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Das Mandelhaus

Hermann Stehr: Das Mandelhaus - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/stehr/mandelha/mandelha.xml
typefiction
authorHermann Stehr
titleDas Mandelhaus
publisherPaul List Verlag
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20120207
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11

Amadeus verbrachte nach der Kolivanskygeschichte noch tagelang im Bett.

Es war, als leide er an den Nachwehen einer schweren Krankheit, so matt, so über alle Berge getragen lag er. Wurde er genötigt, aufzustehen, so überfiel ihn Zittern. Er sah sich hilflos um und brach endlich in hohes, machtloses Weinen aus.

Eusebius aber ließ den Klöppel in der Glocke, die er geläutet hatte; denn er erinnerte sich an den verstorbenen Bruder seiner Frau, der allein durch Musizieren von einer guten Wirtschaft in die Schenke und von da in den Straßengraben gekommen war. So verwandelte der Schneider den geheimen Grund zu seiner Unerschütterlichkeit in väterliche Pflicht, und es ergab sich damit von selbst, daß er berechtigt war, den Gram seines Jungen Eigensinn zu heißen. Außerdem besserte sich ja des Amadeus Betragen zusehends. Bald schlüpfte er, wenn auch nur auf Stunden, in seine Kleider.

Zuletzt schien sich in dem kleinen Hartkopf alles zurechtgefressen zu haben, und er kam wie sonst herbei, saß seinem Vater gegenüber und schaute nach alter, gründlicher Manier zu, als sei nichts gewesen. Und auch der alte Mandel wandelte in manch gütigen Worten vor seinem Jungen. Nur in die Augen vermochte er dem Büblein nicht mehr zu schauen. Denn ihre Blicke waren schwermütig, wie überwunden.

Stundenlang saß der Knabe so, ohne ein Wort zu reden, und betrachtete seinen Vater aufmerksam, als sei in ihm ein Geheimnis verborgen, und wenn er zu reden anfing, richtete er seltsame Fragen an den Meister.

»Wenn ein Vogel vom Baume fällt, ist er da tot?« fragte er einst.

»Die Vögel sterben nicht«, antwortete Mandel.

»Warum sterben die Vögel nicht?«

»Weil sie Flügel haben und dem Tode davonfliegen.«

»Aber die Bäume sterben?« fragte Amadeus weiter.

»Ja, die Bäume sterben.«

»Wer legt sie ins Grab?«

»Sie brauchen kein Grab. Sie fallen um und bleiben liegen.«

Nach diesen Worten Mandels ging Amadeus hinaus und sah sich die ganze Welt um das Schneiderhaus an. Als er wieder hereinkam, setzte er sich weit von seinem Vater entfernt und starrte unausgesetzt auf ihn, so lange, bis ihm die Tränen in die Augen traten. Dann sagte er ganz leise zu sich: »Die Wolken sterben, der Ahornbaum stirbt, das Gras und die Weide und alles, alles stirbt«, und wendete seinen Blick nicht ab, als stehe das alles in seinem Vater geschrieben, der dort vor ihm nähte und nicht aufzuschauen wagte.

So irrte er mit aufgescheuchter Seele um eine Grube in sich.

Manchmal fuhr es ihm auch durch den Sinn, wenn ich singe, stirbt mein Vater, und obwohl er nicht wußte, was sterben sei, nahm er die Leere und das Schweigen dafür, was aus ihm in die Stube seines Vaters floß, um das Haus lag und die ganze Welt erfüllte, und er glaubte, er sei schuld an allem.

Dann, um zu verhindern, daß seinem Vater so etwas Schlimmes begegne, tat er alles, was er ihm an den Augen absehen konnte: las die Nadeln zusammen, sammelte sie in das kleine Blechbüchslein, schichtete die Tuchschnitzelchen in einen Haufen, zog Heftstiche aus den Sachen und bemühte sich, ein Bein über das andere zu schlagen, wie ein richtiger Schneider.

Dabei zwang er sich, still und emsig wie ein Käfer zu sein. So allein glaubte das Büblein das Beklemmende und unsichtbare Finstere fortzuschaffen, was offenbar auch über seinem Vater her war. Und immer, wenn Amadeus stundenlang so gedient hatte, erwartete er, der Vater werde sein Gesicht auf ihn lenken und mit liebreich-bunten Worten sich seiner erbarmen. Doch jedesmal täuschte sich das Knäblein. Nur, wenn Maruschka hereinkam oder von draußen durchs Fenster nickte oder an den Schneidertisch trat und mit einem neckischen Tupfer des Meisters geneigten Kopf noch tiefer drückte, lief ein Leuchten durch den ganzen Christoph Eusebius hin und sperrte seine umrunzelten Äuglein zu einem weiten Blick auf. Da litt der Knabe dann tiefer an einem Gefühl, das ihm so weh tat, wie das Heimweh die großen Leute schmerzt.

In solchen Augenblicken geheimer Enttäuschung hielt es Amadeus in der Stube seines Vaters nicht mehr aus, und die Unruhe, die von des Eusebius Wandergeschichten in ihn gekommen war, öffnete ihm die Tür, ohne daß er den Drücker anzufassen brauchte. Es trieb ihn aus dem Hause und war wie eine Peitsche hinter ihm her, daß er den ersten besten sommertrockenen Rain, der ihm unter die Füße kam, hinunterlief, immer schneller und schneller. Nicht das Nahe lockte ihn, sondern alles Ferne, Unerreichbare. Bäume am weitesten Horizont, die in der weißen Märzluft wie schwebend ihre durchsichtigen Kronen trugen, riefen in dem Kinde den Wunsch wach, auf der Spitze ihres Wipfels zu stehen und in die blasse Weite des Himmels zu sehen. Tauchten Menschen auf abseitigen Wegen auf, so glaubte er, sie seien wegen ihm erschienen und würden herkommen, ihn freundlich bei den Händen nehmen und mit sich fortführen. Klopfenden Herzens hing er an dieser Einbildung, bis die Leute kleiner und kleiner wurden und endlich in der Weite verschwanden. Dann empfand es Amadeus, als sei ein Licht ausgelöscht worden und er stehe wieder allein in der unsichtbaren Finsternis.

Auch die Wassergräben taten es dem Knaben an. Er lief mit ihren Wellen, bis er kaum mehr zurückfand Streifte er auf dem Heimwege an Häusern vorüber, deren Fenster und Türen im Licht lagen, so fühlte er den Drang in sich, über die fremde Schwelle zu treten und um Unterkunft zu bitten.

Gleich einem Vogel war das Amadeuslein, dem der Herbst sein Lied zerstört hatte, und das nun unruhig und rastlos durch die Felder irren muß.

Kehrte der Knabe nach Stunden in das Mandelhaus zurück, so empfingen ihn die Seinen oft recht schlimm. Der Vater häufte lange Scheltpredigten auf ihn, die Stumme brachte formlose, polternde Laute hervor und maß ihn mit ihren braunen, unheimlich-leeren Augen.

Wo er gewesen und was er draußen gesucht, wußte Amadeus nicht zu sagen. Blaß und beklommen drückte er sich in eine Ecke und duldete alles mit einem Gefühl, als sitze er in einem fremden Hause.

 

*

 

An einem Tage hatte der kleine Mandel wieder einmal umsonst um seines Vaters Liebe gedient und schlich über die Haustürschwelle, nicht wie ein Kind, das hier seine Heimat hat, sondern wie eines, das umsonst um ein Almosen bettelte und nun in Scham davongeht. Da fühlte er in seiner Hosentasche zwischen den Schnüren und Spielhölzern eine zusammengedrückte Papierkugel, und als er sie entfaltete, waren es eine Anzahl jener Streifchen, auf die er die Fußspuren der Lieder gemalt hatte, die geheim hinter dem Rücken seines Vaters zu ihm gekommen waren. Das bedeutete für den Amadeus anfangs eine glückvolle Entdeckung, und er wußte jetzt, woher es manchmal fern und wohllautend um ihn aufzuckte. Aber es fiel ihm auch bald ein, daß das vielleicht der Grund sei, warum sein Vater ihm noch nicht verziehen habe. Je länger er darüber nachdachte, um so gefährlicher kamen dem Knaben die stummen Lieder vor, die er mit sich herumtrug. Doch brachte er es nicht fertig, sich von ihnen zu trennen, und hielt sie weiter unter den Schnüren und Hölzchen in seiner Tasche verborgen.

Da stoben die fernen, verflohenen Klänge dann öfter an ihm hin. Die Nadeln, die er sammelte, hüpften tönend in das Büchslein, seines Vaters Stimme knarrte nicht mehr so fremd, seine Gestalt sah nicht mehr so schmerzvoll gedrückt aus, und selbst vor Maruschka fühlte er sich, wie hinter einer lichtblassen Mauer, sicherer.

Dieser letzte Verkehr mit seiner tiefsten Sehnsucht dauerte jedoch nur wenige Tage.

Er hatte auf der Schneiderbank neben seinem Vater aus Tuchflecken zwei Häufchen geschichtet und spielte mit ihnen, daß er mit jeder Hand ein Schnitzelchen faßte und die beiden sich zuwarf. Anfangs gelang ihm das Spiel nicht zum besten, denn die Fleckchen schienen einer anderen Absicht zu folgen, als die Hände ihnen aufgegeben hatten, sprangen neben den Stuhl, unter die Bank oder an einen anderen Ort, wohin sie Amadeus nicht haben wollte. Deswegen verwies das Knäblein ihnen die Eigenwilligkeit, redete ihnen auch liebreich zu, paßte genau auf und hatte sie nach einiger Zeit so gut abgerichtet, daß sie leicht von der Rechten in die Linke zurückfanden und neckisch aneinander vorbeiflitzten. Bald waren es auch gar keine Tuchschnitzelchen mehr, sondern Vögelchen, die ihm aus den Händen flogen und gehorsam wieder zurückkehrten, und nicht lange, so fingen sie an, einander zuzusingen, wenn sie sich zuflatterten.

Plötzlich fühlte sich das versunkene Kind rauh am Arme gefaßt, und eine schrille, böse Stimme schrie: »Junge, du bist wohl des Teufels!«

Amadeus fuhr aus seinem Stürmen auf, der letzte Ton blieb ihm im Munde stecken, und er sah in das Gesicht seines Vaters. Das war blaß, seine Lippen zitterten, der Atem ging, als sollte er ersticken, und ein Strähn grauer Haare hing über seine Stirn.

Da glaubte der Knabe nicht anders, mit seinem Vater gehe es zu Ende. Er warf sich dem Schneider über die Knie und bat ihn, ja nicht zu sterben, er wolle es wahrhaftig nie wieder tun.

Dann ging er verstohlen auf das Hausbänklein hinaus und zweifelte nicht mehr daran, daß die stummen Lieder an allem schuld seien, und er sah ein, er mußte sich von ihnen trennen, wollte er seinen Vater nicht elend umkommen lassen. Es strich gerade ein flüchtiger Wind durch die krumme Weide. Ohne Zögern suchte Amadeus die Papierkugel hervor und überlegte, daß es das beste sei, die Lieder in die Luft fliegen zu lassen. Er hatte sie ja von den Wolken, den Bäumen und der Sonne erhalten. Da konnte jedes den Ort suchen, von dem es zu ihm gekommen war.

Kaum hatte der Knabe das erste Streiflein aus der Hand gelassen, so wurde es vom Winde erfaßt und in die Höh' geführt. Aha, dachte Amadeus, das ist ein Sonnenlied und will in den Himmel hinauf. Aber es wirbelte einigemal um die Dachrinne und tat dann, als habe es Begehren, in den Ahornbaum zu steigen. Als es aber dem untersten Ast schon ganz nahe gekommen war, besann es sich eines andern, flatterte herunter, schwankte einigemal unentschlossen umher und strich dann gestreckten Fluges auf das Fenster zu, an dessen Scheiben es sich festhielt. Dort blieb es kleben und hob sofort mit dem Winde ein lustiges Gepfeif an.

Da sah das Kind ein, daß es auf diese Art seine Lieder nicht loswerden könne, ohne seinen Vater zu gefährden. Denn wenn der nur das Fenster aufmachte, flog der Wind mit dem Liede in die Stube, und sein Vater stürzte von der Schneiderbank direkt in die Totenkammer.

Deswegen fing Amadeus das Streiflein wieder ein, knitterte es in die Papierkugel, steckte diese in die Tasche, kehrte in die Stube zurück und wartete einen günstigen Augenblick ab, da sein Vater der Maruschka zunickte und mit ihr die Stube verließ. Die beiden gingen die Bodenstiege hinauf. Ihre Schritte knarrten noch ein paarmal hin und wieder. Darauf trat Stille ein, und Amadeus war allein.

Er öffnete schnell das Ofentürchen und warf die Papierkugel ins Feuer. Weil er aber zu aufgeregt war, zielte er schlecht, und sie kam nicht mitten in die Glut zu liegen, sondern fiel vorn an den Rand, wo einige rote Kohlen vor Hitze fauchten, als möchten sie am liebsten aus dem Loche herausspringen und fort. Kaum aber hatte die Kugel eine Weile in ihrer Gesellschaft zugebracht, so still und unbeweglich, als sei sie zu Tode erschrocken, erholte sie sich wieder und begann sich zu verwandeln. Es ging ein Dehnen durch sie. Von innen her begann eine verborgene Gewalt zu schwelen. Unter leisem Knittern faltete sie sich auf wie eine Blume, über die der Zauber des Blühens kommt.

Das Feuer in der Nähe fackelte mit seiner weißen Helle erstaunt über die Verwandlung der Papierkugel. Dann sprang es zuckend herüber, um alles genau zu sehen. Sobald aber ihre Flämmchen blau und golden über das Papier liefen, fingen die Lieder, die darauf standen, zu singen und zu trillern an. Manchmal klang es auch wie hohes Weinen, wie Schluchzen und Schlucken. Ein greller Schein ergoß sich aus dem Ofenloch und floß an der Wand entlang. Amadeus schlug vor Schreck das Türchen zu, damit der Glanz der Lieder nicht in die Stube flöge, und lief in Angst vor das Haus.

Als er sich wieder hereinwagte, saß sein Vater wie immer im Schneidergehäuse, blaß und erschöpft. Seine Augen glommen in machtloser, trauervoller Trunkenheit und schauten von Zeit zu Zeit auf die Hände, die ermattet und untätig über der Arbeit gefaltet waren. Maruschka stand am Schrank und ließ aus einem kleinen Säckchen Erbsen in einen großen tönernen Topf laufen.

Der Feuerglanz der Lieder leuchtete nicht mehr an den Wänden, und ihre leisen Stimmen waren für immer verbrannt. Die Luft hing stockend und grau in der Stube, und den Knaben überfiel ein so finsteres, grenzenloses Alleinsein, daß er hinter einen Schrank kroch und still für sich hinweinte.

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