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Das Malaienschiff

William Russell: Das Malaienschiff - Kapitel 5
Quellenangabe
authorClark Russell
titleDas Malaienschiff
publisherVerlag von Robert Lut
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorAlfred Peuker
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170403
projectid21934c39
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Helga Nielsen.

Mit Windeseile durchpflügte die »Anina« in regelmäßigem Heben und Senken die schäumenden Fluten, und nach den wilden, krampfhaften Zuckungen, in denen der Schiffskörper sich gebäumt hatte, als er in der Nähe der »Zwillinge« vor Anker lag, erschienen uns jetzt die gleichmäßigen Bewegungen unter unseren Füßen wie eine Erlösung. Auch hatten wir, da der Sturm uns vor sich her trieb, nicht seine volle Wucht auszuhalten, obwohl das Pfeifen und Heulen oben im Takelwerk und das hohle Brüllen der See deutlich genug von seiner unverminderten Stärke zeugten.

Sind wir jetzt schon über den gefährlichen Punkt hinaus, von dem Sie vorhin sprachen? fragte mein Gefährte nach einer Weile.

Ja! Als die Ankertaue rissen, waren wir in gefährlichster Nähe der »Sturmspitze«. Jetzt aber, bei den acht oder neun Knoten Fahrt, die das Schiff macht, liegt sie mindestens schon eine Meile hinter uns.

Der junge Mann seufzte.

Was soll nur aus uns werden! rief er. Auf meinen kranken Vater ist nicht zu rechnen, und wie sollen wir beide dieses große Schiff regieren!

Nacht und Sturm dauern nicht ewig, tröstete ich. Morgen schon kann das Wetter sich ändern und ein vorübergehendes Schiff uns Hilfe bringen. Ist die Bark seetüchtig?

Ja, erwiderte er; die »Anina« ist erst drei Jahre alt und sehr stark gebaut; sie gehört meinem Vater. Wie gerne möchte ich jetzt zu ihm gehen! fügte er hinzu. Er wird vor Ungeduld brennen, zu erfahren, was sich zugetragen hat. Und dann hätte er schon längst seine Medizin und sein Abendbrot haben müssen.

Ich sah den Jungen erstaunt an. Er hatte fast mädchenhaft weich gesprochen und sein Ton paßte wenig zu der Entschlossenheit, die er in diesen Stunden bewiesen hatte. Allein die matt leuchtende Kompaßscheibe ließ mich kaum die schmächtige Gestalt, geschweige denn die Gesichtszüge meines Gegenübers erkennen.

Gehen Sie nur ruhig zu Ihrem Vater, sagte ich. Mit dem Steuerrad werde ich auch allein fertig werden.

Er ließ die Speichen los und trat einen Augenblick prüfend beiseite, wie um sich zu überzeugen, ob ich das Rad auch wirklich allein handhaben könne; dann war er mit zwei raschen Schritten im Dunkel verschwunden. Ich schaute ihm nach und wunderte mich über seine helle, wohlklingende Stimme und die reine Aussprache des Englischen, das kaum durch einige härtere oder schärfere Akzente an den Ausländer gemahnte.

Bald aber kehrten meine Gedanken zu meiner eigenen trostlosen Lage zurück, die mir jetzt immer schwerer aufs Herz fiel. Durch das Heulen des Sturmes glaubte ich wieder den Todesschrei meiner unglücklichen Kameraden zu hören; in dem schäumenden Gischt den zerschmetterten Kiel der »Jeanet« auftauchen zu sehen. Ich mußte die Zähne zusammenbeißen, wenn ich an die vielen Opfer dieser entsetzlichen Sturmnacht und an den Jammer meiner armen Mutter dachte. Das Bild unseres traulichen Wohnzimmers stieg vor meinem geistigen Auge auf; ich sah meine Mutter neben dem Kamin sitzen und bei jedem Windstoß ängstlich zusammenfahren und aufhorchen. Mit aller Gewalt suchte ich mir einzureden, vielleicht könnte doch jemand von der »Jeanet« gerettet sein und ihr den Trost bringen, daß ich das Schicksal meiner Kameraden nicht geteilt hätte!

Nach zehn Minuten tauchte die Gestalt meines jungen Gefährten wieder neben dem Steuerrade auf und entriß mich meinen traurigen Grübeleien.

Mein Vater ist mit allem einverstanden, was wir bis jetzt getan haben, sagte er. Wir müssen versuchen – so meint mein Vater – die offene See zu gewinnen, und erst wenn die Küste nicht mehr in Sicht ist, dürfen wir beidrehen.

Ich wünschte, der Kapitän könnte an Deck kommen und das Kommando übernehmen, seufzte ich. Ist er denn sehr krank?

Gleich hinter Cuxhaven bekam er einen heftigen Anfall von Gelenkrheumatismus, so daß er weder gehen noch stehen – ja, sich nicht einmal rühren kann.

Warum hat er sich denn nicht an Land und in ärztliche Behandlung begeben?

Er hoffte, daß es bald besser werden würde, und wollte bis Swansea warten, wo wir anlaufen mußten, ehe wir nach Porto Allegro weiter segelten. Falls er bis dahin nicht gesund geworden wäre, wollte er einen anderen Kapitän für die »Anina« engagieren und mit mir in Swansea bleiben.

Wer führte denn die Bark, als sie in die Bucht einlief?

Der Zimmermann, der zugleich zweiter Steuermann war.

Wie konnte der Kapitän nur gestatten, in unsere bei solchem Wetter so gefährliche Bucht einzulaufen?

Was blieb ihm denn anderes übrig? Er war von dem Zimmermann Damm völlig abhängig. Die Leute weigerten sich, auf offener See zu bleiben, und bestanden darauf, noch vor Ausbruch des Sturmes einen Schutzhafen aufzusuchen; daher lief der Zimmermann den nächstbesten Hafen an, der in Sicht kam. Wir hatten eine unzuverlässige Mannschaft, die schon von Cuxhaven an fortwährend murrte und unzufrieden war.

Die paar armen Teufel, die aus dem Takelwerk in das Rettungsboot sprangen, können aber doch unmöglich die ganze Mannschaft der »Anina« gewesen sein?

Nein. Der Zimmermann und fünf Matrosen machten sich in einem Boot davon, sobald sie merkten, daß die Bark vor ihren Ankern trieb.

Haben sie die Küste erreicht?

Das weiß ich nicht. Die elenden Feiglinge! knirschte der junge Mensch mit geballten Fäusten. Es waren eben keine Dänen – nie hätte ein Däne sich so gemein benommen.

Sind Sie Däne?

Mein Vater ist einer. Ich selbst bin eigentlich mehr in England als in Dänemark zu Hause, da meine Mutter eine Engländerin war.

Etwas Ähnliches habe ich mir schon gedacht, antwortete ich. Sind Sie auch Seemann, wie Ihr Vater?

Seemann? Aber nein! Ich bin doch ein Mädchen!

Ein Mädchen! rief ich verblüfft.

Das also war des Rätsels Lösung! Daher die schmächtige, feingliedrige Gestalt und die helle Stimme!

Lächelnd erklärte sie:

An Bord pflege ich immer Knabenkleider zu tragen. Aber deshalb sehe ich doch nicht wie ein Mann aus!

Eine mächtige Sturzsee, die sich über das Deck der »Anina« ergoß, unterbrach unser Gespräch. Wir mußten bereits ein ganzes Stück in die offene See hinausgetrieben sein, und das Schiff war nun hier – ähnlich wie vorhin in der Bucht – der Spielball einer gewaltigen Kreuzsee, denn bisher hatte der so plötzlich umspringende Wind die entgegengesetzte Bewegung der gewaltigen Ozeanwellen noch nicht ganz zu überwältigen vermocht, und die empörten Wogen bäumten sich gegeneinander auf wie kämpfende Riesen. Da wir nicht mehr Gefahr liefen, an den Felsen zu scheitern, wäre es für uns am besten gewesen, beizudrehen. Doch durften wir mit unseren geringen Hilfsmitteln dieses gefährliche Experiment nicht wagen, da eine einzige Sturzsee die Bark dabei zum Kentern bringen oder uns und alles, was an Deck stand und lag, über Bord schwemmen konnte. Wir mühten uns nur, das pfeilschnell dahinschießende Fahrzeug recht vor der See zu halten. Lange Zeit wurde kein Wort zwischen uns gewechselt, erst als ich nach einer Weile beim matten Schimmer des Kompaßlichtes auf meine Uhr zu sehen versuchte, fragte sie mich, wie spät es sei.

Gerade ein Uhr!

Also schon Mitternacht vorbei!

Gehen Sie doch in die Kajüte und legen Sie sich ein Weilchen nieder! Mit dem Steuerrade werde ich allein fertig.

Doch sie schüttelte den Kopf. Ich könnte jetzt nicht schlafen, erwiderte sie. Aber wenn Sie mich hier oben eine Zeitlang entbehren können, möchte ich nach meinem Vater sehen und uns etwas zur Stärkung besorgen.

So blieb ich von neuem allein am Steuerrade zurück, die Augen unverwandt auf die Kompaßscheibe geheftet. Zu meinem Erstaunen bemerkte ich dort eine geringe Kursabweichung nach Südwesten, woraus ich schloß, daß der Wind sich etwas nach Norden gedreht haben müsse. Plötzlich fühlte ich, wie das Heck des Schiffes kerzengerade in die Höhe stieg, als ob eine ungeheure Welle es emporhöbe. Die Speichen des Steuerrades entglitten meiner Hand und drehten sich in tollem Wirbel. Ich selbst aber wurde seitwärts gegen das Bollwerk geschleudert, wo ich zu Boden stürzte und besinnungslos liegen blieb.

Die über mich hinweggehenden eiskalten Sturzwellen riefen mich wieder ins Bewußtsein zurück. Verstört von der Wucht des Sturzes, richtete ich mich auf und blickte umher. Am Steuerrade sah ich in verschwommenen Umrissen die Gestalt des Mädchens stehen, und schwerfällig kroch ich auf Händen und Füßen zu ihr hin.

Sie stieß einen Freudenschrei aus.

Gott sei Dank, daß Sie da sind! Ich fürchtete schon, Sie seien über Bord gespült worden! Sind Sie verletzt?

Nein, antwortete ich. Aber was ist mit dem Schiff geschehen?

Was Sie so sehnlich gewünscht haben: Es ist von selbst beigedreht.

Und so war es in der Tat. Die Bark hatte sich selbst an den Wind gebracht und hob und senkte sich nun elastisch auf den noch immer schwer rollenden Wogen.

Wollen Sie mir jetzt das Steuerrad festmachen helfen? rief das Mädchen. Weiter braucht die »Anina« augenblicklich nichts, um sich gegen den Sturm zu behaupten.

Wird sie sich ohne Focksegel im Gleichgewicht halten können? wandte ich ein.

Das vorher gehißte Segel hat der Wind längst in Fetzen gerissen! Also brauchen wir auch hier hinten keine Leinwand.

Haben Sie schon mit Ihrem Vater gesprochen?

Ja. Er wünscht noch immer, daß wir uns von der Küste möglichst entfernt halten. Vor allen Dingen aber möchte er wissen, wieviel Wasser die »Anina« gezogen hat. Denn das ist natürlich sehr wichtig. Sie müssen mir aber beim Peilen helfen; allein kann ich es nicht bei diesem Wetter.

Wie ein Seemann sprach das junge Mädchen ... da packte mich die Bewunderung.

Man kann es kaum glauben, daß Sie ein Weib sind! rief ich. Ihr Mut und Ihre Geistesgegenwart könnten so manchen Mann beschämen, Fräulein – Fräulein – –

Helga Nielsen, ergänzte sie und lachte ein wenig. Mein Vater heißt Kapitän Peter Nielsen. Und Sie?

Hugh Tregarthen.

Sie sind unter traurigen Verhältnissen zu uns an Bord gekommen, Mr. Tregarthen. Mögen Sie bald Ihre Lieben wiedersehen und möge Ihnen das Leben vergelten, was Sie an uns getan haben und tun ... Ihre Stimme zitterte ein wenig. Dann änderte sich ihr Ton, als wolle sie den Gedanken an unsere fürchterliche Lage abschütteln: Jetzt müssen Sie aber mit in die Kajüte kommen; ich habe unten ein paar Erfrischungen zurechtgestellt. Nach den Aufregungen und Anstrengungen der letzten Stunden werden Sie einer Stärkung bedürfen.

Zuerst wollen wir aber peilen!

Ich mußte über den Klang hausmütterlicher Besorgnis, der in ihren Worten lag, unwillkürlich lächeln. Wir gingen nach dem anderen Ende des Schiffes, wo sie im Mannschaftslogis verschwand, um gleich darauf mit einem Senkblei und einer brennenden Laterne zurückzukehren.

Unsere Messungen ergaben einen ziemlich hohen Wasserstand im Schiffsraum; doch sahen wir darin keinen Grund zur Beunruhigung, da ein großer Teil des eingedrungenen Wassers wahrscheinlich durch die Sturzseen von oben hineingeschlagen war. Das junge Mädchen führte mich jetzt in das Deckhaus, einen dreifenstrigen Raum, der von einer unruhig hin- und herpendelnden Hängelampe hell erleuchtet wurde. Ich sah mich nur flüchtig um und – benutzte die ersehnte Helligkeit zu einem langen Blick in das Gesicht des Mädchens ...

Mit einer raschen Bewegung warf Helga Nielsen die durchnäßte Tuchmütze auf den Tisch und wandte sich mir zu. So standen wir uns Auge in Auge gegenüber. Auch sie war natürlich neugierig, das Äußere ihres unfreiwilligen Leidensgenossen kennen zu lernen. Jetzt, in der hellen Beleuchtung, wunderte ich mich, wie ich die Tochter des Kapitäns auch nur einen Augenblick lang für einen Knaben hatte halten können. Zwar trug sie ihr dichtes blondes Haar nach Knabenart kurz geschnitten, doch die großen dunkelblauen Augen, die weiche Rundung der Wangen, der kleine schwellende Mund – das alles war sehr weiblich! Und sehr schön! Sehr blaß sah sie aus, aber das war ja kein Wunder!

Ich werde Sie gleich zu meinem Vater führen, sagte sie; zuerst aber müssen Sie etwas genießen.

Gehorsam setzte ich mich auf einen Kasten und sah sie heimlich bewundernd an, während sie aus einem Deckelschrank eine Büchse Schiffszwieback und eine Flasche holländischen Genever nahm und auf den Tisch stellte.

Brot kann ich Ihnen nicht anbieten, sagte sie. Das letzte ist gestern aufgegessen worden. Aber etwas zu trinken will ich Ihnen zurecht machen.

Sie holte aus einem an der Wand hängenden Gestell ein Glas, füllte es mit Wasser, das sie einem am Mittelpfeiler befestigten Filtrierapparate entnahm, und goß einen tüchtigen Schuß Genever hinein.

Zuerst Sie, bat ich, als sie mir das Glas reichte. Zwar schüttelte sie abwehrend den Kopf, doch ich bat so lange, bis sie ein paar Schluck von dem Stärkungsmittel trank: dann leerte ich das Glas vollends und bald darauf noch ein zweites. Obwohl ich infolge der großen Erschöpfung, die sich jetzt erst so recht fühlbar machte, nicht den geringsten Appetit verspürte, zwang ich mich doch, eine Kleinigkeit zu essen. Auch das junge Mädchen langte zu, und so saßen wir uns eine Weile gegenüber, einander verstohlen anguckend.

Nach dem stundenlangen Aufenthalt an Deck, wo uns die Sturzseen bis auf die Haut durchnäßt und der Orkan mit nadelscharfen Hagelkörnern gepeitscht hatte, war diese Ruhepause im windgeschützten Deckshaus eine köstliche Erquickung. Gedämpft nur klang das Heulen des Sturmes und das Brausen der Wogen zu uns herein, und hätten wir nicht die krampfhaften Schwankungen des Schiffskörpers gespürt und den wilden Tanz der Hängelampe am Deckbalken vor Augen gehabt – wir hätten uns auf festem Lande glauben können, so friedlich und still war es hier drinnen.

Ich denke, die »Anina« wird sich halten, sagte Helga Nielsen nach einer Pause.

Glaub' ich auch, nickte ich; aber ich gäbe was darum, wenn wir jetzt ein paar von den Leuten zur Stelle hätten, die da vorhin in das Rettungsboot sprangen. Ich fürchte, wir beide schaffen's nicht – ja, wenn Sie ein Mann wären ...

Das junge Mädchen lachte.

So viel Kraft wie ein Mann hab' ich freilich nicht, aber tüchtig arbeiten kann ich doch. Wollen wir jetzt nicht zu meinem Vater gehen?

Ich folgte ihr durch eine kleine Tür in einen Innenraum des Deckhauses, der sonst wohl als Kartenzimmer dienen mochte, und den der Kapitän jetzt bewohnte. Wahrscheinlich hatte er der Mannschaft und dem Deck so nahe als möglich sein wollen.

Er saß, von Kissen und Polstern gestützt, fast aufrecht in einem schmalen Bett, neben dem ein Tisch mit Büchern, Karten und nautischen Instrumenten stand. Eine auf der Tischplatte festgeschraubte Lampe erfüllte den kleinen Raum mit hellem Licht.

Kapitän Nielsen war eine auffallende Erscheinung. Langes, kohlschwarzes Haar, das ihm bis auf die Schultern hing; ein schwarzer Kinn- und Schnurrbart, der die geisterhafte Blässe seines Gesichtes nur noch schärfer hervortreten ließ; buschige Brauen, unter denen dunkle tiefliegende Augen mich durchdringend anblickten. Er sah aus, als ob er sehr krank wäre.

Vater, sagte Helga Nielsen, dies ist Mr. Tregarthen, der Mann, der das Rettungsboot führte und sein Leben aufs Spiel setzte, um das unsrige zu retten.

Mühsam streckte der Kapitän mir seine abgezehrte eiskalte Rechte entgegen, die ich schweigend ergriff. So verharrten wir einen Augenblick Hand in Hand und Auge in Auge. Dann lehnte der Kranke sich zurück.

Gott segne Sie, sagte er mit schwacher Stimme. Er segne Sie um meiner Helga und aller derer willen, die Sie retten wollten!

Einen Augenblick lang schwiegen wir. Alle drei dachten wir wohl an die armen Menschen in ihrem nassen Grab und – an uns selbst und unsere fast hilflose Lage.

Wie geht es Ihnen, Herr Kapitän? fragte ich, um nur etwas zu sagen. Haben Sie Schmerzen?

Beim Stilliegen nicht, erwiderte Nielsen in fliehendem Englisch, aber mit starkem nordischen Akzent. Wenn ich mich jedoch bewege, peinigen mich die Schmerzen, und stehen kann ich gar nicht mehr. Meine Beine sind wie gelähmt. Aber – wie steht es mit der »Anina«? Helga, habt ihr gepeilt?

Ja, Vater.

Wieviel Wasser habt ihr gefunden?

Als wir ihm die Zahl nannten, stieß er einen Ruf des Schreckens aus.

Das Schiff müßte unverzüglich ausgepumpt werden! Aber wer soll das machen?

Wir beide! rief Helga, auf sich und mich deutend. Wir wollen nur ein wenig Atem schöpfen, dann geht's wieder an die Arbeit.

Helga sah nach der Uhr und goß ihrem Vater mit großer Sorgfalt seine Medizin ein, die er hastig und achtlos herunterschluckte. Er dachte nur an den Zustand seines Schiffes. Nach jeder Einzelheit fragte er uns aus und schimpfte erbittert über seine Mannschaft, besonders über den Zimmermann Damm, bei dessen Erwähnung er in ohnmächtigem Grimm die Faust ballte. Aus seinen Äußerungen entnahm ich, daß die »Anina« sein Eigentum und von ihm für diese Reise ausgerüstet worden sei, ja, daß er auch an der Ladung einen nicht unerheblichen Part habe.

Wir werden alles daran setzen, Ihnen das Schiff zu retten, sagte ich.

Dann schien ihm etwas einzufallen: Sie wundern sich vielleicht, daß Helga in Männerkleidern – –

Durchaus nicht, versicherte ich hastig. Für das Leben an Bord ist solch ein Anzug bequemer und zweckmäßiger als weibliche Kleidung. Aber Matrosenarbeit darf Ihre Tochter nicht leisten. Würden Sie es zugegeben haben, daß sie bei solch einem Sturm auf das Bugspriet hinausklettert, um das Notsegel zu lösen?

Er nickte gleichmütig.

Das ist noch gar nichts –! Helga begleitet mich seit sechs Jahren auf meinen Reisen und ist ein halber Seemann geworden in dieser Zeit. Nichts macht ihr mehr Freude als Matrosenkleidung zu tragen und Seemannsarbeit zu tun. Sie ist mein einziges Kind, Herr, und seit ich meine Frau verloren habe, mein ein und alles. So nahm ich sie immer mit – ich kann mich nicht von ihr trennen.

Und voll tiefer Bewegung streckte er seiner Tochter die Hand hin, die Helga zärtlich nahm und küßte.

Wir müssen an die Pumpen! sagte sie dann zu mir.

Ich bin bereit, antwortete ich, mich erhebend, doch möchte ich es erst einmal allein versuchen. Es ist für mich ein schrecklicher Gedanke, Sie auf dem dunklen, schlüpfrigen Deck zu wissen.

Helga wird es sich nicht nehmen lassen, Sie auch gegen Ihren Wunsch zu begleiten, sagte Kapitän Nielsen.

Helga hatte mittlerweile die Tür zum Nebenraum geöffnet und eine Handlaterne angezündet, dann griff sie nach Peilstock und Mütze und winkte mir, ihr zu folgen. Wiederum fiel mir die außerordentliche Gewandtheit und Anmut ihrer Bewegungen auf. Ich fühlte mich auf See zwar zu Hause wie auf festem Lande, doch durfte ich bei dem gewaltigen Schlingern und Schwanken des Schiffs keinen Augenblick wagen, den Halt loszulassen, an den ich mich klammerte. Das junge Mädchen aber schien, abgesehen von einem gelegentlichen Griff nach rechts oder links, gar keiner Stütze zu bedürfen und schritt auf den abschüssigen Planken mit einer Sicherheit dahin, über die ich immer wieder staunen mußte.

Heulend empfing uns der Sturm und peitschte uns einen Schauer von Hagelschloßen ins Gesicht, als wir das Deck betraten. Helga befestigte die Laterne so, daß ihr Licht auf den Pumpenschwengel fiel, und machte sich dann unverzüglich ans Werk. Rasch griff auch ich zu, und so arbeiteten wir längere Zeit, ohne ein Wort zu wechseln. Zischend schoß das Wasser aus dem Pumpenrohr und schäumte um unsere Füße, doch fanden wir nach mehrmaligem Peilen zu unserer Genugtuung, daß der Wasserstand im Schiffsraum um mehrere Zoll gesunken war.

Genug für heute! rief Helga, tief aufatmend, und vorsichtig tappte ich hinter ihr über das nasse Deck in die Kajüte zurück. Dort überfiel mich plötzlich eine derartige Schwäche, daß sich alles um mich her zu drehen begann. Halb ohnmächtig fiel ich auf die Bank und ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken. Als ich wieder zu mir kam, stand Helga mit einem Glas Wein neben mir und hielt mir das stärkende Getränk an die Lippen.

Es war zuviel für Sie, sagte sie. Ich hätte nicht zugeben dürfen, daß Sie sich so überanstrengten.

Ich stürzte den Wein hinunter und fühlte mich sofort wieder ein wenig wohler, so daß ich Helga zu ihrem Vater begleiten konnte. Allerdings zitterten mir noch immer die Knie, und das Gefühl des Schwindels wollte bei den heftigen Schiffsbewegungen so schnell nicht weichen.

Gespannt blickte Kapitän Nielsen uns entgegen, aber Helga schob mich zuerst zum Hocker hin, ehe sie sich ihrem Vater zuwandte.

Mr. Tregarthen hat sich zuviel zugemutet, Vater!

Der Kapitän sagte einige herzliche Worte des Bedauerns, die ich beschämt hinnahm, denn es war mir sehr peinlich, in Gegenwart des jungen Mädchens, das sich so stark gezeigt hatte, so schwach sein zu müssen. Dann teilte Helga ihrem Vater den Erfolg unserer Arbeit mit, was den Kranken sichtlich erfreute.

Sobald es dämmert, mußt du eine Notflagge an der Besansgaffel hissen, Helga, sagte er, und sollte diese gelitten haben, so muß sie am Besanswant befestigt werden.

Das soll geschehen, Vater. Aber jetzt, Mr. Tregarthen, müssen Sie sich erst eine Weile niederlegen.

Da es an Deck vorläufig nichts zu tun gab, war es wohl in der Tat das vernünftigste, die Zeit zum Ausruhen zu benutzen, daher versprach ich meiner tapferen Gefährtin, ihr den Willen zu tun, sobald sie selbst erst ein paar Stunden geschlafen haben würde. Aber Helga schüttelte abwehrend den Kopf.

Ihnen ist die Ruhe nötiger als mir, sagte sie. Was haben Sie schon im Rettungsboot für Strapazen durchmachen müssen, während ich hier wohlbehalten an Bord weilte. Es ist wirklich nur Selbstsucht von mir, Mr. Tregarthen, wenn ich Sie bitte, jetzt nicht eigensinnig zu sein; was soll aus uns werden, wenn Sie zusammenbrechen?

Nun, lächelte ich, wenn Sie zusammenbrächen, so wären wir wahrhaftig noch übler dran. Doch ich will mich fügen, wenn Sie mir versprechen, vorher Ihre nassen Kleider zu wechseln.

Helga gab nach und verließ die Kabine. Während ihrer Abwesenheit erzählte ihr Vater mir Verschiedenes aus ihrem Leben und schien dabei seine Schmerzen und seine hilflose Lage vollständig zu vergessen. Doch das war nur Schein. Auf einmal übermannte ihn Angst und Sorge, und mit Tränen in den Augen rief er:

Nicht um meinetwillen fürchte ich den Tod, sondern um meines armen Kindes willen. Was soll aus Helga werden, wenn ich einmal nicht mehr bin? Weder unsere englischen noch unsere dänischen Verwandten sind in der Lage, für sie zu sorgen, so gerne sie es vielleicht auch möchten.

Auch mit meinem Schicksal beschäftigte er sich und veranlaßte mich, ihm meine Lebensverhältnisse zu schildern, bis Helgas Eintritt unser Gespräch unterbrach. Das junge Mädchen trug jetzt wieder einen Matrosenanzug.

So lange wir solch ein Wetter haben, sagte sie, bin ich auf diese Kleidung angewiesen; wie sollte ich mich wohl in Frauenkleidern an Deck bewegen? So, Mr. Tregarthen, nun müssen Sie ruhen. Dort unten ist meines Vaters Kabine, bitte, schlafen Sie jetzt ein paar Stunden.

Gern, erwiderte ich, doch nicht unten in der Kabine, sondern hier oben auf einer Truhe im Deckhause, damit ich in jedem Augenblick zur Hand bin.

Erschöpft streckte ich mich aus; Wind und Wetter sangen mir ein Schlummerlied, und bald fiel ich in einen traumlosen Schlaf, aus dem mich erst der graue Morgen weckte. Einen Augenblick mußte ich mich besinnen, wo ich mich befand; dann aber sprang ich rasch auf, um durch das Fenster einen Blick auf die See zu werfen; allein vergeblich – die Scheiben waren blind von Schaum und Gischt.

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zur Nebenkabine, und Helga trat mir mit ausgestreckten Händen entgegen.

Sie scheinen ja vorzüglich geschlafen zu haben, rief sie; zweimal habe ich mich über Sie gebeugt, ohne daß Sie etwas merkten. Fühlen Sie sich jetzt wieder frisch?

Vollständig, gab ich zurück. Aber wie steht's mit Ihnen?

Oh, ich werde die versäumte Ruhe schon nachholen, erwiderte sie leichthin. Wenn ich nur wüßte, wie ich uns heißes Wasser verschaffen könnte! Eine Tasse Tee oder Kaffee täte uns dringend not; allein ich bekomme das Kombüsenfeuer nicht zum Brennen.

Waren Sie denn an Deck, während ich schlief? fragte ich erstaunt.

O ja, mehrmals sogar. Draußen steht alles ganz gut; nur peilen müssen wir noch vor dem Frühstück, Mr. Tregarthen.

So gingen wir an Deck, wo Sturm und Sturzseen noch immer ihr Wesen trieben und uns mit eiskaltem Sprühregen empfingen. Unser erster Blick galt den Masten, an denen die Sturmnacht deutliche Spuren hinterlassen hatte. Die Vorbramstenge war zerbrochen und der Klüverbaum war fort.

Weit trostloser aber als diese verhältnismäßig geringfügigen Beschädigungen wirkten die Oede und Verlassenheit. Nichts als Himmel und die gewaltigen Wogen des Atlantischen Ozeans; weit und breit kein Segel, das uns Hilfe und Rettung verhieß –

Um mich den trüben Gedanken zu entreißen, begann ich Steuerruder und Kompaß zu untersuchen. Die Stricke, mit denen wir das Steuerrad am vorhergehenden Tage festgebunden hatten, waren völlig unversehrt und bedurften keiner Erneuerung. Ein Blick auf den Kompaß zeigte mir, daß der Sturm noch immer aus Nordosten blies und die »Anina« infolgedessen in südwestlicher Richtung treibe.

Meine Gefährtin hatte inzwischen aus einem unter dem erhöhten Deck angebrachten Behälter eine dänische Flagge – weißes Kreuz auf rotem Grunde – hervorgeholt, die wir halbmast emporhißten, so daß sie sich wie eine Feuerzunge von dem eintönigen Grau des Wolkenhintergrundes abhob.

Dann begann Helga mit einer Sorgfalt und Gewandtheit zu peilen, die mich wiederum mit lebhafter Bewunderung erfüllte; sie handhabte den Peilstock so geschickt wie der geübteste Seemann, ohne daß ihre Bewegungen dabei auch nur das Geringste von ihrer echt weiblichen Anmut eingebüßt hätten. Mit ernstem Blick wandte sie sich dann zu mir und sagte:

Wieder zwei Zoll mehr – wir müssen an die Pumpen!

Aber nicht eher, als bis Sie sich ausgeruht haben, wandte ich ein, auf ein paar Stunden kommt es nicht an.

Doch – es kommt sogar sehr darauf an, erwiderte Helga und griff ohne weiteres nach dem Pumpenschwengel. Eine Zeitlang arbeiteten wir mit Aufbietung aller Kräfte, bis wir den Wasserstand im Schiffsraum wieder auf seine vorige Höhe zurückgebracht hatten. Nach dieser Anstrengung schien aber auch Helgas scheinbar so unverwüstliche Leistungsfähigkeit sich erschöpft zu haben, denn sie schwankte und wäre gefallen, wenn ich sie nicht gehalten hätte. Sorgsam führte ich sie ins Deckhaus.

Dabei regte sich in mir ein heftiges Gefühl des Unwillens gegen Kapitän Nielsen, der seine Tochter so innig zu lieben vorgab und es trotzdem zuließ, daß sie sich für ihn aufopferte. Als wenn Helga meine Gedanken erraten hätte, winkte sie mir, ihr in die Kabine ihres Vaters zu folgen.

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