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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/stehr/mandelha/mandelha.xml
typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120207
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16

Draußen war es indessen recht tief eingeherbstet. Die Pflüge hatten die Sommerstoppeln längst untergeschält, und allenthalben zitterte die junge Saat in dem Winde, der gar nicht mehr aufhören wollte und einen immer hohleren Ton bekam, wie das eben so oft geht, wenn der Winter sich aufmacht und ihm in die Lunge bläst. Da schüttert es dann den ganzen Tag an dem Gesparre der Häuser, und die Wolken werden wie nasse, schmutzige Wäschestücke klatschend an den Giebel gepeitscht. An einem solchen Tage sah Eusebius, von der Arbeit aufblickend, einen Bauer an seinem Fenster vorübergehen, und hinter ihm kam sein Ochsenjunge mit einem Paket. Aus der steifen Beugung des Oberkörpers des Mannes schloß Mandel, daß es der Freibauer von Ransern sei, mit dem er einst wegen der verunglückten Hosen in einen so wilden Streit geraten war, daß er nur eilig das Weite suchen konnte. Gleich darauf hörte er die Haustür auffliegen. Die beiden traten sich im Flur den Schmutz von den Stiefeln und schüttelten den Regen aus den Kleidern. Mandel sank noch emsiger auf seine Arbeit und beschloß, den Überraschten zu spielen.

Gleich darauf ging die Tür weit auf, und richtig marschierte der Tautz herein, gereckt und stolz, wie es seine Art war. In der Mitte der Stube angekommen, das heißt nach fünf Schritten, herrschte er den Schneider an: »Ihr habt ja ein Sauwetter in dem Oberröhrsdorf.« Dann erst grüßte er: »Guten Morgen, Schneider.«

»Nun ja«, antwortete Eusebius mit einer ergebenen Biegung im Ton, »wenn das schlechte Wetter ein Hund wär', ging's leichter.«

»Warum ein Hund?« fragte Tautz und sah sich lächelnd in der Stube um.

»Na, da könnte man's einsperren«, antwortete Eusebius und trug dem Bauer einen Stuhl herzu.

Dem Ransener aber kam es vor, er habe sich schon zu weit herabgelassen. Darum antwortete er nicht, warf die nasse Mütze auf die Bank und brachte seine glänzend schwarzen Haare in Ordnung, die an den Schläfen zu kunstvollen Schnecken gedreht waren. Dann sagte er kurz und schnauzig zu dem Ochsenjungen: »Da setz dich«, deutete auf die Bank und nahm breitbeinig und langsam auf dem Stuhle Platz.

Eusebius stand mit bereitwilligem Lächeln zur Seite und wartete, geschickt sein Wort wieder einzufädeln.

Jetzt saß Tautz fest in seiner Würde, drehte den Kopf zu dem Meister und fragte, das zerschobene Männchen mit einem belustigten Blick überfliegend: »Ihr wundert Euch wohl, Schneider?«

»Gewiß, wenn's erlaubt ist, ich bin nämlich nich in der richtigen Reschong, das heißt, ich habe nich die Ehre, Sie zu kennen.«

Eusebius wendete in gewissen Fällen, um die Feierlichkeit zu erhöhen und seine Kunden besonders zu ehren, Fremdwörter an. Mit »Reschong« wollte er sagen: Verfassung. Der Ransener stieß einen kurzen höhnischen Lachlaut aus. »Reschong«, sagte er dann, »nein, aber der Freibauer Tautz aus Ransern bin ich.« »Seh'n Sie, Herr Freibauer«, begann jetzt Mandel noch etwas schmiegsamer als vorher, da er sah, daß Tautz offenbar unangenehm berührt war, nicht gekannt zu sein, »ein Schneider ist wie ein Bild an der Wand, angenagelt und kommt selten aus der Stube. Nein, nein, jetzt weiß ich schon, der Hof über Sauerborn, neben dem Walde, freilich, freilich.«

Aber Tautz hatte gar keine Lust zu einem Gespräch, sondern sagte: »Das ist ja auch egal«, stand auf und befahl dem Jungen, das Paket zu öffnen, das in ein rot und weiß kariertes Tischtuch eingeschlagen war. Während die Hülle unter Mitwirkung des Schneiders auseinandergefaltet wurde, lief der Freibauer mit unruhigen Schritten um seinen Stuhl.

Endlich hatte Eusebius das Paket aller Hüllen entledigt, denn unter dem Tischtuch war noch eine schwierige Verschnürung und ein doppelter Papierumschlag zu überwinden. Und während er nun über das Tuch hinwegsah, dachte er mit gutmütiger Schadenfreude an des Freibauern schiefen Bauch, laut aber sagte er, das Tuch in Falten raffend, mit Kenneraugen darüber hinprüfend: »Nobel. Durchaus! Doppelt diagonal Croisie. Ja. Gut geschoren, ein leichter Strich, und wenig Apperetur. Das ist nämlich die Hauptsache, Herr Freibauer. Aus welcher Kondition ist es, wenn Sie erlauben?« Damit drehte er sich zu dem Ransener, sah ihn erwartungsvoll an und wiegte den Ballen liebevoll in den Armen. Aber diesem trocknen Manne war nicht beizukommen. Er schob seinen Bauch zurecht, begann seinen Mantel von den Schultern zu zerren und sagte statt aller Antwort zu dem Schneider, der herzugesprungen war und ihm beim Ablegen half, mit grobem Ächzen: »Ich bin in den Kreistag gewählt und brauche einen neuen Gehrock. In drei Wochen ist die erste Sitzung. Könnt Ihr bis dahin fertig sein, Schneider?«

Bei den letzten Worten nahm Tautz die Arme herauf und stützte die Hände majestätisch in die Hüften, als sei er schon in der Versammlung und warte die Wirkung seines bedeutsamen Vorschlages ab.

Der arme Eusebius spürte die Mißachtung des Ranseners gleich einem würgenden Strick am Halse. Er kam vor Betroffenheit nicht gleich zu sich, sondern hüpfte wie ein geständertes Huhn ein paarmal vor seiner Schneiderbank auf und nieder, als überlege er angestrengt die Lieferungsmöglichkeit. In Wahrheit sah er sich, krasser und hilfloser als sonst, in seiner grauen Öde. Er setzte sich auf den Schneidertisch, ließ einen Augenblick den Kopf wehmütig hängen und sagte dann trostlos vor sich hinschauend: »Malangpüh.« Klagend sprach er diese seltsamen Silben, denn sein Wortschatz reichte nicht hin, eine Stimmung auszudrücken, die aus großem Gram und einem schwachen Schimmer von jener Zeit gemischt war, da er gen Frankreich ritt.

Tautz räusperte sich ungeduldig, und als Mandel noch nicht zu sich kam, sondern immer ganz verloren an dem Bauern vorbei ins Leere blickte, sagte der Ransener endlich: »Ich hab' Euch gefragt, Schneider, ob Ihr mir den Rock bis dahin machen könnt?« Aber Eusebius kriegte sich aus seinem grauen Bann nicht los. Ganz weit hörte er des Freibauern Worte und war bereit, zu dem gewünschten Tage zu liefern. Allein er konnte doch nichts anderes als nicken. Dazu sagte er noch leiser sein »Malangpüh!«

Jetzt war es mit des Freibauern Beherrschung vorbei: »Scheiß Schalanghü oder was Ihr da faselt! Meine Pferde stehen draußen, und ich hab keene Zeit zu dem Gemäre.« Er war aufgestanden und wies mit der Hand durch das Fenster. Auf den Schneider übte sein Zorn keine Wirkung aus. Wie hypnotisiert folgten seine Augen der Richtung des ausgestreckten bäuerlichen Armes. Und kaum, daß er das getan hatte, geschah etwas Unbegreifliches. Draußen sah er sich selbst vorüberhuschen und nach der Haustür zu verschwinden. In fröhlicher Eile, wie es in seinen guten Tagen seine Art war. Durch Eusebius ging es wie ein Reißen. Er sprang zum Fenster und blickte hinaus.

Tautz meinte, der närrische Schneider schaue sich nach seinen Pferden um und sagte mit beißendem Hohne: »Mandel, Euch reitet wohl der Erpel, da könnt Ihr doch nichts sehn. Meine Pferde stehn beim Moser Schenken. Und nu kommt und macht ein Ende.« Dabei zog er den Eusebius recht unsanft vom Fenster weg.

Amadeus, der von seinem Winkel aus alles mit angesehen hatte, bekam Angst, als er sah, daß der fremde Mann Hand an seinen Vater legte und drückte sich durch die Tür hinaus durchs Haus.

Das Knacken des Schlosses brachte den alten Mandel wieder zu sich. Er lächelte verlegen den Bauern an und sagte, nach Fassung ringend: »Natürlich kriegen Sie den Rock in drei Wochen. Deswegen sagte ich ja auch Malangpüh. Das ist französisch und heißt: Gewiß, mein Herr.«

Dann kramte er sein Maß aus der Schublade, legte sich das Buch zurecht und bat den Bauern, sich aufrecht zu stellen. Er begann den schiefen Scholzen abzutasten und schlang sein Metermaß bald da, bald dort um seinen Körper. Doch trotz der stärksten Anstrengung, bei der Sache zu bleiben, wurde der Schneider die Vorstellung nicht los, Tautz sei eine graue Mauer, an der er mit tauben Bewegungen umherklettere. Mit großer Mühe war er so bis zum Taillenumfang gekommen und prüfte mit schonendem Finger den verschobenen Bauch. In diesem Augenblick ging die Tür einen Spalt auf, und Mandel sah zu seinem Entsetzen, sich, den fröhlichen krausen Eusebius, den Kopf hereinstecken und höhnisch nach ihm, dem trocknen Schneider, hinschielen, der zwecklos an der grauen Mauer umhergriff. Da sank dem Meister das Maß aus der Hand, und er trat einen Schritt zurück.

»Los«, kommandierte Tautz, der aufs höchste aufgebracht war, weil dem Meister offenbar im Angesicht seines unvorschriftsmäßigen Bauches der Mut sank.

»Er läßt mich nich.«

»Was, Ihr wollt mir den Rock nicht machen?« schrie Tautz. Mandel schüttelte nur den Kopf und wies zur Erklärung wortlos nach der Tür. Dort zog sich der Kopf zwar zurück; aber die Tür schwankte doch, und jeden Augenblick konnte das Gesicht wieder auftauchen.

Tautz wandte sich um. Und weil er nichts sah, glaubte er, der Schneider weise ihm die Tür.

Diese Frechheit des »Fadenhengstes«, des »Schneiderbockes« ging denn doch ins »Aschgraue«. Mit Verwünschungen warf er sich den Mantel über, trieb den Ochsenjungen an, das Tuch eilig wieder einzupacken und verließ fluchend und schimpfend das Mandelhaus.

Den Meister erreichte das alles nicht. Regungslos und bebend lehnte er an seinem Schneidertisch und sann darüber nach, was ihm eben geschehen sei.

Aus dem Schuppen hörte er die eintönigen Schläge von Maruschkas Axt, die dort Holz spaltete, ein dumpfes, leeres Krachen, das aus der Luft gegen seinen Kopf zu fallen schien und die Anstrengung, über das Geschehnis ins reine zu kommen, fortwährend in eine summende Betäubung auflöste. Und da Eusebius endlich das Ringen um Klarheit aufgab und sich willenlos dem Takt dieser gleichmäßigen Laute ergab, erlag er schon bald der Täuschung, dies Pochen sei sein eigner Herzschlag, der immer schwächer werdend in der Weite verschwinde, während er wie ausgelöscht hier am Schneidertisch lehnte, und wenn er es so weit kommen ließ, daß dieser aus ihm herausgewandelte Herzschlag in der Ferne ganz erlosch, so stürze er tot hin. Mit aller Gewalt riß er sich endlich los und trat vor das Haus. Da hatte denn alles, was ihm von der Jugend an vertraut war, dasselbe Gesicht. Der Hainwald stand über die herbstgelben Wiesen hin wie eine versunkene blaue Mauer, die Häuser und Höfchen lagen über die wellige Hochfläche zerstreut, über den Ranserberg klomm die Schnur der kleinen Holzknechtshütten und darüber türmte sich das finstere Schwarz des Langen Busches. Amadeus hockte vor der Schuppentür auf einem Steine und tupfte eifrig mit dem Bleistift auf einem Papierstreiflein herum, das er auf dem Knie hielt. Das Gesicht des Kindes war blaß, und Mandel wurde sich nicht klar darüber, ob er vor Kälte oder verhaltenem Weinen bebe. Vorsichtig trat er an das Kind heran, und als es bestürzt herauffuhr, fragte Mandel: »Amadeusla, wer bin ich denn?«

Der Junge war über das Gesicht und die Stimme seines Vaters, noch mehr aber über die seltsame Frage so betroffen, daß er keine Antwort fand, sondern ihn nur mit furchtsamen Augen ansah. »Ich bin doch eben da an dem Fenster vorbeigegangen«, fragte er suchend weiter, »nich?«

Amadeus schüttelte nur den Kopf.

»Aber ich bin doch zur Tür hinein ins Haus gegangen?«

»Nein, du bist nicht bei mir gewesen. Aber der fremde Mann, der dich am Fenster hau'n wollte, ist gerade vorbeigegangen, da bei der Mahlingen die Straße hinauf«, antwortete Amadeus. In diesem Augenblick erscholl von der Chaussee herüber das jagende Rollen eines Wagens. Amadeus und Eusebius traten neben das Haus und sahen den Ransener Freibauern die geneigte Straße hinabfahren. Als dieser den Schneider erblickte, schrie er irgend etwas Zorniges herüber und drohte mit der Peitsche. Mandel verbeugte sich vor Bestürzung und suchte wieder seine Stube auf.

So war doch alles keine Täuschung gewesen, und während er dem Tautz-Bauern Maß genommen hatte, war er in der Tat auseinandergefallen. Diese Erkenntnis bedrückte ihn um so furchtbarer, weil er sich erinnerte, daß es in Wirklichkeit Irre gebe, die von dem Wahn besessen sind, zwei Personen zu sein. Um sich zu vergewissern, ob er noch den Verstand besitze, öffnete er den Knopfsack und zählte die Knöpfe durch, langte die Tuchballen herab und prüfte ihr Gewebe und ihre Muster, schlug sich beteuernd aufs Bein, rief seinen Namen, lachte und sprach zornig, trat an den kleinen Spiegel und betrachtete sein Gesicht. Alles stimmte, es waren 150 Knöpfe im Sack, seine Finger hatten ihr Gefühl, sein Auge das sichere Gesicht, seine Hand den alten Griff, seine Stimme denselben Klang, und aus dem Spiegel schaute niemand anders als der Mandelschneider heraus. Und doch, da er sich hinsetzte, die unterbrochene Arbeit hernahm und in dem Gedanken zur Ruhe kommen wollte, daß es die Menschen eben manchmal narre, kam die Empfindung wieder über ihn, während er in seinem Schneidertisch nähe, schweife er zugleich draußen umher.

Es kostete ihn alle Mühe, diese drohende Verwirrung vor Amadeus und der Stummen zu verheimlichen, denn er hegte die Hoffnung, daß der Anfall vorübergehen werde. Schon gegen Abend verließ ihn die Zwiefältigkeit seines Wesens auf Augenblicke. Er durfte nur seinen Amadeus zu sich nehmen und wie sonst mit ihm plaudern oder seine Haare streicheln, so verlor sich sein doppeltes Sehen und Sinnen. Ja, als er kurz vor dem Zubettgehen den Ziegenstall verschloß, ereignete sich etwas Sonderbares. Nachdem er den Schlüssel aus dem Vorhangschloß gezogen hatte und in der Dunkelheit eine Weile sinnend stand, hörte er die Stumme aus dem Holzstall sich der Haustür nähern und bald darauf in den kleinen Flur treten. Auf ihrem rechten Arm trug sie einen Stoß Holz. Der Schneider drückte sich platt an die Wand und hielt unnötigerweise den Atem an. Er nahm wahr, wie sie sich umständlich umdrehte und nach dem Türdrücker suchte. Endlich hatte sie ihn gefunden, ließ den Drücker einschnappen und tastete sich durch die Finsternis weiter. Dabei streifte sie so nahe an Eusebius vorüber, daß ihn ihre volle Schulter berührte. Plötzlich drehte es den Schneider wie ein Wirbel, der Flur füllte sich mit kreisender Hitze. Der graue und bunte Mandel erloschen in ihm. Der ganze Schneider wurde ein einziger wild ausholender Sprung, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn Maruschka nicht die Stubentür gefunden hätte. So aber fiel bald darauf ein roter Streifen Licht über den lauernden Meister und beizte seine Augen. Die Tür schloß sich hinter der Stummen, und Eusebius fühlte, wie er langsam wieder innerlich auseinanderfiel.

Die ganze Nacht lag er dann gleich einem toten trockenen Holze, indes er, getrennt von sich und unerreichbar, wie sein eigener Spuk, umherschweifte, ums Haus, durchs Dorf, über alle Berge.

Manchmal wurde das so schlimm, daß Mandel für sich dachte: »Jetzt und jetzt passiert was.« Allein zwischen all der Unruhe hörte er doch seinen Amadeus ruhig atmen, auf dem Boden knarrte es quietschend, wenn sich Maruschka in ihrem Bett umdrehte, und die Finsternis der Stube empfand er als die riesige Hand der allmächtigen Vorsicht, die sich allemal fest um ihn schloß, wenn das Licht seines Lebens gar so auseinander geblasen wurde.

Gegen Morgen, als die Sonne die ersten Wolken von weitem anschimmerte, erkannte Mandel, daß er trotzdem noch alles besaß, was zu ihm gehörte. Daraus schloß er mit Recht, er sei innerlich eigentlich ganz gesund, und das, was ihn immer und immer wieder wie ein Wirbel überfiel und auseinanderriß, gehöre gar nicht zu ihm, sondern falle von außen feindlich mit all diesem Spuk über ihn. Er ging die Belästigungen durch vom Tage ihres Anfangs, da ihn des Amadeus Lied in das russische Abenteuer geführt, gedachte des nächtlichen Rumorens, seiner dumpfen Wachstunden auf der Bodentreppe nach Maruschkas Rückkehr bis auf sein wildes Sprunggelüst gestern im Finstern und sah ein, daß ihm das von irgendwem angetan sein müsse. Der eine Mensch gleicht eben einer Kellerwand, an den anderen aber hat alles Fug.

Mit seinem Vorfahren hatte sich ja auch eine seltsame Begebenheit zugetragen. Der war ein Fuhrmann und kutschierte in ganz Schlesien umher, über Breslau hinaus bis Grünberg und gar tief ins Polnische hinein. Auf den vielen Fahrten hatte ihm der Weltwind alle Spinnweben aus den Augen geblasen, und er machte sich sozusagen aus Gott und dem Teufel nichts.

Allein in einer Nacht wischte es ihm doch die Nase, daß sich eigentlich sein Lebtag die Haare auf dem Kopf nicht mehr sicher fühlten. Denn nachdem er einst monatelang in der Kille seines Wagens gehockt hatte, überfiel ihn die Sehnsucht nach Weib und Kindern und einem ordentlichen Bett. Als er darum die Zuckerfässer Molinaris im Hofe des Kaufmanns Ignaz Haller zu Frankenstein vom Wagen geladen hatte und eins neben dem anderen auf dem Pflaster stand, nicht anders wie eine gut ausgerichtete preußische Kompanie, beschloß er, noch denselben Abend nach Oberröhrsdorf zu fahren. Die Dämmerung rauchte schon um den schiefen Turm, und die Glocke zu Tarnau, die immer den Kehraus machte, stotterte schläfrig an ihren letzten Schlägen, da trabte sein Gespann schon auf der Straße nach Wartha. Er ließ den Pferden den Willen, weil er sich auf sie verlassen konnte, wickelte sich in die Kotze und nickte ein. Im halben Traum hörte er die Neiße rauschen, kam an Glatz vorüber und spürte dann an dem kalten Wind, der ihm gerade ins Gesicht stand, daß er in der Neudecker Mulde zwischen den Höfen fahre. Als er aus dem Dorfe in den Feldweg bog, der nach Oberröhrsdorf führt, holte die Glocke des Turmes gerade zum ersten Mitternachtsschlage aus. Die Rösser witterten die Nähe ihres Stalles und griffen tüchtig aus. Der Ahne überließ sich getrost einem letzten wohligen Träumlein. Plötzlich stand der Wagen. Die Pferde schnoben und gingen nicht vom Flecke. Der Ahn blinzelte unter seiner Plaue hervor, sah nirgend etwas Verdächtiges und versuchte mit sänftlichem Zupfen und ruhigem Hott und Hüh das Gespann wieder vorwärts zu leiten.

Aber der Fuhrmann Mandel war nicht in der Asche gebacken. Als die Pferde durchaus nicht vorwärts wollen, sondern wie kollrig bald hinüber bald herüber geigen, reißt er den Mähren das Gebiß ins Maul zurück, steht auf und peitscht ihnen die Mucken aus dem Schädel. Aber statt im Trabe davonzuschießen, steigen die Pferde auf die Hinterfüße, als wollten sie die Sterne vom Himmel beißen, und beginnen den Wagen zurückzuschieben. Da sah der Ahn wohl ein, daß seine braven Tiere nicht schuld sein konnten und stieg aus der Kelle. Den Füchsen stand der Schweiß wie Seifenschaum auf dem Fell, sie schnoben, bebten am ganzen Leibe, und die Augen quollen ihnen schreckhaft leuchtend aus den Höhlen. Vor ihnen aber auf dem Wege lag ein Schwarzes und rührte sich nicht, nur ein blasses Schwelen ging von ihm aus. Da wußte sein Ahn, was die Glocke geschlagen hatte, und wenn er nicht schnell war, sogen er und seine Pferde an ihrem letzten Atem. Also nahm er den Hut ab, trat auf den Deichselrein, schlug mit der Peitsche dreimal das Kreuz und schrie die alte Fuhrmannsbeschwörung: »Verflucht, verflucht, verflucht! Im Namen Gott des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!« Und ehe noch das letzte Wort in der Luft kalt geworden war, warf es das Schwarze in einem Schwung nach links, zerriß es mit dumpfem Knall in der Luft wie einen finsteren Sack. Seine Pferde stiegen noch einmal ächzend in die Höhe, dann aber sprangen sie in Sätzen davon, als säße ihnen der Satan auf dem Rücken, und ruhten nicht eher, bis sie vor der Stalltür standen.

Diese ganze Geschichte rief sich Christoph Eusebius im Morgengrauen ins Gedächtnis zurück und ersah daraus die halb tröstliche und halb betrübsame Tatsache, daß das ganze Mandelgeschlecht sozusagen etwas tiefer als die übrigen Menschen ins Dasein hineingebaut sei und zum anderen auch, daß er nur wie sein Ahn die ruhige Überlegung nicht verlieren dürfe, so reiße es seinen Lebenswagen wieder sicher vor seine Haustür.

Obwohl Eusebius dermaßen mit Einsicht gerüstet in den Tag stieg, mußte er doch erfahren, daß der Verstand allein keine Gewalt über uns hat. Denn, sobald er stille über seinem Werk saß und Faden um Faden von seinem Garnrad ins Öhr schlüpfen ließ, trennte es ihn heimlich wieder auseinander.

Der graue, vollkommene Mandel schwengelte bewußtlos im Schneidertisch, und der krause, blühende Eusebius zog indessen bunte Kreise um sein Haus. Das aber, sein Junge, seine Ziegen und alles was ihm gehörte, wurde ihm unerträglich, ja das Lodern, das ihn gestern im Finstern angefallen, wiederholte sich sogar bei hellichtem Tage. Der kleine verschrobene Mann wurde der reine Furiant, sobald Maruschka nur in die Stube trat, stieß allerhand Lästerungen gegen sie aus, bohrte sich mit glühenden Blicken in sie, und als sie nach der Mittagsfütterung sich die Arme wusch, mußte er mit aller Macht an sich halten, nicht hinzuspringen und auf diesen weichen Leib einzuschlagen. Dabei tat ihm die Stumme doch nichts an als Ordnung, Fleiß, Gehorsam und Sparsamkeit.

Darum faßte er von neuem den Entschluß, seinem Hause, wo es ihn dergestalt forkelte, den Rücken zu kehren und als Hausschneider von Hof zu Hof zu ziehen.

Jede Beschädigung, die uns von einem anderen angetan wird, ist an einen bestimmten Ort gebunden, und blieb er lange genug dem Mandelhause fern, so fraßen sich diese niederträchtigen Widerwärtigkeiten selbst auf.

Mandel aber hatte die Aussicht, daß er irgendwo, an einer gesegneten Wegkreuzung oder an einem einsamen Ort, dem alten bunten Eusebius begegne, wieder Besitz von ihm nahm und von neuem durch sein ganzes Leben überblüht wurde.

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