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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/stehr/mandelha/mandelha.xml
typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120207
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ZWEITER TEIL

14

Seit seinen Kindertagen war Christoph Eusebius Mandel, der Schneider von Oberröhrsdorf, wie auf bunten Tüchern über seinem Leben dahingesegelt. Aber diese schöne ihm verliehene Gottesgabe, die Fügung seines dürftigen Lebens im bunten Dampf seiner Einbildungen um sich tanzen zu lassen, stürzte ihn auch, er mochte sich dagegen wehren, soviel er wollte, mit jeder offenen oder verborgenen Heimsuchung, die ihm das Schicksal zuschneiderte, in eine so vielfarbige Wirrnis, daß seine Einbildungen wohl in ihn hineinsanken, sich aber weder in seinem Kopfe zu einem klaren Bilde seiner Lage fügten, noch den Weg aus ihm heraus fanden. Und da er ebensowenig wie irgendein anderer vom Weibe Geborener über seinen eigenen Schatten springen konnte, brachte es selbst das rotkehlchenselige Lied seines Bübleins am Tage der Austreibung der stummen Maruschka aus dem Schneidergewese unter dem Ahornbaum nicht fertig, ihn davor zu bewahren, daß er schon wenige Tage danach wieder in die Furcht verfiel, es könne sich irgendwo in seinem Dasein eine geheime Falltür auftun. Diese Angst, die immer zutiefst im Wesen dieses wunderlichen, listenreichen Mannes lag, und ihn mißtrauisch gegen seine eigenen Eingebungen machte, kroch bald wieder aus allen Winkeln der Schrotwände seiner Schneiderstube auf ihn zu; und je öfter er an die heißen Geheimnisse denken mußte, zu welchen er in den weichen Armen der Stummen getaumelt war, bis sie beinahe sein Amadeuslein in die Wasser des Teiches gezogen hatten, desto mehr verkrochen sich seine verquollenen Äuglein in die Runzeln, und seine Schultern hingen noch einmal so schräg als sonst. So waren noch nicht mehr als zwei Sonntage ins Land gegangen, seit der Schneider die Stumme mit ihrem großen Pack auf dem Rücken, auf den Schrimsteigen über die Lehne nach den Berghäusern hin in Richtung nach der Grenze hatte verschwinden sehen, da schien es dem Knaben, wenn der Vater ruhelos im Häusel herumwerkte, als hüpfe eine kranke Krähe durch die Stuben.

Ja, so war es, es half dem Meister Eusebius nichts, daß er sich wohl ein dutzendmal am Tage vorsagte, wie wohlverwahrt jene Geheimnisse in der doppelt versiegelten Brust dieses Weibes lägen; denn damit betäubte er nur die andere Stimme in seiner knöchernen Schneiderbrust, die ihm unablässig zuraunte: »Was willst du denn, Christoph Eusebius, deine Agathe, Gott hab' sie selig, kann dir kein Essen mehr kochen, keine Stuben mehr in Ordnung halten, und dein Amadeus kann es erst recht nicht. Außerdem wird der Junge schulpflichtig, und an der Maruschka Schürzenbändel hat er sich niemals hängen mögen. Du brauchst ihr ja kein Bett mehr in der Kammer zu geben; soll sie in der Moserschenke schlafen, da hat sie's nicht weit. Und eine bessere Wirtschafterin findest du nicht mehr.«

Gegen diese Stimme wußte sich Mandel in seiner Unmächtigkeit nicht anders zu helfen, als sich in die Ausschreitungen seiner zügellosen Phantasie zu retten und sich so die Verwicklungen wieder zu entfremden, in die ihn erst die sehnsüchtigen Lieder seines Jungen, mit denen er seiner himmlischen Mutter wieder habhaft werden wollte, dann der maßlose Schrecken über die Geschichte am Teiche und endlich der Entschluß gebracht hatten, sich von der Stummen zu trennen. Aber all die hundert Gestalten und Abenteuer, worein er sonst so leicht seine Jahre und Tage, seine Nöte und Freuden schlüpfen lassen konnte, versagten ihm diesmal ihre hilfreichen Dienste. Ja, manchmal dünkte es ihm selbst nicht mehr ganz wahrscheinlich, daß er einst in Berlin gewesen, mit dem Meister Napoleon so umgesprungen sei und allerhand Abenteuer zwischen Hildesheim, Hamburg und Frankreich bestanden habe. Gleich einem farbigen Dunst stand in solchen Augenblicken sein Leben vor ihm, und sein Dasein kam ihm wie ein recht armseliges Häuflein vor. Dann murmelte er, um seiner wieder habhaft zu werden, seinen Namen vor sich hin, und wollte auch das nicht helfen, so stieg er aus dem Schneiderstuhl, verriegelte die Tür und rief mit beschwörender Stimme, daß er Christoph Eusebius Mandel sei und kein anderer. Das half dann wohl, und der Schatten seines gestorbenen Weibes stellte sich nach solch gewaltsamen Aufrichtungen auch ein, und er sah sich mit Agathe auf dem Bänklein vor dem Hause sitzen oder ging draußen mit ihr durch das Feld. Er spürte sie neben sich wie eine sichere geruhige Luft oder wie einen besänftigenden Schein; sowie er aber sich zu ihr wandte, um zu sehen, ob sie sich verändert habe, seit sie gestorben war, erblickte er allemal Maruschka neben sich, und ihr Gesicht glühte wie damals, als ihn des Amadeus Lied betört und über die Diele zu ihr geführt hatte. Da wurde dem Schneider denn doppelt unheimlich, und es war nicht von der Hand zu weisen, daß es in seinem Hause nicht mit rechten Dingen zugehe. Irgend etwas trieb sein Spiel mit ihm, seinem Amadeus und seiner entlassenen Wirtschafterin.

Unter diesen Umständen ging die Hübnerjacke ein zweites Mal aus seinen Händen hervor, und einen Tag vor dem neuen Ablieferungstermin hing sie fix und fertig an dem Regal, stattlich und fehlerfrei. Ihr Kragen lag glatt wie ein Sattelgurt zwischen den wohlgelungenen Achselpolstern. Die Brust wölbte sich wie ein Küraß. Kein Knopf hatte sich verirrt. Die Nähte flitzten sicher und schneidig durch das Tuch. Während der ganzen Arbeit hatte den Meister die bewußtlose Hoffnung erfüllt, daß sein Sinnen fürs Blühende verwirrt, an die alten verschlungenen Raine seines Lebens gespült werden möge, und auch jetzt, da er prüfend vor seinem fertigen Werk stand, da einen vergessenen Heftfaden herauszupfte, dort eine Falte glatt zog, tat er das alles mit der geheimen Schadenfreude an einem Schnippchen, das ihm sein unruhiger Geist gedreht haben mußte, damit er an dem Fehler wieder zurückfinde zu dem alten Eusebius Mandel, dessen Leben so fröhlich und kraus in dem Lichte von seines Söhnleins Scheitelhaar sich gesonnt. Aber sicher, glatt und makellos, fast drohend hing die Jacke da. Sonst konnte er, an dem Ende einer Arbeit angelangt, zurückblicken wie auf eine vielfältige abenteuerliche Wanderung, und alle Gesichte, die ihm während des Schaffens die Seele umdrängt hatten, waren an dem fertigen Stück in leisen Spuren zu entdecken, daß ihm manch ein schöner Rest zu kosten übrigblieb, den er mit Freude gegen die Kunden verteidigte, so daß er zum anderen Male in seiner Vielfältigkeit untertauchen konnte. An dieser Jacke gab es kein Hügelchen, keinen Graben, kein Wirbelchen: ein fremdes, kaltes, sachliches Werk. Wie an einer glatten Mauer tastete des Schneiders Blick an ihm herum und entdeckte doch nicht die leiseste Spur eines seltsamen Einfalls, durch den er zu seinem alten Wesen hätte zurückschlüpfen können. Vor ihm aber, indes er den Verlauf der Arbeit übersann, öffnete sich statt eines blühenden Rückblicks etwas wie ein finsterer Trichter, der vollgestopft war von all seinen Handgriffen, seiner Rastlosigkeit, seinem Fleiß, die nun, wie er hinsah, gleich einem grauen, seelenlosen Lärm so stark auf ihn eindrangen, daß er die Überzeugung gewann, nicht eine Stunde mehr mit diesem Kleidungsstück zusammen hausen zu dürfen, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, der fremden Macht sicher zu verfallen, die ihn zu dieser unseligen Vollkommenheit mißbraucht hatte.

Obwohl die Sonne sich schon weit in den Nachmittag hinübergespielt hatte, schälte er sich eilig aus seiner Arbeitskluft, packte die Jacke in die alte Wachsleinwand und machte sich mit seinem Pfefferrohrstock auf den Weg nach Bauerröhrsdorf. Unterwegs überschlug er noch einmal die Rechnung, erhöhte da und dort einen Posten um einen Zehner und war während der eiligen Wanderung von einer fast schmerzhaften Neugier auf den Ausfall der Lieferung befangen, als sei er nicht ein ergrauter Nadelreiter, sondern ein Neuling, der unter der Sorge um das Gelingen der ersten großen Probe litt. Diese Bedrücktheit nahm eher zu, als er sich in der großen Stube des Hübnerhofes dem Bauer gegenübersah, der in der Erwartung eines lustigen Wortwechsels breit und schmunzelnd auf der Bank saß. Eusebius hockte ängstlich hinter dem mächtigen Birnbaumtisch und war reineweg wie ein zugedeckter Topf. Mochte der Bauer schelmisch da und dort an ihm zupfen, um des Schneiders Laune heiß zu machen, es half nichts. Dann und wann ließ er einen lahmen Spaß ins Gespräch flattern. Das war alles. Und als die Bäuerin hinzutrat und ihn aus fröhlichem Gesicht anglänzte, ertrug es Mandel nicht länger. Er entschuldigte sich mit einer bösen »Infolenzia«, die ihn seit Tagen plage, und bat, wenn es möglich sei, den Handel zu Ende zu bringen, da es sich in seinem Kopfe wie ein Kirmestanz drehe. Dabei sah er mit bänglichem Lächeln von einem zum anderen.

Der Bauer und die Bäuerin merkten nun wohl auch, daß der Schneider nicht in seiner alten Haut stecke, und holten den Jungen herbei, für den die Jacke bestimmt war. Als der prügelstarke, halbwüchsige Bursche in die Stube trat, maß ihn Eusebius unauffällig mit den Augen und atmete ein wenig auf. Aber nein, es war wie verhext, die Jacke saß, als sei sie ihm angewachsen: keine Blase blähte sich an den Achseln, zwanglos und leicht schloß die Taille, ja seinen hartnäckigsten Fehler hatte Mandel wie nachtwandlerisch vermieden: wenn bei geschlossenen Knöpfen der Bursche die Arme hob und wieder sinken ließ, so blieb sie nicht mit klaffendem Kragen an den Ohren stehen, sondern kehrte wieder glatt und sicher in die frühere Lage zurück. Alles war voll des verwunderten Lobes über das Meisterstück. Nur Christoph Eusebius sah mit weiten Augen vor sich nieder und sog härter mit seiner Nase an einem Seufzer. Dann aber richtete er sich auf und sagte mit trauriger Stimme: »Na ja, ihr Lieben, so geht's halt schon.« Fast hätte er gesagt: »So kann's een schmeißen.« Er behielt aber seine Beklemmung für sich und strich seinen Lohn ein. Nachdem er der Bäuerin noch für die Ehre gedankt, die sie seinem Amadeus erwiesen, und der kleinen Veronika erzählt hatte, ein wie großes Verlangen der Junge nach ihr trage, drückte er sich schüchtern und eilig aus dem Hofe.

Das Dämmern hatte sich schon fester an die Erde gesogen, als da er vor Wochen mit seinem Amadeus denselben Weg gegangen war, und da er sich der Felsenschwelle näherte, sahen die Büsche schon wie eine schweigsame Versammlung von Riesen aus, die ihre ungeschlachten Köpfe zusammensteckten und unheimlichen Rat pflogen. Der Schneider huschte so dünn und eilig wie möglich durch sie hindurch, und als er glücklich das freie Feld gewonnen hatte, brausten sie unter einem plötzlichen Windstoß wie drohend auf.

Als er im tiefen Abend zu Hause ankam, fand er alles wie ausgestorben wieder. Der Junge schlief und hatte nach seiner Gewohnheit einen Arm unter den Kopf geschoben. Auf dem Tisch neben der kleinen Schirmlampe fand er sein Abendessen bereitgestellt, und wenn Eusebius die rechten Augen gehabt hätte, wäre ihm wohl schon bei diesem Anblick ein Licht aufgegangen. Aber er hatte auf nichts acht, lehnte den Pfefferrohrstock in den Topfschrankwinkel und schlang stehend, hungrig wie er war, das Essen in sich hinein. Denn er hatte, als er am Nachmittag zur Ablieferung der Hübnerjacke aufgebrochen war, in seiner Erregung nicht einmal wie sonst einen Kanten Brot in seine Tasche gesteckt, und vor der Bäuerin hätte er um sein Leben nicht um eine Wegzehrung bitten mögen. Dann setzte er sich in das Dunkel auf seine Schneiderbank. Ein graues, gestaltloses Träumen hüllte ihn ein, und wie ein Gewirr schwarzer Fäden ließ er sein Denken um seine Seele spielen. Griff er in die Tasche und rührte zu seiner Ermutigung in dem Erlös der Hübnerjacke, so schwirrte das Geld ein leises, boshaftes Lachen, und da er die Summe neben sich auf der Bank aufmarschieren ließ, Markstück hinter Markstück, war es ihm nach kurzer Zeit schon nicht anders, als starrten blasse, winzige Gesichter aus einer finsteren Tiefe und lockten an ihm. Und als er mit einem leisen Schauern wegsah, bemerkte er, wie ein Schatten an der Wand und ein Luftzug über ihn hinstrich. Da machte Mandel sich fest und kletterte aus seinem Schneidergehäuse. Irgendein Fremdes sog an ihm und ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. So folgte er dem Schatten durch die geschlossene Tür auf den Flur und tastete sich die Stiege herauf bis auf den Boden. Vor der Kammertür angekommen, blieb er wie erstarrt stehen. Da drin bewegten sich Schritte, und ein Stuhl oder was es war, wurde gerückt, dann hörte er die Bettstatt knarren: die Stumme war zurückgekehrt. Wie ein Blitz grell durch die Schwärze der Nacht fährt, überfiel Eusebius diese Erkenntnis, und das Herz stockte ihm. Die Beine zitterten ihm vor Schwäche, sie trugen ihn gerade noch bis an die Stiege zurück. Dort sank er auf die oberste Stufe und suchte mit sich ins reine zu kommen. Gott, vielleicht war es besser, daß es sich so gefügt hatte. Nichts, was einem im Leben geschieht, ist ohne Sinn.

»Ich werd' sie nicht mehr anrühren, und der Junge wird sich damit abfinden müssen. Ja, abfinden, ich muß es ja auch. Amadeusla, ich versprech' dir's und deiner himmlischen Mutter, du darfst immer singen, so viel du willst.« Und dem glücklich-unglücklichen Meister rannen die dicken Tränen über die Backen, als er sich endlich wieder so weit in der Gewalt hatte, taumelnd über die Stiege herunterzuschleichen und sein Lager aufzusuchen.

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