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Das Malaienschiff

William Russell: Das Malaienschiff - Kapitel 9
Quellenangabe
authorClark Russell
titleDas Malaienschiff
publisherVerlag von Robert Lut
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorAlfred Peuker
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170403
projectid21934c39
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Südlicher Kurs.

Helga tauchte wieder in der Luke des Vorderkastells auf, und bewundernd folgten Abrahams Blicke den sicheren, anmutigen Bewegungen ihres geschmeidigen Körpers.

Als ob sie auf einem Lugger aufgewachsen wäre, flüsterte er mir zu.

Auch ich fand jetzt Muße, Helgas graziöse Gestalt, die der plumpe Knabenanzug früher verborgen hatte, zu mustern. Auf dem Wrack sowohl wie auf dem Floß hatte ich für derartige Beobachtungen nicht viel Sinn gehabt, jetzt aber freute ich mich an der lieblichen Mädchenerscheinung, dem reizenden Gesicht, auf dessen blasse Wangen das erfrischende Salzwasser eine zarte Röte gehaucht hatte, und dem lieben, tapferen Lächeln, mit dem Helga ihren Platz an meiner Seite wieder einnahm.

Unsere erste Mahlzeit auf der »Morgenfrühe« wird mir unvergeßlich bleiben. Die in der Pfanne bratenden Schinkenschnitten verbreiteten einen appetitlichen Duft; vor uns stand ein offener Sack mit Schiffszwieback, in den wir griffen, während in den dicken Steinguttassen der heiße schwarze Kaffee dampfte.

Ernst und energisch, wie es sich für befahrene Seeleute geziemt, widmeten unsere Retter sich dem lukullischen Mahl, dem sie mit ihren großen Klappmessern scharf zu Leibe gingen. Dabei verstand Freund Tommy noch durch gelegentliche Bewegungen der Schultern und Ellbogen das Steuer zu bedienen, ohne sich in dem wichtigen Geschäft des Frühstückens stören zu lassen.

Ich tat den wohlschmeckenden Fleischschnitten ebenfalls alle Ehre an, denn ich hatte einen wahren Wolfshunger, und zu meiner größten Freude langte auch Helga, die seit ihres Vaters Tode so gut wie nichts über ihre Lippen gebracht hatte, jetzt tüchtig zu.

Während wir so aßen und tranken, frischte der Wind immer mehr auf. Prall und stramm wölbte sich das Focksegel über uns, und tief tauchte unter dem Druck der steifen Brise der Bug unseres Loggers in die wild aufschäumenden Fluten.

Und bei dem Wind sollten wir nicht nach Australien kommen? rief Abraham mit befriedigtem Blick auf die straffen Segel, während er behaglich seine kurze Pfeife anzündete.

Eine verrückte Idee, sich für die Sidney-Bai einen englischen Küstenlogger zu kaufen, brummte ich.

Allerdings, erwiderte Abraham, doch kommen derartige Verrücktheiten solchen armen Teufeln, wie wir sind, sehr zu statten.

Ein erneuter Rundblick über die See zeigte mir jetzt ein am Horizonte auftauchendes Segel, das aber denselben Kurs steuerte wie wir.

Natürlich, seufzte ich enttäuscht, wenn man einmal in der Klemme sitzt, geht alles verkehrt. Was für einen Kurs haltet Ihr? wendete ich mich dann wieder an Abraham, um zu erfahren, ob wir überhaupt Aussicht hätten, einem Englandfahrer zu begegnen.

Zunächst Süd-Süd-West, lautete die Antwort, dann mit dem Nordostpassat bis zum zweiundzwanzigsten Grad, hierauf wieder südlich und nach dem Passieren der Linie westlich bis zur Insel Trinidad; von dort mit dem Südostpassat nach dem Kap der guten Hoffnung. Verstehen Sie sich aufs Navigieren, Mr. Tregarthen?

Nein, sagte ich kopfschüttelnd, trotz meiner Unkenntnis in nautischen Dingen über die grenzenlose Naivität, mit welcher der alte Seebär eine Reise nach Australien behandelte, innerlich aufs höchste verblüfft.

Aber lesen können Sie doch? fragte mein Gegenüber weiter, aus dem Behälter, dem er vorhin die Toilettenutensilien entnommen hatte, eine kleine Weltverkehrskarte hervorziehend, die er auf seinen Knien entfaltete.

Ja, lesen kann ich ein wenig, meinte ich bescheiden, während Helga auflachte.

Nun, dann sehen Sie mal her, fuhr Abraham fort, mit dem Daumennagel über die Karte fahrend, hier hat Kapitän Samuel Brown vom »Türkenkopf«, der gerade auf der Reede lag, als wir unsere Fahrt antraten, mir die ganze Reise aufgezeichnet.

Ich beugte mich über die Karte und bemerkte, daß die angegebene Route uns westlich an Madeira vorüberführen würde, daß aber bis zur Tafelbai hinab kein einziger Hafen angelaufen werden sollte. Da ich Jakobs und Tommys beobachtende Blicke auf mir ruhen fühlte, enthielt ich mich jedoch jeder Kritik und wünschte nur inbrünstig, daß ein gütiges Geschick uns ersparen möchte, noch lange auf der »Morgenfrühe« so ins Blaue hinein segeln zu müssen. Denn bei den fünf oder sechs Monaten, in denen unsere Freunde ihr Ziel zu erreichen gedachten, würde es sicherlich nicht sein Bewenden haben, wenn man die Schwierigkeiten in Betracht zog, die dem kleinen, für eine derartige Reise ganz unzulänglichen Fahrzeug durch Stürme oder Windstillen erwachsen mußten.

Wie habt Ihr die Wachen unter Euch verteilt? fragte ich schließlich.

Einer von uns schläft vier Stunden, während die beiden anderen Wache halten und sich nach je zwei Stunden am Steuer ablösen.

Das macht also für jeden acht Stunden Wache und vier Stunden Schlaf, bemerkte Helga.

Ganz recht, Ma'm.

Das ist zu anstrengend, meinte das junge Mädchen kopfschüttelnd, es müßten noch zwei Hände mehr an Bord sein, damit die Wachen immer nach vier Stunden wechseln könnten –

– und der Anteil am Gewinn noch kleiner würde, fiel Thomas ihr mürrisch ins Wort.

Mr. Tregarthen hat Ihnen wohl gesagt, daß ich das Steuer zu bedienen verstehe, wandte Helga sich wieder an Abraham. Auf meines Vaters Schiff habe ich es oft genug getan. Lassen Sie mich eine Wache übernehmen!

Und ich möchte mich während meines Hierseins ebenfalls nützlich machen, schloß ich mich Helgas Anerbieten an.

Mit ehrlicher Bewunderung blickte der alte Seebär in das Gesicht des jungen Mädchens.

Gott segne Ihr gutes Herz, Lady, sagte er. Ich bezweifle nicht, daß Sie auf jedem anderen Schiff Ihren Mann stehen würden; zum Regieren eines Loggers gehört aber langjährige Erfahrung. Wir alten Dealer Teerjacken kennen die Sache von Kindesbeinen an –

Und wenn bei dieser langen Reise die Heuer in noch kleinere Teile gehen soll, dann möchte ich vorschlagen, lieber umzukehren, riet der praktisch veranlagte Thomas.

Immer hast du nur das Geld im Kopf, verwies ihn Abraham jedoch. Die Dame denkt gar nicht daran, dir deinen Anteil zu verkleinern; ihr Anerbieten ist bloße Freundlichkeit. Ich danke Ihnen von Herzen, Ma'm, wandte er sich dann mit linkischer Verbeugung wieder dem jungen Mädchen zu, allein Sie sind hier nur schiffbrüchige Passagiere. Ihre Pflichten bestehen einzig und allein darin, guten Mutes zu bleiben und den Kopf oben zu behalten.

Ich dankte ihm; dann erhob ich mich, um das heransegelnde Schiff näher ins Auge zu fassen.

Helga, flüsterte ich, wollen wir uns auf jenes Fahrzeug hinüberbringen lassen?

Es segelt ja aber nicht heim, Hugh.

Der Logger auch nicht. Und wieviel besser hätten Sie es an Bord eines ordentlichen Schiffes als hier auf der elenden Nußschale.

Gleichviel, Hugh, versetzte Helga nach einigem Nachdenken; dafür würde sich wieder die Aussicht auf baldige Heimkehr verschlechtern und mit jeder Stunde die Entfernung zwischen uns und der Heimat um Meilen und Meilen wachsen.

Sie haben recht, Helga!

Das fremde Schiff war immer näher gekommen und bot mit seinen schneeigen Spieren, der schwellenden Segelpyramide und der majestätischen Schaumschleppe, die es hinter sich herzog, einen großartigen Anblick. Helga starrte mit leuchtenden Augen hinüber.

Abraham war schlafen gegangen, Tommy bediente mit mürrischer Miene das Steuer und kümmerte sich um nichts weiter, während Jakob an der Reeling lehnte und träge nach dem schmucken Segler hinüberblinzelte. Plötzlich kam in seine regungslose Gestalt Leben und Bewegung.

He, Tommy, rief er seinem Kameraden zu, ich will verdammt sein, wenn das nicht die »Thermopilly« ist!

Widerwillig wandte der Angeredete den Kopf. Natürlich ist's die »Thermopilly«, knurrte er übellaunig; das sieht man doch auf den ersten Blick.

Wie, die »Thermopylae«? fragte ich interessiert. Meint Ihr vielleicht den berühmten Aberdeen Klipper?

Jawohl, rief Jakob begeistert, das ist sie! Seht sie nur an, Herr, ist sie nicht eine Schönheit? Ihre Mastspitzen holen die Sterne vom Himmel herunter und bringen das Sonnensystem in Unordnung. Und wie sie fliegt!

Belustigt lauschten wir diesen überschwänglichen Lobsprüchen, während das schöne Fahrzeug uns so nahe kam, daß wir die Gesichter der an Deck befindlichen Mannschaft deutlich unterscheiden konnten.

Mit einem grotesken Satz sprang Jakob auf die Ruderbank und schrie, während er die Arme windmühlenartig bewegte, einem vom Vorderkastell der »Thermopylae« zu uns Herüberblickenden in den höchsten Tönen der Begeisterung entgegen:

Wie geht's Ihnen, Sir? Wie befinden Sie sich? Sehr erfreut, Sie zu sehen, Sir!

Der Mann stutzte, verschwand einen Augenblick, kehrte aber gleich darauf mit einem Fernrohr zurück, das er auf die »Morgenfrühe« richtete. Dann winkte auch er lebhaft mit der Hand und rief:

Guten Tag, Jakob, was machst du denn da unten?

Bin auf dem Wege nach Australien.

Wohin?

Nach Sidney, Neu-Südwales.

Der Mann auf der »Thermopylae«, augenscheinlich der Kapitän, schüttelte den Kopf und tippte sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn.

Er glaubt's uns nicht, rief Jakob seinem Gefährten zu, indem er mit den wildesten Gebärden seine Aufrichtigkeit beteuerte, denn eine weitere Verständigung war nicht mehr möglich, da die »Thermopylae« sich bereits außer Rufweite befand.

Wie sie fliegt! rief Jakob wieder in Extase. Wenn sie uns doch nur ein Tauende zuwerfen möchte.

Ja, pflichtete ich ihm bei, während auch meine Blicke bewundernd dem herrlichen Fahrzeug folgten; dann brauchtet ihr nicht fünf oder sechs Monate unterwegs zu sein.

Als um dreiviertelzwölf Abraham wieder zum Vorschein kam, um die Mittagshöhe zu nehmen, leuchtete die letzte Spur des Klippers nur noch wie ein matter Perlmutterschimmer am Horizont. Die See ging hoch, und mit Schaudern dachte ich daran, was jetzt wohl aus uns geworden wäre, wenn wir noch auf unserem gebrechlichen Floß säßen?!

Abraham stand breitbeinig da und nahm mit einem vorsintflutlichen Quadranten die Mittagshöhe. Dabei schob er vor Aufregung und Anstrengung sein Priemchen von einer Seite auf die andere und schnitt dabei die possierlichsten Gesichter.

Das dauert heute aber mal lange bis acht Glas, nicht wahr? meinte Jakob.

Die Sache hat schon ihre Richtigkeit, schweig' du nur still und überlaß mir das! wies Abraham ihn würdevoll in seine Schranken zurück.

Acht Glas! brüllte er gleich darauf in triumphierendem Ton, indem er den Quadranten sinken ließ und eine ungeheure silberne Taschenuhr hervorzog, die er auf Armeslänge von sich fort streckte.

Straf' mich Gott, wenn's jetzt in Deal nicht genau ein Uhr mittags ist! sagte er dann befriedigt, nahm auf einem Achtersitze Platz, zog ein Notizbuch mit einem Bleistift aus der Tasche und begann mit wichtiger Miene seine Breitenberechnung. Nach einigem nachdenklichen Genhimmelblicken und Hinterdemohrkratzen kam das schwierige Kunststück glücklich zustande, worauf Abraham mit einem selbstgefälligen Rundblick und einem erleichterten: »So, damit wären wir fertig« sein nautisches Rüstzeug wieder verstaute. Doch waren seine Obliegenheiten als Schiffsführer damit noch nicht erschöpft, denn nun schickte er sich an, die gewonnenen Berechnungen in ein Loggbuch einzutragen, das – seinem abgegriffenen Aussehen nach – schon manchen Sturm erlebt haben mochte. Abraham füllte die für die »Breite« bestimmte Rubrik aus, machte aber nicht den geringsten Versuch, über die »Länge« auch nur eine ungefähre Vermutung anzustellen: dagegen bestimmte er durch einen einzigen Blick über Bord die Geschwindigkeit seines Fahrzeuges mit solcher Selbstsicherheit, als habe er die sorgfältigsten Messungen angestellt.

Wie schreibt man »Thermopilly«? fragte er dann, uns der Reihe nach ansehend. Ich muß doch wenigstens eintragen, daß wir sie gesichtet haben.

Ich buchstabierte ihm das Wort vor, worauf er, beim Schreiben halblaut vor sich hinsprechend, in seiner Buchführung fortfuhr.

Gegen ein Uhr morgens ein Floß mit zwei Personen angerannt. Wie schreibt man Floß, Mr. Tregarthen, mit einem ›ß‹? Danke. – Eine Dame und einen Herrn an Bord genommen. – So, das wäre nun besorgt, schloß er, das Buch zuklappend, jetzt wollen wir auch ans Essen denken.

Unsere Mahlzeit bestand diesmal aus Rindfleisch, Schiffszwieback und Käse, doch wurde mein Appetit durch das stürmische Wetter und die immer noch wachsende Geschwindigkeit, mit der wir uns von der heimatlichen Küste entfernten, stark beeinträchtigt.

Doch wie sehnsüchtig ich auch über das Meer spähte, kein Leinwandzipfel war weit und breit sichtbar, und seufzend setzte ich mich endlich neben Helga in den kleinen, notdürftig geschützten Winkel, den ich durch das Ausspannen eines Stückes Segelleinwand für uns geschaffen hatte.

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