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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/stehr/mandelha/mandelha.xml
typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120207
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13

Nachdem dem Mandelschneider eine solche Nacht um die Ohren gepfiffen hatte, war es für ihn nicht mehr nötig, den Stein zu suchen, auf den er treten mußte.

Übrigens wurde es dem Christoph Eusebius so leicht, wie alle Dinge uns werden, die so und nicht anders sein können.

Als er am Morgen aus seinem Hause trat und den Ahornbaum die Krone über dem Dache auf eine Art ausbreiten sah, als seien das keine Zweige und Äste mit dickgeschwollenen Knospen, sondern riesige grüngepunktete Flügel, die er so spielend wiegte, daß man meinen konnte, er werde jeden Augenblick davonfliegen, sagte der Schneider im stillen zu sich: Freilich war sie das.

Und Sonne war überall inzwischen geworden. Sonnenlicht, nicht etwa solches, wie es der Winter mit verdrossener Hand einfängt und zerdrückt und zerkrümelt, ehe er es herausläßt, nein, ein Licht lag über Oberröhrsdorf, das kam und sofort über alle Berge leuchtete. Über den Langen Busch 'naus, wo sie hergekommen ist, sann Eusebius.

Ja, und eigentlich an keinem Tage seines Lebens waren ihm die Häuser und Kleinhöfe seines Heimatdorfes als eine Herde bunter Rinder vorgekommen, die sich auf dem welligen Plan lustig durcheinandertummelte und sich dort eng aneinanderdrängte, wo die Hochebene nach dem weiten Walde zu anstieg, als wollte jedes zuerst in das finstere Grün verschwinden und über die Grenze nach Böhmen davongehen.

Natürlich für immer, sagte Eusebius. Ein Zurück darf und soll es nie mehr geben.

In solch verschränkter Art sammelte der Schneider seine Absicht aus der Welt um sich. Dann ging er in die Stube, suchte des kleinen Amadeus Schiefertafel aus dem Versteck und schrieb seinen Willen darauf. Es war vor dem Tag der Leute, als er all das tat. Noch in keiner Esse rundumher war der Rauch erwacht. Der Herrgott allein ging übers Feld und redete mit leisem Atem zu seinen Bäumen, und das Amadeuslein lag und schlief, als trügen ihn die Engel in einem schimmernden Netz über die Erde.

Nachdem Mandel mit seiner Schreibarbeit zu Ende gekommen war, saß er auf der Schneiderbank und wartete, die Hände zwischen die Knie geklemmt. Endlich hörte er Maruschka aufstehen und die Bodenstiege herunterkommen. Da wurde er blaß bis in die Zähne, raffte die Tafel auf, ging dem Weibe entgegen und reichte ihr, was er geschrieben hatte. Er stand so aufrecht, wie er noch nie in seinem Leben einem Menschen gegenübergetreten war, selbst nicht einmal Napoleon; aber ansehen konnte er die Maruschka doch nicht. Er stellte sich ans Fenster und sah hinaus.

Eine bange Minute verging. Dann hörte er, wie die Tafel hingelegt wurde und die Wirtschafterin zurücktrat.

So, Gott sei Dank, jetzt ist's vorbei, dachte Mandel und wartete noch ein Weilchen, damit sich die Stumme entferne. Als er sich aber umdrehte, stand sie da und starrte mit weitoffenen Augen in einen Topf, den sie geistesabwesend aus dem Schrank genommen hatte. Die Tränen liefen ihr über die Wangen, daß eine die andere fing.

Entschlossen trat er auf sie zu. Aber es dauerte lange, ehe sie sich erholt hatte. Endlich hob sie den Kopf wie überschweres Gewicht und sah fragend auf das schlafende Kind. Eusebius nickte, und weil die Stumme sich noch immer nicht in das Unabänderliche fügen konnte, schrieb er mit bebenden Armen in die Luft, daß sie ihn auf der Stelle verlassen müßte. Er, Eusebius Mandel, und der König von Preußen wollten es nicht mehr.

Darauf drehte er sich um und setzte sich, abgewendeten Gesichtes, auf sein Bett.

Die Tür fiel zu. Die Stiege knarrte.

Dann wurde in der Kammer über ihm ein Kasten schleifend gerückt. Darauf fiel etwas Großes, Weiches dumpf um.

Jetzt ist sie ohnmächtig zusammengestürzt, sann der Schneider.

Und plötzlich wurde es still im Hause, so totenstill, daß es Mandel nicht aushielt.

Er sank um und hüllte seinen Kopf in die Decke. So blieb er liegen, bis Maruschka das Haus verlassen hatte.

Als er wieder ans Fenster trat, sah er die Stumme mit einem großen Pack auf dem Rücken, vornübergebeugt, aber mit langen, festen Schritten den Schrimsteig nach den Berghäusern zu hingehen. Etwas, wie ein Verdunkeln am hohen Himmel, lief mit, wohin sich das Weib in ihrem Gange wendete, als werfe ihr Leib seinen Schatten nicht neben sie, sondern in die Luft hinauf. Kaum hatte Christoph Eusebius das gesehen, so wußte er, was das zu bedeuten habe, holte die Schiefertafel, darauf er die letzten Worte an Maruschka geschrieben hatte, und den Topf, in den ihre Tränen gefallen waren, trug sie in den Hainwald an einen abgelegenen Ort, zerschlug sie an einem Stein und grub die Scherben in die Erde.

Dann kehrte er in sein Haus zurück und öffnete die Kiste, in der er seiner verstorbenen Frau Agathe Kleider aufbewahrt hatte, nahm eine Jacke heraus, einen Ober- und Unterrock, ein Mieder und was zum Anzug einer Frau gehört. Das alles hing er an den Wandrechen neben des Amadeus Bett, als sei seine Agathe gar nicht gestorben, sondern nur auf Zeit davongegangen und könne jeden Augenblick zurückkehren. – Indem rührte sich sein schlafender Junge dem Aufwachen entgegen.

Mandel trat an das Bett, strich ihm sänftlich die weißblonden Haare aus der Stirn und weckte ihn vollends mit einem Kuß:

»Guten Morgen, Amadeusla«, sagte er, »sieh doch bloß, die Sonne ist schon lange aufgewacht, und ich glaube, die Vögel singen auch schon.«

Und am Nachmittage saß der Schneider in seinem Gehäuse und arbeitete. Von Zeit zu Zeit hob sich sein Blick und streifte über die Wiese bis an den Hainwald. Der war nun des Winters ganz ledig und vollkommen erwacht. Die blaue Herrlichkeit seiner Tiefe strömte unaufhörlich aus ihm heraus und hauchte sich erst als duftiger Sonnenschatten über das junge Grün der Wiese. Dann aber flocht sie sich ins Licht, stand als zitterndes Schimmern über seinen spitzen Kronen und reichte gar herüber bis an des Eusebius Brust, in der immer noch ein dunkles, stummes Wehgefühl in den letzten Zuckungen lag. Eine lange Weile nestelte dieser unsagbare Hauch des Waldes an der eingeklemmten, knöchernen Tür der Schneiderbrust herum, ohne hinein zu können. Zuletzt gaben aber die vielen verschobenen Riegel doch nach, und Eusebius Mandel hatte ein Gefühl, als würde sein Herz in weiche Hände genommen und wie eine Blume auseinandergefaltet.

Die Empfindung davon war so ausnehmend köstlich, daß der Schneider sich erstaunt umsah, als wäre es möglich, jenes Wesen zu gewahren, von dem diese zauberische Wohltat herrührte. Und wirklich, nicht lange suchte des Christoph Eusebius Auge in betroffener Erwartung die tausend blauen Schattentore des Hainwaldes ab, da sah er seine Agathe aus dem Dunkel auftauchen, leibhaftig wie sie im Leben gewesen war, und wußte nun, wer sein Inneres mit einem Male so ins Gnädige gewendet habe. Aber nun war seines Weibes Kopf nicht geneigt, wie damals, als er sie das erstemal nach ihrem Tode gesehen hatte. Sie trug das lange, ruhige Gesicht erhoben. Die bunten Bänder der Haube spielten um ihre Stirn, und sie hielt das Gebetbuch mit stiller Hand an die Brust gedrückt, und der weite Faltenrock rührte sich von ihrem festen Gange. Das meiste Licht aber quoll aus ihrem Gesicht.

Als sie bis an die Grenze des Schattens gekommen war, mit dem der Wald weit in die Wiese hineinreichte, zerging sie. Nur der Schimmer ihrer Augen blieb in der Luft und wehte geradewegs auf sein Haus zu, als wandle sie durch ihren Blick aus dem Jenseits in das Schneidergewese unter dem Ahornbaum, wo sie als Mensch so lange gelebt hatte.

Der Röhrsdorfer Schneider sah ein weißes Licht durch das Fenster an sich vorüber in sein Stübchen kommen, und da er wagte, sich umzusehen, schaute er, wie sein gestorbenes Weib als ein helles Glänzen die Dielen auf und zu schwebte.

Eben wollte er zu seinem Jungen sagen: »Sieh, das ist deine himmlische Mutter«, aber es war nicht nötig. Das Amadeuslein saß auf dem Stuhl neben dem Topfschrank und verfolgte mit seinen Augen das Spiel, das der Abglanz der weißen Himmelswolken in der Schneiderstube trieb.

Deswegen tat Eusebius keinen Laut, wandte sich geräuschlos wieder um und wartete, was sein Junge von selbst dazu sagen würde.

Es dauerte auch keine drei Faden lang, so fing das Büblein an, aber nicht zu sprechen, sondern zu singen. Erst klang es leise wie das Lied des Rotkehlchens, das im Dämmern des Strauches noch an sich selber zaudert. Dann aber dehnte es sich immer weiter ins Freie und Beglückte hinauf und verhalf dem Schneiderhaus und allen, die darin waren, wieder zu der früheren wundersamen Seele. Darum brauchte der Schneider den Amadeus nicht erst zu fragen, ob er wisse, wer zu ihnen auf Besuch gekommen sei. Aus allen Winkeln tönte es, in den Schrotwänden wachten alte, selige Versunkenheiten auf. Die krumme Weide wurde bewegt, daß das goldene Stäuben ihrer Kätzchen wie eine Glorie um ihre Rutenkrone flog, und Eusebius war so ergriffen davon, daß er den Zwirn doppelt und seine Welt wieder in tausendfacher Buntheit sah.

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