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Das Malaienschiff

William Russell: Das Malaienschiff - Kapitel 8
Quellenangabe
authorClark Russell
titleDas Malaienschiff
publisherVerlag von Robert Lut
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorAlfred Peuker
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170403
projectid21934c39
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Die Leute auf dem Logger.

Noch nie im Leben war mir eine Nacht so lang vorgekommen wie diese. Unzählige Male blickte ich auf meine Taschenuhr, deren Zeiger so langsam vorwärts schlich, daß ich jedesmal die Uhr ans Ohr hielt, um mich zu vergewissern, ob sie nicht etwa stehen geblieben wäre.

Helgas Schluchzen hatte allmählich aufgehört; todmüde lehnte sie an meiner Schulter, dennoch kam kein Schlaf in ihre Augen, denn unablässig wanderten ihre Blicke zu dem stillen Schläfer an unserer Seite.

Gegen drei Uhr morgens sprang der schwache Lufthauch, der bisher geweht hatte, nach Nordwesten um und begann zu einer leichten Brise aufzufrischen, die mich mit neuer Hoffnung erfüllte. Eifrig spähte ich in die immer lichter werdende Morgendämmerung hinaus, ob nicht am Horizont ein Segel aufleuchten wollte. Als die östliche Himmelshälfte sich rosig zu färben begann, wandte ich mich, nach einem Blick in das stille Totenantlitz des Kapitäns, an seine Tochter.

Helga, sagte ich sanft, Sie wissen, was jetzt meine Pflicht ist – um Ihret-, um meinet- und um seinetwillen?

Ja, erwiderte sie gefaßt, während ihre vom Weinen geröteten Augen mich aus dem bleichen, lieblichen Gesicht schmerzlich anblickten. Ja, ich weiß, was jetzt geschehen muß. Lassen Sie mich Abschied von ihm nehmen.

Sie kniete neben dem Lager nieder und preßte ihre Lippen auf den Mund des Toten. Dabei überkam sie wieder mit voller Wucht das Bewußtsein ihres Verlustes, und in ihrer Verzweiflung die Hände ringend, schluchzte sie laut: Jeg er vaderlös! Gud hjelpe mig!

Doch nicht lange überließ sie sich haltlos ihrem Schmerz: nach einigen Minuten stillen Gebetes küßte sie noch einmal das marmorweiße Totenantlitz, erhob sich dann gefaßt und setzte sich auf die andere Seite des Floßes, so daß sie dem Sterbelager den Rücken kehrte.

Mit großer Selbstüberwindung ging ich nun an meine traurige Pflicht. Um zu verhindern, daß die Wellen den Leichnam aus seinen Kissen und Decken herausspülten, umwand ich die ganze Bettstatt mit einem Seil, wobei die gebrochenen Augen des Toten mich so vorwurfsvoll anzublicken schienen, als ob ich ihn nicht bestatten, sondern ertränken wollte. Endlich war ich soweit fertig, daß ich die Taue des Bollwerks ein wenig lockern und die Leiche über den Rand des Floßes hinausschieben konnte. In diesem Augenblick sprang eine große Ratte, wahrscheinlich dieselbe, die uns schon vorhin auf der sinkenden »Anina« erschreckt hatte, aus einem Winkel der Bettstatt und verschwand in einer Bodenlücke des Floßes. Unwillkürlich stieß ich einen Schreckensruf aus, so daß Helga sich umdrehte und fragte, was es gäbe.

Nichts, nichts, erwiderte ich beruhigend, bitte, sehen Sie jetzt nicht her!

Sofort nahm sie ihre frühere Stellung wieder ein und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Im nächsten Augenblick hatte ich den Leichnam mit kräftigem Schwunge ein Stück in die See hinausgestoßen, wo er noch eine Weile auf den Wogen hin- und herschaukelte, bis die voll Wasser gesogenen Tücher und Decken ihn in die Tiefe zogen. Ich war zu Helga getreten und hatte meinen Arm um ihre Schulter gelegt, damit sie sich nicht eher umdrehte, bis alles vorüber war.

Erst als die Wellen sich über Kapitän Nielsens sterblichen Resten geschlossen hatten, zog ich meine Hand fort, und mit tiefem schmerzlichen Seufzer richtete Helga sich auf, um ihre Blicke über die Stelle des Ozeans schweifen zu lassen, wo sie ihres Vaters Grab vermutete. Doch weinte sie jetzt nicht mehr – ihre Tränen schienen versiegt zu sein.

Nach Sonnenuntergang ließ ich die Laterne herunter und hißte die dänische Flagge, die ich mitgenommen hatte. Fröhlich bauschte sie sich in der frischen Brise.

Stunde auf Stunde verstrich, ohne daß ein rettendes Segel sich zeigte. Schon neigte die Sonne sich wieder dem Untergange zu, und noch immer hielten Helga und ich vergeblich Ausschau über die wogende Wasserfläche. Wie weit wir nach Süden verschlagen worden waren, konnten wir nicht wissen, doch mußten wir uns, nach meiner ungefähren Berechnung, in der Nähe der Kanalmündung befinden.

Wie hart für Sie, Mr. Tregarthen, seufzte Helga, die auf meinen Arm gelehnt, über die See blickte, wie hart und wie unverdient, daß Sie zum Lohn für Ihren Edelmut jetzt mein trauriges Geschick teilen müssen.

Sie haben mich gebeten, Sie Helga zu nennen, sagte ich, um sie von diesen trüben Gedanken abzulenken, dann müssen Sie mich aber auch beim Vornamen nennen.

Gern, wie heißen Sie denn?

Hugh.

Lieber Hugh ...

Kurz vor Sonnenuntergang sichtete Helga ein Segel im Südwesten, und obwohl das winzige weiße Pünktchen bald wieder im Abendschatten verschwand, bestärkte sein Anblick uns doch in der Hoffnung, daß wir uns einem belebteren Teil des Ozeans näherten.

Ich redete Helga zu, sich in dieser Nacht ein wenig Ruhe zu gönnen, doch sie schauderte davor, sich auf dem Floße auszustrecken, durch dessen Fugen der kalte Hauch des nassen Grabes heraufwehte, von dem uns nur ein paar dünne Planken trennten.

Mit ihrer weiblichen Kleidung schien auch weibliches Schwächegefühl und Anlehnungsbedürfnis über sie gekommen zu sein, denn sie beharrte darauf, wach zu bleiben und mit mir zu plaudern. Schließlich willigte ich ein, da auch ich mich vor den langen, einsamen Stunden über der dunklen Tiefe fürchtete.

So saßen wir denn, dicht aneinander geschmiegt, auf Kapitän Nielsens Mantel und erzählten uns gegenseitig unsere Lebensgeschichte, bis gegen Mitternacht das junge Mädchen doch, von Müdigkeit überwältigt, fest einschlief. Wachend saß ich neben ihr und widmete meine Aufmerksamkeit der Beobachtung von Wind und Meer.

Plötzlich erblickte ich in einer Plankenlücke zwei glimmende Pünktchen, die ich anfangs für eine kleine Wasserpfütze hielt, in der ein paar Sterne sich spiegelten.

Bald jedoch wurde mir klar, daß es die Augen jener scheußlichen Ratte seien, die uns, wie eine Verkörperung unseres Unglücks – überall verfolgte. In jäh auflodernder Wut fuhr meine Hand in die Öffnung hinein und schleuderte das ekelhafte Geschöpf über Bord. Ich hörte seinen quiekenden Aufschrei, sah das emporspritzende Wasser, und als sich nach einer Weile die beiden Lichtpünktchen wieder auf das Floß zu bewegten, griff ich nach einem losen Brett und tauchte das schwimmende Tier so lange unter, bis es versank.

So lächerlich es klingen mag, ich fühlte nachher beinahe etwas wie Erleichterung. Tief aufatmend kauerte ich mich wieder neben das noch immer schlummernde Mädchen, und bald wiegten das leise Säuseln des Windes und das träumerische Plätschern der Wellen auch mich in einen leichten Halbschlaf.

Ein heftiger Stoß, dem ein Schrei aus rauher Männerkehle folgte, ließ mich jäh auffahren, ein zweiter Stoß brachte mich rasch genug auf die Beine.

Was zum Teufel ist denn hier los? hörte ich eine grobe Stimme fluchen. Was habt ihr uns hier anzurempeln, he? Gott straf' mich! Das scheint wahrhaftig ein Floß zu sein!

Mein erster Gedanke galt jetzt Helga; doch da stand sie schon an meiner Seite und schaute mit mir an dem Bug des Fahrzeuges empor, das, so klein es auch sein mochte, die niedrige Plattform unseres Floßes noch immer hoch überragte.

Um Gottes Barmherzigkeit willen, rief ich hinauf, nehmt uns auf! Wir sind zwei Schiffbrüchige, ein Mädchen und ein Mann; werft uns ein Tau zu und helft uns an Bord!

Beim Schein einer Handlaterne neigte sich ein bärtiges Männergesicht, hinter dem in unbestimmten Umrissen noch zwei andere auftauchten, über die Reeling.

Aufgepaßt! rief die rauhe Stimme von vorhin.

Ein Tau flog zu uns herunter, das wir sofort ergriffen, um mit vereinten Kräften unser Floß längsseits des fremden Fahrzeuges zu bringen, dessen Segel sich eben senkte. Bei der nächsten Welle, die das Floß emporhob, wurde Helga von den Schiffern an den Händen über die Reeling gezogen und, nachdem ich ihr das Paket mit dem Bilde ihrer Mutter zugereicht hatte, schwang ich mich ebenfalls an Bord.

Ehe ihr das Floß abtreiben laßt, rief ich unseren Rettern zu, möchte ich euch darauf aufmerksam machen, daß es reichlich mit Mundvorrat versehen ist.

Gut, rief der Mann mit der Laterne, den wollen wir auch bald innenbords kriegen. Jack, spring' mal 'rüber und sieh zu, was da zu holen ist!

Flink und gewandt schwang der Angeredete sich über die Reeling und reichte seinen Gefährten mit bewundernswürdiger Fixigkeit alle unsere Vorräte zu.

So, das ist alles, hörte ich ihn sagen, wenn die Herrschaften ihre Wertsachen nicht noch irgendwo versteckt haben?

Nein, nein, rief ich hinüber; Wertsachen haben wir überhaupt nicht mitgeführt, nur Essen und Trinken.

Dann nimm noch alles, was nicht niet- und nagelfest ist und als Brennholz benutzt werden kann, meinte der Mann mit der Laterne, und nach einigen weiteren Minuten schwang Jack sich mit seiner Beute wieder an Bord.

Schiff klar! Focksegel hoch! klang es gleich darauf, und zu meiner unsäglichen Erleichterung fühlte ich ein paar Augenblicke später nach dem ermüdenden Schwanken des Floßes wieder das regelmäßige Wiegen eines ruhig segelnden Schiffes unter meinen Füßen.

Jetzt haben wir das Schlimmste überstanden, Helga! rief ich aus, die eiskalte, zitternde Hand meiner Gefährtin drückend. Dieses brave, kleine Schiff wird uns heimbringen, und Sie werden Kolding doch noch wiedersehen.

Ihre Antwort erstarb in einem undeutlichen Flüstern; Erschöpfung und Aufregung schnürten ihr die Kehle zusammen und schüttelten sie so, daß ich sie stützen und zu einer Bank führen mußte, auf die sie halb ohnmächtig niedersank.

Unterdessen war die kleine, nur aus drei Mann bestehende Besatzung unseres neuen Fahrzeuges mit den Segelmanövern fertig geworden, und während einer von ihnen das Steuerrad bediente, setzten die beiden anderen sich uns gegenüber und blickten uns erwartungsvoll an.

Leute, begann ich mit bewegter Stimme, ihr habt uns aus einer schrecklichen Lage gerettet, dafür danke ich euch von ganzem Herzen in meinem Namen wie im Namen dieser Dame.

Wie lange treiben Sie schon, Herr? fragte der Mann am Steuerrad.

Seit Montag abend.

Schlimme Sache, brummte er kopfschüttelnd; nun, wenigstens hatten Sie seit jenem Abend erträgliches Wetter. Ist jemand an Bord Ihres Floßes gestorben?

Jawohl, gab ich zur Antwort. Ihr sollt sofort unsere Geschichte hören, gebt mir nur erst einen Schluck aus einem der Fäßchen, die ihr vom Floß herübergeschafft habt; der Schreck über den Zusammenstoß mit euren, Schiff ist mir doch etwas in die Glieder gefahren.

Das glaub' ich, brummte einer der beiden anderen, ich weiß auch, was es heißt, dem Tode nur mit knapper Not zu entrinnen! Welches Fäßchen meinen Sie, Herr?

Das ist ganz gleich, erwiderte ich, und nachdem der Becher mit Branntwein die Runde gemacht hatte, begann ich meinen Bericht, dem die drei Männer mit gespannter Aufmerksamkeit lauschten.

Von dem Tintrenaler Rettungsboot haben wir gehört, als wir in Penzance waren, sagte der Mann am Steuer, nachdem ich meine Erzählung beendet hatte, Sie waren also der Führer des Bootes?

Ja. Habt ihr etwas von der Mannschaft gehört? fragte ich erregt. Ist sie ertrunken oder gerettet?

Das kann ich Ihnen leider nicht sagen, Herr, wir hörten nur, daß das Rettungsboot am Rumpf eines dänischen Schiffes zerschellte – kein Wunder übrigens bei dem Wetter damals.

Wie hieß doch der Däne? fragte der mir gegenüber sitzende Seemann, der sich bemühte, seine Kalkpfeife in Brand zu setzen.

Die »Anina«, antwortete ich.

Ach, richtig, die kleine, schwarze Bark, Tommy, die vor zwei Jahren vom Stapel lief, und mit der »Schweinsohr-Hall«, »Pickauf-Adams« und ich solch feine Fahrt hatten.

Ganz recht, warf Helga ein; ich war damals auch an Bord, der Kapitän war mein Vater.

Was Sie sagen! Und jetzt ist er tot, der arme alte Herr?

Wie heißt dieses Schiff? fragte ich dazwischen, um das heikle Gespräch abzuschneiden.

Die »Morgenfrühe«, lautete die Antwort.

Und wohin ist's bestimmt?

Von Deal nach Australien.

Aufs höchste verblüfft, blickte ich mich um. Dieser offene Logger mit dem kleinen Vorderkastell im Bug wollte nach Australien?

Wohin fahrt ihr, fragte ich noch einmal, als habe ich mich verhört.

Nach Sidney in Neu-Süd-Wales.

In diesem offenen Boot?

In diesem offenen Boot, echote der Mann am Steuer, wonach er gelassen über den Stern spuckte und sich dann den Mund mit dem Handrücken abwischte.

Die »Morgenfrühe« ist ein Schiff von achtzehn Tons, und wenn sie nicht im stande sein sollte, drei Mann glücklich nach Australien zu bringen, dann möchte ich wirklich wissen, welch' ander Fahrzeug dieses Kunststück zuwege bringen könnte.

Sagt mal, Leute: sprecht ihr im Ernst? fragte ich, noch immer zweifelnd.

Selbstverständlich, lautete die im Tone unerschütterlichster Seelenruhe gegebene Antwort, warum sollten wir nicht?

Aber was in aller Welt treibt euch in solch 'ner Küsten-Kuff nach Australien?

Wir führen die »Morgenfrühe« im Auftrage eines Herrn dorthin, der sie gekauft hat. Ein Londoner Geschäftsmann hatte das Schiff für eine Schuld übernommen und wollte es verauktionieren, um es nicht am Strande verfaulen zu lassen. Da aber in Deal kein Mensch Geld dazu hatte und die Tage dieser Logger außerdem gezählt sind, so bot keine Seele 'nen roten Heller darauf.

Nein, nein, keine Seele 'nen roten Heller, bestätigte mein Gegenüber.

Endlich hörte ein Freund in Australien von der »Morgenfrühe«, fuhr der Mann am Steuer in seiner Erklärung fort, und machte ein Gebot. Wie hoch es aber war, weiß ich nicht.

So fünfzig Pfund wahrscheinlich, meinte der vorhin mit Tommy Angeredete.

Der Käufer kam nun nach Deal, nahm sein Gefährte den alten Faden wieder auf, und machte bekannt, daß er Leute zur Überführung des Schiffes nach Australien brauche. Er setzte zweihundertfünfzig Pfund dafür aus und überließ es dem Unternehmer, eine beliebige Anzahl von Leuten dafür zu heuern. Ich wollte anfänglich fünf Mann anmustern, doch Abraham meinte, drei wären auch genug, und schließlich einigten wir uns auf drei Mann und einen Jungen. Das macht per Mann fünfundsiebzig Pfund und fünfundzwanzig für den Jungen; da uns der Bengel aber in Penzance krank geworden ist, so fällt sein Anteil uns auch noch zu.

Und für fünfundsiebzig Pfund schlagt ihr euer Leben in die Schanze? rief ich aus.

Abraham nickte. Selbstverständlich! Ist 'ne Masse Geld!

Wie weit mag es wohl bis zur englischen Küste sein? fragte Helga jetzt dazwischen.

Hm, brummte der von seinen Kameraden mit Jakob Angeredete, nach meiner Schätzung sind wir von Kap Landsend ungefähr hundertachtzig Meilen entfernt.

Das ist ja gar nicht weit! rief Helga wie elektrisiert. Könnt ihr uns dort nicht an Land setzen?

Wie, an der englischen Küste, Ma'm? fragte der Seemann bedenklich. Das ist für uns ein großer Umweg, besonders bei so konträrem Wind.

Nun, wenn der Herr uns den Zeitverlust ersetzt – wandte Tommy ein.

Nein, nein, rief Abraham abwehrend, wir wollen aus dem Unglück eines Nebenmenschen nicht Kapital schlagen. Daß wir den beiden das Leben retteten, war Christenpflicht, jetzt müssen wir zusehen, sie dem ersten heimfahrenden Schiff zu übergeben, das unseren Kurs kreuzt. Wir selbst können uns nicht aufhalten, Herr, wandte er sich wieder an mich, denn vor uns liegt ein weiter Weg, und ehe wir die »Morgenfrühe« nicht glücklich drüben abgeliefert haben, sehen wir von unserem Verdienst keinen blanken Pfennig.

Ich überlegte einen Augenblick: sollte ich die Leute nicht doch lieber veranlassen, uns nach England zu bringen, und ihnen eine Belohnung dafür in Aussicht stellen?

Doch nein – das überstieg meine Verhältnisse. Das geringe Einkommen meiner Mutter reichte für unsere bescheidenen Bedürfnisse nur gerade hin, und was sich etwa noch erübrigen ließ, das würde Helga, die jetzt all ihr Hab und Gut verloren hatte, zur Neuausstattung und zur Rückreise nach Kolding brauchen.

Mit Blitzesschnelle durchkreuzten diese Erwägungen mein Gehirn, und als Helga mir zuraunte: Nicht wahr, es würde die Leute doch nicht lange aufhalten, uns nach Penzance zu bringen? teilte ich ihr im Flüstertone meine Bedenken mit.

Da, sehen Sie! rief plötzlich einer der Seeleute, nach Lee hinüber deutend, wo eben die grüne Steuerbordlaterne eines Dampfers aus dem Dunkel auftauchte, schade, daß er nach der verkehrten Richtung fährt – sonst könnte man ihn anrufen. Doch ist's nicht dieser, ist's ein anderer, hier kreuzen die Schiffe ja zu Dutzenden.

So werden wir, will's Gott, in ein paar Stunden glücklich an Bord eines heimwärts steuernden Fahrzeuges sein, Helga! rief ich hoffnungsfreudig aus.

Hoffentlich, Hugh, nickte das junge Mädchen, schon um Ihrer Mutter willen.

Mit warmem Druck ergriff ich ihre Hand und flüsterte: Nur noch ein Weilchen Geduld, dann sind wir daheim.

Das grüne Licht versank wieder im Dunkel, und mit lautem, ungeniertem Gähnen, das ungefähr wie das Brüllen einer Kuh klang, meinte einer unserer Retter:

Jetzt mach' ich aber, daß ich in meine Koje komme; ein zweites Floß wird hier doch hoffentlich nicht herumschwimmen.

Ich wüßte die Dame gern unter Dach, sagte ich.

O, nichts leichter als das, rief Abraham, eine nette kleine Koje im Vorderkastell steht zu ihrer Verfügung.

Doch hastig lehnte Helga unter dem Vorwande, keiner Ruhe mehr zu bedürfen, das Anerbieten ab, denn sie merkte wohl, daß das Zartgefühl unserer Freunde nicht so weit gehen würde, ihr das Vorderkastell zur alleinigen Benutzung zu überlassen. So blieb sie denn bei mir und den beiden anderen Seeleuten, während der dritte in seiner Koje verschwand und uns nach wenigen Minuten durch sägende Schnarchtöne ankündigte, daß er den Schlaf des Gerechten schlummere.

Unser Gespräch drehte sich hauptsächlich um das merkwürdige Unternehmen der drei Teerjacken, in einem Fahrzeug, das kaum etwas anderes war als ein offenes Boot, Australien erreichen zu wollen. Ich erkundigte mich nach dem Proviant.

O, wir haben Rinder- und Schweinepökelfleisch, Schiffszwieback und dergleichen mitgenommen, erklärte Abraham.

Beabsichtigt ihr einen Hafen anzulaufen?

Nur wenn es not tut, Herr.

Wenn es not tut? Nun, ich dächte, sehr weit könnt ihr mit eurem Mundvorrat nicht reichen. Wie lange glaubt ihr denn unterwegs zu sein?

Vier oder fünf Monate, vielleicht auch sechs. Und was den Mangel an Lebensmitteln anbetrifft, so treffen wir Schiffe genug, die uns aushelfen können.

Wer von euch hat das Kommando auf der »Morgenfrühe«?

Zwischen uns dreien ist kein Rangunterschied, Herr.

Einer muß doch aber navigieren.

Das tue ich. Wir haben einen Quadranten an Bord, mit dem ich mittags die Breite bestimme; die Länge festzustellen, überlasse ich der Loggleine.

Und ihr seid fest überzeugt, Sidney zu erreichen, ohne euch viel mit Längenbestimmungen aufzuhalten?

Bombenfest, Herr!

Ich hatte Mühe, ein Spottlächeln über eine derartig naive Zuversicht zu unterdrücken. Auch Helga teilte meine Bedenken, denn verstohlen flüsterte sie mir zu:

Das ist ja barer Wahnsinn, die Leute werden Australien nie erreichen. Was wollen sie ohne Längenbestimmung anfangen?

Was so viele Seeleute früherer Zeiten angefangen haben, die mit den denkbar unvollkommensten nautischen Hilfsmitteln und auf Fahrzeugen, gegen welche dieser Logger noch ein stattliches Schiff ist, dennoch wichtige Entdeckungsreisen machten, antwortete ich leise.

Ein fahler Lichtstreifen im Osten verkündete das Herannahen der Morgendämmerung, die See nahm eine graugrüne Färbung an und hob sich scharf vom Horizont ab. Ich war auf eine der Querbänke gestiegen, um Ausguck zu halten; neben mir stand Helga, und wie vor kurzem auf dem Floß, so spähten wir auch jetzt gemeinsam über die wogende Wasserfläche, die sich jedoch nach jeder Richtung hin öde und leer vor unseren Blicken dehnte.

Nichts zu sehen, Herr? fragte Abraham unten.

Nichts! erwiderte ich, von meinem Beobachtungsposten herabsteigend.

Nun, wir haben ja noch den ganzen Tag vor uns, meinte Jakob tröstend.

Ich benutzte nun das zunehmende Tageslicht, um mir meine Gefährten etwas näher anzusehen. Auf Helgas Gesicht hatten die furchtbaren Erlebnisse der letzten Stunden auffallende Spuren zurückgelassen. Ihre Lider waren rot und geschwollen, und ihre verweinten Augen lagen in dunklen Ringen. Dennoch flog ein freundliches Lächeln wie ein flüchtiger Sonnenstrahl über ihr blasses Gesichtchen, als unsere Blicke sich trafen.

Der von seinen Kameraden mit Abraham angeredete Seemann war das Muster eines englischen Küstenschiffers. Er hatte einen Anzug von dickem, festem Seemannstuch, und ein großer, breitkrempiger Hut, wie ihn die Theaterbanditen tragen, beschattete ein kühngeschnittenes Gesicht mit scharfen grauen Augen, langen und dicken Ohren, in deren Läppchen kleine Ringe glänzten, und einem roten, struppigen Kinnbarte.

Auch Jakob konnte in seiner ganzen Erscheinung als Verkörperung eines echten Dealer Bootsmanns gelten. Aus seinem breiten, sommersprossigen Gesicht blinzelte ein Paar vergnügter, aber ziemlich trüber Äuglein, denen man unschwer ansah, daß ihr Besitzer die Schanklokale seines Heimatstädtchens nicht gerade floh. Der Ausdruck behaglicher Heiterkeit, den sein ganzes Wesen atmete, wurde noch verstärkt durch die blendend weißen Zähne, die seinen Gesichtszügen ein immer lächelndes Aussehen verliehen. Sein Anzug bestand aus starken, in hohen Stiefeln steckenden Friesbeinkleidern, einer gelben Öljacke und einer Pelzkappe, die jetzt so tief über den Kopf gezogen war, daß nur die abstehenden Ohren daraus hervorguckten.

Da der Dritte im Bunde, Thomas oder Tommy, noch nicht wieder auf der Bildfläche erschienen war, so sah ich mich unterdessen ein wenig auf unserem Fahrzeug um.

Ich konnte den Stolz seiner Führer jetzt wohl begreifen, denn die »Morgenfrühe« war in der Tat das Ideal eines Küstenloggers und für die kurzen, unregelmäßigen Roller unserer Binnengewässer wie geschaffen. In diesem Boot jedoch eine Reise nach Australien anzutreten – darüber mußte ich doch immer wieder den Kopf schütteln. Wie ein Alp legte sich mir die Vorstellung auf die Brust, wie es uns wohl bei schwerem Wetter ergehen würde. Wenn ich jedoch an die entsetzlichen Stunden auf dem Floß zurückdachte und meine tapfere Gefährtin ansah, schämte ich mich meiner unmännlichen Verzagtheit.

Die Dame sieht jämmerlich elend aus, sagte Abraham, der Helga schon eine Zeitlang nachdenklich betrachtet hatte. Hoffentlich geht's jetzt wieder bergauf mit Ihnen, Fräulein.

Wir haben eine schwere Zeit hinter uns, sagte das junge Mädchen schlicht.

Ja, rief ich aus, und kein anderes weibliches Wesen hätte jene furchtbaren Tage so gut überstanden wie Sie. Aber diese Dame beschämt an Geistesgegenwart, seemännischen Kenntnissen und Mut den befahrensten Seemann in ganz England.

Jakob, auf dessen Gesicht bei meinen Worten sich Überraschung und Erstaunen malten, schlug sich plötzlich so heftig auf das Bein, daß es wie ein Pistolenschuß knallte.

Holla, rief er, jetzt weiß ich's ganz gewiß! Waren Sie nicht mal ein Junge, Ma'am?

Was schwatzt du da für dummes Zeug! unterbrach Abraham ihn.

Ich mein' man bloß, ob Sie nicht mal Jungenskleider trugen? verbesserte Jakob sich.

Allerdings, bestätigte ich, was soll's damit?

Wieder sauste Jakobs Rechte laut klatschend auf seinen Oberschenkel. Dann ist »Schweinsohr-Hall« mir 'ne Achtel Tonn' Bier schuldig! rief er triumphierend. Als wir damals auf dem Dänen waren, sah ich dort einen Burschen an Bord, von dem ich mir sofort sagte: »Der ist ebensowenig ein Junge wie Pfarrers Mina.« Ich sagt' es auch »Schweinsohr-Hall«, doch meinte der, ich hätte wohl die Nas' zu tief ins Glas gesteckt. Da wettete ich mit ihm auf ein Achtel, aber wir fanden keine Gelegenheit, uns zu überzeugen, wer recht hätte, und vergaßen auch nachher davon. Jetzt kommt's 'raus, daß ich gewonnen habe. Abraham, du bist Zeuge, damit »Schweinsohr« mir's nicht abstreitet.

Helga war während dieser Auseinandersetzung dunkelrot geworden, und um ihr über den peinlichen Eindruck hinwegzuhelfen, fragte ich:

Was sind das eigentlich für merkwürdige Namen, die ihr da fortwährend im Munde führt?

O, wir haben zu Hause alle unsere Spitznamen, erklärte Abraham: da ist außer »Schweinsohr-Hall« noch »Papierkragen-Joe«, der immer so'n Lappen um den Hals trägt, und »Pickauf-Adams«, der seine spitze Nase wie'n Spieß in die Luft bohrt. Wir hier an Bord der »Morgenfrühe« nennen uns allerdings bei unseren Taufnamen.

Wie heißt Ihr denn?

Abraham Wise.

Und Eure Gefährten?

Jakob Minikin und Tommy Budd. Jakob, wandte er sich an seinen Kameraden, wenn das Fräulein heute nacht noch bei uns ist, müssen wir aus dem Vorderkastell ausziehen. Wir Männer können dort unser Lager aufschlagen; damit wies er auf den geräumigen, von dem vorspringenden Dach des Vorderkastells überwölbten Raum. Die Dame aber muß Ruhe haben; sie sieht gerade so aus, als ob sie vierundzwanzig Stunden lang schlafen müßte.

Mittlerweile kam auch der letzte der drei Teerjacken zum Vorschein, rieb sich die Augen, streifte Helga und mich mit gleichgültigem Blick, als ob wir an Bord der »Morgenfrühe« längst bekannte Erscheinungen wären, und nickte nach einem langen Rundblick über die See seinen Kameraden phlegmatisch zu.

Nette Mütze voll Wind heute morgen, wie?

Thomas Budd mochte ungefähr fünfundvierzig Jahre zählen. Mit den eingekniffenen Lippen und den tiefliegenden, entzündeten Augen, über denen sich buschige, graue Brauen wölbten, machte er einen verschlossenen Eindruck. Wie Jakob, trug auch er eine Pelzmütze, dazu aber einen langen Rock, wie man ihn sonst nur bei Geistlichen antrifft. Unter den tief herabreichenden Schößen dieses – für einen Seemann recht merkwürdigen – Kleidungsstückes kamen weite, dunkle Friesbeinkleider und ein Paar plumpe, derbe Schuhe zum Vorschein.

Wie steht's mit dem Frühstück? fragte er. Ist's nicht Zeit, Feuer zu machen?

Gewiß, gewiß, bestätigte Abraham. Ich glaube, wir haben alle nichts dagegen, etwas Warmes in den Leib zu bekommen.

Nun machte der sauertöpfische Tommy sich sofort daran, ein Scheit Holz zu spalten und auf dem mittschiffs durch Ketten am Schiffsboden befestigten Herd ein Feuer anzuzünden.

Es sind ein paar schöne Schinken unter unseren Vorräten, sagte ich; auch das Büchsenfleisch ist nicht übel. Erlaubt ihr, daß ich mir unterdessen mal euer Vorderkastell von innen ansehe?

Selbstverständlich, antwortete Abraham, und in Helgas Gesellschaft kroch ich durch die Luke in den halbdunklen, niedrigen Innenraum, in dem wir kaum aufrecht stehen konnten. An den Seiten befanden sich vier Schlafkojen, die außerdem auch als Sitzbank und Kleiderkasten benutzt werden konnten, aber keine Matratzen, sondern nur einen Haufen Decken enthielten.

Eine wahre Staatskabine! sagte ich lachend.

Immerhin besser als unser Floß, versetzte Helga.

Allerdings, erwiderte ich; doch werden Sie sich wohl kaum hierher zurücksehnen, wenn wir erst glücklich auf einem anderen Schiffe sind. In solch einer Koje könnten Sie doch kein Auge zutun.

O doch, entgegnete sie freundlich, aber hoffentlich kommt es nicht dazu, und wir befinden uns vor Einbruch der Nacht schon auf dem Heimwege – das heißt, nach Ihrem Heim, setzte sie seufzend hinzu.

Das auch das Ihrige ist, solange es Ihnen gefällt, erwiderte ich herzlich.

Doch nun wollen wir einmal sehen, wo unsere Freunde ihre Toilettenutensilien verstaut haben. Viel wird sich davon wohl nicht auftreiben lassen, ihr Waschbecken ist ohne Zweifel der Ozean. Bleiben Sie nur hier, Helga, ich will sehen, was ich Ihnen verschaffen kann.

Habt Ihr vielleicht ein Stück Segelleinwand zum Handtuch übrig? wandte ich mich draußen an Abraham.

Segelleinwand? rief dieser entrüstet. Wir haben richtige Handtücher. Wünschen Sie vielleicht auch Seife?

Wie? fragte ich ungläubig, Seife habt Ihr auch?

Herr, wofür halten Sie uns eigentlich? lautete die gekränkte Antwort, wie soll man sich denn ohne Seife rasieren?

Ich fand vor Verblüffung keine Worte, als Abraham mir außer Handtuch und Seife noch einen kleinen Spiegel und einen zusammenklappbaren Metallkamm einhändigte und außerdem noch ein Rasiermesser anbot. Für letzteres hatte ich – da ich einen Vollbart trug – allerdings keine Verwendung und kehrte nun, mit reicher Beute beladen, zu Helga zurück.

Hier haben Sie alles, was Sie sich nur wünschen können, rief ich. Unsere Retter sind vollkommene Gigerl; sie rasieren sich sogar.

Damit ließ ich sie allein und kehrte zu den Seeleuten zurück, von denen Jakob und Tommy sich emsig der Zubereitung des Frühstücks widmeten, während Abraham das Steuer bediente.

Sie haben uns noch gar nicht gesagt, wie Sie eigentlich heißen, Herr, wandte er sich an mich.

Hugh Tregarthen, sagte ich.

Danke sehr. Und das Fräulein?

Helga Nielsen.

Ein Prachtmädel! nickte Abraham wohlgefällig. Es freut mich von Herzen, daß wir Ihnen Hilfe leisten konnten, Mr. Tregarthen, denn lange hätten Sie sich auf dem Floß nicht halten können; der Wind frischt tüchtig auf.

Und gedreht scheint er sich auch zu haben, sagte ich nach einem Blick auf den kleinen Kompaß.

Ja, er ist nach Norden umgesprungen, bestätigte Abraham; und das beruhigt mich ein wenig über meine Weigerung, Sie beide an Land zu setzen. Wenn Sie jetzt einen heimfahrenden Dampfer treffen, so kommen Sie schneller nach Hause, als wenn wir erst, weiß Gott wie lange, vor der englischen Küste gegen den Wind kreuzen müßten.

Wir verdanken euch unser Leben, sagte ich herzlich, und haben kein Recht, euch Vorschriften oder gar Vorwürfe darüber zu machen, daß ihr uns nicht auch noch eure Zeit opfern wollt.

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