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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120207
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ERSTER TEIL

1

Alle Frauen wachsen und vergehen an der Stelle, der sie entsprossen, gleich Blumen, und würden sie von ihrem Sterne auch durch die halbe Welt geführt.

Die Männer aber werden von der Unruhe immer über die ganze Erde gejagt und fänden ihre Füße auch wenig weiter, als der Schatten des Kirchturmes ins Feld reicht. Dieser Strom der Unrast gleicht einem Winde, der ihre Seele fortwährend in Atem hält. Bald ist er bunt, bald heiß, bald trocken, je nach dem Lebensalter.

Eusebius Mandel, der Schneider von Oberröhrsdorf, war schon in den rauhen, steifen Wind gekommen. Wenn der die Menschenmänner anweht, so stehen sie mit ihrem Leben schon hinter Mariä Geburt.

Die meisten Schwalben sind fort, hie und da auf den Stoppeln nesteln schon Spinnenfäden, und sie müssen einen krummen Rücken machen, um vorwärts zu kommen. So stand es um den Röhrsdorfer Schneider. Der Weg, den er ging, schwirrte schon manchmal vor seinen Blicken wie eine gespannte Schnur, die jemand anreißt, und er mußte seine Augen einkneifen, damit er nicht rechts oder links abkam, irgendwohin, wo er nichts zu suchen hatte. Dies genaue Hinlugen hatte schon allerhand Gekritzel auf seine Schläfe geschrieben, und über den Ohren bauschten sich seine Haare weiß.

Manchmal stand er auf der Lehne hinter seinem Hause und betrachtete die Welt: die Bauern, die über das Feld pflügten; die Holzfuhrleute neben ihren hohen Rädern oder den Bäcker, der in seinem Planwägelchen vorbeischnurrte. Und wenn er so eine Weile hinuntergesehen hatte, nahm er sein Taschentuch heraus, breitete es aus, als wolle er etwas hineinpacken, faltete es aber wieder zusammen und schob es in den Rock. Denn man mochte die Gedanken so oder so wenden, Eusebius Mandel konnte es nicht leugnen, die andern kamen leichter und fröhlicher vorwärts als er.

Und da er eine wieselflinke Seele besaß, blieb ihm auch nicht verborgen, warum das so war. Sie hatten Kinder. Das ist für Menschen aber nicht anders, als wüchsen zwischen den staubgrauen Steinen ihres Weges süße Schwingel des Grases, und als bräche aus schwerem Herbstgewölk unvermutet und unbegreiflich der Frühling herein, und der steife Wind des Alters hat keinen rechten Fug an solche Männer.

Und Eusebius Mandel blühte allemal in einer großen Sehnsucht auf, wenn er von der Lehne hinuntergesehen hatte über das Leben. Der ganze Schneider war dann wie ein straffgezogener Faden und auch wie eine Nadel, die zum Stich ausholt. Aber ehe er nach Hause kam, verlor sich immer die tüchtige Aufrichtung in ihm, und mit dem Kinde war es wieder nichts, nicht einmal mit einem Mädchen, die der Herrgott doch bloß so aus seinen Kleidern schüttelt.

Allein Eusebius hätte nicht Mandel heißen müssen, der mehr gesehen hatte, als hundert Augen aushalten und fünfzehn Hände zu greifen imstande sind, wenn er auf seiner Hoffnung eingeschlafen wäre. Einmal blieb er doch im richtigen Zuge, und drei Tage darauf sah sein Weib, die Agathe, ihn an, errötete und sagte: »Eusebius, ich dächte, dasmal hat's mit dem Windelband seine Richtigkeit.«

Dabei blieb's denn auch; und weil lange Erwartungen keinen anderen Sinn haben als den, die Erfüllung zu bereichern, wenn man's recht bedenkt, so lag es durchaus im Zuschnitt, wie der Eusebius sagte, daß das Kleine, das Agathe gebar, ein Knäblein war. Nicht nur das. Des kleinen Mandels Geburtstag fiel sogar auf einen Sonntag nahe dem Mittsommer. Das nahm sein Vater, der nebenbei sogar noch Christoph hieß, als ein gutes Zeichen, und weil die Hebamme im Kalender nachgesehen und gefunden hatte, daß die Stunde der Erscheinung des Jungen, es war die erste nach Mitternacht, schon in den gesegneten Einfluß der Zwillinge falle, war der Vater doppelt froh.

Kaum, daß der kleine Mandel im zittrigen Lichtkreis der Talgkerze betrachtet worden war, machte die kluge Frau zwei große Kreuze über seine Augen, seinen Kopf, seine Hände und seinen Schoß, damit er wahrhaftig alles Begehrenswerte doppelt haben sollte. Christoph nickte zu allem. Nur als die Hebamme das Kreuz über dem Schoß erklärte, hustete er in die Hand und ging aus der Stube.

Am Morgen, nach kurzem Schlaf, war er dieser Bedenken Herr geworden und schritt getrosten Mutes um sein Häuschen. Immer nach vier Schritten sagte er zu sich: »Doppelte Ehre«, oder »doppelt Geld«, oder »doppelt Klugheit«. Nur wenn er sagen sollte: »doppelt so viel Kinder«, stand er still und sah durch den großen Ahorn in den Himmel und dachte: der droben wird's schon wissen, was sich gehört. So baute Christoph Eusebius Mandel für seinen Sohn Luftschlösser bis in die Wolken.

Des Nachmittags ging die Haschmutter fort. Mandel setzte sich an das Bett seines Weibes und erzählte ihr von dem großen Glück, das ihrem Sohn beschieden sein werde, weil er in den Zwillingen zur Welt gekommen.

Allein seine Frau schüttelte nur schwach den Kopf, denn reden konnte sie noch nicht recht, und was sie zu sagen hatte, war zu viel. In desto größere Erregung geriet aber ihr Mann, weil er meinte, sie hätte lieber ein Mädchen gehabt und gönne ihm den Knaben nicht. Zum Schluß schwor er, ihn Amadeus zu heißen und nicht davon abzugehen, sollte der Pfarrer auch Himmel und Hölle dawider in Bewegung setzen.

Je tiefer aber Mandel in die Wolle geriet, desto blasser wurde seine Agathe. Deswegen biß er plötzlich den glühenden Faden mit den Zähnen durch und begnügte sich damit, in der Stube auf und ab zu gehen und immer beim vierten Schritte mit dem Absatz stärker aufzutreten, wobei er sich das Seinige dachte. So behielt er sein Recht, und Agathe bekam ihre Ruhe.

Sie wandte ihr blutleeres Gesicht gegen die Mauer und weinte still für sich hin, weil sie glaubte, was man vorher über alle Maßen beschreie, das könne nicht gedeihen. Dann tastete sie mit der Hand neben sich und rückte den Kleinen näher zu sich heran, um es ihm abzubitten, wenn ihn Gott doch zu etwas Großem bestimmt hätte.

Gegen Abend kam eine unbegreifliche Angst über sie. Aber sie schluckte den Kummer in sich hinein, bis es gegen Mitternacht nicht mehr auszuhalten war. Da rief sie schwach den Namen ihres Mannes. Der kletterte beim dritten Ruf aus dem Bett, zündete das Licht an und kam herzu.

»Christoph«, sagte sie, »bin ich nicht vierzig Jahre?«

»Ja.«

»Haben wir nicht lange auf ein Kind gewartet?«

»Und nun haben wir's.«

»Warum soll unsers Jungen Leben schon am ersten Tage verschlungen und verknüpft werden?«

Christoph war schon wieder seinen Freudenrausch los und gab seiner Frau in allem recht. Er bat sie, sich nicht aufzuregen, deckte sie sorgsam zu, löschte das Licht aus und tappte wieder auf sein Lager.

Die Wöchnerin war aber so schwach, daß sie von dem Gedanken nicht loskommen konnte, ihres Mannes Übermut habe Unglück über das Kind gebracht. Die Furcht überwältigte sie, bis der Angstschweiß aus den Poren ihres Leibes brach. Den Mund konnte sie nicht öffnen; denn es war, als habe jemand eine große Hand darauf gepreßt.

In der Morgendämmerung sah sie drei Frauen in grauen Gewändern. Die wurden vom Winde hin und her getrieben, so daß sie immer am Fenster vorbeiglitten. Der Spuk wollte nicht aufhören. Deswegen faßte sie all ihre Kraft zusammen und kehrte sich gegen die Wand, um die Unholden nicht mit ihrem Blick in die Stube zu saugen. Sie versuchte zu beten. Allein die Worte wurden wie ein Feuerwirbel, der vor ihren geschlossenen Augen kreiste. Nach vielem vergeblichen Bemühen wandte sie sich wieder der Stube zu, um sich zu vergewissern, ob die Grauen vertrieben wären. Aber eben sah sie die letzte in die Stube wehen und sich zu den beiden andern an ihr Bett stellen. Da lag die Wöchnerin still und fühlte heiße Luft über sich streichen. Die grub sich immer tiefer in sie hinein. Als sie bis an ihr Herz gekommen war, löste sich das Blut aus den Kammern und rann aus ihr heraus.

Nicht lange danach erwachte Christoph und trat an ihr Lager heran, um von den schönen Träumen zu sprechen, die gegen Morgen vor seinem Bette gespielt hatten. Sein Weib aber konnte keine Antwort geben, und der Blick ihrer großen, blauen Augen war starr dorthin gerichtet, von wo ihn keine Liebe und keines Menschen Gewalt mehr abwendet.

Er sah, daß sie gestorben sei. Allein so leicht vermag sich kein Mensch mit dem grausen Wunder, das der Tod ist, abzufinden, und indes dem armen Christoph Tränen aus den Augen und Gebetsworte von den Lippen flossen, griff er mit seiner Hand und suchte, ob nicht am Herzen, dieser tiefsten Feuergrube des Lebens, noch ein armes Fünklein brenne, das, mit Hingebung gepflegt, sich wiederaufrichten könne. Allein auch dort hatte sich der Tod eingenistet, und die gefüllte Brust lag wie ein harter, kalter Stein darauf. Da dachte Mandel mit Schrecken daran, was nun aus seinem kleinen Amadeus werden solle.

Er sprang auf und lief, wie er war, einen Hosenträger über die Achsel gelegt, den andern noch hinten herabhängend, die Straße hinunter, die Hebamme zu holen. Der Hosenträger, auf den sein Weib mit roter Wolle ein brennendes Herz gestickt hatte, schlug immer an die Beine, während er lief. Immer, wenn er so in Gefahr kam, zu fallen, sprang er, und jedesmal, wenn es ihn zu Boden rucken wollte, sagte er: »Fall zu, Schneider, und stirb!«

Aber jedesmal dachte er doch an seinen kleinen Amadeus und sein kaltes Weib, das vielleicht doch noch nicht tot sei, und nahm seine Verwünschung zurück. Auf diese Weise dauerte es nicht lange, da war er bei der Wehmutter. Die stand vor ihrer Tür im Grase und schlug mit einem Haselstecken den Staub aus ihrem Sonntagsrock, der am untersten Ast eines Pflaumenbaumes hing. Als sie von Christoph Eusebius gehört hatte, was auf dem Spiele stehe, legte sie den Haselstecken quer in den Baum, duckte sich, ließ den Rock von obenher über sich gleiten und band ihn auf dem Wege fest. Während sie eilig vorwärts kamen, fragte sie den Schneider dies und das, wie das Unglück so schnell gekommen sei und manches andere. Der aber stierte vor sich nieder und zählte vor Gram die Steine des Weges. Wenn sie ihn anstieß, wandte er ihr sein eingefallenes Gesicht zu und lächelte qualvoll. Da schwieg sie zuletzt, bis sie an das Schneiderhaus kamen, dessen Tür weit aufstand. Unter dem schmalen Bretterbänklein lagen ein Bündel und ein Stock. Die Wehmutter wollte wissen, wer denn Mandel das Haus gehütet hatte, indessen er fort war. Christoph antwortete aber nichts, denn er dachte, es sei die Bürde und der Stock des Todes, der rastlos über die Erde wandert, und wenn sie zu der Toten kämen, würden sie ihn schon neben dem Stuhl am Bett sehen, in der Haltung eines Menschen, der ein Werk beendet hat und zwischen Gehen und Stehen das Vollbrachte noch einmal mit ernüchtertem Auge überschaut.

Sie gelangten in die Stube, die still war vom stockenden Atem der Toten und doch auch friedvoll im Morgenlicht, das durch die Krone des Ahorns einen grünen Schimmer hereinwarf. Und wirklich, da Christoph, der hinter der Hebamme die Tür eingedrückt hatte, sich umwandte, sah er, wie eine dunkle Gestalt vom Bette der Toten sich lautlos in die Tiefe des Zimmers zurückzog und dort sich niederkauerte, indem sie ihr geneigtes Haupt noch mehr neigte. Christoph war in einer solch verzweifelten Stimmung, daß ihn auch diese schreckhafte Bestätigung seines Einfalles wenig berührte, und trat mit der Hebamme ans Bett der Entschlafenen. Da erkannte er nun freilich an ihren blauen Lippen, daß nichts mehr zu hoffen sei.

»Ist sie an ihrer Seele, das heißt aus dem Zentrum Punktum, gestorben oder an ihrem Leibe?« fragte er so leise, daß er kaum zu vernehmen war, denn er machte sich Vorwürfe, sein Weib durch seine hartnäckigen, lauten Hoffnungen in den Tod getrieben zu haben.

Die Wehmutter aber ergriff mit ihrer fetten, warmen Rechten seine magere, kühle Schneiderhand und antwortete: »Es Herzblut is fort. Wer doas wegstisst, doas weeß ich nich, doas weeß der Herrgott alleene.«

Damit griff sie hinüber, drückte der Toten die Augen zu und wünschte eine glückliche Reise in den Himmel und gute Aufnahme beim Vater.

Das alles ergriff den Schneider Mandel so sehr, daß er den Tod in der Stubenecke, seinen kleinen Amadeus und alles auf der Welt vergaß. Er sank am Bette nieder und weinte in die starre Hand seines Weibes hinein, die so viele Jahre alles Kummervolle und Liebe mit ihm getragen hatte. Das dauerte gar lange, denn je kleiner und ärmer ein Mensch ist, desto größer ist sein Schmerz. Der Druck einer Hand auf seiner Achsel riß ihn aus den Kreisen der Not. Er erschrak einen Augenblick bis in den Haarwirbel hinauf, denn er dachte, der Tod habe auch ihn berührt und wolle ihn mitnehmen. Als er wagte, sich umzudrehen, war die Gestalt, die er für den Tod gehalten hatte, aus der Ecke verschwunden, und ein volles, frisches Weib stand neben der Hebamme, machte ein schmerzlich-freundliches Gesicht und wiegte das kleine Bündel, seinen Amadeus, mütterlich auf den Armen. Da wickelte sich sein Blick vollends aus den Verschlingungen, und er erkannte in dem jugendlichen Weibe die taubstumme Maruschka aus Böhmen, die immer nach Wochen einen Streifzug ins Preußische unternahm, weil man drüben nicht so für die Armen sorgt. Jedesmal, wenn sie mit voller Bürde wieder der Heimat zuwanderte, war sie eine Nacht unter des Schneiders kleinem Dache geblieben. Nun fand sie ihre gute Gastgeberin bei den Toten. Die Seele der Menschen ist nicht preußisch und nicht böhmisch; in ihren besten Stunden redet sie göttlich, die Sprache aller Menschen.

Obwohl also in der armen Maruschka Ohr nichts hineinging und aus ihrem Munde nichts herauskam, verstand sie der Schneider doch gar leicht: wenn es der König von Preußen erlaube und der Schneider Mandel nichts dawider habe, wolle sie bei ihm bleiben, bis er eine bessere Pflegerin gefunden habe, sich des kleinen Kindes annehmen und seinem Hause vorstehen samt dem Garten und den zwei weißen Ziegen.

Am dritten Tage in der Frühe riefen die Glocken des Pfarrdorfes Neudeck über die Wipfelbreiten des Hainwaldes herüber ins Schneiderhaus, und der Gottesacker verlangte nach der Toten. Das Sterbelied der Kinder schwoll und versank in die blaue Luft hinauf. Der Bretterwagen mit dem schwarzen Sarge in grünen Tannenzweigen fuhr von dannen. Das einzige Mal reiste die Schneidersfrau zu Wagen in die Kirche, und diesmal kehrte sie nimmer wieder.

Der Ahornbaum bewegte die Äste, und ein Rieseln ging durch seine Krone.

Der kleine Amadeus lag wach in seinen Kissen, und es war, als lausche er dem Klang in den Lüften.

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