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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/stehr/mandelha/mandelha.xml
typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120207
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20

Am nächsten Morgen erwachte Eusebius früher als an anderen Tagen. Draußen bewegten sich undurchdringliche, frostweiße Nebel vor den Fenstern. Sie schoben sich nicht vorüber, sondern wurden gegen die Scheiben getrieben, und während die Ballen heranquollen, schienen sie sich zu vermehren. Das Gedränge wurde oft so dicht, daß es wie das feste Gefüge einer lebendig unruhigen Wand aussah. Der Schneider setzte sich im Bette auf, hing die Beine heraus, daß die großen Zehen den Boden berührten und dachte: »Eine schöne Sauerei.« Aber je länger er auf dieses Durcheinanderschieben und Verschlingen sah und sich bemühte, das Herandringen der Wolken genau zu verfolgen, die draußen auftauchten, desto tiefer bemächtigte sich seiner ein Schwanken. Die weißgrauen Ballen trugen sich nicht in einer Gestalt herzu, sondern quollen unausgesetzt in neuen Formen, die, kaum entstanden, wieder andere aus sich gebaren, daß der Blick fortwährend aus Unbegreiflichkeiten in Unbegreiflichkeiten glitt. Und dem Meister war es nicht anders, als fahre er in seinem Häuslein hoch durch die Luft.

Da war er auch schon mitten in dem Abenteuer, das ihm gestern der Firle-Böttcher in die Stube getragen hatte. Eine Weile vertiefte er sich in die wunderlichen Worte und Geschehnisse, die am vorigen Abend im Licht der kleinen Deckenlampe an ihm vorbeigetanzt waren. Aber sein Begreifen glitt von einer Unfaßbarkeit in die andere, und nicht lange danach fing es an, von den Wänden her gedämpft und doppelt zu sprechen, in der Tür zu knacken, als wolle sie von selbst aufgehen, die Nebel schnitten Gesichter, und der Meister steckte bald wie gestern abend in einem Taumel, der aus Bangen und Verwundern gemischt war. Aber er schüttelte dies Drehen von sich ab, ging auf die Deckenlampe zu und klopfte auf den Schirm. Das Lämplein gab einen blechernen, schwirrenden Ton von sich und schwang hin und her wie sonst. Er trug den Stuhl, auf dem der Hexenböttcher gesessen hatte, beiseite, und es war weiter nichts. Er trat auf die Stelle, an der das besprochene Tuch gelegen hatte, und spürte nicht einmal ein Kribbeln in den Fußsohlen. Hinter der Tür im Hausflur hing nichts. Die Mütze Firles hatte keinen Fleck auf der Schneiderbank zurückgelassen. »Unsinn«, sagte Eusebius zu sich und begann sich anzukleiden. Dabei wußte er plötzlich ganz genau, was nun zu tun sei, und ging sofort an die Ausführung. Er wartete nicht erst ab, bis Maruschka aus ihrer Kammer herunterkommen würde, sondern stieg energisch und gestrafft die acht Stufen der Bodentreppe bis dorthin herauf, wo sie die jähe Kehre macht, und rief mit Stentorstimme, was das denn für ein »Gemäre« sei heute, ihm knurre der Magen und es sei höchste Zeit zum Kaffeekochen. Dann zog er sich eilig und über sich selber erbost, weil ihm erst jetzt einfiel, daß die stocktaube Maruschka ja nicht ein Wort gehört haben konnte, wieder in die Stube zurück und stellte eigenhändig Teller und Tassen auf den Tisch.

In der Art trieb er es den ganzen Tag über und auch den nächsten und übernächsten und war geradezu unerschöpflich im Erfinden immer neuer Anlässe, sie zu gängeln und zu quängeln, zu sticheln und zu kujonieren. Er war fest entschlossen, das Verfahren, wenn nötig »bis ultimo« fortzusetzen, um sein Ziel zu erreichen. Doch die Stumme war solchem Ansturm nicht lange gewachsen.

Am zeitigen Morgen des vierten Tages erwachte der Schneider von einem Getöse auf dem Boden, das ganze Häusel krachte und dröhnte von dumpfen Schlägen. Doch Eusebius tat, als ginge ihn das nicht im mindesten etwas an, zog sich nur die Bettdecke etwas höher über die Ohren und rührte sich nicht mehr. Schließlich wurde es droben wieder ruhig. Nach einer Weile hörte er schwere Schritte die Stiege herunterpoltern, dann knarrte die Haspe der Haustür, die Tür wurde aufgerissen und wieder zugeschlagen, als wäre nur ein Poltergeist durchs Haus gefahren.

Darauf schien der Mandelschneider gewartet zu haben. Er sprang aus dem Bett, warf sich in seine Sachen und stürmte auf den Boden. Durch die weitoffene Kammertür erblickte er den Haufen Kleinholz, der von Maruschkas Bettstatt übriggeblieben war. Die Axt lag obenauf. Der kleine Meister blickte mit glänzenden Augen auf die Bescherung und atmete ein paarmal tief auf. Darauf schloß er die Tür, drehte den Schlüssel herum, zog ihn ab und warf ihn in hohem Bogen durch die Bodenluke über das verschneite Dach.

Als er die Bodentreppe herabstieg, pfiff er den Hohenfriedberger vor sich hin.

 

*

 

Als Eusebius behutsam in die Stube trat, um Amadeus nicht zu wecken, schien das Junglein noch zu schlafen. Darum schlich er sich befriedigt, mit einem liebevollen Blick auf den kleinen Schläfer, durch den Raum, kroch in sein Schneidergehäuse und schickte sich an, sein Tagewerk zu beginnen: er holte sich die Arbeit hervor, die er beim Eintritt des Firle-Böttchers unter der Bank verborgen hatte, rückte sich das Metermaß auf den Schultern zurecht, zog die Nadel aus den Kissen, hing sie an einen neuen Faden und ließ sie gleich so hurtig durch das Zeug schlüpfen, als gälte es, die Versäumnis des gestrigen Tages nachzuholen.

Doch das Junglein, obgleich es die Augen noch geschlossen hielt, schlief gar nicht mehr richtig, es lag in jenem Schweben zwischen Schlaf und Wachen, das bei so vielen Menschen dem vollen Erwachen voranzugehen pflegt, wenn die ersten Lichtschleier des neuen Tages den Schlafenden umwehen und allerlei Geräusche um ihn her die Stille der Nacht aufzuzehren beginnen. So träumte er vor sich hin, und ihm war, als kauere Maruschka wie jeden Morgen vor dem großen Kachelofen und stecke ihren Kopf durch die beiden kleinen Türflügel in das Feuerloch, daß ihr massiger Körper aussah wie ein flammender Berg. Dann war ihm wieder, als klappere die stumme Ziehmutter mit den Töpfen im Schrank, aber es klang anders als sonst, es schien ein ungeheures, fernes Getöse zu sein. Es war aber nur der schwache Nachhall des Krachens und Polterns, das an seine Ohren geschlagen war und ihn aus der Tiefe seines Schlummers gerissen hatte.

Da Amadeus nicht herausbekommen konnte, was das alles zu bedeuten habe, solange er die Augen geschlossen ließ, richtete er sich schließlich auf und blickte geradeaus nach der Ofenecke. Von Maruschka war nichts zu sehen. Zaghaft stieg er mit seinen zwei Beinen über den Bettrand in die Stube hinunter. Nun er, noch ein wenig traumtrunken, mit der Sohle der bloßen Füße auf dem Boden stand, fröstelte ihn; es war kalt in der Stube, im Ofenloch kein Feuer. Da hörte er die Stimme seines Vaters nach sich rufen. Das ermunterte ihn vollends, er wandte sich um und sah ihn schon hoch in seinem Winkel auf dem Schneidertisch hocken. Dabei blickte ihn Eusebius fröhlich an, plinkerte ihm mit seinen Äuglein zu und fragte mit lustigem Spott:

»Na, wo bist du denn wieder, he, Amadeusla?« Sonderbar, wie lustig der Vater heute ist, dachte der Knabe, doch des Schneiders spürsame Seele hatte schon einen Zipfel des Gedankens seines Amadeus aufgefangen, ließ seine Arbeit fahren und rief ihm halb verlegen, halb spitzbübisch zu:

»Nu immer munter, Junge, zieh dich an und verkält' dich nich. Maruschka hat sich davongemacht, auf Nimmerwiedersehen, ja, nieber ins Biehmsche, wir werden jetze erstmal mitsamt Feuer machen, Kaffee kochen und gucken, was sie uns zu essen dagelassen hat.«

Damit war für Eusebius vor seinem Jungen die ganze unangenehme Sache ein für allemal abgetan, und bald lief Amadeus, dem Schneider auf den Fersen, mit nach Feuerholz aus dem Schuppen, hockte neben ihm mit der Milchkanne in der Hand im Ziegenstall, indes der Vater wieder, wie schon in den Wochen nach Maruschkas erster Austreibung, das Melken besorgte; fegte mit dem kleinen Handbesen die Staub- und Flickenhäufchen auf die Schippe, die Eusebius in der Schneiderstube zusammenkehrte, und beide trällerten dabei wie Kinder, die sich ein lustiges Spiel ausgeheckt haben.

Nach dem Frühstück zog Eusebius sich den Winterrock, den Rucksack und die Ohrenmütze über und stapfte mit seinem Pfefferrohrstock ins Dorf zur alten Mahlingen und zum Fleischer, um das Nötigste einzukaufen; auch wollte er sich nun, da die Geschichte »ratzekahl« erledigt war, dort und in den nächsten Höfen nach einem »Madla« umtun, das stundenweise alle Tage die Ziegen und das Haus besorgen konnte.

Als er gegen elf Uhr vormittags wiederkam, war er auch diese letzte Sorge losgeworden: die Finger-Lene, ein etwas dümmliches, aber braves und fleißiges sechzehnjähriges dralles Ding, das die Händlersfrau bei ihrer neunköpfigen Kinderschar für diesen Dienst gut hergeben konnte, war ihm ab morgen versprochen.

Zum Zeichen seiner Dankbarkeit machte sich Eusebius unverzüglich, ohne Rücksicht auf ältere Kunden, über den ihm erst vor paar Tagen ins Haus gekommenen langen Schoßrock des Finger-Krämer zu einem Überschlag her, wie daraus noch ein Knabenanzug erluchst werden könne. Doch wenn er gerade einen Plan gefaßt hatte und nach der Kreide langte, um in schnellen Strichen einen Aufriß seiner Idee über den Rock zu werfen, lief ein buntes Kreisen über seine Augen. Alle meisterhaften Einfälle stoben auseinander, und es blieb ihm nichts als die Kreide zwischen Daumen und Zeigefinger.

»Nur ruhig Blut, Christoph Eusebius«, redete Mandel sich halblaut zu, »man soll nichts erzwingen wollen. Mich hat's halt gestern nacht und heute früh doch bissel zu arg gebeutelt. Das wird sich schon wieder geben«, und er beschloß, schon jetzt mit der Mittagspause zu beginnen. »Vielleicht ist mir auch die vermaledeite Hitze zu Kopfe gestiegen«, sann er weiter, denn es war ihm über dem vergeblichen Hantieren mit dem Rock und der Kreide siedend heiß geworden. »Wahrscheinlich hab' ich heute früh viel zu stark eingeheizt.« Von diesem Gedanken wieder beruhigt, rief sich der Mandelschneider sein Söhnlein als willigunbeholfenen Gehilfen in die kleine Küche, schälte Kartoffeln, setzte sie zu, wirtschaftete mit der Essigflasche, mit Zwiebeln und mit Mehl und hatte nach einer guten Stunde sein Leibgericht, saure Nieren und Stampfkartoffeln, zustande gebracht. Sie verspeisten es mit Behagen.

Danach machte sich Eusebius mit neuen Kräften abermals über den Finger-Rock. Allein es nutzte nichts, er kam und kam mit ihm nicht zu Rande. Schließlich warf er die Kreide auf die Bank, leckte sich die Finger ab und trat ans Fenster.

Draußen hatte sich Amadeus gerade darangemacht, Schneekugeln zu wälzen und übereinanderzusetzen. Während der Schneider dem Jungen dabei zuschaute, kam ihm ein Einfall. Erst kramte er noch eine Weile in seinem Schneiderwinkel herum, dann lief er vors Haus und zeigte dem Jungen, wie man einen Schneemann baue. Als dieser schon fast so hoch wie Eusebius selbst gediehen war, fragte der Schneider: »Weißt du, was das ist? Das ist der Kolivansky, paß auf!« Dabei zog er ein paar schwarze glänzende Knöpfe aus seiner Rocktasche; das waren die Augen; und aus ein paar bunten Stoffstreifchen zauberte er im Nu Mund und Nase hervor. Amadeus lachte aus Leibeskräften über den komischen Kerl, und auch Eusebius, der wild gestikulierend mit dem Schneidergesellen stritt, kullerten bald die Lachtränen über die Backen.

Nach dieser Heldentat seines Vaters war der kleine Mandeljunge kaum noch in die Stube zu bringen und wollte, daß der Vater immerzu mit dem Schneemann »Kolivansky spielen« sollte. Erst, als sie beide schon vor Kälte zitterten, ließ sich Amadeus bewegen, es für heute genug sein zu lassen.

In Eusebius hatte sich unter dem Kolivansky-Spiel, mochte es auch zuerst nur einem Einfall entsprungen sein, eine doppelte Erkenntnis gebildet. Der alte, bunte Christoph Eusebius Mandel lebte noch in ihm, er hatte ihn dabei abermals in sich entdeckt, und er war wieder ungeteilt und nicht noch ein anderer. Daß es überhaupt mit ihm so weit hatte kommen können und er einmal »auseinandergefallen« war, hatte er der Maruschka zu verdanken.

Das war das eine. Das andere aber war, daß ihm auch diese unbegreifliche Fähigkeit, schneidern zu können wie ein Meister seines Faches, nur durch die Stumme aufgeladen worden war, und zwar genau vom Tage ihrer Rückkehr ins Mandelhaus bis zu ihrem von ihm so geschickt eingefädelten, letzten Auszug. Und als Eusebius sich in den nächsten Tagen das Ganze über seiner Arbeit noch einmal überdachte, kam er auch dahinter, daß ihm diese vertrackte Schneiderkunst und das zehrende Arbeitsrasen von ihr nur angehext war, weil er sie nicht mehr angerührt hatte. Jetzt war er also dieser Fron entronnen und Gott sei gelobt wieder nur noch der Flickschneider Mandel, der er immer gewesen.

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