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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120207
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19

Nach diesem Vorfall gab Christoph Eusebius für den Rest des Winters seine Hoftreibereien endgültig auf und saß von morgens bis in den späten Abend in seinem Gehäuse wie ein gefangener Vogel mit gebrochenen Schwingen. Geschickt verbarg er hinter dem Arbeitsrausch, über den er auf keine Weise Herr zu werden vermochte, so daß der kleine schmächtige Mann täglich blasser und durchscheinender zu werden schien, was hinter seiner Stirn grübelte und grübelte. Wer weiß, wie lange das noch so weitergegangen wäre, hätte nicht eines Tages oder vielmehr eines späten Abends der Besuch eines seltsamen Mannes dem Meister dermaßen den Star gestochen, daß er über Nacht gleich doppelt erleuchtet wurde, so daß er den Mut zu einem Entschluß fand, mit dem er sich schon seit der gefährlichen Geschichte mit dem Lineal vergeblich herumschlug und mit einem Male auch wußte, wie er es anstellen mußte, ihn auf »manierliche« Weise in die Tat umzusetzen.

An jenem Abend lag das Mandelhaus wie schon seit Wochen still und einsam, richtig wie verwunschen unter seiner Schneehaube. Dabei war es gar noch nicht so lange her, daß sich gerade an den langen Winterabenden stets ein kleiner Kreis von Leuten, Kunden oder solchen, welche die Sucht stach, durch einen Ritz etwas von den Vorgängen im Dorfe und weiter darüber hinaus zu erhaschen, unter dem Schein der kleinen Tischlampe in der Schneiderstube zu versammeln pflegte. Die Neuigkeiten, die sich an den Schwellen der Bauernhöfe müdegeplätschert und verlaufen hatten, tröpfelten dann im Schneiderhause noch einmal zusammen, und oft erhielten sie durch die bildsame Seele des Eusebius erst ihre abgerundete Gestalt, daß sie zu jedermanns Erstaunen noch einmal zu einem ganz neuen Ereignis wurden. Nun aber war der bunte Schimmer, der deshalb das Haus unter dem großen Ahorn umgab, merklich verblaßt, seitdem der Mandelschneider, ohne daß man eigentlich wußte, wann es damit angefangen hatte, jene wunderbare Fähigkeit zu blühend schweifenden Worten verloren hatte und offenbar an einer verheimlichten Bitternis litt. So war allmählich ein Besucher nach dem anderen ausgeblieben.

Amadeus rüstete sich gerade zum Schlafengehen, es war schon in der achten Stunde, als draußen die Haspe der Haustür knarrte und sich jemand geräuschlos wie ein Dieb durch den kleinen Hausflur tappte. Der Knabe bemerkte, wie sein Vater leicht zusammenfuhr und erst die Arbeit unter der Bank verbarg, ehe er den Fremden aufforderte, hereinzukommen. Der redete vor seinem Eintritt schon beim Türöffnen etwas wie einen Segensspruch mit feierlicher, tiefer Stimme in die Stube.

Mit vorsichtigen Schritten, sich tiefer neigend, als es notwendig war, trat dann ein breitschultriger, herkulisch gebauter Greis über die Schwelle, dessen weißes Haar bis auf die Achseln fiel. Ohne sich um den Meister zu kümmern, der halb aus dem Schneidergehäuse gestiegen war, sah er sich forschend in dem Stübchen um, hustete unfreundlich, als er Maruschka am Topfbrett sah, und entdeckte endlich den kleinen Amadeus auf seinem Lauscherposten im Dunkel. Zum Schrecken des Kindes trat er heran und ließ ein Tütlein auf seine Knie fallen. »Das ist doch dein Junge, Schneider?« fragte er dabei und fuhr dem Knaben mit seiner harten Hand lind an der Wange herab.

Amadeus dachte im Augenblick, es sei Kolivansky, der da so geheimnisvoll in der Stube erschienen war, und blickte bestürzt auf seinen Vater. Der zeigte sich wohl etwas bedrückt; aber doch saßen die beiden bald darauf nebeneinander und disputierten eifrig über einen alten Rock, den der Greis aus einem bunten Tuch genommen hatte, und wendeten ihn prüfend hin und her. Allein so ausschließlich sie in das Geschäft vertieft schienen, so erkannte das Knäblein doch an der kargen Art seines Vaters, daß es ihm lieber wäre, der hohe Greis ginge schnell wieder davon, und an dem oftmaligen Umhersehen des Fremden, daß ihm an dem Handel auch nicht viel liege.

Der Fremde war der Böttcher Firle aus Neudeck, der wegen seines seltsamen Wesens von einigen verlacht, von anderen gefürchtet, von allen aus der Umgegend aber gekannt war, obwohl er mit Ausnahme seiner sonntäglichen Kirchgänge sich kaum unter den Menschen sehen ließ. Er stammte von einer Magd, die hart bis an die Vierzig bei einem Bauern in Neudeck in Diensten gestanden und trotz ihres beschränkten, wunderlichen Geistes doch getreulich alle Arbeit geleistet hatte.

Eines Frühjahres kehrte sie wie verstört vom Felde heim, auf dem sie durch Tage allein beschäftigt gewesen war. Ihre Haare hingen zerzaust unter dem Kopftuch, die Kleider waren beschmutzt, als sei sie über den Acker geschleift worden. Die Augen standen weit und verzweifelt in dem eckigen, unschönen Gesicht, und sie führte allerlei unverständliche Reden von Maria, der Gottesmutter. Nach Tagen besserte sich ihr Zustand so weit, daß sie wieder wie sonst überall Zugriff. Nur bewegte sie fortwährend in stummem Gespräch die Lippen, und war sie allein, so sang sie mit leiser Stimme geistliche Lieder vor sich hin. Vier Wochen später verschwand sie unter Mitnahme der notwendigsten Habseligkeiten von dem Hofe, auf dem sie vierundzwanzig Jahre gedient hatte. Ein Briefträger sah sie am Abend mit ihrem kleinen Päckchen auf dem Rücken gegen den Langen Busch hin verschwinden. Man suchte wohl nach ihr. Als man sie aber nicht fand, meinte man, ihr zerwühlter Verstand habe sie zum Selbstmord getrieben und beruhigte sich dabei. Tief im November endlich fanden sie Holzschläger in einer Höhle hart an der böhmischen Grenze. Sie lag zum Skelett abgemagert, in totenähnlichem Schlafe auf einem Mooslager, und in ihren Armen ruhten zwei muntere Knäblein. Der Bauer nahm sich des armen Wesens an, führte sie auf dem Wagen ins Dorf und brachte sie in einem alten Auszugshause unter. Nie mehr sprach sie von nun an anders als Worte eines verstiegenen, wirren Glaubens. Daraus ging hervor, die Jungfrau Maria habe sie zur Mutter gemacht. Keine Überredung, kein gütliches Zureden, keine Drohung brachte das Weib von dieser wahnsinnigen Überzeugung ab.

In der Umgebung ihrer aus Angst und Verzweiflung in allerlei Wunder entrückten Mutter wuchsen die Kinder wider Erwarten zu derben Jungen heran und bekamen unerschrockene Augen in gesunden, wachen Gesichtern. Kein Mensch merkte ihnen an, daß sie fortwährend gleichsam an einer aus dem Erdinnern hervorbrechenden Erdspalte angebunden waren und mit dem täglichen Atem ein verborgenes Gift aufsogen. Sie waren entschieden, fast leidenschaftlich im Fleiß, unverdrossen in der Ausdauer und besaßen einen Verstand, der zwar auf eine sonderbare Weise, aber schnell alles begriff und leicht an nützliche Tätigkeit weitergab, mit einem Wort: aufgeweckte, unerschrockene Knaben, die von ihrer Mutter nichts als den Hang zur Einsamkeit geerbt zu haben schienen. Sie glichen sich nicht nur ihrem Wesen nach, sondern ähnelten sich äußerlich so sehr, daß sie nicht voneinander zu unterscheiden waren, und einer wurde nie ohne den anderen gesehen. Sie saßen auf der Schulbank beisammen, zogen zu demselben Meister in die Lehre und verloren sich an dem gleichen Tage zu einer jahrelangen, wenn auch nicht weiten Wanderschaft. Allein, als sie nach dem Tode ihrer Mutter wieder in der Gegend auftauchten, und der eine zu Neudeck, der andere in dem wenig entfernten Dorndorf, eine winzige Werkstelle auftaten, in der alten Luft ihrer Heimat, entwickelte sich in beiden der geheime Anteil, den sie von dem verstrickten Geist ihrer Mutter empfangen hatten. Der Dorndorfer verlor sich in wenigen Jahren an einen leidenschaftlichen Teufelsglauben, wähnte sich immer von diesem ewigen Ränkeschmied verfolgt, geneckt, gepeinigt und befand sich in einem unausgesetzten Kampf mit ihm. Unter Beschwörungen begann er den Tag, mit Reinigungen legte er sich zur Ruhe, und während der Arbeit hing immer ein breiter Ledergurt in seiner Nähe. Sobald seine Arbeit ein wenig stockte oder sein Fleiß nachließ, geriet er in helle Wut über diesen Schabernack, den ihm der Teufel vermeintlich spielte, ergriff den Lederriemen, öffnete die Tür und prügelte unter wilden Verwünschungen den höllischen Geist ins Freie.

Der Neudecker aber blühte fortwährend in lichten Wundern. Ihm waren die Quellen mit Geistern bevölkert, er verstand das Wispern der kleinen Wesen, die durchs Gras schleichen, lauschte in vielen Nächten der Zwiesprache der Winde, kannte die Unholden verrufener Orte und stand in lebhaftem Verkehr mit den Seelen vieler Abgestorbenen. Seine zärtlichste, tiefste Hingabe aber weihte er der Gottesmutter. Der Glanz des aufgehenden Tages war ihm das Licht ihrer Nähe, er spürte sie um sich wehen, roch den Duft ihres Leibes, und diente ihr mit seinem Leben so ausschließlich wie ein Jüngling seiner zu hohen, unnahbaren Geliebten. Von Zeit zu Zeit sah er sie leibhaftig in das Geäst eines breiten Apfelbaumes niederschweben, der nicht weit von seinem Häuschen gebückt an der Lehne stand. Sie redete allerhand über den Lauf der Welt zu ihm, zerstreute seine Befürchtungen, tröstete ihn im Unglück und gab ihm mancherlei Anweisungen, der Arglist der Menschen zu entrinnen und sein Geschäft klug zu fördern.

Blieb sie zu lange aus, so bemächtigte sich des Mannes große Unruhe und tiefe Niedergeschlagenheit. Dann lag er in hartnäckigem Gebet stundenlang vor der kleinen Statue in seinem Stubenwinkel, kasteite seinen Leib mit Fasten und blieb nächtelang wach. Er holte wohl auch Kinder in sein Haus und bewirtete sie aufs beste, damit ihre unschuldigen Seelen alle Räume entsündigten und segneten und seine himmlische Geliebte zu ihm lockten.

Das war der Greis, der an diesem späten Februarabend das Schneiderhaus zu Oberröhrsdorf betreten hatte. Mit sanfter, tiefer Stimme redete er zwischen das karge Schnarren des Meisters Eusebius, führte bedächtig immer wieder die Verhandlungen über die Umformung des mitgebrachten Rockes auf einen neuen Anfang zurück und lehnte in würdiger, schonender Art die Anläufe Mandels zu ausgelassenen Schnurren ab. Er saß aufrecht und ruhig auf seinem Stuhle. Nur wenn er mit der Rechten das weiße volle Haar hinter die Ohren strich, bebte seine Hand etwas, und von Zeit zu Zeit irrte das Auge in verlorener Besorgtheit ins Dunkel der Stube ab. Wenn er aber den kleinen Amadeus auf seinem Stuhle gewahrte, beschied er sich wieder in seine gehaltene Art. Und doch war der Greis voll schmerzhafter Niedergeschlagenheit. Denn die Gefährtin der heiligen Spiele seiner Seele mied ihn wieder einmal, und zwar länger als sonst je, seit drei Monaten, und ließ sich durch keine Andacht und Erniedrigung, durch kein Fasten und Wachen, weder durch das Spiel der Kinder noch durch andere fromme Listen erweichen, an dem gewohnten Orte zu erscheinen. Vergeblich suchte auch der Neudecker Firle durch Erforschung der Unvollkommenheit seines Wesens wie auf dunklen Gängen innerlich zu ihr zu schlüpfen, die Arbeit häufte sich, die Besteller bedrängten ihn, allein sein Kopf war wie ein ungehobelter Kloben, und seine Hände lagen meistens wie gebunden zwischen seinen Knien, während er nichts fertigbrachte, als in Ecken und Winkeln herumzusitzen. Schon fing er an zu glauben, daß sein Sargtännlein irgendwo im Walde für ihn geschlagen sei. Aber es wollte ihm nicht zu Sinne, so dunkel und verstört von hinnen zu fahren, weil er sich den Tod stets wie einen gütigen Hochzeitsbitter vorgestellt hatte.

In dieser großen Not saß er eines Tages am offenen Fenster und sah zwei alte Weiber von ungefähr des Weges kommen, der an seinem Haus vorüberführte. Schon wollte er sich zurückziehen und warten, bis sie nicht mehr zu sehen seien, weil alte Weiber wie Katzen nie Gutes bringen. Doch irgend etwas ließ ihn vom Stuhle nicht loskommen und hielt seinen Ellenbogen auf dem Fensterbrett. Eben als die beiden etwa seiner Haustür gegenüber angekommen waren, hielt die eine die andere am Ärmel, und begann, es war eine Schreierin, mit lauter Stimme zu erzählen, so daß Firle alles bequem mit anhören konnte. Sie hatte vorigen Sommer öfters in den Berghäusern zu tun gehabt und war auf dem Schrimsteige, der an dem Mandelhaus vorüber durch die Felder führt, dahin gegangen. Dort hatte sie hinter des Schnallkebauern Gehöft die Lieder belauscht, die von dem kleinen Amadeus aus seinem Strauchstüblein mit den Federn an Veronika in die Luft geschickt worden waren. Die reine schöne Stimme des Kindes hatte derart ihr Herz gerührt, daß sie nun über dies Singen wie über ein rechtes Wunder berichtete. Dem heimgesuchten Böttcher erschien diese beiläufig aufgefangene Erzählung als Fingerzeig einer gnädigen Fügung, und er dachte bei sich, wenn der Röhrsdorfer Schneiderjunge imstande sei, ein altes Weib derart zu bezaubern, so müßte dessen Lied ihm auch wieder in seine himmlische Gesellschaft hineinhelfen. Dies überlegte sich Firle ein langes und breites, geriet gegen Abend auf manch bitteren Abweg und steckte beim Zubettgehen gar in einem Hader mit seinem Herrgott. Er hatte von seiner Mutter so viele Zwieseleien in den Kopf mitbekommen, die wuchsen und gabelten sich nun schon ein ganzes langes Leben, und er wußte nicht, wo das hinaus wollte. Der Mandeljunge aber war wie ein Kanarienvogel mit einem goldenen Brüstlein in die Welt gefallen und ersang sich allerhand Freudensegen bei den anderen Menschen, obwohl er einen Vater hatte, der nichts konnte, als Fabelbälge aufblasen.

Unsanft stieß Firle die Niederschuhe unters Bett, hüllte sich in die Decke und schlief ein. Gegen Mitternacht erschien ihm im Traum die verstorbene Agathe Mandel, des Amadeus Mutter. Noch am Morgen stand das Gesicht zum Greifen deutlich vor seinen Augen, und der Böttcher wußte wohl, was da zu tun sei. Um die Kraft der Erscheinung nicht abzuschwächen, rührte er aber den ganzen Tag mit keinem einzigen Gedanken daran, sondern machte sich auf den Weg zum Eusebiusschneider, sobald die Krähen durch das Dämmern in den Fohlenbusch zogen.

Nun saß Firle in dem Mandelhause, redete um ein Nichts herum und wartete nur, daß er von seinem wundersamen Auftrage anfangen könne. Aber Maruschka fand nicht aus der Stube, und vor diesem Weibe, die der Zorn Gottes doppelt gezeichnet hatte, durfte er mit keinem Worte an seinem Traume zupfen, sollte nicht alles im voraus aufs Spiel gestellt werden. Die Uhr rückte schon der neunten Stunde auf den Leib, Amadeus war auf seinem Stuhl eingeschlafen, und der alte Mandel fing auch schon an, mit den Augen zu blinzen. Es hatte wirklich den Anschein, das Schicksal habe ihm auf einer Narrenflöte etwas vorgespielt, daß es ihn in das Röhrsdorfer Schneiderhaus geleckt hatte.

Doch eben als dem Firleböttcher das Mißtrauen aufstieß, gab Maruschka der Tür des Topfschrankes, in dem sie lange gekramt hatte, einen Stoß, daß sie krachend zuflog, knurrte unwirsch etwas über den Schürzenlatz und verließ die Stube. Sogleich saß der Muttergottesböttcher, wie Firle auch genannt wurde, aufrecht, und kaum daß die Taubstumme mit schläfrigen Schritten die Last ihres breiten Leibes über die Bodenstiege getragen hatte, so schlug der Greis drei Kreuze auf das bunte Einschlagtuch, öffnete die Stubentür und wehte damit unter Gemurmel hinter der Wirtschafterin drein, als wolle er die Luft des Zimmers von dem letzten Rest ihrer Anwesenheit reinigen.

»Was soll denn das bedeuten, Böttcher?« fragte Eusebius verwundert und beunruhigt.

Der seltsame Greis machte dem Schneider ein Zeichen, ihn nicht zu stören, breitete das Tuch an der Schwelle aus, drückte die Tür wieder ins Schloß und kehrte auf seinen Stuhl zurück.

Er sah mit erregten Augen dem alten Mandel ins Gesicht, nickte zufrieden ein paarmal mit dem Kopfe und sagte dann gewichtig: »Ja, ja. Wir Menschen haben zwei Gesichter, einen Körperleib und einen Seelenleib, und wenn jemand fort sein soll, so is nich genug, daß der Körperleib naus is. Der Seelenleib bleibt noch lange an Orten, wo ein Mensch gewesen ist, und kann durch nichts vertrieben werden als durch das Kreuz, weil auch der Heiland die Seelen am Kreuz erlöst hat.«

»Was hat dir denn das Weib getan?« fragte Mandel, der den Muttergottesböttcher nur halb verstand.

»Mir nich mehr wie dir. – Denk ich. Aber an der Stelle, wo ein Haus steht, kann nicht zugleich eine Scheune sein. Wo ich bin, kannst zu gleicher Zeit nicht du sein, Schneider.«

Mandel hätte gern eine Schnurre gedreht. Allein vor dem Leuchten dieses greisen Gesichtes haschte er umsonst nach einem losen Wort. Eine leise Furcht hinderte ihn nun auch, durch einen Spaß den Unwillen dieses unheimlichen Mannes zu erregen. Deswegen antwortete er ratlos:

»Nu, ja, ja. Nu, nein, nein.«

Allein in demselben Augenblick führte den Schneider wie Wetterleuchten ein Argwohn an das Verständnis der geheimnisvollen Worte Firles heran, und unmittelbar setzte er hinter seine ausweichende Antwort die schüchterne Frage: »Ja, du hast den Seelenleib der Stummen hinausgeweht? Warum denn das?«

Der Böttcher nickte in der leidenschaftlichen Art Fanatischer, die sich verstanden fühlen. Dann rückte er dem verdutzten Schneider weiter zu Leibe.

»Was denkst du wohl«, fragte er ihn, »ob deine Agathe hier bei dir bliebe, wenn du die Böhmische bei dir hättest?«

»Ach, die is ja gestorben«, antwortete Mandel.

»Gestorben, freilich, aber nich tot«, erwiderte Firle.

»Böttcher, nu hör' aber auf. Wenn ich alles glaube, das nich. Das weiß ich besser. Dorte drüben an der Wand in dem Bette hat ihr die Hebamme die Augen zugedrückt«, sprach Eusebius fast entrüstet.

Aber der Greis steuerte unbehindert auf sein Ziel los. »Freilich«, sprach er, »das is natürlich. Die Augen sterben, aber das Sehen bleibt. Die Ohren sterben, aber das Hören stirbt nich. Ha, wenn die Toten tot sein könnten, wären die Lebendigen nich lebendig. Siehst du, Schneider, aso bläßt man die Späne aus'm Hobel. Die Toten reden ohne Mund, greifen ohne Hände und gehn ohne Beine. Das weeß ich.«

Firle griff in der Leidenschaft hinüber und schüttelte mit bebender Hand des Schneiders mageres Knie. Langsam, aber mit heimlichem Grauen entzog sich Eusebius der Hand des Hexenböttchers, stieg aus dem Schneidergehäuse, als müsse er sich die Beine etwas vertreten, und dachte indessen daran, wie oft er in der Tat seine Agathe nach dem Tode gesehen hatte. Dann bewegte er sich unauffällig an das Fenster, durch das er das Auftauchen seines Weibes aus dem Hainwalde das letzte Mal geschaut hatte, trat davor und machte sich so breit er konnte. Nach diesen Vorkehrungen fragte er: »Und wie kommst du denn auf meine gestorbene Frau?«

Aber der Böttcher hörte nicht. Er saß vornübergebeugt und betrachtete den kleinen Amadeus, der zusammengekauert auf dem Stuhle schlief. Es war, als spüre das Kind den Blick des wunderlichen Greises. Er bewegte sich im Traum und seufzte leise. Ja, dachte der Schneider, der Junge sang gerade, als Agathe das letzte Mal kam. Dann wiederholte er laut dieselbe Frage:

»Wie kommst du denn auf meine Frau?«

Firle richtete sich nun langsam auf und sagte mit gedämpfter Stimme: »Weil ich sie gesehen habe. Diese Nacht. Ja, ja.« Dann verließ er seinen Sitz, trat an die Tür und öffnete sie.

»Es war eine Tür, genau wie diese«, sprach er ganz leise dabei, »und sie stand auch so auf ...«

»Warum machst du denn die Tür auf, Böttcher?« fragte Eusebius voll ängstlichen Argwohns.

»Vielleicht is's möglich, daß sie noch einmal herkommt«, antwortete gleichmütig der spukfeste Mann. »Sie war freundlich und milde«, setzte er beruhigend hinzu, du hättest deine Freude an ihr, Mandel; denn es is eine sanfte, liebenswürdige Tote, wie ich noch selten eine gesehen habe.«

Christoph Eusebius schwankte selbstvergessen einen Augenblick aufgelösten Gemütes in jene blumige Zeit seines Lebens zurück, da der Schatten, von dem Firle sprach, als stiller Segen neben ihm tätig hingegangen war, und fand es, wenn auch zum Gruseln, schön, daß Agathes Gesicht noch einmal in das Stübchen hereinglänzte. Aber in demselben Augenblick erinnerte er sich auch, daß sein Weib an der Bodenstiege vorübermüsse, wolle sie über die Schwelle, und ohne sich an des Böttchers Worte zu kehren, fragte er:

»Wie lange hält sich denn so ein Seelenleib?«

»Du meinst, Schneider, wenn einer wo gewesen is?«

»Nun ja, im Busch, auf dem Boden, in der Kirche oder wo ...«

»Das kommt auf den Menschen an, ob's ein Mann oder Kind, ein Mädel oder eine Frau is, ob's Gutes oder Böses vorhat.«

Firle war mit allerhand seltsamen Vorbereitungen um die Tür beschäftigt, während er dem Schneider Rede stand.

»Ja, da glaubst du«, folgerte, verborgenen Bedrückungen nachgebend, Eusebius weiter, »da glaubst du, das Böse hält sich länger?«

Firle antwortete nicht gleich, sondern rückte erst das Tuch der Mitte der Schwelle gegenüber, mit dem er vorher Maruschkas Seelenleib hinausgeweht hatte, und der Schneider beugte sich vor, um womöglich etwas Geheimnisvolles zu erspähen. Und wirklich, da der Hexenböttcher, sich aufrichtend, jetzt zur Seite trat, schwelte ein graues Etwas, wie der Teil eines Traumgewandes durch das Dunkel des Flures und zerging in jenem Winkel neben der Tür zum Ziegenstall, wo die Stumme den Schneider erwartet hatte. Sein schuldiges Gewissen sah die schattenhaften Umrisse von zwei verschlungenen Seelenleibern in der Finsternis zerrinnen. Sogleich verließ Eusebius fluchtartig seinen Platz am Fenster und kletterte schutzsuchend in das Schneidergehäuse. Dort fand er einen Augenblick so viel Mut, daß er ein kurzes hohes Lachen ausstieß. Dann aber griff er auf seinem Schneidertisch umher und gewährte trotz der Absicht, den achtlos geschäftigen Mann zu markieren, den Anblick eines tief Erschreckten. Ratlos und benommen starrte er auf seine Nadelbüchsen und lächelte in einer Art hilfloser Zerstreutheit. Plötzlich fuhr er auf und sagte mit feindseligem Hohne:

»Und überhaupt is alles eine Lüge!«

Firle sah das seltsame Gebaren des unmächtigen Meisters, wußte nichts von seiner verborgenen Schuld und schloß die Tür, um ihn nicht noch mehr zu ängstigen und sich dadurch vielleicht die Verwirklichung seines Planes zu verscherzen. Dann nahm er leise dem Schneider gegenüber Platz und wartete schweigend so lange, bis sich der andere beruhigt hatte. Darauf rief er ihn sanft an und fragte, ob Eusebius bereit sei, den Bericht über die nächtliche Erscheinung anzuhören. Der Schneider nickte zerstreut, und sein Gesicht war verlegen und blaß. Kaum hatte Firle mit tiefer, leiser Stimme zu sprechen angefangen, so unterlag der einbildungsreiche Meister einer seltsamen Täuschung. Jedes Wort, das er hörte, klang ein zweites Mal in der Stube auf und so anders, als sei da noch jemand unsichtbar zugegen, der alles bekräftigend wiederholte. Auf diese Weise ging ihm viel von Firles Erzählung verloren, und er erfuhr nur, daß in der vorigen Nacht Agathe in einem braun und schwarz gestreiften, halbwollenen Rocke und einer blaugeblümten Jacke auf des Böttchers Stubentürschwelle erschienen sei und lange gesenkten Hauptes dagestanden habe. Auf den Anruf Firles sei endlich der Kopf zur Höhe gekommen. Sie habe des Böttchers Frage nach ihrem Begehren lange nur mit leidvollem Lächeln beantwortet. Dann auf erneutes Andringen, doch ein Zeichen zu geben, ob sie von der Mutter Gottes gesandt sei, habe sie die Jacke von ihrer Brust zurückgeschlagen und zugleich seien hohe himmlische Töne hervorgedrungen, die, immer schwächer werdend, die ganze Erscheinung aufgesogen und davongeführt hätten.

Danach redete der Böttcher von seiner Not, von dem Gespräch der Frauen auf dem Wege und richtete endlich an den Eusebius die Bitte, ihm mit der Stimme seines kleinen Amadeus wieder zur Heimsuchung der Herrgottsmutter zu verhelfen, und zwar tat er das in immer steigenderer Dringlichkeit, zuletzt in lauter Leidenschaft.

Aber der Schneider saß noch immer von dem Schwanken der zwei Stimmen wie benebelt, in halb bewußtloser Gerecktheit und hatte ein Gefühl wie Kinder, die von einem Karussell umhergedreht werden. Plötzlich fühlte er sich gerüttelt, glaubte einen Augenblick zu fallen, und fand sich dann auf der Schneiderbank vor seinem Arbeitstisch, das Nadelbüchschen so fest in der Hand, daß seine Finger ihn schmerzten.

»Was willst du denn von mir, Böttcher, jetze in der Nacht?« fragte Eusebius mit der tonlosen Verwunderung Erwachter.

»Du sollst mir deinen Jungen borgen, daß er an mir naufsingt«, antwortete Firle erschöpft. Der Schneider schüttelte nur sein blasses, verlegenes Gesicht.

Da faßte der andere mit beiden Händen seine Arme und sprach in fast verzweifelter Leidenschaft:

»Ich nehm' ihn ja nich mit, dein Junglein. Aber seine Stimme hat Gnade, das weeß ich, und wenn ich bloß einmal in seinem Gesange steh', geht wohl alles aus mir, was der Herrgottsmutter nich' paßt, und sie kommt wieder zu mir.«

Der Schneider schaute umher und sah die Lichtstrahlen der Lampe in der Finsternis verglimmen. Da schien es ihm, als sei er von schwelenden Zauberfäden eingesponnen, die von dem Hexenböttcher ausgingen.

»Nee, das geht nich, Firle«, sagte er, »denk och, jetze in der Nacht, und der Junge schläft ja auch.«

Die beiden lenkten ihre Augen auf Amadeus, der anfänglich den Reden der beiden gelauscht hatte, dann schläfrig geworden war und schon längst in sich zusammengehockt auf seinem Stuhle kauerte, und sein traumheißes Gesicht hing gegen die Schulter hin auf der Brust.

»Amadeusla, wach auf und sing«, sagte Firle mit sanfter, bittender Stimme.

Sogleich hob das Kind im Traum den Kopf und stellte bei geschlossenen Augen den Kopf horchend gegen den Ruf. Dabei strahlte ein glückliches Lächeln nicht nur über seine Züge, sondern belebte die Haltung seines schlafenden Körpers.

»Amadeusla, komm und singe«, wiederholte der Böttcher noch lockender und zärtlicher seine Bitte.

Auf diesen erneuten Ruf faßte das Kind das Tütlein, das ihm Firle in den Schoß gelegt hatte, fester in die Hände, zog die Beine hervor und trat wie schlafwandelnd zu den Männern. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck, als fliege er. Als es in dem Lichtkreis der Lampe stand, öffnete es die Augen, die, von innerem Schauen blicklos gemacht, weit und starr, wie die Augen Erblindeter, umhergingen. An dem Gesicht Firles, der sich in glücklicher Dankbarkeit zu ihm herabgebeugt hatte, blieben sie hängen. Dem Amadeus schien es, daß ein großer, gütiger Mann aus einer schimmernden Weite auf ihn zukomme. Manchmal hatte er auch das Gesicht seiner Mutter, die er auf der glänzenden Straße hatte in den Himmel fliegen sehen, und manchmal trug er auch das Köpfchen Veronikas. In diese lichten Wunder verlor er sich und setzte dann unvermutet mit einem hohen, unendlich feinen Ton ein, wie ihn etwa Lerchen ausstoßen, wenn sie nach beendetem, letztem Gesang aus der Höhe durch tiefes Abenddämmern ins Nest sinken. Es klang wie der leidvolle Ruf unerfüllbarer, innigster Sehnsucht und verlor sich in gehauchtem, inbrünstigem Zittern. Daran fügte sich das kurze Spiel einer duftig-leichten Melodie. Aber alles gedämpft durch den Bann des Traumes, in dem der kleine Sänger gefangenlag. Doch, als erwache er an dem Schwingen des Liedes, so stockte er plötzlich, starrte mit erschreckten Blicken um sich und sank unter den Worten: »Meine himmlische Mutter weint«, schluchzend zusammen. Der Böttcher fing ihn auf.

»Leg' ihn ins Bett«, flüsterte Eusebius, »du siehst, er kann heute nicht. Komm du ein anderes Mal wieder.«

Firle ließ den Knaben behutsam auf sein Lager nieder, und sah nach einer Weile enttäuscht auf sein Gesicht, das nun den Ausdruck des Kummers trug. Dann schüttelte der Greis ratlos das Haupt, hob das Tuch auf, das er an der Schwelle niedergelegt hatte, und ging aus der Stube, als sei er ganz allein. Der Schneider folgte ihm beklommen, aber doch erleichtert aufatmend. An der Haustür ruckte es den Hexenböttcher noch einmal herum, er stutzte auf das Hutzelmännchen, nach Worten suchend, nieder, strich aber mit müder Handbewegung alles aus der Luft und verschwand mit Gemurmel lang ausschreitend in die Nacht.

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