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Das Malaienschiff

William Russell: Das Malaienschiff - Kapitel 3
Quellenangabe
authorClark Russell
titleDas Malaienschiff
publisherVerlag von Robert Lut
printrunFünfte Auflage
yearo.J.
translatorAlfred Peuker
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170403
projectid21934c39
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Das Schiff in der Bucht.

Das gesichtete Schiff konnte jeden Augenblick in die Bucht einbiegen, falls es seinen Kurs inzwischen nicht geändert hatte. Doch dauerte es noch eine halbe Stunde, ehe wir es hinter den Klippen auftauchen sahen.

Es war eine schmucke Bark von ungefähr vierhundert Tons, die der flaue Westwind nur langsam in die Bucht hineintrieb, trotzdem vom Deck bis zum Flaggenknopf alle Segel gesetzt waren.

Ein Ausländer, erklärte einer der Umstehenden.

Jawohl, sagte ich nach einem prüfenden Blick durch mein kleines, aber scharfes Taschenfernrohr, solch eine grün gestrichene Kombüse findet man bei keinem Engländer. Jetzt zeigt er auch die Flagge – es ist ein Däne.

Was mag der hier zu suchen haben? meinte ein anderer.

Vielleicht ist der Kapitän betrunken, grinste ein dritter.

Oder er ist gescheiter als wir und weiß, woher es heute nacht blasen wird, verteidigte ein alter, wetterharter Seebär den verdächtigten Schiffsführer.

Hm! bemerkte ich, wenn wir Nordwind bekommen, ist die Barke hier in der Bucht freilich am besten aufgehoben; kommt der Sturm aber von Westen, so bliebe sie besser draußen. Doch hat sie vielleicht einen Kranken oder Toten an Bord.

Mittlerweile begann man an Bord des Dänen Segel zu bergen, aber mit so auffallender Umständlichkeit und Langsamkeit, daß sich jedem Sachkundigen die Überzeugung aufdrängen mußte, das Schiff sei nicht ausreichend bemannt. Durch mein Fernrohr unterschied ich die vierschrötige Gestalt eines Mannes, der von der Kommandobrücke herab Befehle erteilte, während ein anderer Mann an Deck hin und her lief und nur bisweilen still stand, um mit seinem Glas Stadt und Küste abzusuchen.

Unterdessen hatten fünf Mann von uns ein großes Boot flott gemacht, das hauptsächlich dazu benutzt wurde, Lotsen an Bord und wieder zurück zu befördern. Die Bark hatte sich inzwischen bis auf eine Meile der Küste genähert, und als unser Boot neben ihr beidrehte, wurden gerade die Marssegel niedergelassen. Wenige Minuten darauf fiel der Anker und das Schiff schwajte auf den Wind.

In unserem kleinen Städtchen war die Ankunft eines größeren Schiffes etwas so Seltenes, daß allgemeine Aufregung sich der Zuschauer am Strande bemächtigte. Manch einer hoffte auf irgendeine Extraeinnahme, doch wurde diese Erwartung auf der Stelle enttäuscht; denn schon nach kurzer Zeit machte das ausgesandte Boot Kehrt und ruderte so gemächlich dem Lande zu, daß man unschwer erkennen konnte auf dem fremden Schiffe gebe es für unsere Teerjacken nichts zu tun. Als das Boot wieder auf den Strand gezogen wurde, fragte ich einen der Seeleute nach dem Namen der Bark.

»Anina« heißt sie, war die Antwort.

Was ist denn los mit ihr?

Nichts als Angst vor dem Sturm. Das Schiff kommt aus Cuxhaven und segelt nach Party-Alleggy, irgendwo da unten in Brasilien.

Vielleicht Porto Allegro? fragte ich.

Jawohl, so etwas Ähnliches war es. Der Kapitän liegt schwer krank, und der erste Steuermann, der sich auf der Höhe von Texel das Bein gebrochen hat, ist dort mit einer Schmack an Land gesetzt worden. Soviel ich verstanden habe, führt jetzt der Schiffszimmermann, der gleichzeitig zweiter Steuermann ist, das Schiff.

Und weshalb lief er hier an?

Das weiß ich nicht, antwortete der Mann. Aus dem Kauderwelsch dieses Mr. Damm – das ist der Zimmermann – ist so leicht nicht klug zu werden.

Merkwürdig, sagte ich. Ein Schiff, das nach Porto Allegro bestimmt ist, hat doch bei uns nichts zu suchen.

... Die Uhr der Erlöserkirche schlug fünf, und auch von der »Anina« herüber klangen die hellen Töne der Schiffsglocke, als ich mich auf den Heimweg begab, um meine Mutter nicht mit dem Tee warten zu lassen. Einer der Seeleute, die mit der Besatzung des fremden Schiffes gesprochen hatten, schloß sich mir an und meinte unterwegs:

Wenn jener Däne etwas von der Schiffahrt verstände, Mr. Tregarthen, dann würde er jetzt schleunigst Anker lichten und die offene See zu gewinnen suchen, ehe es zu spät ist.

Habt ihr den Kapitän gar nicht zu Gesicht bekommen? Ich sah doch zwei Mann an Deck das Kommando führen und vermutete in einem den Kapitän, in dem anderen den Steuermann.

Nein, Herr, der Kapitän war nicht an Deck, er liegt schwerkrank in der Kajüte; das Kommando führte der Zimmermann Damm, und der andere, den Sie gesehen haben, war ein ganz junger Bursche, der keine Befehle erteilte, obgleich er die Augen überall hatte und mit allem Bescheid zu wissen schien. Ich hielt ihn für den Sohn des Kapitäns.

Nun, sagte ich mit einem Blick auf den bleigrauen Himmel, hoffentlich verzieht sich das Unwetter bald, und wir kommen diesmal noch mit einem blauen Auge davon.

Mein Begleiter schüttelte den Kopf. Das Barometer lügt nicht, Mr. Tregarthen, wenn es so langsam und stetig fällt. Ich weiß mich auf einen Sturm zu besinnen, vor dem die See zwei Tage lang so ruhig dalag wie jetzt; gerade diese vollständige Windstille ist das schlimmste Zeichen!

Damit lüftete er die Mütze und bog in die Hafengasse ein, in der seine Wohnung lag. Ich mußte dem Mann innerlich recht geben; denn jetzt, wo auch der leise Windhauch schwieg, der die »Anina« in unsere Bucht getrieben hätte, wirkte die Regungslosigkeit der Luft geradezu beängstigend.

Zu Hause angelangt, fand ich meine Mutter durch das Auftauchen des fremden Fahrzeuges noch mehr beunruhigt als morgens durch den Traum. Ich erzählte ihr alles, was ich über das Schiff erfahren hatte, doch schien ihre Besorgnis dadurch eher noch zu wachsen, und sie erschöpfte sich in zornigen Vorwürfen gegen die törichten Dänen, die eine wohlgemeinte Warnung leichtsinnig in den Wind schlugen und das Leben der Rettungsmannschaften aufs Spiel setzten.

Was in aller Welt treibt sie in diesen Felsenwinkel, den jeder Seemann bei solchem Wetter flieht? schloß sie erregt, während sie mir mit zitternden Händen den Tee eingoß.

Aber Mutter, sagte ich verwundert, es ist doch sonst nicht deine Art, dich über fremder Leute Angelegenheiten aufzuregen.

Ach, ich weih selbst nicht, wie ich dazu komme, seufzte sie, mir ist heut so bange, als ob irgendetwas Schreckliches passieren müsse. Horch!

Ein langgezogener, heulender Ton im Rauchfang des Kamins unterbrach die drückende Stille der Atmosphäre.

Jawohl, Mutter, jetzt geht's los, sagte ich. Ich will doch gleich einmal nachsehen.

Rasch eilte ich hinaus und öffnete die Haustür, die ein heftiger, von der See herkommender Windstoß mir beinahe aus der Hand riß, so daß ich sie nur mit Aufbietung aller Kraft wieder schließen konnte. Trotzdem die Uhr noch nicht sechs war, herrschte draußen schon nächtliches Dunkel, und als ich den Fenstervorhang beiseite zog, um einen Blick auf die See zu werfen, sah ich in der schwarzen Scheibe meine eigenen Gesichtszüge und das Spiegelbild des Zimmers, aber nichts von den Dingen im Freien. Mühsam nur unterschied ich nach einer Weile das gelb flimmernde Ankerlicht der dänischen Bark.

Aus welcher Richtung kommt der Wind, Hugh? fragte meine Mutter.

Aus Südwesten!

Doch nun erhob sich ein ohrenbetäubendes Zischen und Heulen in der Luft, das zwar mitunter von minutenlangen Pausen unterbrochen wurde, so daß man glauben konnte, die Gewalt des Sturmes habe sich gelegt, wonach dann aber das gellende Pfeifen von neuem begann, als ob die Geister aller abgeschiedenen Bootsmänner ihre Signale zu gleicher Zeit ertönen ließen. In das Rasen des Sturmes mischten sich das Gebrüll der Brandung und das Prasseln des Regens. Zweimal sah ich Blitze fahl aufleuchten.

Meine Mutter saß vor Angst wie versteinert da und sprach kein Wort. Nur einmal fuhr sie mit lautem Aufschrei empor, als gegen acht Uhr der Klopfer an der Haustür in Bewegung gesetzt wurde. Ich eilte hinaus, doch statt des erwarteten Bootsmannes fegte ein heftiger Windstoß Mr. Trembath über die Schwelle, und ich mußte mich nachher mit ganzer Wucht gegen die Haustür stemmen, um sie wieder ins Schloß zu zwingen.

Was für ein Wetter! Was für ein Wetter! keuchte der Pfarrer außer Atem, als ich ihm beim Ablegen seines total durchweichten Überrocks behilflich war.

Bitte, treten Sie näher, Mr. Trembath, sagte ich, der Sturm scheint Ihnen übel mitgespielt zu haben.

Ein Geistlicher darf sich ebensowenig vor Wind und Wetter fürchten wie ein Seemann, versetzte der Pfarrer eifrig, während er ins Zimmer trat und meine Mutter begrüßte. Ich wollte mich noch ein wenig am Hafen umsehen. Ich fürchte, Tregarthen, Sie werden heute nacht nicht ruhig zu Hause bleiben können. Meinen Sie, daß die dänische Bark sich bei diesem Sturm vor Anker halten kann?

Was hat sie hier überhaupt zu suchen? rief meine Mutter heftig dazwischen.

Ich sprach eben mit dem jungen Beckerley, fuhr Mr. Trembath fort; die Leute munkeln von einer Meuterei an Bord des Dänen.

Davon weiß ich nichts, sagte ich befremdet.

Ob Meuterei oder nicht, meinte der Pfarrer, auf keinen Fall hat der Kapitän das Recht, sein Schiff in solcher Weise zu gefährden.

Der Kapitän soll schwer krank sein, wandte ich ein, doch achtete Mr. Trembath nicht darauf, sondern trat an das Fenster und versuchte hinauszusehen. Aber die Finsternis draußen war so tief und undurchdringlich, daß die Glasscheiben nassen Ebenholzplatten glichen.

Dicht hinter dem Stern der Bark erheben sich die Felsen, sagte der Pfarrer, wieder zu seinem Stuhl zurückkehrend, wie leicht kann bei dem Sturm der Anker nachgeben oder die Ankerkette brechen, und das unglückselige Fahrzeug, ohne daß die Mannschaft eine Ahnung davon hat, auf die Klippen treiben! Dann gnade Gott den Ärmsten!

Bootsmann Pentreath steht doch auf dem Ausguck? fragte meine Mutter.

Selbstverständlich, nickte ich. Uebrigens sind die Dänen ebenso gute Seeleute wie die Engländer, Mr. Trembath, und werden es schon merken, wenn ihr Schiff in Gefahr ist. Freilich müssen wir uns darauf gefaßt machen, jeden Augenblick zu Hilfe gerufen zu werden.

Wir? fragte Mr. Trembath mit einem bedeutungsvollen Seitenblick auf meine Mutter. Würden Sie es in dieser Sturmnacht wirklich wagen, Tregarthen?

Ich bin Vormann des Rettungsbootes! sagte ich kalt.

Mr. Trembath schwieg ein wenig betroffen; meiner Mutter aber schien es sichtliche Genugtuung zu bereiten, den Geistlichen auf ihrer Seite zu wissen. Als er sich bald darauf verabschieden wollte, lud sie ihn ein, uns den Abend über Gesellschaft zu leisten und unser Mahl mit uns zu teilen. Er nahm ihre Einladung auch sofort an, doch wollte eine Unterhaltung nicht recht in Fluß kommen, da das wütende Fauchen des Sturmes unser Gespräch zu oft unterbrach und uns erschrocken aufhorchen ließ. Ich erwartete jede Minute das Alarmzeichen, das mich auf meinen Posten rief. Kurz vor neun Uhr ging ich in die Kammer, wo ich meine Seemannskleider aufbewahrte, vertauschte mein Fußzeug mit derben Wollstrümpfen und hohen Wasserstiefeln und hängte Oelzeug und Südwester griffbereit in den Korridor. Wenn ich gerufen wurde, tat höchste Eile not.

Als ich, so vorbereitet, wieder ins Wohnzimmer trat, fühlte ich, wie Mr. Trembaths Blick forschend über mich hinglitt, während meine Mutter von der Veränderung in meinem Anzug keine Notiz zu nehmen schien, sondern schweigend den Tisch deckte. Wir aßen und bemühten uns krampfhaft, sorglos und unbefangen zu scheinen, während wir doch alle an nichts dachten, als an den Sturm.

Plötzlich ließ Mr. Trembath Messer und Gabel fallen und fuhr erschrocken vom Stuhl in die Höhe. Was war das! war alles, was er stammeln konnte.

Die Alarmglocke, rief ich wie elektrisiert, denn soeben trug der Wind ein paar abgerissene Töne deutlich bis zu uns herüber.

Hugh! schrie meine Mutter auf.

Behüt' dich Gott, Mutter, rief ich, sie zärtlich küssend. Dann noch ein kräftiger Händedruck mit Mr. Trembath, ein rascher Griff nach Ölzeug und Südwester – und ich stand auf der Straße, halb betäubt von dem ohrenzerreißenden Heulen des Sturmes und geblendet von den Hagelkörnern, die mein Gesicht peitschten. Bald aber gewöhnte ich mich an das Dunkel und den Lärm, durch den immer deutlicher das ständige wütende Wimmern der Bootsglocke an mein Ohr drang. Ein flüchtiger Blick auf die See zeigte mir ein flackerndes Signalfeuer in der Richtung der »Zwillinge« und des Deadlow-Felsens.

Das Rettungsboot war bereits aus dem Schuppen gezogen und bemannt worden, und einige Leute waren gerade dabei, den Mast aufzurichten, der wegen der geringen Höhe des Bootshauses immer umgelegt werden mußte, sobald die »Jeanet« unter Dach gebracht wurde.

Ich sprang ins Boot und nahm meinen Platz am Steuerruder ein:

Vorwärts, Jungens!

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