der Finger-Lene akkurat dasselbe, nichts anderes als nur der Weibsteufel, der ihn in den Klauen hielt wie den Wudhof. Aber der war noch jung. »Du alter Mann!« höhnte er vor sich hin. Doch allmählich bohrten sich die drei Worte, je öfter er sie wiederholte, gleichsam in ihn hinein. Es tat erst grausam weh, aber bald war ihm, als ließe er sich damit selbst zur Ader und befreie sich von etwas, was ihm das Blut bis in die Augäpfel hinein vergiftet hatte, daß der Weibsteufel sein Spiel mit ihm treiben konnte.

So ging der Mandelschneider an diesem Tage durch Stunden und Stunden schmerzlicher Selbsteinkehr, die er seinem Jungen verdankte, in seine vorletzte irdische Verwandlung ein. Und als die Sonne in das Dämmern herüberzusinken begann, saß er nach dem Sturm, der ihn durch so tiefe Wogen geschleudert, nicht anders auf seinem gewohnten Platze in der Schneiderhölle wie ein Schiffer, den die Ebbe auf dem Sand zurückgelassen hat, indes die glänzenden Schaumwimpel der Wellen, die ihn soeben noch genarrt, schemenhaft, fast unwirklich, in den Horizont zurückfließen.

Der, von dem ihm die Erleuchtung gekommen war, hatte sich, nun doch ein wenig furchtsam vor den Folgen seines Trotzes und seiner langen Feldstreiferei, im Dämmern wieder eingefunden und saß verschüchtert zwischen seinem Bett und dem Ofen auf dem hohen Holzsdiemel, bis der Schneider ihm und sich wortlos das Abendessen richtete. Dabei hätte Eusebius, der sich schuldig fühlte, seinen Weibsteufel an dem Jungen ausgetobt zu haben, das Junglein am liebsten mit beiden Armen an sich gepreßt. Im Geiste flüsterte er alle Kosenamen über ihn hin, glättete seinen Scheitel und küßte seine Wangen, aber ließ sich nichts davon anmerken. Der Junge war verwildert und mußte »in die Reschong« gebracht werden.

»Und jetze marsch ins Bette mit dir, du Rumtreiber!« Das war alles, was er sich abrang, und Amadeus gehorchte so flink wie noch nie.

Nicht lange danach lag Amadeus, ermüdet von seinem Herumstreunen, in tiefem Schlaf. Eusebius aber wartete ungeduldig darauf, die Lehrergeschichte einfädeln zu können. Richtig saß nach etwa einer Stunde die übliche Runde plauschend unter der Schirmlampe beisammen, und es machte sich wie von selbst, daß von der Neudecker Schule und dem Weggang Wudhofs gesprochen wurde. Das war schließlich ein Ereignis für die umliegenden Dörfer, um so mehr, als gleich nach Ostern das neue Schuljahr begann und so mancher Bauer ein Kind hatte, das wie der Amadeus für die Schiefertafel reif war.

So erfuhr der Schneider bald, daß Wudhof am Sonntag Lätare, vor einer Woche also, zum letzten Male die Orgel auf dem Chor gespielt und in dieser Woche sein Amt dem Lehrer Körber aus dem Nachbarort Siebenhufen übergeben habe. Darüber, was das für ein Mann sei, wußte niemand etwas Gewisses, wenn man nicht das übereinstimmende Gerücht, daß er im Gegensatz zu Wudhof »einer von der alten Sorte« sei, dafür nehmen wollte. Das beruhigte den Schneider ausnehmend, denn er sagte sich, daß dieser Lehrer Körber nach dem Spruch »hast du Zucht, so hast du Wucht« Schule halten würde. Auf Wudhof aber, der ja vor paar Jahren von irgendwo weither gekommen und mit der Art der Leute hier nicht vertraut gewesen war, fiel noch mancher Tadel, weil er den Kindern allzu vieles nachgesehen habe. Dann tauschte man noch allerhand Meinungen über den weiten Schulweg, über das alte baufällige Schulhaus zu Neudeck und den zu hohen Preis für die Fibel, doch Eusebius gesprächelte nur noch unlustig und wie abwehrend mit; und dieser und jener seiner Besucher stellte für sich verwundert fest, was für ein ausnehmend alter Mann der Mandelschneider doch in der letzten Zeit geworden, so daß es kaum zu begreifen sei, wie er noch so einen Abc-Hösling zu Hause haben konnte.

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